Die Sonne: Urkraft allen Lebens

von S. Levent Oezkan

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Für die meisten Menschen ist die Kraft der Sonne einfach nur selbstverständlich. Vielleicht hörte man mal von ihrer immensen Größe, Masse, Leuchtkraft und Lichtenergie. Die Sonne aber ist viel mehr, als nur ein Objekt mit physikalischen Eigenschaften.

Dennoch bleibt sie für die meisten unter uns, nicht viel mehr als ein Schönwetterinstrument. Man ärgert sich über ihre anscheinende Abwesenheit an Regentagen und ihre Omnipräsenz an sommerlichen Hitzetagen. Andere haben Angst vor der Sommersonne, da sie angeblich schädliche Strahlen aussendet. Letztere sind aber einfach nur schlecht informiert, denn das Licht der Sonne, und das wussten schon die alten Ägypter, besitzt große therapeutische Kraft. Nicht nur hellt sie unsere Stimmung auf, sondern bildet auf natürliche Weise lebenswichtiges Vitamin D in unserem Körper und unterstützt Wachstum und Festigkeit unseres Skeletts.

Diese förderlichen Eigenschaften der Sonne sind wohl auch der Grund dafür, dass wir sie in der dunklen Jahreszeit vermissen. Wenn ab 21. September die Tage kürzer werden als die Nächte, sehnen wir uns alle, spätestens im November, nach den lichten, sonnenscheinerfüllten Sommertagen. November ist der Monat wo sich die Natur zurückzieht. Was blühte und grün war, wird welk, fällt nun ab und stirbt. Kein Wunder dass man seit Alters her im November Totenfeste feiert.

Im Gegensatz zu den dunklen Tagen um den Jahreswechsel, stehen natürlich die lichterfüllten Tage zwischen Frühlingsanfang und Sommeranfang. Den alten Menschen bedeutete der Sonnenhöchststand Ende Juni die endgültige Befreiung aus dem Dunkel der Nacht, das Lösen aus den Banden der Finsternis. Schließlich war mit dem Sonnenhöchststand im Jahr, die Sehnsucht nach dem befreienden Licht, endlich erfüllt.

Die Sonne ist Urkraft allen Lebens. Sie schenkt Licht, Wärme, Leben und Nahrung - jedes Jahr auf's Neue. In alter Zeit, als künstliche Lichtquellen noch rar waren, deutete man ihre Abwesenheit als Vorboten für Krankheit, Tod und das Böse. So wurde sie in der Kulturgeschichte der Menschheit zum Mittelpunkt des Daseins und wichtigster Faktor im Leben jedes Einzelnen. Darum dürfte es kaum verwundern, dass man die Sonne als heiliges Wesen verehrte. In manchen Kulturen stand die leuchtende Himmelsscheibe sogar auf der selben Stufe wie die höchste Gottheit.

In der Zeit des Pharao Echnaton war himmlische Sonnenscheibe Aton (auch: Aten) Gott-Ebenbild des Tagesgestirns. Vor etwa 3.300 Jahren erhob sie der Pharao zum höchsten und einzigen Gottessymbol. Gewissermaßen ist er damit Urvater des Monotheismus. Alt-ägyptische Hieroglyphen zeigen Aton stets als kreisförmige Sonnenscheibe, von der Strahlen ausgehen, die in Hände münden. Die Hände sind ein Symbol für die Kraft des Sonnenlichts, das alles aufrichtet, das mit ihm in Kontakt kommt. In manchen alt-ägyptischen Abbildungen, halten diese Hände zusätzlich das Lebens- und Heilsymbol ☥ Ankh.

Doch auch andernorts war die Sonne Mittelpunkt höchster spiritueller Verehrung. Das beweisen die alten Sonnentempel, wie etwa der von Stonehenge in Südengland. Wenn die Sonne am 21. Juni ihren nördlichsten Punkt erreicht hatte, sah man dort, am Morgen des Mittsommertages, den ersten Sonnenstrahl direkt über einem besonderen Stein aufleuchten, den man als "Fersenstein" bezeichnete. Er befand sich einige Meter außerhalb des Steinkreises, um die genaue Linie des Sonnenstrahls ermitteln zu können, die das Zentrum des Steintempel schnitt.

Solche und andere alte Sonnentempel, maßen die Strahlenwege der Sonnenaufgänge und Untergänge. Sie halfen damit den alten Menschen den genauen Zeitpunkt ihrer Jahresfeste zu ermitteln. Wenn am Mittsommertag der erste Morgenstrahl der Sonne, den Zeitstein (obiger Fersenstein) des Sonnentempels berührte, zeigte der Sonnengott dem gläubigen Volk, dass nun die Zeit der höchsten Kraft des Sonnenlichts anbrach. Ab nun sollten die Mühen belohnt werden, die man in den vergangenen Monaten auf den Äckern und in den Heinen arbeitete. Nun kamen die Früchte auf den Bäumen und die Ähren auf den Feldern zur Reife. Darum also huldigte man dem höchsten Lichtwesen - in der Hoffnung auf guten Ertrag.

Es wundert also nicht, dass die Bräuche der Sonnenverehrung schon sehr alt sind. Bereits die Griechen, Römer und wie auch die Menschen nordischer Länder, feierten am Mittsommertag große Feste - zu Ehren des Sonnengottes. Es war das Fest der Sommersonnenwende, vom 21. bis 24. Juni. In diesen Tagen blüht auch eine heilige Pflanze: das Johanniskraut. Man nennt die Pflanze auch "Herrgottsblut". Es liefert ein rotes Öl, das eingenommen, eine gemütsaufhellende Wirkung hat. Schon in alter Zeit braute man aus dem roten Öl berauschende Getränke, die wohl in der Mittsommernacht eingenommen wurden.

Seinen Namen erhielt das Kraut von Johannes dem Täufer, dessen Geburtstag von der Kirche auf den 24. Juni festgelegt wurde. Damit wird das Fest Johanni genau ein halbes Jahr vor (bzw. nach) Weihnachten gefeiert, und die Jahresfeste von Christi- und Johanni-Geburt stehen sich im Jahreskreis genau gegenüber.

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Der alte Steintempel von Stonehenge (Südengland) wurde, in mehreren Phasen, bereits vor 4500 Jahren errichtet. Über diese uralte Tempelanlage schreibt ausführlich Johan von Kirschner im Lehrbuch der esoterischen Erdkunde (auf amazon.de).

In den Tagen an denen die Sommersonnenwende stattfindet, weicht die Sonne nicht ein einziges Winkelgrad von ihrer täglichen Bahn ab. Darum hat man diesem Ereignis einst den lateinischen Namen Solstitium gegeben: "Stillstand der Sonne". Während dieses kosmischen Ereignisses, erreicht das tägliche Sonnenlicht sein Maximum. So folgen diesen längsten Tagen, die kürzesten Nächte des Jahres. Doch wie alle Dinge enden, wenn sie am schönsten sind, so endet hiernach auch die Phase, in der die Sonnenstunden zunehmen. Mit dem 25. Juni wächst allmählich wieder die Finsternis im nächtlich-verborgenen. Die Sonnenstunden nehmen jeden Tag ein paar Minuten ab, bis nach der Herbsttagundnachtgleiche die Nachtstunden wieder überwiegen.

Sicher aber ist, dass auch nächstes Jahr wieder eine Sommersonnenwende stattfindet.

 

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