Im Reich der Zephire

von Manfred Ehmer

Eine Meditation über das Element LUFT

Wenn wir uns einmal die Wolken am Himmel anschauen, wie sie den Luftraum durchsegeln, manche  wie zu Gebirgen aufgetürmt – gleichen sie nicht irgendwie Tieren? Sind sie nicht wirklich Lebewesen, und zwar tierähnliche? Kleinere Wolken gleichen Lämmern, andere – größere – Kälbern und Kühen; wieder andere scheinen mächtigen Pferden gleich den Luftraum zu durcheilen. Ja, bei Sturmwind ist es eine Herde galoppierender Rösser, die rasend dahineilt. Wolken sind die Tiere des Himmels, und sie werden gehütet von sylphischen Geistern, den Hirten des Himmels, die ständig – bei jedem Wetter – mit ihrem vielgeschäftigen Treiben den Himmel bevölkern, nur den meisten Menschen unsichtbar.
Abends, wenn der Himmel im Westen sich rötlich färbt – dann schwärmen diese Hirten des Himmels noch einmal aus und treiben die ziehenden Wolkenherden heimwärts, zurück in den sicheren Stall. Denn bald schon steigen die Nachtwolken herauf, die ungebärdig über den Himmel tollen wie losgelassene Hunde, besonders wenn ein Sturm aufkommt. Nachtmahren und Irrwische steigen dann aus dem Schoß der Dunkelheit hervor; Katzen und Fledermäuse besingen den Mond, der wie eine gläserne Burg über dem Himmelsmeer schwimmt.
Schon oft hatte ich Gelegenheit, das geschäftige Treiben der Sylphen am Himmel zu beobachten. Eines Abends stand ich auf einer Anhöhe, um den Sonnenuntergang zu betrachten, da kam von Westen plötzlich eine Schar wirbelnder Zephyre herbeigeflogen; die umtanzten mich und forderten mich scherzhaft auf, mit ihnen zu fliegen. Die Zephyre sind die Geister des Westwindes. Sie fliegen auf den Schwingen des Westwindes, kleine behende Wesen; ihr Meister ist ein gewaltiger Luft-Deva namens Zephyros.
Über die Aufforderung der mich umtanzenden Zephyre, mit ihnen zu fliegen, war ich zunächst etwas verdutzt. Aber dann dachte ich mir: warum nicht? Warum sollten nicht auch wir fliegen – mit den "Flügeln des Geistes"? Wollten wir nicht schon immer ins Weite hinaus, ins Offene, in den grenzenlosen Raum? Die Schwerelosigkeit des freien Flugs genießen? Fliegen zu können – war das nicht schon immer ein uralter Traum der Menschen gewesen? So begann ich, die Flügel meines Geistes weit aufzuspannen; und sogleich sprang ich mitten hinein in die wirbelnde Schar der Zephyre. 

Auf den Schwingen des Gedankens konnte ich die Sylphen auf ihrer Fahrt gut begleiten. So stießen wir schnell hoch in die oberen Lufträume. Ein paar riesige Wolken, die wie Elefanten aussahen, grasten noch auf der blauen Weide des Himmels; wir flogen jedoch an ihnen vorbei. Nach Westen ging der Flug: unter uns lag ein unendliches Land voll blühender Obstgärten ... dann schließlich die Atlantikküste, das wogende, aufschäumende Meer mit seinen endlosen Wellenkaskaden .... Inselgruppen glitten unter uns vorbei, die Kanaren, die Kapverdischen Inseln, die Azoren  .... Schließlich, über der Mitte des Atlantik schwebend, das Elementarreich des Westens  .... das Reich des großen Zephyros. Dieser König ist ein mächtiger Luft-Deva; er gebietet über Tausende und Abertausende von Wind-, Luft- und Wolkengeistern, unzählige Sylphen unterstehen seiner weisen Obhut. Und mitten über dem Atlantik, wo einst das untergegangene Atlantis lag, erhob sich in den Lüften ein mächtiges Wolkengebirge. Auf seinen Gipfeln thronte die Königsburg des Zephyros: ein aus feinstem Äther erbauter Luftpalast ....
Die Schar der Sylphen begann, das in der Ferne liegende Wolkengebirge im weiten Bogen zu umkreisen; doch da trat plötzlich Zephyros selbst aus den Wolken heraus: ein gewaltiger Naturengel, der aussah wie ein griechischer Titan mit wehendem Umhang, einen von acht Sturmrossen gezogenen Wagen lenkend – so grüßte der mächtige Devafürst sein Volk der Zephyre, und besonders mich, den Gast aus dem Reich der Menschen.
Während die Gruppe der Sylphen wie eine Schar von Vögeln in V-Formation auf die Luftburg ihres Meisters zustrebte, bog ich in eine andere Richtung ab und verabschiedete mich von meinen Freunden im luftigen Element. Im Reich der Zephyre herrschte indes immer noch reges Leben; der Freudentanz der Sylphen schien sich zu einem kleinen Wirbelwind zu verdichten. Beginn eines Wirbelsturms im zentralen Atlantik, so werden es die Meteorologen nennen – ohne zu wissen, dass allem Wettergeschehen hier auf Erden das muntere Treiben der Sylphen zugrunde liegt  ....

 

 

 

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