Salomons Liebeslied

von S. Levent Oezkan

Sinnlichste aller biblischen Schriften und Buch höchster Vortrefflichkeit: Das Hohelied Salomons. Wer es auch immer ließt, wird sich seines erbaulich-heiligen Schrifttums sofort bewusst. Wohl kaum einem anderen Dichter gelang es, sich poetisch der Schönheit der Verse des salomonischen Hohelieds zu nähern. Doch wer sollte es lesen?

Fraglos, dass dieses außergewöhnliche Poem vom Leser eine gebührende Reife verlangt. Frommen Juden gilt es darum als verpönt, diese Schrift zu studieren, bevor man das 30. Lebensjahr erreicht hat. Nur wer über ein adäquates Maß an Lebenserfahrung verfügt, soll in den Gefilden jener heiligen Mysterien des Hohelieds zurechtfinden.

Vielleicht bleibt vieles in den Versen des Hohelieds unerklärlich. Trotzdem findet der Leser darin tiefste Erkenntnis, über das wahre Wesen der Liebe.

Dreifältige Liebe

Für manche ist das Hohelied Teil eines dreistufigen Einweihungsweges. Für diese drei Stufen stehen allegorisch die drei Bereiche des alten Salomonischen Tempels zu Jerusalem.

Durch seine Weisheitsbücher öffnet Salomon drei Pforten, die den Initianden in die Mysterien der Liebe einweihen.

Zuerst führt er den Leser durch das Buch der Sprichwörter, in das sittliche Wertesystem ein. Allegorisch betritt er damit den Vorhof des alten Tempels zu Jerusalem. Im Buch Kohelet, worin Salomon als Prediger auftritt, erklärt er dem Leser wie er den Zugang zur Natur des Sinnlichen findet, versinnbildlicht durch das Tempelheiligtum. Die höchsten Mysterien schließlich findet er im Hohelied Salomons. Es ist die Einweihung in die mystische Verbindung zweier Liebender - doch auch zwischen Gott und der Tempelgemeinde. Hier nämlich waltet der Hohepriester allen Liebseins seines Amtes - im Allerheiligsten des salomonischen Tempels, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn (Jah)

- Hohelied 8:6

In allen Mysterienschulen spielt der Tod eine zentrale Bedeutung. Denn beim Überschreiten der Schwelle zwischen Leben und Sterben, erfährt der Initiand Einheit - erlebt Ein-Weihung.

Schulamith - ewigeweisheit.de

Schulamith - die Tochter des Pharao. Illustration von Ephraim Moses Lilie in "Die Bücher der Bibel".

Schöne Tochter Schulamith

Im Mittelpunkt des Hohelieds steht eine Frau: Schulamith, die schöne Tochter des Pharao. Ihr Gesang eröffnet und beschließt die Sammlung. Von ihr strömt das Liebende aus, als weiblicher Widerpart Salomons, dem Prinz des Friedens. Schulamith ist die Weingärtnerin, Schäferin, Gemahlin des Prinzen. Er aber ist ein bittstellender Fürst, neugierig, wirbt er durchnässt von nächtlichem Tau, um die Gunst der bezaubernden Schulamith.

Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen.
Der König führte mich in seine Kammern.
Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich;
wir preisen deine Liebe mehr als den Wein.
mit Recht lieben sie dich!

- Hohelied 1:4

Wer aber ist hier gemeint? Doch nicht nur eine Person. Freut sich etwa gemeinsam an der Liebe eines verborgenen Dritten? Ein ständiger Wechsel der Protagonisten, der plötzliche Übergang von der Rede der einen, in die Rede einer anderen Person: das lässt einen als Leser tatsächlich wechseln, zwischen Vorstellungen erotischer, zwischenmenschlicher und göttlicher Liebe - aus religiöser Sicht scheinbar unvereinbar. Auch wenn der Gottesname nur an einer Stelle im Hohelied Erwähnung findet, in seiner abgekürzten Form Jah, ließe sich die im Hohelied beschriebene Liebe zwischen Mann und Frau, durchaus als Allegorie auf die Beziehung zwischen Gott und Israel deuten. Christen deuteten das Hohelied daher später auch um, auf das Verhältnis von Christus zu seiner Gemeinde.

Dem Leser ist also nicht immer klar, ob die schöne Schulamith mit einem oder mit zwei männlichen Charakteren, ob sie mit Salomon oder zu Gott selbst spricht.

Schwarz bin ich, doch gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems!
Wie die Zelte Kedars, wie Salomons Zeltdecken.
Seht mich nicht an, daß ich so schwärzlich bin, dass die Sonne mich verbrannt hat.
Die Söhne meiner Mutter zürnten auf mich; sie bestellten mich zur Weingärtnerin - meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet!

- Hohelied 1:5-6

Es sind lustvolle Andeutungen, die im Leser sofort ein Gefühl der Sinnlichkeit wachrufen. Doch es sind auch Allegorien, die seit alter Zeit assoziiert wurden mit dem Verhältnis, in dem das Volk Israel zu Gott steht. Insbesondere im Christentum ist das Bild vom Liebenden und dem Geliebten, eine wichtige Metapher für die Rolle Christi als himmlischem Liebesgesandten.

Blume zu Saron - ewigeweisheit.de

Illustration aus "Geheime Figuren der Rosenkreuzer" (1785)

Die Essenz des Hohelieds

Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal.
Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern.
Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen.
Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süß.
Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Banner über mir.
Er erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe.
Seine Linke liegt unter meinem Haupt, und seine Rechte herzt mich. [...]
Meine Taube in den Felsklüften, in den Steinritzen, zeige mir deine Gestalt, lass mich hören deine Stimme; denn die Stimme ist süß, und deine Gestalt ist lieblich.
Fanget uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge haben Blüten gewonnen.
Mein Freund ist mein, und ich bin sein, der unter Rosen weidet.

- Hohelied 1-6,14-16

Die wörtliche Interpretation des Buches ließe sich als Abhandlung über die Verlobung und Hochzeit der Königstochter Schulamith und Königs Salomon verstehen.

Andererseits ist auch möglich, jene Zeilen als die Entscheidung der Prinzessin zu deuten, wem sie sich tatsächlich zuwendet: König Salomon oder dem geliebten Schäfer. Doch eben jenen trifft sie auch in ihrem Schlafgemach.

Schulamith denkt an anderer Stelle an ihren Geliebten, der da aber nicht König Salomon ist, sondern wieder Gärtner und Hirte:

Mein Freund ist hinabgegangen in seinen Garten, zu den Würzgärtlein, dass er weide in den Gärten und Rosen breche.
Mein Freund ist mein, und ich bin sein, der unter den Rosen weidet.

- Hohelied 6:2-3

König Solomo. Russische Ikone - ewigeweisheit.de

König Solomo. Russische Ikone aus dem ersten Viertel des 18. Jhd.

Liebeserkenntnis

Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und deiner Nase Duft wie Äpfel

- Hohelied 7:8

Auch in die Kunst der Liebe kann man eingeweiht werden. Nicht zufällig, war es jene »Kunst«, von der Adam und Eva erfuhren, nachdem sie den verbotenen Apfel aßen, vom Baum der Erkenntnis.

Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger

- Genesis 4:1

Es geht besonders um die rechte Wahl, die man als Liebende oder als Liebender trifft: mit wem will man sich vereinen, mit wem vielleicht Kinder zeugen? Doch es lässt sich diese Wahl nicht von alleine treffen. Man muss auf die kommende Liebe auch warten können.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems [...] weckt nicht auf, erweckt nicht die Liebe, bis es ihr selbst gefällt!

- Hohelied 3:5

Was das Allerwichtigste ist in der Liebe zwischen zwei Verliebten, darüber spricht das Hohelied. Man findet darin zu wahrem Verständnis über die Liebe des Anderen und jene Erinnerung daran, dass man einst, bestimmt ja auch selbst verliebt war oder wie es sich anfühlte geliebt worden zu sein.

Einführung in die Kunst zu Lieben

So wie das Hohelied Salomons geschrieben wurde, kann es wirklich als Lehrbuch der Liebe gelesen werden. Es geht um die »Wahre Liebe« und das Finden der oder des »Wahren Geliebten« – jemandem, der erst als solcher enthüllt werden muss, sich einem als solcher offenbart.

Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Brunnen.

- Hohelied 4:12

Wenn man jenen Menschen aber gefunden hat, so zeigt sich einem die wahre Liebe, man hört und spürt sie rauschen wie die Wasser einer lebensspendenden Quelle:

Eine Gartenquelle bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers und vom Libanon rinnende Bäche.

- Hohelied 4:15

Der Verfasser des Hohelieds schrieb über das Warten auf die Liebe. Darin liegt die ganze Magie, ist doch die Liebe schon nicht mehr die selbe, wenn man sie bereits gewonnen hat.

 

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