Mysterien / Einweihung

Mythos Agartha

von S. Levent Oezkan

Agartha - ewigeweisheit.de

Aus Zentralasien ist eine alte Legende überliefert, die ein unterirdisches Reich erwähnt, dessen Bewohner dereinst auf der Erdoberfläche erscheinen sollen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts soll das ein sonderbarer »König der Welt« prophezeiht haben. Leben diese Bewohner darum vielleicht bereits heimlich unter uns?

Dabei hielt sich dieser König anscheinend in der äußeren Mongolei auf, im tibetisch-buddhistischen Kloster Narobanchin: eine besondere Institution, denn dieses Kloster bildete sowohl einen heiligen Tempel für die Menschen die dort lebten, doch hatte gleichzeitig auch weltliche Funktion, wie etwa die Eintreibung der Steuern.

Es war also nach innen als Kloster organisiert, nach außen aber wie eine staatliche Institution. Letztere Angelegenheiten vertraten die sogenannten »Aimaken«, Menschen die einer Volksgruppe der Afghanen angehörten. Nicht zum ersten Mal fiele da der Namen Afghanistan, wenn es um die Verortung eines verborgenen Reiches in Zentralasien geht, denn in den hohen Bergen des afghanischen Pamir-Gebirges, vermuteten manche den Zugang zu jenem mythischen Reich von Agartha (manchmal auch geschrieben als Aghartha, Agarttha, Agarthi oder Asgartha).

Die inneren Angelegenheiten des Klosters Naronachin vertraten hochrangige buddhistische Lamas, über die es heißt, dass sie einen Kreis von Heiligen bildeten, die bereits das Nirvana erlangt hätten, doch beschlossen in ihren sterblichen Körpern in dieser Welt zu bleiben, um ihren Mitmenschen helfend zur Seite zu stehen.

Im Innern des Planeten Erde

Es ist keine Erfindung, die sich moderne Autoren ausdachten: Seit alter Zeit erzählt man von einem unterirdischen Weltreich, in dem Menschen leben. In den Legenden westlicher und östlicher Mythologie finden diese Erwähnung. Im alten Griechenland etwa erzählte man, dass die Verstorbenen weiter an den Ufern des Hades lebten, jenem Fluss der Unterwelt. Auch die nordische Mythologie der Prosa-Edda spricht von einer unterirdischen Wohnstatt der Elfen, die man da »Schwarzalbenheim« nennt. Mit solch Unterwelt ließe sich auch das assoziieren, was kabbalistische Literatur »Scheol« nennt. Wenn im Christentum die Rede ist von der Hölle, als Unterweltsreich, so sollte man sich vorsehen das einfach nur negativ zu bewerten. Denn das Wort »Hölle« ist alt-germanischen Ursprungs und leitet sich ab vom Namen der nordischen Totengöttin »Hel«, der hervorgeht aus der germanischen Wortwurzel »hal«, was soviel wie »verbergen« heißt. Wer die Legende von dem sagenhaften Baumeister Hiram Abiff kennt, weiß, dass ins Innere der Erde auch Kain, der erste Sohn Adams verschwunden sein soll.

Da ist also ein verborgenes Reich gemeint, von dem all die verschiedenen Mythen der Welt erzählen. So auch ein Mythos Nordirlands, wo die Rede ist von besonderen Höhlengängen, die in ein unterirdisches Reich führen, wo die Tuatha Dé Danann wohnen, Kinder der Göttin Dana. Sie sollen den Menschen auf der Erde das Druidentum gelehrt haben, doch darauf wieder in der Unterwelt verschwunden sein.

Zu Anfangs ging es aber um ein buddhistisches Kloster, wo jener König der Welt den eingeweihten Mönchen, die Existenz eines solchen inneren Reiches unter der Erde kundgab. Tatsächlich sprechen alte Mythen des tibetischen Buddhismus von diesem Reich in einer Unterwelt. Sie basieren vermutlich auf noch älteren Legenden, wie man sie etwa in den heiligen Schriften der Hindus, den Bhagavatapurana findet (9. Gesang, Kapitel 16, Verse 19-21). Da sollen Angehörige der Kschatriyas (Kriegerkaste) vom sechsten Avatar Vishnus, dem »Parashurama«, von der Erde in eine Unterwelt verbannt worden sein.

Ebenso in der Mythologie der nordamerikanischen Indianer gibt es eine Legende des Volkes der Mandan. Ihre Vorfahren sollen in alter Zeit aus einem unterirdischen Land durch eine Höhle, nördlich des Missouri, auf die Erde gekommen sein. 
Die Hopi sprechen vom »Sipapu«, einem Erdloch, das sich im Grand Canyon befinden soll und man von dort in eben diese Unterwelt gelangt. Manchmal ist da auch die Rede von der »Vierten Welt«. Auch die Hopi sagen, dass vor Urzeiten von dort aus ihre Vorfahren in diese Welt kamen.

Aber auch ganz wissenschaftliche Denker des 18. Jahrhunderts, wie etwa der deutsche Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783), befassten sich mit der Frage, ob die Erde sogar hohl sein könnte und von einer »inneren Sonne erleuchtet«:

die einer hochstehenden innerirdischen Menschheit Wärme und Licht spendet

- Aus Eulers »Briefen an eine deutsche Prinzessin über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie«

Auch schon vor Euler, hatten sich in ihren Arbeiten Wissenschaftler wie Edmond Halley (1656-1742) oder Isaac Newton (1642-1726) der Frage gewidmet, ob es so ein inneres Erdenreich gäbe.

Schlangen der Unterwelt

Doch schauen wir noch einmal nach Fernost, genauer gesagt nach Sibierien. Im Jahre 1920 befand sich dieser Teil Russlands unter der Kontrolle der kommunistischen Bolschewiken. Alles was dort jemals an Spiritualität ausgeübt wurde, sollte dieser neuen politischen Macht weichen. So kam es natürlich auch dazu, dass viele Menschen von dort versuchten zu fliehen. Unter ihnen war auch der damals in der sibirischen Stadt Omsk lebende polnische Forschungsreisende Ferdynand Ossendowski (1876-1945). Über die Mongolei, China und Tibet, versuchte er mit anderen nach Indien zu entkommen.

Auf dieser Reise sollte Ossendowski dann aber in Kontakt kommen mit jenen, die ihm über das Reich von Agartha berichteten. Von ihnen erfuhr er, dass vor mehr als 6.000 Jahren im Innern der Erde ein Reich entstanden sei, zu einer Zeit, als das begann, was die indischen Weisheitslehren das »Kali-Yuga« nennen: Das Zeitalter des Streits. Es stimmt in etwa mit dem überein, worüber der griechische Dichter Hesiod (vor 700 v. Chr.) vom »Eisernen Zeitalter« sprach.

Zurück wird bleiben der sterblichen Menschen düsterer Jammer, und im Elend sich nirgends Hilfe zeigen.

- Aus Hesiods »Werke und Tage«

Um die christliche Zeitenwende, schrieb auch der griechische Dichter Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.) in seinem Hauptwerk »Metamorphosen«, über dieses Eiserne Zeitalter, als eine Periode der Menschheit, in der wirtschaftliche und technische Veränderungen, Verderben über die Welt bringen werden. Es ist eine Zeit, die in der Gegenwart auf ihren Höhepunkt zuzusteuern scheint.

Lange vor dieser finsteren Zeit aber sollen sich die Eingeweihten in dieses Reich von Agartha zurückgezogen haben. Manche sprechen auch von den »Schlangen«. Man muss das aber sicherlich als Metapher verstehen, und zwar für eine Gruppe von Menschen, die in die Mysterien eingeweiht sind, wo solche Mysterieneinweihungen ja immer im Erdinnern stattfanden, wie etwa auch im alten Eleusis in Griechenland. Und dass das Innere der Erde von Reptilien bewohnt wird, kennt man aus den verschiedensten Legenden der Menschheitsgeschichte (wie etwa über den alt-ägyptischen Gott Sobek).

Kehren wir aber wieder zurück, zu dem, was wir oben als das Kali-Yuga einführten: im Hinduismus das letzte von vier Zeitaltern. Wenn am Ende dieses Yuga, von dem manche sagen, dass es unmittelbar bevorstehe, die Bewohner von Agartha an die Erdoberfläche zurückkehren sollen, dann erinnert das irgendwie auch an den im Johannes-Evangelium genannten »Jüngsten Tag«, wo Menschen aus der Erde wieder auferstehen sollen:

Verwundert euch des nicht, denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

- Johannes 5:28f

Wer heute glaubt, dass wir uns in eine Zeit der Verdunkelung bewegen, dürfte mit dieser Anti-Utopie wohl nicht ganz falsch liegen. Es scheinen da gegenwärtig Kräfte zu wirken, denen die Geheimnisse der Mysterien vorenthalten bleiben müssen. Nur darum wurden, und werden auch heute noch, Initiationen nur im Verborgenen durchgeführt. Mit dieser heute gegenwärtigen Verdunkelung des Bewusstseins der Menschen aber, ist die bewusste Verbindung der Menschen mit dem, was manche Gott nennen, scheinbar verloren gegangen. Man könnte auch von einem »Geistigen Zentrum« sprechen, von wo aus dieser, zu eingangs genannte, »König der Welt« seine Wohnstatt besitzt.

Unter den Bewohnern dieses Reiches, so vermuten andere, gehörten jene, über die der Theosoph Alfred Percy Sinnett (1840-1921) in seinem Buch »Die Mahatma-Briefe« schrieb. Da fallen so Namen wie »Meister Morya« oder »Meister Kuthumi«.

Zwar ist diese Verbindung scheinbar verloren, doch existiert dieser Ort auch heute noch. So zumindest wollen es die Überlieferungen jener, die sich mit den Legenden um dieses verborgene Reich, schon seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Und wenn das so ist, kann man davon ausgehen, dass es auch manche finden können, eben dort, wo auch schon im vergangenen Jahrhundert gesucht wurde. Alles was es dazu bedarf, ist eine echte Intention. Nicht zufällig heißt es über andere Weise der Vergangenheit, wie etwa den russischen Maler und Forschungsreisenden Nicholas Roerich (1874-1947), dass sie in Kontakt standen mit solchen, die Zugang gefunden hatten nach Agartha. Roerich schrieb selbst darüber, doch nannte dieses verborgene Reich »Shambhala«. Der Aufwand, den er und seine Frau, die Theosophin Helena Roerich (1879-1955), dafür betrieben, war ungeheuerlich.

Gibt es ein »Geistiges Zentrum« der Welt?

Wenn nun also von Agartha oder Shambhala die Rede war, so ist das der Ort dieser Intention, die man vielleicht besser als »geistige Ausrichtung« bezeichnen könnte, der es jedoch bedarf, um dorthin auch zu gelangen.

Besonders in Europa scheint eine bewusste Verbindung mit Agartha unterbrochen zu sein, und das nicht erst in unserer Zeit. Man frage jemanden auf der Straße nach diesem Ort und ernte entsprechend Verwunderung.

Der französische Traditionalist René Guénon (1886-1951) nun schrieb in seinem Buch »Der König der Welt«, dass es bereits seit dem 14. Jahrhundert im Westen zu diesem Bruch kam, womit das Bewusstsein für ein solches Weltzentrum, gänzlich in ein Schattenreich verdrängt wurde. Vermutlich lag die Gründung jenes Ordens der Tempelritter auch darin begründet, diese alte Verbindung mit dem Reich in Fernost wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben die mythische Figur des Priesterkönigs Johannes, dessen Untertanen sowohl in Fernost, wie auch in Afrika gelebt haben sollen. War oder ist er jener König der Welt?

Auch mit der sich zwischen 1517 und 1648 vollziehenden Kirchen-Reformation, soll es zu einem weiteren Bruch gekommen sein, zwischen den Menschen im Westen und jenem Geistigen Zentrum. Damals kamen die Rosenkreuzer-Manifeste in Umlauf und es heißt, dass kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) die wahren Rosenkreuzer Europa verließen, um sich nach Zentralasien zurückzuziehen. Nicht zufällig wohl scheint in moderneren Kreisen rosenkreuzerischer Geheimbünde, die Zahl Zwölf eine Rolle zu spielen, wie etwa bei dem, was da als das »Goldene Haupt« bezeichnet wird: einem Kreis von zwölf Adepten die über dem Orden des Goldenen Rosenkreuzes stehen.

Weitere Nachforschungen brachten manche irgendwann auch zu dem, was man die »Große Weiße Loge« nennt, die über das verfügen soll, was der schwedische Theosoph Emmanuel Swedenborg (1688-1772) als das »verlorene Wort« bezeichnete. Guénon meint in seinem oben genannten Buch dazu, man müsse es unter den Weisen Tibets suchen. Auch die Eingeweihten der Tataren Zentralasiens, könnten jenen Hinweise geben, die sich auf der Suche nach dem geistigen Zentrum von Agartha befinden - dann, wenn sich Menschen wieder frei über den Erdball bewegen dürfen.

Oder bereits doch schon jetzt?

Zwar sprach der 14. Dalai Lama Tendzin Gyatsho nicht über Agartha, sondern über Shambala, doch lassen sich beide Namen auch synonym verstehen. Seine Äußerung darüber, wer dieses geistige Zentrum erreichen kann und wer nicht, ist dabei interessant:

Gleichgültig ob Shambhala ein Ort irgendwo auf diesem Planeten ist, oder nicht, so kann er dennoch nur von denen gesehen werden, deren Geist und karmische Tendenzen rein sind.

- Aus dem Handbuch der tibetischen Astrologie

 

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Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Sonne und Schlange

von S. Levent Oezkan

Drachenorden in Ost und West - ewigeweisheit.de

Die Sonne ist die Kraft unseres Planetensystems. Von ihr hängt alles Leben auf unserer Erde ab. Ihr Magnetismus, ihre Wärme und ihre Schwerkraft gleichen einer makrokosmischen Dreiheit von Geist, Seele und Körper, die unseren vergleichsweise winzigen Planeten durchwirkt.

Alles geistig-himmlische assoziieren die Menschen seit ehedem mit der Sonne, während man der Schlange die Rolle der Erdkräfte, insbesondere der Kräfte der Unterwelt zuschreibt, wohin sie sich wohl auch tatsächlich zurückzieht um in Starre die Finsternis des Winters zu durchweilen.

Sonne und Schlange - Himmel und Erde

Den Finsterniskräften einer mythischen, sonnenvertilgenden Schlange, steht ein biologisches Reptil gegenüber, für das die Sonne geographisch zwar nicht erreichbar ist, es als Kaltblüter seine Körperwärme aber über das Licht der Sonne bezieht. So wie die mythologische Schlange alles licht- und sonnenhafte aufzehrt, so verschlingt die naturkundliche Schlange gierig ihre Beute, in einem Stück. Der Schlange ist das Begehren inhärent.

In den Sagen des klassischen Altertums taucht sie oft als Wesen auf, dass, so z. B. im alten Ägypten, gegen die lebenserhaltenden Kräfte der Sonne kämpft, und als riesiges Monster versucht die Sonne selbst in ihr finster-kaltes Wesen aufzusaugen. Das sagenumwobene Schlangenwesen scheint zu Grunde zu richten, auszulöschen und alles einverleiben zu wollen, was lebendig ist. Es will alles sich selbst gleich machen, zuweilen sich sogar selbst verzehren: als Ouroboros.

Da Drachen und Schlange, als Wesen der Erde, sich leicht mit allem Unterirdischen assoziieren lassen, ist in der Geomantie auch die Rede von Drachenströmen. Sie verlaufen im Erdgrund, doch tragen meist christliche Namen, die aber ganz und gar nicht abwegig sind, schaut man sich etwa die Symbolik von Michael und Maria im katholischen Christentum an, denn nach diesen beiden Heiligenfiguren sind diese Ströme benannt - zumindest in Nordeuropa.

Durch dies magnetische Strömen, das durch die Einwirkung der Sonne im Erdgrund wirkt, bildet sich das Gold der Alchemisten als geronnenes, kristallines Sonnenlicht. Möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb in verschiedenen Sagen und Märchen, ein Drache erst von einem Sonnenhelden getötet werden muss, bevor ein Goldschatz aus dessen Höhle geborgen werden kann.

Wegen der Begründung im biblischen Sündenfall, hat die Schlange in den abrahamitischen Religionen eine eher negative Konnotation, während sie als solares Weisheitssymbol im Buddhismus oder Hinduismus, z. B. für die Schöpferkraft steht. So etwa Vishnu, der sich als die zehn Avatare auf Erden inkarniert. Er liegt auf einem aus 1000 Schlangen geformten Bett, und badet so im kosmischen Milch-Ozean von König Shesha, dem Herrscher der Schlangengottheiten. Auch der dritte im Bunde der Trimurti, der Zerstörergott Shiva, wird in bildlichen Darstellungen stets mit einer Kobra um den Hals gezeigt.

Als Siddharta Gautama, eine dieser Inkarnationen Vishnus, am siebten Tag seiner Erleuchtung, unter einer Pappel in Meditation das Buddhatum erlangte, begann ein Monsunregen, als eine Riesenkobra an ihn herankroch, sich aufrichtete und ihren siebenköpfigen Schlangenkörper schützend über ihn wölbte.

In China charakterisieren Reptilien oft in Drachengestalt, auf Bildern, Reliefs und Skulpturen dargestellt, den fruchtbringenden Regen des Frühlings, und werden deshalb gerne als Glückssymbole verwendet.

Im 12.000 Jahre alten Tempel von Göbekli Tepe in der Türkei, findet man Stützpfeiler auf denen überwiegend Schlangenfiguren abgebildet sind, was ein Hinweis darauf ist, dass seit bereits sehr alter Zeit Schlangenkulte existiert haben müssen. Auch im 5. Kapitel der Vishnu Puranas wird von großen Schlangengöttern berichtet, die auf der Insel Atala gelebt haben sollen. Ebenso wie das aztekische Atzlan ist Atala ein anderer Name für Atlantis. Sowohl im aztekischen, wie im indischen Mythos wird überliefert, dass einst Schlangengottheiten subterrane Paläste bewohnt haben sollen. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass die atlantische Weltzivilisation von einem Schlangenkult geprägt gewesen sein könnte.

Hierauf Bezug nehmend, möchte ich überleiten zu einem ursprünglich sumerischen Mythos. Der solare Schlangengott Enki, ein Gegenstück zum griechischen Prometheus, kam auf die Erde als Erschaffer und Lehrer der Menschen. Er gründete die Bruderschaft der Schlange, deren Mitglieder sich nach der atlantischen Katastrophe angeblich in zwei Gruppen getrennt hatten: In den Orden des roten Drachen, der seitdem die Geschicke der westlichen Zivilisation lenkt, angeblich aus dem im Erdinnern befindlichen Königreich von Agartha (auch: Agarthi) – während der Orden des gelben Drachen vom himmlischen Shambhala aus, über das Schicksal der östlichen Zivilisation wacht.

Eine Legende aus diesem Mythenkreis berichtet wie die Priester des Roten Drachen von Agartha, durch Invokation ihre Initianden in die Geheimnisse der Erde einweihten, das heißt, dass dabei Wesenheiten durch Anrufung eingeladen wurden.

Die Priesterschaft des Gelben Drachen führte traditionsgemäß Evokationen aus, wobei die Anwesenheit von Wesen der geistigen Welt angeblich erzwungen wurde, um so die Mysten in die Erscheinungsformen der Sonne einzusegnen.

Sagen, Fabeln, Geschichten

Vermutlich rührt der Mythos von der Gründung zweier Bruderschaften im Mittelalter her. Vielleicht hat er sich in den letzten 500 Jahren verbreitet.

Anfang des 15. Jhd. wurden fast zeitgleich zwei Bruderschaften in Europa und Asien gegründet: Die Bruderschaft des Drachen, einem katholischen Ritterorden der von Kaiser Sigismund im Jahre 1408 zur Verteidigung des Christentums gegen die eindringenden Osmanen ins Leben gerufen wurde.

Sein Emblem: ein roter Drache. Ein Jahr später, im Jahre 1409 wurde in Tibet vom Manjushri-Eingeweihten Tsongkhapa, in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden gegründet, aus dem die Gelug-Schule hervorging, der buddhistische Orden der gelben Drachenmützen.

Die Religionen des Okzident glauben an eine innere, verborgene Kräfte. Sie richten sich auf einen zentralen, einzigen Gott aus. Sie glauben an ein, sagen wir, »Konzept« eines Weltendes, wie etwa das jüngste Gericht der Christen oder die »Götterdämmerung« nordischer Mythen. Die spirituelle Auffassung im Orient hingegen, geht aus von einer transzendenten Ewigkeit eines zeitlosen Buddha, dessen Weisheit, da ewig, wie es scheint nicht im selben Umfang geheim gehalten werden muss.

Im Westen werden religiöse Weisheitslehren, insbesondere im Christentum, Judentum und Islam, scheinbar aufgespart und nur gleichnishaft überliefert, während die Lehren östlicher Weisheitstraditionen meist deutlicher erscheinen und dem Vernehmen nach einfacher zu begreifen sind, als z. B. die Gleichnisse der Evangelien, die sich manchem auf den ersten Blick offenbar nichts sagend vorstellen. Östliche Weisheit scheint näher am Leben und geerdeter zu sein, während die westlichen Geisteslehren mit dem wirklichen Leben anscheinend nicht all zuviel zu tun haben – zumindest oberflächlich gesehen.

Die beiden oben vorgestellten Bruderschaften bildeten sich vermutlich, um in der alten Welt eine Polarität aufrecht zu erhalten, die auf dem Widerstreit von Licht- und Finsterniskräften gründet und bis ans Ende des Fischezeitalters vorherrschen sollte. Es sind also zwei Pole, die aber streng genommen eigentlich eine Dualität wiedergegeben, denn würden sie polar-verbunden erscheinen, erführe man wohl ihr innerstes Geheimnis.

Soll damit also der Zugang zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit verschleiert werden? Es scheint doch nämlich eine dritte Kraft zu existieren, über die eben jene beiden Pole verbunden sind. Schaue wir in die mythische Zeit unserer Menschheitsgeschichte tauchen da im Okzidents vermeintliche Gegensatzpaare auf, als Sonne und Mond, Michael und Drachen, Mithras und der Stier, Theseus und Minotaurus, Zeus und Typhon, Apollon und Python, Osiris und Seth oder Adler und Schlange.

Auf jene dritte Kraft kommen wohl all jene die den Mysterienweg gegangen sind, die starben um wieder aufzuerstehen: im ägyptischen Memphis, im griechischen Samothrake oder in Eleusis: Die Initianden wurden dem »Einen« geweiht, indem man ein vorübergehendes Auslösen der Seele aus dem Körper, durch eine Art Todeserfahrung erzielte. So wurde aus dem Initianden eine »kluge Schlange«, wie sie einst Jesus beschrieben hatte.

Initiation ist keine Wissenschaft die durch Sprache vermittelt werden kann, sondern eine Einsicht, in deren Besitz man nur durch unmittelbares Erleben kommt – eine Erfahrung die physiologisch über die Nervenimpulse im Rückenmark, in das Bewusstsein des Initianden eintritt und wie überliefert wurde, als ein inneres, sonnenhaftes Licht wahrgenommen wird.

Hier gibt es eine interessante thematische Verbindung zur biologischen Schlange, da das verlängerte Rückenmark, eine evolutionsbedingt reptilienartige Körperstruktur ist. Die Gehirnbrücke, die vom Kleinhirn und Großhirn aufgenommen wird, bezeichnet man in der Anatomie auch als Reptilienhirn. Das eine Art Ur-Reptil, einen Teil unseres Körpers bildet, glauben auch die Jivaro, peruanische Ureinwohner des Amazonas. Einst sollen riesige, schwarze, flugsaurierartige Fischwesen aus dem Weltall gekommen sein, da sie sich vor etwas weit draußen in der Galaxie auf der Flucht befanden, und auf der Erde landeten, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Sie brachten angeblich das Leben auf der Erde hervor und waren die wahren Meister des Planeten und der Menschheit. Die Menschen seien nur die Diener und Behälter dieser Reptilienwesen.

Manche New-Age-Forscher und Ufologen vermuten, dass die mächtigsten Familien der Welt, durch reptiloide Wesen, die vom Orion-Sternbild stammen sollen, in ihren Entscheidungen beeinflusst und gelenkt werden, weil diese mit anderen außerirdischen Wesen, wie z. B. den »Plejadiern«, um die Vorherrschaft auf Planet Erde kämpfen. Solche Nachrichten erinnern sicherlich an Sciencefiction, doch lassen sich die Ursprünge solcher Geschichten durchaus in verschiedenen Legenden finden, wie z. B. die der indigenen Tolteken, der Azteken und der Maya. Einst soll die Sonnengottheit Quetzalcoatl, die leuchtende Schwanzfederschlange auf die Erde als Schöpfergott und Lehrer der Menschen gekommen sein, von der geglaubt wird, dass sie wiederkehren werde, um über das Weltreich der Erde zu walten.

Ein ähnliches Wesen existiert auch in zentralasiatischen Mythen: der Simourgh-Vogel.

Im alten Ägypten war es der Vogel Benu, der vermutlich auch etymologisch mit dem rotgoldenen Feuervogel Phönix identifiziert werden kann, der laut eines anderen Mythos als Stammvater der Phönizier angesehen wird, jenem Volk dem wir die Verbreitung unserer Schrift zu verdanken haben.

Annunaki - ewigeweisheit.de

Ein Unterweltsdämon wie er in alten Mesopotamischen Basreliefen häufig dargestellt wird. Manche meinen, solche Wesen kamen von fernher auf die Erde, um dort die Zivisation der Menschheit zu erschaffen.

Von Drachen und Sonnenkönigen

In den Texten des ägyptischen Totenbuchs scheint es auf den überirdischen oder unterirdischen Aufenthaltsort anzukommen, ob man einer Schlange als Gegner oder als Helfer begegnet, je nachdem wo im zyklischen Verlauf einer Geschichte man sich gerade befindet. Der einstige Sonnengott Osiris wurde von seinem finsteren Bruder Seth ermordet, einem von späthellinistischen Griechen mit dem drachenköpfigen Typhon gleichgesetzten Ungeheuer.

Der selbe Seth ist es auch, der auf dem Bug der Sonnenbarke stehend, mit seinem Speer in der nächtlichen Unterwelt die Apophisschlange bekämpft, um dem Sonnengott Ra, seinen Aufgang am kommenden Morgen zu ermöglichen. Sonne, Mond, Licht, Finsternis, Schlange und Auge bildeten bei den alten Ägyptern ein »antagonistisches System«, aus welchem sich, je nach mythischem Zusammenhang, eine bestimmte, archetypische Wesenheit oder Konstellation manifestieren kann.

Der Sonnengott Ra formte aus dem aus seinem rechten Auge austretenden feurigen Strahlenschein die Uräusschlange. Als goldenes Herrscherdiadem trugen die Pharaonen dieses solare Reptil auf ihrem Haupt. Gekrönt mit diesem Emblem, wähnten sie sich unbesiegbar, sollte doch der Gluthauch der Uräus ihre Feinde vernichten können.

Den beiden Urformen, Sonne und Auge, begegnen wir auch wieder in der Biologie: Als vor 100 Mio. Jahren die ersten Nager, die Vorfahren der Primaten, aus ihren Höhlen krochen und begannen aktiv zu werden, überwiegend im Sonnenlicht, verbesserte sich evolutionsbedingt die Funktion des Sehens um ein Vielfaches – warum? Damit sie ihre Feinde, insbesondere Schlangen, schneller erkennen konnten.

Licht, Auge, Sonne und Schlange stehen sich ihrem Sinn gemäß also näher, als man zuerst vermutet. Sowohl in der Mythologie des Ostens als auch des Westens, in der Biologie, und, wie wir später noch sehen werden, ebenfalls im Zusammenhang mit Feuer und Metall, zeigen sich Sonne und Schlange als äußerst ambivalente Erscheinungen, die sich auf geheimnisvolle Weise gegenseitig ergänzen oder sich sogar in einander umwandeln können.

Auf diese Ambivalenz wurde seit jeher in vielen Sagen von Sonnenhelden hingewiesen, die zunächst aus der Finsternis kommend, ganz gleich ob nun aus einer physischen Dunkelheit oder aus geistiger Umnachtung, sich auf eine Reise begaben, um das verlorene Licht oder Feuer wiederzufinden und den Menschen zurückzubringen – eine Art Paradies, das sich in die physische Welt versenkt hatte und von dort von einem Erlöser, aus seinen materiellen Verstrickungen befreit, aus der Dunkelheit emporgehoben wurde: Dafür steht die solare, das Erdreich mit ihrem Magnetismus belebende Schlange, wie wir sie auf dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem in der Bibel antreffen – oder als die auf dem Baum des ewigen Lebens wachende Schlange der atlantischen Hesperiden. Es ist ebenfalls diese Schlange, die am Stab des Heilergottes Asklepios empor kraucht, dem Sohn des Sonnengottes Apollon.

Prometheus, der Bruder des Atlas, war Kulturstifter, laut Ovid sogar Erschaffer der Menschen. Dem griechischen Held Herakles wies er den Weg nach Westen, wo er mit Atlas den Drachen der Hesperiden überlistete, um an die Äpfel des ewigen Lebens zu gelangen. Prometheus brachte den Menschen auch das Feuer, trotz dass Zeus es ihnen versagte. Als der Göttervater entdeckte, dass er es den Menschen nicht wieder nehmen konnte, bestrafte er Prometheus, den er im Kaukasus vom Himmelsschmied Hephaistos an einen Felsen ketten ließ, wo ein schrecklicher Adler täglich von seiner Leber zehrte.

Die in diesem Mythos beschriebene Himmelsschmiede steht wohl auch in Bezug zur Region des kaukasischen Georgiens, in dem bereits vor 7.000 Jahren Erze zu Metall verarbeitet wurden.

Georgien ist auch das Land aus dem die früheste Erwähnung der Drachentöter-Legende des heiligen St. Georg bekannt ist, auf den im Mittelalter die Eigenschaften des solaren St. Michael übertragen wurden, jenem Erzengel, der laut christlicher Überlieferung den rebellierenden Lichtfürsten in den Abgrund stürzte – wo er sich in die böse Schlange Satan verwandelte und angeblich seither aus der Unterwelt versucht die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen.

Von einer anderen Drachentöter-Legende erfahren wir in der germanischen Nibelungensage. Dort ist es der rotblond gelockte Siegfried, der von einem Schmied namens Mime in einer Waldhöhle erzogen wird. Mit seiner Hilfe schmiedet Siegfried das Zauberschwert Balmung, womit er den schrecklichen Drachen Fafnir tötet, um damit einen riesigen Goldschatz in Besitz zu nehmen. Eigentlich aber sind die wirklichen Besitzer des Schatzes die sagenhaften Nibelungen, doch Siegfried, von seiner Goldgier überwältigt, möchte den ganzen Schatz für sich behalten. Damit zieht er einen Fluch auf sich: Er vergisst seine Vergangenheit und auch seine Liebe Brunhilde, die ihm dafür eines Tages, durch seinen Widersacher Hagen, ihre Rache tödlich spüren lassen wird (Hagen ist der Neffe des getöteten Drachen).

Die visuelle Sinnenbindung an den Glanz des Sonnenmetalls, veranlasste also Siegfried eine Bestie zu beseitigen, doch die chtonischen Begierdekräfte gingen auf den Drachentöter über. Ihm kam ein Blutstropfen des getöteten Drachen auf die Zunge, er schmeckte seine Zauberkraft und nahm daraufhin sogar ein Bad im Blut des Drachen, das ihn unverletzlich machte. Vielleicht ist das Drachenblut auch eine symbolische Manifestation des Menschen innerster Angst vor dem Tod, etwas, über das er sich mit irdischen Reichtümern hinwegzutäuschen versucht.

Wie die Sonne, kann auch das Schwert mit der Schlange kulturhistorisch in Verbindung gebracht werden: Die Waffen des Mittelalters trugen Schlangenverzierungen oder hatten einen Drachenkopf als Knauf. Insbesondere in künstlerischen Darstellungen aus dem Mittelalter finden sich Schlangenlinien in den Hohlkehlen von Schwertklingen. Zudem wurden die Schichten des Stahls auf bestimmte Weise »verdreht«, womit der Schmied eine »Schlängelung« der Metallfasern bewirkte, um so eine Härtung des Stahls zu erzielen. Eine andere Form der Metallhärtung geschieht durch Abschrecken des glühenden Stahls in einem Wasserbecken.

Einen interessanten Bezug zum Element Wasser gibt es auch in der Geschichte der griechisch-orthodoxen Heiligen Margarete von Antiochien, einer christlichen Drachenbezwingerin und der Schutzpatronin des zuvor erwähnten Drachenordens. Die griechische Form ihres Namens, Marina, bedeutet »Vom Meer stammend«. Margarete als Name ist allerdings persischen Ursprungs. »Morvarid« bedeutet auf persisch »Kind des Lichts« – ein besonderer Name für das Wort »Perle«, da in der persischen Mythologie die Perle durch die Umwandlung eines Tautropfen durch das Mondlicht entsteht. Wasser und Mond bilden also Variablen, die sich in die »Familie« der Schlangensymbole einreihen lassen. Der Mond, wie man ihn etwa im Bildnis der Mondsichelmadonna findet, weist auf die Offenbarung des Johannes hin. Dort steht eine Schwangere auf dem Mond, die von einem Drachen verfolgt wird. Das ist sozusagen die biblische Fortsetzung der Geschichte des gestürzten Erzengels, der sich an der Menschheit und an Gott rächen will, doch im letzten apokalyptischen Gefecht gegen den Sonnenfürsten Michael, von diesem endgültig geschlagen wird.

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Schon vor tausenden von Jahren ahnten Menschen, dass die sichtbare Wirklichkeit nur die Erscheinungen einer im verborgenen Kraft sind. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert. Sie verschleiert die kreative Kraft Shakti, die den Menschen in der Materie manifestiert erscheint. Was zu Materie wurde, gleicht dem Schatten einer eigentlich geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhrhunderts gab Albert Einstein's Relativitätstheorie dem auch einen wissenschaftlich erklärbaren Rahmen.

Sichtbar für die Augen ist alles, das sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet oder etwas hoch Schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht und letztendlich einer im Vakuum geronnenen Lichtwirkung gleichkommt, die sich zu kristallinen Materiestrukturen verfestigte.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld«, vom dem die Quantenphysik spricht, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die, ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz, beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht.

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.

- Goethe

Physikalisches Licht gleicht einer polaren, schlangenförmigen, raumzeitlichen Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache, dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens beginnt als Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem unter der schwarzen Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht, um in den Tag zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, bis er schließlich aus seiner Hülle schlüpft, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis hinein ins Licht.

Die Dinge fangen im Unsichtbarem an, treten aus dem Verschlossenen in die Wahrheit der Gegenwart. Für diesen Vorgang steht als Sinnbild das Ei. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, das sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von Neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai am Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen und durch das Sinnbild des Kreuzes auch in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Reptil, vom Drachen Python befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol, in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf die feinstoffliche Ebene des menschlichen Körpers: In der vedischen Esoterik ist die Rede von zwei Schlangen Ida und Pingala, die als »Kundalini-Kraft« jeweils um den zentralen, sogeannten »Shushumna-Nadi«, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einer Symbolik die gewiss dem zuvor skizzierten Stab des Hermes entspricht.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakra die Bahn der Schlange Kundalini in zwei Hälften: drei geistig-ätherische und drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Kundalini und Sonnenlicht sind von zweifacher Natur und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Wenden wir unseren Blick nun aber noch einmal nach Sumer: Da beschreitet der mythische König Gilgamesh auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan - ewigeweisheit.de

Der alt-griechische Gott Phanes-Eros.

Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, solle dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen aber legt für Gilgamesh ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat, um hierher zu kommen. Man solle ihm doch bevor er abreist ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift. Wieder begnen wir einem Antagonismus von Sonne und Schlange: Diesmal aber kommt das Licht der Sonne aus der Vergangenheit, während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen.

Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung der Erlebnisse von Denken und Erfahren, etwas das z. B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen über die Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung entwickelte, gegenüber der Kirche, dem Glauben und einem christlichen Gott. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er uns aus dem Pentateuch erscheint.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im indischen Vedanta ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist ein Versuch beides, Geistiges und Körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, durch den die Dinge überhaupt erkennbar werden, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen. Doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding« oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnen.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Gottes Phanes-Eros aus der griechischen Mythologie. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären eines kosmischen Ovals. Bei den Orphikern war der aus dem Ei entsteigende Phanes-Eros der Urschöpfer allen Lebens und die treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Die Orphiker sahen in Phanes-Eros den Ursprung der Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

 

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Gemeinschaft und Klausur

Gemeinschaft und Klausur

Klausur und Gemeinschaft - ewigeweisheit.de

Wie wir im Gesagten zeigen wollten, scheint der Monomythos und der sich darin bewegende Held, ein universales Instrument zu bilden. Trotzdem kann es nicht als abschließendes, letztgültiges System bezeichnet werden, weshalb diese »Anleitung« in zwölf Schritten, auch kein Nonplusultra zur Findung des eigenen Glücks darstellt. Und das ist auch ganz recht.

Denn Campbells Werk, »Der Heros in Tausend Gestalten«, beziehungsweise das hier vorgestellte Modell Voglers, hatte wohl nie das Ziel Lösungsansätze zu liefern. Vielmehr sind die darin beschriebenen Schlüssel zum Monomythos, Angebote von Mitteln. Eigentlich aber wollen sie die Stationen im ewigen Lebenskreislauf derer veranschaulichen, die in der Menschheitsgeschichte als Gesandte, Propheten oder anders geartete Heldengestalten auftraten, im Dienste an der Menschheit, in ihrer Rolle als perfekte Vorbilder.

In dieser Funktion als Mittler, zwischen Himmlisch-Göttlichem und der Menschheit, erfüllten diese Schlüsselpersonen ihr Werk auf Erden im Übergeben besonderer Weisheiten. Was sie aber weitergaben, dürfte den Einzelnen, je nach kulturellem Standpunkt, immer wieder in anderer Gestalt erschienen sein, woraus sich viele Deutungsmöglichkeiten ergaben.

Als Folge dessen führen sie nicht unbedingt zu direkter Welterkenntnis, als sie eher dem Erleben eines Gruppentraumes gleichen, der jedoch keineswegs nur Illusion ist.

Da fragt sich womöglich, wie sich die in diesen Mythen anklingenden Weisheiten, in ihrer Funktion dem einzelnen Menschen heute erkenntlich zeigen?

Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage, wäre zuerst einmal wichtig anzuerkennen, dass der Monomythos dem Einzelnen schon deshalb nicht als Universalsystem dienen kann, da er immer nur als Teil einer Gemeinschaft seine gesellschaftliche Rolle einnehmen und dabei auch den Weg zu seiner Lebensaufgabe finden muss. Darum gelingt auch der zuvor geschilderte Wegweiser, der auf dem Heldenmythos basiert, immer dann, wenn diese Funktion des Einzelnen in der Gruppe herausgearbeitet wird. Die Rollen, die das Individuum in den Stationen der Heldenreise annimmt, lassen sich in ihm nicht alle vereinigen. Vielmehr geht es darum einen Weg zu finden, der einen Menschen in die Gemeinschaft integriert, als wesentlichen Teil der Mitmenschen seines Umfeldes.

Darum existiert die Totalität, des Menschen Fülle, nicht im einzelnen Mitglied, sondern im Gesamtkörper der Gesellschaft. Das Individuum kann nur eines ihrer Organe sein. Aus der Gruppe der er (der Mensch) zugehört leitet er die Techniken ab, mit denen er sein Leben meistert, die Sprache in der er denkt, die Ideen die ihn Erfolg haben lassen […]

Wenn er glaubt sich davon trennen zu können, gleich ob in Taten oder in Denken und Fühlen, untergräbt er nur seine eigene Existenz.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Die Gruppe bildet wie es scheint also die unsterbliche Einheit eines universal lebendigen Leibes, worin Individuen immer wieder eben ihre Rolle in der Gemeinschaft erfüllen, doch daraus irgendwann auch wieder verschwinden – ein Vorgang der sich immer und immer wiederholt, und das seit Menschen auf Erden leben.

Erkennt man sich selbst in dieser Rolle, mag es recht hart erscheinen und die Frage aufkommen, wieso man dann überhaupt zu etwas beiträgt, woraus man dereinst ja selbst in die Nebel der Geschichte schlichter Bedeutungslosigkeit entschwindet.

Menschliches Sein war eben schon immer etwas, das mit der Erfüllung dieser Rolle in der Gemeinschaft zu tun hatte. Dabei war ganz gleich welchen Zweck man darin nun erfüllte. Es ist unbedeutend ob das Individuum als Handwerker, Kaufmann, Putzfrau, Dieb, Pfarrer, Politiker, Künstler, Mutter, Arzt, Gattin oder Nonne in der Gesellschaft lebte.

Die Unterschiede des Geschlechts, Alters und Berufs sind unserem Wesen äußerlich, bloße Kostüme, die wir auf der Weltbühne für eine Zeit anlegen, die aber nicht mit der Idee des Menschseins verwechselt werden dürfen.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Jeder Mensch nämlich erfüllt seine Lebensaufgabe – einer geschickt, ein anderer weniger glücklich. In allen Riten der Völker aber, wo man die Mitglieder in die Bräuche und Mysterien der Gemeinschaft einweiht, gemeinsam die Feste des Jahreslaufs begeht, wo man sie in den Übergangsriten ins Erwachsensein begleitet, sie zeremoniell verheiratet oder dann eben irgendwann bestattet: immer und in jeder Hinsicht, weisen diese Riten hin auf eine ureigene Einheit von Individuum und Gemeinschaft.

Darin aber befindet sich die Menschenseele als Ebenbild des Kosmos, die im Gebäude eines Miteinanders, auf eine eigentlich metaphysische Harmonie des Individuums im Kosmos verweist. Alle die sich darin auf dem Weg der Heldenreise bewegen, wenn auch zeitweise im Verborgenen, können schließlich zur Vollendung ihrer eigenen Glückseligkeit finden.

Jene aber, die als Asketen, Yogis oder als Einsiedler leben, vermögen durch besondere Praktiken und kontinuierliche Meditation, aus ihrer gesellschaftlichen Rolle den eigentlichen Kern des individuellen Bewusstseins quasi herauszulösen. Da geht es eben nicht mehr um eine Identifikation, sondern wie es einmal der italienische Psychologe Roberto Assagioli nannte, um eine Desidentifikation, die einer in seinem Meditieren allmählich erlangt, wo er Schicht um Schicht seines gesellschaftlich angenommenen Kostüms ablegt, um dabei die wahre Tiefe seines Selbst zu erkennen.

Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass das das Ziel des Leben sei. Beides will da ja vollendet sein: das Leben im Außen der Gemeinschaft und die Erkenntnis, die einer in zurückgezogenem Innewerden gewinnt.

In der heutigen, durch und durch digitalisierten Welt unserer Zivilisation im Westen, sollte man sich jedoch in Acht nehmen, sich mal eben zu vergleichen mit jenen, hier angedeuteten, in Klausur zurückgezogen lebenden Asketen. Denn keineswegs sind das Menschen, die vor dem Einschlafen noch nach neuen Emails oder Kommentaren in den sozialen Medien sehen.

Teil der Gemeinschaft ist man ebenso wenig, wenn man den größten Teil seines Umgangs mit anderen, meist über die eben genannten Kommunikationsmedien hat. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: Unsere regelrechte Überindividualisierung, durch jene so häufig und zu stark aufgewertete Freiheit der Wahl, führt weg davon, worauf wir uns zuvor bezogen und was sich mit dieser Frage zusammenfassen lässt:

Welche Rolle die mich mit Glück erfüllt, spiele ich in der Gemeinschaft, und mit welchem Nutzen trage ich hiermit zum Leben aller bei?

Sicher bietet das, was man heute umgangssprachlich einfach »Das Netz« nennt, eine Vielzahl an Möglichkeiten, um sich mit anderen Menschen zu verbinden und Anschluss zu finden. Doch das geht nur, indem man auch in Wirklichkeit, physischen Umgang pflegt. Nur in lebendiger, direkter Gemeinschaft lässt sich Individualität so leben, das sich daraus auch das eigene, wahre Glück verwirklicht.

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Wegweiser im Leben - ewigeweisheit.de

In seinem Buch »Die Odyssee des Drehbuchschreibers«, entwickelte der amerikanische Publizist Christopher Vogler (* 1949) sein Modell der Heldenreise, das auf den Motiven der eben angedeuteten Schlüssel Joseph Campbells basiert. Vogler hat dabei jedoch einige der Stationen der Reise zusammengefasst, so dass sich damit sein Modell mit nur zwölf Schlüsseln auskommt.

Auch aus dieser Variante der Heldenreise, lässt sich eine ganze Geschichte aufbauen, die tatsächliche Wirkung hinterlässt: sei es beim Zuschauer eines Buches oder Filmes, eingesetzt für die Planung und den Ablauf einer Exkursion, oder aber auch für das Handlungsschema in einer Persönlichkeitsberatung eines Therapeuten.

Natürlich bietet sich an, seine eigene Reihenfolge der Stationen der Heldenreise zu entwickeln, manche Teile wegzulassen oder vielleicht sogar neue Stationen hinzuzufügen.

Wer nach dem Prinzip der Heldenreise jedoch gekonnt eine Geschichte aufbaut, kann sie sowohl zu einem modernen Märchen weiterentwickeln, doch ebenso daraus eine Anleitung für einen Neuanfang im Leben entwickeln.

Das was man die Heldenreise nennt, gleicht gewiss einem universalen Geheimcode, mit dem sich die Zugänge zu eigentlich unzähligen neuen Schöpfungen eröffnen lassen. Eine Möglichkeit davon wollen wir im Folgenden liefern, in Form einer Art spirituellen Beratung, die einem suchenden Menschen helfen kann, sich über seine, vielleicht nicht mehr so erfüllenden Lebensinhalte zu erheben, um danach die Reise in einen neuen Lebensabschnitt anzutreten.

Das nachfolgend verwendete Schema, basiert auf dem Zyklus der Heldenreise nach Christopher Vogler. Alle die sich bereits auf so eine Reise begeben haben, werden ihre eigene Situation in den folgenden zwölf Stationen des Monomythos vielleicht wiederfinden, um sie von dort aus fortzusetzen oder zum Abschluss zu bringen.

Vertraute Welt

Was wohl in allen Heldenepen mit einer »Vertraute Welt« beginnt, oder modernere »Monomythen« vielleicht als den »Alltag« darstellen, das auch ist der Ausgangspunkt für alle, die einen Neuanfang wagen wollen.

Schriebe man heute ein modernes Märchen nach Schema der Heldenreise, dann begänne die Geschichte wohl in einem, nüchtern gesehen, wissenschaftlichen Umfeld, wo ein Glaube an Gott längst verzweifelt gesucht werden muss. Eine Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus nicht ungewöhnliche Einschätzung, nicht wahr?

Realistisch gesehen prägen die gewohnte Umgebung des Einzelnen, ja eigentlich aller in der sogenannten »Ersten Welt« Lebenden, oft alltägliche Langeweile und ganz normale, sich ewig wiederholende Schwierigkeiten, die darin die wesentlichen, wenn auch nicht immer belanglosen Problemursachen bilden.

Diesen Zustand aber nehmen viele bereits als gegeben an, vielleicht auch daher, da man dieser Normalität nichts neues hinzufügen will. Man hat ja schließlich bereits genug Probleme. Viele scheinen, wie in einer Art Gruppenzwang befangen, angeblich sicherheitshalber, darum lieber alles beim Alten belassen zu wollen.

Es wäre ja auch ganz unvernünftig, einfach einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen, womit man am Ende vielleicht scheitert, man sich sogar gefährdet oder zu Schaden kommt.

Bei allem so zu lassen wie es ist, würde man also, anscheinend, nichts riskieren und fügte sich weiter seinen gängigen Angewohnheiten – wenn da nicht diese nagende Frage auftauchte:

Gibt es vielleicht noch etwas anderes?

Viele Menschen, auch heute, reagieren mit Überdruss wenn es heißt:

Du musst aber schön, erfolgreich sein und brauchst unbedingt das neueste Dies und Das.

Immer wieder ändert sich was im Außen, an das man sich angeblich anpassen muss. Die Frage nach dem »Wofür« aber bleibt bestehen. Denn eigentlich juckt es einen. Man will mal etwas anderes tun, doch traut sich eben nicht. Lieber kratzt man sich verlegen die Nase, so als ob nichts gewesen sei.

Ruf ins Wagnis

Dann, nach einigen Jahren dieser eigentlich doch recht misslichen Lage, bahnt sich etwas an, dass vielleicht echt gravierend ist. Möglich das es sogar ein richtiger Schock wird: Ein Arzt hat einem zum Beispiel eine gravierende Diagnose gestellt und man muss leider feststellen, dass man unter einer der schweren Zivilisationskrankheiten leidet. Das ist die sehr, sehr traurige eine Variante, eines vielleicht eher passiven Typus Mensch.

Ein aktiver Mensch flüchtet sich vielleicht in intensive Tätigkeiten, die diesen, immer mehr zunehmenden Unmut kompensieren sollen. Beim einen ist das übermäßiger Sex, ein Anderer wird Fallschirmspringer oder rast Berge hinab auf seinem Mountainbike. Bei so etwas kam auch schon mancher schmerzlich zu Fall oder starb dabei sogar.

All das aber tut einer nur, damit er die Fortsetzung seines Alltags nur irgendwie erträgt – wo doch das Wort »Alltag« schon ein echtes Unwort ist.

Oder: Plötzlich stirbt da jemand, der einem vielleicht nahe stand. Oder die Ehepartnerin will sich auf einmal trennen, da sie wen andern fand. Unzählige weiterer solcher Negativ-Beispiele führen dazu, dass dann nichts mehr so ist wie es vorher einmal war.

Da auf einmal merkt einer, dass das bisherige Leben so nicht weitergelebt werden kann.

Was kommt als Nächstes?

Geht es überhaupt noch weiter?

Gedanken steigen in einem auf, die man noch nie vorher hatte – und sind manchmal so intensiv, dass man sich und sein Leben sogar in Gefahr sieht, ja vereinzelt dabei sogar wirklich Schädliches beabsichtigt, womit man eigentlich vollkommen unvernünftig und sogar gegen sich selbst handeln würde.

Zumindest aber ist da jetzt ein Wunsch: Man will anders leben und nicht mehr so weitermachen wie bisher. Schließlich ist es bereits unmöglich.

Man verschränkt die Arme und verweigert sich diesem, vielleicht bereits gehassten Alltag. Und wie aus dem Nichts erscheint da plötzlich jemand oder etwas, dass einen neugierig macht – ein besonderes Buch das man ließt, ein beeindruckender Film den man sieht oder ein alles veränderndes Seminar, das man besucht, wo einem ein Lehrer begegnet, der irgendwie in eine neue Richtung deutet – eine Richtung von der man ahnt, dass sie vielleicht sogar lang ersehnte Träume war werden lassen könnte.

Man begibt sich also auf eine Suche, auch nach neuen Freunden, zumindest aber nach Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem zu tun haben, dass da einem auf einmal so gut tut. Am liebsten würde man alles sofort nachholen, dass man, wie es offensichtlich der Fall ist, all die Jahre ein-gesteckt, doch nie aus-gelebt hat.

Andere sind von dieser Feststellung so beeindruckt, dass sie am liebsten davonlaufen wollen. Nur wohin?

Und da plötzlich kommt die Frage:

Was muss ich bleiben lassen und was muss ich aufgeben?

Muss ich überhaupt etwas fallen lassen?

Gibt es da vielleicht etwas, das mir schon lange nicht mehr gut tut?

Manche stürmen gleich los in eine Richtung. Andere sind da vorsichtiger und tasten sich ganz, ganz langsam vorwärts.

Da auf einmal wird einem die ganze Tragweite der Unterlassungen bewusst oder genau das Gegenteil davon: man sieht was man angerichtet hat mit all den »falschen« Handlungen – etwas, das es aber eigentlich gar nicht gibt: es gibt keine falschen Entscheidungen. Jede Tat erfüllt einen Zweck, der sich allerdings immer hinterher erkenntlich zeigt.

Verweigerung die Reise anzutreten

In beiden Fällen aber fühlt man sich wohl durch diesen Bewusstseinsschub überwältigt und irgendwie in der Zwickmühle, wie Jona im Bauch des Wales. Vielleicht doch besser verzagen und wieder so weitermachen wie bisher? Wie auch soll man weitermachen, wenn da einfach niemand ist der einem helfen kann?

Hier, mit solchen Ahnungen im Bauch, fühlen sich manche vielleicht als Totalversager, zumindest dann aber als jemand, der übelst scheiterte. Ist aber Scheitern nicht etwas das man lernen muss? Nein? Lieber alles auf die Anderen schieben? Lieber das Opfer sein und sich zurückziehen, als den nächsten großen Schritt zu wagen? Tja – Veränderung braucht Zeit. Und wenn man die nicht hat, was dann?

Begegnung mit dem Mentor

Auch darauf zu warten, dass man Hilfe von Außen bekommt, kostet Zeit. Außerdem ist es eine Hilfe die eigentlich niemand leisten kann, da man eben selbst anfangen muss das Leben in die Hand zu nehmen.

Außerdem weiß man jetzt sicher: Es gibt keinen Weg mehr zurück, keinen Weg mehr aus dieser, vielleicht äußerst misslich empfundenen Lage. Doch es gibt einen Ausweg – und den gibt es immer. Man sammelt also Mut, weiß irgendwie, dass man die richtige Entscheidung damit treffen wird und macht sich auf den Weg, macht sich ans Werk.

Auf einmal kommt da Hilfe von Außen und wie durch ein Wunder begegnet da einem wer oder was, dass in einem ungeahnte Möglichkeiten aufsteigen lässt und man sich vielleicht fragt:

Wieso kam mir sowas nicht schon vorher in den Sinn?

Irgendwie scheint es eine höhere Kraft zu geben, die sich einem durch eine besondere Offenbarung gnädig erweist. Gibt es einen Gott, also doch ganz wirklich?

Da waren doch Bibel, Koran, Yoga-Sutras, Upanischaden; wie hießen die anderen Bücher noch? Tao-Te-King? Gab es da nicht einen Meister Eckhardt, einen Angelus Silesius? Was machen da die Astrologen, wenn sie manchmal verblüffend genau voraussagen, wie sich das eigene Leben verändern lässt? Solche Fragen tauchen da auf einmal auf, denn man merkt, dass man selbst Teil von einer Kraft ist, die verwirklichen, die erschaffen will.

Bei alle dem: Gibt es da so etwas wie eine Essenz der Essenzen, ein Wundermittel das alles verändern kann? Wie war das noch mit dem Heiligen Gral?

Tief aus dem Inneren der Psyche, oder sagen wir besser, der eigenen »Seele«, scheint etwas aufzusteigen, dass einem eine ultimative Gewissheit verschafft, dass da etwas ist, auf das man sich verlassen können muss, wenn man selbst den ungewöhnlichsten Plan in seinem Leben verwirklicht sehen will.

Überschreiten der Schwelle ins Unbekannte

Nun weiß man zum Glück bereits, dass man sich überhaupt auf einem neuen Weg befindet. Denn das was war scheint bereits ein Nebel des Vergessens zu verschleiern, zumindest verblassen zu lassen. Doch nicht alles was war ist schlecht.

Was davon ist gut, dass es sich mitzunehmen lohnt in dieses neue Leben?

Woran lohnt es sich zu erinnern, das Kraft gibt, um nun die richtige Entscheidung zu treffen?

Was will ich wirklich, wirklich?

Entscheidungen sind meist schwer. Man muss sich ihnen aber stellen – auch wenn das nicht sofort, von heute auf morgen geht, sondern tatsächlich erarbeitet werden will.

Aller Anfang beginnt mit dem Ziehen einer klaren Grenze, zwischen dem was war und dem was jetzt ist.

Begegnung mit Verbündeten und Feinden

Doch auf einmal tun sich damit neue Hürden auf, womit neue Probleme gelöst werden wollen, wovon einem manche vielleicht schon länger begleiten, doch einem jetzt erst der eigentliche Ernst der Lage bewusst wird.

Was aber war, lässt sich nicht mehr ändern und nur im vollkommenen Annehmen dessen was jetzt ist, kann man den Plan für das neue Wunschleben aufmalen.

Man arbeitet also an diesem Plan, ohne zurückzublicken. Rücksichts-los trennt man sich von lästigen Angewohnheiten oder Menschen die einem schon lange nicht mehr gut tun. Und da auf einmal stellt sich einem die Frage:

Wusste ich schon die ganze Zeit, dass ich alles erreichen kann?

Im »Weitermachenwollen«, das mit dieser Erkenntnis vielleicht erwacht, wird einem klar wofür man sich entscheiden will. Doch dann, wenn man einen der möglichen Wege eingeschlagen hat: Lässt sich das Ausmaß der damit einhergehenden Veränderungen und Neuerungen überhaupt einschätzen?

Man kann es irgendwie spüren. Und das bringt manche aus dem Gleichgewicht. Sie beginnen auf diesem eingeschlagenen Weg zu taumeln, da sich auf einmal alles so anders anfühlt.

Auf einmal verliert man den Boden unter den Füßen und fällt – fällt ganz tief. Dann ist es soweit: Man begegnet dem großen Wächter der Schwelle, der einem den Todesstoß versetzt. Jetzt stirbt man endgültig in seinem alten Leben. Eine vollkommene Selbstvernichtung dessen was war, hat nun stattgefunden.

Plötzlich erkennen wir, dass all die Hindernisse die sich uns in den Weg stellten, dass all die Feinde die gegen uns vorgingen oder die wir verachteten:

Sie hatten ihren Grund da zu sein!

Sie waren unsere Lehrer!

In diesem Sterben eines Mysterientodes fällt alles von uns ab. Wir müssen lernen uns in einer neuen, sich vollkommen fremd anfühlenden Lebensumgebung zu bewegen – und zwar erst einmal alleine. In diesem Alleinsein aber gilt es nun die Fremde zu erkunden und uns die Fragen zu stellen:

Wo sind da die Gleichgesinnten, die ein ähnliches Schicksal ereilte?

Wir werden sie finden und sollten uns mit ihnen zusammentun, denn zusammen lässt sich die Antwort auf eine wichtige Frage leichter finden:

Bin ich bereit für das Geheimnis?

Vordringen zur Höhle im Verborgenen

Das Geheimnis ist vielschichtig und besteht aus einer Wahrheit, die mal gelesen, mal erlebt, mal gehört, mal erfahren wird. Dabei ist der Glaube an die Dualität und eine Getrenntheit von Gut und Böse, je eine Hälfte dieser Wahrheit.

Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, wie es in Genesis 2:17 heißt, fielen sie in die Zeitlichkeit und vergaßen, das Gut und Böse ja die beiden Teile einer eigentlich polaren Einheit sind, eines Bundes der seitdem in die Unsichtbarkeit verschwand. Was mit dem sogenannten Sündenfall geschah, glich einem Zerbrechen dieses Bundes in die Dualität – doch nicht nur von Gut und Böse, sondern auch in die Gegensätze von Licht und Finsternis, Richtig und Falsch, Hier und Dort, Subjekt und Objekt.

Die darin befindlichen Gegensätze ergänzen sich jedoch wechselseitig, wofür das fernöstliche Yin-Yang-Symbol wohl ein eindrückliches Bild gibt: In einem Kreis gehen die Gegensätze von Schwarz und Weiß scheinbar ineinander über, lösen sich voneinander gegenseitig ab und sind zugleich jeweils ineinander enthalten.

Der Kreis der dieses Symbol umfasst, ist ein anderes Sinnbild auch für das Ei, aus dem neues Leben geboren wird. Als kosmisches Ei bricht es im griechischen Mythos auf, in eine golden-solare, dem Himmel zugewandte und eine silbern-lunare, der Erde zugewandte Eihälfte. Was diesen beiden Hälften des kosmischen Welteneis aber entweicht, ist eine Schlange mit dem Namen Eros.

Das Ei als Ganzes ist im Prinzip des Schöpferischen versinnbildlicht, durch das ja auch Mann und Frau – als die beiden Pole der Einheit Mensch – in Vereinigung, neues Leben in die Welt bringen.

Allen Gegensätzen ist dieses Potential der Vereinigung inhärent, da sie die beiden Seiten des Einen bilden. So auch ist alles Gute praktisch auch etwas Schlechtes. Aber auch alles Schlechte hat wiederum etwas Gutes!

Die Archetypen die man licht und finster nennt, sind also scheinbar doch miteinander verwandt, ja »kennen« einander gut wie Zwillinge – oder hassen einander wie die Pest. Der Wissende aber vermag, allegorisch gesprochen, diese Gegensätze gekonnt als weiße und schwarze Sphinx, rechts und links vor seinen Lebenswagen zu spannen. Doch sie werden ihn nur dann auf seinem Weg befördern, wenn er sie als Pole wahrnimmt, zwischen denen er selbst zum Bund geworden ist.

Wer also versteht sowohl Schlechtes wie auch Gutes, Problem und Lösung, als notwendige Gaben des Lebens anzuerkennen, findet wohl die Antwort auf die große Frage:

Wie kann ich das Minderwertige in Höherwertiges transformieren?

Gibt es vielleicht doch so etwas wie den Stein der Weisen – dessen Besitzer ohne Probleme lebt, nie krank werden kann und alle Reichtümer der Welt besitzt? Kann, wer das Sein im Leben als eigentliche Zweigesichtigkeit entlarvt hat, alles Sein ins Gute verkehren?

Entscheidende Erkenntnis

Wem gelingt in diesem Sinne zu handeln, dem scheinen alle bisherigen Wünsche zu verblassen, da er so auch seinen eigentlichen Grund zu leben finden wird, seine eigentliche Aufgabe im gegenwärtigen Sein ganz klar und deutlich erkennt.

Auf einmal ist man selbst zu einem höheren, einem vollkommenen Menschen geworden, einem Heiler, einem Lehrer – jemand, in dem die kosmischen Zyklen von Geburt, Leben und Tod ganz und gar eindeutig erkannt wurden, jemand der sich nicht mehr getrennt sieht von der Welt, sondern eins wurde mit dem, was um ihn, unter ihm und was über ihm ist. So einer ist sich dem Gotte, der Göttin bewusst.

Und doch weiß er auch, dass alles Gerede über diese Erfahrung nicht mehr sind als Schall und Rauch und blasse Theorie. Jeder muss diese Erfahrung selbst gemacht haben, um zu wissen wie es sich anfühlt. Besser also man vergisst da alles was man zu glauben wusste.

Man lebt jetzt im Jetzt, wo man Stillsein als vollkommenen Segen erlebt, wo alle Selbstgespräche enden, die Augen geschlossen werden und sich die Ohren lauschend öffnen.

Man hat den Weg des Herzens eingeschlagen – ein Weg, den auch der wahre Krieger geht.

Man ist gestorben, um zu werden und hat dabei die Angst vor dem Tod von sich gestreift, wie der Schmetterling seinen Kokon.

Wer einem von nun an begegnet wird zum Verbündeten. Zufall gehört der Vergangenheit an. Man hat seine Bestimmung gefunden. Selbst wenn man dennoch glaubt, dass man sich noch einmal nach dem alten Leben umdrehen müsste; und diese Versuchung ist ganz und gar da und es passiert darum sicherlich jedem – doch er wird merken, dass er von nun an durchhalten kann, um sich mit voller Kraft in diesem neuen Leben zu bewegen und darin zu entfalten.

Raub des Lebenselixiers

Alle äußeren Feinde sind nun verschwunden. Jetzt müssen die inneren Feinde erkannt und bezwungen werden. Da taucht die wahre Angst auf vor etwas, dass eins ist mir dem eigenen Fleisch, im Blut der eigenen Adern strömt. Und da steigen mitunter gefürchtete Fragen auf:

Welches Opfer bin ich bereit zu erbringen?

Was zählt wirklich in meinem Leben?

Aber in diesem Fragen setzt die innere Verwandlung bereits ein, die zu einer noch wichtigeren Frage führt:

Wie geht es jetzt, auf dieser Stufe in meinem Leben weiter?

Die Rückreise: Überschreiten der Schwelle ins Altbekannte

Man muss nun lernen in zwei Welten zu leben: in der Welt der Gewohnheit, dem Alltag, und in der Welt, die man als ganz und gar anders geartet, ja fast schon göttlich, jenseitig empfindet.

Es gilt sich nun die Fähigkeit anzueignen, nicht einfach in die Traumwelten abzuschweifen, wenn man doch Alltägliches vollbringen muss. Alles Handeln findet jetzt statt, ohne Hoffen, sondern mit einer vollkommenen Widmung dem eigenen Wirken, in absoluter Gewissheit seiner Verwirklichung.

Integration der Erfahrungen in das »alte« Leben

Zurückgekehrt in die gewohnten Gefilde der alltäglichen Welt, mag es erscheinen, als würde man sich wie ein Schwan im Ententeich fühlen. Doch es ist anders, da man fühlt, erwacht zu sein. Alle Überheblichkeit ist von einem abgeglitten. Jetzt stellt sich die Frage, deren Antwort einem ganz konkrete Handlungsanweisungen liefert:

Was sind die nächsten Schritte?

In diesem und in den zuvor begangenen Schritten, stellte man sich Fragen und wollte Wissen. Mit den gefundenen Antworten aber wurde man befähigt einen Weg zu finden, über den man aus sich herauszutreten vermag. Man erkannte nun sein wahres Selbst und auch den Weg, auf denen man sich jetzt seinem Wunschleben nähert.

Anerkennung und Bewunderung

Selbst hartnäckigste Zweifel haben sich nun aufgelöst. Jetzt gilt es Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln, wo man selbst zu jemanden wird, der auf diese oder jene Weise, gewiss auch anderen ein Mentor wird.

Schlüssel zur Heldenreise

Schlüssel zur Heldenreise

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Die Heldenmythen von einst folgen immer diesem Schema, dass Joseph Campbell ganz wunderbar in mehrere Stufen gliedert. Aus den Inhalten seines »Heros in Tausend Gestalten«, ergeben sich tatsächlich eine ganz Fülle praktischer Anwendungsmöglichkeiten, die sowohl in der Erzähl- oder Filmkunst, doch ebenso etwa in der therapeutischen Praxis zum Einsatz gebracht werden können.

Die folgenden siebzehn Schlüssel (5, 6, 6) lassen sich, wie oben bereits angedeutet, in drei Phasen gliedern (wobei die hier folgend aufgelisteten Schlüssel jeweils alle verlinkt sind mit noch ausführlicheren Erläuterungen).

Trennung und Aufbruch

Im ersten Abschnitt der Reise verlässt der Held seine gewohnte Welt. Und jeder Aufbruch geht einher mit einer Trennung. Ein kleines Kind trennt sich zum ersten Mal, wenn es sich dem Gebot der Mutter widersetzt oder eben dann ein junger Mensch, wenn er sein Elternhaus verlässt.

Immer aber begibt sich einer vom Vertrauten in eine neue Welt und damit ins Ungewisse. Hierbei bewegt er sich durch die folgenden fünf Stationen seiner Reise:

  1. Der Ruf ins Abenteuer,
  2. dem er sich dann aber verweigert,
  3. bis ihm Übernatürliches hilft
  4. die ersten Schwelle seiner Reise zu überwinden.
  5. Dann aber landet er im Bauch des Walfischs.

Einweihung

Der Zweite Abschnitt seiner Reise bildet die wesentliche Phase, wo der Held seine Einweihung in die Geheimnisse des Lebens, des Sterbens und der Wiedergeburt erlebt.

In verschiedenen Tests und Ritualen wird er da auf seine wahre Heldenrolle vorbereitet. Von Kühnheit und Kampfesmut durchdrungen, kommt sein eigentlicher, wahrer Charakter zum Ausdruck, wobei er jedoch den wichtigen Grund für sein irdisches Daseins erkennt:

  1. Auf dem Weg der Prüfungen
  2. begegnet er schließlich der Göttin.
  3. Dann wird er versucht
  4. bevor er sich mit dem Vater versöhnt.
  5. Somit erreicht er seine Vergöttlichung, die Apotheose,
  6. seine endgültige Segnung.

Rückkehr

Nun ist aus dem Reisenden ein wahrer Held geworden. Jeder der ihm begegnet erkennt ihn auch sofort als solchen. Doch auch in diesen Begegnungen wird der Held noch einmal herausgefordert. Bevor er in die gewohnte Welt zurückkehren kann, muss er erst unter Beweis stellen, dass er sich seine Einweihung auch verdient hat. Erneut wird er da in seiner Rolle auf die Probe gestellt, was ihm vielleicht auch wieder neuen Kummer bringt.

So aber steht er bereits am Anfang seiner eigentlichen Freiheit, erneut eine Heldenreise anzutreten, die ihn wiederum zu den Schüsseln einer noch höhere Ebene der Vervollkommnung führen wird:

  1. Der Held verweigert sich erst zurückzukehren.
  2. Doch es kommt zur magische Flucht und
  3. einer Rettung von außen,
  4. womit ihm die Rückkehr über die zweite Schwelle gelingt.
  5. Jetzt ist er Meister in zwei Welten und
  6. findet die Freiheit zum wahren Leben.

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs - ewigeweisheit.de

Geburtstagszeremonien, Namenstaufen, Zeremonien beim Eintritt in die Pubertät oder die Heirat, zählen zu den wichtigsten Übergangsriten. Doch auch die Brauchtümer der Bestattung gehören dazu, zumal der Tod doch gewiss die ultimativste Art jeglichen Übergangs bildet.

Immer geht es dabei auch darum etwas zu überwinden oder fallen- und zurückzulassen. Was in den alten Mysterienkulten dabei erfolgte, war ein Sterben des Mysten in seiner irdischen, sterblichen Natur während des Lebens, und das gleichzeitige Aufbauen eines sogenannten »Ewigkeitskörpers«, womit er endgültig und für immer alle Angst vor dem Tod verlor.

In dieser Art des Übergangs eines Menschen in einen neuen Lebensabschnitt, wo ihn, einen noch unbekannten Weg beschreitend, ein Mentor oder Schamane führt, beginnt ein besonderes Muster wirksam zu werden, das man den »Monomythos« nennt.

Dieses Wort stammt aus dem berühmten Buch »Finnegans Wake« des irischen Schriftstellers James Joyce (1882-1941), einem ganz außergewöhnlichen Werk der europäischen Literaturgeschichte.

Archetypische Quellen des Monomythos

Es geht in diesem Buch um eine Geschichte, deren Ursprung eigentlich in einer, wahrscheinlich irisch-amerikanischen Liederdichtung liegt, mit dem Titel »Finnegan's Wake« (deutsch: »Finnegans Totenwache«). Joyce entfernte aus diesem Titel jedoch den englischen Wesfall-Apostroph, was aus »Finnegan's« also eine Mehrzahl, nämlich »Finnegans« machte. Und diese Mehrzahl bezieht sich auf die Erscheinungen des Protagonisten Tim Finnegan, der da zuerst seine Rolle spielt als Lebender, dann als Verstorbener und zuletzt als ein von den Toten zu neuem Leben Auferwachter.

Tim Finnegan ist Hilfsarbeiter und ein schlimmer Trinker. Whiskey gilt ihm als das Wasser des Lebens (dabei ist »Whiskey« ja tatsächlich im Irisch-Gälischen, als »Uisce«, das Wort für »Leben«). Eines Morgens kommt er sturzbesoffen zur Arbeit, besteigt da eine Leiter, von der er wegen seiner Trunkenheit aber fällt und dabei zu Tode kommt – doch nur anscheinend.

Seine Freunde glauben aber er sei dabei verstorben und kommen, um seinen Leichnam abzuholen. Ihn wickeln sie ein in ein weißes Tuch. Die verborgene Symbolik der Farbe Weiß, spielt darin wohl an auf die irisch-keltische Heldengestalt »Fionn mac Cumhaill«, dessen Vorname »Fionn« eben »weiß« (oder »hell«) bedeutet und gewiss darin der Name »Finnegan« selbst mit anklingt. Das Leichentuch natürlich ist dem Brauch nach Teil der Totenwache, die seine Freunde nun für ihn abhalten. Sie entzünden da zu seinen Füßen vierzehn Kerzen und stellen oberhalb seines Kopfes ein Fass Schwarzbier hin.

Zu den Trauergästen zählen seine Frau, Verwandte und seine Freunde, die sich alle traurig vor seinem Leichnam verbeugen – aber nur der Form halber. Was nämlich in den Versen des ursprünglichen Trinkliedes unüberhörbar deutlich wird, ist, dass es sich bei dieser Trauerfeier um ein echt ausgelassenes Gelage handelt, wo sogar ein Streit ausbricht, der in eine Schlägerei mündet. Da zerbricht eine Flasche Whiskey und der Branntwein spritzt über Finnegans Leichnam, was ihn darauf wieder zu neuem Leben erweckt und er so von den Toten auferstehend schreit:

Do ye think I'm dead?

Seine heuchlerischen Freunde aber trauern weiter klagend um ihn, die ob ihrer Trunkenheit den eigenartigen Vorgang überhaupt nicht realisieren.

Macool, Macool, orra whyi deed ye diie? Of a trying thirstay mournin?

- Aus James Joyces »Finnegans Wake«

Joyces Buch ist voller Wortspielereien und Andeutungen, wo sich unzählige erfundene Wörter reihen, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Jener »Macool« aber, der hier beweint wird, spielt natürlich an auf den Namen des zuvor angedeuteten irischen Sagenhelden »Fionn mac Cumhaill«. Als sein Ebenbild ist da die Rede eben von Tim Finnegan, der wohl an einem Donnerstag seines Whiskey-Durstes (aus »thirst« und »thursday« macht Joyce »thristay«) wegen, morgens (englisch »morning«, hier von Joyce aber als »mournin« geschrieben, also eigentlich »mourning«: »zu klagen«) stirbt.

Doch wie in den Versen des ursprünglichen Liedes bereits mitschwingt, geht es da um die beschriebenen drei Phasen, in denen sich Tim Finnegan tot geglaubt, in einem halb-toten, schlafend-wachen, träumenden Zustand befindet: eine Anspielung auf das Unterbewusstsein des universalen Archetypus Mensch, dessen irdische Existenz sich immer in diesem Zyklus bewegt von Wachen, Schlafen und Erwachen, von Geburt, Tod und Wiedergeburt, von Leben, Leiden und Heil – von Loslösung, Initiation und Integration.

Auch in der irischen Sage um »Fionn mac Cumhaill«, kommt dieser Held ums Leben, doch auch er nur anscheinend. Schlafend nämlich träumt er im Schoße einer Höhle, die die sogenannten »Fianna« der keltischen Sagenwelt umkreisen – eine heimatlose Schar wütender Krieger. Sie ähneln durchaus den Streitsüchtigen auf Finnegans Totenwache.

Der Weg der Heldenreise

Da trat also ein vermeintlicher Held, der Außenseiter Tim Finnegan, eine eigentlich nicht gewollte Abenteuerreise an, doch das als Narr, der er in dieser, alltäglichen Welt noch war und da also auf die hohe Leiter stieg und abstürzte, doch sich dann als Wiedererwachter nicht länger zum Narren halten lässt.

Sehr wahrscheinlich inspirierte dieser von James Joyce so genannte »Monomythos« auch Joseph Campbell. Zusammen mit dem Schriftsteller Henry Morton Robinson nämlich, verfasste er eine Anleitung die beim Verständnis zu diesem Buch helfen sollte (»A Skeleton Key to Finnegans Wake«). Es ist daher naheliegend, dass Campbell mit auf Grundlage dessen, die siebzehn Schlüssel des von ihm beschriebenen Abenteuers des Heroen entwickelte, mit denen wir uns später noch näher befassen wollen.


 

Aus dem Diesseits begibt sich nun einer in die Ebenen überweltlichen, übernatürlichen Seins, wo alle Wunder, wo alle Dinge möglich sind (wie eben im Traum), ihm aber auch allerhand Gefahren auflauern und er sich scheinbar bösen Gegner ausgeliefert findet.

Doch er nimmt die Herausforderung auf sich und erzielt einen entscheidenden Sieg dort, wo es offenbar zuerst keinen Ausweg mehr zu geben schien. Von da an aber ist er gefeit, hat Furcht und Zorn verloren, ist wie von den Toten auferstanden, um zurückzukehren in die alte Welt aus der er aufbrach. Was er in diesem Abenteuer jedoch fand, ist vielleicht ein geheimer Schlüssel, ein Zaubertrank, ein Allheilmittel, der »Stein der Weisen«? Mit Sicherheit aber eine besonders gute Gabe, mit der er seine Zeitgenossen segnet, alle Trauer verscheucht und sie damit ganz fröhlich stimmt.

[…] ganz gleich ob in den riesigen, fast ozeanisch tiefen Bildsymbolen des Orients, in den lebhaften Erzählungen der alten Griechen oder in den majestätischen Bibel-Legenden: das Abenteuer des Helden folgt dem Muster jenes oben beschriebenem Kernthemas: eine Trennung von allem Weltlichen, ein Vorstoß zu einer besonders gearteten Macht und die Rückkehr von dort in ein besseres Leben.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Es ist egal ob wir nach der Gestalt des Monomythos im Orient oder im Okzident suchen, denn wie es scheint lassen sich seine Motive überall finden – sei es in der Geschichte des Siddhartha Gautama, der als Buddha zurückkehrte und seinen Mitmenschen »den Weg« lehrte, oder der Prophet Moses des biblischen Exodus (dem Auszug aus Ägypten ins gelobte Land), der im Namen Gottes seinem Volk die Gesetzestafeln vom Sinai überbrachte: immer geht es um den Abschluss von etwas Gewesenem, eine in Aussicht-Stellung neuer Lebenschancen, die jedoch ein Entsterben der alten Welt voraussetzen.


 

Um das eigentlich Wesentliche des Seins zu gewinnen und dabei den wahren Grund des eigenen Daseins zu finden, muss sich ein Mensch von bisher Gelebtem lösen.

Ziel also sollte sein diesen Grund für das eigene Leben zu suchen, zu finden und zu entlarven. Nur was sich dabei entpuppt, was sich uns darin mitzuteilen versucht, das bringt uns in einen neuen, höheren Kreislauf, worin wir ganz wesentlich leben, unserem wahren Selbst entsprechend. Die Puppe, die Maske, die »Persona«, wie die alten Griechen sagten, fällt da ab und verliert ihre Relevanz. Was bleibt sind wir – die wir geworden sind, was wir wirklich sind.

Der Nabel der Welt: Born allen Lebens

Auf seiner Reise hindern den Helden manchmal scheinbar unüberwindbare Barrieren. Und es gibt keinen Ausweg. Er muss diese Barrieren überwinden, muss sich Konfrontationen stellen, Grenzen durchbrechen, muss kämpfen um seine äußeren Feinde zu überwinden – doch auch seine inneren, oft noch größeren Feinde.

Sobald aber der Held sein Abenteuer bestanden hat, da er unbeirrbar an dem Ziel festhielt den Weg auch zu Ende zu gehen: Da eröffnet sich eine universale Lebensquelle, deren Strom sich ergießt, in ihn und in die Welt von der er ein Teil ist.

Über diesen Strom des Lebens erfahren wir in verschiedenen Legenden der Menschheitsgeschichte. Sein vitalisierender Fluss entströmt einer verborgenen Quelle, deren heilige Wasser den symbolischen Mittelpunkt des Universums umfließen.

Unter diesem Mittelpunkt, dem Nabel der Welt, dort ruht der Kopf der kosmischen Schlange Kundalini, aus dem die lebendigen Wasser ewigen Lebens hervorquellen, wie jene vier strömenden Flüsse im Garten Eden. Hieraus wächst immer ein heiliger Baum, der mal erscheint als Irminsul der germanischen Mythologie, mal als Lebensbaum des biblischen Paradieses oder ein andermal als der Boddhi-Baum des Buddha.

Im Monomythos aber bildet der Held selbst diesen Pol. Als wandernde Leitfigur bewegt er sich durch den Raum und so durch die Zeit. Mal gab man ihm den Namen Attis, mal Herkules, mal Wotan, mal Buddha, ein andermal wurde er zum Christus Jesus. Immer ist der Held auf seiner Reise aber Angelpunkt des Weltgeschehens und ein Symbol für ein Erhalten des Weltganzen, ein Sinnbild für die Lebendigkeit in allem Sein.

Seine Aufgabe besteht darin sich auf dem Weg durch die Stationen des Heldenzyklus, selbst auf diesen Weltennabel hin auszurichten, um in sich dabei die lebenserneuernden Kräfte zu sammeln und damit wachzurufen, die ihm von dorther zuströmen.

Es wird dieser Nabel der Welt manchmal auch gleichgesetzt mit einem der universalen Weltenberge, auf dessen leuchtendem Gipfel die Götter wohnen (Olympos, Jerusalemer Tempelberg), deren Häuser darauf aus kostbaren Edelsteinen erbaut wurden. Inmitten dessen wölbt sich die Kuppel des Heiligen Tempels, dessen Säulen auf den vier Weltecken fußen. Über dieser Kuppel breiten sich die himmlischen Sphären aus, und in ihrer Mitte befindet sich, in Form einer Krone nach oben hin geöffnet, das, was man Himmels- oder Sonnenpforte nennt.

Durch diese Öffnung entweicht der Rauch der sakralen Gaben, der von den Nabelpunkten der Welt aus gen Himmel aufsteigt – mal vom Tempel des griechischen Delphi oder wo anders auf dem Tempelberg zu Jerusalem.

Auf dem Jerusalemer Berg Moriah stieg solch heiliger Rauch aus dem Opferfeuer in den Himmel, zum weltlichen Mittelpunkt empor. Es brannte auf dem Hofaltar des Salomonischen Tempels. Dieser Altar bildete da die symbolische Radnabe einer Weltachse, an deren anderem Ende sich das himmlische Weltenrad dreht.

Was den Juden in ihrem Tempel zu Jerusalem als Weltennabel galt, galt den Christen die erste Kirche in Rom oder den Muslimen die Kaaba in Mekka. Besonders in Richtung jenes heiligen Zentrums des Islam, verbeugen sich ja die Gläubigen an allen Orten der Erde, fünfmal am Tag. Hiermit bilden sie zwischen sich und der Kaaba, die beiden Enden der Speichen eines sich im Tageslauf der Sonne drehenden, gigantischen Weltenrades.

Der Herd des Hauses ist wie im Tempelaltar, die Nabe des Erdenrades, der universale Mutterschoß, dessen Feuer als Feuer des Lebens brennt. Und die Öffnung am Dachfirst der Hütte – oder auch die Krone, die Zinne oder Spitze des Doms – ist die Nabe oder der Mittelpunkt des Himmels: die Sonnentür, durch die die Seelen aus der Zeit in die Ewigkeit eingehen, und durch die auch der wohlriechende Rauch der Opfergaben zieht, die im Feuer des Lebens verbrannt und auf der Achse des steigenden Rauchs, von der Nabe des Erdenrades zum Nexus des Himmelsrades getragen werden.

So gefüllt, ist die Sonne die Speiseschale Gottes, ein unerschöpflicher Gral, den Opfersubstanz überquillt, dessen Fleisch wahrhaftig Speise und dessen Blut wahrhaftig Trank ist.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Natürlich spielen diese Sätze Campbells an auf das Opfer von Brot und Wein des letzten Abendmahls, dass der Christus inmitten des Kreises seiner zwölf Apostel, selbst als Nabel der Welt, ihnen zu kosten gibt, damit sie durch ihn das ewige Leben haben.

Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben

- Johannes 6:53f

Der Monomythos

von S. Levent Oezkan

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Ganz gleich ob wir uns nach Westen oder Osten blickend, mit den Märchen und Mythen der Völker befassen: Sie alle vermögen uns zu faszinieren. Es ist als ob wir darin eine Geschichte von der Reise eines Helden wiedererkannten, die etwas in uns Veranlagtes anklingen lässt, nur jedes Mal in anderer Form.

Es sind darunter jene Legenden und Sagen, die man sich schon vor Jahrtausenden erzählte, doch deren Inspirationskraft seit eh und je die selbe bleibt. Wohl kaum ein Zufall das Mythen entstanden, um sich dereinst in den Kulturen der Menschheit auszubreiten – wodurch Bräuche ebenso entstanden, wie selbst die Riten unserer heutigen Religionen.

Man findet darin Symbole, die keineswegs nur etwas sind das sich Menschen nur ausdachten. Eher entstanden sie als spontane Geistesergüsse, aus den tiefen Schichten des kollektiven Unbewussten. Dennoch kann es verwundern, dass diese mythischen Erzählungen sich ähneln, trotz der so großen kulturellen Unterschiede der Völker unseres Planten. Wie kann das sein?

Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass all diese Legenden und Mythen ganz und gar zeitlos sind. Selbst wenn man sie schon vor tausend Jahren erzählte, vermögen sie auch heute noch einen Zuhörer oder Leser zu faszinieren. Es scheint damit also, als basierten sie auf einer gewissen Logik, durch die, wenn scheinbar auch unergründlich, sich offenbar auch unsere Träumen bewegen.

Viele dieser Symbole die uns im Schlaf als Bilder erscheinen, tauchen ebenso auf in den Legenden unserer Kultur. Die moderne Psychologie spricht da von den »Archetypen«, Urformen die aus den Tiefen unserer Seelenwelt aufsteigen, um sich dabei unserem Traumbewusstsein zu zeigen.

Alle möglichen Arten von Bildern und Symbolen scheinen in unserem Unterbewusstsein darauf zu warten, durch emotional affektierte Schübe, von dort aus, durch unsere Träume zum Vorschein zu kommen. Mal sind es seltsame Wesen, ein andermal auch Gefahren oder Täuschungen, mit denen der Träumende da vielleicht konfrontiert wird.

Was im Schlafbewusstsein wie von selbst eine Realität erzeugt, aus den selben Quellen speisen sich Mythen, die uns mal jemand erzählte oder die wir wo lasen, vielleicht in einem Märchenbuch.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) schreibt in seinem Buch »Der Heros in tausend Gestalten« auch über die verblüffenden Ähnlichkeiten von Traum- und Mythenwelt.

In alten indigenen Übergangsriten, wo Jungen oder Mädchen in der Pubertät, in die Gemeinschaft und ihre geheimen Überlieferungen eingeweiht werden, findet man Symbole die durchaus Traumcharakter aufweisen.

Beim Stamm der Murngin-Aborigines Australiens weiht man die Jungen ein, in einem, für unser westliches Verständnis vielleicht, recht schaurigen Initiationserlebnis:

Wenn ein kleiner Junge des Murgin-Stammes beschnitten wird, erzählen ihm sein Vater und die männlichen Stammes-Ältesten: »Die große Vaterschlange wittert deine Vorhaut; sie ist ganz darauf aus.« Die Jungen glauben, dass das auch tatsächlich wahr ist und bekommen furchtbare Angst. Meistens flüchten sie sich dann zu ihrer Mutter, ihrer Großmutter oder einer anderen Frau ihres Vertrauens, denn sie wissen dass sich die Männer zusammengetan haben, sie auf ihrem Versammlungsplatz der großen, fauchenden Schlange auszuliefern. Die Frauen aber stimmen sich auf das Ereignis dann wohl selbst zeremoniell ein und fangen an um die Jungen zu jammern; so soll die Schlange davon abgehalten werden die Kleinen zu verschlingen.

Es gibt da eine interessante Parallele zur Schilderung dieses Initiationserlebnisses, in dem Buch »Wandlungen und Symbole der Libido« des schweizerischen Psychologen C. G. Jung, wo ihm ein Patient ein Traumerlebnis schildert:

»Eine Schlange schießt aus einer feuchten Höhlung hervor und beißt den Träumer in die Genitalgegend.« Dieser Traum fand statt in dem Moment, wo sich der Patient von der Richtigkeit der Analyse überzeugte und anfing, sich aus dem Banne seines Mutterkomplexes zu befreien.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass die Symbole in den beiden hier geschilderten Erlebnissen, auf die eigentliche Wichtigkeit einer Loslösung hindeuten, im Übergang aus der Pubertät ins Erwachsenenalter. Was also einst der Mystagoge war, jener Mysterienpriester oder auch Schamane, diese Rolle sollte in der modernen Welt dereinst ein Psychotherapeut übernehmen.

Aus Sicht der therapeutische Psychologie entstehen viele Neurosen, da ein Betroffener jenen Übergang ins Erwachsensein eben noch nicht vollzogen hat, da er sich bislang weigerte solcher oder ähnlicher Art spirituelle, wirksame Hilfe in Anspruch zu nehmen.

An der eigentlichen Aufgabe, dem sehenden, träumenden Menschen die Bedeutungen seiner Erfahrungen zu verkünden, hat sich nur insofern etwas geändert, als dass das kulturell entsprechend Zeitgemäße, heute ein anderes ist.

Seit alter Zeit aber ging es darum, wie auch heute etwa in einer Psychotherapie, einem Menschen auf seinem Weg durch das Leben, Möglichkeiten zu zeigen. Abgesehen davon, wie die auf diesem Weg zu überschreitenden Schwellen aufgebaut sein mögen, geht es darum eine Transformation nicht nur im bewusst erlebten Wachbewusstsein zu vollziehen, sondern auch in den tiefen Schichten des Unterbewusstseins.

 

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Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als jemand einen Anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Das diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hatte einen guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung des griechischen Wortes »Mythos« zuwenden, insbesondere der darin enthaltenen Wurzel »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

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