Yoga-Sutras des Patanjali - Einführung

von S. Levent Oezkan

Die Yoga-Sutras sind das philosophisches Werk eines Weisen, den manche als den Vater des Yoga verzeichnen: Patanjali. Zumindest im Westen, gehört er zu den bekanntesten Yogameistern, vedischer Klassik.

Patanjali verfasste in seinem Werk einen Leitfaden für Weisheitssuchende. Die darin enthaltenen Sutras sind Aphorismen, die sich zwar aus nur wenigen Worten zusammensetzen, doch ganz essentielle Weisheiten beinhalten, was ihr lebensbejahender, universaler Kontext bestätigt. Die Sutras sind aber keine festgeschriebenen Gesetze, sondern bieten einem Yoga-Lehrer genügend Spielraum, um aus ihnen für seine Schüler eine verständliche Botschaft zu entwickeln.

Als Patanjali die Yoga-Sutras zusammenstellte, erschuf er damit kein vollkommen neues Werk. Eher fasste er viel ältere Weisheiten zusammen und ordnete sie in prägnanter, eingehender Form. Manche vermuten dass die Yoga-Sutras bereits seit dem 4. Jhd. v. Chr. existieren. Archäologische Funde, sowie Erwähnungen in anderen Texten, verweisen jedoch auf eine Sutra-Praxis die bereis 3000 v. Chr. geübt wurde. Die Tradition der mündlich überlieferten Yoga-Praktiken, soll aber sogar noch viel älter sein!

Die Yoga-Sutras des Patanjali besitzen im Original oft keine vollkommene Satzstruktur, sondern sind Aneinanderreihungen von Worten essentieller Bedeutung. Für diese Art der schriftlichen Niederlegung gibt es natürlich einen Grund: als man die Sutras dichtete, gab es noch kein Schrifttum. Das bedeutet, dass das ganze Werk auswendig gelernt werden musste. In dieser Tradition standen unzählige Generationen, auch lange bevor man die Weisheiten der Vedas niederschrieb. Noch wichtiger für die vermeintliche "Unvollständigkeit" ihrer geschriebenen Grammatik aber, war der Wunsch des Verfassers, dass sie ihrem Sinn gemäß ausweitbar blieben und damit auf verschiedene Weisen erklärt werden konnten. Das scheint der Grund zu sein, wieso sich die Übersetzungen dieses heiligen Textes oft stark voneinander unterscheiden. Nie aber widersprechen sie sich in ihren Aussagen. Vielmehr beleuchten sie die von Patanjali konzentrierten Weisheiten, jede auf ihre Weise. Was bei der Interpretation der Yoga-Sutras aber zum Vorschein kommt, lässt dem Leser genügend Spielraum, um sich dem Wesenkern ihrer Weisheiten zu nähern.

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Der Yogi Patanjali: halb Mensch, halb Schlange (cc).

Der legendäre Patanjali

Die spirituellen Anweisungen und Meditationstechniken der Yoga-Sutras, helfen einem Menschen tiefe Erkenntnisse über das Sein, das Selbst (Atman) und Gott (Brahman) zu gewinnen. Patanjali formulierte die Weisheiten der Yoga-Sutras so, dass sie seine Zeitgenossen verstehen konnten.

Doch wer waren seine Zeitgenossen und - wer war eigentlich Patanjali?

Über den alten Weisen ist fast nichts bekannt. Laut einer Legende ist er die Inkarnation Vishnus in Form der göttlichen Schlange Ananta, einem kosmischen Reptil, dass die Welt umkreist. Seine Mutter, Gonika, soll laut einer Legende eine Asketin gewesen sein. In ihrer Einsiedelei aber lebte sie allein. Dort betete sie einst zum Sonnengott Surya. Sie wünschte sich von ihm einen Schüler zu bekommen, den sie in die Mysterien ihres Glaubens einweihen konnte. Da fiel eine Schlange vom Himmel, der Gonika direkt in die Hände. Bald verwandelte sich das Reptil in einen kleinen Jungen, der darum bat, ihr Schüler sein zu dürfen. So kam Patanjali zu seinem Namen: sanskr. pat "herunterfallen", anjali "Gebetshaltung“.

Andere glauben Patanjali habe gelebt als Grammatiker, in den Jahrhunderten um die Zeitenwende (2. Jhd. v. und 4. Jhd. n. Chr.).

Auch wenn Patanjali als Urahne aller Yogalehrer gilt, ist diese Praxis nicht seine Erfindung. Man findet Beschreibungen des Wortes Yoga, bereits in den alten Veden oder den esoterischen Upanischaden. Die Yoga-Lehren sind bereits so alt, das niemand genau weis, ob sie nicht sogar aus der Urgeschichte der Menschheit stammten.

Yoga ist die Kontrolle über die Denkbewegungen des Geistes.

- Yoga-Sutra 1:2

Für Patanjali ist Yoga die Fähigkeit den Geist ausschließlich auf einen Gegenstand oder Gedanken auszurichten, und diese ausgerichtete Beobachtung auszudehnen, frei von Ablenkung und Störungen. Solange dieser Zustand nicht vollkommen verwirklicht wurde, so die Yoga-Sutras, kann sich der Mensch nicht vollständig befreien. Erst wenn es dem Yogi gelungen ist, sich aus den Fesseln der Unwissenheit zu lösen, kann er sich schließlich mit dem universalen Prinzip der Einheit, mit Gott verbinden.