Zwischen den Welten

von S. Levent Oezkan

Im schönen Heidelberg am Neckar kam ich zur Welt im Jahr 1971. Da wurde ich geboren als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter.

Die Familie meiner Mutter kommt aus Berlin. Mein deutscher Großvater wurde geboren in einem mährischen Dorf nahe der Stadt Znaim, damals dem Kaiserreich Österreich-Ungarn zugehörig. Das Dorf gründete einst eine alte christliche Täufer-Gemeinde. Während des zweiten Weltkriegs arbeitete mein Großvater für den Deutschen Geheimdienst.

Meine türkischen Vorfahren waren ursprünglich turkmenische Nomaden, die sich gegen Ende des 18. Jhd. im Gebiet zwischen dem Gebirge des Mittleren Taurus und dem Fluss Saros niederließen.

Mein türkischer Urgroßvater war Agha und Imam - oberster Herr der Gemeinde und spiritueller Lehrer, in jenem Ort aus dem meine türkische Familie stammt. In dieser Region Südanatoliens befindet sich auch das 7000 Jahre alte Tarsus – die Heimatstadt meiner türkischen Familie. Es ist die Geburtsstadt des Heiligen Apostels Paulus, in der sich auch das Mausoleum des Propheten Daniel, sowie die berühmte Höhle der Siebenschläfer befinden.

So spreizen sich die Wurzelstränge meiner Vorfahren von Mesopotamien bis nach Mitteleuropa.

Eine kurze Episode aus der Geschichte der west-östlichen Philosophie

Über die Pythagoreische Numerologie kam ich 2004 zur jüdischen Kabbala – und wegen meines Interesses für die indogermanischen und semitischen Weisheitslehren, wandte ich mich der Philosophia Perennis zu - der Ewigen Weisheit.

Um darzustellen, was das bedeutet, lohnt es sich etwas weiter auszuholen.

Im Mittelalter kam über die Karawanenrouten, vedische und tibetische-buddhistische Weisheit und Esoterik nach Europa. Auf den alten Routen der Seidenstraße, begann im 13. Jhd. der große Wissensaustausch zwischen Okzident und Orient. Besonders in der Region des alten Reichs von Chorasan, kam es wohl zu wichtigen Begegnungen der Weisen aus dem Morgen- und Abendland. Chorasan befand sich einst in einer Region, wo es noch heute eine gleichnamige iranische Provinz gibt, und breitete sich damals aus über das heutige Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan. In diesem Reich, in der Stadt Balkh, kamen auch die großen Sufi-Mystiker Dschallaledin Rumi und Fareduddin Attar zur Welt.

Im Nahen Osten des 3. Jhd. n. Chr. entstand die christliche Gnosis, die sich vornehmlich über den Propheten Mani mit den Weisheiten des fernen Ostens verband. Jener Begründer des Manichäismus nämlich, sah sich als Nachfahre Zarathustras, Buddhas und Jesus', und begann seine Mission im Zweistromland (Irak) und Medien (Iran) – jenen Urstätten unserer Zivilisation.

Aus Iran stammte auch der für Goethe so wichtige Dichter und Mystiker Hafiz. Er kam im alten Schiras zur Welt – einst kulturelles Zentrum der Perser im Herzen Irans.

Kloster St. Kathrin im Sinai - ewigeweisheit.de

Das griechisch-orthodoxe Kloster St. Kathrin im Süden der Halbinsel Sinai, am Fuße des Mosesberges. Neben der Klosterkapelle, befindet sich eine kleine Moschee (rechts unten, weißes Minarett), innerhalb der Klostermauern.

Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen, lass' ich gelten;
Also zwischen Osten und Westen
Sich bewegen, sei's zum Besten!

- Goethe, Aus dem West-östlichen Diwan

Für die westliche esoterische Philosophie, war insbesondere auch die alte Kultur Ägyptens von Bedeutung. Die dort lebenden Hermetiker, Alchemisten, Kabbalisten und späteren christlichen Gnostiker, hatten die Gelehrsamkeit Ägyptens ungemein bereichert. Das alte Alexandria, im einstmaligen Reich der griechisch-ägyptischen Ptolemäer-Könige, stand nicht zufällig im Zentrum der antiken Geisteswelt. Schließlich befand sich dort einst auch die größte Bibliothek des klassischen Altertums.

Es waren wohl auch andere Faktoren, doch meine Besuche Ägyptens und der ägyptischen Halbinsel Sinai, markierten eine Wende in meinem Leben. Durch einen lieben Freund, kam ich in Kontakt mit dem Bibliothekar der wahrscheinlich ältesten christlichen Bibliothek der Welt (seit etwa 548 n. Chr.), im Kloster St. Kathrin am Mosesberg. Nahe des Klosters besuchte ich auch den Eremiten Pater Moses, von dem ich einen lebenswendenden Rat bekam:

Wenn du wirklich etwas in deinem Leben verändern willst, so spreche mit niemandem darüber – nicht einmal mit deiner innigst vertrauten Person.