Hermetik / Alchemie

Marsianische Einflüsse im Eisernen Zeitalter

von S. Levent Oezkan

Marsoberfläche - ewigeweisheit.de

Lange bevor man Uranus, Neptun und Pluto als Planeten identifizierte, war unser roter Himmelsnachbar einer von fünf Planeten, die mit Sonne und Mond, zu den sieben klassischen Himmelskörpern zählen. Diese astrale Siebenheit korrespondiert zudem mit sieben Zahlen und sieben klassischen Metallen.

Die Sechs der Sonne strahlt golden, die Neun des Mondes glänzt silbern, die Fünf des Mars rötelt eisern, Merkurs Acht ist quecksilbrig, Jupiters Vier zinnern, und die Drei des trägen Saturn ist schwer wie Blei. Der Mars also entspricht der Fünf und befindet sich tatsächlich als fünfter Globus am Rande des inneren Asteroidengürtels unseres Sonnensystems.

Dass außerdem das Metall Eisen mit dem Planeten Mars zu tun hat, liegt auf der Hand: die grenzenlosen, roten Wüsten, die seine Oberfläche unter sich begraben, bestehen hauptsächlich aus Eisenoxid (siehe Titelfoto). Damit ist der Mars ein buchstäblich "rostiger Planet", denn das rote Eisenoxid seines Gesteins, ist die gleiche Substanz, die auch beim natürlichen Zerfall von Eisen oder Stahl auf der Erde entsteht. Bis auf das Eisen, sind alle anderen klassischen Metalle entweder zu edel um zu oxidieren (wie Gold, Silber, Quecksilber) oder bilden einen dünnen Schutzfilm, der sie vor weiterer Korrosion bewahrt (wie bei Kupfer, Zinn, Blei). Eisen fehlen solche Eigenschaften und es scheint sich regelrecht danach zu sehnen, in Stücke zu gehen.

Trotz der charakteristischen Unbeständigkeit des Eisens, ist es dennoch das härteste aller klassischen Metalle. Oberflächlich betrachtet ein Widerspruch. In Wirklichkeit aber verbirgt sich darin ein tiefes Geheimnis, das den ewigen Kreislauf allen Werdens und Vergehens im Universum bedingt.

Mundöffnungsritual – ewigeweisheit.de

Das alt-ägyptische Mundöffnungsritual, Darstellung aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. im Papyrus Hunnefer. Unten links im Bild die sogenannte "Mundöffnungsdeichsel" aus Himmelseisen.

Heiliges Metall aus dem All

Seit dem Altertum diente Eisen wegen seiner Härte der Herstellung von Waffen. Bevor man ab etwa dem 5. Jahrhundert v. Chr. begann Eisenerz zu verhütten, also aus Eisen Stahl herzustellen, verwendete man außerirdisches Eisen.

Sowohl im alten Tibet, in Mesopotamien, wie auch im alten Ägypten, wussten kluge Schmiede, wie sie aus niedergegangenen Meteoriten ein Metall isolierten, dass sie das "Himmelseisen" nannten – einer besonderen Eisenlegierung. Von diesem außerirdischen Metall spricht auch der Koran in der Sure Al-Chadid - "Das Eisen":

Und wir haben das Eisen herabkommen lassen, das viel Kraft in sich birgt und für die Menschen auch von Nutzen ist.

- Sure 57:25

Auch den Alten Ägyptern galt dieses Himmelsmetall als etwas Heiliges. Schon vor über 3.300 Jahren ließ sich der berühmte Pharao Tutanchamun daraus einen Dolch fertigen, der aber weniger eine kriegerische Waffe war, als er vielmehr ein Symbol seiner gottgleichen Macht darstellte. Schließlich war er aus himmlischem Stahl gemacht. Im Ägyptischen Totenbuch ist dieses außerirdische Metall ebenfalls von Bedeutung. Daraus nämlich ließen die ägyptischen Hohepriester ein besonderes Werkzeug schmieden: Die Mundöffnungs-Deichsel. In einem heiligen Ritual öffneten man damit symbolisch den Mund der Mumie des Pharao, um einen Teil des Seelenleibes aus dem dahingeschiedenen Körper zu erlösen.

Zwar indirekt, doch auch hier wieder war Eisernes an einem Degenerationsprozess beteiligt. Gewiss könnte man darum behaupten: Nicht nur seinem physikalisch-chemischen Wesen nach versinnbildlicht Eisen den Wechsel zwischen Strukturierung und Verfall. Aus roter Erde gewonnen lässt es sich im Feuer zu härtestem Stahl schmieden, womit in unserer materiellen Welt Wichtiges gebaut, doch damit auch immer wieder zerstört wird, wie etwa durch stählerne Waffen von Panzern, Kanonen und anderem Kriegsgerät. Doch selbst die sanftesten der vier Elemente, Wasser und Luft, korrodieren das harte Eisen über die Zeit hinweg zu rotem Rost.

Stahlarbeiter – ewigeweisheit.de

Ein Stahl-Arbeiter in der Hochofenanlage des Stahlwerks Thyssen in Duisburg (Foto: Deutsches Bundesarchiv; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Die Geburt des Patriarchats

Wie Eingangs erwähnt, wirkt im Eisen der Erde ein marsianischer Kräftestrom. Als die Sonne vor 4.200 Jahren zu Frühling im Sternzeichen Widder aufging, überwog der Einfluss des Mars. Er nämlich ist der planetarische Regent des astrologischen Widders.

Die damalige Weltkultur stand unter dem Einfluss dieser marsianischen Regentschaft, die seitdem an Bedeutung sogar zunahm. Auch wenn heute viel grausamere Kriege geführt werden, sind sie jedoch nur Nachzügler dessen, was damals das astrale Bewusstsein unseres Planeten prägte: der Archetyp des Patriarchats.

Am Ende des Widder-Zeitalters strebte diese martialische Kultur auf ihren Höhepunkt zu. Alexander der Große eroberte weite Teile der damals bekannten Welt. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Römer ihr großes Weltreich. Das war aber auch die Zeit, als man Begann Waffen aus norischem Eisen zu schmieden.

An der Bedeutung des Eisens aber, hat sich für die Menschheitskultur nichts geändert. Wir verwenden dieses "ambivalente Metall" überall: in Stahlbewährungen in Häusern, Strommasten, Bahngleisen, Fahrzeugen, Maschinen, Waffen, Smartphones, Computern, Telefonen, Essbesteck und in allen nur erdenklichen Werkzeugen. Alle samt werden aus oder mit Eisen- beziehungsweise Stahlteilen hergestellt.

Das Planetarische Gedächtnis des Mars

In dieser Hochphase der Eisennutzung, scheint sich jedoch das esoterische Wesen jenes alten Planetengeistes, im maskulinen Archetypus Mars allgegenwärtig zu manifestieren. Unser Nachbarplanet selbst aber, befindet sich gegenwärtig in einer Ruheperiode. Seine Oberfläche ist tiefgefroren – fast tot.

Gab es vielleicht einst aber Leben auf unserem Nachbarplaneten?

Im Jahr 1888 schrieb die russische Theosophin Helena P. Blavatsky dazu in ihrem Buch "Die Geheimlehre":

Über die aryanische Menschheit und ihre Ursprünge weiß die Wissenschaft ebenso wenig, als über die Menschen von anderen Planeten. Mit Ausnahme von Flammarion und ein paar Mystikern unter den Astronomen, leugnet man zumeist sogar die Bewohnbarkeit anderer Planeten. Hingegen waren die Gelehrten der frühesten Gesellschaften des aryanischen Stammes solch große Adept-Astronomen, dass sie weit mehr über die Gattungen auf dem Mars gewusst zu haben scheinen, als der moderne Anthropologe von jenen der frühen Stadien der Erde weiß.

Es wäre meines Erachtens nach jedoch unsinnig Überlegungen anzustellen, wie solche Wesen einer Marskultur wohl ausgesehen haben könnten. Denn sicher unterschieden sie sich von unserem Leben ganz und gar - innerlich wie äußerlich. Doch das Leben auf dem Mars bestanden haben könnte, ist durchaus anzunehmen. Denn wie man seit Längerem weiß, besteht die Mars-Atmosphäre zu 95% aus Kohlendioxid. Und da Kohlenstoff, wie auch Wasser, Voraussetzungen für biologisches Leben sind, könnte es vielleicht sein, das einst eine verheerende Katastrophe, alles Leben auf dem Mars auslöschte.

Man sagt das Leben auf der Erde kam aus dem Meer. Umso faszinierender darum, dass sich am Südpol des Mars ein riesiger Salzwasser-See befindet. Ist er der Überrest eines einstigen Meeres das vielleicht sogar große Teile des Planeten bedeckte?

Planet Mars – ewigeweisheit.de

Bläulich-weiße Wassereiswolken über den marsianischen Vulkanen von Tharsis.

Übergang in eine neue Zeit

Was wir über den Mars, seine Geologie und Atmosphäre wissen, ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen in den vergangenen 50 Jahren mehrere Dutzend Raumsonden auf den Weg zu unserem eisernen Himmelsnachbarn sandten. Als sich die erste Raumsonde 1962 auf den Weg dorthin machte, gab es in Deutschland weder Farbfernsehen, noch Home-Computer, geschweige denn Mobil-Telefonie. Nicht einmal den Geheimdiensten stand das zur Verfügung, was heute jeder in seinem Leben als Internetzugang voraussetzt.

Vor genau 3 Monaten nun, startete eine weitere Marsmission: die NASA-Raumsonde InSight, landete Ende 2018 auf dem Mars, um das Innere des Planeten zu inspizieren, doch auch Wetterdaten auf dem Mars auf die Erde zu senden. All das sind Vorbereitungen auf eine für 2030 geplante bemannte Mars-Mission.

Wenn sich unsere Erde als eigenes planetarisches Bewusstsein denken lässt (Gaia), ließe sich solche Vorstellung ebenso auf unseren Nachbarn Mars anwenden. Man könnte darum sagen, dass wir in unserer Verbindung zum Mars, den Fluss eines Kräftestroms in Gang gesetzt haben, dessen Auswirkungen wir bisher noch nicht kennen, meiner Meinung nach aber bereits deutlich spüren.

Es treibt uns Menschen die Neugier, selbst in die kosmischen Überwelten einzugreifen, um mehr über ihr inneres Wesen zu erfahren. Auch die vom mythischen Schmied Hephaistos erschaffene Pandora, war nur zu neugierig. Ihr Wissensdurst aber brachte nur Sorgen und Leid über die Welt. Scheinbar jedoch hat die menschliche Entdeckerfreude für den Mars, einen unsichtbaren Kraftstrom angezapft, dessen martialische Einwirkungen vielleicht stärker als denn je auf unseren Planeten Erde zurückwirken.

Das Eiserne Geschlecht

In diesem Augenblick wohl schauen Sie in den Bildschirm eines Computers oder Smartphones. Doch was Sie da vielleicht in Händen halten, wäre inexistent, wären die Vorgängermodelle seiner Bestandteile, nicht ursprünglich zu militärischen Zwecken entwickelt worden.

Der englische Mathematiker Alan Turing entschlüsselte mit riesigen Rechenmaschinen den Enigma-Code der Nazis, was einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg markierte. Er war einer der Urväter des heute allgegenwärtigen Internets, dass aber erst nach dem Ende des Kalten Krieges für die Zivil-Gesellschaft freigegeben wurde. Heute befriedigt es menschliche Neugierde mehr denn je.

Relation Erde / Mars – ewigeweisheit.de

Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

- Heraklit

Vor 2.700 Jahren entwickelte der griechische Dichter Hesiod eine Anti-Utopie von einer finsteren Zukunft. In seinem monumentalen Gedicht "Werke und Tage", nannte er fünf Menschheitszeitalter, von denen das Eiserne das letzte ist:

Denn jetzt hauset ein eisern Geschlecht, das weder am Tage ausruhen wird von Mühen und Leid, noch während der Nachtzeit, völlig verderbt; auch senden die Götter noch lastende Sorgen. Trotzdem wird auch ihnen zum Bösen sich Herrliches mischen. Doch auch dieses Geschlecht hinfälliger Menschen vertilgt Zeus, wenn gleich nach der Geburt an den Schläfen die Kinder ergraut sind. Einig sind nicht mit dem Vater die Kinder, nicht dieser mit jenen; nicht mit dem Wirte der Gast, der Gefährte nicht mit dem Gefährten; nicht wird teuer der Bruder noch sein, wie einst er's gewesen ist.

Was Hesiod darin präsentiert, passt recht gut auf die Verfassung der Gegenwart. Auch wenn manche sich nach einem Ende dieser Welt sehnen oder gar als Hiobsbotschafter den Jüngsten Tag heraufbeschwören, scheint zumindest die Welt, wie sie unsere Urgroßeltern kannten, sich grundlegend zu verändern.

Neben der menschlichen Intelligenz, wächst gerade eine neue, global umspannende digitale Intelligenz, die schon in wenigen Jahren gescheiter sein wird, als die gesamte Menschheit. Bleibt zu hoffen, dass sie auch eine Schläue entwickelt, die hilft, aus unserem Planeten Erde, für alle Menschen einen besseren Ort zu machen.

Bei all den Endzeiterwartungen vieler Esoteriker steht fest: Nichts endet, ohne dass ihm ein Neuanfang folgt. Zeit ist zyklisch und nicht linear. Manches wiederholt sich zwar, doch immer auf neue Art. Der indische Weise Sri Yukteschwar schrieb hierüber von einem großen Zyklus von ungefähr 24.000 Jahren, an dessen Tiefpunkt wir uns gerade befinden: dem Kali-Yuga – dem "Zeitalter des Streits". Dieser dunklen Weltperiode aber wird wieder ein lichtvolles, goldenes Zeitalter folgen.

Matriarchat – Patriarchat – Lumenarchat

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre mit dem polnischen Philosophen Henryk Skolimowski (1930-2018) eine Unterhaltung über den Zustand unserer Weltgesellschaft zu führen. Skolimowski schilderte dazu eine sehr interessante Perspektive:

Wenn wir zurückblicken in die ferne Vergangenheit vor 7.000 Jahren, standen die Menschen unter dem Einfluss einer göttlichen Ordnung, wo Gerechtigkeit und Mitgefühl herrschten. Leider aber drängten manche Menschen in patriarchal geprägten Gesellschaften, die ursprüngliche Ordnung auf unserem Planeten zu missachten. Im Matriarchat galt ein "Leben und Leben lassen", was aber anscheinend dem patriarchalen Gedanken eines "Lebenmüssens" weichen sollte. Die patriarchal geprägte Weltgesellschaft aber hat uns Menschen offensichtlich die Voraussetzungen genommen, weiterhin ein gutes Leben zu führen. Doch ebenso unmöglich lässt sich das alte Matriarchat wieder einführen. Wohin also bewegen wir uns?

Vielleicht kann die Menschheit Matriarchat, Patriarchat und Anarchie transzendieren, um Licht als große kosmische Mutter zu vermitteln – als Quelle aller Energie und Nahrung. Das wäre die Geburt des Lumenarchats: dem Zeitalter des Lichts.

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?

Hermetik des Wassers

Mercurius: Dem wässrigen Prinzip am ähnlichsten.

Wasser sucht sich immer den kürzesten Weg, doch sich ausbreitend, steigt es niemals auf. Es führt immer in seinem Aggregat, dem flüssigen, nach unten. Und in dieser Form gleicht es sich allen Bewegungen an - heftigen, wie lauen Wellenbewegungen an der Oberfläche - zwischen seinem Aggregat und dem des Luftartigen, des zum Geistigen hinstrebenden.

Sichtbar ist das Wasser nur in seiner flüssigen Form, entweder in einem Fluss, in einem See oder in einem Meer. Als Regentröpfchen im Himmel schwebend, ist es gleichzeitig verbunden mit der Erde und verbunden mit der Luft des Himmels. So steht Wasser zwischen beiden Sphären im Austausch: verdunstet, steigt auf und fällt als Regen hinab.

Transmutation auf Gold

Transmutation auf Gold

transmutation auf Gold - ewigeweisheit.de

Assoziativ gesprochen: bei der Transmutation auf Gold geht es auch um den Drachen. In verschiedenen Mythen und Legenden bewacht er, in Höhlen wohnend, das kostbare Sonnenmetall. An einem unzugänglichen Hort im Innern der Erde hält er es verborgen.

Wegen seines unteriridschen Wohnorts scheint er zwar ein recht jämmerliches Dasein in der Dunkelheit zu fristen, doch der Drache birgt in sich ein Feuer, dass er aus dem Gold bezieht. Ja, aus dem Gold!

Gold galt den Alten als geronnenes Sonnenlicht und war somit auch ein Sinnbild äußerer Wärme. Deshalb jagt der Drache dem Gold nach, so die Alchemisten. In der düsteren Kälte der Felsen seiner Gruft würde es ihn sonst wohl frieren. Bevor das Gold in der Sonne glänzt, verbirgt es also ein Drache vor allen Menschen bei sich, im Dunkel der Erde.

Sankt Michael tötet den Drachen - ewigeweisheit.de

Sankt Michael tötet den Drachen. Spanische Illustration aus dem frühen 15. Jahrhundert.
Die Rote Farbe seiner Rüstung ließe sich als Hinweis auf die Rubedo (Rötung) deuten: Die letzte und höchste Stufe im großen Werk bei der Bereitung des Steins der Weisen. Jenen legendären Stein verwendeten die Alchemisten um unedle Metall in Gold umzuwandeln.

Gottessohn des Lichts

Sonne und Gold sind beides Symbole reinen Lichts. Vis-a-vis stehen ebenjene Symbole der Dunkelheit. Als Sonnenkönig ist der alt-griechische Gott Apollon das lichterfüllte Gegenstück zum schwarzen Drachen Delphis. Apollon aber tötete ihn und damit endete eine alte Zeit, so dass etwas Neues geboren werden konnte: das goldene Zeitalter des Lichts. Das aber ist lange her.

Apollon ist ein Lichtbringer, dem man als solchem im späteren Christentum aber den Namen Luzifer gegeben hätte (Lichtbringer oder Lichtträger). Unwissende setzten ihn damit wohl auch gleich, mit der alten Schlange Satan. Dann aber haben wir wieder mit dem Drachen zu tun. Was nun also? Beides?

Gutes und Böses, zwei Seiten der selben Münze auf deren Rand eine Gravur zu lesen ist:

ABRAXAS

Das ist der griechische Name des Gottessohnes der 365 Tage, dem Zeitraum in der sich die Erde um die Sonne "schlängelt". Was aber hat dieser Name mit 365 zu tun? Nun, es soll nicht alles gleich verraten werden. Aber: Sechs mal Sechs mal Zehn und Fünf – oder: 1 + 2 + 100 + 1 + 200 + 1 + 60 = 365. Was hat es damit auf sich?

Diabolisch. Symbolisch. Metabolisch

Werfen wir aber zunächst einmal einen Blick auf das Sinnbild des Lebensbaumes der Kabbala. Diese Struktur nennen manche jüdische Gelehrte den Sefirothbaum. Sefiroth sind archetypische Konzepte, wenn man so will, etymologisch verwandt mit dem deutschen Wort für die "Sphären", hermetischen Gefäßen quasi, in denen sich ganz besondere Eigenschaften verwirklichen lassen, sobald man einen Weg hinein gefunden hat. Dann aber lassen sich in solch abgeschlossenen Einheiten alchemistische Prozesse anstoßen.

In manchen Darstellungen sieht man ein Reptil, eine schwarze Schlange, die sich entlang der Äste dieses geheimnisvollen Lebensbaumes nach oben windet, zur Krone – "nach Kether hin", wie die Kabbalisten sagen. Eine Sonne aber leuchtet im Zentrum dieses Wunderbaumes. Und diese solare Mitte umhüllt Tiphereth, die Schönheit, die sechste Sefirah (Singular von Sefiroth) im Lebensbaum der Kabbala.

Kabbala-Gelehrte haben später die Alchemisten dazu inspiriert, den einzelnen Positionen im Lebensbaum, bestimmte planetarische Mächte zuzuordnen. An der sechsten Position im Lebensbaum aber, der Sefirah Tiphereth, befindet sich gemäß der chaldäischen Reihe die Sonne. Sechs entspricht dem Sonnenlicht.

Nun lesen wir im Neuen Testament:

Und ich sah ein anderes Tier aus der Erde aufsteigen; und es hatte zwei Hörner gleich einem Lamm, und es redete wie ein Drache. [...] Hier ist die Weisheit. Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres!

- Offenbarung 13:11,18

Wer weiterließt kommt zur Symbolik dreier Sechsen. Und jene Zahl, die hier nich stehen muss, ergibt sich wie folgt: In der Magie ist die Rede vom sogenannten "Planetenquadrat der Sonne". Zu diesem, wie zu den anderen sechs klassischen Himmelskörpern, gibt's ein magisches Quadrat. Warum aber magisch? Schauen wir uns dazu einmal die erste Reihe der folgenden Tabelle an, die so ein magisches Quadrat zeigt:

 

6 32 3 34 35 1
7 11 27 28 8 30
19 14 16 15 23 24
18 20 22 21 17 13
25 29 10 9 26 12
36 5 33 4 2 31

 

Addiert man nun einmal alle Zahlen in der obersten Reihe, da erhält man eine bestimmte Summe. Magisch an dieser Figur ist nun die Tatsache, dass egal aus welcher Reihe des Quadrats man die Zahlen zusammenzählt (sechs waagrecht liegende Ziffern, sechs senkrechte oder die beiden diagonalen Zahlenreihen), man immer die selbe Summe sieht. Und da dieses magische Quadrat der Sonne dem Gold und damit auch der Zahl Sechs entspricht, fühlt sich vielleicht die eine oder der andere dazu verleitet, diese Summe eben mit Sechs zu multiplizieren. Und siehe da: Man hält wohl inne, beim Entdecken des wirklichen Endes vom 13. Kapitels jener Offenbarung, aus der wir oben zitierten.

Als erstes sechsmal gesprochen FALABA CALADA LEA.
Danach dann ...

Wissen Sie wie es weitergeht? Obiges Sonnenquadrat verrät's. Drum Vorsicht!

Der Rote Löwe

Wenn nun also die Sonne sym-bolisch aus der sechsten Sefirah Tiphereth strahlt, ist ihr, aus alchemistischer Sicht, das Metall Gold zugeordnet (so wie der Dritten das Metall Blei, der vierten Sefirah das Zinn und der fünften das Eisen) – das Metall also, dass dem dia-bolischen Drachen in seiner pythischen Erdspalte Wärme spenden soll.

Wiederum steht in diesem Zusammenhang nun, mit der zuvor erwähnten, durch den Sonnenkönig Apollon vollzogenen Tötung des bösen Drachen (der die dortige Erdspalte bewachte woraus ein edles Gas hervorströmte), die christliche Symbolik St. Michaels. Erzengel Michael – in der Kabbala bewohnt auch er die sechste Sefirah Tiphereth – erstach den Drachen, stürzte ihn vom Himmel, wo sich ja bekanntlich der paradiesische Lebensbaum befindet – so dass er ins Innere der Erde fiel: Die irdische Unterwelt des Drachen den Apollon erschlug. In der Symbolik Michaels und des Drachen sieht man den Erzengel, wie auch er mit Schwert oder Lanze, das reptilische Ungeheuer tötet. Es geht hier um die "Marter der Metalle", wie es die Alchemie nennt. Mit Lanzenklingen wurde auch Christus am Kreuz von seinen Martern erlöst und Johannes der Täufer vom stählernen Schwert enthauptet. Und dies hat auch eine Querverbindung zum Element Feuer, so wie das Schwert dem Element Luft, der Kelch oder Gral dem Element Wasser und der Stein dem Element Erde zugeordnet sind.

Wenn Michael nun also den Drachen mit einer Lanze ersticht, so kommt da das Feuerprinzip ins Spiel. Ist das dann nicht auch eine Transmutation auf Gold? Man denke etwa an das Simileprinzip des Paracelsus, und assoziiere damit die Reihe: Feuer – Lanze – Sonne – Gold. Und wenn nun die Lanze, ihrer esoterischen Bedeutung nach, mit dem Feuer assoziiert wird, und das Feuer das Element des astrologischen Löwen ist, einem Sternbild über das, astrologisch, wiederum die Sonne regiert, so kommt hier sicher auch der "Rote Löwe" (auch: "Roter Leu") der Alchemisten ins Spiel.

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Königin im Glas,
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?

Aus Goethes Faust – Der Tragödie erster Teil: "Vor dem Tor", Faust zu seinem Famulus Wagner

Jede Veredelung (Transmutation auf Gold) erfolgt ancheinend über den leidvollen, ja sogar qualvollen Weg (Marter). Das Körperliche Prinzip muss geopfert werden, entsprechend dem am Kreuz geopferten Leib Christi, damit das Lichtprinzip der Geistesseele entweichen kann, wie auch der Heilige Dunst aus der Erdspalte zu Delphi, wo nach Apollons Sieg, seither ein toter Drachen fault.

Sonne und Drachen,
wie Apollon und Python,
in Licht und Finsternis,
durch Feuer und Erde,
ergeben die Sechs mal Drei
und Gold aus Blei.

LAFELAC DABLA

 

 

Das Erbe der Rosenkreuzer

von S. Levent Oezkan

Titelseite von Summum Bonum (Robert Fludd) - ewigeweisheit.de

Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentlichen Unbekannte in Kassel und Straßburg drei Schriften mit den Titeln Fama Fraternitatis, Confessio Fraternitatis und Chymische Hochzeit. Sie sollten dereinst die Fundamente einer Geheimbruderschaft bilden, die über ein Wissen verfügte, das anscheinend weit über dem stand, was man damals an den Universitäten Europas lehrte.

Aus dem Verborgenen richteten sich damit die Mitglieder eines geheimen Zirkels an die Gelehrten und Oberen der damaligen Gesellschaft Europas. Ihr anscheinend überlegenes Wissen bezog sich auf zwei sonderbare Bücher: das Liber Mundi und das Liber Theos.

Im Liber Mundi, auch Liber M genannt, finden sich Beschreibungen über besondere Geheimnisse in der Welt. Es ist das »Buch der Natur«, worin Wissen über das Wesen der Mineralien, Pflanzen und Tiere zu finden ist – ein Buch der Naturwissenschaften also. Gewissermaßen ähnelt es der mythischen Smaragdtafel des Thoth-Hermes, die im Akasha existiert, als ein vom Weltengeist eingeprägtes Schriftwerk.

Das andere Buch ist das Liber Theos, das man auch als Liber T kennt. Wie der Name »Theos« bereits vermuten lässt, ist das das »Buch Gottes«. Daraus offenbaren sich dem Eingeweihten Erkenntnis und Inspiration, die aus der geistigen Welt kommend, anregend wirken auf seine Fähigkeit zu erfahren.

Wo befinden sich die Bücher M und T?

120 Jahre nach dem Tod des geheimnisvollen Christian Rosenkreuz, fanden Ordensbrüder sein Grab. Darin entdeckten sie auch die beiden Bücher Liber M und Liber T. So wie Christian Rosenkreuz dort lag, als nicht verwester Leichnam, hielt er letzteres Buch in Händen. Weniger aber war es ein tatsächlich physisches Buch, als vielmehr das, was man als sein geistiges Vermächtnis bezeichnen könnte. Das Liber T bildet die Grundlage des Rosenkreuzer-Schulungsweges.

Weniger geht es in den beiden Büchern um Wissenschaft an sich, als das darin vielmehr eine Gnosis beschrieben wird, aus der sich die inneren Vorgänge des Universums beschreiben lassen. Außerdem heißt es, dass in jener Bruderschaft der Rosenkreuzer, Alchemisten zugegen waren, die tatsächlich unedle Metalle zu transmutieren vermochten in lauteres Gold. Heute aber klingt so etwas wohl recht fragwürdig, ja es mag manche gar an Satire erinnern, wenn das Wort »Alchemie« fällt. Eigentlich aber ging es jenen Eingeweihten weniger darum, tatsächlich Gold herzustellen. Das erschien ihnen eher nebensächlich, zumal sich die Mitglieder dieser Bruderschaft, um solch weltliche Dinge nur wenig kümmerten.

Die Alchemisten unter den Rosenkreuzern waren Mediziner. Sie heilten und halfen Menschen sich von ihren Leiden zu erholen. Jene unter den Rosenkreuzern aber waren auch »Ärzte der Natur«. Sie wussten, dass sich die gesamte weltliche Schöpfung in einem Exil befindet, wo alles Leben leidend seines Daseins fristet. Die Natur aber, und damit auch das Leben, wartet darauf aus den Zwängen des Materialismus erlöst zu werden.

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.

- Paulus' Brief an die Römer 8:19-22

Vorstellungen von einer Neuen Welt

Die Verfasser der drei eingangs erwähnten Manifeste vom Orden der Rosenkreuzer, ließen in ihren Schriften das Wissen aus verschiedenen subtilen Wissenschaften zusammenfließen. Man findet darin esoterisches Wissen aus der Alchemie, Astrologie, Numerologie, Kabbala und Hermetik. Doch auch politische und religiöse Bestrebungen finden sich darin. Daneben scheinen die Rosenkreuzer-Schriften aber auch anti-imperialistische, anti-katholische Tendenzen zu enthalten. Das 17. Jahrhundert prägten solche Entwicklungen. Nur zwei Jahre nach Erscheinen der Chymischen Hochzeit etwa, brach der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) aus, der als eben solcher Konflikt in einem Spannungsfeld ausgetragen wurde, zwischen dem Katholizismus im Süden und dem Protestantismus im Norden Europas.

Gut möglich, dass sich in den Manifesten der Bruderschaft vom Rosenkreuz eine Hoffnung verbarg, die auf den Anbruch einer Zeit der Toleranz hindeutete, auf einen »Neuen Protestantismus«, der sich auch auf hermetisch-kabbalistische Vorstellungen berief.

Ursprüngliche Ziele der Bruderschaft

Zwar waren die Schriften der Rosenkreuzer im Umlauf, doch ihre Leser begegneten nie einem ihrer Verfasser persönlich. Und wer die Schriften der Rosenkreuzer gelesen hat, der weiß, dass darin keine großen Geheimnisse verraten werden. Und doch führte ihre Veröffentlichung bald schon zu einer Manie, in Gelehrtenkreisen Europas. Unzählige Kommentare waren darüber im Umlauf, so dass man das damalige Rosenkreuzertum, durchaus als europäisches Phänomen bezeichnen könnte. In den drei Jahren nach ihrer Veröffentlichung, wurde allein die Fama Fraternitatis siebenmal neu aufgelegt und auch viele Abschriften davon angefertigt.
Stellt sich die Frage: gab es vielleicht eine geheime Absicht, die die Rosenkreuzer mit der Veröffentlichung der Fama, der Confessio und der Chymischen Hochzeit, zwischen 1614 und 1616 erfüllen wollten?

Zumindest wäre da erst einmal darauf hinzuweisen, dass das Rosenkreuzertum sich anfangs in Deutschland und in Frankreich ausbreitete. Die Lehren die die Rosenkreuzer in dieser Zeit herausgaben, konzentrieren sich sowohl auf eine physisch-experimentelle, als auch auf eine spirituelle Alchemie. Unter dem Terminus Alchemie darf man also nicht etwa nur ein Vorläufer der heutigen Chemie verstehen. Im 17. Jahrhundert sahen sich Alchemisten als jene, die eine interdisziplinäre Wissenschaft schufen, deren Vorgänge sich sowohl auf spiritueller, intellektueller und materieller Ebene vollzogen. Gewiss könnte man darum sagen, dass sie heutigen Chemikern gewissermaßen überlegen waren. Schon immer basieren die Kenntnisse über Alchemie und Hermetik auf universalen Gesetzmäßigkeiten, die zu jedem Problem mit Antworten parieren, so als seien sie ein Allheilmittel.

Johann Valentin Andreae - ewigeweisheit.de

Johann Valentin Andreae (1586-1642). Gemälde eines unbekannten Künstlers (unbekanntes Datum).

Wer war der Gründer der Rosenkreuzer?

Laut dem englischen Freimaurer Elias Ashmole (1617-1692), lebten die Brüder vom Rosenkreuz in einem Kloster, dass sich etwa 11 Kilometer von Straßburg befindet. Ashmole selbst, wollte sich dieser Bruderschaft anschließen, wie wohl unzählige andere auch. Doch in Wirklichkeit gab es nirgendwo eine Bruderschaft vom Rosenkreuz, mit der man hätte Verbindung aufnehmen können. Die Veröffentlichung der Rosenkreuzer-Manifeste gaben den Lesern ihres Zeitalters also ein Rätsel auf. Es war als hätte jemand einen Stein in ein großes Becken voller Geheimnisse geworfen, was jede Menge Wellen schlug im Bewusstsein der Menschen des 17. Jahrhunderts. Die Auswirkungen dessen, waren so stark, dass sich ihre Tendenzen bis heute in den Kreisen esoterischer Zirkel finden.

Das Werk der »Chymischen Hochzeit Christiani Rosenkreuz Anno 1459« war in den Jahren vor ihrem ersten Druck bereits als Handschrift im Umlauf und erschien 1616 zunächst anonym. Als ihr Autor gilt der 1586 im württembergischen Herrenberg geborene Schriftsteller und Theologe Johann Valentin Andreae. Im Alter von gerade mal 19 Jahren, schrieb er dieses alchemistische Werk auf. Doch wie bei den beiden anderen Manifesten der Rosenkreuzer, stand hinter dem äußeren Sinn dieser Veröffentlichung, eine esoterische Bedeutung. Zwar wurde sie dem Verfasser aus der Geistigen Welt eingegeben, doch er selbst verstand noch nicht worum es darin ging. Er diente quasi als Werkzeug der geistigen Welt, doch schrieb im Namen des geistigen Urhebers Christian Rosenkreuz.

Andreae stammte aus einer illustren protestantischen Theologenfamilie. Sein Großvater Jakob Andreae war einer der Verfasser der Formula Concordiae, der Eintrachtsformel der lutherischen Kirche, die auf Veranlassung des Kurfürsten August von Sachsen entstand. Sein Vater Johannes Andreae, einst Pastor in Tübingen und später Abt des Klosters Königsbronn, verstarb als sein Sohn 15 Jahre alt war. Seine Familie aber hinterließ er in Armut. Alles Geld nämlich hatte er in seine alchemistischen Experimente investiert, mit dem Ziel Gold herzustellen. Vor diesem Hintergrund aber ist wohl auch anzunehmen, dass Johann Valentin Andreae nicht nur über theoretisches Wissen in der Alchemie verfügte.

Andreae begann ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, ab 1602, sein Studium der »Freien Künste« an der Universität Tübingen. Dieses Studium schloss er 1605 mit einem Magister ab. Ab 1606 studierte er dann Theologie und Mathematik.

Über die Alchemie kam Andreae in Kontakt mit dem Tübinger Theosophen und Mediziner Tobias Heß (1558-1614). Er war ein Bewunderer von Paracelsus, jenem sagenhaften Arzt, der einst in die medizinische Heilkunde auch die Wissenschaft der Alchemie integrierte. Doch jeder der sich damals mit Paracelsus befasste gefährdete sich, stand der berühmte Arzt doch in der Tradition der verrufenen Hermetiker. Da die Schriften des Paracelsus aber großen Einfluss auf Heß ausübten, befasste er sich auch mit Alchemie und Hermetik. Über seine Neugier für diese Geheimwissenschaft, lernte er auch Andreaes Vater kennen. Mit ihm entwickelte er verschiedene alchemistische Rezepte, die alle jeweils mit dem Satz enden:

Ihm, Jesus Christus, dem unsterblichen Chymisten, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, in Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist, dem auf ewig Ruhm und Ehre sei zu den wunderbaren großen Werken hier. Amen, amen, amen.

Heß glaubte an ein kommendes Goldenes Zeitalter, das zur Wiederkehr Jesu Christi führen sollte. Johann Valentin Andreae sah in Heß einen weisen Seher und Wissenden, der wusste was die Zeichen der Welt und der Zeit bedeuteten. Schon als Junge hatte Heß eine Vision vom Untergang der römisch-katholischen Kirche.

Der Tübinger Kreis

Im Jahr 1608 gründete Tobias Heß in Tübingen einen Freundeskreis, dem 12 Mitglieder angehörten. Unter ihnen befand sich auch der junge Andreae, der über den Tübinger Kreis schrieb, es sei ein »intimum amoris foedus«, ein »inniger Bund der Liebe«. Ebenfalls Andreaes jüngerer Bruder Johann Ludwig war Mitglied dieses Freundeskreises, dem auch der Künstler Abraham Hölzel von Sternstein und der erimitierte Pfarrer Johann Vischer angehörten. Wohl nur diese vier Mitglieder wussten wer der eigentliche Verfasser der Fama und der Confessio war.

Heß und die Mitglieder seines Kreises, beschäftigten sich mit paracelsischem und alchemistischem Gedankengut, mit Traum- und Zukunftsdeutung und spekulierten über die bevorstehende Apokalypse. Aber auch die christliche Frömmigkeit und die Reformgedanken innerhalb der Kirche, spielten eine zentrale Rolle. Dieser Kreis von Intellektuellen und Sehern, inspirierte Andreae wohl auch zu seinem späteren Werk »Christianopolis«, der Utopie einer idealen Gesellschaft. Keine Frage war Johann Valentin Andreae eines der wichtigsten Mitgliedern des Tübinger Kreises. Er war von seinem Einfluss doch vollkommen vereinnahmt. Was er aus den Treffen des Kreises thematisch zusammenfasste, darauf auch basierte die Idee einer reformerischen Bruderschaft, einer großen geistigen Bewegung, die sich in langer Vorbereitung im Verborgenen gründen sollte.

Dass es ihm anscheinend auch darum ging, so eine Geheimgesellschaft zu gründen, darauf deuten drei seiner Werke hin:

  • 1619 Christianopolis: Eine christlichen Utopie, aus der Perspektive eines Schiffbrüchigen geschrieben. Der strandet auf der Insel Caphar Salama, findet die sagenhafte Stadt Christianopolis und berichtet über das Leben der Menschen dort. Gewiss erinnert das an das 1626 erschienene utopische Werk Nova Atlantis (»Neu-Atlantis«) von Sir Francis Bacon (1561-1626).
  • 1619 Turris Babel: Hierin verkündete Andreae seinen Rückzug aus einer chaotisch gewordenen »Rosencreutzerey«, wie er sie nennt. Gut möglich aber, dass er das mit der Absicht tat, seine eigene Bedeutung als wichtiges Mitglied in diesem Geheimorden zu vernebeln. Doch nicht etwa um sich damit in eine vermeintliche Sicherheit zu bringen, sondern eher um zu einer weiteren Mystifizierung der legendären Rosenkreuzer beizutragen.
  • 1620 Christianae Societatis Imago: Über die Vorstellungen einer elitären, religiös-gelehrten Gesellschaft.

Anscheinend ging es Andreae ab einem gewissen Zeitpunkt darum, auf die Gründung einer Gesellschaft hinzuarbeiten, die über den bisher stehenden Wissenschaften und Religionsvorstellungen stand. Auf seinen häufigen Reisen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Italien und Österreich, dürfte er sehr wohl andere Gelehrte in seine Vision eingeweiht haben: Die lange geplante Gründung einer Gesellschaft zur Neuordnung seines Zeitalters. Darauf verweist eben die Gleichzeitigkeit vom Erscheinen seiner Werke und den Gerüchten einer neu gegründeten Geheimbruderschaft der Rosenkreuzer.

Spiritualität, die allein im Außen, in den grauen Gemäuern von Kirchen gesucht wird, erschien Johann Valentin Andreae als unzureichend. Damit stimmte er mit den Auffassungen von Heß überein, wie auch mit jenen des Paracelsus, hundert Jahre zuvor. So gab es für Andreae eine »Geistige Kirche«, die im Innern des Mikrokosmos Mensch gegenwärtig ist. Doch gleichzeitig basierte Andreaes äußeres Wirken nicht etwa nur auf Spekulationen, sondern er lieferte tatsächlich brauchbare Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschungen – sowohl als Theologe, wie auch als Mathematiker. Er trug außerdem ganz wesentlich zu einer Reform der Erziehungswissenschaften bei, denn seine Arbeiten sollten auch einen seiner Freunde ganz wesentlich beeinflussen: den berühmten Philosophen und Pädagogen Johann Amos Comenius (1592-1670). In seinem 1623 erschienenen Buch »Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens«, einem Klassiker der tschechischen Literatur, schreibt Comenius über seine Hoffnungen, die er in das Rosenkreuzertum setzt. Es ist das Werk eines idealistischen Geistes. Doch wie auch die utopischen Erwartungen Andreaes, wurden auch Comenius' Erwartungen durch den Beginn des Dreißigjährigen Krieges zerstört.

 

Nach seinem Schlussexamen im Jahre 1614, wurde Andreae zum Diakon in Vaihingen berufen, wo er auch heiratete. Später beförderte man ihn zum Superintendenten in Calw. 1638 wurde er in Stuttgart Hofprediger und Konsistorialrat. Ab dieser Zeit trat er ein für eine grundlegende Kirchenreform und promovierte danach an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie. Seine Karriere beendete er schließlich als Abt in der evangelischen Klostergemeinde Adelberg, wo er dann im Jahre 1654 nach langer Krankheit verstarb.

Johann Valentin Andreae hinterließ ein wirklich beeindruckendes Werk. Er verfasste zwei Komödien über Esther and Hyacinth, und auch schon in dieser Zeit die erste Version der Chymischen Hochzeit, dessen Protagonist vielleicht erst später, mit der Veröffentlichung des Werkes umbenannt wurde in Christian Rosenkreuz. Doch da das erste Manuskript zur Chymischen Hochzeit nicht mehr existiert, besteht über diese Annahme Unsicherheit. Fest steht, dass die Symbole von Rose und Kreuz in der Chymischen Hochzeit eine ganz und gar nebensächliche Rolle spielen.

Warum Rose und Kreuz?

Wenn wir uns einmal das Wappen der Familie Andreae ansehen, so zeigt das Heroldsbild auf dessen Schild-Element ein rotes, schräggestelltes Kreuz (Andreaskreuz) mit vier roten Rosen. Doch jene Bruderschaft, die diese Bildelemente als Namen führt, das heißt also die »Rosenkreuzer«, verweisen auf eine esoterische Bedeutung der Bilder von Rose und Kreuz. Ob das aber nur eine äußere Erklärung von etwas ist, das den Uneingeweihten unzugänglich bleiben soll, sei einmal dahingestellt.

Doch mit dem, was wir oben bereits andeuteten, erscheint es recht wahrscheinlich, das Johann Valentin Andreae der eigentliche Gründer der Rosenkreuzer-Bruderschaft war, selbst wenn er sich von den Rosenkreuzer-Manifesten nachträglich distanzierte. Der Grund dafür ist klar: Es sollte ein Geheimbund bleiben, dessen Ziele er wohl gefährdet hätte, wäre seine Stellungnahme dazu positiv ausgefallen. Die Bruderschaft der Rosenkreuzer schien aber auch zu wissen, dass, wenn sie durch ihr Werk wirklich ein neues Zeitalter einleiten wollten, sie ihre Existenz in einen Mythos kleiden mussten. Und das war die Legende von Christian Rosenkreuz, die diesem esoterischen Zirkel die Form eines großen Geheimnisses verlieh – einem der wohl wirkungsvollsten Mittel, um die Aufmerksamkeit von Menschen zu ergattern. Es scheint darum kein Zufall, wenn damals die deutsche Obrigkeit, etwas nach dem Erscheinen der Chymischen Hochzeit, Andreae einen Fanatiker nannte, der mit dieser Schrift doch nur die Prophezeiungen des Paracelsus verkünden wolle. Der französische Autor Louis Figuier (1819-1894) schrieb dazu in seinem 1854 erschienenen Werk L'alchimie et les alchimistes (»Die Alchemie und die Alchemisten«):

Valentin Andreae möchte mit dieser philosophischen Assoziation eine Prophezeiung verkünden, die aus den Werken des Paracelsus spricht. Als fanatischer Anhänger der Lehren dieses berühmten Mannes, hatte Andreae beschlossen, einer der Aussagen dieses Meisters besondere Bedeutung zuzuschreiben. Tatsächlich schrieb Paracelsus im 8. Kapitel seines Buches der Metalle: 'Gott wird uns erlauben, eine Entdeckung von größerer Bedeutung zu machen, die bis zur Ankunft des Elias Artista verborgen bleiben muss'.

Entwückung des Proheten Elias - ewigeweisheit.de

Aufstieg des Propheten Elias und Szenen seines Lebens. Griechisch-Orthodoxe Ikone des Künstlers Theorodos Poulakis (1620-1692), ausgestellt im Byzantinischen Museum Athen.

In der Bibel finden sich Andeutungen darüber, dass Elias in der Endzeit gemeinsam mit Jesu Christi (der ihm folgt) wiederkehren werde.
Was Paracelsus prophezeite, war Elias' baldige Wiederkehr, nämlich vor der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), die damit ja gewiss als eine »Endzeit betrachtet« werden kann. Sehr wahrscheinlich, dass es sich hier um eine astrologische Berechnung Paracelsus' handelte, womit er ein prägnante Lichterscheinung am Nachthimmel meinte, die sich während einer Konjunktion von Saturn, Jupiter und Mars im Sternbild Schütze, im Jahr 1603 ergeben sollte. Astrologisch gesehen, ließe sich diese Art Konjunktion durchaus als Zeichen für eine Zeit der Erleuchtung deuten.
Ist es darum nicht eigenartig, dass Tobias Heß den Anbruch seines vermuteten Goldenen Zeitalters eben auf das selbe Jahr 1603 datierte?

War das etwas, worauf Johann Valentin Andrae vorbereiten wollte? Spielte dabei auch der Tübinger Kreis eine wichtige Rolle und erfolgte die Gründung der Geheimbruderschaft vom Rosenkreuz, um ihre Mitglieder auf die Ankunft dieses Elias Artista einzustimmen?

Für Paracelsus auf jeden Fall stand Elias Artista stellvertretend für den entrückten Propheten Elias im Alten Testament. Er war für ihn das Ideal eines Gesandten, durch dessen Ankunft auf Erden, kommende Generationen Erleuchtung und Glückseligkeit erfahren werden. Paracelsus sah in Elias den vollkommenen Adepten, der mit seiner Wiederkehr den Menschen Anteil haben lassen wird, an bisher nicht dagewesenem Wohlergehen.

Mit diesem Elias Artista aber, muss Paracelsus gar kein menschliches Individuum gemeint haben, sondern er verstand darin vielleicht eher eine Gruppe oder Vereinigung von Weisen, wie eben jene, die sich später dann in Tübingen, um Tobias Heß sammeln sollten. Gut möglich deshalb, dass Andreae den Orden ins Leben rief, um diese Prophezeiungen des Paracelsus tatsächlich zu erfüllen und in diesem Sinne die Paracelsische Tradition im Orden der Rosenkreuzer fortzuführen, in Vorbereitung auf die Wiederkehr des entrückten Propheten.

Eine universale Reform der Gesellschaft

Die Zustände im damaligen Deutschland und in Europa waren recht chaotisch. Eine Reform des religiösen Zusammenlebens stand unmittelbar bevor, wenn sie auch gewalttätig herbeigeführt werden sollte.

Der junge Andreae aber hoffte, dass diese Veränderungen auf friedliche Weise erfolgen würden. Sein Vorbild war Luther, dessen Erinnerungen in Deutschland noch immer jung und gegenwärtig waren. Wir hatten bereits die Vermutung angestellt, dass er, um diese Bestrebungen auch tatsächlich in eine sinnvolle Form zu führen, jene Gründung der Rosenkreuzer herbeiführen wollte.

Und trotzdem kann heute keiner behaupten zu wissen, in welchem Verhältnis Johann Valentin Andreae zur Bruderschaft der Rosenkreuzer stand oder ob er sie tatsächlich selbst gründete. Man bewegt sich da in einem Bereich vollkommener Unschärfe, zwischen einer eher geistigen, unsichtbaren Bruderschaft und dem Tübinger Kreis um Heß. Fest steht jedoch, dass Andreae mit seiner Chymischen Hochzeit zu dem, was als die ersten beiden Manifeste der Rosenkreuzer gilt, etwas beitrug, das man als die Gesinnung für ein neues Zeitalter beschreiben könnte. Es war eine umfassende Sichtweise, die sowohl philosophische, religiöse, künstlerische wie auch wissenschaftliche Ansätze zum Verständnis von Geist und Natur, auf ganzheitliche Weise zu erklären versuchte. Alle, die dieses Wissen erlangten, sollten sich dadurch selbst in ein kommendes, neues Zeitalter eingliedern können. Wie uns die Geschichte aber zeigt, erfolgte das ganz und gar nicht harmonisch, sondern im Grauen des Dreißigjährigen Krieges.

Niemand wusste damals, wer die Urheber der Rosenkreuzer-Manifeste gewesen sind. Unzählige Gelehrte jener Zeit, die auch auf die politischen Geschicke Einfluss nahmen, versuchten sich zu erklären, wer hinter diesen anonym erschienenen Schriften stand. Kaum verwunderlich, wenn die Fama, Confessio und Chymische Hochzeit, so großes Aufsehen erregten. Also versuchten manche mit den Rosenkreuzern in Verbindung zu treten. Andere verfassten Schmähschriften gegen sie. Wieder andere behaupteten selbst zu dieser Bruderschaft zu gehören.

Doch es gab einen Grund dafür, dass die Rosenkreuzer keine Adresse in ihren Schriften hinterließen: Sie wollten nicht als neue Obrigkeit Wissender, andere unterweisen müssen, wie dieses erhoffte, neue Goldene Zeitalter einzuleiten sei. Jeder sollte diesen universalen Vorgang in sich selbst durchführen, um damit jene, oben angedeutete »Geistige Kirche« zu gründen. Auf dieser Basis, sollte jeder für sich die utopische Vision einer Gesellschaft entwickeln, die zum Wohle aller entstehe und zu der er, als Wissender seinen Beitrag leiste.

 

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Visionen eines deutschen Propheten

von S. Levent Oezkan

Jakob Böhme - ewigeweisheit.de

Zu den größten Mystikern der Neuzeit zählt sicherlich Jakob Böhme. In seinem Werk verbanden sich Prophetie, Vision und eine bis dahin nicht dagewesene Theosophie und Metaphysik. Die Einflüsse der mystischen Betrachtungen aus seinen Visionen, sind auch heute noch über die Grenzen Deutschlands hinaus, in den Kreisen spirituell Gesinnter gegenwärtig.

Im Ausland nannte man ihn den »Philosophus Teutonicus«. Doch er war ein einfacher Mann, der bekanntlich in Görlitz eine Schusterei unterhielt. Karl Marx sagte einmal über ihn:

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Doch auch wenn Böhme ein recht unscheinbarer Mensch gewesen sein mag, war er doch von großer Geistesmacht erfüllt. Seine Philosophie bestand vor allem in einer »Göttlichen Weisheit«, war eine Theosophie, also etwas, dass weniger aus dem Weltgeist, als eher aus einem Geist des Göttlichen, durch Erkenntnis erlangt werden will. Böhme erlebte die göttliche Offenbarung der Bibel intuitiv, als Vision. Doch ebenso feinfühlig war seine Empfindung für Ereignisse in der Natur.

Das Böhme heute Theosophen, Rosenkreuzer und Philosophen verehren, bedeutet gar nicht, dass das immer so war. Zu seinen Lebzeiten durfte er mit sowas kaum rechnen. Er hatte einen großen Schülerkreis, doch es gab auch Menschen, die seine Lehren als Irrglauben verwerfen wollten und sich ganz und gar gegen sein weiteres Wirken stellten.

Kein Mystiker kommt eben schon fertig auf die Welt. Und was heißt das? Jeder muss seine vornehmen Fähigkeiten eben auch auf weltlicher Ebene begründen lernen. Jakob Böhmes Schriften aber sollten tatsächlich in die Geschichte eingehen. Er war einer der außergewöhnlichsten Weisen der europäischen Geistesgeschichte. Niemals hatte er ein Studium an einer Universität genossen oder gar eine theologische oder wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auf spirituell suchende Menschen, üben seine religiös-esoterischen Schriften eine inspirierende Wirkung aus, ganz unabhängig welche Bildung sie genossen haben oder welcher religiösen Weltanschauung sie folgen. Seit mehr als vier Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert. Wer darum meint, dass seine Schriften nur auf Laien Einfluss ausübten irrt! Unter seinen Lesern befanden sich auch einflussreiche Philosophen, darunter etwa so Größen wie Leibniz, Hegel, Schelling, Novalis oder Ernst Bloch. Georg Wilhelm Friedrich Hegel galt Jakob Böhme gar als erster deutscher Philosoph.

Böhmes philosophische Einschätzungen basierten allein auf Glauben und Gottesfurcht. Es muss eine ungewöhnliche Hellsicht gewesen sein, oder nennen wir es, sein »Visionsvermögen«, dass ihn zu dem befähigte, was er in seiner relativ kurzen Lebenszeit zu Papier gebracht hatte.

Wer Jakob Böhmes Schriften liest merkt aber bald, dass ihnen etwas an Form abgeht. Manchmal bewegt man sich beim Lesen der Werke Böhmes, wie durch ein Labyrinth. Nach und nach aber fällt einem auf, dass sich durch den Text doch ein roter Faden zieht, dessen Ende geknüpft zu sein scheint an die Wirkungen höchster Erkenntnis.

Dennoch nimmt Jakob Böhme als Religionsphilosoph eine Sonderrolle ein, da er nicht etwa aus einer Weisheitstradition heraus schrieb und lehrte, sondern alles aus seinem visionären Eingedenken kam. Was er dabei fand, sollte ihn zu einem der einflussreichsten Gestalten der frühen europäischen Neuzeit machen.

Ein praktisches Christentum

Auch wenn Jakob Böhme schon als junger Mann die Heilige Schrift studierte und ein disziplinierter Kirchengänger war, gewann er seine weisen Einsichten doch in außergewöhnlichen Gottesvisionen.

Das reguläre evangelische Christentum, in seiner rein wörtlichen und intellektuellen Form, muss ihm dabei wie erstarrt erschienen sein. Drum versuchte er ein praktischeres Christentum zu entwickeln, das sich über die reine Textkunde des Bibellesens erhob. Doch niemals strebte er an, eine neue christliche Sekte zu gründen. Zeit seines Lebens blieb er Lutheranischer Christ. Eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen war etwas, das ihm ganz und gar nicht entsprach. Und trotzdem: aus Böhme schien aber etwas hervorzudrängen, dass seine Zeitgenossen an ihm wahrnahmen. Er schien tatsächlich tief erfüllt von einem göttlichen Geist, von dem geleitet er seine Schriften zu Papier brachte.

Denn in ihm leben, weben und sind wir

- Apostelgeschichte 17:28

was die Zeilen des großen Angelus Silesius bestätigen:

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament.
Der Salamander muss im Feuer erhalten werden:
Und Gottes Herz ist Jakob Böhme's Element.

Herz-Symbol Böhmes - ewigeweisheit.de

Das Böhme'sche Herz: Dieses Symbol enthält in seiner Mitte ein weißes Dreieck, worin sich 1 + 2 + 3 + 4 = 10 Positionen zur sogenannten »Tetraktys« formen. Darin lassen sich verschiedene Zeichen unterbringen. In diesem Fall sind es die Buchstaben des Heiligen Namen JHVH, hebräisch יהוה (das sogenannte »Tetragrammaton«).

Da nun in der Mystik Jakob Böhmes das alchemistische Feuer eine zentrale Rolle spielt (siehe unten), fügte er das Schin, hebräisch ש, in diesen hebräischen Namen ein: das geheime Symbol für das Feuer in der Kabbala. Dieser Buchstabe eingefügt, in der Mitte zwischen den vier Buchstaben des Tetragrammaton יהוה, ergibt den hebräischen Namen יהשוה Jehoschua (hebräisch für »JHVH ist Hilfe«), die hebräische Fassung des latinisierten Namen »Jesus«. Den Kreis umringen die Buchstaben des Namen »Christus« und in den Flammen lassen sich außerdem die Namen »Iesus« (lateinische Schreibweise von »Jesus«) und »Immanuel« (hebräisch für »Gott ist mit uns«) entziffern, wobei die Endsilbe dieses Namens, »El«, ein anderes hebräisches Wort ist für »Gott« und im unteren Bereich dieses Symbol bewusst alleinstehend platziert ist. So entsteht also aus der Vierheit des wichtigsten Namen יהוה im jüdischen Glauben, mit dem geheimen Zeichen für das Feuer, ש (Schin), ein fünfbuchstabiger, hebräischer Name, der in diesem Symbol Böhmes, mit den anderen Namen  ein mystisches Emblem bildet: »Immanuel Jesus Christus«.

Der Teutonische Prophet aus Görlitz

Jakob Böhme kam 1575 in Alt-Seidenberg zur Welt, einem kleinen Ort nahe der Stadt Görlitz in der Oberlausitz. Seine Eltern waren Bauern aus ganz einfachen Verhältnissen. Der junge Böhme erhielt darum nur eine einfache religiöse Schulbildung, wo er auch Lesen und Schreiben lernte.

Als kleiner Junge musste er als Hirte arbeiten und war ein stilles, ein introvertiertes Kind mit einem leicht verträumten Blick. Doch schon als junger Mensch besaß er die Fähigkeit zur Vision, die er selbst jedoch als natürlich-real empfand.

Eine Geschichte erzählt über ihn, wie er einst Vieh hütete, zusammen mit anderen Hirtenknaben. Doch er entfernte sich von der Gesellschaft der anderen Jungen und bestieg die Landskrone, einen kleinen Berg in der Nähe seines Heimatortes. Es war Mittag als er dort ein Eingangstor aus vier roten Steinen in den Felsen entdeckte. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, worin sich wirklich reines Gold befand. Nicht aber griff er danach, sondern rannte vor lauter Panik davon, als wäre das, was er dort vorfand, nichts als Teufelswerk. Was er aber damals gesehen hatte blieb ihm als tiefer Eindruck in Erinnerung. In Begleitung seiner Freunde suchte er den Ort erneut auf, doch er war verschwunden. Hatte er das alles nur am helllichten Tag geträumt, in einem Wachtraum oder war er als er das erlebte nicht ganz bei sich?

Es schien, als wäre ganz tief in seiner Seele damals etwas wachgerüttelt worden, was er sonst nicht erfahren hätte. Etwas wurde sozusagen »psychisch aus ihm herausgelöst«. Der junge Böhme war eben jemand, der dazu befähigt war tiefer in die Versenkungen seiner Seelenwelt hinabzusteigen.

In seinen späteren Lehrjahren zum Schuster, hatte er eine weitere überirdische Erscheinung: da kam ein Mann, der ihm Schuhe abkaufen wollte. Doch da er als Lehrling zum Verkauf noch keine Befugnis besaß, ging er auf die Frage erst nach langem Zögern ein. Der Interessent wandte sich erst ab, doch rief dann plötzlich mit lauter Stimme:

Jakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dir verwundern wird. Darum sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort. Insbesondere ließ gerne in der Heiligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Armut, Not und Verfolgung erleiden müssen, denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig.

Nach diesem Erlebnis wurde Böhme nur noch unsicherer und ernster. Sein ganzes Leben richtete er danach auf Moral, Gebet und Meditation. Er neigte dazu auch andere zu christlicher Frömmigkeit zu ermahnen, wozu natürlich auch Besucher der Schusterei seiner Lehrjahre gehörten. Als ihn aber sein Meister dabei erlebte, ermahnte er ihn »keinen Hauspropheten« zu brauchen. Das nächste Mal das er ihn dabei ertappte warf er ihn raus.

Darauf begab sich der junge Böhme als Geselle auf Wanderschaft. In jener Zeit bemerkte er an den Menschen die er da traf, dass sie mit ihrem Glauben in Konflikt standen, wo sich doch die verschiedenen Parteien der Evangelischen Kirche in den Haaren lagen. Es kam ihm vor, als befände sich die noch junge christliche Konfession in einer Art Babylon, wo jeder seiner Überzeugung nach in fremder Sprache die anderen beeindrucken und bekehren wollte.

Es war das aber auch die Zeit wo er viel in der Bibel las, aber auch astrologische Schriften studierte. Böhme war aber immer ein sehr frommer Mensch, der viel betete und über die erfahrenen Gottesworte meditierte. Einmal geriet er dabei sieben Tage lang in eine tiefe Ekstase, als er gerade Handarbeit ausführte, wo ihm sein spiritueller Meister wie aus dem Nichts begegnete. Da schien er aufzusteigen, seinen »Seelen-Sabbath« erfahrend, in einer Phase spiritueller Entrückung. Wie von göttlichem Licht umfangen, sah er sich selbst in einer Welt größter Stille und Freude. Doch es war ein rein innerliches Erleben, denn um ihn blieb alles so wie es war. Danach aber fühlte er sich wie von den Toten erwacht.

Solche Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, gewährten ihm Einblicke in eine Welt, wie sie vor ihm wohl nur die Propheten der Bibel erlebt hatten.

Morgenröte im Aufgang

1594 kehrte Jakob Böhme zurück nach Görlitz. Ab 1599 eröffnete er dort eine Schusterei und heiratete im selben Jahr die Tochter eines Fleischers, die ihm zwischen 1600 und 1606 vier Söhne gebar. In dieser Zeit erlebte Böhme weitere mystische Visionen. Doch er schwieg darüber. Er wollte sie für sich behalten, um erst zu verstehen, was er dabei eigentlich erfuhr.

Als er eines Tages in seiner Schusterei saß, fiel sein Blick auf einen polierten Zinnbecher der vor ihm auf seinem Arbeitstisch stand. Die Sonnenstrahlen, die sich darin reflektierten, erzeugten eine wundersame Lichterscheinung, die seine Wahrnehmung derart absorbierte, dass er wieder in eine Art ekstatischen Zustand verfiel. Was er da erlebte war einzigartig, denn er fühlte sich wie aus dieser, in eine andere Realität entrückt, worin sich ihm die tiefsten Geheimnisse der Dinge offenbarten und er die ihnen innewohnenden Prinzipien erkannte.

Diese Erfahrung war so eindrucksvoll, dass er nicht länger darüber nachdenken wollte. Vielmehr suchte er Ablenkung und begab sich ins Grüne. Er wollte nicht so recht wahrhaben, was er da erlebt hatte und redete sich ein, dass diese Vision auf einer Einbildung basiert haben müsse. Nur gelang ihm das nicht, denn als er dort im Grünen stand, vermochte er auf einmal ins Innerste der Dinge zu schauen, die um ihn herum zu sehen waren. Alle Pflanzen und Gräser dort, waren in Harmonie damit, was er wie von innen heraus in seiner Vision vernommen hatte. Doch er wusste genau, dass er darüber mit niemandem sprechen konnte. So dankte er Gott für diese Erfahrung und behielt sie im Geheimen für sich.

Ein spirituelles Tagebuch

In den folgenden Jahren arbeitete Böhme als Schuster in seiner Schuhbank, wie man damals die Schustereien nannte. Er ging gewissenhaft seiner Arbeit nach und hatte mit allen Menschen einen guten Umgang.

Im Jahr 1610 erlebte er erneut etwas, dass er nicht durch seine alltägliche Erfahrung erklären konnte. An die prophetisch-visionären Eindrücke, die er als Junge vernahm, erschienen ihm da als recht chaotische und nur bruchstückhafte Vision. Er empfand sie nur als Momentaufnahmen von etwas viel Größerem. Jetzt aber sah er vor seinem inneren Auge ein ganz deutliches Bild. Er vernahm darin die Wirkungen eines Teils von etwas viel Höherem, empfand das in vollkommener Klarheit, als Element einer allumfassenden Ganzheit.

Was er da erlebt hatte schrieb er auf. Doch es war nicht seine Absicht diese Schriften zu veröffentlichen, da er sich als Schuster einem Dasein als Literat nicht gewachsen fühlte. So blieb das was er schrieb ähnlich einem Tagebuch, ein Notizheft, um sich an die gemachten Erfahrungen besser erinnern zu können. Denn es kam vor, dass ihm seine Visionen entglitten.

Jeden Morgen bevor er sich zur Arbeit begab, schrieb er darum auf, was er gesehen und erlebt hatte. Die Zeilen, die aus dieser Schreibtätigkeit entstanden, wurden zu seinem Erstlingswerk: Die »Morgenröte im Aufgang«, der man später den lateinischen Titel Aurora hinzugefügte. Den ursprünglichen Titel gab er dieser Schriftensammlung wohl auch wegen der Tageszeit, in der er sie verfasst hatte.

Für einen einfachen Schuhmacher, der keinerlei akademische Vorkenntnisse besaß, war dieses Werk eine erstaunliche Leistung. Doch wie er meinte, schrieb er die Texte nicht allein. Wie ein heftiger Schauer kamen ihm Erkenntnisse und was er dabei zu Papier brachte, schien wie in einem Fluss aus seiner Hand, recht ungeordnet auf dem Papier (jeder der sich schon mit Böhmes Aurora befasste, vermag das wohl auch nachzuvollziehen).

In der Aurora kommen die Lehren der Alchemisten und Theosophen zur Sprache. Was genau er darin aber veröffentlichte, gab er nur seinen engsten Freunden zu lesen. Viele Ärzte und Adlige waren unter Böhmes Freunden. Wegen der Tragweite, der darin getroffenen Aussagen über seine Erlebnisse, schienen sich die darin enthaltenen Texte, fast schon danach zu sehnen, von einer größeren Leserschaft gelesen zu werden. So kam es tatsächlich dazu, das ohne Böhmes Wissen, ein adeliger Bekannter unter seinen Freunden, tatsächlich Abschriften von seiner Aurora verbreitete.

Böhmes Werk las auch ein Schüler des berühmten Paracelsus. Es war der Arzt und Alchemist Balthasar Walther (1558-1631), der Leiter eines »Geheimen chymischen Laboratoriums« in Dresden. Walther war ein viel bereister Mann, der nach Syrien, Arabien und Ägypten gereist war, um dort nach den wahren Quellen der alten Kabbala und Magie zu forschen. Was er aber in Jakob Böhmes Aurora fand, erkannte er als tiefste Weisheit und jenseits dessen, wovon er bisher erfahren hatte.

Wegen seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit aber, verkaufte er seine Schuhmacherei schon 14 Jahre nach ihrer Eröffnung – ein Zeitraum der uns heute echt lange vorkommt, doch in damaliger Zeit empfanden die Menschen das anders. Von da an auf jeden Fall lebte er von der Unterstützung seiner Freunde. Damit aber kam er immer wieder in große finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich hatte er seine Kinder zu ernähren und ein Wohnhaus abzubezahlen, dass er 1599 in Görlitz gekauft hatte.

Jakob-Böhme-Denkmal Görlitz - ewigeweisheit.de

Jakob-Böhme-Denkmal im Görlitzer Park des Friedens (Foto: Ausschnitt aus dem Original von Südstädter; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Aufbegehren eines Görlitzer Pfarrers

Die Kopien der Aurora, die sein Freund Carl von Endern anfertigen ließ, verbreiteten sich schnell. Eine davon fiel in die Hände des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter (1560-1624). Manchen erschien der Charakter dieses Kirchenmannes wie der eines aufgeblasenen Besserwissers.

Was da nun aber Jakob Böhme geschaffen hatte, war diesem Pfarrer Richter einfach nicht geläufig und vermutlich fehlte ihm das nötige Erkenntnisvermögen, um die Aurora überhaupt zu verstehen. Sicher aber wusste er von Böhmes Bewunderern. Doch er, als Pastor primarius, wollte keinen neben sich haben und empfand Böhme nur als gefährlichen Widersacher, der ihm als Pfarrer nur Konkurrenz machen könnte.

In einer seiner Sonntagspredigten beschuldigte er Jakob Böhme, sich zu brüsten als neuer Prophet – was dieser aber niemals tat. Doch in Wirklichkeit hielten ihn einige seiner Bewunderer tatsächlich für so einen. An jenem Tag jedoch war Böhme selbst unter den Kirchenbesuchern. Nach der Predigt wartete er auf Gregorius Richter am Eingang der Kirche, um von ihm freundlich in Erfahrung zu bringen, worin sein Vergehen eigentlich lag. Doch Richter drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht sofort aus seiner Gegenwart entferne. Am nächsten Morgen erhielt er vom Amtsgericht der Stadt Görlitz eine Ausweisung aus der Stadt, die aber kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Man verbot Jakob Böhme von da an aber, die weitere Veröffentlichung des Buches Aurora. Auch seine schriftstellerischen Tätigkeiten durfte er nicht weiter ausüben.

Anders als von Richter erhofft, kam aber durch dieses Ereignis die Aurora Böhmes erst noch größere Aufmerksamkeit und verbreitete sich schneller, als sich der Oberpfarrer in seinen schlimmsten Alpträumen auszumalen vermochte. Es sprach sich herum, dass dort in Görlitz ein wahres Genie zu Hause sei, dass man aufsuchen solle. Und so wollten bald möglichst viele unter der damaligen, deutschen Bildungsbürgerschicht wie auch aus Kreisen des Adels, den Meister Jakob Böhme persönlich treffen.

 

Über fünf Jahre befolgte Jakob Böhme das Diktat der Amtsrichter. In dieser Zeit schrieb er nur für sich. Es blieb ihm aber unbegreiflich, dass er nun nicht dem Gebot seiner göttlichen Vision folgend schrieb, sondern dem Zwang der Kirche gehorchen musste.

Drei Göttliche Prinzipien

Nach langer Zeit des Schweigens überredeten ihn im Jahr 1618 Freunde dazu, erneut seiner Berufung nachzugehen und was ihm in seinen Visionen erschien auch aufzuschreiben. Doch in seinem Wirken als Schriftsteller, blieb Böhme stets eine eigene, individuelle Erscheinung in der Geschichte der Mystik. Zwar schienen viele philosophische Strömungen in seinem Werk zusammenzulaufen, doch sie verschmolzen gleichsam im alchemistischen Ofen seines inneren, esoterischen Empfindens. Insbesondere die Zahl Drei nahm in seiner mystischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. 1619 erschien in diesem Kontext sein zweites Werk: De tribus principii – »Die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens«.

Für Jakob Böhme bildete das Universum seinem Wesen nach drei Welten. Aus ihnen entstand alles Sein. Die transzendente Einheit Gottes aber wies ihm den Weg zu seinem Selbstausdruck in der Welt.

Gott ist von Ewigkeit Alles alleine; sein Wesen teilet sich in drei ewige Unterschiede. Einer ist die Feuer-Welt; der Andere die Finstere Welt; und der dritte die Licht-Welt. Und ist doch nur Ein Wesen in einander, aber keines ist das Andere.

[…]

Das rechte Leben stehet im Feuer; dort ist der Angel (die Befestigung) zu Licht und Finsternis. Der Angel ist die Begierde: womit sich die füllet, dessen Feuer ist die Begierde, und dessen Licht scheinet aus dem Feuer; dasselbige Licht ist der Gestalt oder desselben Lebens Sehen, und das eingeführte Wesen in die Begierde ist des Feuers Holz, daraus das Feuer brennet, es sei herbe oder sanft, und das ist auch sein Himmel-oder-Höllen-Reich.

Das menschliche Leben ist der Angel zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennet es. Gibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Gewiss ist das jene Trinität, von der auch in den Lehren der Alchemie die Rede ist. Diese Geheimwissenschaft aber verwendet andere Namen für diese Dreiheit, nämlich dem feurig-geistigen Sulphur, dem flüchtigen Mercurius und dem manifestierten Sal. Was aber der daraus bereitete »Weiße Stein« den Alchemisten galt, war für Jakob Böhme jene universale Dreifaltigkeit der göttlichen und sinnlich-wahrnehmbaren Schöpfung, worin wir als Menschen leben und handeln.

Mit der Welt des Feuers bezeichnete Böhme den unbegrenzten Willen Gottes, den er während seiner Schöpfung konzentrierte auf die natürliche Welt, als Inspiration zu werden. Was auch immer werden soll, braucht Feuer. Und aus diesem Urfeuer der göttlichen Schöpfung entstand ein Paar von Gegensätzen:

  • Eine finstere Welt der Konflikte, der Übel, was man als die ewige Natur des Materiellen bezeichnen könnte, und
  • eine lichtvolle Welt, erfüllt von Weisheit und Liebe. Das ist der ewige Geist, der Nous, wie ihn Platon nannte.

Die dunkle Welt ist das Widerspenstige im Leben, alles was den Gegensatz zum Göttlichen bildet – die Welt des Unverbesserlichen, kurz: die Probleme – das was uns in unserem Leben Kopfzerbrechen bereitet. Die Reiche des Lichts aber bildet die Welt des Guten. Es leuchtet aus dem Herzen Gottes, durch sein Wort, dem Logos, der sich jedoch vom feurigen Prinzip seines Willens unterscheidet.

Fest steht: die Finsternis bleibt die Voraussetzung für das Licht, denn alles was in der Welt entsteht, benötigt einen Gegensatz, durch den es sich ja überhaupt erst als kontrastierendes Abbild manifestieren kann. Gewissermaßen ließe sich dieses Axiom auch in der Geschichte von Böhmes Wirken sehen, als prophetischer Schriftsteller. Auch andere Autoren die mit ihren Veröffentlichungen in Konflikt mit der etablierten Geisteselite gerieten, hatten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen. Erst nämlich durch die Problematik, die sich aus diesen widerstrebenden, verneinenden Kräften ergab, fand eine neue Lehre das notwendige Licht, um sich aus dem Dunkel überkommener Sichtweisen zu erheben.

Das erkannte Böhme sehr wohl. Für ihn war die äußere, alltägliche Welt sowohl gut und böse zugleich, sowohl grauenhaft wie entzückend, worin Liebe und Zorn gemeinsam bestehen. Doch das nur als die Bestandteile eines selben Ursprungs, die Böhme eben durch seine Definition des Feuers beschreibt. Und in diesem Feuer streben das natürliche und das geistige Leben zum Licht. Ziel aber sollte dem Menschen sein, das Licht aus seinem feurigen Ursprung hervorzubringen, denn was sonst bleibt zurück vom Feuer, als nur Asche und schwarzer Ruß?

Hier sprach Jakob Böhme allegorisch vom »Blühen der Lilie«, die für ihn die Neugeburt des Christus symbolisierte. Wieso? Für Böhme befand sich das Universum scheinbar in einem riesigen alchemistischen Prozess, wo in einem allegorischen Kochtopf (Feuer), unablässig das Unedle (Finsternis) in lauteres Gold (Licht) destilliert wird. Und so wie sich dieser Veredelungsvorgang im Makrokosmos der Welt vollzieht, so auch im Mikrokosmos des Menschen. Auch der Mensch als Erscheinung seiner Spezies, befindet sich in einem Zustand des Werdens. Es ist darum gar nicht zu vermeiden, dass aus diesem Werden, sich aus dieser Veränderung zu etwas Neuem, durchaus Konflikte ergeben, wo sich eben Licht- und Finsterniskräfte empfindlich berühren. Übertragen auf das Leben eines Menschen, sind das die Probleme, die sich in unserem Dasein ergeben und bewältigt werden wollen.

Was die Hermetiker als das »Große Werk« anstreben, darauf soll auch der Mensch hinarbeiten. Der nämlich muss sein weltliches Leid ertragen lernen, um die in ihm wirkenden Gegensätze von Feuer und Licht zu überwinden.

Um dereinst zu den Himmlischen zu zählen, muss sich ein Mensch gegen die finsteren Anteile des Feuers wehren, um dabei das Licht daraus zu erlösen, was natürlich nicht immer einfach ist. Das weiß jeder, der schon ein paar Jahre auf unserer Erde wandelt. Da der Mensch aber alle drei Aspekte der dreifaltigen Welt in sich trägt – Feuer, Licht und Finsternis –, ist, wenn er bereit ist diesen unausweichlichen Kampf mit seinen Problemen auszutragen, ein Sieg über seine Leiden durchaus gewiss.

[...] wenn einer einen rechten Menschen stehen sieht, mag er sagen: Hier sehe ich drei Welten stehen […]

- Aus Jakob Böhmes »Von sechs theosophischen Punkten«, Erster Punkt, 2. Kapitel

Das menschliche Leben ist der Angel (die Befestigung) zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennt es. Begibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Unzählige Abenteuer vermag ein Mensch in jenem Urfeuer zu erleben. Seine Flammen schlagen eben aus den Tiefen der Hölle bis in die höchsten Höhen aller Himmel. Feuer ist wie das Leben: Kummer, Mühen und Konflikte ereignen sich unausweichlich. Da sich die Flamme dieses Feuers jedoch zur dunklen wie zur lichten Seite hin ausbreitet, kann man wählen zwischen:

  • dem finsteren Egozentrismus der Sünde oder
  • einem selbstlosen Dasein auf dem lichtvollen Weg zu göttlicher Vervollkommnung.

Alle spirituellen Traditionen lehren uns den Strudel der Egoismen versiegen zu lassen. Man muss die Energie eben so einsetzten, damit was vollbracht wurde, auch zu zu Liebe führt. Dunkle Teile in der Welt und in den Menschen lassen sich so zu Licht transmutieren (symbolisch also zu Gold). Und dabei wird die Furche zwischen den Dingen in der Natur und des Geistes geschlossen.

Böhmes gesamtes Schriftwerk dreht sich allein darum, danach zu streben das Licht Gottes in einem selbst zu entzünden, als eine allumfassende, alles durchdringenden Realität. Wir sind eben das, was wir aus unserem Leben machen.

Himmel und Hölle sind überall

Alles was zählt, ist sich zu entscheiden, zwischen dem Weg zu göttlicher Liebe oder einem Weg hin zum Untergang (wobei letztere Entscheidung eigentlich keine ist, da jemand aus reiner Unwissenheit und Ignoranz, ganz unbewusst auf solche Abwege gerät). Wer ununterbrochen, lebenshungrig und voller Ungeduld, an der Grenze zwischen kosmischem und menschlichem Leben schlittert, der wird niemals das »Rad des Schicksals« verlassen können. Er verfehlt das alchemistische Werk, zielen seine Begierden doch nur auf den dunklen Teil des Urfeuers.

Böhme schreibt, dass so jemand einen Zustand der turba erzeugt, eines »lärmenden Getümmels«, das nirgendwo sonst zu hören ist, als aus den Tiefen der Hölle. Drum dürfte die Aufforderung plausibel erscheinen, wenn es heißt, man solle sich dem hellen Teil des Urfeuers zuwenden, um darin die Impulse göttlichen Lichts zu empfangen – einem Licht, dass all-ein-sam in der Stille der Ewigkeit brennt.

Geduld, Mut, Liebe und Hingabe lassen den Suchenden allmählich erkennen, dass auch seine Seele Teil einer göttlichen Wirklichkeit ist. All die Heiligen und Mystiker bewiesen durch ihre Biografien, dass dies auch tatsächlich als entsprechende Wahrheit vernommen werden kann.

Christ zu sein bedeutete für Jakob Böhme aber nicht, allein »nur an Gott zu glauben«. Es war für ihn ein lebendiger Vorgang echter Arbeit, den nicht etwa Christus am Kreuz der Menschheit abnahm, sondern in seiner Symbolik einen Hinweis auf eben jenes alchemistische Werk einer persönlichen Veredelung gab, in der sich das eigene Dasein in dieser Welt, auf einen Weg führen lässt, hin zur Erlösung und der Ankunft unter den Himmlischen.

Das wahre Christentum war für Böhme also nicht nur Lippenbekenntnis. Es war für ihn ein inneres Erfahren der Manifestationen dessen, was die Evangelien in ihren Lehren für die Menschen vorbereitet hatten.

Eine Frage der Auslegung

Was Jakob Böhme wohl sicherlich beabsichtigt hatte, war gewiss nicht bloß seine Schriften zu lesen oder nur daraus zu zitieren, als vielmehr sein Werk, mit einem gewissen Grad selbst erwogener Freiheit, auf individuelle Weise wiederzugeben. Doch genau da liegt auch der Widerspruch: denn wie soll man die Kernaussagen Jakob Böhmes vermitteln, wenn sie individuelle Auslegungen einfärben? Das lässt sich nicht vermeiden, doch ist wohl ebenso gut. Denn je mehr Eindrücke durch verschiedene Interpretationen beim Dritten entstehen, desto wahrscheinlicher zeichnet sich ein tatsächliches Bild dessen ab, was in diesem Falle Jakob Böhme durch sein Schriftwerk der Nachwelt überbringen wollte.

Es wäre also falsch, von einer Auslegung ausgehend zu sagen, dass ihr an Objektivität mangelt. Nur jeder kann für sich selbst eine Sichtweise entwickeln. Denn wenn er verstehen will was er liest, bei Böhme, aber auch anderswo, ist er gezwungen es nach seinem eigenen Ermessen und Verstehen wiederzugeben, ganz im Sinne des Apostels Paulus, wenn er sagte:

Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.

- 1. Thessalonicher 5:20f

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Zweideutige Botschaften aus dem Jenseits

von S. Levent Oezkan

John Dee und Edward Kelley - ewigeweisheit.de

Im römischen Kaiserreich mischten sich die Wissensströme von Hermetik und Gnosis zu dem, was man heute bezeichnet als die europäische Tradition der Magie. Eingeweihte dieser Geheimzunft aber waren in der Renaissance geächtet. Man fürchtete sich vor den in der Magie angerufenen okkulten Mächten. Wer die Vorgänge im Kosmos spirituell manipulieren wollte, galt als Handlanger des Teufels.

Einer, der damals ins Kreuzfeuer seiner Verfolger geriet, war der englische Mathematiker und Astrologe John Dee (1527-1608), ein bemerkenswerter Gelehrter der alten Wissenschaften. Dee studierte Mathematik und Geografie in den Niederlanden bei Gerhard Mercator, später auch Astrologie im belgischen Louvain. Sehr früh schon hielt Dee an der Universität von Paris Vorträge über Mathematik. Seine Reden waren berühmt. Menschen drängten sich an den Fenstern der Hörsäle, um seinen Vorträgen zu lauschen.

Auch an anderen Universitäten Europas hielt der junge John Dee Vorträge. Mit 24 Jahren kehrte er nach England zurück, um dort den Kapitänen der Britischen Marine Mathematik und Navigation beizubringen. Dees Schaffen sollte dereinst auch für das Britische Königshaus eine Schlüsselrolle spielen, vor allem bei der Eroberung der Weltmeere.

Wissenschaft mit einem Hang zum Dunklen

John Dee war ein echtes Genie seiner Zeit. Sein Ruf als ausgezeichneter Mathematiker, Astronom, als Gelehrter der Geometrie, Optik, der Kartografie und Navigation, reichte bis zu den gekrönten Häuptern Europas. Was ihn ebenso besonders wie geheimnisvoll machte, war sein auffälliges Interesse für Okkultismus und Magie. In eigenartigen Sitzungen, wo seine magischen Kenntnisse praktisch Anwendung fanden, erfuhr er, dass geistige Wesenheiten aus dem Jenseits, direkten Einfluss auf den Menschen ausüben – eben genau so, wie sich menschliches Handeln auf weltlicher Ebene auswirkt.

Dees Wirken war mehr als bekannt. Sein Einfluss reichte gar bis in die Literaturwelt. So nahm ihn William Shakespeare († 1616) als Vorbild für seine Theaterfigur »Prospero«, im Stück »Der Sturm«. Prospero war ein Magier mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der selbst dem Himmel ein Unwetter abzuschwören vermochte. Doch er war auch im Stande Konflikte zu befrieden, was getrennt war wieder zu einen. Irgendwann aber verwarf Prospero sein magisches Wissen, erkannte er doch in dessen Anwendung immer die Gefahr sich großem Unheil auszusetzen. Denn wer Harmonie durch Anwendung okkulten Wissens erzielen will, den schwemmen seine Machenschaften irgendwann in einen dunklen Sumpf unheilvoller Intrigen.

Zu dieser Erkenntnis gelangte wohl auch John Dee irgendwann, nur leider erst, als er und sein berüchtigter Gehilfe vom Schicksal geschlagen wurden.

John Dees magischer Spiegel aus Obsidian - ewigeweisheit.de

John Dees aztekischer Spiegel aus Obsidian. Diese Reliquie befindet sich heute im British Museum London.

Ein magischer Spiegel

John Dees magisches Wirken begann mit einem glänzenden, schwarzen Stein. Es war ein 500 Jahre altes Relikt aus aztekischer Zeit. Während der Britischen Kolonialisierung Amerikas, gelangte diese merkwürdige Hinterlassenschaft über Umwege in die Sammlung des Hofes von Königin Elisabeth I. von England: ein polierter, schwarzer Spiegel aus Obsidian, einem Mineral aus vulkanischen Glas (siehe Abbildung). Dieser runde, glänzende Stein, sollte zu John Dees Werkzeug werden, um Kontakt aufzunehmen zu den Wesenheiten des Jenseits.

Seit alter Zeit verwendeten aztekische Wahrsager solche Steine für die Kirstallomantie. Dazu starrten sie prüfend auf seine Oberfläche, um dahinter Erscheinungen zu erspähen und dabei die Zukunft zu prophezeien. Als solch magisches Instrument, galt der Obsidian den aztekischen Hohepriestern als Mittel, um in die Welt der Dualität zu spähen, wo ihnen die Mächte des Guten und des Bösen erschienen – verkörpert im indianischen Gott Ometeotl.

Keiner der Wahrsagerei betreibt, kann sich der Dualität von Gut und Böse, von Positivem und Negativem entziehen. Jeder der schon einmal ein Keltisches Kreuz legte (Tarot), um Antworten zu finden, weiß worum es hier geht. Entweder ein Wahrsager kommuniziert mit den Engeln oder aber sind es Dämonen, die sich nur als solche gottgesandten Wesen ausgeben.

Wie John Dee glaubte, gelang es ihm mit seinem Obsidian auch tatsächlich solche Wesenheiten aus dem Jenseits zu kontaktieren. Sie erschienen ihm darin, wie er glaubte, um ihm Nachrichten aus der Schattenwelt zu übermitteln. Die Kommunikation endete immer damit, als sich in diesem schwarzen Spiegel scheinbar ein Vorgang zuzog.

Wäre John Dee dereinst nicht zu einem der wichtigsten Menschen für das aufstrebende British Empire geworden, könnte man über diese Episode einfach nur lächeln. Doch Dee war sicher kein Scharlatan, sondern jemand, der sogar die politischen Geschicke seiner Zeit beeinflusste.

Im Folgenden werden wir sehen, dass durch Dees magische Künste Entscheidungen getroffen wurden, die auch heute noch gelten – möglicherweise für alle Menschen auf diesem Planeten.

Magus der Queen

Im 16. Jahrhundert galten Wissenschaft, Aberglaube und Magie als Forschungsbereiche selben Ursprungs. Die Kirche aber beäugte Wissenschaftler damals mit Misstrauen. Die hohen Rechenkünste schmähte man gar als Schwarzmagie und verbrannte öffentlich Bücher über Mathematik oder Astronomie. Wohl auch darum, da letztere Wissenschaft damals zur selben Zunft wie die Astrologie zählte.

1553 erstellte John Dee ein Horoskop für Elisabeth Tudor – dereinstige Königin von England. Darin laß er, dass sie schon bald in London den Thron besteigen werde. Doch damit begab er sich in gefährliche Fahrwasser. Denn er sah in den Sternen, dass die gegenwärtige Königin Maria I. von England, bald sterben würde. Nur gelangte diese Information in die falschen Hände. Man verdächtigte Dee, als einen der schwarze Magie betreibt und es auf das Leben der Königin Maria abgesehen hat. Am 28. Mai 1555 warf man ihn ins Gefängnis, woraus er aber schon im August des selben Jahres wieder entlassen wurde. Zur selben Zeit kam ein Kind zur Welt, dass für John Dees Leben noch eine besondere Rolle spielen sollte, wenn auch nicht nur im guten Sinne: Edward Kelley.

Drei Jahre nach diesen Ereignissen, verschlechterte sich zunehmend der Zustand der damaligen Königin. Es mag wohl auch an ihrer Unbeliebtheit gelegen haben, dass sie sich oft in depressiven Zuständen befand und sich dadurch ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit, immer weiter verschlechterte. Im August 1558 erkrankte sie schwer an einer Influenza. Als sie ihrem Tod bereits ins Auge sah, ernannte sie offiziell Elisabeth Tudor als ihre Erbin und Thronfolgerin. Maria erlag drei Monate später ihren Leiden.

Dees Prophezeiung hatte sich also tatsächlich bewahrheitet. Zwei Monate später, am 15. Januar 1559, einem Datum, dass John Dee aus selbigem Horoskop für seine Majestät berechnet hatte, krönte man Elisabeth in der Londoner Westminster Abbey zur Königin von England. Seit diesem Datum verbesserte sich auch das Schicksal John Dees.

John Dees bei einem Experiment - ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Henry Gillard Glindoni (1852-1913). John Dee bei einem Experiment vor Königin Elisabeth I. im Londoner Stadtteil Mortlake.

Auf der Suche nach verborgenen Mächten

Okkultismus und Spionage sind seit alter Zeit Schlafgenossen, was gar nicht überraschend sein dürfte, denn in beiden Fällen geht es darum geheime Informationen zu gewinnen. Hexen, Wahrsager und Astrologen behaupteten schon immer die Zukunft vorhersagen zu können und wie Spione wussten sie Dinge, die den gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben.

Solche heimlichen Nachrichten zu sammeln und daraus Einsichten zu entwickeln, erfolgte immer unter einem Mantel des Schweigens. Spione wie auch Okkultisten wissen darum gleichermaßen, wie sie ihr Wirken vor den Blicken Unerfahrener verbergen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Verwendung geheimer Schlüssel, Symbole und Kryptogramme, womit Geheimwissen vor Nichteingeweihten chiffriert wird.

Okkultisten und Geheimdienstmitarbeiter ähneln sich in vieler Hinsicht, da sie beide in einer dunklen Unterwelt verborgener Geheimnisse verkehren. Kein Wunder also, wenn manche ihrer Mitglieder, in beiden Gewerben gleichzeitig zugegen sind. Anscheinend war John Dee auch Mentor von Königin Elisabeths Chef des Geheimdienstes: Sir Francis Walsingham (1532-1590). Walsingham hatte das neue Britische Königreich viel zu verdanken. Mehrere geplante Attentate auf Elisabeth I. hatte er bereits im Entstehen vereitelt.

Die Kunst der verborgenen Wissensübermittlung

Abt Johannes Trithemius (1462-1516) verfasste 1499 sein nie veröffentlichtes Werk über Geheimsprachen und Verschlüsselung: Steganographia. Das diese Schrift im Verborgenen blieb hatte seine Gründe. Es war ein magisches Werk, das genaue Anleitung zur Kommunikation mit Geistwesenheiten über große Distanzen hinweg ermöglichen soll. Die darin enthaltenen Beschreibungen, hatten auch großen Einfluss auf die Okkultisten seiner Zeit, wie etwa Agrippa von Nettesheim.

Doch wegen seiner Steganographia geriet Trithemius beim Klerus unter Verdacht ein Schwarzmagier und Wahrsagerei. Drum setze man diese Schrift 1609 auf den Index Librorum Prohibitorum (einem Index verbotener Bücher), was aber kein Hinderungsgrund war, dass auch andere diese Schrift lasen. Unter ihnen John Dee, der die Gelegenheit nutzte eine gesamte Abschrift des Werkes anzufertigen. Doch dieses Manuskript verschwand später. Wahrscheinlich wurde es während Dees Reisen durch Europa, aus seiner Bibliothek in Mortlake gestohlen. Die Kenntnisse, die sich John Dee beim Studium Trithemius' magischer Steganographia aneignete, sollten nicht nur seinem späteren Wirken als Spion des englischen Königshauses nützen, sondern ihm insbesondere wegweisend sein, bei der Kommunikation mit den Geistern des Jenseits.

Okkulte Machenschaften der Geheimdienste

John Dee war der wohl wichtigste Geheimagent von Königin Elisabeth. In seiner Eigenschaft als Spion seiner Majestät unterzeichnete John Dee stets mit 007 – eine Ziffernfolge, die wohl den Meisten bekannt sein dürfte.

Seine späteren Reisen nach Holland, Polen und Böhmen, dienten bestimmt nicht allein seinem Forscherdrang als Okkultist, sondern waren vielleicht auch gezielte Spionage-Akte, die er im Auftrag Königin Elisabeths vollzog. Ob er aber immer selbst davon wusste, sei dahingestellt. Doch das muss eine Behauptung bleiben, denn es gibt dazu keine Beweise.

Nicht nur wurde John Dee im Gefolge geistiger Wesenheiten gelenkt, sondern es kamen auch Zeitgenossen in sein Leben, die ihm seine Wünsche als Okkultist und Magier durch ihr finanzielles Zutun erfüllen konnten. Doch alles hat einen Preis. Denn seine Neugier und sein Forscherdrang, sollten dereinst sein Seelenwohl gefährden. Ab einem gewissen Punkt nämlich schien es, als suchte nicht mehr er den Kontakt zu jenseitigen Geistern, sondern immer mehr spähten diese Wesen auch nach ihm. Ja schlimmer noch: Je tiefer er in die Welt des Okkulten eindrang, desto mehr wurde er ein Instrument von Geschöpfen, die sich ihm zwar als Engel ausgaben, in Wirklichkeit aber finstere Wesen waren aus einer anderen, fremden Welt.

Als was sich ihm diese Geschöpfe zeigten, können wir nur aus den über oder von Dee überlieferten Schriften herleiten. Doch man sollte in Betracht ziehen, dass das Wirken dieser finsteren Mächte, durchaus auch in Form unsichtbarer Kräfte wirksam wurde. Wir müssen wissen, dass die Menschen in der Renaissance ebenso wenig über elektrische Ladungen wussten, wie über Viren, Bakterien oder Mikroben. John Dees Zeitgenossen konnten diese Dinge nicht sehen und nannten sie drum einmal Engel oder ein andermal Dämonen.

Solche Wesen schienen also Einfluss zu nehmen auf den Magus der Queen. Aus esoterischer Sicht aber, waren es wohl die indirekten Auswirkungen höher gestellter Wesen, die John Dee dazu brachten sich auf bestimmte Weise zu verhalten. Denn sein magisches Wirken erfolgte doch Seite an Seite mit den politischen Machtbestrebungen seiner Hoheit der Königin von England. Natürlich ist das nur eine Behauptung, doch je näher man sich mit John Dee befasst, und seinem gegenseitigen Austausch mit dem englischen Königshaus, scheint sich einem diese Vermutung regelrecht aufzudrängen.

Nun muss dies vor allem in einem größeren historischen Zusammenhang gesehen werden. Denn wir befinden uns in einer Zeit, als sich in Europa die große Kirchentrennung vollzog. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, kam es durch die Reformation Martin Luthers (1483-1546) in den 1520er Jahren zur Glaubensspaltung und einer Trennung vom römischen Papsttum. Im folgenden Jahrzehnt, ereignete sich Ähnliches auch in England. König Heinrich VIII. (1491-1547) heiratete 1533, gegen den Willen der Kirche und des Papstes, seine Geliebte Anne Boleyn (1501-1536). Doch da ihm das katholische Glaubensoberhaupt seine zuvor erfolgte Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon verweigerte, wandte sich Heinrich VIII. von Rom ab. Das war die Geburt der Anglikanischen Kirche. Eine Tochter die aus dieser Ehe hervorgeht, sollte dereinst den englischen Thron besteigen: Elisabeth I. – die jungfräuliche Königin.

Neben der politischen Bedeutung, ist auch die Symbolkraft hinter dieser historischen Entwicklung, von wahrlich großer Tragweite. Schließlich war es eine Jungfrau, die England zur Weltherrschaft führte.

Der Nullmeridian - ewigeweisheit.de

Der Nullmeridian verläuft durch den Londoner Stadtteil Greenwich - Geburtsort von Königin Elisabeth I. (1533-1603).

Britisches Weltreich und Greenwich-Meridian

Königin Elisabeth wurde am 7. September 1533 im Londoner Stadtbezirk Greenwich geboren. Durch Greenwich verläuft heute der Nullmeridian der irdischen Längengrade: das heißt, 12:00 Uhr entspricht (Winterzeit, der eigentlichen Zeit vor Einführung der Sommerzeit), wenn sich die Sonne dort über diesem Nullmeridian (0° Nördlicher Länge) auf ihrem höchsten Punkt zu Mittag befindet. Auch wenn dieser Nullmeridian erst 1884 global festgelegt wurde, scheint das kaum ein Zufall zu sein. Denn in diesem Jahr hatte das Britische Weltreich seine größte Ausdehnung angenommen.

1568 veröffentlichte John Dee seine Propaedeumata Aphoristica, ein umfangreiches Kompendium über astronomische Mathematik, Astrologie and Magie, das er natürlich auch Königin Elisabeth I. präsentierte. In den folgenden Jahren trafen sich Dee und die Queen regelmäßig in seiner Bibliothek im Londoner Stadtteil Mortlake. Der Magus sollte für die britische Krone noch eine bedeutende Rolle spielen. Es ist darum anzunehmen, dass John Dee auch den berühmten Seefahrer und Weltumsegler Sir Francis Drake (1540-1596) in Geometrie und Kosmografie unterwies. 1577 legte Dee dem Geheimen Kronrat Elisabeths den Vorschlag zur Durchführung einer Weltumseglung vor, die Francis Drake auch tatsächlich durchführte.

Besonders wichtig ist, dass Drake, durch den verheerenden Sieg der Engländer über die Spanische Armada im Jahr 1588, ganz maßgeblich zu Englands Rolle als größte Seemacht beitrug. Ein gewaltiges Unwetter kam den Engländern damals zur Hilfe und die wenig wendigen Schiffe der Spanischen Armada, kamen im englischen Kanal ins Wanken. Der Legende nach soll dieses meteorologische Ereignis Francis Drake durch ein magisches Ritual ausgelöst haben, dass er vor Ankunft der spanischen Armada auf den Meeresklippen des südenglischen Plymouth vollzog. Etwa ein Viertel der spanischen Schiffe ging bei dem Sturm unter oder lief auf Riffe. Der Plan der Spanier, die wohl auch auf Geheiß des Papstes handelten, war damit gescheitert. Bald darauf gewann England gewaltigen Einfluss als Seemacht. Und wer damals die Meere beherrschte, der beherrschte die Welt. Es ist wohl nicht ganz zufällig, das John Dee ebenfalls den Begriff »British Empire« (deutsch: Britisches Weltreich) prägte.

Gewiss eine riskante Behauptung, doch wäre die Seeschlacht zu Gunsten der Spanier ausgegangen, so hätte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht Englisch als erste Weltsprache etabliert, sondern Spanisch. Vielleicht hätte man sich dann auch nicht auf den Greenwich-Meridian geeinigt, sondern die Uhren tickten heute abgestimmt auf einen Nullmeridian in Madrid.

Fragen an die Wesen des Jenseits

Doch kommen wir wieder zurück auf John Dees magisches Wirken und seine Kommunikation mit dem Jenseits. Was er von den Wesenheiten erfuhr, ob Dämon, ob Engel, führte sicherlich nicht ganz zufällig zu Erkenntnissen, die zu dem politisch-religiösen Geschehen Europas Bezug hatten.

Was John Dee ab einem gewissen Grad seines okkulten Strebens jedoch niemals zu bedenken schien, war, dass er mit alle dem vielleicht zu unvorsichtig vorging. Denn ab einem gewissen Grad, erfuhr er nicht nur über die Geschicke seiner Heimat und der Welt, sondern glitt ab in die finsteren Gefilde von Wesenheiten, die er ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Wenn man heute an einen Wahrsager denkt, kommt einem vielleicht gleichzeitig jemand in den Sinn, dessen Blicke um eine kristallene Kugel kreisen. Und gewiss ist das die älteste Form der Wahrsagekunst. Dabei geht es aber weniger darum in die Zukunft zu blicken, als über Gegenwärtiges zu spekulieren – das, was passieren könnte. Niemand weiß, was die Zukunft tatsächlich bringt. Das mit dieser magischen Kunst verbundene deutsche Wort, bilden die Silben »wahr« und »sagen«. Jemand der also »wahr-sagt« spricht über das, was ist. Und was ist, wird sein. Doch was ist, ist nicht für jeden offensichtlich. Manche aber, die die Gabe zur Hellsicht besitzen, nehmen auch wahr, was sich jenseits der fünf Sinne abspielt und sehen dabei was eigentlich ist.

Kristallkugel - ewigeweisheit.de

Die Kristallkugel: Ausschnitt aus einem Gemälde von John William Waterhouse  (1849-1917).

Kristallomantie

Schon im Alten Ägypten, bei den Sumerern und im Alten China, gab es Medien, die in ritueller Praxis, in Spiegeln und Kristallen, die Geschicke der Zeit abzulesen vermochten. Später dann, im 10. Jahrhundert, beschreibt der persische Dichter Abu Laqasim Firdausi (940-1020), in seinem Epos »Schahname«, einen Wahrsager, der auf der spiegelblanken Oberfläche eines Kelches nach spirituellen Eindrücken späht:

Er erhob den Kelch und starrte ihn an
Die sieben Weltgebiete spiegelten sich darin
Und jede Schau und Prophezeiung der hohen Himmel.

Wie gewohnt sah der Magierkönig, im Kelch die Zukunft.

- Aus dem Schahname des Firdausi

Doch auch im fernen Aztekenreich, wie wir oben sahen, bei den Zigeunern, in Sibirien und im fernen Japan, überall praktizierte man Nekromantie und Wahrsagekunst. Die Ägypter erblickten die Geister auf öligen Oberflächen, andere erkannten sie im Rauch.

Solcher Art Erkenntnis zu erlangen, galt auch dem Magier John Dee als höchstes Anliegen. Denn er versuchte verzweifelt neue Wege zu finden, die ihn an die Tore der Welt des Okkulten führen sollten. Doch er konnte nicht gleichzeitig als Medium und als Frager fungieren. Er war Wissenschaftler der von solch Kräften wusste, doch hätte eine mantische Beschwörung seine Vernunft nur benebelt. Darum suchte er jemanden der ihm half, seinen Geist aus der natürlichen, in die übernatürliche Welt zu befördern und mit Hilfe seines schwarzen Spiegels (siehe oben) eine direkte Verbindung zu den Engeln herzustellen und damit zu Gott. Dee schien jedoch zu ignorieren, dass er damit seinen Wahrsager und sich in Gefahr brachte, denn es konnten auch gefährliche Wesen angezogen und unvorbereitet ins Diesseits freigelassen werden.

Kommunikation mit der Anderswelt

John Dee hatte bereits verschiedene Wahrsager und Kristallomanten getroffen, die ihm bei seinen spiritistischen Sitzungen helfen sollten. Doch leider ohne Erfolg. Ein Mr. Clerkson, über den nichts weiter bekannt ist, stellte John Dee einen Mann vor, der sich Edward Talbot nannte. Er wollte Dee als Medium behilflich sein. Ein sonderbarer Kerl, der, wie sich herausstellen sollte, eine recht finstere Vergangenheit hatte, denn er änderte mehrmals seinen Namen. Auch Edward Talbot war ein Deckname. Als wirkliche Identität verbarg sich hinter Talbot der englische Alchemist Sir Edward Kelley (1555-1597). Bereits zwei Tage später bat er John Dee darum, ihm seine Fähigkeiten als Kristallomant unter Beweis stellen zu dürfen. Kelley entpuppte sich dabei als echtes Genie, der tatsächlich die magischen Schlüssel bot, um damit die Pforten in die Anderswelt zu eröffnen.

So kam es zur Zusammenarbeit von Dee and Kelley. Sie widmeten die meiste Zeit den spirituellen Zusammenkünften mit Engeln und ihren Abgesandten. Ihr Ziel war es, durch ihre Gebete und Kommunikationen mit der Engelwelt, zur Ökumene beizutragen. Sie wollten den Riss der durch die englische Christenheit verlief heilen. In den Jahren zwischen 1582 und 1589, war Edward Kelley darum auf's Engste an das Leben seines 27 Jahre älteren Meisters John Dee geknüpft.

Das erste geistige Wesen das Kelley kontaktierte war der Erzengel Uriel. Als nächstes sollten sie in Kommunikation mit Erzengel Michael treten. Unter diesen Umständen aber war John Dee extrem aufgeregt. Schließlich war das ein Lichtwesen von sehr hohem Rang, dass eigentlich mit Normalsterblichen niemals kommunizieren würde. Wie es in der okkulten Wissenschaft heißt, kontaktieren Erzengel allenfalls Propheten und Gottgesandte. Vom Erzengel Michael aber, sollen John Dee and Edward Kelly in das System der Henochischen Engelmagie eingeweiht worden sein. Was daran wirklich wahr ist, sei einmal dahin gestellt. Denn die Bezeichnung »henochisch« (nach dem biblischen Urvater Henoch benannt), stammt aus jüngerer Zeit. Denn weder John Dee noch Edward Kelley gaben dem, von ihnen gefundenen System einen Namen.

Wenn andere Magier über John Dees Engel-Konversationen meinten, sie seien in der »Henochischen Sprache« erfolgt, wollte man damit zuerst einmal auf Dees Engel-Konversationen hinweisen. Sicher aber waren sie sehr daran interessiert das biblische Buch Henoch zu finden. Darin nämlich glaubten sie, klinge die Weisheit des alten Henoch an – jenes biblischen Propheten, der einst in den Himmel entrückt ward. Es heißt, im Alter von 365 Jahren nahm Gott ihn zu sich auf. Henoch muss von der Ursprache der Menschen gewusst haben, der Zunge Adams, die erst mit dem Turmbau zu Babel in die 72 Sprachen zerfiel.

John Dee vermutete, dass die einige Ursprache Adams mit der Sprache Gottes sogar übereinstimmte – worin sich die Urworte der Schöpfung finden. Jene göttlichen Ausdrucksformen waren Teil der Sprache der Engel – einer Sprache des Lichts.

Und Gott (Elohim) sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:3

Als Dee und Kelley sich ihren Engel-Konversationen widmeten, war Dee davon überzeugt, dass die Hebräische-Sprache durch Anwendung Kabbalistischen Geheimwissens derart angeglichen werden könne, um damit jene Ursprache Adams wiederzufinden – als eine Sprache des Himmels, an die sich eben der alte Prophet Henoch erinnerte.

Wie dem auch sei, eröffneten sich ab diesem Zeitpunkt John Dee Wege zu einer bisher unbekannten Quelle, die – wie sich aber leider herausstellen sollte – ganz und gar außerhalb seiner Kontrolle lag. Außerdem glaubte John Dee, dass die Engel ihm das Wissen offenbaren würden, um neue, verborgene Ländereien der Erde zu entdecken, die dereinst der englischen Krone zugehören sollten.

Der Prophet Henoch - ewigeweisheit.de

»Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«, Genesis 5:24
Die Entrückung Henochs. Illustration von Gerard Hoet (1648-1733).

In der Sprache der Engel

Bis 1582 kannte niemand die Sprache Henochs. Doch Kelley evozierte sie mittels Kristallomantie in Dees Bibliothek in Mortlake. Dee notierte dann die Henochische Sprache nach dem Diktat seines Mediums Kelley. Wie bereits angedeutet, hielten sie diese Sprache als das Kommunikationssystem zwischen Gott und seinen Engeln. Was Dee und Kelley aus ihren Konversationen mit den Engeln gewannen, war ein vollständiges Alphabet, ein Wortschatz und eine entsprechende Grammatik.

Nach Schilderungen Kelleys, stieg in den Séancen aus dem Kristall ein Licht auf, dass vor ihm zu schweben begann. Aus diesem Licht erhielt er die, wie er sie nannte, »Henochischen Rufe« der Engel, die ihm Nachrichten übermittelten. John Dee hatte sich entsprechend vorbereitet, um sich von Kelley Details diktieren zu lassen, die er auf mehreren Tafeln niederschrieb. Mehr und mehr aber schien John Dee in diesen Übermittlungen aus dem Jenseits, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Was in diesen Sitzungen aus der geistigen Welt wirklich hervortrat, darüber herrscht Uneinigkeit. Was als »Henochisch« niedergeschrieben wurde, ging weitestgehend aus Kelley hervor, als John Dees Medium.

Nun muss man sich vor Augen führen, vor welchem Hintergrund diese Séancen stattfanden. Denn wie oben beschrieben, war Dee nicht irgendein Gelehrter, sondern vor Allem Berater der Queen gewesen. Auch durch sein Wirken strebte Britannien zur Weltmacht auf. Nur war Kelley eben auch, wie jeder andere Magier und Wahrsager, nur ein Mensch mit entsprechenden Neigungen. Gut möglich dass er Dee davon überzeugen wollte, das sich beide doch als geistige Väter einer neuen politischen Ordnung Europas Geltung zu verschaffen hätten.

Leider nahmen die Séancen mehr und mehr schaurige Züge an. Jene vermeintlichen »Engel« nämlich, fingen an darauf zu bestehen, dass Dee und Kelley alles gemeinsam haben sollten – sogar ihre Ehefrauen. Wo menschliche Bemühungen auf Versprechungen von Geistern basieren, dürfte es kaum verwundern, wenn solch Unterfangen dann doch zu einem entwürdigenden Ende kommt – und genau das trat auch ein für John Dee und Edward Kelley.

Die Situation in Mortlake nahm immer schaurigere Züge an. Königin Elisabeth ließ Dee und Kelley darum durch ihren Chefspion Sir Francis Walsingham überwachen.

Der Engel Madimi

Nun lud die englische Königin 1583 einen polnischen Prinzen und Palatin nach London ein: Albert Łaski von Schieratz († 1604), einem Abenteuerer, der seit früher Jugend in Verbindung stand sowohl mit dem Hause Habsburg, dem russischen Zaren und auch mit den osmanischen Sultanen. Die Habsburger waren im Übrigen ein mächtiges europäisches Adelsgeschlecht, worunter zur Zeit Königin Elisabeths I. auch König Phillip II. von Spanien zählte, dessen Armada dereinst von Francis Drake besiegt werden sollte – jenem oben geschilderten Wendepunkt der Weltgeschichte.

Für einen polnischen, katholischen Adeligen auf jeden Fall, war Prinz Łaski ein recht eigenwilliger Typ. Er setzte sich einfach über religiöse Konventionen hinweg, beschäftigte sich intensiv mit so häretischen Wissenschaften wie Alchemie und Magie. Anscheinend hatte er viele Schulden und hoffte auf die Goldmacherkünste eines Alchemisten. Vor allem aber stand er als Getreuer Roms nun in Kontakt mit dem Oberhaupt der Englischen Reformation: Königin Elisabeth I.

Łaski bat die Königin mit John Dee Bekanntschaft machen zu dürfen, denn er wollte dessen Bibliothek in Mortlake besuchen und mit ihm über Magie sprechen. Der Prinz besuchte viele Male Dee in seinem Haus in Mortlake. Schon bald nahm Łaski sogar an den Henochischen Kommunikationen teil, die Dee und Kelley unternahmen – ein echt gefährliches Unterfangen. Łaski aber war interessiert an seiner Zukunft und erhoffte sich durch die kristallomantischen Sitzungen Kelleys, mehr über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen.

Als Albert Łaski einmal abwesend war, trat in den Engel-Kommunikationen Kelleys plötzlich ein Wesen in Erscheinung, dass sich »Madimi« nannte – eine der faszinierendsten übersinnlichen Projektionen Kelleys. Es war der erste weibliche Engel, der sich Dee und Kelley zeigte: ein kleines Mädchen in einem Satin-Kleid. Es trat aus dem Kristall hervor und verselbstständigte sich, rann als Geist auf- und ab entlang der Bücherregale in Dees Bibliothek in Mortlake.

Doch Madimi war nicht etwa »niedlich«, sondern ein Wesen ungeheuerlicher Macht, dem Edward Kelley kaum gewachsen war. Sie sprach zu ihm auf griechisch, wovon er kein Wort verstand. Doch es kam noch besser, denn Madimi schlug ihm vor, alternativ alles auf arabisch zu kommunizieren. Er aber setzte ihr wütend entgegen, das er einfach nicht mehr mit ihr kommunizieren wolle, wenn sie nicht eine Sprache spreche, die er auch verstünde. Auch schien er einfach Angst zu haben, da diese Stimme eindringlich auf ihn in einer fremden Sprache einredete, von der er nicht wusste, ob sich dahinter nicht etwa eine andere Kraft eingeschaltet hatte.

Bin ich denn nicht ein schönes Mädchen? Lass mich in deinem Hause spielen. Meine Mutter sagte sie wolle hier einziehen. Ich bin das letzte aber eines der Kinder meiner Mutter, zuhause habe ich Kleinkinder.

Madimi enthüllte Dee, dass sie eine der sieben Töchter des Lichts sei und das sie mit ihren Schwestern kam, um mit John Dee in seinem Haus zu wohnen. Ihre Mutter, der Engel Galcah, sollte ihr später folgen. Doch anders als Kelley verliebte sich Dee in den Geist Madimi. Mehr und mehr nahm sie eine zentrale Rolle in ihren Séancen ein. Die weiteren Sitzungen mit Madimi begannen mit Fragen über die Ahnen von Albert Łaski. Laut Madimi und anderen Engeln, war er verwandt mit der englischen Monarchin und ihren Vorfahren. Die Queen schien ihn außerdem beschützen zu wollen, in einem größeren Unterfangen, dass sich wohl um die Krone Englands drehte.

Die erste und letzte Reise

Prinz Łaski lud Dee, Kelley und ihre Familien dazu ein mit ihm auf den Kontinent zu reisen. Edward Kelley verließ zum ersten Mal in seinem Leben England, im Gegensatz zu John Dee der ein vielbereister Mann gewesen ist. Doch Łaski befand sich anscheinend auf der Flucht vor seinen englischen Gläubigern. Er hoffte eben darauf, dass ihm diese beiden Alchemisten behilflich sein könnten, seine finanzielle Situation zu glätten. Schießlich galt er als polnischer Thronfolger. Mit ihrer Hilfe wollte er König seines Landes werden.

Gemeinsam mit Łaski kamen sie im September 1583 über Amsterdam nach Hamburg und Lübeck, über Rostock nach Stettin und verbrachten Weihnachten in Poznan (Polnisches Königreich). Von dort kamen sie wieder nach Bremen und danach erneut ins polnische Krakau. Ob John Dee auf dieser Reise mit Łaski auch geheimdienstlichen Aufträgen nachging, ist heute zwar nicht bekannt, doch recht wahrscheinlich. Denn schon in dieser Zeit liefen die Vorbereitungen zu jenem oben angedeuteten Englisch-Spanischen Seekrieg (1585-1604).

Aus der Familie der Habsburger stammte auch der damalige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Rudolf II. 1584 waren John Dee und Prinz Łaski bei ihm zu einer Audienz geladen. Rudolf war auf die alchemistischen Künste Dees und Kelleys aus. Doch da er mehrfach von reisenden Goldmachern Alchemisten betrogen worden war, misstraute er den beiden bereits und wusste nicht so recht, was er von Edward Kelley und John Dee eigentlich halten sollte. Das war auch die Zeit, als Dee und Kelley in einer Séance, von einem Engel angeblich den Auftrag erhielten ihre Frauen zu tauschen und dabei mit ihnen zu schlafen. John Dee war damals 60 Jahre alt – Edward Kelley 32.

Danach kam es zum Bruch. John Dee kehrte 1589 zurück nach England, während Kelley weiterhin als Alchemist am Hofe Kaiser Rudolfs II. diente. Dort aber kam es zum Eklat: Kelley wurde 1591 verhaftet und saß zwei Jahre im Kerker. Doch seine Schuld wog schwerer, denn Kaiser Rudolf beschuldigte ihn, den Hofbeamten Georg Hunkler im Streit erschlagen zu haben. Zwar ist es nicht gesichert, doch anscheinend erbat Elisabeth I. die Freilassung Kelleys. Bei einem Fluchtversuch wurde Kelley schwer verletzt und verlor ein Bein. Zwar entließ man ihn später, doch kurz darauf wurde er erneut verhaftet und in einen Kerker auf der Burg Hněvín im tschechischen Most festgehalten, wo er zwischen 1597 und 1598 starb – angeblich beging er Selbstmord.

Einsichten eines Ent-Täuschten

John Dee kehrte in seine Heimat zurück als enttäuschter, ernüchterter, alter Mann. Ihm wurde bewusst, dass er sich so lange Zeit an einen Irrglauben an Engel und Geister geklammert hatte – etwas, dass ihm nun ganz und gar unnütz erschien. Über nichts von dem, was er über sein Medium Edward Kelley in den gemeinsamen Séancen fand, hatte er Beweise.

Als er sein Haus in Mortlake nach sechsjähriger Abwesenheit betrat, erschrak er, denn Einbrecher hatten dort gewütet. Seine Bibliothek war zerstört und viele seiner wertvollsten Bücher und Instrumente waren verschwunden. Schwere Zeiten brachen für ihn an und es blieb ihm kaum Geld, um für Frau und Kinder zu sorgen.

Was John Dee jedoch der Nachwelt hinterließ, waren beispiellose Errungenschaften, deren intellektuelles Erbe den Gelehrten der kommenden Jahrhunderte noch Rätsel aufgab. Mag sein, dass Dee und Kelley als Hexenmeister und Zauberer verschrieen waren. Viele aber erinnerten sich vor allem an John Dee als gebildetes Genie und einen der wahrscheinlich glanzvollsten Berater der Britischen Krone. Etwa ein Jahr nach Dees Tod (zwischen 1608 und 1609), ließ William Shakespeare in seinem Theaterstück Prospero zu Wort kommen:

Unsere Spiele sind nun zu Ende. Diese unsere Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzten Türme, die stattlichen Paläste, die feierlichen Tempel, und diese große Erdkugel selbst, und alles was sie in sich fasst, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundenen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurücklassen.

- Der Sturm 4. Aufzug, Szene 1

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Die magischen Werke eines Rastlosen: Agrippa von Nettesheim und die okkulte Philosophie

von S. Levent Oezkan

Agrippa von Nettesheim - ewigeweisheit.de

Einer der sonderbarsten Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, ist der Verfasser eines eigenartigen Werks: De Occulta Philosophia - drei Bücher über die Magie. Was hat sich der Autor dabei gedacht, als er geheime Traditionen und okkulte Schriften der Renaissance, in einem eigenen magischen System zusammenfasste?

Wen man damals nämlich verdächtige, sich mit Magie, mit Weissagekunst oder Nekromantie zu befassen, der konnte sich, doch auch seine Nächsten, in ernste Schwierigkeiten bringen. Sich mit solcher Geheimwissenschaft im 16. Jahrhundert zu beschäftigen, war ein äußerst abenteuerliches Unterfangen.

Im Aberglauben von einst, kannte man die wahre Bedeutung des Wortes »Magie« eigentlich nicht. Es ist ein Ausdruck indo-arischen Ursprungs, der einst die Künste einer alten Priesterkaste von Sterndeutern bezeichnete: den Magoi.

Heute verwendet man das Wort, um auf die Fähigkeit eines Menschen hinzuweisen, der etwas Außergewöhnliches, Unerklärliches zu tun vermag und durch geheime Macht auf die Dinge Einfluss nimmt. In der europäischen Renaissance aber glaubte man, Magie sei nichts als Teufelswerk. Was die Alten, als magische Handlungen fürchteten, dahinter vermuten die Menschen der Gegenwart vielleicht etwas Sonderbares, für das es aber sicher eine vernünftige Erklärung gibt. Kaum einer glaubt heute noch an das personifizierte Böse und schon gar nicht an die Hölle. Und wer sich jemandem als »Magier« vorstellt, dürfte ausgelacht werden.

Ahnungslosigkeit und Spekulation also – damals wie heute: Das Wort Magie bleibt ein Rätsel.
Wieso aber sollte man es lösen wollen?

Agrippa von Nettesheim, der Verfasser des Schriftwerks »De Occulta Philosophia«, hatte sich zur Aufgabe gemacht ein vollständiges Werk über die Geheimwissenschaften zu verfassen, was bis zum heutigen Tage die Hauptquelle vieler geblieben ist, die sich mit Hermetik, Kabbala, Alchemie, Numerologie oder Astrologie befassen. Seine Texte aber verwahrte der Autor zunächst im Verborgenen. Doch es blieb ihm nicht erspart, sich mit großen Unannehmlichkeiten und widrigen Umständen konfrontiert zu sehen. Schließlich schlug sein Wirken so große Wellen, dass man über ihn einfach sprechen musste – und das nicht nur unter Freunden.

Wir wollen im Folgenden versuchen, ein Bild des vielbewegten Lebens eines Mannes wiederzugeben, der sich, wie kaum ein anderer seiner Zeit, in so vielen Wissensgebieten auskannte und, wie es scheint, über schier übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen schien – doch niemals zur Ruhe kam.

Goldmacher und Kabbalist

Am 14. September 1486 kam in Köln Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zur Welt, als Erbe eines alten und reichen Rittergeschlechts. Früh schon beschäftigte sich Agrippa, wie man ihn heute kurz nennt, mit den Geheimwissenschaften. Er arbeitete am »Stein der Weisen«. Damit bewegte er sich in fürstliche Kreise, deren Mitglieder bald zu seinen Gönnern wurden und ihn rühmten, wegen seines »Großen Werks«, der Goldmacherkunst.

Zu Agrippas Lebzeiten, zählten die Geheimwissenschaften zu den wichtigen Interessengebieten zeitgenössischer Gelehrter; man denke etwa an John Dee, Edward Kelley oder Isaak Luria, mit denen wir uns noch an anderer Stelle beschäftigen werden. Alles was Agrippa damals an Literatur zum Thema zur Verfügung stand, scheint er auch gelesen zu haben. Seine klassische Bildung war durchaus bemerkenswert: Er verstand acht Sprachen, kannte die Evangelien und biblischen Texte wie zu seiner Zeit kaum ein anderer.

Schon mit 21 Jahren begab er sich nach Paris und stiftete dort eine Geheimgesellschaft. Ihr Zweck: das Studium und die Praxis der geheimen Künste. Dieser Orden breitete sich später sogar aus über Frankreich, fand Mitglieder in Deutschland, England und Italien. Doch bald schon musste er aus finanziellen Gründen nach Köln zurückkehren. Trotzdem setzte er sich das Ziel, bald wieder in Paris zu sein.

Agrippa wechselte immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft. Er fand sich als Krieger auf dem Schlachtfeld, ein andermal erfüllte er seine Pflichten als Lehrer. Später begab er sich wieder in Gesellschaft seiner Ordensfreunde, die sich mittlerweile sogar in Spanien fanden. Sein Geld aber verdiente er durch astrologische Deutungen und andere Geheimkünste.

1509 hielt er im alten burgundischen Dola (heute Frankreich) öffentliche Vorlesungen über das Werk Johannes Reuchlins (1455-1522). Dieser hatte zu Lebzeiten, als Christ, wahrscheinlich mehr zur hebräischen Literatur und der Geheimlehre der Kabbala beigetragen, als so mancher ordentliche Rabbiner. In einem seiner wichtigsten Werke »De arte cabalistica«, leitete er die Bedeutung der zehn göttlichen Urkräfte her (siehe: Sefiroth), die bis heute eine zentrale Rolle spielen in der Kabbala. Agrippa auf jeden Fall, erregte mit seinen Vorträgen über Reuchlins Werk großes Aufsehen bei seinen Zuhörern. Man ernannte ihn zum Lehrer der Theologie an der Akademie von Burgund. Selbst die Räte des Parlaments, wohnten seinen Vorlesungen bei.

Doch je erfolgreicher er damit wurde und je mehr Menschen er mit seiner Lehre erreichte, desto mehr geriet er bald auch in Konflikt mit der hohen christlichen Geistlichkeit. Alles was man da nicht mehr verstand, galt als Irrtum und war darum Ketzerei. Nach Meinung der Kirchenoberhäupter konnte es nicht angehen, dass einer ungestraft so geheimnisvolle Bücher öffentlich erklärte, wie jene von Johannes Reuchlin. Vor Allem der burgundische Franziskaner Jean Catilinet (1450-1530) wandte sich gegen Agrippas öffentliches Wirken. Er verleumdete ihn wegen seiner öffentlichen Lehrtätigkeit zur Kabbala und klagte ihn an als Ketzer.
Waren diese Kirchenmänner wie Catilinet, einfach nur Unwissende oder ahnten sie hinter Agrippas Dasein und Wirken noch etwas Anderes?

Einer der zu viele Geheimnisse kannte

Agrippa versuchte nach all den Anschuldigungen, die man gegen ihn vorbrachte, die Gunst der Statthalterin der habsburgischen Niederlande zu gewinnen: Margarete von Österreich (1480-1530). Er schrieb damals, wohl als Widmung, seine Abhandlungen von der Vortrefflichkeit der Frauen und die Vorzüge des weiblichen Geschlechts, und seine Schilderungen der weiblichen Schönheit. Sie brachte er auch in Verbindung mit den kabbalistischen Gesetzen. Doch es schien nicht, als erreiche Agrippa damit seinen Zweck. Denn die Verfolgung von Seiten der Kirche hielten an. Als Vertriebener setzte er sich 1510 nach England ab. Dort verfasste er seine Verteidigungsschrift. Auch mit den Briefen des Heiligen Paulus befasste er sich in dieser Zeit und im selben Jahr noch kehrte er in seine Heimatstadt Köln zurück. Dort hielt er eine Zeit lang Vorlesungen über verschiedene theologische Themen. Wieder fanden diese großen Zulauf.

Portrait von Johannes Trithemius - ewigeweisheit.de

Portrait von Johannes Trithemius von einem Meister H. B., entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.

Auf einer Reise nach Würzburg, lernte er den Abt Johannes Trithemius (1462-1516) kennen: einem der größten Adepten der Magie und der Kabbala. Er blieb eine Weile bei seinem neuen Meister, von dem er Vieles gelernt haben will. Auf Trithemius' Anregung, verfasste Agrippa schließlich De Occulta Philosophia. Er wollte darin die alte Magie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herstellen und vom Vorwurf gefährlicher Irrlehren befreien.

Agrippas Wissen war zu diesem Zeitpunkt so umfassend, dass er auch über genaue Kenntnisse der Stoffe und der Alchemie verfügte. Man ernannte ihn nicht zufällig zum kaiserlichen Rat, denn sein alchemistisches Wissen »war Gold wert«, insbesondere auch, als es um die Verbesserung des Bergwesens zur Gewinnung von Erzen ging. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1512 ernannte man ihn zum Hauptmann des kaiserlichen Heeres Maximilans I. Im Krieg gegen die Venezianer zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Noch auf dem Schlachtfeld schlug man Agrippa zum Ritter. Seine militärischen Ehren, versuchte er auch seine akademische Anerkennung beizugesellen. Das Studium der Geheimwissenschaften aber setzte er über all die Zeit kontinuierlich fort.

Ich wurde Doctor beider Rechte und der Medizin, vorher noch Ritter. Diesen Stand (den eines Ritters) habe ich mir nicht erbettelt, nicht nach einer Seereise angenommen, nicht bei einer Königskrönung durch schamlose Aufdringlichkeit weggeschnappt, sondern auf dem offenen Schlachtfelde, mitten im Kampfe habe ich ihn durch Tapferkeit erworben.

Dereinst sollte Kardinal de Sainte Croix, Agrippa nach Pisa berufen, damit dort seine Talente als Theologe, ihm zu noch mehr Ruhm verhalfen. 1515 dann lehrte Agrippa im lombardischen Pavia. Er hielt dort Vorlesungen über den großen Hermes Trismegistos. Aber auch hier blieb er nur einige Zeit und es scheint. Musste er fliehen?

Agrippa: Anwalt, Arzt und Witwer

Agrippa war verheiratet und hatte einen Sohn. Von seiner Frau sprach er in höchsten Tönen. Sie war ihm, so wörtlich, »ein Weib nach seinem Herzen«, war schön, jung, klug und von edler Abstammung. Seine Freunde in Europa versuchten ihm eine ehrenvolle Stellung zu verschaffen, in Grenoble, Genf, Avignon oder in Metz.

1518 zog Agrippa nach Metz, wo er als Anwalt und Redner wirkte. Allmählich entspannten sich in dieser Zeit auch die Spannungen zwischen ihm und dem Klerus. Doch es war auch die Zeit, in der er sich unschuldig verfolgter Menschen annahm, die der Hexerei angeklagt auf seinen Rechtsbeistand angewiesen waren. Ein Jahr später aber schon, verließ er Metz wieder und begab sich erneut nach Köln. Dort hatte sich der Hauptsitz des deutschen Mönchtums entwickelt.

1521 verlor Agrippa seine liebe Gattin. Daraufhin reiste er nach Genf, wo er sich allerdings nicht in sehr günstigen Verhältnissen wiederfand. Bald schon reiste er wieder ab und kam 1523 ins schweizerische Freiburg, um dort als Arzt zu wirken, wie er es auch schon in Genf tat. Hier heiratete er ein zweites Mal eine Frau, die ihm ebenso lieb war, wie die erste.

Im Jahre 1524 setzte Agrippa seine Reisen fort. Damals kam er nach Lyon, wo er schon bald zu einem angesehenen Mediziner wurde. Die Mutter Königs Franz I. ernannte ihn zu ihrem Leibarzt. Später auch sollte Agrippa ihr als Astrologe dienen, um zu ermitteln, welchen Lauf der Heereszug ihres Sohnes nach Italien nehmen könnte. Agrippa jedoch verweigerte eine Erklärung dazu abzugeben. Es erschien ihm einfach lächerlich, sich mit solchen »Lapalien« zu beschäftigen. Diese Verweigerung nahm ihm die Königsmutter jedoch sehr übel. Schließlich hatte er in der Vergangenheit auch dem Herzog von Bourbon-Montpensier, einem erfolgreichen Heerführer, seine Erfolge prophezeit.

Im Laufe der folgenden vier Jahre, bedrückten Agrippa schwere Geldsorgen. Er verließ Frankreich und kam im Juli 1528 nach Antwerpen. Dort gewann er einen neuen Freund, dem er vielversprechende Aussichten stellte: ihn nämlich wollte er in die Geheimnisse der Alchemie einweihen. Bald erwarb er hier wieder einen sehr guten Ruf als Wunderarzt und erlangte auch in der Öffentlichkeit großes Ansehen. Das aber war auch die Zeit als seine zweite Gattin verstarb, die ihm mehrere Kinder geboren hatte.

Etwas Trost darüber fand er wohl, als er ein Jahr später von König Heinrich von England, dem Kanzler des Kaisers, zum kaiserlichen Archivar und Historiographen bestellt wurde. Doch all seine Erfolge, die ja nun in verschiedenen europäischen Städten bekannt waren, wurden ihm von jenen Mitgliedern des Klerus nicht gut vergönnt. Sie hatten ihn sogar beim Fürsten angeschwärzt. Auch bei anderen verleumdete man Agrippa. Besonders seine »Geheime Philosophie«, die er 1530 in Antwerpen drucken ließ, lieferte seinen Feinden neuen Stoff für Gründe, Agrippa zu verfolgen und auf die inquisitorische Anklagebank zu bringen. Schließlich warf man ihn 1531 tatsächlich in Brüssel ins Gefängnis. Glücklicherweise aber verblieb er dort nicht lange und schon im folgenden Jahr besuchte er den Erzbischof von Köln. Ihm nämlich hatte er seine Occulata Philosophia gewidmet. Der Druck seines Werkes konnte vielleicht darum und trotz der vehementen Angriffe der Inquisitoren, schließlich doch noch erfolgreich abgeschlossen werden. 1533 erschien die erste Ausgabe seines Buches.

Agrippa lebte später, bis 1535 in Bonn, hatte wieder geheiratet, doch sich von seiner dritten Ehefrau bald wieder scheiden lassen. Darauf kehrte er zurück nach Lyon. Hier aber warf man ihn in den Kerker, da er sich noch den Anschuldigungen der Mutter Franz I. ausgesetzt fand. Auf Bitte gewisser Unbekannter aber, ließ man ihn wieder frei.

Von Lyon machte er sich auf nach Grenoble, wo er aber dann noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren verstarb.

Der Mensch im Pentagramm - ewigeweisheit.de

Der Mensch im Pentagramm: Abbildung in Agrippas Werk über die Okkulte Philosophie.

Agrippa. Ein Schwarzmagier?

In der gesamten Zeit seines Wirkens, machten ihm seine Gegner den Vorwurf im Bund mit dem Teufel zu stehen und ein finsterer Zauber zu sein. Man unterstellte ihm, er solle immer einen schwarzen Hund bei sich geführt haben. Darüber berichtete sein Famulus Johann Wier:

Dieser schwarze Hund war von mittlerer Statur und hieß »Montfleur«, welches so viel als »Herr« bedeutet. Ich habe ihn besser gekannt, als irgend ein Anderer, und ihn nicht selten, wenn ich Agrippa begleitete, an einem Haarseile geführt; aber es war ein ganz natürlicher Hund männlichen Geschlechtes, dem Agrippa einen weiblichen fast von gleicher Farbe und Gestalt, den er »Mademoiselle« nannte, beigesellt.

Wie Johann Wier weiter meinte, liebte Agrippa seine Hunde über alles, dass er sie sogar öfters küsste und mit ihnen beim Essen zu Tische saß. Sogar im Bett sollen sie mit ihrem Herrchen geschlafen haben. Da Agrippa seine Wohnung teils wochenlang nicht verließ, doch über den Lauf der Dinge stets unterrichtet war, unterstellte man ihm, einer seiner Hunde sei der Teufel, der ihn über alles Geschehen unterrichte.

Als sich Agrippa dem Tode näherte, soll er diesen Hund zu sich genommen und sein mit Nägeln und nekromantischen Zaubersprüchen besetztes Halsband abgenommen haben und sprach darauf zu ihm:

Geh', unglückliche Bestie, die du Ursache meines ganzen Verderbens warst.

Dieser Hund sei dann zum Fluss Saône, westlich von Genf gerannt und habe sich in die rauschenden Wasser des Stromes gestürzt, ohne je daraus wieder zum Vorschein zu kommen.

Man unterstellte Agrippa, die Menschen so gut getäuscht zu haben, dass er in den Wirtshäusern seine Mahlzeiten mit Stücken aus Horn bezahlte, die die Wirte aber für bare Münzen hielten. Einer seiner Studenten kam ums Leben, als er in Abwesenheit seines Meisters den Teufel anrief. Als Agrippa nachhause kam, fand er dort dessen Leiche, während auf dem Dachfirst seines Hauses Dämonen tanzten. Einen von ihnen soll er dann in den Körper des Verstorbenen kommandiert haben, um ihn darauf hin auf den Marktplatz der Stadt zu zitieren.

Ist etwas an diesen Geschichten wahr? Oder waren es eher die üblen Verleumdungen seiner Gegner, die Agrippa als großen Zauberer in Verruf bringen wollten?

Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass zu Lebzeiten Agrippas, die Geheimwissenschaften als solche, immer tiefer in die Verborgenheit verschwanden. Denn es war ihm wohl ganz und gar bewusst, dass er mit seinen okkulten Forschungen ein Wissensfeld betrat, das sehr wohl bei Anderen Missverständnis, Zweifel und sogar Furcht hervorrufen konnte. Wer öffentlich mit solchem Wissen auftritt, setzt sich Angriffen aus - das ist auch heute so. Stellt sich die Frage, wieso die Geheimlehren auch heute noch Menschen studieren?
Nun, es ist wohl bei allen Interessierten das Selbe: Sie suchen nach Wahrheit und haben das Verlangen die Wunder dieser Welt zu verstehen und mit dem so gewonnenen Wissen, ihr Leben zu etwas Besserem zu führen. Was spräche dagegen?

Viele Neugierige sind unter jenen, die sich selbst als Magier sehen, doch nicht die entsprechende Reife und Verantwortung entwickeln konnten. Sie gehen nur vom großen Nutzen ihres Geheimwissens aus. Die unzähligen Übel aber, die einem dabei auflauern können, werden von ihnen – aus Unwissenheit – leider ignoriert. Sie nämlich treten auf, wenn man diese Geheimnisse unrechtmäßig verwendet. Der Mensch ist leider unvorsichtig von Natur aus. Das rührt von seiner irdischen Körperlichkeit her, der er sich ja, dem Mythos nach, erst bewusst wurde, als er einst in den verlockenden roten Apfel biss.

Das Buch der Geheimen Philosophie

Agrippa versuchte durch sein Werk, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der magische Praktiker konfrontiert sieht. Einem seiner Lehrer, dem oben erwähnten Johannes Trithemius, schrieb Agrippa:

Als ich neulich bei Euch, Ehrwürdiger Vater, in Eurem Kloster bei Würzburg eine Zeit lang mich aufhielt, und wir viel über chemische, magische, kabbalistische und sonstige Wissenschaften und Künste gesprochen hatten, da wurde unter Anderem auch die wichtige Frage aufgeworfen, warum wohl die Magie, die einst nach dem einstimmigen Urteil der alten Philosophen den höchsten Rang einnahm und bei den Weisen und Priestern des Altertums stets im größten Ansehen stand, in der Folge den heiligen Vätern seit der Entstehung der katholischen Kirche immer verhasst und verdächtig gewesen und endlich von den Theologen verworfen, von den heiligen Konzilen verdammt und überall durch gesetzliche Bestimmungen geächtet worden sei.

Es gab eben Zeiten, wo sich böswillige Menschen, Pseudo-Philosophen und angebliche Magier in die Gesellschaft einschlichen, aus reinem Eigennutz. Sie trieben üblen Missbrauch der Geheimlehren und gingen damit vor, gegen die Ordnung der natürlichen Gesetze. Sie gaben auch Schriften heraus, die nur dem Zwecke dienten, tatsächlich Schaden anzurichten.

Nun ist sicher die Frage berechtigt: Werden nicht durch die Verbreitung geheimen Wissens, solche Pseudo-Magier überhaupt erst auf den Plan gerufen?

Es ist sehr leicht okkulte Weisheiten allein zur Befriedigung eigennütziger Zwecke zu missbrauchen, so nach dem Motto »mal eben etwas Magie und schauen was dabei herauskommt«. Was aber einmal ausgesprochen und vernommen wurde, was einmal gedruckt und gelesen wurde, lässt sich nicht mehr zurückziehen. Wer es »in den falschen Hals« bekommt, droht daran entweder zu ersticken, da er nicht über die nötigen Mittel verfügt die Geheimnisse entsprechend zu ordnen und bekömmlich zu machen, oder aber er verdaut solches Wissen zu etwas, wovon ihm nur die übelste Losung bleibt – miefender Abfall, über den sich all die parasitischen Dämonen und bösen Geister hermachen. Darum wohl zieht jeder, der von sich als Magier reden macht, recht schattenhafte, dunkle Spuren hinter sich her – oder aber wird als Scharlatan verlacht.

Es ist sinnlos, seine Zeit mit niedrigen Tätigkeiten zu verschwenden. Damit aber ist keineswegs einfache Arbeit gemeint. Eher geht es um die kleinen »Vergehen«, von denen man glaubt, sie schaden doch eigentlich Niemandem. Was genau damit gemeint ist, darüber weiß nur der Leser selbst bescheid. Wer sich aber mit Magie und solch höherem Wissen der Geheimlehren befasst, sollte tunlichst vermeiden, seinem körperlichen Dasein, irgendwelche schändlichen Ausnahmen zu gestatten.

Und wieder: Das Niedere den Niederen, das Höhere sei nur den hervorragendsten Geistern unter den Menschen zu erlernen gestattet. In Vertrauen sollten solche Geheimnisse weitergegeben werden – von Mund zu Ohr. Wer anders tut, bringt sich entweder in Gefahr oder macht sich, wenn es gut läuft, allenfalls lächerlich.

Gib dem Ochsen Heu und nur dem Papagei den Zucker!

So unter Anderem, antwortete Johannes Trithemius auf Agrippas oben zitierten Brief. Man sollte sich in Acht nehmen, mit wem man über die Geheimnisse der okkulten Philosophie spricht, um nicht jenem Ochsen unter die Füße zu kommen. Doch alles was einer hier zu lesen findet, ist gut genug zu wissen auf was man sich einlässt. Mag sein, dass sich Menschen, die sich für Magie interessieren, sehr schnell voran kommen. Leider aber ahnen sie nicht, dass sie diesen Kreis dereinst, wenn sie es nicht mehr wünschen, kaum noch verlassen können! Man sollte sich also stets vor Augen führen, dass man mit dem Lesen jener Schriften, auch schon mal die Büchse der Pandora öffnet.

Zentrale Themen in Agrippas Werk

Wer sich mit Agrippas Büchern befasst, sieht, dass er die Welt darin als elementaren Kosmos beschreibt. Das heißt nicht das Selbe, worüber die heutige Physik spricht. Eher werden die Elemente der Natur darin beschrieben und wie diese sich so kombinieren lassen, dass man damit allerhand Wunderwerk vollbringt. Das zumindest war ja immer das Ziel jener, die sich dem Studium der Magie widmeten. Alles Untere, so schreibt er, wird beherrscht vom Oberen, empfängt und überträgt durch sich die Wirkungen der »Ersten Ursache«. Die erste Ursache ist das, was man als den »Unbewegten Beweger« bezeichnen könnte - also Gott. Der Urvater aller Alchemisten, Hermes Trismegistos, formulierte dieses hermetische Gesetz in seiner Tabula Smaragdina – der atlantischen Smaragdtafel.

Geheime Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Illustration aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Das Bild zeigt wie vom Obersten, hier als der heilige Name der Kabbala יהוה (JHVH), aus dem ewigen Anfang allen Seins, sich über die Engelwelten über die Gestirne, auf mehreren Stufen, die Wirkungen des Urlichts sich letztendlich in den verschiedenen Formen der Materie enden. Vergrößern +

Durch eine dreifaltig gegliederte Weltordnung – himmlisch-göttlich, elementar-irdisch und intellektuell-geistig – waltet dieses Wirken der ersten Ursache im Kosmos. Und es sind diese drei Teile im Kosmos, über die Agrippa schrieb, in seinen drei Büchern über die Magie.

Wer sie liest, so Agrippa, könne sich stufenweise durch diese drei Welten bewegen, bis vor Gottes Angesicht, den man darin etwa als einen »Autor des Kosmos« bezeichnen könnte. Wer so weit fortschreitet, wird außerdem selbst dazu befähigt, diese Kräfte vom Oberen ins Untere zu leiten. Doch Vorsicht! Wie damals, gilt auch heute der Energieerhaltungssatz. Wer sich in einem bestimmten Umfang bereichert, wird in seinem Leben, in eben gleichem Umfang geben müssen. Bester Beweis dafür scheint mir die Tatsache, dass alle sogenannten Magier, damals wie heute, meist sehr früh verstarben. Ob sie wohl über ihre Verhältnisse lebten?

Die edlen Wirkungen des Sternenlichts

Es gibt eine himmlische Sphärenharmonie, von der die moderne Astronomie nichts mehr zu wissen scheint. Doch die Planeten und Gestirne, sind über bestimmte numerologische Geheimnisse miteinander verbunden. Auch die Lehre von den raumzeitlichen Verhältnissen der Sterne und Planeten im Tierkreis, das heißt also dem, womit sich die Astrologie befasst, spielte bei Agrippa eine wichtige Rolle. Er liefert in seinen Büchern ganz wesentliche Gleichungen und Zuordnungstabellen, die dem Leser Tür und Tor öffnen, zu den verborgensten Geheimnissen des Okkulten und des Jenseits. Man achte auf die erste Stufe, die man hinter jenem Tor dorthin betritt.

Was Agrippa unter dem Wort Magie verstand, war das Wissen über die Natur und die Vollendung ihrer Erscheinungen. Die philosophische Disziplin, galt ihm ebenso dreifältig wie die Welt: natürlich, mathematische und theologisch.

Einer studiert die charakteristischen Erscheinungen in der Welt, ein anderer die Mengen dieser Erscheinungen und wie sie sich im raumzeitlichen Gefüge bewegen und verhalten. Was Letzterem aber abgeht, ist die wahre Verbindung zu kennen, zwischen jenen Erscheinungen in Natur und Kosmos und dem, was Gott ist, was der Geist, was die Engel, was der Teufel, was die Seele, was die Mysterien und was Glaube und Religion sind.

Wer aber beides, das Gemessene und das Ganze zu verbinden weiß, wer die Dimensionen der Dinge ebenso zu erkennen weiß, wie ihre Bedeutungen und Wirkungen im Universum, der, so Agrippa, habe die wahre Philosophie begriffen. Denn so einer kenne die Ursachen hinter den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Er weiß von der Metaphysik, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende erforscht.

Es ist wohl bekannt, dass Pythagoras und Plato sich nach Memphis begaben, um dort von den Sehern zu lernen und ganz Syrien, Ägypten und Judäa bereisten, die Schulen der Chaldäer aufsuchten, damit ihnen nur nicht entgingen, die allerheiligsten Merkmale und Aufzeichnungen der Magie, doch auch damit sie von Göttlichem erfüllt zur Erkenntnis gelangten.

- Agrippa von Nettesheim

Die Elemente

Was die alten Philosophen Griechenlands von den noch älteren Völkern erlernten, waren die Bedeutungen der Elemente, und zu was sich diese zusammensetzten in der Natur der Steine, Metalle, Pflanzen und im Tierreich.

Vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: aus ihnen setzen sich alle Stoffe und alle Erscheinungen im Kosmos zusammen. Wenn hier aber zum Beispiel von Wasser die Rede ist, sprach Agrippa nicht allein von jener Flüssigkeit aus der sich die Meere bilden. Eher ist damit ein Prinzip des Fließens und seine gebärende Wirksamkeit gemeint. Sobald sich das Element Wasser mit Erde verbindet, kann der Heilige Geist daraus eine Seele hervorbringen (oder ein Mensch, wie etwa der Rabbi Löw seinen Golem zum Leben erwecken).

Auch Luft ist mehr als das, was man atmet. Es ist der Lebensgeist an sich, der alles Seiende durchdringt und bewegt. Atem als solcher ist Bewegung, bildet den kreislauf. Alles in der Welt atmet wenn man so will. Auch die vier Jahreszeiten sind ein kosmischer Atemvorgang: ein Ausatmen beginnt zu Frühlingsanfang und erreicht seinen Tiefpunkt im Herbst, wenn das kosmische Selbst im Innern der Erde, wieder »einatmet« und damit alles in der Natur entstandene, sich zurückzieht in die Dunkelheit des Winters.

Das Feuer entspricht dem Himmlischen und der Wärme des Wassers und der Erde. Letztere ist aber nicht nur das, was wir im Wald und auf den Äckern finden, sondern das Medium, worin sich ein Same zu Leben entfaltet, solange die Erde rein ist. Und dieser Same kann sowohl geistig, wie auch körperlich sein. Die Erde ist die Substanz, das Wasser gibt ihm die Form, das Feuer die Wärme und die Luft den Atem, so dass sich aus dem Samen, Leben entwickeln kann.

Auch im körperlichen Menschen, haben diese vier Elemente ihre Entsprechungen: Die Knochen bilden die Erde, die Muskeln die Luft (da sich der Körper ja durch sie bewegt), den Lebensgeist das Feuer und das Temperament das Wasser. Doch auch die Seele, setzt sich aus diesen vier Elementen zusammen: die Erkenntnis ist feurig, aus der Luft bildet sich die Vernunft, die Phantasie ist wässrig und die Sinne irdisch. Auch die Sinne lassen sich mittels der vier Elemente aufgliedern, wo das Sehen dem Feuer entspricht, das Hören der Luft (Schall), Geschmack und Geruch durch Wasser repräsentiert werden und schließlich das Empfinden, der Tastsinn irdisch ist.

Die vier Elemente finden sich überall im Kosmos und alles kann im Verständnis ihrer wahren Bedeutung, erkannt und verwendet werden. Denn aus ihnen lassen sich die darin existierenden Eigenschaften ableiten und zu etwas fortentwickeln, was ihnen wiederum entspricht. Das Feurige der Sonne, wird zu Trockenheit der Erde. Das wässrige im Mond, zu den Gezeiten der Meere.

Es sind eben nicht jene Elemente, wie sie die moderne Chemie erklären würde, sondern eher Qualitäten des Seins. Weniger geht es in der Magie um Messbares, als letztendlich um das, was erfahren und erlebt werden kann. Doch insbesondere was man für andere erfahr- und erlebbar macht.

Die Quintessenz und das Elixier

Alles Untere, so sagten wir bereits, empfängt seine Wirkungen vom Oberen. Für Agrippa entsprach auch allem Irdischen etwas Himmlisches: das Untere dem Oberen. Diese beiden Postulate bilden das erste hermetische Prinzip. Die Weltseele aber führt die Wirksamkeiten dieser Entsprechungen von oben nach unten, und wieder von der Wirkung zurück zur Ursache. Diese Ursachen zu kennen will Agrippa in seinen drei Büchern über die okkulte Philosophie, helfen genau zu verstehen.

Die sichtbaren Dinge entstehen durch bestimmte Impulse der geistigen Welt. Auch die in den Dingen liegenden Eigenschaften, und wie sie damit auf andere Dinge wirken. Es sind diese Wirkungen aber unterschiedlich im Grad. Je nach Reinheit oder Verunreinigung, erfüllt sie die selbe Kraft, die sie von der Anfangs erwähnten, impulsgebenden Ursache er-halten haben und nun für sich ent-halten.

Was aber ist diese Ursache beziehungsweise, welche wirksame Kraft liegt in ihr, so dass überhaupt etwas entstehen kann, an das ihre Wirkung übertragen wird?

Ein Mensch etwa, kann ja durchaus auf einen anderen Menschen seine Wirkung übertragen. Das macht er mittels seiner Seelenkräfte. Es ist wie mit einem Magneten: Wenn Sie ihn auf ein Stück Eisen legen, geht sein Magnetismus darauf über. Auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, macht man ähnliche Erfahrung. Unser Umgang prägt unser Leben.

Die Seele des Einen, wirkt auf die Seele eines Anderen, wobei sie selbst oder ihre Wirkungen verändert oder diese beeinflusst werden. Die Kräfte die dabei wirken, werden vermittelst der geistigen Weltsubstanz, der »quinta essentia«, wie sie die Alchemie nennt, vom Einen auf das Andere übertragen.

Wir hatten nun gesagt, dass sich die Dinge aus Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetzen. Die eben definierte Quintessenz, gleicht einem fünften Element in der Hermetik – etwas, dass sich sowohl über den Vieren, außerhalb von ihnen befindet und sie durchdringt. Und so wie die Quintessenz nun aus dem Inneren der Welt wirkt, so wirkt sie auch aus dem Inneren des Menschen. So wie die Kräfte der menschlichen Seele an seine Körperglieder durch seinen Geist übertragen werden, so breiten sich die Kräfte der Weltseele, durch die Quintessenz aus und durchdringen, formen und verändern die dingliche Welt.

Nichts in der Welt existiert, dass nicht auch etwas von den Wirkungen der Quintessenz in sich trägt. Doch es gibt Dinge, in denen diese Quintessenz ganz reichlich vorhanden zur Wirkung kommt. Und das sind die Himmelskörper. Ihre Strahlen enthalten konzentrierte Wirkungen der Quintessenz. Was sich auf Erden befindet, seiner Natur nach aber diesen himmlischen Kräften entspricht, darauf haben die astralischen Kräfte besonderen Einfluss. Einfachstes Beispiel sind die Sternzeichen des Tierkreises, die einem Menschen bestimmte Veranlagungen mit auf seinen Lebensweg geben. Und diese Übertragung erfolgt durch eben dieses fünfte Element,  die Quintessenz.

Das bedeutet also, das alles real Existierende, von dem was über ihm steht beeinflusst wird, seien es Pflanzen, Steine, Metalle oder die Planeten, über denen die Wirkungen des Fixsternhimmels regieren.

Hieraus schloss Agrippa, dass derjenige, der den Geist der Quintessenz von Materie zu trennen vermag, oder von jenen Dingen Gebrauch macht, in denen die Quintessenz überwiegt (zum Beispiel in der Bewegung der Sternenlichter), wahrlich auf dem besten Wege ist, den Stein der Weisen zu bereiten. Denn auch die alten Alchemisten versuchten, die Quintessenz des Goldes oder des Silbers aus den entsprechenden Metallen zu extrahieren. Wem es unter ihnen gelang, der vermochte mit diesem heiligen Extrakt, jede Substanz in Gold oder Silber zu verwandeln – vorausgesetzt, sie wissen, wie die Quintessenz auf den vermeintlichen Stoff angewendet werden muss, damit sie ihn durchdringt und mit ihren geistigen Prinzipien vollkommen erfüllt.

Man sollte jedoch niemals vergessen, dass immer nur soviel von dem gewünschten Ding hergestellt werden kann, sei es Gold, Silber oder irgendeine andere Sache, wie man entsprechend anderswo, die vermeintliche Quintessenz zu extrahieren vermochte. Nur soviel das Pendel nach links ausschlägt, wird es auch nach rechts sich wenden, doch immer ein wenig schwächer als der erste Ausschlag.

Ähnliches dem Ähnlichen

Das Gesagte dürfte damit etwas erhellen, welche Absicht Agrippa mit seiner Schrift von den Okkulten Philosophie zur Verfügung stellte. Es ging ihm darum zu untersuchen und aufzuschreiben, welche der irdische Substanzen und Dinge, wozu natürlich auch der Mensch als Ganzes zählt, die himmlischen Wirkungen anzunehmen vermögen, um sie hier auf Erden zur etwas Höherem, etwas Geeigneterem zu formen. Das vollbringt aber nur derjenige, der die hermetischen Gesetze verinnerlicht hat.

Ähnliches bringt Ähnliches hervor, Wirkungen zeigen sich als Allegorien ihrer Ursache. Was immer lange stand und Salz enthielt, wird wohl auch irgendwann zu Salz. Das gilt ebenso für unser Leben. Wer sich lange genug mit einer bestimmten Sache beschäftigt, nützlich oder unnütz, und sich damit ihrer Wirkung aussetzt, wird ihr immer ähnlicher. Dieses Ähnlichkeits-Prinzip, fand seinen Weg auch in die Heilkunde. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) sprach vom »similia similibus curentur«, wo es darum geht, das Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann – besser bekannt als Simile-Prinzip der Homöopathie, wonach jede Krankheit durch die Substanz geheilt werden kann, die beim Gesunden, der Krankheit entsprechende, ähnliche Symptome hervorruft.

Wer demnach also Wirkungen erzielen will, sollte entsprechende Resultate in der Natur ausfindig machen und versuchen, daraus die besagte Quintessenz zu extrahieren. Je reiner diese Essenz, das »Elixier«, desto einfacher lassen sich damit Zwecke erfüllen und Dinge oder Umstände ineinander verwandeln, zum Wohle des Wissenden oder zu seinem Nachteil. Wer aber zurückschreckt vor der letztendlichen Konsequenz dessen, was auch an Grobheit notwendig ist, um die gewünschte Essenz herzustellen, sollte erst gar nicht damit anfangen. Denn wenn die Sterne auf die Planeten, und diese auf die Mineralien wirken, in die Pflanzen in der Erde gebettet gedeihen, die wiederum von Tieren gefressen werden, dürfte daraus abzuleiten sein, dass bei der Bereitung des Steins der Weisen, insbesondere auch der Tod eine Rolle spielt. Wahre Veränderung kann tatsächlich aufreiben, letztendlich gar zunichtemachen.

Als Kinder lasen wir Fabeln, wo bestimmte Tiere für bestimmte Haltungen und Charaktereigenschaften eines Menschen stehen. Wer diese Eigenschaften in seinem Leben zur Wirkung bringen will, der muss sich eben an jene Tiere wenden und die lebendige Essenz aus ihnen zu geeignetem Zeitpunkt gewinnen, um sie für sich nutzbar zu machen.

Wer sich nun also, mit einem Wissen bereichern will, dass ihm erklärt, wie in solchem Vorgehen zu handeln ist, der kann sich mit Agrippas okkulten Philosophie befassen. Bis ins Detail geht er darin auf die notwendigen Vorkehrungen ein. Wer unter den Lesern aber macht sich die aufwendige Mühe, diese Vorkehrungen auch tatsächlich zu treffen?

Viele Fragen bleiben offen.

 

 

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