Das Hohelied des Salomo - Lied der Lieder

von S. Levent Oezkan

Keinem irdischen Herrscher war jemals mehr verliehen worden als dem großen König Sulayman. Er herrschte über Menschen und Genien, über Vögel und Vierbeiner und sogar der Wind gehorchte ihm, der ihn da und dort auf seinem fliegenden Teppich hinbrachte, wohin immer er wollte. So sprach der Khalif von Damaskus, Abdel ibn Maerwan, zu seinen geladenen Gästen. Wenn er gegen eine der Genien zürnte, verbannte er sie in ein Bronzeflaschen, goss Blei darüber und versiegelte diese mit seinem Siegelring.

– Aus dem Märchen "Die Messingstadt" aus 1001 Nacht.

Sulayman (arab. سليمان) ist der arabische Name des biblischen Königs Salomon (hebr. שלמה). Er wird als großer Prophet an vielen Stellen im Koran erwähnt. In der Koran-Sure »Die Ameise« wird die Geschichte von Salomon und der Königin von Saba erzählt. Diese Geschichte finden wir in etwas anderer Form auch in der Tempellegende der Freimaurer.
In Salomon finden wir einen weisen Herrscher, der sich um das Wohl seines Volkes sorgte und wie bereits sein Vater David darum bemüht war die schönen Künste zu fördern. Dies kam im sakralen Baustil des Salomonischen Tempels zu Jerusalem zum Ausdruck. Auch die Lieder- und Dichtkunst kam in salomonischer Zeit nicht zu kurz.

In einem der Bücher des Tanach finden wir eine einzigartige Dichtung: das "Hohelied des Salomon" - Shir Ha Shirim (hebr. שיר השירים) - "Lied der Lieder". In ihm wird das ganze emotionale Spektrum der Liebe vermittelt. Die sinnliche Energie die dieser Text ausstrahlt verwandelt den Leser in einen Liebenden. Beim Lesen des Hohelieds kann das Wesen dieser essentiellen Prinzipien der Liebe tatsächlich erfahren werden. Das kosmische Prinzips des Geschlechts, das man bei der Meditation über diesen Text verstehen lernt, ist das selbe Prinzip, dass den Baum Früchte tragen und die fürsorgliche Liebe Gottes in uns wachsen lässt.

Er erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich.

– Hoheslied 2:5-6

Das was das Hohenlied des Salomo so außergewöhnlich macht, ist, dass man während des Lesens nicht über eine bestimmte Liebesgeschichte erfährt, sondern die eigentliche Süße und Sinnlichkeit von der Variabilität der Verse lebt die in Dialogen ständig wechseln: von der Liebenden, zu ihrem Liebsten oder vom Gottkönig und dessen Liebe zu seinem Volk Israel. Es ist ein wahrlich erotisch anmutendes Werk, dass mehrere Allegorien gibt in denen sogar Aspekte körperlichen Sinnlichkeit geäußert werden.
Es variiert, tauscht die Protagonisten in dieser Liebesgeschichte gekonnt, in einer Weise, alle Möglichkeiten des "Liebens" offen zu lassen.

In der griechischen Antike sprach man von Agape, der göttlichen Liebe, Philia, der Liebe zu den Menschen, und dem Eros, dem körperlichen Liebe und Lust. Von einander trennen lassen sich diese drei Ebenen ebenso wenig wie sich Geist, Seele und Körper voneinander trennen lassen, da sie ja als gleichberechtigte Wesensglieder im Menschen existieren. Dies wird wundervoll im Hohenlied des großen Friedenskönigs zum Ausdruck gebracht.

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich, süßer als Wein ist Deine Liebe. Köstlich ist der Duft deiner Salben, dein Name hingegossenes Salböl, darum lieben Dich die Mädchen. Ziehe mich her hinter Dir! Lass uns Eilen! Der König führt mich in seine Gemächer. Jauchzen lasst uns, Deiner uns freuen, Deine Liebe höher rühmen als Wein. Dich liebt man zurecht.

– Hoheslied 1:2-4

Unmissverständlich beginnt das Hohelied Salomos mit diesen erotischen Metaphern. Die Süße der Verse wird durch die Erwähnung des Weines und der Duftöle unterstrichen. Es zeigt das deutliche Verlangen der Liebenden. Doch der letzte Satz wird offengelassen. Man weiß nicht wer eigentlich gemeint ist. Denn nicht der Liebhaber betört, noch der Wein, sondern einzig der "den man zurecht liebt", womit "der keinen andere neben sich hat" gemeint ist.

Ich bin eine Rose zu Scharon und eine Blume im Tal. Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Liebste unter den Töchtern. Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Liebster unter den Söhnen. Ich sitze im Schatten, des ich begehre und seine Frucht ist meiner Kehle süß. Er führt mich in die Weinkeller. Sein Banner über mir heißt Liebe.

– Hoheslied 2:1-4

Das Scharontal, hebräisch "Emek Scharon", ist eine am Mittelmeer gelegene Tiefebene im Westen Israels, die sich vom Karmelgebirge bis zum Fluss Jarkon erstreckt. Die einzelne Rose die in Salomos Lied in diesem Tal verborgen blüht, möchte entdeckt werden. Die Schönheit in der Ödnis in einem weiten Feld, bildet das Zentrum auf das wir uns alle immer wieder konzentrieren können, wenn wir als Suchende das pfadlose Land durchstreifen.
Doch ist dies kein Zentrum in einer Mitte, sondern ein Punkt den wir überall finden können, in der grenzenlosen Weite unserer Suche. Der verlockende Duft der Rose bleibt erhalten, geschützt von Dornen, die uns davon abhalten die Blüten zu pflücken, damit sie weiterhin ihren lieblichen Wohlgeruch verströmen können. Es hält sich so wie mit dem verbotenen Apfelbaum, den wir inmitten der Wildwüchse gefunden haben und dessen Frucht gekostet uns zur Erkenntnis der Welt verhilft. Diese mystische Rose blüht in unserem Verborgenen Seelenreich, im geläuterten Herzen - dem Zentrum der Liebe im Menschen.

Wie schon im letzten Abschnitt findet man die Symbolik des Weins, dessen Süße und berauschende Wirkung durch die Gegenwart Gottes, ja sogar das Bündnis zwischen ihm und seinem Volk durch das Gleichnis des Weines beschrieben wird. Wir finden die Allegorie des Blutes Christi, dass er als vergossen verkündet, von dem er seine Jünger auffordert aus dem Weinkelch zu kosten.
Ist die Traube also ein Symbol des Bundes zwischen himmlischer und irdischer Welt, in denen auch Jesus Christus auf- und absteigt? Das "Führen in den Weinkeller" (siehe Zitat) deutet auf den Raum in welchem dieser Bündnistrank der Liebe gereicht wird.
Doch das ist durchaus nur eine mystische Perspektive dieser Stelle des Hohelieds, unter der man auf rein körperlicher Ebene eine wahrhaft sinnliche Erfahrung macht, vorausgesetzt man versteht die eigentlich eindeutige Botschaft.

Des Nachts auf meinem Lager, suchte ich Ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. […] Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich ihn, den meine Seele liebt. […] Bei den Gazellen und Hirschen der Flur, beschwöre ich euch, ihr Töchter Jerusalems: Stört die Liebe nicht, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt.

– Hoheslied 3:1-5

Die Suche nach dem Liebsten, dem Seelenverwandten, demjenigen, der mit einem Liebe und Zuneigung teilt ist wohl das ewige Thema der Menschen. Sehnsucht und Verlangen nach der anderen Hälfte die einen zu einem vollständigen Wesen macht, zu einer Vereinigung von Gegensätzen. Auf körperlicher Ebene keine große Kunst, denn im Akt sinnlichen Verschmelzens stellt sich keine Frage eines ob. Da wirkliche Liebe sich aber auf noch ganz andere Ebenen des Bewusstseins erstrecken kann, bleibt sie ganz und gar nicht nur eine körperliche Sache.
Es bedarf aber der Sachlichkeit, wenn die Liebe sich zu etwas Höherem entwickeln soll, zu einem Miteinander, einer Achtsamkeit und Kontrolle des Egos. Und genau für diesen Teil unserer Seele stehen die Wächter der Stadt (siehe Zitat oben). Erst nachdem wir sie gefragt haben, werden sie weiterziehen und siehe da, diese verinnerlichte Lektion der Ordnung bringt uns dazu, dieses Wollen unserer Triebseele zu unterbinden. Schon begegnet er uns, dieser Jenige "der meine Seele liebt".
Das gilt sowohl für den anderen Menschen als auch für die Liebe zu Gott. Dort entfällt zwar die lustvolle Ebene des Körpers, doch spielt auch hier das Ego einem oft einen Streich, insbesondere im Glauben einen Weg zur Erleuchtung gegangen zu sein.

Wie ein Vogel, der nur freiwillig auf den Ästen unseres Baumes landet, dürfen wir auch die Liebe nicht erzwingen. Liebe kann nicht erweckt werden, es sei denn sie kommt zu uns von selbst. Derjenige, der sich von seinem Verlangen und Trachten nach Besitz von Wissen, Gefühl, und Gütern trennen kann, in dessen Lustgarten wird ein lieblicher Seelenvogel Platz nehmen und unseren Brunnen lebendigen Wassers finden.

[...] Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können sie nicht löschen, auch Ströme schwämmen sie nicht weg. [...]

– Hoheslied 8:6-7

 

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