Sein und Gegensatz

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden oder, Sich waffnend gegen eine See von Plagen, Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und die tausend Stöße endet, Die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel, Aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen Schlafen! Vielleicht auch träumen!

– Aus William Shakespeares Hamlet

Wir Menschen sind alle durch das Verb "Sein" konditioniert. Vielleicht auch deshalb, da der Mensch sich oft als Opfer gegebener Umstände sieht. Finanzkrisen, ansteckende Krankheiten, Ungerechtigkeiten anderer, sozialer Ursprung und so weiter. Er betrachtet sein Leben, als wäre dessen Verlauf nur durch Einflussnahme auf äußere Gegebenheiten möglich. Viele sehen sich selbst wie auf einer Bühne, wo ihr eigenes Leben als ein Teil eines Schauspiels stattfindet, während sie als Zuschauer in den Rängen dieses Lebenstheaters sitzen, anstatt selbst diese Rolle zu spielen.
Das ist der Grund, dass man die Schattenseiten nur im Außen betrachten kann, man nicht glaubt auf das Geschehen der Lebensbühne Einfluss nehmen zu können. Will heißen, dass die dunklen Seiten des Lebens in Bereiche des Unterbewusstseins verdrängt werden, ohne dass man sich ihnen stellt, ohne dass man daran arbeitet und sie sogar in das Leben integriert, da wir alle "nur" Menschen sind, die auch eine dunkle Seite haben, sei sie noch so klein, komme sie einem als noch so unbedeutend vor. Aber gerade diese als unwichtig erscheinenden Dinge, Gedanken und Gefühle, deuten oft auf diese gerne verdrängten schattenhaften Bereiche des Bewusstseins hin.

Diese un(ter)bewussten Gefielde, haben aber vermutlich direkte Verbindungen mit den Bewusstseinsebenen anderer Menschen. Carl Gustav Jung nannte es das kollektiv Unbewusste. Es ist sozusagen Teil eines Gesambewusstseins, in welchem alle diese Schattenseiten abdrängt werden, um sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen.
Doch weit gefehlt ist die Annahme, dass diese Schatten nicht in anderer Form auf der Bühne des Lebens, in der "wirklichen", in der bewussten Wachwelt wieder auftauchen und uns dann dort in meist grotesk-bedrohlichen Situationen begegnen.
Dies aber genau ist der Angriffspunkt des Gegners, der in all diesen Situationen auftaucht, wo wir glauben ja nun garkeine Schuld daran gehabt zu haben. Mit dem Gegner meine ich das Wesen, dass sich auch in der Schlange auf dem Baum im Paradies verbarg. Dieser Schlange nämlich gab Eva die Schuld, nachdem Adam aus seinem Rechtfertigungszwang auf sie die Schuld für die Sünde abwälzte.

Das heißt also dass sich dieses schattenhafte Bewusstsein, oder eigentlich eher der dunkle Teil dessen, eigentlich aus einem allgemeinen Bewusstsein kommt, oft auch Zufall genannt, und wir ihm so wieder begegnen in all den besagten Momenten.
Nur sehr wenigen Menschen ist aber bewusst, dass das Leben aus dem Selbst herausfließt und wir alle eine bestimmte Rolle in diesem Leben spielen sollen - uns dabei selbst beobachtend. Es sollten sogar verschiedene Rollen sein, denn das Leben heißt fließen, heißt Veränderung und das ist seine einzige Konstante.

Trotzdem suchen Menschen die Schuld immer im Außen und wünschen sich dort die schnelle Veränderung. Ist der Unmut in einer Gruppe oder Gesellschaft sehr groß, so muss die Revolution die Veränderungen herbeiführen. Letztendlich sind das aber auch wieder nur die Folgeerscheinungen bereits gedachter Ideen. Revolutionen wurden immer von kleineren Gruppen aufgrund einer allgemeinen Missstimmung einer Gesellschaft, innerhalb eines Staatengefüges durchgeführt. Doch eigentlich ist den wenigsten klar, dass die Revolution, die eigentlich wahre Umwälzung im Innern stattfinden muss - bei jedem Einzelnen - für die Gemeinsamkeit.

Aus dem Bewusstsein eines Seins, entstammen aber auch die Aufteilung der Welt in Licht und Finsternis, in Tag und Nacht. Diese geozentrische "Sichtweise", ist aber unter allen selbstbewussten Wesen nur für den Menschen gültig, der nicht versteht, dass Tag und Nacht nur stattfindet durch den Schatten den die Erde auf sich selbst wirft. Die Sonne aber scheint unentwegt und andauernd. Eine Welt des Guten und des Bösen, der Engel und der Teufel, ja also eine Welt der Gegensätze ist nur in einem solchen Hell-Dunkel-Denken gefangen und versteht nicht die Wirklichkeit: Die Welt ist nicht aufgeteilt in zwei Hälften, einem Links und Rechts, einem Oben und Unten, einem Vorne und Hinten, etc. - die Welt ist graduell zu sehen und so auch alle Schattierungen zwischen Hellem und Dunklem, denn auch die Extreme berühren sich!

Dennoch müssen wir zunächst einmal lernen zu unterscheiden. Erst durch dieses Unterscheidungsvermögen wird uns die Möglichkeit gegeben zu Entscheiden, also zusammenzuführen, etwas Zergliedertes in eine Form zu bringen, zu schöpfen, zu erschaffen. Hierzu sind in der Tat das Verstehen der Gegensätze notwendig, denn diese beiden unterschiedlichen Teile der Existenz zeigen uns, aus was die Dinge bestehen, denn nichts im Universum ist vater- oder mutterlos. Alles ist durch Zusammenfügung entstanden und verlässt seine Existenz durch den Zerfall. Alles Geborene muss also sterben um entweder etwas anderes entstehen zu lassen, oder in einer neuen, meist höher konstitutionierten Form "wiedergeboren" zu werden.

Dieser ewige Wechsel, diese Schwingung und Bewegung von Tod und Wiedergeburt ist dem ewigen Lauf der Zeit untergeordnet und kann nur durch das Verstehen von Sein und Gegensatz begriffen und mitgestaltet werden.

 

Um Frieden in die Welt zu bringen, um alle Kriege zu stoppen, dafür muss es eine Revolution im Individuum geben, in Ihnen und in mir.

– Jiddu Krishnamurti

 

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