Die Gnosis

von S. Levent Oezkan

Gnosis, das altgriechische Wort (γνῶσις) für die Erkenntnis, ist die innere Lehre über einen durch des Menchen Intuition gewonnenen Einblick in das Wesen der Transzendenz. Obwohl die Gnosis auf der persönlichen, religiösen Erfahrung beruht, kann man nicht von einer Religion sprechen. Eher geht es um eine besondere religiöse Erfahrung, die sich selbst nicht als Theologie oder Philosophie bezeichnet, sondern in Form von Mythen dem Menschen zur Erkenntnis verhilft. Mit "Mythen" sind allerdings keine Geschichten gemeint, die nicht der Wahrheit entsprechen. Vielmehr handelt es sich bei dem Begriff "Mythos" um etwas Wahres, dass sich auf einer anderen Ebene, jenseits der Dogmen der Theologie oder der Aussagen der Philosophie ereignet.

Alle religiösen Traditionen in Ost und West erkennen an, dass die Welt unvollkommen ist. Die Traditionen unterscheiden sich lediglich in der Art wie sie diese Unvollkommenheit erklären. Gnostiker machen sich hingegen ein verblüffend anderes Bild dieser Angelegenheit, denn für sie haben die Makel in der Welt ihren Ursprung in der Art, wie die Welt erschaffen wurde: nämlich mit Makeln.

Wie auch im Buddhismus sagen die Gnostiker, dass das Leben auf der Erde mit Leiden verbunden ist. Um die irdischen Leiber zu nähren, müssen all ihre Formen einander verzehren. Pflanzen saugen aus dem Erdboden ihre Närhstoffe, der Mensch und das Tier "töten" Pflanzen, andere Menschen und Tiere essen andere Tiere. So kommt es zu Schmerz, Angst und Tod. Hinzu kommen Naturkatastrophen die das Leben auf der Erde mit Leid überschütten.
Der Mensch ist sich dies allem als solches aber bewusst, denn er erkennt sich manchmal als einen Fremden der in einer Welt der Absurdität lebt.

In vielen Religionen wird der Mensch für das viele Unheil auf der Welt zur Rechenschaft gezogen. Wegen der Sünde des Menschen und seine Vertreibung aus dem Paradies, so die judeo-christliche wie auch muslimische Auffassung, wurde die Welt zu dem was sie ist. Die Gnosis sieht das aber anders.
Für sie ist nicht der Mensch für diese "Unvollständigkeit" und Makel der Welt verantwortlich, sondern ihr Erschaffer - der aber nicht gleichzusetzen ist mit dem was in der Regel mit dem Wort "Gott" bezeichnet wird. Vielmehr bezeichnen die Gnostiker mit dem Wort "Erschaffer", einen Bau- und Werkmeister dieser Welt, der aus dem Bereich des Göttlichen hervorging. 
Auch glauben die Gnostiker nicht daran, dass alles Leiden auf der Welt alleine durch die Lehre vom Karma, wie der Hinduismus und Buddhismus lehrt, erklärt werden kann. Bestenfalls wird durch dei Karmalehre die Kette des Leidens der vielen Inkarnationen plausibel verständlich gemacht. Die Frage nach dem "Warum" bleibt aber offen. Darauf versucht die Gnosis Antworten zu geben.
Diese Imperfektion der Welt erklären die Gnositker als das Produkt des Zusammenwirkens zweier Mächte:

  • einer ursprünglichen, lichtvollen und guten Gottheit, deren Werk durch
  • einen falschen und finsteren Schöpfergott korrumpiert wurde.

Es ist also ein subtileres Bild von dem, was in den meisten Religionen als Gott bezeichnet wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Gnosis andere Glaubensrichtungen ablehnt. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Gnostiker haben stets versucht die Erkenntnisse des Mono-, Poly- und Pantheismus miteinander in Einklang zu bringen.

Symbol der Gnosis - ewigeweisheit.de

Aus Sicht der Gnosis ist jenseits des geschaffenen Universums ein wahrer, allumfassender und transzendenter Gott. Er erschuf nichts und wurde auch nicht erschaffen, doch aus ihm emanierte die universale Substanz, aus der alle sichtbaren und unsichtbaren Welten entstanden. Darum könnte man sagen, dass alles Gott ist, denn alles besteht aus dieser von Gott ausgehenden universalen, kosmischen Substanz.
Da aus dieser Substanz aber auch alle korrumpierten, makelhaften Dinge in der Welt entstanden sind, wäre es nur allzu sinnvoll, diese auch als Teil dieses jenseitigen Gottes, seiner emanierten Essenz anzuerkennen und auch wertzuschätzen.

Sophia und der Demiurg

Zentrale Stellung in der Gnosis hat der Name Sophia - das griechische Wort für die Weisheit. Im Zuge ihrer Reisen durch die Ewigkeit emannierte aus der Sophia ein Bewusstsein mit Makeln. Daraus entstand der Schöpfer des materiellen und psychischen Kosmos. Es ist all das was er in seinem eigen Abbild erschuf. Dieses Wesen, so die Gnostiker, wusste nichts von der Sophia und das es aus ihr hervorging. Hingegen hielt es sich für den letztendlichen und absoluten Gott. Weil er sich aber der bereits existierenden göttlichen Substanz in seiner Unwissenheit bediente, um die Welt zu erschaffen, nennen ihn die Gnostiker auch den Demiurgen, den "Halb-Macher" (von Silbe "demi" = halb). In dem was der Demiurg erschuf ist also eine Hälfte authentisch und dem ursprünglichen, transzendenten Gott ähnlich, doch wird von ihm wegen seiner Unwissenheit nicht als solcher erkannt.

Als höchste Kreation des Demiurgen, ist der Menschen Repräsentant dieser Dualität der Welt, die sich aus finsterer Unwahrheit und aus lichtvoller Wahrheit zusammensetzt. Er besteht aus einem sterblichem Körper mit einer vergänglicher Seele, trägt aber auch eine geistige Komponente in sich, die er als den göttlichen Lichtfunken in sich erkennen kann - das was sein wahres Selbst ist. Dieser Funke ist Teil der oben erwähnten urgöttlichen Substanz reinen Lichts. Der größte Teil der Menschheit hat davon aber niemals erfahren und wird auch niemals davon erfahren - da, so die Gnostiker, jener "unbewusste Gott" sie daran hindert.

Der höchste Bereich des Menschen ist also der Geist, der aus dem Seelenfunken, der göttlichen Monade hervorstrahlt. Darum wird die gnostische Weltsicht auf ewig in den Geistern der Menschen erhalten bleiben. Selbst wenn immer wieder religiöse Fanatiker versuchen sie auszurotten, wird sich das wahre lichtvolle in ihrem Wesen behaupten können. Schließlich ist ihr Geist doch Teil dieser göttlichen, wahren und lichtvollen Ursubstanz.

Die Klarheit und Offenheit der gnostischen Lehre kann trotz der misslichen Lage, in der sich die Menschheit befindet, Lösungen anbieten die zu einem besseren Verständnis des Selbst und des Grundes der Inkarnation beitragen.


 

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