Allein in der Menge

S. Levent Oezkan

Spiritualität der Einsamkeit

Viel zu selten wird der Sinn und Zweck der Einsamkeit gepriesen, denn wahren Frieden im Herzen kann nur finden, wer alleine ist. Wer das Alleinsein ablehnt, behindert sich eigentlich in seiner eigenen Freiheit.
Wie aber das Wort »allein« schon andeutet, gibt es einen feinen Unterschied, denn »Einsamkeit« ist nicht das Selbe wie »Alleinsein«.

Es gibt eine egozentrische Einsamkeit und eine gemeinschaftliche Einsamkeit. Der Egozentriker verwickelt sich Tag und Nacht in seinem Unmut. Einsam in einer Gemeinschaft ist jedoch jemand, der einen klaren Standpunkt zur Gesellschaft bezieht und in beständiger Verbindung mit Gott und anderen menschlichen Wesen ist. Wer alleine ist kann durchaus zufrieden sein. Es ist sogar sehr wichtig Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden. Wer alleine ist, ist mit allem Eins. Ist die Seele allein, schaut sie das Angesicht des Göttlichen. Wer sich aus der Gesellschaft, dem sozialen Gefüge zurückzieht, kann sich überhaupt erst bewusst werden, dass mit »Gemeinschaft« etwas ganz anderes gemeint ist, nämlich das unsere Maßstäbe in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter anerkannt werden – was für die Gesellschaft leider nur selten zutrifft. Oft werden Menschen eben durch die gesellschaftlichen Anforderungen in die Einsamkeit gedrängt, da ihre Maßstäbe an das Leben von dieser missachtet oder sogar verletzt werden. Von diesem Standpunkt aus verstehen wir überhaupt erst die im Individualismus liegende, verborgene Wahrheit.

Wer unfähig bleibt alleine sein zu können, kann sich auch nicht in Meditation und auf spirituelle Bewusstseinsebenen begeben. Bestimmte Gefühle die sich in unserer Seele bewegen, sind letztendlich Betrachtungen dieser spirituellen Ebenen des Seins. Und wenn man sich auf die Reise in diese Ebene des Seins begibt, erhebt man sich fort aus dem Kreis der anderen, in ein unauslöschbares Bewusstsein moralischer Verantwortlichkeiten die man eben nur alleine erfüllen kann.

Ein uraltes Symbol der westlichen Kultur, indem das Gleichnis des All-Ein-Seins wiedergegeben wird, ist natürlich der gekreuzigte Christus. Er starb alleine am Kreuz – seine Jünger verließen ihn, ja verleugneten ihn sogar. Auch Johannes der Täufer, der Jesus zum Christus machte, lebte in völliger Abgeschiedenheit – sein Leben wurde in einem Kerker beendet.
Ist es eine Behauptung zu sagen, dass diese drastischen Bilder implizieren, dass Alleinsein aufs Engste mit Heiligkeit verbunden ist?

Sicher ist es kein Zufall, dass sich in der östlichen und westlichen Christenheit ein Asketen- und Eremitentum entwickelte. Eben nur in der Abgeschiedenheit finden die Eremiten zu sich selbst und zu Gott. Die Bruderschaft der Essener, der in esoterischen Kreisen die Einweihung von Jesus Christus und Johannes dem Täufer zugesprochen wird, lebte zwar in einer Wüstengemeinschaft um das Tote Meer, doch ihre täglichen Meditationen verbrachten sie in völliger Zurückgezogenheit. Diese Art des Lebens ist auf das Engste mit der hermetischen Tradition verbunden, ist doch das abgeschlossene System in der Hermetik der »Anfang aller Kunst«, wie es die alten Alchemisten nannten. Auch wenn die Gemeinschaft unabdingbar für das Überleben des Individuums ist, findet nur derjenige den Stein der Weisen bzw. den heiligen Gral, der sich danach alleine auf die Suche begibt, denn dieser Gral ist etwas das sich in ewiger Einsamkeit befindet – verschlossen vor den Augen der Gesellschaft.

Wir leben in einer Gesellschaft und Zeit, in der es besonders wichtig ist etwas zu gelten, mächtig zu sein, einen Status zu haben und Anerkennung zu genießen. Und da man vor allem Leistung bringen soll, bleibt nicht mehr viel Zeit für uns selbst und wichtige Erkenntnis, die man eben nur in der Stille erlangt.

Nur wenn wir auch alleine sein können, finden wir heraus welche sozialen Kontakte wichtig für uns sind, welche uns helfen und welche uns behindern. Einsamkeit in heutigem Verständnis ist jedoch etwas anderes. Sie ist nicht unbedingt an die An- und Abwesenheit von Menschen gebunden und auch nicht an die Anzahl der Menschen die man kennt. Einsam sein heißt nicht, dass einem einfach Menschen fehlen, sondern eher das Gefühl nicht beachtet zu werden, nicht anerkannt oder gebraucht zu werden.
Es ist einfach so, dass sich viele einsame Menschen einen größeren Freundeskreis wünschen, auf den sie sich auch verlassen können. Und trotzdem vermeiden sie oft den Kontakt zu anderen. Vielleicht weil es ungewohnt ist oder weil sich im Leben gerade etwas verändert hat. Das leere Zimmer des Kindes das gerade ausgezogen ist, der Verlust oder die Trennung vom Lebenspartner, Wohnort- oder Arbeitsplatzwechsel oder eine Kündigung. Alle Menschen auf diesem Planeten sind davon betroffen – ohne Ausnahme.
Einsamkeit tritt häufig dann als Warnsignal auf, wenn sich das eigene Leben verändert und das ganze soziale Leben auf den Kopf gestellt wird. Alles was das Leben vorher geprägt hat fällt nun mit unter fort. Das kann z. B. auch die Einbindung in eine Gruppe von Vertrauten sein.
Doch da die meisten Menschen nicht schon von klein auf gelernt haben ihre Einsamkeit zu ertragen, die ja auch eine Quelle des Glücks sein kann, fällt es ihnen natürlich besonders schwer damit umzugehen, wenn sie sich durch ein Schicksalsereignis darin wiederfinden.
Oft weigern sich viele das eigene Leben zu ändern, einfach aus Angst Menschen zu verlieren und einsam zu werden. Sie nehmen lieber ihr Unglücklichsein in Kauf, als das sie wirklich etwas in ihrem Leben verändern würden. Doch wie wir alle wissen heißt zu leben sich zu verändern – nichts aber bleibt ewig und sie wissen ja was es bedeutet in »die Ewigkeit abberufen zu werden«.

Die Psychologie des Alleinseins

Manche Menschen reagieren besonders empfindlich auf Einsamkeitsgefühle. Sie sind eher pessimistisch und schüchtern. Oft auch auf sich fokussiert mit wenig Emphathievermögen. Sie haben in der Regel Probleme sich anderen mitzuteilen.
Gehirne einsamer Menschen arbeiten anders, denn Kontakt zu haben mit Menschen denen man trauen kann und die sich um einen sorgen, sind Ausdrücke eines fundamentalen Bedürfnisses nach sozialem Anschluss.
Einsam ist wer sich sozial isoliert fühlt, nicht mehr verbunden mit anderen. Einsamkeitsgefühle treten dann auf, wenn die erwünschten sozialen Beziehungen nicht mehr mit den tatsächlichen sozialen Beziehungen übereinstimmen. Und solche Gefühle zwingen unser gesamtes Wahrnehmungs- und Lebensprogramm in einen Selbsterhaltungsmodus.
Erst in der Gruppe gelang es unseren Vorfahren, sich auf Dauer zu behaupten. Darum denken Menschen die sich einsam fühlen auch anders und haben mitunter extremere Gedanken. Sie stellen sich fast schon automatisch auf soziale Problemsituationen ein, versuchen sich unentwegt gegen Angriffe zu schützen. Dann ist Einsamkeit fast schon ein »sozialer Schmerz«, der unseren Lebensmut hemmt, bisweilen erdrückt. Es besteht ein grundsätzlicher Mangel an sozialen Beziehungen, an Unterstützung durch andere Menschen wie Freunde, Nachbarn und Kollegen.

In der Psychologie werden oft vier »Typen« zwischenmenschlicher Beziehungen genannt, die das Erleben von Einsamkeit beeinflussen können. Sich darin wiederzuerkennen, wäre eine erste Möglichkeit sich aus gefühlter Einsamkeit zu erheben.

Dem ängstlichen Typ fällt es schwer anderen zu vertrauen oder sich geborgen zu fühlen. Er geht mit festen Vorstellungen und Erwartungen auf andere zu, die natürlich nur selten, wenn überhaupt erfüllt werden können. Erfahrungsgemäß fürchtet er also wieder verletzt zu werden, wenn er anderen nahe kommt – doch genau das ist ja was er sich sehnlichst wünscht. Hier ist der Gedanke angebracht, dass die eigene Wichtigkeit und ängstliche Schüchternheit, ja eigentlich ein und das selbe psychologische Aktions- und Reaktionsfeld bedienen.
Ähnlich ist der besitzergreifende Typ, der sich enge Verbindungen erhofft, doch leider oft den Eindruck gewinnt zurückgewiesen zu werden. Er findet, dass seinem Wunsch nach Nähe von anderen nicht nachgekommen wird, da seine Vorstellungen nicht ausreichend bedient werden.
Ein anderer Bindungsstil ist der des abweisenden Beziehungstyps. Er will auf niemanden angewiesen sein und auch nicht, dass andere von ihm abhängig sind, aus Sorge das er seine Selbstständigkeit einbüßen könnte. Ihm fällt es eher schwer innige Beziehungen einzugehen.
Der selbstsichere Typ ist jemand der sich selten Gedanken darüber macht dass ihn andere vielleicht nicht akzeptieren könnten. Er entwickelt schnell erfüllende Beziehungen zu anderen. Das gelingt ihm aber nur, da er sich nicht sorgt alleine zu sein.

Von allen diesen psychologischen Beziehungstypen bringen wir gewisse Teile mit in unser Leben. Auch die astrologischen und numerologischen Bedingungen unserer Geburt spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine Betrachtung des astrologischen Radix oder des persönlichen Numeroskops sollten bei diesen Betrachtungen mit einbezogen werden.

Heraus aus der Einsamkeit – hinein in die Gemeinschaft

Nur in der Einsamkeit kann jeder ganz er selbst sein, da allein in der Einsamkeit die Freiheit ist, zu sehen was wir in uns selbst haben – welche Stärken, welche Schwächen und welche Chancen. Darum bleiben am liebsten diejenigen allein, die viel an sich selber haben.
Ein jesidisches Sprichwort sagt: »Einsam ist wer sich selbst nicht kennt«. Wer sich einsam fühlt, sollte sich fragen, ob und wie er sich selbst akzeptieren kann. Denn er kann immer noch manches dazu tun, dass er seine Einsamkeit auch mal als einen Segen empfindet. Natürlich heißt das nicht, dass Einsamkeit immer gut ist. Aber die Suche nach dem Nutzen der Einsamkeit kann einem helfen, denn nur in der Abgeschiedenheit können wir den Blick nach innen richten. So können wir uns mit unserem Problem überhaupt erst auseinandersetzen und sehen, was uns von anderen Menschen trennt – aber auch was uns mit anderen verbindet!

Niemand kann alleine leben. Jeder, auch der Eremit in seiner Bergklause braucht jemanden der ihm Essen und Nachrichten bringt. Ich selbst habe einmal einen Eremiten auf dem St. Kathrin im Sinai (Ägypten) besucht. Zwar lebte Vater Moses mit seiner Katze in einer Art Berghöhle, doch mein Begleiter und ich brachten ihm Post – wir bildeten also einen seiner Kontaktstränge zur Außenwelt.
Verglichen mit einem Eremiten, ist unser modernes Leben in der Gesellschaft natürlich etwas ganz anderes. Viele von uns leben in Städten, wo sie ständig von Menschen umgeben sind. Trotzdem fühlen sie sich häufig allein (gelassen).
Doch muss das so bleiben?
Man kann sein Leben jederzeit ändern! Glauben Sie mir – ich spreche aus Erfahrung. Ich fühlte mich lange Zeit tot einsam, da ich damals einfach nicht wusste welche Menschen mir gut tun und wo ich solche finde. Doch um überhaupt herauszufinden welche Menschen mir entsprachen, musste ich natürlich Menschen treffen.

Niemand ist immun gegen das Gefühl einsam zu sein. Doch Einsamkeit warnt uns endlich neuen Anschluss zu suchen und aktiv zu werden – Kontakte einzufordern!
Man kann aber keine neuen Kontakt knüpfen, wenn man sich isoliert oder sich nur auf seine Online-Kontakte verlässt. Soziales und Zwischenmenschliches sind in der digitalen Welt eben nicht authentisch.
Darum – ein Tipp für alle die sich gerade einsam fühlen: wenn Sie jemand einlädt, nehmen Sie die Einladung an, selbst wenn Sie eigentlich keine Lust haben. Treffen Sie sich mit Menschen, auch wenn sie dort erstmal nicht die 100%igen Seelenverwandten antreffen. Aber es tauchen immer Personen auf, die andere Menschen kennen, die dieser Rolle schon näher kommen.
Es reicht aber nicht aus, einfach nur auf zufällige Einladungen zu warten. Ihr Kalender sollte voller sozialer Aktivitäten sein. Planen sie etwas und involvieren sie andere mit ein. Verbringen Sie Zeit mit Menschen die Ihre Interessen teilen, ihre Werte oder Lebenshaltungen. Wenn niemand in Ihrer Umgebung die selben Interessen hat, wird es Zeit, dass Sie mehr Leute treffen auf die das zutrifft. Heraus also aus der »Wohlfühlzone« – hinein ins Leben!

Wohin also wollen Sie gehen um die richtigen Leute zu finden?
Lesen Sie gerne? Gehen Sie auf Lesungen. Oder schreiben Sie selbst etwas schönes und tragen Sie es vor.
Laufen Sie gerne? Schließen Sie sich einer Laufgruppe an.
Kontakte können Sie auch aufbauen, indem sie als Lehrer oder Tutor arbeiten oder sich als freiwilliger Helfer für einen guten Zweck melden.

Gehen Sie immer davon aus, dass alles gut läuft wenn Sie andere Menschen treffen. Wenn Sie sich einsam fühlen, dann sind sie in einem anderen Modus. Reaktionen von Menschen können dann oft fehl- oder überinterpretiert werden. Und wieder soll gesagt sein, dass alle Menschen Probleme haben. Niemand auf diesem Planeten hat keine Probleme! Viele sind überarbeitet, sind genervt von den Anforderungen die ihre Kinder, ihre Eltern, Lebenspartner, Freunde, Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte an sie stellen. Wenn Sie jemand also nicht sofort (innerhalb 14 Tagen) zurückruft, kann das einfach daran liegen, dass zuviel los war.
Bleiben Sie geduldig. Vertrauen baut man nicht an einem Nachmittag auf. Vertrauen bildet sich allmählich. Freunde die man schnell gewinnt, verliert man vielleicht auch ebenso schnell wieder. Geben Sie sich und den Menschen Zeit.

Literatur:

Mystic Light, Glenn Tinder
Loneliness, John T. Cacioppo & Louise C. Hawkley
Attachment Styles Among Young Adults, Kim Bartholomew, Simon Fraser
Urban Stress and Mental Health, Mazda Adli

 

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