Wegbereiterin für eine Moderne Spiritualität

von Johan von Kirschner

Helena P. Blavatsky - ewigeweisheit.de

Wer zum ersten Mal mit dem Werk der Theosophin Helena P. Blavatsky in Berührung kommt den dürfte die Fülle der von ihr hervorgebrachten Themen zur Esoterik tatsächlich verblüffen. Kaum einer vor ihr hat zu so vielen verschiedenen okkulten Wissensgebieten geforscht und noch weniger haben ihre Ergebnisse dann auch als schriftliches Gesamtkompendium herausgebracht.

Bei alle dem ist es aber nicht leicht die Bücher Blavatskys zu lesen und auch zu verstehen. In Anbetracht der Tatsache des gewaltigen Umfangs an Inhalten, reicht es den meisten modernen Theosophen darum aus, sich allein mit dem Werk Helena Blavatskys zu befassen. Vielen Esoterikern gelten ihre Bücher als wahre Inspirationquelle. Heute existieren zudem viele Arbeiten, die die Inhalte in Blavatskys Hauptwerk »Die Geheimlehre« zu kategorisieren versuchen, und dem darin enthaltene esoterischen Wissen eine gewisse Ordnung verleihen. Für einen heutigen Leser eine sicherlich praktische Herangehensweise speziell für jene, die Blavatskys esoterische Literatur auch wirklich begreifen möchten. Zu diesen Autoren zählen sicherlich Annie Besant, Ernest Wood, Gottfried von Purucker oder Geoffrey Baborka.

Gewiss lebten sie alle, und streng genommen auch Helena Blavatsky selbst, in einem Zeitalter, wo das Denken der Epoche, Ratio und technischer Fortschritt bestimmten. Zu Zeiten Blavatskys erlebten die Naturwissenschaften eine bis dahin nicht dagewesenen Glanzzeit. Was aber damals der Durchschnitt als Aberglauben belächelte – kurz: Die Okkulten Wissenschaften – erlebte ebenfalls eine neue Blüte, ja sie nahmen sogar einen noch wichtigeren Platz ein im Denken einer aufstrebenden Moderne.

Die alte esoterische Lehre der jüdischen Kabbala wurde für viele wieder ebenso interessant, wie sich auch ganz neue Forschungsgruppen den alten Mysterien widmeten, die sich in Buddhismus, Vedanta und anderen orientalischen Philosophien entdecken lassen. Man studierte die Eigenschaften des Spirituellen, wandte sich der Untersuchung von Telepathie zu, erprobte Geistheilung und versuchte Licht ins Dunkel anderer übersinnlicher Phänomene zu bringen. Man könnte gewiss behaupten, dass sich in dieser Zeit eine geistige Bewegung im Westen entwickelte, die in der New-Age-Bewegung am Ende des 20. Jahrhunderts ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte.

Das war die Zeit als in okkulten Zirkeln plötzlich über eine Frau gesprochen wurde, deren Namen auf beiden Seiten des Atlantik von sich reden machte.

Die Reisen einer jungen, wissbegierigen Frau

Am 12. August 1831 kam in Jekaterinoslaw, im Russischen Zarenreich (heute Ukraine), ein sonderbares Mädchen zur Welt: Helena Petrovna von Hahn-Rottenstein. Ihre Kindheit verbrachte sie viel allein. Aus Sicht eines Spiritisten aber war die junge Helena Petrovna ganz und gar nicht einsam. Sie spielte zwar nicht mit Kindern, sondern, so die Legende, mit Wassergeistern und anderen Naturdämonen. Sicherlich trug zu ihrem merkwürdigen Verhalten als Kind der frühe Tod ihrer Mutter bei, die sie im Alter von 11 Jahren verloren hatte. Laut dem englischen Schriftsteller Alfred Percy Sinnett (1840-1921), besuchte sie bereits damals jene »Mahatmas« aus dem fernen Tibet, die in der Theosophischen Gesellschaft schlicht als die »Meister« beschrieben werden. Mehr darüber später.

1849 heiratete sie den sehr viel älteren General Nikifor Vladimirovich Blavatsky (*1810), lebte aber nur etwa drei Monate mit ihm zusammen und das keineswegs als Ehefrau. Sie nämlich drängte der Wunsch nach etwas Größerem, nach einem Abenteuer. Sie wollte auszureißen, ihre gewöhnliche Umgebung hinter sich lassen und sich auf eine Reise zu den Quellen der spirituellen Kulturen begeben, um den Weisheiten in West und Ost zu begegnen.

Als es im Juli 1849 zu Handgreiflichkeiten zwischen ihr und ihrem Ehemann kam, ergriff sie die Flucht und begab sich, nachdem sie kurze Zeit bei Freunden Unterschlupf gefunden hatte, auf eine abenteuerliche Expedition. Erste wichtige Station darauf war Istanbul, damals Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Metropole am Bosporus erreichte sie über das Schwarze Meer. Von dort aus setzte sie ihre Forschungsreise in den kommenden neun Jahren fort. Sie kam nach Ägypten, nach Griechenland und später auch an andere Orte Ost-Europas.

Unterwegs lernte sie die Gräfin Sofia Kiselyova kennen – eine Adlige über die allerdings nichts weiter bekannt ist. Sie aber sollte, für das damals gerade mal 18-jährige Mädchen, zu einer engen Vertrauten und Freundin werden. Mit ihr nämlich setzte die junge Mademoiselle Blavatsky ihre Reisen fort. All das tat sie mit dem Geld ihres Vaters, mit dem sie insgeheim weiter Kontakt hielt, während ihre restlichen Verwandten nichts von ihren Unternehmungen wussten. Es sollten zehn Jahre vergehen bis sie die dann schon erwachsene Helena wiedersehen sollten.

Die Hermetische Bruderschaft von Luxor

1850 kam die junge Blavatsky mit ihrer Begleiterin nach Ägypten, wo sie lange Zeit damit verbrachte nach Orten zu suchen, wo sich Gelehrte aufhalten, die über okkultes Wissen verfügen. Im Kairoer Stadtteil Bulaq traf sie einen alten koptischen Gelehrten, ein recht wohlhabender Ägypter mit griechischen Wurzeln: Paulos Metamon. Man munkelte er sei ein Meister der Magie, dem ganz unglaubliche Fähigkeiten nachgesagt wurden. Anscheinend glaubte er in Blavatsky eine Schülerin gefunden zu haben. Empfänglich nahm sie das Wissen ihres neuen Lehrers ganz in sich auf. Sie schloss sich seiner Geheimschule an und traf ihn auch in späteren Jahren immer wieder. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass Metamon auf die junge Dame aus Russland einen ganz wesentlichen Einfluss ausübte, wobei aber sicherlich noch andere, geheimnisvollere Kräfte mitwirkten.

Ein gebürtiger Jude polnischer Herkunft namens Max Théon (1848-1927), war selbst zuvor Schüler des Kopten Metamon. Nach Reisen durch Europa gründete Théon 1870 in London die Hermetische Bruderschaft von Luxor – einen esoterischen Orden, der später ganz erheblichen Einfluss auf den westlichen Okkultismus ausüben sollte. Insbesondere die praktischen Komponenten seiner Lehren sollte für die westliche Mysterien-Tradition von großer Bedeutung werden. Es heißt Max Théon sei auch Helena Blavatsky begegnet. Angeblich weihte er sie seinerzeit ein, in die Geheimlehren seiner Bruderschaft.

Auf dieser Grundlage sollte Blavatsky wahrscheinlich später in Kairo die »Société Spirite« gegründet haben: eine Gesellschaft zur Untersuchung übersinnlicher Erscheinungen. Auch das Emblem der Theosophischen Gesellschaft ähnelt in gewisser Weise jenem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor (vergl. Abb.).

Sich ähnelnde Embleme: Burderschaft von Luxor, Helena P. Blavatsky, Theosophische Gesellschaft – ewigeweisheit.de

Sich ähnelnde Symbole: Links das alte Emblem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor, in der Mitte das Emblem Helena P. Blavatskys und rechts das bis heute verwendete Emblem der Theosophischen Gesellschaft (in Deutschland darf die Gesellschaft das darin enthaltene Swastika allerdings nicht abbilden).

Blavatskys Eifer zu reisen riss hier aber nicht ab. Im Jahr 1851, nach ihrer Zeit in Ägypten, setzte sie ihre Reisen fort und kam nach Paris – einer Stadt die sich damals noch zur wichtigsten Weltmetropole entwickeln sollte. Sie traf dort auf verschiedene berühmte Literaten ihrer Zeit. Damals identifizierte sie außerdem ihre übersinnlichen Fähigkeiten.

Aber auch wenn sie in Paris vielleicht Gleichgesinnte traf, sollte es sie nicht davon abhalten nun doch auch nach London weiter zu reisen.

Hier traf sie zum ersten mal jenen geheimnisvollen Inder, der ihr in ihren Kindheitsvisionen immer wieder begegnet war: Meister Morya. Er sollte sie mit einem besonderen Auftrag vertraut machen, den sie jedoch nur antreten könne, wenn sie ihre Reise in Tibet fortsetze. Im Herbst des selben Jahres 1851 dann kam Helena Blavatsky nach Kanada, um in Quebec auf dort lebende Indianer zu treffen. Von dort aus setzte sie ihre Reise fort nach New York, kam später nach New Orleans, um dort Voodoo-Magiern zu begegnen. Schließlich erreichte sie dann den Süden der Vereinigten Staaten, von wo aus sie 1852 weiterreiste nach Mexiko und Südamerika. Mit dem Schiff fuhr sie noch im selben Jahr nach Ceylon (heute: Sri Lanka) und kam von dort dann schließlich nach Indien – auf jenen Subkontinent wo dereinst, in der Nähe von Madras (Chennai), das internationale Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft eröffnet werden sollte. Damals versuchte sie von Nordindien aus, in das abgeschottete Tibet zu gelangen. Das aber missglückte ihr leider, denn als Frau verweigerte man ihr an der Grenze die Einreise.

So trat sie also 1854 ihre Rückkehr nach Europa an. Diese Reise jedoch entpuppte sich als echtes Abenteuer, denn ihr Schiff nach England wäre am Kap der Guten Hoffnung (Südspitze Afrikas) fast in den Meeresfluten gesunken. Schließlich in England angekommen fand sie sich aber mit Anfeindungen konfrontiert. Damals herrschte Krieg zwischen der britischen und der russischen Armee um die Halbinsel Krim (Schwarzes Meer) und da war jemand wie sie, mit ihrer russischen Herkunft, in England nicht willkommen.

Ob das nun der Grund war, dass sie England wieder verließ? Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, denn schon bald darauf begab sie sich als Mitreisende auf einem Segler erneut in die Vereinigten Staaten nach New York. Von dort aus reiste sie weiter, quer durch Amerika, nach Chicago, Salt Lake City und San Francisco, bevor sie ihre Reise mit dem Schiff nach Japan fortsetzte. Ihr Endziel war wieder Indien.

Im heiligen Tibet

Nach ihrer Ankunft begab sie sich zunächst ins indische Kaschmir, im Norden des Landes und von dort aus in die Region Ladakh.

Blavatsky versuchte später erneut nach Tibet zu kommen. Auf ihrem Weg nach Leh, einer Stadt im Norden Kaschmirs in der Region Ladakh, traf sie 1856 einen tartarischen Schamanen. Mit ihm sollte sie tatsächlich nach Tibet einreisen. Auch er wollte in das Land, um von dort aber nach Sibirien weiterzureisen. Und da Blavatsky Russisch sprach, sollte sie ihm dabei als Gegenleistung behilflich sein. Er verkleidete sie als Mann und so gelang es ihr wirklich die Grenze zwischen Kaschmir und Tibet zu überschreiten, vorbei an der Grenzkontrolle der Britischen Kolonialbeamten. Es war wohl, wie man aus ihren Beschreibungen erfährt, aber auch etwas Magie im Spiel. Der Schamane trug unter seinem linken Arm einen besonderen Totem-Stein. Es mag eigenartig klingen, doch wie auch aus druidischen Quellen im Westen bekannt ist, war es einer dieser »sprechenden Steine«, mit denen er die Kontrolleure vielleicht ablenken konnte.

Ein eigenartiger Mensch dieser tartarische Schamane. Er sprach kein Englisch, nur einige Fetzen Russisch. Trotz dessen aber war er in der Lage recht informative Konversationen zu führen. Außerdem erlebte sie mit ihm wahrlich seltsame Sachen, was wohl niemals geschehen wäre, hätte sie ihre Reise alleine fortgesetzt. Es sollte aber einer der kritischsten Momente ihres bisherigen Lebens werden. Als sie den Schamanen später darum bat, ihr das Geheimnis des sagenhaften Steins zu enthüllen, wurde sie Augenzeugin ganz furchteinflößender Ereignisse, die sie Glauben machten, ihren Begleiter hätten alle Lebensgeister verlassen! Doch wenn jemand lebte, dann dieser Schamane!

Abgesehen von diesen Zwischenfällen muss man ja wissen, dass eine solche Reise damals (wahrscheinlich aber auch heute noch) ein wirklich gefährliches Abenteuer sein konnte. Blavatsky wusste nie was ihr in den nächsten Stunden passieren könnte, dort im Nirgendwo des tibetischen Hochlands. Nicht etwa war Tibet damals ein Land wo man ausschließlich meditierende Mönche traf. Wer die Berichte des schwedischen Reiseschriftstellers Sven Hedin kennt (»Wildes heiliges Tibet«) der weiß dass es zu damaliger Zeit ganz und gar nicht friedlich zuging, und man im Hochland Tibets stets damit rechnen musste überfallen zu werden. Blavatskys einziger Beschützer in der tristen Einöde des tibetischen Hochlands war ihr schamanischer Begleiter. Es war aber, wie bereits angedeutet, ein Nehmen und Geben. Denn durch Blavatsky und die anderen Mitreisenden fühlte sich der Schamane in seiner Hoffnung ermutigt auch zurück in seine sibirische Heimat zu kommen – von wo aus er einst, aus nicht geklärten Gründen, vor 20 Jahren geflohen war.

Augenzeugin magischer Beschwörungen

Auf dem Weg nach Tibet nun kamen sie an einen großen See, dessen weitläufige Ufer dunkler Schlamm bedeckte. Für einige Tage rasteten sie dort in einem kleinen Dorf. Blavatsky verbrachte die Nächte in einer Jurte (traditionelles Zelt der Tartaren). Wie sie über den Schamanen erfuhren, befand sich in der Nähe ein Buddhistisches Kloster. Wie sie erfuhren hielt sich dort gerade ein buddhistischer Lama auf der anscheinend einen Exorzismus vornehmen sollte, bei einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, die den negativen Wirkungen eines »Tschutgur« ausgesetzt war (Besetzung durch einen Elemental-Dämon). An einem Nachmittag begaben sich Blavatsky und andere Mitreisende in dieses,  ganz in der Nähe befindliche Kloster. Dort sollten sie Zeugen außergewöhnlicher Ereignisse werden.

Es befanden sich auch tibetische Mönche auf dem Weg dorthin, die sich auf Pilgerschaft in das Kloster begaben, das aber eher einem kurzzeitig errichten Bau glich und sich in einer großen Höhle befand. Einer der Lamas nun sollte laut des Schamanen ein echter Zauberer gewesen sein, der ganz kuriose Dinge vollbringen konnte.

Mit Blavatsky reiste außerdem ein sonderbarer »Mr. K.«, über dessen wirklichen Namen und Herkunft nichts weiter bekannt ist. Er aber machte sich auf, um mit den tibetischen Wandermönchen Kontakt aufzunehmen. So kam es sogar dazu, dass sich die beiden Lager über die Tage untereinander anfreundeten. Doch was diese seltsamen Menschen nun tun sollten war alles andere als etwas, das sich Blavatsky in ihren kühnsten Erwartungen hätte ausmalen wollen.

Ein Kleinkind, von gerade mal drei bis vier Monaten, wurde von seiner ärmlichen Mutter den Mönchen übergeben, um wohl eine klösterliche Erziehung zu erhalten. Einige Tage vergingen bis die Kontaktperson, jener ominöse Mr. K., den Mönchen schwören musste mit niemandem über die folgenden Ereignisse zu sprechen.

Ladakh – ewigeweisheit.de

Ladakh: Indiens »Klein-Tibet«, bekannt für die Schönheit seiner Berge und den dort verbreiteten Buddhismus (Foto: Russavia; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 2.0).

Nun saßen Blavatsky und die anderen Begleiter dort am Eingang des kleinen Höhlenklosters. Man brachte das Kind hinein und legte es dort auf einen weichen Teppich. Die Lamas setzten sich auf den Boden daneben. Als der Oberste der Lamas nun in einen tranceartigen Zustand verfiel, brach plötzlich ein helles Licht hervor aus der offenen Klostertür. Es wurde still. Die anderen Mönche schienen wie versteinert. Alles was man hörte war ein entzücktes Jauchzen dass das Baby von sich gab. Zu unserem bloßen Entsetzen aber kam das Kleinkind plötzlich in Sitzhaltung, als hätte es eine dämonische Kraft aufgerichtet. Kurz darauf zuckte es wieder, wie von unsichtbaren Drähten gezogen, und stand plötzlich auf den Beinen – ein vier Monate altes Baby!

Auf einmal starrte das Kleinkind die Anwesenden an, mit einem Blick vollkommen klarer Gewissheit, eben so wie einer schaut, den man als ausgesprochen intelligent und lebenserfahren bezeichnen könnte. Doch das wirkte einfach nur grauenhaft und furchterregend auf Mr. K. und die Anwesenden. Ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Während die Lamas sich in gutem Abstand von dem Kind befanden, saß Mr. K. direkt neben dem sonderbaren Baby. Er biss sich auf die Lippe und kniff sich in die Hand, bis er fast blutete – nur um zu wissen: das war kein Traum!

Die wundersame Kreatur, die mit dem Baby eins zu sein schien, setzte sich vor ihn hin und redete auf Tibetisch auf ihn ein:

Ich bin Buddha. Ich bin der alte Lama. Ich bin der Geist inkarniert in neuem Körper.

-Zitiert aus Blavatskys »Entschleiert Isis«, Band II

Mr. K. schien als gerinne ihm das Blut in den Adern. Die Haare stellten sich ihm auf. Was er da erlebte war wohl, was ihm einst beschrieben wurde als Inkarnation, als Fleischwerdung eines Buddha (hier muss hinzugefügt werden, dass »Buddha« kein Name für eine Person, sondern ein Titel zur Beschreibung des Göttlichen ist: im Sanskrit steht der Titel für den »Erwachten«, so wie man den 563 v. Chr. geborenen Siddharta Gautama später nannte). Alles was Mr. K. erlebte war keine Einbildung. Die Lippen des Kindes bewegten sich tatsächlich und die leuchtenden Augen starrten ihn an, als spähten sie in ihm nach seiner Seele. Mr. K. empfand all das, als wären es die Augen des Lama-Oberhaupts, der da wie gelähmt auf dem Felsboden lag, doch durch die Augen des Kleinkinds direkt in ihn hineinsah, so als wäre sein Geist in das Baby gefahren.

Es wurde ihm schwindelig, denn da kam das Kind auf ihn zu und legte die kleine Hand auf seine. Heiß wie Kohle brannte sie auf seiner Haut. All das empfand er als kaltes Grauen und es war ihm so unerträglich, dass er seine Hände auf sein Gesicht legte und zu schreien begann. Doch von jetzt auf nachher verwandelte sich der Schauplatz, den Mr. K. wohl als wahre Hölle empfand. Alles bildete sich wieder zurück in das was sich ihm bei seiner Ankunft dort gezeigt worden war. Der Lama war erwacht und setzte die zuvor unterbrochene Konversation fort. Das musste dem Erfahrenen als ganz und gar aberwitziges Verhalten vorgekommen sein, dachte er eben doch noch er müsse sterben.

Nun fragte Mr. K. was denn gewesen wäre, wenn er wie vom Teufel besessen und von totaler Panik getrieben, dass Kind aus Versehen verletzt oder sogar getötet hätte? »So hättest Du auch mir physischen Schaden zugefügt, hättest mich getötet«, antwortete der Lama.

 

Das war nur eines von vielen sonderbaren Reiseerlebnissen Blavatskys, die in diesem Artikel, wegen ihrer Länge, leider nicht alle wiedergegeben werden können. Diese Schilderung aber sollte die Verfassungen vermitteln mit denen sie sich wohl immer wieder konfrontiert sah, während ihres Aufenthalts in Tibet.

Nach einiger Zeit aber verließ Blavatsky das geheimnisvolle Land wieder und ein Führer brachte sie zurück zur indischen Grenze. Die Wege und Bergpässe, denen Blavatsky ihrem Führer folgte, blieben ihr aber fremd. Sie verließen Tibet also auf einem anderen Weg, als sie der Tartare eingeführt hatte. Was aus ihm wurde, wissen wir leider nicht.

Wenig später reiste sie dann über das südindische Madras per Schiff nach Java und von dort zurück nach Europa, wohin sie schließlich im Jahr 1858 zurückkehrte. Nach Madras aber sollte sie ein ander Mal wieder zurückkehren.

 

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