Tod und Wiedergeburt - Glaube an die Wiederkehr der Seele

von S. Levent Oezkan

Seitdem es Menschen gibt, gibt es den Glauben daran, dass das Leben eines Individuums eine Bestimmung hat. Eine Person wurde geboren um bestimmten Herausforderungen gerecht zu werden oder eine Aufgabe zu erfüllen. Man ist nicht einfach nur da, was das Verb »sein« all zu oberflächlich beschreibt, sonst wäre das Leben vermutlich sinnlos. Die Zeit in der man lebt, wäre lediglich eine sehr lange Weile.

Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass es mich weder vor meiner Geburt gegeben hat, genauso wenig, wie das mein Leben nach dem Tod in der ein oder anderen Form fortgesetzt wird. Meine rationalen Betrachtungen hatten es nicht zugelassen die Möglichkeit der Reinkarnation (Wiederfleischwerdung) zu erfassen. Mir war klar, dass mit dem Ende meines physischen Daseins, auch alles andere verloren wäre. Daraus folgten Gefühle der Angst und Hilflosigkeit, da mir der Gedanke, dass ich einmal alt werden könnte, immens zu schaffen machte.
Dieses Problem hatte aber den Vorteil, meine Ansichten nochmal gründlich zu überdenken. Wissenschaftlich zu erforschen und eine spirituelle Sichtweise zu entwickeln, die einem die Option lässt, doch länger zu Leben als nur im physischen Körper auf der Erde. Sehr wahrscheinlich, wird die seelische Struktur mit dem Tod und dem daraus resultierenden Ende der eigenen Gedanken zerfallen, aber nicht das was man an Wirkungen hinterlassen hat; das ist der rationale Ansatz: man denkt, erzählt, schreibt und kommuniziert mit den Menschen in der Umwelt. In deren Erinnerung man dann dauerhaft existiert. Das bedeutet auch, dass Berühmtheiten der Menschheitsgeschichte nur deshalb »am Leben« bleiben, da ihre Geschichten, Lebensläufe, immer noch interessant, schön, hilfreich oder unterhaltend geblieben sind.

Gibt es aber noch eine andere Variante?

Die Vorstellung eines neuen Lebens nach dem Tod ist in vielen Kulturen und religiösen Lehren verbreitet. Viele buddhistische Schulen vertreten die Meinung, dass im Moment des Todes das Bewusstsein den sterbenden Körper verlässt, um sich, gesteuert durch unbewusste Eindrücke im Geist, nach einer bestimmten Zeit wieder mit einem neuen Körper zu verbinden.

Die Lebewesen sterben, aber ihre Seelen kehren immer wieder, in einem ewigen Daseinskreislauf: dem Samsara. Daher ist Sterben für die Buddhisten so etwas ähnliches wie »das Wechseln des Kleides«. Die Erleuchteten versuchen diesen leidvollen Kreislauf zu durchbrechen, indem sie das Begehren überwinden. Als Meister ist man dann nicht mehr vom diesem unwillkürlichen Prozess abhängig, sondern kann den Vorgang des Sterbens bewusst steuern, um so eine Wiedergeburt zu erlangen, die für möglichst viele Menschen nützlich ist.
Ähnlich dem, drängt der indische Gott Shiva die Menschen zur Vervollkommnung damit Sie in eine höhere Form des Lebens reinkarniert werden können.
Im jüdischen Tanach taucht der Begriff der Reinkarnation nicht auf, wird aber an mehreren Stellen des Talmud durchaus kontrovers diskutiert und kann sogar als ein grundlegendes Element der Kabbalah betrachtet werden. Im Shar Ha-Gilgulim, dem »Tor der Wiederfleischwerdungen«, welches als klassisches Werk der Kabbalah angesehen wird, sind die Gesetzmäßigkeiten der Seelenwanderung in drei Arten aufgeteilt: Gilgul, ist die Seele, des Menschen während der Schwangerschaft, Ibbur, ist die vorübergehende Seele, eines fremden, guten Verstorbenen und Dibbuk, die Seele welche sich aufgrund ihrer Verfehlungen nicht von der irdischen Existenz trennen kann und nach einem lebenden Körper sucht, um diesen zu besetzen.

Viele liberale Juden, sehen die Idee der Reinkarnation jedoch nicht als Teil ihres Glaubens. Es sind vor allem nichtreligiöse Juden, die den Gedanken von Reinkarnation ablehnen. Wohin gegen für die chassidischen Juden der Glaube an eine Reinkarnation ein zentrales Element ihres religiösen Selbstverständnisses bedeutet.

Das Christentum kommt ganz ohne Reinkarnation aus. In der Bibel finden sich nicht einmal Anspielungen auf eine Vorstellunge ines Lebens nach dem Tod. Darum lässt sich diese Idee als mit dem christlichen Glauben unvereinbar betrachteten. Die Lehre der Inkarnation war über die griechischen Philosophen, vor allem Pythagoras, dem frühen Christentum zwar bekannt gewesen, hatten aber keine bestimmende Bedeutung.

Die Gnostiker übten Einfluss auf einige christliche Gruppen aus, so dass diese von ihnen die Vorstellung der Reinkarnation übernahmen. Das ursprüngliche Christentum vertrat die Lehre der Reinkarnation, bis sie unter Kaiser Justinian willkürlich zur »heidnischen Irrlehre« erklärt wurde. Hierzu existiert die Theorie, dass sämtliche auf Wiedergeburt hinweisenden Textstellen aus der Bibel entfernt worden sein sollen. Dies bleibt aber eine Behauptung, da es nicht wirklich belegt werden kann.

Damit steht die fernöstliche Idee von der Wiederholung und Wiedergeburt der christlichen Lehre von der Einmaligkeit und Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber. Erst seit der späten Neuzeit, mehren sich die Versuche, die Lehre der Seelenwanderung in den christlich geprägten Gesellschaften Europas und Amerikas mit der Bibel in Verbindung zu bringen, und damit kompatibel zu machen. Auch die Situation des Reinkarnationsgedankens innerhalb des Islam hat viele Gemeinsamkeiten mit den anderen beiden abrahamitischen Religionen, welche das Konzept der Reinkarnation ablehnen. Der innerislamische Disput hat verblüffende Ähnlichkeiten mit den unterschiedlichen innerchristlichen Meinungen über die Auferweckung der Toten. Nach dem Glauben der Aleviten stirbt die Seele eines Menschen nicht, sondern wandert in einen anderen neuen Körper.
Die Seele bleibt gemäß ihres Schicksals eine Weile in einem Körper, trennt sich davon und geht in eine andere Umgebung. Nach diesem Glauben ist die Seele gleichzeitig die Existenz eines Menschen. Die Aleviten glauben auch, dass eine unsterbliche Seele des Menschen nach dem Tod auf ein Tier übergehen kann, wenn der Mensch zu Lebzeiten schlecht gehandelt hat. Es wird angenommen, dass sich diese tierische Seele in der Weiterexistenz zu einer Menschen-Seele empor läutert und sich mit einem neuen Menschenkörper vereinigt. Dieser Glaube stammt vermutlich aus vorislamischer Zeit.

In der islamischen Mystik aber, werden eindeutige Positionen vertreten, die das Konzept der Wiedergeburt und Seelenwanderung problemlos in das spirituelle Weltbild der Sufis integrieren lassen. Doch auch hier differieren die Ansichten teilweise stark. So befand Ghazzali die Annahme, dass die Seelen vor dem Körpern erschaffen wurden als nicht der Wahrheit entsprechend, und war davon überzeugt, dass die Seele mit der Entstehung des menschlichen Körpers erschaffen wird. Hingegen war der wohl bekannteste muslimische Vertreter der islamischen Mystik, Dschalal Ad-Din Muhammad Rumi, davon überzeugt, dass der Aufstieg der Seele über das Menschliche hinaus besteht. Diese Auffassung, ähnelt der Reinkarnationslehre der Drusen, denn diese glauben, dass die Umstände der Geburt eines Menschen, seine Eltern und der Geburtshintergrund, vorbestimmt sind, und von einem höheren Wesen, nämlich Gott, allein entschieden werden.

Der älteste schriftliche Nachweis eines Reinkarnationsglaubens in Europa findet sich in der Zweiten Olympischen Ode des griechischen Dichters Pindaros aus dem 5. Jhr. v. Chr. Darin versucht er aber lediglich, die eine Form zukünftigen Lebens und die Betrachtungen der Form diesen Lebens voneinander zu trennen. Auch Pythagoras und seinen Schülern kann ein großer Teil der überlieferten Reinkarnationslehre zugeschrieben werden. Pythagoras galt auch lange als der Vater des Seelenwanderungsglaubens im hellinistisch geprägten Europa. Er sollte sogar dazu im Stande gewesen sein, sich an frühere Inkarnationen zu erinnern. Für ihn bestand die Seele aus Gefühl, Intuition und Verstand. Er sah sie als eine ewige, sich aus sich selbst heraus bewegende geistige Wesenheit, die von Körper zu Körper wandert und mit dem Göttlichen zu verschmelzen vermag. Dabei nahm er keinen Wesensunterschied zwischen menschlichen und tierischen Seelen an. Auch in Platons Philosophie ist die Seele unsterblich. Er war der Ansicht, dass die Seele bereits vor der Geburt eines Menschen in der Sphäre der Ideen existiert habe und auch nach dem Tod eines Menschen dorthin zurückkehren werde. Für ihn war die Seele ewig und spirituell.

Nach Ansicht Platons, konnte die Seele nach dem Eintritt in den Körper durch die Berührung mit den körperlichen Begierden unrein werden, wovon sie sich erst befreien können sollte, nachdem sie eine Reihe von Seelenwanderungen durchlaufen hat.
Im alten Ägypten hatte die Seelenwanderung einen festen Platz im ewigen Lebenskreislauf. Die Schakalgottheit Anubis geleitete den Verstorbenen ins Totenreich. Beim Totengericht, entschied Osiris, als oberster Richter, darüber, was mit der Seele des verstorbenen geschehen sollte. Der ibisköpfige Thot notierte das Leben des Menschen und all seine Taten, die jetzt im Gericht be- oder entlastend auf den Verlauf der Seelenwanderung Einfluss hatten. Alle guten Taten wurde gegen die der schlechten aufgewogen: entweder man gelangte in das Reich des Lichts oder aber die Seele wurde von einem Totendämon verschlungen.

 

In der Neuzeit wurde das Thema der Seelenwanderung und Wiedergeburt auf philosophischer Grundlage vertieft.
Einen bedeutenden Beitrag hierzu stellt die Reinkarnationslehre Schopenhauers dar. In seinem philosophischen Hauptwerk »Die Welt als Wille« kombinierte er Elemente hinduistischer und buddhistischer Lehren mit an Kant und Hegel orientierten philosophischen Ansätzen. Wiedergeboren wird nach dieser Ansicht nur der unbewusste Wille des Individuums. Schopenhauer sah das Sterben als den Augenblick einer Befreiung von der Individualität, welche nicht den innersten Kern unseres Wesens ausmacht, sondern eine Art Verirrung desselben darstellt.

Zur zeitweilig wichtigsten Institution bei der Verbreitung des Reinkarnationsgedankens war die im späten 19. Jahrh. gegründete Theosophische Gesellschaft, welche die Reinkarnation zu einem integralen Bestandteil ihrer Lehren erhob. Die theosophische Lehre, beschreibt die Seelenwanderung als einen Zyklus, indem die menschliche Seele durch Wiedergeburt vergangenes Karma abarbeitet, um sich evolutionsmäßig weiter zu entwickeln. Hierdurch wird jede Wesenheit, jedes Individuum, immer wieder dorthin zurückkehren, wo ihre in einem früheren Leben gelegten Saaten zur Entfaltung gelangen konnten, und wird so unweigerlich mit ihren eigenen karmischen Impulsen wieder konfrontiert. So ist Karma in Verbindung mit der Reinkarnation die Lehre von der unbedingten Gerechtigkeit, da sie frei von menschlicher Beeinflussung wirkt. So war es zum Beispiel für Goethe wichtig aufzuzeigen, wie die Art der Betrachtung der Welt auf den Betrachter zurückwirkt, wenn der Einzelne entscheidet, was richtig und was falsch ist. Urteilskraft verlangt Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und innere Wahrnehmung der Seele des Selbst und der Anderen.

Goethe nahm eine Reinkarnation der Seelen zum Zweck der Vervollkommnung an. Allerdings hielt er es nicht für ratsam, diese Lehre zu verkünden, weil er fürchtete, den Ernst der sittlichen Forderung dadurch abzuschwächen.

»Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und wieder nieder
zur Erde muß es, ewig wechselnd.« Goethe

Für mich persönlich ist die Seele wie ein Tropfen, der aus dem Meer der lebendigen Wesen entnommen wurde. Wenn ein Mensch stirbt, wird dieser Tropfen wieder in das unendliche Meer des Lebens zurückkehren und an einer anderen Stelle wieder entnommen. Wenn man sich im Moment des Todes voll bewusst sein kann, ähnlich dem Traumbewusstsein, denn der Tod ist des Schlafes Bruder, kann man die andere Stelle an der eine erneute »Entnahme des Tropfen des
Lebens« stattfindet, bestimmen.
Glaubt man an die Wiedergeburt und die Fortsetzung des Lebens, dann ist der Tod nur ein Ereignis. Ein solches Bewusstsein, lässt unmittelbar sämtliche Existenzängste verschwinden. Wohl dem, der es schafft dieses Bewusstsein zu halten, denn nur wer keine Angst vor dem Tod hat, kann sein Leben wirklich genießen.

Trotzdem braucht man sich nicht in Spekulationen über frühere oder zukünftige Leben zu verwickeln, denn nur auf das gegenwärtige Leben kommt es an. Dieses Leben gilt es zu verändern, dieses Leben soll man gestalten!

 

 

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