Initiation im Mithraskult

Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich – lebend einander ihren Tod, ihr Leben einander sterbend

– Heraklit

Im Mithraskult erfolgte die Einweihung in die Mysterien in sieben Initiationsstufen. Wieso sieben? Nun, die Siebenzahl ist eine universale Zahl des Menschen.

In der Theosophie spricht man von der siebenfältigen Konstitution des Menschen, den sieben Seelengliedern in die sich jede Inkarnation aufschlüsseln lässt: den Geist, die spirituelle Weisheit, das Denken, die Wünsche, die Lebenskraft, den Astralkörper und den physischen Körper. Ebenso kennt man sieben Chakren, sieben klassischen Himmelskörper, bedeutend für die Astrotheologie ist das Siebengestirn der Plejaden oder die sieben Sterne des großen Bären. Es gibt die sieben Himmel, die sieben Richtungen (im Würfel 6 Hauptrichtungen und die Mitte), den Siebenjahreszyklus in der traditionellen chinesischen Medizin und nicht zuletzt die Zahl Sieben als Zahl der Entwicklung des Menschen in der Gesellschaft, wozu in der Regel die Geschlechtsreife, als auch die Mündigkeit bei Geschäften und in der Verantwortung anderen gegenüber gehört (seit alters her auch als siebenjähriger Page, 14-jähriger Knappe und 21-jähriger Ritter).

Diese Siebengliedrigkeit war nun auch die Grundlage für die Einweihungsriten in das Mithrasmysterium. Der alte Mithraskult hatte seinen Ursprung im heutigen Iran. Mithra war ein persicher Gott, dessen Prophet unter dem Namen Zarathustra (auch Zoroaster) bekannt wurde. Seine Anhänger, die Parser, pflegen diese alte Religion auch heute noch.
Zarathustra erkannte in seinem großen Gott Ahura-Mazda, dem Licht- und Sonnengott, sieben gute Eigenschaften, denen der Gott der Finsternis Ahriman sieben böse Eigenschaften entgegensetzte. Die guten Eigenschaften wurden durch die Engel dargestellt, die bösen Eigenschaften durch Dämonen und damit wurde die Welt ein Kampfplatz zwischen Gut und Böse innerhalb der letzen vier Weltzeitalter. Nach dem Weltgericht, so verkündete einst Zarathustra, wird sich die Welt in ein Paradies verwandeln und vermutlich wurde diese Vorstellung vom Christentum adaptiert.

Einweihung in die Mysterien

Sieben Initiationsstufen wurden im Mithraskult aus den Mysterienfeiern abgeleitet. In den Einweihungsriten, die den Mysten eine Abfolge bestimmter Zeremonien erleben ließen, wurde das Selbst des Initianden geläutert und mit jeder weiteren Einweihungsstufe trat er einen neuen Lebensabschnitt an.
In praktisch alle Mysterien erfährt der Mensch den ewigen Kreislauf der Seelen durch Tod und Wiedergeburt. Der Tod - die Voraussetzung für den Neuanfang - und die Geburt, die einem unvermeidlichen Tod vorausgeht, ja selbst bereits eine Art Sterben ist, da man aus dem Mutterleib heraus ins wirkliche Leben tritt, selbst atmend, selbst essend, selbst sehend usw. Tod und Wiedergeburt - Trennung und Wiederzusammenführung. Leben und Tod zeigen sich aber ebenso in ganz anderem Zusammenhang: im Sexualakt, der Vereinigung der Geschlechter - dem Orgasmus - dem "kleinen Tod". Der Mensch, erfährt in diesem kurzen Moment das Gefühl der absoluten Glückseligkeit. Einige Zeit später kann sich eine Eizelle befruchten, die wieder zu einer Geburt führt.

Der Ablauf der Mysterien

Im Mithraskult, wie auf vielen Bildnissen dargestellt, war zentrales Symbol das Stieropfer. So wie in den Mysterien von Eleusis Schweine statt der Adepten geopfert wurden, war das Bild der Einweihung im iranischen Mithraskult das einer Stiertötungsszene.
Die sieben Einweihungsgrade der Mysterien des Mithras entsprachen den astrologischen Plantensphären des Saturn, der Sonne (eigentlich ein Stern, doch zu damaliger Zeit als geozentrischer Himmelskörper angesehen), des Mondes, des Jupiters, des Mars, der Venus und des Merkur. Die Seele musste diese sieben Stufen in der Einweihung durchlaufen. Um die vollkommende Weisheit und Reinheit zu erlangen, nahm der Myste nacheinander die Namen der einzelnen Stufen an, um dann in seinem Ziel angelangt, im Aufenthaltsort der Seeligen weilen zu können.

Zu Beginn wurden dem Mysten die Augen verbunden und er wurde in das Mithräum geführt. Dies war meist eine unterirdische Gruft oder Höhle einer rechteckigen Form und die für die Kulthandlungen angebrachten Öffnungen nach Außen waren für die Einweihungrituale vorgesehen. Die Prozession der Mysterienpriester geleitete den Mysten in das Mithräum in welches auch Brote, Weinkelche, Palmenzweige und Kerzen gebracht wurden. Links und rechts des Eingangs standen mit gekreuzten Beinen zwei Fackelträger. Der linke hielt eine brennende Fackel nach unten und kreuzte das linke über das recht Bein, während der rechte Fackelträger seine Fackel nach oben hielt und das rechte über das linke Bein kreuzte. Als Symbol der Reinheit wurden dann mehrfache Waschungen vollzogen. Dann wurde der Einzuweihende in einer Art Taufe mit Weihwasser besprenkelt.
Die Mysten trugen rot-weiße Kleider und erfuhren ihre Einweihung kniend oder liegend, je nach Vorgang oder Stufe der rituellen Handlung. Die Zeit für die Einweihung fand jeweils in der Zeit vor und nach dem ersten Frühjahrsvollmond, während der Nacht statt (Ostern). Der Einzuweihende trug in seinen Händen frisches Grün (gebündelte Sträuße von Blumen und Gräsern) und eine brennende Kerze.