Tat twam asi - Das bist Du!

von Manfred Ehmer

Aus uralter Zeit klingt uns ein Mysterienwort entgegen, gesprochen in Sanskrit, der heiligen Priestersprache Indiens, und dies Wort lautet: tat twam asi – zu deutsch: Das bist Du! Es bedeutet das Gefühl der All-Einheit als höchsten Grad der Erleuchtung, das Einssein mit allem Lebendigen. Dies Wort ist das Grund-Mantra des kosmischen Bewusstseins. Der Dichter Hölderlin hat es einmal so ausgedrückt: „Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und der Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.“
Das Wahrwort Tat twam asi stammt aus der Chandogya-Upanishad, wo dargestellt wird, wie der Brahmane Aruni seinen Sohn Svetaketu mit bildkräftigen Gleichnissen über den Urgrund der Welt belehrt. Da lesen wir folgendes: "Uddalaka Aruni belehrte seinen Sohn Svetaketu. ‚Bringe mir eine Frucht von dem Feigenbaum dort.‘ ‚Hier ist sie, Erhabener.‘ ‚Spalte sie.‘ ‚Sie ist gespalten, Erhabener.‘ ‚Was siehst du dort?‘ ‚Diese fast atomgroßen Kerne.‘ Spalte einen von diesen.‘ ‚Er ist gespalten, Erhabener.‘ ‚Was siehst du darin?‘ ‚Gar nichts, Erhabener.‘ Da sagte (der Vater) weiter zu ihm: ‚Dieses ganz Feine, das du nicht mehr wahrnimmst, mein Lieber, aus diesem (erwachsen) steht der große Feigenbaum da. Glaube mir, mein Lieber, aus diesem Feinen besteht die ganze Welt. Das ist das Wahre, dies ist der atman, das bist du (tat tvam asi), o Svetaketu.‘

Die mystische All-Einheitserfahrung des tat twan asi wird in der Vedanta-Philosophie des klassischen Indien in virtuoser Weise entfaltet. Die Lehre des Vedanta stellt den Gedanken der Identität von Ich, Welt und Gott in den Mittelpunkt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, das „Ich“ sei eine isolierte, von der Welt losgelöste Bewusstseinsblase. Eigentlich sind Ich und Welt eines; nur Irrtum und Verstrickung hindert das Ich daran, dies zu erkennen. Und wenn das Ich sein Einssein mit der Welt erkannt hat, dann hat es auch die Einigung mit dem All-Gott vollzogen, der nicht als ein transzendenter Schöpfergott, sondern als ein immanenter Weltengott aufgefasst wird. Wahre Selbsterkenntnis geschieht nur durch All- und Kosmos-Erkenntnis, die zugleich wahre Gott-Erkenntis bedeutet, im Sinne einer wesensmäßigen Einswerdung mit Gott.
Das All-Einheits-Bewusstsein des tat twam asi ereignet sich nur auf jenen Ebenen des Seins, die noch jenseits der Mentalebene liegen – auf den buddhischen, atmischen und nirwanischen Ebenen. Dort entfällt endgültig jede Illusion der Getrenntheit. Annie Besant schreibt hierüber: "Die Bruderschaft der Menschheit, nein, die Bruderschaft aller Dinge hat ihre feste Grundlage in den geistigen Ebenen, der atmischen und der buddhischen, denn hier allein besteht Einheit, und nur hier ist vollkommenes Mitgefühl zu finden. Der Verstand ist das trennende Prinzip im Menschen, das scharf zwischen 'Ich' und 'Nicht-Ich' unterscheidet; er ist sich seiner selbst bewusst und sieht alles andere als außer ihm stehend und fremd an. (....) Mit dem Eintritt in die buddhische Welt wird sofort Einheit fühlbar."

 

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