Die Jesiden - Kinder der Sonne

Eingang zum Tempel des Sheikh Adi in Lalish  - ewigeweisheit.de

Immer wieder versuchte man den Jesiden zu unterstellen, sie seien Teufelsanbeter. In Wirklichkeit aber verehren die Mitglieder dieser geheimnisvollen Religion die Sonne. Im Sonnenlicht erkennen sie das Gute als Gottes Heiligkeit. Und dieser Gott schuf sieben Engel, unter denen er seinen Stellvertreter ernannte: Melek Taus - die zentrale Wesenheit im Jesidentum.

Alles Gute das von Gott kommt wird repräsentiert von Melek Taus – dem Engel-Pfau. Er ist das positive, reine und helle Licht Gottes (kurdisch: Ronahi). Weder widersetzt sich Melek Taus dem einen Gott, noch gesellt er sich ihm bei. Er ist sein Stellvertreter und eine von ihm gewollte, instituierte Macht, die Gott als Allmächtigen anerkennt. Im Feuer zeigt sich das Licht Gottes, dessen Ursprung die Sonne ist. Sie ist auch Symbol des Lebens. Wo Sonnenlicht ist, dort lässt sich die Realität auf natürliche Weise erkennen – die Dinge in der Welt können unterschieden werden: zwischen schwarz und weiß, tot oder lebendig, zwischen Bösem und Gutem. Nach Sonnenuntergang aber ist es dunkel. Dann entzündet der Mensch ein Licht, was in alter Zeit die Flamme einer Lampe war. Wie im Sonnenlicht, so sehen die Jesiden im Licht der Flamme Gottes Gegenwart.
Hiermit besteht eine ganz klare Parallele zur Religion der Zoroastrier (Religion Zarathustras), denn das zentrales Symbol der Verehrung im Zoroastrismus ist das Feuer. Aus dem Feuer leuchtet Ahura Mazda hervor - der göttliche Inbegriff des Guten. Im Übrigen scheint das Feuer auch Muslimen und Juden heilig zu sein, denn im Koran lesen wir (wie auch in der Bibel) dass der Herr sich am Sinai, gegenüber Moses, in einem Feuer offenbarte. Jedoch nicht als physisches Feuer, sondern als Glorienlicht eines Engels (Sure 27:8, 28:29-30). Besonders die Bibelverse Levitikus 6:12-13 heben etwas hervor was im zoroastrischen Priesterdienst ganz wesentlich ist: das Altarfeuer muss immerzu brennen und darf niemals verlöschen.

Feuer und Engelsymbolik sind feste Bestandteile der zoroastrischen Religion. Besonders der viel ältere Engelkult des Yazdanismus, scheint auch seine Spuren in den Schriften Zarathustras hinterlassen zu haben (Avesta, heiliges Buch Zarathustras). Yazdanismus ist eine vorislamische Religion der alten Kurden, die in den drei Konfessionen von Jesidentum, Yarsanismus (auch Ahl-e Haqq genannt: "Volk der Wahrheit") und Alevitentum (insbesondere Ischikismus, von Işık Taifesi: "Volk des Lichts") fortlebt. Die Namen "Yazdanismus" und "Jesidentum" enthalten beide die persische Wortwurzel yazd. Zum einen bezeichnet dieses Wort die Stadt Yazd im Zentrum Irans, wo sich der große Tempel der Zoroastrier befindet. Yazd ist aber auch ein Wort für "Gott" oder "Gottheit". Es bildet die Wortwurzel von yazdan, dem mittelpersichen Wort für "Engel".
Als sich vor ungefähr 2.500 Jahren die Religion Zarathustras vom östlichen Iran her ausbreitete, kam der Glaube der Jesiden mit dem altiranischen Glauben in Kontakt. Mythos, Kult und Tradition des alt-persischen Glaubens vermischte sich mit dem Jesidentum zu einer neuen Religion. Die Mythologie um den alt-persischen Licht- und Sonnengott Mithra (um 14. Jhd. v. Chr., ursprünglich vedischer Gott "Mitra"), verschmolzen anscheinend im Jesidentum mit Elementen aus dem Zoroastrismus. Es ist naheliegend, dass der Engel-Pfau Melek Taus mit dem Sonnengott Mithra verwandt ist. Die Blicke der 1.000 Augen des Sonnengottes Mithra, so die Legende, sollen überall in der Welt hinreichen. Daher wohl die Verbindung der Pfauenaugen im jesidischen Glauben.

Der Pfau - heiliges Symbol der Jesiden - ewigeweisheit.de

Das heilige Symbol der Jesiden: Der Pfau als Verkörperung von Melek Taus.

Eine wichtige Gemeinsamkeit in Jesidentum und Zoroastrismus ist die Heiligkeit des Erdbodens. Ein Jeside ist geschockt, sieht er jemanden auf den Boden spucken. Die Erde ist heilig und darf nicht entweiht werden. Wer sie entweiht, kränkt die irdischen Wesen. Ebenso heilig ist den Zoroastriern der Boden, der unter keinen Umständen verunreinigt werden darf. Man stelle sich vor: wer ein Spucken als eine Verunreinigung der Erde empfindet, wie sehr muss er es bedauern, wenn die Erde mit Umweltgiften und Müll verschmutzt wird?!

Auch finden sich in beiden Religionen Vorstellungen eines Urmenschen. Im Glauben der Jesiden ist die Rede vom Urvater "Jesid", dem ersten Menschen, der niemals der Sünde verfallen war. Noch vor Adam und Eva war er auf der Erde. Auch im zoroastrischen Avesta ist die Rede von einem ersten Menschen und König der Welt: Gayomarth (wörtlich: "sterbliches Leben").
Doch auch wenn Zoroastrismus und Jesidentum religiös verschwistert zu sein scheinen, es gibt natürlich auch grundlegende Unterschiede. Im jesidischen Schöpfungsmythos ist ja die Rede von einer weißen Perle, die den Urzustand der Welt als Einheit repräsentierte. Aus ihr erschuf Gott alles in der Welt: Gutes wie Böses. Die Zoroastrier glauben jedoch an einen Dualismus, wo Gutes und Böses nebeneinander bestehen. Doch Zarathustra gebot den Menschen sich nur dem Guten zuzuwenden. Die Jesiden betonen aber, dass der Mensch mit Verstand begabt ist und deshalb auch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Darum glauben sie ein Teil des Bösen auf der Welt, käme auch vom Menschen, der sich verweigere Verantwortung zu übernehmen.
Diese und andere Vorstellungen vom Wesen des Bösen, wurden den Jesiden immer wieder angekreidet. Man unterstellte ihnen einen Hang zur Teufelsanbetung. Eine zoroastrische Überlieferung aus dem 2. Jhd. n. Chr. sollte das später angeblich belegen. Darin heißt es, dass der Teufel zwar zur Schöpfung fähig war, doch wegen seiner üblen Faulheit es niemals dazu kam. Doch um dem höchsten Gott zu beweisen, dass auch er fähig war Schöpfungen in der Welt hervorzubringen, erschuf er den Pfau. Und da nun der Engel-Pfau Melek Taus ein Wesen des Höchsten ist, unterstellte man den Jesiden ihre Verbindung mit dem Teufel. Doch das ist falsch.

Der Glaube der Jesiden ist ein mythischer Weg zum Verständnis und der Annäherung zu Gott, durch die Elemente der Natur: Sonne, Mond, Feuer, Wasser und Luft. Die Sonne aber ist das Allerheiligste dieser "göttlichen Elemente". Sie steht für das Feuer und das Licht Gottes und durch sie werden die Dinge in der Welt erkennbar.

Glaube an die Reinkarnation

Ein Jeside kann nur als Jeside geboren werden. Wenn ein Jeside jedoch sehr schlecht handelt und üble Sünden begeht, fällt seine Seele aus dem jesidischen Reinkarnationszyklus und muss im Körper der Person eines anderen Glaubens wiedergeboren werden. Es geht also, wie auch im Glauben anderer Religionen, stets darum gut zu handeln, gut zu reden und gut zu denken. Solange die Seele nicht von aller Sünde und weltlicher Verunreinigung befreit ist, so der jesidische Glaube, muss sie erneut inkarnieren. Natürlich erinnert uns das an die Vorstellung des Karma im Glauben der Hindus, Buddhisten und Jains. Karma ist was im Reinkarnationszyklus einer Seele abgebaut werden muss. Ist die Seele dereinst von allem "Schmutz" befreit, kann sie in die himmlischen Regionen empor steigen, um dort für alle Ewigkeit zu leben.

Sheikh Adi - der Avatar des Melek Taus

Sheikh Adi ibn Musafir wurde um 1075, als Nachkomme des umayyadischen Kalifen Marwan I., in Bait Faar, in der Nähe von Baalbek (Libanon) geboren. Er studierte später bei verschiedenen Sufi-Derwischen islamische Mystik in Bagdad (Irak).

Mit Jesiden hatte Sheikh Adi anfänglich nichts zu tun. Es heißt aber, er sei von Geburt an Jeside gewesen. Er fühlte sich aber eher als "entfernter Verwandter", als er nach Kurdistan kam. Sheikh Adi war auf der Suche nach einem Ort, wo er sich aus der Welt zurückziehen konnte, um sich dort nur mit Gott (Allah) zu verbinden. Im 12. Jhd. erreichte er Lalish, im Nordwesten Kurdistans (heutiger Irak, nördlich von Mosul). Trotz das Sheikh Adi ein frommer Muslim war, der die Gebote des Propheten befolgte, und islamische Lehrer von Jesiden eigentlich nicht anerkannt wurden, erkannten sie in ihm einen großen Weisen. Adi war vor allem ein Sufi und kein orthodoxer Muslim und darum wohl kümmerte er sich nicht sehr darum, was andere glaubten oder wie sie diesen Glauben ausübten. Viel mehr lag ihm daran zu verstehen, wie Menschen ihr Leben führen:

Was auch immer Du tust, solange es Dich näher zu Gott bringt, so ist es Gutes.

Wegen seines großen Charismas erkannten die Jesiden Sheikh Adi an und er wurde schließlich zum Reformator ihres Glaubens. Er konnte den Jesiden das nötige Wissen vermittelte, um ihre mündliche Tradition zu bewahren. Sheikh Adi gab den Jesiden eine neue Identität und zeigte ihnen wie sie sich der Welt im Außen erklären sollten.

Auch wird Sheikh Adi die Errichtung des jesidischen Tempels von Lalish zugeschrieben. Dieser Tempel ist wichtigster Pilgerort der Jesiden, muss gegenwärtig aber von den kurdischen Peschmerga vor dem Terror des sogenannten "Islamischen Staats" geschützt werden.

Lalish - heiliges Symbol der Jesiden - ewigeweisheit.de

Der Heilige Schrein der Jesiden in Lalish (Irak).

Für die Jesiden war Sheikh Adi ein Avatar (wörtlich: "Herabgestiegener") von Melek Taus. Er war die Inkarnation eines Unsterblichen Wesens, das wie Jesus Christus, nicht nur als Abkömmling des Höchsten, sondern als seine Personifikation auf Erden angesehen wird. Der Name Sheikh Adi steht für das, was die Christen den Heiligen Geist nennen: jene Kraft die in den Propheten (Kochaks) gegenwärtig ist und seinem Volk die himmlischen Geheimnisse enthüllt.Sheikh Adi verstarb im Jahre 1163. Er wurde in einem Schrein im Tempel zu Lalish beigesetzt. Jedes Jahr findet dort zu seinen Ehren, zwischen dem 6. und 13. Oktober das Jashne Jimaye statt, das Fest der Versammlung.

Das Schwarze Buch und der Schöpfungsmythos der Jesiden

Eines der zwei wichtigen Bücher der Jesiden ist das Mischefa Resch, das "Schwarze Buch". Als Autor des Buches wird Al-Hassan Al-Basri genannt, offizieller Nachfolger von Sheikh Adi. Al-Basri wurde im Jahr 642 n. Chr. als Sohn eines Sklaven in Medina (Saudi-Arabien) geboren. Seine Erziehung erfuhr er in Basra (Irak), wo er im Laufe der Jahre, viele der Gefährten des islamischen Propheten Mohammed (a.s.) traf. Er sollte einer der wichtigsten Figuren seiner Zeit werden. Viele Sufi-Orden berufen sich auf seine Person und nennen ihn den "größten Heiligen" des frühen Islam (natürlich kennt der orthodoxe Islam keine Heiligenverehrung, im Sufitum ist das anders). Al-Hassan Al-Basri starb 728 in Basra.

Möglicherweise haben die Jesiden schon sehr früh den Versuch unternommen, sich als "Buchreligion" zu etablieren, denn der Islam gebietet ja, dass die Angehörigen einer Buchreligion nicht verfolgt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund schrieb Al-Basri möglicherweise die jesidische Genesis im Schwarzen Buch auf. Die folgende Übersetzung des Buches erzählt die Genesis von der Weltentstehung bis zum Stammvater Enosch:

Im Anfang schuf Gott aus seiner kostbarsten Geist-Essenz eine weiße Perle. Er schuf auch einen Vogel den er Angar nannte. Auf dem Rücken des Vogels Angar setzte er die weiße Perle, auf der er (Gott) für 40.000 Jahre ruhte.
Am ersten Tag, dem Sonntag, schuf Gott den Engel Anzazil, der auch Melek Taus genannt wird. Er ist der Höchste und Anführer aller Engel.
Am Montag erschuf Gott den Engel Dardail, den man auch Sheikh Hasan nennt.
Am Dienstag erschuf Gott den Engel Israfil (Raphael), den man auch Sheikh Shams ad-Din nennt.
Am Mittwoch erschuf Gott den Engel Mikail (Michael) , den man auch Sheikh Abu Bakr nennt.
Am Donnerstag erschuf Gott den Engel Azrail (Asrael), den man auch Sadschad ad-Din nennt.
Am Freitag erschuf Gott den Engel Shemnail, den man auch Nasir ad-Din nennt.
Am Samstag erschuf Gott den Engel Nurail, den man auch Jadin Fahr ad-Din nennt.
Er ernannte Melek Taus zum Anführer Aller.
Danach schuf Gott die sieben Himmel, die Erde, die Sonne und den Mond. Fahr ad-Din jedoch erschuf den Menschen und die Landtiere, die Vögel und die Raubtiere. Er legte sie alle in Stofftaschen und kam von den Engeln begleitet aus der Perle. Dann schrie er die Perle mit lautem Schrei an. Daraufhin zerbrach die Perle in vier Stücke und aus ihrer Mitte brach eine Quelle hervor, deren Wasser sich zu einem Ozean sammelte. Die Welt war rund und nicht geteilt.
Dann schuf Gott Gibrail (Gabriel) und das Bild des Vogels. Er sandte Gibrail aus, um die vier Weltecken zu setzen. Er erschuf auch eine Schale und stieg darin herab, für 30.000 Jahre. Danach kam er und bewohnte den Berg Lalish. Dann Schrie er in die Welt hinaus und das Meer verfestigte sich und es erschien das Land. Es begann jedoch zu beben. Zu diesem Zeitpunkt brachte Gibrail zwei Stücke der weißen Perle: einen Teil platzierte er unter der Erde, den anderen beließ er am Himmelstor. Darin (in die beiden Stücke) setzte er Sonne und Mond. Aus den Splittern der weißen Perle erschuf er die Sterne und schmückte damit den Himmel. Er erschuf auch Obstbäume, Pflanzen und Berge, um damit die Erde zu schmücken. Er erschuf den Thron über dem Teppich.
Dann sprach der große Gott: 'Oh ihr Engel – ich will Adam und Eva erschaffen. Und aus dem Wesen Adams soll Shehar ibn Dschebr hervorgehen und aus ihm soll eine andere Gemeinschaft auf der Erden erscheinen, die des Azazil (Asasel), das heißt jener des Melek Taus, was die Sekte der Jesiden ist.'
Dann stieg Gott hinab zum Schwarzen Berg. Schreiend gebar er 30.000 Engel und unterteilte sie in drei Abteilungen. Als er sie dem Melek Taus übergab, nahm sie dieser mit in den Himmel, wo sie Gott 40.000 Jahre lang anbeteten. In dieser Zeit kam Gott hernieder ins heilige Land (Al-Kuds) und befahl dem Gibrail aus den vier Weltecken Erde, Luft, Feuer und Wasser zu bringen. Er schuf darin mit seinem Geiste den Adam. Dann befahl er Gibrail den Adam ins Paradies zu begleiten. Dort gebot er ihm von allen Bäumen zu essen, doch nicht vom Weizen zu kosten. Hier verweilte Adam 100 Jahre lang. Daraufhin fragte Melek Taus den Gott, wie Adam sich vermehren solle und Nachommen haben, wenn es ihm verboten war vom Weizen zu essen. Gott antwortete 'die ganze Angelegenheit sei Dir übergeben.' Daraufhin besuchte Melek Taus den Adam und sprach 'Hast Du vom Getreide gegessen?' Er antwortete, 'Nein, Gott verbot mir davon zu essen.' Melek Taus antwortete und sprach, 'Iss vom Getreide und es soll Dir besser ergehen.' So also aß Adam vom Getreide, doch dann blähte sich sein Bauch plötzlich auf. Doch Melek Taus vertrieb ihn aus dem Garten (Eden, Paradies), verließ ihn (Adam) und stieg in den Himmel auf. Adam jedoch war sehr beunruhigt über seinen aufgeblähten Bauch, denn er konnte sich keinen Ausgang verschaffen. Darum sandte ihm Gott einen Vogel, der an seinem Anua pickte und sich dadurch ein Austritt öffnete, was Adam erleichterte.
100 Jahre ließ Gibrail den Adam allein. Adam war traurig und weinte.
Dann befahl Gott dem Gibrail die Eva zu erschaffen. Unter Adams linker Schulter wuchs Eva. Nun geschah es, nachdem Eva und all die Tiere erschaffen wurden, Adam und Eva über die Frage stritten, ob nun die Menschheit von ihm oder ihr abstamme, denn beide wollten Erzeuger der Rasse sein. Der Streit entstand, als sie die Tiere beobachteten. Unter den Tieren waren sowohl Männchen und Weibchen, die Faktoren aus denen die Nachkommen ihrer Spezies hervorgingen. Nach langen Diskussionen verständigten sich Adam und Eva auf da Folgende: jeder von ihnen solle seinen Samen in ein Gefäß werfen, es schließen und mit seinem eigenen Siegel versehen. Dann sollten sie für neun Monate warten. Als sie die Gefäße nach dieser Zeit öffneten, fanden sie in Adams Gefäß zwei Kinder, männlich und weiblich. Ihre Nachkommen sind die Jesiden. In Evas Gefäß aber fanden sie nichts als übel riechende Würmer. Und Gott gab dem Adam Brustwarzen, so dass er die Kinder säuge, die aus seinem Gefäß hervorkamen. Darum haben auch Männer Brustwarzen.
Hernach erkannte Adam seine Frau Eva und sie gebar ihm zwei Kinder, männlich und weiblich. Und die Nachkommen dieser Kinder waren die Juden, die Christen, die Muslime und andere Nationen und Sekten stammen von ihnen ab. Doch die ersten Väter der Jesiden sind Sheth (Seth), Noah und Enosch – sie sind die Rechtschaffenen.

- Aus dem Schwarzen Buch (Mischefa Resch)

Jesidische Frau - ewigeweisheit.de

Foto einer jesidischen Frau vom Ararat (Türkei, 1922).

Jesidische Lehren über das Wesen der Gottheit

Das man Jesidentum und Teufelsanbetung immer wieder gleichsetzte, liegt wohl auch daran, dass Elemente des alten Geisterglaubens aus Mazandaran übernommen wurden. Mazandaran ist eine historische Region im Norden des heutigen Iran, deren Ufer die Südküste des kaspischen Meeres säumen. Im Schahname, dem altpersichen "Buch der Könige" (Autor: Firdausi), wird Mazandaran als eine von Dämonen bewohnte Landschaft erwähnt. Einst soll der Prophet Zarathustra die Glaubenspraxis der Mazandaraner verflucht haben. Doch der Glaube, der sich in Spuren in der jesidischen Religion erhalten haben könnte, ist alt-persischen Ursprungs und wurde dort praktiziert, lange vor dem Auftreten Zarathustras.

Das Buch der Offenbarung

Neben dem Mischefa Resch ist den Jesiden ein anderes Buch heilig: Kitab Al Dschilwah – Das Buch der Offenbarung. In fünf Kapiteln des Buches spricht Gott zu den Jesiden in der ersten Person.

In Kapitel Eins erklärt Gott sein Wesen und gibt den Jesiden Übungen zur Verwirklichung der göttlichen Gebote.

Mir (Gott) sind Wahrheit und Falschheit bekannt. Wenn die Versuchung über einen kommt, schließe ich meinen Bund mit jenen, die auf mich vertrauen. […] Ich lehre und führe jene, die meinen Belehrungen folgen. Jeder der mir und meinen Geboten folgt und gehorcht, der soll Glück, Freude und Güte erfahren.

Das zweite Kapitel des Buches beschreibt die Allmacht Gottes.

Zudem sind in meiner (Gottes) Hand Herrschaft und Macht über alles auf der Erde – sowohl über das Obere, wie auch über das Untere. […] Und niemand hat das Recht sich in meine Angelegenheiten einzumischen.

Im dritten Kapitel wird darauf hingewiesen, dass Gott durch seine Allmacht keines Buches bedarf, sondern die Geschicke der Gläubigen allein durch sein Wirken lenkt.

Ich führe auf den geraden Weg ohne ein offenbartes Buch. Meine Geliebten (Jesiden) und Auserwählten, werden mit unsichtbaren Mittel recht geleitet.

In Kapitel Vier des Buches wird eine deutliche Warnung gegen Außenstehende ausgesprochen, die versuchen die Lehren der Jesiden zu korrumpieren.

Meine Rechte werde ich keinem der anderen Götter überlassen. […] Jene die meine Geheimnisse kennen und bewahren, sollen die Erfüllung meiner Versprechen empfangen. […] Nennt weder meinen Namen, noch meine Eigenschaften.

Im fünften und letzten Kapitel wird eine Ermahnung an die Gläubigen ausgerufen.

Oh ihr die an mich glaubet, ehret meine Symbole und mein Bildnis, denn sie erinnern euch an mich. Befolgt meine Gesetze und Statuten. Gehorcht meinen Dienern (Gesandten, Propheten) und lauscht dem was immer sie euch über die verborgenen Dinge lehren.

Das Buch der Offenbarung der Jesiden - ewigeweisheit.de

Manuskript aus dem Kitab Al-Dschilwah - dem "Buch der Offenbarung". Oben im Bild sieht man Melek Taus.

Ämter der Glaubensgemeinschaft

Es gibt sieben Ämter in der jesidischen Gemeinde. Wie auch in anderen Religionen und Glaubenskulten, haben die Inhaber ihrem Rang nach besondere Aufgaben zu erfüllen. Die Aufgaben der einen, können nicht durch die Angehörigen eines anderen Ranges ausgeübt werden.

  • Höchster in der Hierarchie der Gläubigen ist der Sheikh. Er ist der Diener des Heiligen Schreins von Sheikh Adi und wird repräsentiert von einem Nachkommen aus der Familie von Al-Hassan Al-Basri. Alle Rechtsangelegenheiten obliegen dem Sheikh.
    Durch besondere Insignien unterscheidet er sich von den anderen Jesiden: sein Gewand ziert ein heiliger Gürtel und er trägt netzartige Handschuhe. Alle die ihm begegnen verbeugen sich respektvoll. Er ist für den gläubigen Jesiden ein Jenseitsführer, der ihm seinen Platz im Paradies vermittelt und für ihn einen Bruder oder eine Schwerster erwählt, der ihn oder sie im Leben nach dem Tod begleitet. Man nennt diese Personen die "Jenseitsgeschwister".

  • Der zweite Rang ist das Amt des Emirs. Er ist der direkte Abkömmling einer langen Ahnenreihe, die bis auf die ersten Jesiden zurückgehen. Die Emire sind verantwortlich für staatliche Angelegenheiten und dürfen anderen sogar Befehle erteilen.

  • Die dritte Rangstufe besetzt der Kawwal, oberster Musikalienmeister und Hüter der heiligen Hymnen.

  • Der vierte in der Reihe ist der Pir (persisch: "alter, weiser Mann", ein Wort das häufig im Sufi-Kontext verwendet wird). Er leitet die Gläubigen durch die Fastenzeit, kümmert sich um körperliche Belange und ist Hüter der Glaubenssitten.

  • Dem Kochak (wörtlich: "Prophet"), dem fünften in der jesidischen Glaubenshierarchie, obliegen religiöse Pflichten die insbesondere das Jenseits anbelangen. Er sorgt für die rechtmäßige Bestattung Gläubiger, deutet Träume und prophezeit die Zukunft.

  • Der Fakir (arabisch: "arm") besetzt die sechste Rangstufe. Es heißt der Fakir ist direkt von Sheikh Adi eingesetzt, um als Erzieher der Kinder der Gemeinschaft zu dienen.

  • Siebte und letzte der Rangstufen belegt der Mullah. Er unterrichtet die jesidischen Kinder im heiligen Wissen, hütet die religiösen Geheimnisse und wohnt den heiligen Zeremonien der Jesiden bei.

Melek Taus - ewigeweisheit.de

Melek Taus - der Engel-Pfau.

Die Religiöse Praxis

Gläubige Jesiden praktizieren täglich religiöse Rituale. Mindestens dreimal im Jahr beten sie an einem heiligen Bildnis des Melek Taus. Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit Weihwasser des Tempels von Sheikh Adi "taufen".

Eigentlich besteht im Jesidentum keine Gebetspflicht. Jedem Gläubige ist selbst überlassen, wie oft und ob er überhaupt betet. Das Vertrauen auf Melek Taus soll vollkommen ausreichen. Doch um dieses Vertrauen zu stärken begeben sich die Jesiden dreimal im Jahr zu einem heiligen Bildnis des Melek Taus um dort zu beten. Im Gebet richtet er sein Gesicht in Richtung Sonne, erhebt die Hände (Handflächen nach Innen) verbeugt sich und küsst den Boden (oder berührt ihn alternativ mit seinen Fingern und küsst diese hernach).

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Zentrale Riten im Jesidentum

Beschneidung der Jungen, christliche Eucharistie und Taufe sind die drei religiösen Riten die von jesidischen Gläubigen vollzogen werden.

Die Beschneidung erfolgt auf freiwilliger Basis.

Der Brauch der Eucharistie ist ein direkter Verweis auf Jesus. Die Gläubigen sitzen um einen Tisch, an dem ein Priester (Sheikh, Pir oder Mullag) sitzt mit einem Kelch fragt "Was ist das?" (Ave Tschia), was er selbst beantwortet mit dem Satz: "Dies ist der Kelch Jesu" (Ave Kasie Isayya) und fährt fort mit "Jesus ist darin gegenwärtig (Ave Isa naf runischtiyya). Er trinkt daraus und gibt den Kelch dann weiter. Die letzte Person trinkt den Kelch leer.

Die Taufe erfolgt in der Regel kurz nach der Geburt und sollte im Tempel zu Lalish erfolgen. Ein Sheikh tauft das Kind dreimal im Weihwasser des Tempels. Nach dem zweiten mal legt er seine Hand auf das Haupt des Kindes und murmelt dabei "Hol hola! Jesid ist ein Sultan. Du wurdest zum Lamm des Jesid; Du vermagst ein Märtyrer des Jesidentums sein" (Hol hola soultanie Azid, tou bouia berhe Azid, saraka rea Azid). Während der Taufe ist der Sheikh mit dem Kind allein im Taufgewölbe – die Eltern bleiben draußen.

Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit dem Weihwasser im Tempel von Sheikh Adi "taufen".

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Herkunft der Jesiden

Die Geschichte der Jesiden hüllt sich in viele Geheimnisse. Viele Fragen über ihre Herkunft und Gebräuche, blieben bis heute unbeantwortet. Der Name "Jesid" ist vermutlich abgeleitet von "es kswede dam", was soviel bedeutet wie "die von Gott Erschaffenen". Das stimmt in etwa überein, mit der von manchen Gelehrten behauptetem Ursprung ihres Namens, vom alt-iranischen yazata – "göttliches Wesen".

Wegen ihrer Sprache (kurmanji-kurdisch) zählen dei Jesiden zum kurdischen Kulturkreis. Manche Historiker betrachten die Jesiden sogar als die ersten Kurden überhaupt. Auch viele Jesiden sagen, dass die Kurden ursprünglich Jesiden waren, doch sich vom alten Glauben abwandten, als sie zum Islam konvertierten.

Auf jeden Fall haben die Jesiden in jeder Geschichtsepoche des nahen und mittleren Ostens, eine wichtige Rolle gespielt. Gleich ob Sumerer, Babylonier, Assyrer, Israeliten, Zoroastrier, Christen, Nestorianer oder Muslime – sie waren alle Zeitgenossen der Jesiden. Die Jesiden, ähnlich der Juden, amalgamierten verschiedene religiöse Elemente aus den anderen Religionen in ihr eigenes Glaubenssystem.

Der Jesidische Mythos

Einer der zentralen Mythen des Jesidentums ist, dass sie angeblich die ersten Menschen waren, die aus dem Garten Eden in die Welt kamen. Eden soll sich dort befunden haben, wo sich heute Lalish befindet. Darum glauben die Jesiden, dass ihre Religion die erste überhaupt war. Von ihnen soll sogar eine ganze Weltzivilisation hervorgegangen sein. Jesiden besitzen außerdem einen 6.765 Jahre alten Kalender (im Jahr 2016). Dieser Kalender ist 990 Jahre älter als der jüdische, 4.750 Jahre älter als der christliche (gregorianische) und 5.329 Jahre älter als der islamische Kalender.

Jesidische Diaspora

Doch trotz dieser reichen Kultur und uralten Traditionen, wurden sie, wie auch andere kleinere Glaubensgemeinschaften, ihrem Recht beraubt, in Frieden auf dem Land ihrer Vorfahren zu leben. Die Invasion der Araber in Mesopotamien (7. Jhd.) war der Beginn einer großen Kampagne gegen die Jesiden. Sie wurden auf Androhung des Todes dazu gezwungen ihren alten Glauben aufzugeben. Die Araber zerstörten ihre Häuser und entweihten ihre heiligen Stätten. Viele Jesiden flohen in die Berge und mussten dort abgeschnitten von der Zivilisation leben. Auch die Invasion der Mongolen im 13. Jhd. brachte Angst und Verzweiflung über die Jesiden. Alle die sich den Reitern aus Fernost widersetzten wurden einfach umgebracht.

Während der Zeit des Osmanischen Reiches, hielt die Verfolgung der Jesiden unvermindert an. Im 17. Jhd. versuchten die Osmanen die Jesiden auszurotten. Viele Jesiden wurden nach Mosul (Irak) deportiert.

Nach dem Irakkrieg von 1991 bekamen die Jesiden besondere Rechte in einem autonomen Kurdistan, konnten Schulen errichten und ihren Kindern die wahre Geschichte ihrer Herkunft vermitteln. So entstanden die sogenannten "Lalish-Zentren", wo man versucht die religiöse Identität der Jesiden zu bewahren. Die letzten geblieben Zentren jesidischen Glaubens, sind mit dem heiligen Tempel in Lalish weiterhin verbunden. Dort bleiben alle Aspekte des alten Glaubens erhalten.

Verfolgung der Jesiden heute

Immer versuchten die Jesiden in Frieden mit Muslimen und Angehörigen anderer Religionen zusammenzuleben. Sie wollten nur ihren Glauben ausüben dürfen. Doch bis heute werden Jesiden wegen ihres Glaubens verfolgt und ermordet. Was heute mit den Jesiden geschieht gleicht einem Völkermord und einer grauenhaften Entwürdigung ihrer Glaubensmitglieder. Wahrscheinlich befinden sich tausende Frauen, Mädchen und Kinder in der Gewalt der islamistischen Extremisten (sogenannter "Islamischer Staat in Irak und Syrien - ISIS"). Das hat die jesidische Gemeinschaft zerrissen. Heute ist diese Religion im Begriff zerstört zu werden. Radikale Fanatiker verüben schlimme Gräueltaten an den Anhängern dieses uralten Glaubens.

Jesiden - ewigeweisheit.de

Abbildung jesidischer Gläubiger auf einer alten französischen Postkarte (ca. Ende des 19. Jhd.).

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Kommentare

Im kern sind alle religionen gleich in der wahrheit. In der auslegung sind alle gleich, in der interpretation der unwahrheit.

Diesen Kern gilt es zu finden. Ihn soll man zu erkennen trachten.

Deshalb ist diese website so wertvoll, weil die wahrheit heraus zu lesen ist. Ich lese täglich und finde stets die bestätigung dessen was die wahrheit ist. Denn ich suche nicht mehr die wahrheit, sondern finde täglich die bestätigung dessen was wahr ist. In der welt findet man die interpretationen der unwahrheiten. Ein spannender und lohnenswerter weg, den ich mir zur aufgabe gemacht habe. Und ein sehr verschwiegener in bezug auf die erkenntnisse.

 

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