Leid des Menschen

von S. Levent Oezkan

Einst berichtete der Buddha von den vier edlen Wahrheiten:

  • das Leiden
  • die Leidens-Entstehung
  • die Leidens-Erlöschung
  • der zur Leidens-Erlöschung führende Pfad

Und jene tiefe Wahrheiten, so der Buddha, seien nur schwer zu erfassen und alleine durch Disziplin, Reinheit und Geduld zu erlangen. Dann, wenn man gelernt habe zu meditieren, sich aus dem weltlichen Wahrnehmen der Sinne regelmässig zurückzuziehen – dann werde der einsichtige Mensch erkennen, was die Ursache für Leid und Sorgen ist.

Betrachten wir hierzu einmal den Begriff »Ver-gnügen«. Was bedeutet dieses allgemein gebräuchliche Wort?
Ver-Genügen – man verlagert das was man im Leben als erfüllend und Freude spendend annimmt, in Momente oder Zeitspannen der »Freuden«. Doch Freude und Freuden sind nicht das Selbe. Bestimmt ist es so, da wir Menschen durch unsere Sozialisation mehr oder minder gezwungen sind uns eine »Freizeit« zu schaffen, da wir uns die meiste Zeit mit dem Verdienst unseres Lebensunterhalts beschäftigen müssen, uns um Freundschaften, Verwandte und Hilfebedürftige kümmern. Wir opfern kontinuierlich einen Teil von uns im Außen, um etwas in unserer Umwelt zu erfüllen. Doch Erfüllung des eigenen Lebens scheint nur möglich durch intensives »Nachholen«, das meist ein Rausch, ein sich Gehenlassen, vielleicht sogar Weltflucht bedeutet.
Alternativ nützt es natürlich auch nicht, wenn wir als Menschen das Mönchtum in uns etablieren, Asketen werden und damit schließlich die Menschheit irgendwann ausstirbt.
Aber die Erinnerung daran, dass das große Gefallen am »Ver-Genügen« mit Abhängigkeit einhergeht, erleichtert einem den Zugang zu den Ursachen von Sorgen und Leiden, denn diese werden bedingt durch das Anhaften des Geistes an das Materielle, an die »Leidenschaften«.
Aus diesem Grund lehrte Buddha das Versiegen des Wünschens, die Loslösung und Erlöschung dieses Verhaftetseins, was der Begriff Nirwana zusammengefasst.

Wer kann diese Lehre, diese Weisheit der Loslösung verstehen?

Wenn wir uns manchmal nicht ganz so gesund ernähren, oder vielleicht sogar zuviel oder das Falsche essen, wird sich das natürlich auf unser Wohlbefinden auswirken. Das was für die Nährung des Körpers wahr ist, trifft auch für die Seele und den Geist zu, und die Aufnahmefähigkeit dieser Glieder des Lebendigen, richtet sich nach dem Zustand ihrer Uneingetrübtheit.
In der Bhagavadgita, der zentralen Schrift des Hinduismus, ist die Rede von den drei Gunas: Tamas (Dunkles und Träges), symbolisiert durch die Farbe Schwarz, Rajas (Betrübendes und Antreibendes) entspricht dem Rot, und Sattva (Reines und Wahrhaftiges) ist dem Weiß zugeordnet.

Die indischen Heiligen sprachen davon, dass Menschen bei denen vorwiegend Tamas zu finden ist, sich zu Gespenstern und Geistern hingezogen fühlen, während bei denen wo Sattva vorherrscht, das Göttliche verehren. Die Energie nimmt also von Sattva über Rajas nach Tamas hin ab. Man stelle sich ein brennendes Kohlenstück vor, das man heftig anbläst, so erscheint es weißglühend (Sattva), lässt man es nur glimmen, so erscheint es rötlich (Rajas) und löscht man es aus, so wird es schwarz aussehen (Tamas). So ist des auch mit dem Seelenleben. Atmet man tief und bewusst, so ist der Geist ruhig und der Körper wird mit Sauerstoff (Lebensstoff - Prana) versorgt. Beobachtet man sich aber in einer Phase geistiger Anspannung, geschieht es all zu oft, dass man plötzlich die Luft anhält, bis man einen Gedanken wieder gehen lässt, die Atmung also unregelmässig und unbewusst stattfindet, solange unser Geist auf Hochtouren »läuft« - Beide Systeme bedingen sich also: Denken und Atmen.

Vermutlich kommen viele Krankheiten und auch seelische Beschwerden aus diesem unbewussten Anhalten des Atems. Und es dürfte jedem einleuchten, dass eine harmonische Atmung den Fluss der Körperenergien fördert, schließlich atmen alle Lebewesen und das ohne Ausnahme. Atmung und Leben, stellen also eine Einheit dar: jedes Leben entsteht mit einem Einatmen (Geburt) und endet mit einem Ausatmen (der Lebenshauch der nicht mehr eingeatmet werden kann im Moment des Dahinscheidens).
Bewusst Atmen bedeutet im Hier und Jetzt zu leben, und sich nicht durch Anhalten des Atmens durch einen Gedanken an die Vergangenheit oder einen in die Zukunft projizierten Gedanken, erst wieder durch ein Aufatmen an die Gegenwart zu erinnern. Aus diesem Grund wird in allen Meditationstechniken insbesondere Wert auf das richtige Atmen gelegt.

Jeder Mensch verfügt über eine innere Energiequelle: das Herz. Das Geistige Herz dirigiert das Zusammenspiel des Ensembles von Sonnengeflecht (Solarplexus), der Lunge und dem Herzmuskel. Ähnlich den Sonnenstrahlen am Tage, bringen die Adern, Kapillare und Lymphbahnen die Lebenskräfte in den Körper. Die Sonne und ihre Strahlen gleichen diesem bewusst gewordenen geistigen Herzen in unserer Mitte.
Man kann sagen, dass das geistige Herz kontinuierlich aufleuchtet, mit jedem Ausatmen ein sanftes, lebendiges Licht entsendet, dass alle Körperteile, alle Gefühle und Gedanken in uns bescheint, jedes in seinem Kreislauf mit diesem geistigen Leuchten versorgt. Und damit dieses Licht sich kraftvoll entfalten und ausstrahlen kann, sollten wir gesunde Nahrung zu uns nehmen und den Fluss dieser Ausstrahlung durch ausreichende Flüssigkeitszufuhr und bewusstes Atmen unterstützen.

Interessanterweise wird die kontinuierliche Erzeugung dieses Lichtes effizienter aufgebaut, wenn wir im Leben mit Problemen konfrontiert wurden. Das Herz wirkt also äußeren Zwängen entgegen, dehnt sich weiter aus, je größer die äußeren Hemmnisse sich uns aufzwängen – wenn man die Bürde auf sich nimmt und sich den Problemen stellt, sie annimmt – dann ist das ein Anfang sie auch verändern zu können, um aus einer unliebsamen Lebenssituation aufzuerstehen. Ist uns gelungen aus den Tiefen aufzutauchen, leuchtet unser Inneres wie das tröstende Licht des Sonnenaufgangs, auch für die Menschen die uns umgeben.

Alle großen Weltlehrer waren entweder freiwillig, meist aber unfreiwillig mit immensen Problemen bereits in ihrer Jugend oder im Verlaufe ihres Lebens konfrontiert. Zwänge im Äußeren hatte sie zu dem gemacht was sie für andere Menschen wurden: ein Licht in der Dunkelheit, eine Leuchte aus der Höhle in die Freiheit. So der Buddha. Zwar wurde er in einem luxuriösen Umfeld geboren und es schien ihm an nichts Materiellem zu fehlen, doch löste er sich von alle dem und begab sich freiwillig in die Armut. Der Christus wurde bereits als Säugling verfolgt (Herodes) und wurde laut der Schriften als junger Mann gekreuzigt; Moses wurde als Kind ausgesetzt und musste Jahrzehnte lang das Joch der Unterdrückung tragen, floh mit seinem Volk, führte es durch die Wüste, kam aber selbst niemals ins »gelobte Land«.
Denken wir an all die weltlichen Zeugen der Vergangenheit wie Gandhi, Martin Luther King, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer, die alle mit ihrem Leben bezahlt haben, da sie wirklich etwas aufhalten oder verändern wollten. In dieser Welt, hatten sie ihr Ziel nicht lebend erreicht – oder wurde ihr Ende etwa dadurch erzielt, da es ihnen ein anderer gewalttätig setzte? Ein Erlöschen des persönlichen Leids, kann ein Mensch selbst herbeiführen und einen neuen Lebensabschnitt antreten. Das Ende allen Leids beginnt dort, wo wir bereit sind uns zu ändern, dort wo wir bereit sind einen neuen Weg einzuschlagen.

Diesen Weg beschrieb der Buddha als den achtfachen Pfad der edlen Wahrheit:

  • rechte Erkenntnis
  • rechte Gesinnung
  • rechte Rede
  • rechtes Tun
  • rechter Lebensunterhalt
  • rechte Anstrengung
  • rechte Achtsamkeit
  • rechte Sammlung

Um sich auf diesen Weg zu begeben, setzte der Buddha ein anfängliches Mindestmaß von rechter Erkenntnis voraus, denn nur so kann Antrieb zum Beschreiten dieses teils steinigen Weges entstehen. Deshalb ist die Erkenntnis des Selbst so wichtig, denn wofür in aller Welt soll man sich denn auf einen neuen und zudem engen Pfad begeben, wenn es doch anscheinend bequemer ginge und man sowieso nicht weiß, wofür man hier auf der Erde handelt und wandelt? Was sind die eigenen Ziele und was ist das Wesentliche, die Essenz jenes Selbst von dem wir nur so wenig wissen?

Alleine die Absicht sich auf die Suche danach zu begeben, wird einen schließlich zur rechten Erkenntnis bringen. Alles was einen finden lässt, ist die Fähigkeit anzunehmen – besonders die Äußerungen und Umstände, die unsere Mitmenschen dabei abgeben. Lob ist zwar wichtig, auf die eigenen Fehler aber machen uns aber vor allem unsere Nächsten aufmerksam - ganz besonders aber unsere Feinde.

»Wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan«

Dieses berühmte Zitat aus dem Matthäus Evangelium ist für diejenigen die verstehen, wie eine magische Formel. Vielleicht wollen sich manche nicht beugen jemanden anders um Hilfe zu bitten. Anscheinend geht es einem oft auch schon besser wenn man die innere Haltung des Jammerns aufrechterhält, und damit vielleicht die Sucht befriedigt, andere kontrollieren zu können. Denn auch über erzwungenes Mitleid, kann man andere manipulieren. Auch über das erzwungene Mitleid dass man mit anderen hat. Das ist aber nicht das Selbe! Und wozu führt das? Man ist immer auf andere angewiesen. Das gilt auch für die Mächtigen der Welt. Bei all jenen die die Raffsucht plagt, scheint’s bereits in Hilflosigkeit umgeschlagen zu sein.

Mit der Beschreibung von Angst vor dem Kontrollverlust, sei aber in keinster Weise in Frage gestellt, ob nicht jemand wirklich leidet. Jeder der den Wunsch hat über seine Probleme zu sprechen, braucht ein offenes Ohr und einen Menschen, der ihm geduldig Verständnis und Mitgefühl zeigt – und das gilt für alle Menschen, seien sie noch so scheußliche Zeitgenossen. Alle haben wir unseren Grund warum wir so sind wie wir sind – man sei deshalb vorsichtig, nur einen Ist-Zustand zu beurteilen. Am besten eigentlich man urteilt überhaupt nicht. Denn durch ein Ur-Teil lässt sich noch lange keine Ur-Sache finden und schließlich auch kein Trost bewirken.
Um sich von der Wirkung der Leidensursachen zu lösen, hilft es aber nicht das Leid ununterbrochen zu formulieren, sondern das Problem anzunehmen, selbst wenn es noch so schmerzlich, noch so unerträglich scheint: »Wer da anklopft, dem wird aufgetan«. So beginnt der Heilungsprozess. Erst mit dem Annehmen der Situation können wir uns aus etwas heraus erheben und die Hände ausstrecken, die ja so eifrig damit beschäftigt waren nach einem Grund zu suchen.

Was ist mit den Menschen in den Slums, in den Ghettos? Als ich vor einigen Jahren durch Indien gereist bin, hielt der Bus aus irgendeinem Grund in der Nähe eines Slums. Es roch unerträglich nach Fäkalien. Doch da lebten Menschen, kamen heim von der Arbeit, teils mit Aktenkoffer und schicker Armbanduhr, nachhause in ihre Wellblechhütte. Und Kinder spielten, mit dem was es zu spielen gab.
Und dann im Gegensatz dazu die Menschen, die im Überfluss leben und die der Überdruss und Zorn plagt, der in den Familien wie ein Gespenst umherschleicht und über Generationen alldieweil in Gewalt umschlägt. Und dann tritt da die große Frage nach der Sicherheit auf, jenem Schutz vor vermeintlichen Angriffen von Außen, nämlich von denjenigen, denen auch noch genommen wird, was noch blieb: ihr Leben.

Geht man hier in »unseren Breiten« zum Arzt, dann stellt einem dieser häufig die Frage »Was fehlt Ihnen?« - oder aber »Was haben Sie?«. Schön, wären diese beiden Fragen gleichzeitig die Antwort auf: »Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet ums Brot, der ihm einen Stein biete?« Matthäus 7:9

Einfach hat es der Mensch (n)immer wenn er nur seinen Begierden und Leidenschaften folgt, wenn ihm alle Dinge in seidene Tücher gewickelt gegeben, und ihm alle Möglichkeiten und alle Wege eröffnet werden. Da gibt es die berühmte Freiheit der Wahl: »Vielleicht mache ich bald dass oder jenes, ach und wieso nicht eigentlich gestern jenes, doch habe ich ja noch morgen die Möglichkeit eins von denen zu machen, die vielleicht besser als die anderen wären«.
Bedeutet frei zu sein an einer Weggabelung zu stehen die einem 10 Möglichkeiten bietet, oder ist der Weg in die Freiheit nur ein schmaler Pfad, auf dem wir nicht ent-scheiden müssen? »Wahl« setzt Vielheit voraus und »Vielheit« Teilung und hier liegt der Knackpunkt. Entscheiden heißt: zusammenführen müssen.

Alle Religionen und Weisheitslehren sprechen vom »Einswerden« der Seele. Wie kann eine in Aspekte aufgeteilte Seele zur Einheit mit Gott gelangen? Muss sie nicht erst in sich ganz sein, um sich mit einer anderen Seele zu verbinden, im Inneren ungeteilt sein, um im Außen mit anderen teilen zu können?

»Das wirklich Große muss einfach sein«, schrieb Goethe. Selbst mit 1000 Worten kann man nicht erklären, was man in seiner Einfachheit noch nicht begriffen hat. Denn die Einheit, die Monade, der göttliche Funke in uns: diesen gilt es zu entdecken.

Woher letztendlich kommt aber das Jammern der Menschen? Ist es nicht in seiner schlimmsten Auswirkung die Angst vor der letzten Konsequenz? Die Angst vor dem Tod?
Wir Menschen trennen eben den Tod vom Leben ab, als würde er nicht dazugehören. Und da wir so tun, führen wir teilweise ein für uns und andere ungesundes, vielleicht unvernünftiges Leben, gleich so, als könnte man ewig leben – dabei wird ewiges Leben wohl eher einem Fluch gleichen, als einem Segen.
Für uns findet Tod anscheinend nur im Außen statt. Im Fernseher sehen wir das Menschen sterben, auf Kinoleinwänden werden Menschen erschossen, und in Krimiromanen ist die Rede vom Mörder und dem Opfer – hört sich das zu derb an? Ist es denn aber nicht die Wahrheit?
Uns selbst scheint es offenbar nie zu treffen. Erst wenn ein uns nahe stehender Mensch stirbt, dämmert uns allmählich, dass wir die Tatsache des Todes recht gut aus dem Leben zu verdrängen wussten. Dann plötzlich werden wir uns dieser unfassbar breiten Kluft bewusst.
Diese Trennung aber, ist vermutlich die Ursache allen Leids, die Ursache aller »Ver-Zwei-felung«, nämlich unsere vermutete Abspaltung des Lebens vom Tod. Und an der Scheidelinie dieser Abtrennung, genau dort ist der Ursprung des Konflikts, der Grund des Leidens, der uns vergessen ließ, auf was die Einheit von Leben und Tod eigentlich hindeutet: Liebe.

 

 

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