Sonne und Schlange (Teil 3)

von S. Oezkan

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Die Menschen wussten bereits vor tausenden von Jahren, dass die sichtbare Wirklichkeit nicht dem eigentlich Wirkenden entspricht, und sich stattdessen eine verborgene Kraft hinter den sichtbaren Dingen verbirgt. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert, indem sie die kreative Kraft Shakti verschleiert, was den Menschen dann als Materie erscheint. Materie ist der Schatten der geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhd. fand diese philosophische Annahme durch Albert Einstein's Relativitätstheorie in einem wissenschaftlich erklärbaren Rahmen Bestätigung. Sichtbar für die Augen ist alles, dass sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet, oder etwas hoch schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht, die letztendlich einer im Vakuum zu kristallinen Materiestrukturen geronnenen Lichtwirkung gleichkommt.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld« der Quantenphysik, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht – Goethe schrieb: »Wäre das Auge nicht sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?«.
Physikalisches Licht ist nichts anderes als eine polare, schlangenförmige, raumzeitliche Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens ist Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem, unter der Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht um am Tage zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, um schließlich aus seiner Hülle zu schlüpfen, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis – hinein ins Licht.

Beginnen tun die Dinge also mit etwas Unsichtbarem, etwas verschlossenem, was das Ei versinnbildlicht. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, dass sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn, die Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst, und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht wird, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.
Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai an einem Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen, und durch das Sinnbild des Kreuzes in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange, oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Drachen befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf den feinstofflichen, menschlichen Körper. In der vedischen Esoterik werden die zwei Schlangen als Ida und Pingala bezeichnet, die als Kundalini-Kraft jeweils um den zentralen Shushumna-Nadi, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einem anderen Bild für den zuvor erwähnten Stab des Hermes.
Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakras die Bahn der Kundalini in zwei Hälften: in drei geistig-ätherische und in drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Die Kundalini und das Licht der Sonne haben eine zweifache Natur, und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Kehren wir jetzt aber noch einmal zurück nach Sumer. Der mythische König Gilgamesh beschreitet auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst, und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen. Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan
 

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen legt für Gilgamesh aber ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat um hierher zu kommen. Man solle ihm doch, bevor er abreist, ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift.

Dieses Epos macht auf den Zeitaspekt im Antagonismus von Sonne und Schlange aufmerksam: Das Licht der Sonne kommt aus der Vergangenheit und entstand durch Zusammenfügen. Während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen. Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem, und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen, sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung von Denken und Erfahrung, etwas das z.B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen der Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung gegen die Kirche, den Glauben und gegen einen christlichen Gott entwickelte. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er im Pentateuch festgelegt wurde.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im Hinduismus ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist also ein Versuch beides, geistiges und körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, der die Dinge erkennbar macht, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen – doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen, »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding«, oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnet.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Phanes. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären des kosmischen Eis. Bei den Orphikern war er der Urschöpfer des Lebens und treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Nach Auffassung der Orphiker entstanden mit dem Erscheinen von Phanes, die Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

 

 

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