Spracherwerb: Eine Frage der Herangehensweise

Von Deniz Oezkan

Vokabellisten auswendig lernen, Prüfungen schreiben, langatmiger Unterricht: so sieht der Alltag vieler Menschen aus, die sich das hehre Ziel gesetzt haben eine neue Sprache zu erlernen. Wenn man sich aber bewusst macht, dass das Erlernen der eigenen Muttersprache kein Prozess war, der von Grund auf einer offensichtlich festgelegten Logik folgte, dann sieht man schnell: es muss noch mehr Komponenten geben als verbissenes Auswendiglernen. Denn unsere erste Sprache im Leben ist unsere Muttersprache, die wir ohne die Kenntnis von Grammatik erlernen – also ohne strenge Systematik. Vielmehr ordnet das menschliche Gehirn auf faszinierende Weise, je nach Situation, den wahrgenommenen Tonfolgen Bedeutungen zu und durch Imitation (Nachsprechen) und Assimilation (Übernahme) der gehörten Worte und Sätze bildet sich allmählich die Sprache, ein Sprachgefühl beim Lernenden heraus.
Auf diese Weise kann wirklich jede erdenkliche Sprache auf der Welt von einem Kind bis zu einem bestimmten Alter perfekt und ohne Mühe erlernt werden. Daran ist nichts zu rütteln, denn würde es irgendeine Sprache geben, die von einem Kind nicht verstanden und erlernt werden kann, so wäre diese zum Aussterben verurteilt. So kann man sagen, dass Sprachen nicht zwangsläufig unterschiedlich schwer sondern eher in unterschiedlichem Maße fremdartiger oder vertrauter für die Menschen sind. Je ähnlicher die Sprache, desto leichter wird sie logischerweise aufgenommen. So lernt ein Deutschsprachiger leichter eine germanische Sprache wie Englisch oder Norwegisch, ein Spanischsprachiger dagegen leichter eine romanische Sprache wie z.B. Italienisch und Französisch.

Wenn man mit sympathischen Lehrern und zusammen mit guten Freunden in einem emotional günstigen Ambiente lernt, sind auch die scheinbar schwersten Sprachen ganz einfach. Es gilt also Hemmungen abzubauen und Zuversicht zu fördern. Denn, das Gefühl der Angst vor einer fremdartigen Sprache zu mindern ist vielleicht eine der größten Hürden, die man einem angehenden Sprachstudenten nehmen kann. Wie oft wurde schon gesagt: „Oh ich habe gehört, dass die Sprache so schwer sein soll, daher lerne ich lieber was anderes.“ Die Emotion Furcht vor dem Fremden spielt also eine große Rolle.

Mythen von der Unlernbarkeit von so Sprachen wie Latein oder Chinesisch entstehen. Anstatt sich viel reinreden zu lassen, sollte man sich einfach trauen es auszuprobieren.
Die Herangehensweise ist entscheidend: Um eine Sprache effektiv zu erlernen, muss man im realen Leben von ihr Gebrauch machen, sich in eine fremde Kultur hineindenken können. Das alles ist nur teilweise durch Bücher erlernbar. Intuition und Empathie sind hier gefragt. Nur dadurch und durch Kontakt mit Muttersprachlern meistert man die Fähigkeit sich fließend in einer Sprache zu unterhalten. Es ist notwendig, dass man sich buchstäblich mal traut den Mund aufzumachen. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, gute Lehrbücher und Grammatiken trügen nicht einen entscheidenden Teil dazu bei, das Erlernen deutlich zu erleichtern, denn sie schaffen auf rationaler Ebene einen Zugang zur Sprache. Hilfreich ist es aber ebenso, unser inneres Kind anzusprechen, indem wir Nützliches mit Angenehmen verbinden, unsere Lieblingsbücher in einer Fremdsprache lesen, einen Film im Originalton anschauen oder sogar Computerspiele in einer anderen Sprache spielen, etc. – also spielend eine Sprache lernen. Im Gedächtnis bleibt mehr als mann glaubt!

Kinder lernen noch sehr unvoreingenommen, alles ist für sie neu und unerforscht, Informationen werden eher unreflektiert angenommen, denn bevor man Informationen vergleichen kann, muss man ja erst einmal früher Erfahrenes zum Vergleich haben. Dagegen strebt der Geist eines Erwachsenen mehr danach, einen Weg der strengen Logik zu gehen. Eindrücke werden in verstärktem Maße mit früher Erlerntem verglichen, Erwachsene sind voreingenommener und wägen mehr ab als einfach das hinzunehmen was kommt. Das hat aber den Vorteil, dass wir uns nicht jeden Bären aufbinden lassen.
Uns Erwachsenen ist der intuitive Weg zur Sprache zwar verbaut, aber nicht vollständig verloren; Grammatik kann uns als Leitfaden für neue Sprachen dienen, aber Einfühlungsvermögen und Spaß sind genauso unerlässlich für den Lernerfolg. Der goldene Mittelweg scheint die beste Lösung zu sein. Dies im Bewusstsein zu halten lohnt sich. Nur keine Hemmungen!

 

 

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