Mystik

Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Verstehen - durch Stille. Wirken - aus Stille. Gewinnen - in Stille.

- Dag Hammarskjöld

Rembrandt: Philosoph in Meditation

Pausen sind in allen spirituellen Traditionen von Bedeutung: sei es im Islam, im Christentum, im Judentum, sei es in den Traditionen des fernen Orients. Immer wieder treffen wir auf dieses Thema, wenn wir uns mit den Heiligen Schriften der Religionen in West und Ost beschäftigen.

Eine verordnete Auszeit, die auch bei uns erhalten geblieben ist – zumindest in Deutschland – ist Sonntag: Tag der Ruhe, an dem normalerweise alle Geschäfte geschlossen sind und wo ein zeitlicher Freiraum gegeben ist, der dem Menschen ermöglicht sich zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen.

Nur wäre das zu schön um wahr zu sein. Solche Phasen der Auszeit werden heutzutage nämlich von vielen Menschen unbedingt mit allerlei Tätigkeiten angefüllt, was ja eigentlich auch in Ordnung wäre, erfolgte es nicht in der Mentalität einer besonderen Nützlichkeit, wegen der jede freie Stunde im Leben »sinnvoll eingesetzt« werden muss.

Für diese wichtige, wöchentliche Pause im Laufe der Lebenszeit steht der Sonntag in der Religion der Christen, der Schabbat jüdischer Gläubiger (Samstag) und der Dschumma (Freitag) der Muslime. Dieser heilige siebente Tag geht zurück auf die Schöpfungsgeschichte am Anfang des zweiten Kapitels im Buch Genesis, wo »Gott der Herr« an diesem Tag ruhte, um zufrieden sein Werk zu betrachten.

[...] er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

- Genesis 2:2f

Wäre es nicht angebracht auch auf unser wöchentliches Werk zurückzublicken, vor unserem inneren Auge noch einmal all das, was wir erreichten, vorüberziehen zu lassen, um überhaupt zu erkennen, was wirklich wichtig ist von alle dem, das in kommender Zeit ansteht?

Fasten heißt beobachten

Auch der Verzicht auf das, was alltäglich verwendet oder eingenommen wird, ist zum Beispiel in den Religionen des Westens ein wichtiger Bestandteil. Im christlichen Glauben ist das die Fastenzeit (etwa zwischen Karneval und Ostern) oder der heilige Fastenmonat Ramadan der Muslime. Man entsagt bewusst allem Alltäglichen, zumindest aber schränkt man sich darin ein. Der Fastenmonat Ramadan fordert von seinen Gläubigen in dieser Zeit, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, sowohl auf Essen, Trinken, sowie auf alle intimen Genüsse zu verzichten.

Es scheinen aber immer weniger Menschen sich auf so etwas einzulassen, da sie entweder nicht darüber in Kenntnis versetzt wurden oder dieses, auf die Gestirne abgestimmte spirituelle Regelwerk, schlicht als unwichtig abwinken. Und in dieser Mentalität scheint auch das Gebot der Sonntagsruhe viel zu oft ignoriert zu werden.

Was unser Leben jedoch, in einer zunehmend komplexen Welt, aus dem Lot zu bringen vermag, sollten wir, bewusst lebend, versuchen zu reduzieren. Dies könnte ja ein, nennen wir es einmal, »vorsätzliches Nichtstun« sein. Und solcher Art erzwungener Müßiggang kann sich sowohl einmal die Woche wiederholen, ja vielleicht aber, je nach persönlicher Biografie, sogar über eine längere Phase erstrecken – wie etwa auf einem Pilgerweg.

Nachdem der brasilianische Schriftsteller Paolo Coelho im Jahr 1987 das Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg veröffentlichte, folgten viele andere Menschen diesem Weg nach, so dass in den vergangenen Jahren daraus mehr als eine Viertelmillion jährlicher Pilger wurden.

Wieso aber begibt sich jemand auf so eine lange Reise und dann auch noch zu Fuß?

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, da ich einige Jahre selbst Pilgerreisen veranstaltete (damals zum Mosesberg auf der ägyptischen Halbinsel Sinai), sind solche Wanderungen auf entlegenen Pfaden oder in der Wüste, heute oft die einzige Möglichkeit, wieder einmal zu sich selbst zu finden und damit wohl auch zu dem, was man im Westen mit dem Wort »Gott« bezeichnet, zumindest als Muslim, Christ oder Mensch jüdischen Glaubens. Auf so einer Pilgerreise schaffen es Menschen, sich eine Zeit lang der alltäglichen und heute so durchdigitalisierten, vernetzten Welt zu entziehen. So können sie sich als Mensch wieder empfinden lernen, um dabei zu sich finden, ihren wahren Wesenskern zu entschleiern.

Besonders geläufig sind uns so Begriffe wie Kontemplation und Selbstfindung allerdings auch, wenn sich einer darauf konzentriert, um durch besondere fernöstliche Meditationspraktiken bestimmte Bewusstseinszustände zu erzeugen, die sie oder ihn zu einem ähnlichen Ergebnis führen.

Bei alle dem aber geht es um die selbe Vorstellung eines Ideals vollkommener Muße, womit sich Räume erschaffen lassen, worin sich ein aus dem alltäglichen Denken gelöster Geist entfalten kann. Der chinesische Philosoph Lao-Tse schrieb dazu:

Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes

- 11. Spruch aus Lao-Tses Taote-King

Es ist eher die Leere von Bedeutung, mehr noch als das, worin sie gefasst ist. Denn was nützt einem ein Haus, in dem es keinen Platz gibt? Wie sollte sich die Erde und das Leben auf ihr bewegen, hindere sie da etwas auf ihrem Weg?

Alles Entfalten benötigt Raum, allem guten Werk geht eine Auszeit voraus, in der die dazu notwendigen Handlungen erdacht werden können. Doch auch aus Erdachtem kann nur etwas gedeihen, was sich in Ruhe konzentrieren ließ.

Es dürfte darum nicht überraschen, wenn Meditation  auch direkte spirituelle Erfahrung bewirkt. Genau darum ging es auch den christlichen Mystikern im Mittelalter. Man sah nur in der Erfahrung von Leere, dass da etwas ist, was dem Erfahren von Fülle einfach fehlt. Nicht zufällig zogen sich jene berühmten Geistlichen, wie etwa Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen, in die Einsamkeit zurück, in die Stille eines Klosters, um diesem Erfahren in der Leere nachzuspüren. Hieraus empfingen sie das, was sie später dann mit ihren Mitmenschen, zu deren Wohle, teilen sollten. Auch der Buddha zog sich zurück, um unter jenem, sogenannten Baum der Weisheit (Bodhi-Baum) sieben Tage und Nächte zu meditieren, um danach schließlich in vollem Bewusstsein zu erwachen.

Heiliges Nichtstun

Zwischen Muße und Müßiggang jedoch verläuft immer ein schmaler Grat. Denn es geht keineswegs darum, sich aller Verantwortungen im Leben zu entziehen. Eher ist das Ziel, sich jene Zeiten der Muße tatsächlich frei zu halten, sie zuerst auszuloten, später aber sogar daraus besondere Erfahrungen zu schöpfen, die einem höheren Zweck dienen. Siddhartha Gautama – der Buddha – verkörpert diese Vorbildfunktion. Auch der Prophet Mohammed zog sich ebenso zurück, wie Jesus der Christus.

In unserer heutigen, bisherigen Welt der Ökonomen, ist das aber scheinbar unangebracht, wo man stets versucht Zeit in Geld zu verdichten. Ein Workaholic ist da wohl anerkannter als ein sogenannter Faulpelz. Da stellt sich jedoch einem die Frage, wie einer von dem ständig jemand anderes etwas will, selbst Ruhe finden soll, um sich auf seine nächsten Handlungen einzustimmen? Oder weiß man schon gar nicht mehr, wie man mit bewusstem Nichtstun umgehen soll, ja ob so etwas überhaupt angebracht wäre? Und vor allen Dingen: Was will man im Leben eigentlich erreichen, wenn man kaum Zeit dafür findet, jener Selbstentfaltung den nötigen Freiraum zu geben?

Fest steht, dass kein Werk als solches zum Abschluss gebracht werden kann, wenn der Weg dorthin nicht in Abschnitte, die dafür aufgewendete Zeit, nicht durch Pausen dazwischen, die damit verbundene Arbeit aufteilte. Es braucht einen zeitlichen Zwischenraum, um zu erkennen was war und was als Nächstes an der Reihe ist. Ein »Dazwischen« ist nicht nur nütlich, sondern durchaus ökonomisch.

Was also, man verbrächte damit das, was einem vielleicht als Zwangspause auferlegt wurde, tatsächlich als Chance zu erkennen? Im Leben vieler Menschen haben sich Ungleichgewichte eingeschlichen, die sie wissen angehen zu müssen. Nie aber fanden sie die Zeit dazu oder versuchten diese mächtigen Faktoren einfach dadurch zu ignorieren, indem sie sich von vermeintlich Wichtigerem vereinnahmen ließen und sei es das abendliche Schauen in den Fernseher.

Natürliche Kreisläufe – Rückzug in die Natur

Bevor die Räderwerke und Maschinen in unserer Kultur wichtig wurden, waren es immer die natürlichen Lichtzyklen im Kosmos, die unser Zeitempfinden prägten. Man handelte entsprechend der täglichen, monatlichen und jährlichen Sonnenbewegungen, in Zusammenhang mit jenen Zyklen des Mondes. Hieraus entstand erst später das, was man als die zwölf Monate kennt. Sie sollten dereinst wohl auch die Zeiträume dessen bestimmen, was sich übertragen sollte, in ein jeweils morgendliches und ein abendliches Zwölfstundenmaß des Tages.

Als Ende des 18. Jahrhunderts aber die Industrielle Revolution den Menschen aus seiner eigentlich naturbezogenen Kultur immer mehr entfremdete, wurde dieses kosmische Bewusstsein für solare und lunare Kreisläufe, vom Fortschrittsdenken, immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Und dieses Denken ist bis heute zum bestimmenden Maß unserer Weltkultur geworden. Sonnen- und Mondphasen als Zeitmaße wurden durch Uhren abgelöst, die zuerst nur im Außen auf Kirchtürmen zu sehen war, doch, im Laufe der Zeit, immer mehr in unser inneres Bewusstsein vordrangen und zu dem wurden, was wir die »Innere Uhr« nennen.

Was nun aber, wenn dieses, durch Uhren vorgegebene Maß, zunehmenden Druck auf uns ausübt, da jemand vorgegeben hat, wieviel tägliche, in Stunden messbare Arbeit üblich ist, ja sogar die gearbeitete Stunde den Wert des Menschseins zu bestimmen scheint?

Nicht nur arbeiten immer mehr Menschen an Bildschirmen, sondern verbringen, zumindest unter der Woche, auch am Abend noch Zeit vor der Fernseh-Mattscheibe – einmal abgesehen von all den Blicken auf das Smartphone in den Minuten dazwischen. In diesem Verhalten aber entfremden wir Menschen uns zunehmend aus unserem natürlichen Dasein, dass eben doch auf die kosmischen Vorgänge abgestimmt ist. Es ist eine Tatsache, dass unser Melatonin-Haushalt, der den Schlafrhythmus regelt, eigentlich der Blaulichtanteil des Sonnenlichts bestimmen sollte. Durch unsere willkürliche Lichtaufnahme blaulichtgeschwängerter LED-Beleuchtungen von Bildschirmen und auch Raumbeleuchtungen, bringt diesen natürlichen Rhythmus durcheinander. Wir leiden unter Schlafentzug, der neben unregelmäßigen Ruhephasen, einfach nur zu unserem Schaden mehr Stress erzeugt.

Darum wäre es durchaus angebracht, einen Tag in der Woche, zumindest für einige Stunden, uns einer endlosen Verwendung von Bildschirmen zu entziehen und eine Online-Pause einzulegen.

ewigeweisheit.de

Fazit: Frei-Zeit

Pause und Auszeit als Neuorientierung, ist heute durchaus angebracht. Der Wunsch sich ständig mit etwas zu beschäftigen, rührt wohl daher, dass die meisten Menschen ihre Gedanken nicht ertragen oder jeder Meditations- oder Achtsamkeitsübung den Schlaf vorziehen. Man bedudelt sich also entweder, oder versucht durch andere Mittel seine Geistestätigkeit zu unterdrücken: das können Sportlichkeitswahn ebenso sein, wie ein übermäßig, körperliches Liebesleben oder ein unverhältnismäßiger Konsum von Rauschmitteln.

Selbst die Ferien werden mit sogenannten Freizeitaktivitäten vollgestopft, statt das man jener, oben beschriebener Leere und Ruhephase, bewusst ihren benötigen Raum zugesteht. Nur da nämlich lassen sich neue Ideen entwickeln, die dem eigenen Wohlbefinden gut tun. Wer auch in seiner Freizeit unbedingt aktiv sein muss, bleibt Sklave einer Erwartungshaltung, die der selben Mentalität entstammt, wie das frühe Aufstehen am Montag um bis spät Abends zu arbeiten.

Wir sollten wieder lernen der Zeit beim Vergehen zuzusehen, statt die Zeit zu vergessen, indem wir sie regelrecht verfüttern, an immer neue Geschäftigkeiten. Unsere Zeit aber ist für so etwas viel zu wertvoll. Doch das ist in unserer »Beschäftigungskultur« leider in Vergessenheit geraten und fällt den meisten erst dann auf, wenn sie bereits ins Rentenalter eingetreten sind. Doch was um alles in der Welt fängt man dann noch an, mit der übrig gebliebenen Lebenszeit, wenn man jahrzehntelang auf Geschäftigkeit trainiert wurde? Kann man da nicht einfach mal aussteigen?

Es sind die Pausen die wirklich wertvoll sind und als entsprechend kostbar geschätzt werden sollten. Nur muss jemand, der zuvor versuchte seine Zeit ständig mit Betätigungen auszufüllen, erst einmal lernen, sich diese Freiräume zu schaffen und sie als solche auch wahrzunehmen. So jemand muss lernen Achtsamkeit zu entwickeln und dabei den wahrscheinlich anfänglich einbrechenden Gedankenstrom, mit immer mehr Leerräumen zu versetzen, so dass allmählich nur noch wertvolle Geistesbilder aus einem Meer innerer Ruhe beginnen aufzusteigen. Sie sind die Rufe denen wir folgen können, um unser Leben zuerst auf unsere Bestimmung hin auszurichten und damit allmählich auch unserer Umwelt das zu geben, was sie wirklich braucht.

Ist es denn nicht das, worauf es im Leben ankommt?

 

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Die Universelle Weiße Bruderschaft: Spirituelle Gemeinschaft im Zeitalter des Wassermanns

von S. Levent Oezkan

Universelle Weiße Bruderschaft - ewigeweisheit.de

Schon immer war die Balkanhalbinsel ein Gebiet der Begegnung, zwischen den spirituellen Weisheits-Kulturen des Abendlandes und des Morgenlandes. Im Osten des Balkan siedelte einst das Volk der Thraker, über das seinerzeit König Oiagros herrschte: Vater des mythischen Sängers Orpheus. Homer nannte Thrakien »das goldene Reich des Orpheus«, wo der legendäre Sänger seine Tradition zu Wege brachte.

Die orphische Tradition nämlich sollte dereinst den Kern einer neuen Kultur bilden. Und da man auch Apollon zu Ehren, dem Gott des Lichts, der Weissagung, der Heilung und der Künste, hier vor mehr als 3000 Jahren heilige Riten abhielt, wird Thrakien auch ein »Land des Lichts« genannt. Damit sollte in Thrakien eine der ältesten Kulturlandschaften Europas entstehen.

Es ist bei alle dem aber nicht allein Mythologie, denn im Balkan des südlichen Bulgarien, wo sich die thrakische Tiefebene erstreckt, fanden Archäologen die Reste einer uralten Hochkultur, die dort ihren Königen Megalith-Bauten (Dolmen) und Hügelgräber errichteten. Nahe des bulgarischen Dorfes Tatul erhebt sich ein thrakisches Felsengrab, das heute gar als Ruhestätte Orpheus' gilt. Es gehört zu einem riesigen Komplex anderer Megalith-Bauten, in denen man erst heidnische, später auch christliche Kulthandlungen durchführte.

Der griechische Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria verglich den Orpheus sogar mit Jesus, dessen Abstieg in die Unterwelt, gewiss dem Abstieg Christi in die Totenwelt entspricht.

Orpheus also ein mythischer Vorgänger Jesu Christi?

Zumindest scheint diese Symbolik möglicherweise die Theologie der Bogomilen mit inspiriert zu haben. Auch sie nämlich kamen vom bulgarischen Balkan und waren eine christliche Sekte die sich ab dem 10. Jahrhundert hier gegründet hatte. Sie nannten sich die »Gottesfreunde« (von slaw. bog, »Gott“ und mil, »lieb«) und waren eine asketisch lebende Gemeinschaft, in der man an eine dualistisch geprägte Weltordnung glaubte und man alles Materielle dem Bösen, alles Geistige dem Guten zuschrieb. Wie auch die Katharer Südfrankreichs, hielten die Bogomilen ihren Glauben für die wahre Lehre Christi.

Durchaus besaßen ihre Lehren einen universellen Charakter, der dem Glauben der Katharer sogar sehr ähnelte. Ihre Religion verkündete ein ganz einfaches, reines und heiliges Leben, dass auf Liebe, Gemeinschaft und Gleichheit basierte. Dabei aber sahen sie sich als die Überbringer vollkommen neuer Vorstellungen über die Bedeutung eines wahren Christentums.

Beinsa Douno - ewigeweisheit.de

Gründer der Universellen Weißen Bruderschaft: Petar Danow – »Beinsa Douno«.

Ein Bulgarischer Weiser

Anfang des 20. Jahrhunderts sollte sich in diesem alten Land der Bogomilen erneut eine okkultistisch-religiöse Bewegung gründen: Die Universelle Weiße Bruderschaft.

Gründer dieser Gruppe war der Theologe, Philosoph und spirituelle Lehrer Petar Konstantinow Danow (1864-1944; andere Versionen des Nachnamens: Deunov, Dănov). Er studierte Ende des 19. Jahrhunderts Theologie in den Vereinigten Staaten. Während dieser Zeit stand er in Kontakt mit dort ansässigen Vertretern der Theosophischen Gesellschaft und der modernen Rosenkreuzer-Bewegung.

1896 erschien sein erstes Buch mit dem Titel »Wissenschaft und Erziehung«. Im Jahr darauf erfuhr er seine mystische Initiation und nannte sich seitdem »Beinsa Douno«.

Nach seiner Rückkehr nach Bulgarien wirkte er dort ab 1897 als spiritueller Lehrer und gründete eine Gesellschaft, die sich der Erhebung des religiösen Geistes des bulgarischen Volkes verschrieben hatte. Er sprach da von den Zusammenkünften der »Synarchischen Kette«, an denen drei seiner ersten Schüler teilnahmen: Penio Kirov, Todor Stoimenov und Dr. Georgi Mirkovic. Seit 1900 hielt er im Rahmen dieser Gesellschaft Treffen ab. »Synarchisch« wohl darum, da der Glaube dieser von ihm geführten Gemeinschaft (griech. »archia«, Führung) in sich verschiedene spirituelle Systeme zu einem neuen Glauben synthetisierte.

Schon damals begann er Material zusammenzustellen, womit er dann, im Jahr der Gründung seiner Bruderschaft, seinen Schülern eine umfassende Einführung in den Okkultismus zur Verfügung stellen konnte. In seinem Werk – darunter die Titel »Sieben Gespräche mit dem Geist Gottes« und »Die Drei Dinge« – waren Erkenntnisse enthalten, die er in Meditation empfing.

Im Jahr 1922 ging aus der »Synarchischen Kette« dann die Universelle Weiße Bruderschaft hervor. Danow wollte durch die Gründung dieser Bruderschaft eine Mission erfüllen: Ein neues spirituelles Zeitalter sollte von ihm eingeleitet werden, zur Verkündigung der Wahrheiten des Wassermanns. Es heißt, dass Danow versuchte den uralten und unvergänglichen Weisheiten der Menschheit, damit zu einer neuen Geburt zu verhelfen.

Der Anker des Wassermanns

Im Emblem der Universellen Weißen Bruderschaft kommt dieses Ansinnen zum Ausdruck. Es zeigt einen Anker, der für einen Glauben steht, der an solaren, hohen Idealen festhält, was auf die Bedeutung der Sonne für unseren Planeten anspielt, deren Licht ja die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Der Anker galt Danow daher als Symbol aller, die den Ozean des Lebens bereisen und sich bei jedem Ankerwurf mit der Welt des Göttlichen zu verbinden hoffen.

Die Symbolik des Wassers platzierte er in besagtem Emblem als Sinnbild der Quelle des Klaren und Reinen, als ein Brunnen unerschöpflicher Kraft, etwas das notwendig ist damit Leben überhaupt entstehen kann.

Die Hände, die sinnbildlich das Wasser aus der Mündung dieser Quelle führen, gehören Aquarius, dem Wassermann, dessen Zeitalter bei der Gründung der Universellen Weißen Bruderschaft aufdämmerte. Da Aquarius aber astrologisch ein Luft-Zeichen ist, wird damit ein Wasser feinstofflicher, ätherischer Beschaffenheit angedeutet, etwas, von dem man in alter Zeit glaubte, dass daraus der Heilige Geist beschaffen sei. Im Evangelium des Johannes steht diese Symbolik von Wasser und Geist für die Wiedergeburt eines Menschen in ein neues Leben, was natürlich ein Hinweis ist darauf, dass ein Mensch die geistige Fähigkeit besitzt, immer aus seinem bisherigen, in ein neues Leben hervorzutreten.

Es sei denn dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. […] was vom Geist geboren wird, das ist Geist.

- Johannes 3:5f

In diesem Sinne wollte auch Petar Danow seine Schüler zur Erkenntnis führen und dabei ihre Herzen erheben. Das sollte geschehen, damit einer diese eben definierte Gnade des Heiligen Geistes, dereinst in sich erfahren und das vollkommene Licht der Wahrheit empfangen solle. Danows Schüler aber wussten dabei immer, dass man über diese Themen viel sagen und noch mehr darüber schreiben kann. Das hier Angedeutete jedoch muss von jedem Einzelnen selbst erfahren und gelebt werden, so dass einer in seinem Erleben Liebe und Weisheit erlange.

Und dieses Erleben versuchte er, durch sein Vermitteln der ursprünglichen Weisheitslehren Jesu Christi, in jedem seiner Schüler zu inspirieren, eben genau so, wie es wahrscheinlich vor 2000 Jahren vermittelt wurde.

Die Schüler der Universellen Weißen Bruderschaft sahen in Danow den Verkünder einer wahren, einzigartigen Philosophie, die sich direkt im Leben anwenden lässt, um einen Menschen zu befähigen in Gott zu weilen. Er wusste »das lebendige Wort« auf eine verständliche, vielleicht sogar empfindsame Weise zu vermitteln. In Kreisen der Universellen Weißen Bruderschaft heißt es sogar, dass Papst Johannes XXIII. (1881-1963) Petar Danow »den größten auf Erden lebenden Philosophen« nannte.

Ziele der Universellen Weißen Bruderschaft

Für die von ihm gegründete Bruderschaft synthetisierte Danow Ideen und Philosophien anderer religiöser Weisheitssysteme zu einem neuen Weltbild. Die Gemeinschaft seiner Anhänger lernten aus Danows Vorträgen, Gebeten und Liedern aber insbesondere die esoterischen Lehren aus der jüdisch-christlichen Tradition, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen mit den Schulen der Rosenkreuzer und der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Es ging Danow aber auch darum die Kreativität seiner Schüler zu fördern. Alle Menschen galten ihm von Natur aus als Künstler. Weniger aber versuchte er direkt ein Kunstschaffen zu vermitteln, als seinen Anhängern beizubringen dass Kunst etwas sei, das allein vom Göttlichen her stamme und auch durch Gotteserfahrung direkt dem Menschen zur Verfügung stehe.

Jeder sei vollkommen ausgestattet mit der Fähigkeit zu erschaffen. Davon war Danow fest überzeugt. Was manchen jedoch fehlte, war seiner Meinung nach der Zugang zu diesem Bereich des Seins. Danow wollte seinen Schülern darum durch sein Wirken behilflich sein, durch seine inspirierenden Reden und seine Musik, diesen inneren Teil in ihnen anzuregen, so dass ihn aber jeder durch sein eigenes Wirken entfalten konnte.

Solche inneren Prozesse anzuregen, sollte der Schüler erreichen, durch eine besondere Ernährung, durch Atemübungen, Meditation und bestimmte Gebete.

Er wollte dass die Mitglieder der Bruderschaft erkannten, dass es nicht allein helfe sich nur um sein eigenes Leben zu kümmern. Vielmehr wollte Danow mit seiner Bewegung erreichen, dass sich die Menschen, als Kinder eines einzigen Schöpfers zusammentun, um damit die Probleme der Menschheit zu lösen.

Zugegebenermaßen mögen solch erhabene Ziele dem einen oder anderen recht romantisierend, ja gar sentimental erscheinen. Eigentlich aber ist es doch genau das, was die gegenwärtige Zivilisation unseres Planeten so nötig hat.

Herr, unser Gott, unser freundlicher himmlischer Vater,
Der uns ein Leben schenkte und Gesundheit,
Um in Dir zu frohlocken, drum beten wir zu Dir.

Sende uns Deinen Geist,
Bewahre und beschütze uns vor dem Bösen
Und vor trügerischen Gedanken.

Lehre uns Deinem Willen nach zu handeln,
Deinen Namen heilig zu halten
Und Dich immer zu ehren.

Segne unseren Seelen,
Erleuchte unsere Herzen und unseren Geist,
Auf dass wir Deine Gebote und Regeln einhalten.

Inspiriere in uns mit Deiner Gegenwart,
Deinen reinen Gedanken,
Und führe uns Dir mit Freuden zu dienen.

Unser Leben, dass wir Dir widmen,
Dem Guten für unsere Brüder und Nachbarn willen –
Wir preisen Dich Herr.

Hilf uns und unterstütze uns,
Damit wir wachsen in Wissen und Weisheit allseits,
Von Deinem Wort zu lernen und in Deiner Wahrheit zu verweilen.

Führe uns in allem was wir denken
Und in Deinem Namen tun,
Im siegreichen Heil Deines Reiches auf Erden bestehend.

Nähre unsere Seelen mit Deinem himmlischen Brot,
Und stärke uns mit Deiner Kraft,
So dass wir in unserem Leben vorankommen.

Wie Du uns all Deinen Segen verleihst,
So vermehre in uns Deine Liebe,
Um uns ein ewiges Gesetz zu bleiben.

Denn Dir ist das Königreich
Und die Macht und die Herrlichkeit
Für immer und in Ewigkeit.

Amen.

- Petar Danow, Gebet der Güte

Lichtsymbolik und Sonnengeheimnis

Herr des Lichts vollkommener Fülle und Güte,
Der über den mein Lehrer zu mir sprach,
Offenbare Dich mir wie es Dir gefällt.

Ich bin darauf vorbereitet Deinen Willen zu erfüllen,
Ohne zu zögern, entschlossen
Und ohne von Deinem Willen abzuweichen.

Ich will Dir Herr treu und ehrlich dienen,
Eben so wie Du auch treu und ehrlich bist,
Im Namen meines Lehrer, durch den Du zu mir sprachst.

Und lass mich, oh Herr, sein wie die kleinen Kinder Deines Königreichs –
Gehorsam, gewissenhaft, geduldig, fest und zufrieden in Deiner grenzenlosen Liebe,
Die sich aus Dir allen Schwachen und Müden offenbart,
Die den von Deinem Licht erfüllten Pfad suchen, worin Du weilst.

Ich bete zu Dir Herr,
Dass Du mich erleuchten mögest
Und sich Dein Geist nicht entferne
Von meiner Seele, von meinem Herzen, von meinem Geiste, von meinem Willen.

Lass mich, Herr, ein Überbringer Deines Wortes sein,
Ein Botschafter Deiner Wahrheit
Und ein Diener Deiner Rechtschaffenheit;
Möge Dein Geist in meiner Seele inkarnieren und lass mich frohlocken in der Gegenwart Deines Wortes, im Namen meines Lehrers, durch den Du der Welt bekannt wurdest.

Amen.

- Petar Danow, Lichtgebet

So wie auch in anderen esoterischen Traditionen, spielt in diesem Gebet Petar Danows, eine zentrale Rolle das Licht. Es ist das, womit die Welt zu sein begann – sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus religiöser Sicht. Die berühmten Zitate aus der biblischen Schöpfungsgeschichte und dem Johannes-Evangelium deuten das an:

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:3f

In ihm (im Wort Gottes, aus dem alles geworden ist) war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen.

- Johannes 1:4f

Besonders im hier erwähnten Zitat aus dem Johannes-Evangelium, ist das Licht im »Wort Gottes«, ist im »Logos«, dem Wort, das an dieser Stelle, im alt-griechischen Original des Evangeliums verwendet wird. Logos ist allerdings ein Wort mit einem ausgesprochen weiten Bedeutungsspielraum. Bei Johannes steht es aber für das Wort im Sinne einer Existenz des Lichts. Vielleicht aber zunächst weniger jenes Lichts das die Augen sehen, als einem Licht etwas kraftvoll Seiendem, das als Vorstufe aller sinnlich wahrnehmbaren Elemente auch in diesem Augenblick aus dem Verborgenen her wirkt.

und der Logos (das Wort) war bei Gott, und Gott war der Logos (das Wort).

- Johannes 1:1

Aus diesem Logos, aus diesem besonderen Wort, das vielleicht schon immer vorhanden war, als Synonym eines ordnenden, formgebenden Prinzips, entstand das Manifeste, wobei Licht eine Zwischenstufe bildet. Das Licht steht über der Finsternis der manifestierten Welt. Denn was wäre diese, würde kein Licht auf sie fallen: Sie bliebe unsichtbar und kein Leben könnte sich je daraus entfalten.

Auf unserem Planeten Erde aber ist dieses Licht im Zentralgestirn Sonne allgegenwärtig.

St. Michael

Wie uns die Lehren der modernen Theosophie und auch der Anthroposophie wissen lassen, manifestiert sich der solare Logos, das lichthafte Wort der Sonne, in der Erscheinung des Erzengels Michael – der Name jenes größten Erzengels dessen Name die Frage stellt »Wer ist wie Gott?«

Auch im Lebensbaum der Kabbala, wo die sechste Sefirah Tiphereth mit dem Gestirn Sonne assoziiert wird, daraus wirkt die Kraft des Erzengels Michael. Dieser Erzengel ist also ein Geist der in der Sonne lebte. Michael war auch der Engel der den Baum des Lebens bewachte und der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, da sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Von diesem Baum aber schnitt St. Michael einen Zweig und reichte ihn Seth, dem dritten Sohn Adams.

Nun schrieb später der Prophet Daniel über diesen Erzengel Michael:

Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelsfürst, der für dein Volk einsteht.

- Daniel 12:1

Wenn er hier sagt »Zu jener Zeit«, deutet er damit auf ein zukünftiges Ereignis hin. Da nämlich soll der Siegesengel und Beschützer der Menschheit in Erscheinung treten. Im Osten, wo die Sonne jeden Morgen aufsteigt, soll Michael seine himmlischen Heerscharen vor dem Thron Gottes versammeln und von dort aus kommen, um dereinst den Teufel und seine Dämonen vom Himmel zu stürzen (Offenbarung 12:7-9). Sie werden dann, von seinem überirdischen Licht geblendet in die Hölle stürzen.

In unserer heutigen Zeit aber scheint sich etwas zu bilden, worauf das hindeutet, was eben Johannes' Offenbarung prophezeit. Wir werden später erneut darauf zu sprechen kommen, wenn es um die »große Zeitenwende« geht, wo also die hohen Fürsten des Himmels in Erscheinung treten sollen.

Omraam Mikhaël Aïvanhov - ewigeweisheit.de

Omraam Mikhaël Aïvanhov (Bildquelle: Prosveta)

Omraam Mikhaël Aïvanhov

Im Jahr 1919 kam in den Kreis um Petar Danow der junge Mikhaël Aïvanhov (1900-1986). Schon als Teenager war der junge Mann ein begeisterter Leser spiritueller Literatur, begann schon sehr früh zu meditieren, machte besondere Atemübungen und fastete regelmäßig.

Später beschrieb Aïvanhov in seinem Buch »Die Neue Religion« ein Erlebnis, das er als Sechzehnjähriger hatte. Es war eine Erfahrung die alles veränderte und letztendlich sein spirituelles Erwachen bewirken sollte:

Die Sphärenmusik, die ich gehört habe, war der Gipfel all meiner Forschungen, all meiner Arbeiten, all meiner Übungen, bei denen ich aus meinem Körper ausgetreten bin. Sie ist seither in mir geblieben als Kriterium, als Muster, als Modell, ein Anhaltspunkt, um alles zu verstehen und alles einzuordnen.

- Aus »Die Neue Religion« von Omraam Mikhaël Aïvanhov

Doch die Zeit aus der Aïvanhov hier berichtet, verbrachte er in bitterer Armut. Auch als er sich der Bruderschaft Danows angeschlossen hatte, sollte sich daran zunächst nicht viel ändern. Immer aber widmete er sich dem Studium der okkulten Wissenschaften und nahm an den Meditationsübungen seines Meisters teil.

Als sein Meister Petar Danow, nach einer etwa einjährigen Exilhaft, im Jahr 1919 entlassen wurde und in den Kreis seiner Anhänger zurückkehrte, faszinierte ihn insbesondere der junge Aïvanhov. Der wurde sein wahrscheinlich ergebenster Schüler. Als Danow mit seiner Bruderschaft später in die bulgarische Hauptstadt Sophia umzog, folgte ihm Aïvanhov nach.

Durch seinen Meister angeregt schrieb sich Aïvanhov dann an der Universität von Sophia ein, um dort zwischen 1923 und 1931 Naturwissenschaften zu studieren. In dieser Zeit besuchte er auch Kurse in Philosophie und Psychologie. Ab 1932 arbeitete Aïvanhov als Lehrer an einer Schule, von der er später auch Direktor wurde.

Der französische Zweig der Weißen Bruderschaft

Als kurz vor dem Zweiten Weltkriegs unruhige Zeiten aufdämmerten, beauftrage Petar Danow den damals 37-jährigen Aïvanhov damit, einen Zweig seiner okkulten Schule in Frankreich zu gründen, wo er die Lehren der bulgarischen Bruderschaft bekanntmachen sollte.

1937 reiste Mikhaël Aïvanhov mit einem einfachen Touristenvisum nach Paris, wo er Kontakt aufnahm zu Menschen, die mit der Universellen Weißen Bruderschaft sympathisierten. Unter ihnen befand sich Stella Bellemin, eine Frau in ihren Fünfzigern, die eine der treuesten Schülerinnen Aïvanhovs werden sollte. Sie hatte Bulgarien bereist, wo sie auch Petar Danow begegnet war. Mit ihrer Hilfe perfektionierte Aïvanhov sein Französisch und begann schon im Jahr darauf erste Vorlesung an der Sarbonne in Paris zu halten. In dieser Zeit schlossen sich ihm immer mehr Menschen an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Aïvanhovs Bruderschaft ein Haus in einem Vorort von Paris, in Sèvres. Nachdem dort notwendige Renovierungsarbeiten abgeschlossen waren, gründeten er und seine Anhänger Ende 1947 einen Verein mit dem Titel »Fraternité blanche universelle« (deutsch: »Universelle Weiße Bruderschaft«) die dann Anfang 1948 offiziell in das französische Vereinsregister eingetragen wurde. 1953 dann entstand ein weiteres internationales Zentrum der Bruderschaft in der Nähe des südfranzösischen Fréjus, dem sie den Namen gaben »Le Bonfin«.

Begegnungen mit einem indischen Guru

Aïvanhovs reiste 1959 nach Indien und traf dort den Hindu-Guru Neem Karoli Baba (1900-1973) – den seine Schüler »Babaji« nannten, »Verehrter Vater«. Dieser Babaji war ein Meister des Bhakti-Yoga, einem spiritueller Weg im Hinduismus, der sich der Entwicklung liebender Hingabe an Gott widmet. Neem Karoli Baba war auch der Lehrer des amerikanischen Gurus Ram Dass.

Von diesem Guru Neem Karoli Baba auf jeden Fall, erhielt Aïvanhov den Titel »Omraam«, ein Name der sich zusammensetzt aus zwei Sanskrit-Mantras: Om und Ram. »Om« natürlich ist das heiligste Mantra der Hindus, dass für das absolut Göttliche steht. Die Silbe »Ram« steht für das heilige Feuerelement.

Wie es zu dieser Namensgebung kam, versuchte Aïvanhov seinen Schüler durch folgende Allegorie zu veranschaulichen: »Omraam« entsprach dem alchemistischen »solve et coagula« (deutsch: »löse und binde«), wo das »Om« als »solve« alle Dinge auflöst und dabei verfeinert, um sie im »Ram«, dem »coagula«, neu zu materialisieren, wo eine gewonnene Vorstellung quasi zu einer konkreten Tatsache »gerinnt«. Sein neuer Titel stand damit natürlich für das, was er seinen Schülern durch seine Arbeit geben wollte: Hilfe bei der allegorischen Transmutation, bei der Verwandlung ihres bisherigen, in ein höheres, edleres Dasein.

Vor seiner Reise nach Indien hatte sich Aïvanhov, den seine Anhänger »Bruder Michael« nannten, bis dahin immer geweigert, dass man ihn als »Meister« ansprach. Schließlich sah er sich mit ihnen, als Mitschüler seines Lehrers Petar Danow. Doch nach seiner Reise nach Indien und seiner dortigen Begegnung mit dem Guru Babaji, sollte sich jetzt alles ändern.

Was einen Guru ausmacht

Ein Mensch den andere als ihren spirituellen Meister oder Guru bezeichnen, ist jemand der über seine Handlungen, seine Gefühle und über seine Gedanken vollkommene Kontrolle erlangt hat. Meister zu sein bedeutet darum zuerst Meisterschaft über sich selbst zu erlangen. Wer das erreicht und die wesentlichen Probleme des Lebens im Griff hat, der ist frei, besitzt einen äußerst starken Willen und ist jemand der gleichzeitig erfüllt ist von Milde, Liebe und Freundlichkeit.

Es bedeutet wirklichen Aufwand und bedarf beharrlicher Ausdauer, um Meisterschaft über das Selbst zu erlangen. Wem das jedoch gelingt, der ist jemand, der alle Widersprüche in sich aufgelöst hat und bei dem all sein Handeln, Fühlen und Denken mit seiner Lebensphilosophie in Einklang sind. Das macht ihn zum lebendigen Beispiel für das was er anderen mitteilen möchte.

Den Zustand eines sanften und gleichzeitig entschlossenen Bewusstseins zu erreichen, dafür übte einer, den andere dann einen Guru nennen, diszipliniert unter Anwendung besonderer Methoden. Aber auch ein Wissen über die grobstoffliche und feinstoffliche Konstitution des Menschen ist hierbei von Nöten, sowie ihre Wechselwirkung mit den Reichen der Natur und den höheren esoterischen Zusammenhägen im Kosmos.

Wem gelingt, so einer zu werden, der wird eine Quelle der Weisheit und des Lebens, die auf andere Menschen einen Magnetismus ausübt, ohne dabei selbst aktiv auf sie zugehen zu müssen. Man erkennt einen spirituellen Meister deshalb daran, dass er umgeben ist von Jüngern.

So kam es, dass auch Aïvanhovs Jünger wünschten, ihm nach 22 Jahren, in ihrer Anrede gebührenden Respekt zu zollen. Schließlich akzeptierte er als ihr Meister angesprochen zu werden. Seine Begabung mit seinen Schülern eine brüderliche Beziehung zu führen aber änderte sich nie.

Der Melchisedek-Orden

Aïvanhov lud jeden seiner Schüler dazu ein, einen noch größeren Meister wiederzufinden: Melchisedek – König von Salem, Meister aller Meister. Seinem Orden gehörten der Prophet Abraham, später König David und schließlich auch Jesus Christus an. Sie alle nämlich hatten in sich die Prinzipien des Sonnenlogos verwirklicht. Von diesem Orden beziehungsweise einer »Ordnung« des Melchisedeks kündet die Bibel:

Du ist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.

- Psalm 110:4

Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

- Hebräer 5:6

Dieser Melchisedek wird auch »König der Gerechtigkeit« und »Priester des höchsten Gottes« genannt, wobei der Zusatz »Salem« in seinem Namen, aus ihm auch einen Friedensfürsten macht, einer Eigenschaft die der biblische König Salomon nach ihm verwirklichen sollte, als Erbauer des ersten Tempels auf dem Zionsberg in Jerusalem.

Die gnostische Schrift Pistis Sophia nennt Melchisedek den großen Empfänger des Lichts, der die Seelen in ihrem Aufstieg besiegelt und sie, so wörtlich, »zum Lichtschatze« führt. Dieser Priesterkönig Melchisedek ist der Anführer der Paralemptoren, der Empfänger des göttlichen Lichts. Als solcher aber ist er auch der, der die großen Eingeweihten leitete, wie etwa den Hermes Trismegistos, den Orpheus, den Propheten Moses, Zarathustra, König Salomon und Jesus den Christus. Sie alle hatten nur ein wahres Bedürfnis: im Licht Gottes zu handeln, von ihm erfüllt für das Licht Gottes zu arbeiten, damit es sich in der Welt und in jedem Menschen manifestiere.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

- Johannes 8:12

Yoga des Lichts

Aus diesen und anderen Geheimlehren hatte Aïvanhov seine universelle Lichtmetaphorik entwickelt, auf deren Grundlage er die Mitglieder seiner Gemeinschaft in einen Yoga der Sonne initiierte: den Surya-Yoga. Er leitete sie an, zwischen den Frühlings- und Herbstäquinoktien, immer während des Sonnenaufgangs zu meditieren. Dieses morgendliche Ereignis nämlich bildet jeden Tag eine Zeit, wo sich das Sein des Menschen wieder aufbaut, wo die Sonnenstrahlen dazu beitragen den Meditierenden zu verwandeln und zu erneuern.

In dieser Meditation konzentriert der Praktizierende seine Gedanken auf die Sonne, was die Verbindung zu seinem Geist stärkt. Jeder Mensch nämlich trägt auch in sich ein solares Zentrum, so dass sich der Meditierende damit verbinden kann, wenn er auf die Sonne als Zentrum unseres Planetensystems meditiert. Auf diese Weise stellt der Praktizierende eine Verbindung her zu seinem höheren Selbst.

Ein Symbol für den Sieg über das Niedere Selbst

In seinem Buch »Die Früchte des Lebensbaums« beschreibt Omraam Mikhaël Aïvanhov die besondere Rolle des Erzengels Michael für unsere Erde und alles was auf ihr lebt. Dieser Engel ist die Wesenheit, die die Erde durch ihren himmlischen Geist reinigt. Das heißt, im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte, bis heute, überschwemmten dämonische Kräfte unseren Planeten. In ihrer zerstörerischen Gesamtheit fügten sie sich zu dem zusammen, was Aïvanhov als den allegorischen Drachen beschrieb, der auf Erden sein Unwesen treibt und den dereinst St. Michael stürzen soll.

Wie obiges Zitat aus dem Buch Daniel andeutete, bleibt das in unserer Zeit aber ein zukünftiges Ereignis. Gegenwärtig drängt das Finstere der Welt, das Lichtvolle immer weiter zurück. Es gab aber immer Menschen die im Kampf gegen das Finstere all ihre Kräfte aufboten, um das was im biblischen Kontext das Symbol des Drachen widerspiegelt, zu überwinden. Keinem von ihnen aber gelang bisher, diesen üblen Egregor, diesen dämonischen Gruppengeist zu stürzen. Er nämlich giert nach allem das Furcht einflösst, labt sich am Hass und der Verwirrung aller Menschen, was sich zu eben jenem Geist verdichtete, dessen Seelengefährt jener siebenköpfige Drache aus der Offenbarung des Johannes sein wird.

Und ich sah ein anderes Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner gleichwie ein Lamm und redete wie ein Drache.

- Offenbarung 13:11

Erzengel Michael - ewigeweisheit.de

Der Erzengel Michael dargestellt auf einer byzantinischen Ikone eines unbekannten Meisters (um 1390).

Auf dem Weg in ein neues Goldenes Zeitalter

In dieser Symbolik kommt auch zum Vorschein das, was im Hinduismus als unsere Gegenwart im Eisernen Zeitalter beschrieben wird: das Kali-Yuga – das Zeitalter des Streites und des Niedergangs, mit dem ein großer Zyklus enden wird. Am Ende des Kali-Yuga aber soll auf Erden erscheinen, entsprechend dem Erzengel Michael der abrahamitischen Tradition, der zukünftige Buddha Maitreya oder der Kalki-Avatar der Hindus. Sie alle scheinen die selben Prinzipien zu verkörpern eines göttlichen Erretters, der das Böse der Finsternis vernichten und ein neues Goldenes Zeitalter einleiten wird.

So verkörpern der Avatar Kalki, wie auch der Erzengel Michael, ein Prinzip der Hoffnung und der Zuversicht, dass das Licht über die Finsternis in der Welt dereinst obsiege.

Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satanas heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

- Offenbarung 12:7

Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. Und er war angetan mit einem Gewand, das mit Blut getränkt war [...]

- Offenbarung 19:11ff

Und so wie die Offenbarung Johanni jenen Erretter als auf einem weißen Pfern reitend das Böse vernichten wird, so wird auch in einer heiligen Schrift der Hindus, den Bhagavatapuranas, das Erscheinen des Kalki Avatars beschrieben:

Im Dorfe Shambhala wird der Gott Kalki erscheinen in der Heimat der großen Seele, der gerühmten Herrlichkeit des Gottes Vishnu. Sein schnelles weißes Pferd Devadatta besteigend, wird der Herr des Universums, mit Schwerte ausgestattet, mit überirdischen Fähigkeiten und acht Siddhis (übernatürlichen Kräften), die Verkommenen unterwerfen. Geschwind auf seinem Pferd über die Erde laufend, wird er mit unübertroffener Herrlichkeit die als Könige verkleideten Diebe niedermetzeln.

- Bhagavatapurana 12:2:18ff

Es ist also nur der Name, der in den Kulturen in West und Ost verschieden ist. Die Himmelsgesandten aber übernehmen immer die selbe Rolle. Mal auch als Maitreya oder Imam Mahdi. Das Wesen aber, der zuvor beschriebene Egregor, der in sich alles Leid konzentriert, ja eigentlich die Essenz alles Abscheulichen ist, den nennen die Geheimlehren den Grund für alles Übel auf Erden.

Nur jener himmlische, göttliche Avatara, jener auf Erden erscheinende Abgesandte Vishnus oder Gottes, kann dieses Monster stürzen und dabei die wegen ihm bestehenden Probleme der Menschen beenden und endlich auflösen. Wenn die Zeit dafür reif ist, wird er auf unserem Planeten erscheinen, den Drachen Satan stürzen, damit schließlich in unserer Welt ein neues irdisches Paradies erblühe. Das ist eine religiöse Hoffnung von der alle spirituellen Traditionen künden.

Dann werden St. Michaels Heerscharen die Gebete der Menschen beantworten, die sie seit Jahrhunderten an den Herrn der Welten richteten. Aus diesem Grund legte Aïvanhov seinen Anhängern nahe, solle man sich eben diesem Erzengel Michael zuwenden, sich mit ihm verbinden.

Wer so tut, der solle ihn um Schutz bitten, damit sich jeder Einzelne in diesem Sinne mit seinen Gefährten auf diesem Weg verbinde, einem Weg auf dem St. Michael dereinst mit seinem Licht, die Kräfte der Finsternis zerstreuen wird. So steht es geschrieben im Buch der Offenbarung.

Lohnt es sich deshalb nicht, einen Teil von unserem eigenen Licht, diesem erhabenen Ansinnen zuströmen zu lassen?

Willst Du leben, wahrhaftig leben? Gib Deinem höheren Selbst die Mittel, um über Dein niederes Selbst zu obsiegen.
Aus Perspektive der Einweihungslehren finden Gedanken, Gefühle und Machenschaften, die das höhere Selbst nicht begeistern, einfach nur den Tod, da sie von der Seele und dem höheren Geist nicht berührt wurden.

Dennoch solltest Du nicht versuchen Dein niederes Gemüt zu zerstören. Denn einerseits wirst Du damit erfolglos bleiben – denn Du selbst wirst zerstört, denn es ist ja sehr mächtig, da es ein Teil von Dir ist.
Drum sollte Dein Ziel sein es beherrschen zu lernen, es gefügsam zu machen, damit Dir seine eigentliche Lebendigkeit und Fülle zugutekomme.

Das hier Beschriebene wurde auch in der Offenbarung des Johannes veranschaulicht, wo Erzengel Michael den Drachen niederstreckt. Der Erzengel aber tötet den Drachen nicht; er überwältigt ihn.
Auf diese Weise sollen auch die Schüler den Drachen ihres niederen Selbst überwältigen. Das Symbol des Drachen zu durchschauen, schwächt ihn bereits (und entsprechend das niedere Selbst). Meditiere über dieses Bild und Du wirst vom Tod ins Leben schreiten, aus der Finsternis ins Licht, aus den Begrenzungen in die Grenzenlosigkeit, aus der Sklaverei in die Freiheit, aus dem Chaos in die Harmonie.

- Meditation nach Omraam Mikhaël Aïvanhov

Sein, Entwerden und Werden

Wie andere vor ihnen, versuchten Omraam Mikhaël Aïvanhov und Petar Danow den Menschen in ihrem Umfeld, ein Bewusstsein für den Kern ihres wahren Seins zu vermitteln. Wichtigstes Sinnbild für dieses Bewusstsein war immer das Licht, wie es der Erzengel Michael als Logos der Sonne verkörpert oder das Gestirn selbst, wo die Sonne doch schließlich die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Denn durch ihre Wärme und ihr Licht entstanden all die unzähligen Lebensformen auf unserem Planeten.

Auf seinem Einweihungsweg muss der spirituell Suchende sich als Ziel setzen die Sonne zu erreichen, das heißt, er muss sich der mit ihr zusammenhängenden Symbolik nähern und nach dem Kern ihres Wesens streben. Die Sonne wird symbolisch zu seiner höchsten Gottheit, da er durch sie zu neuem Leben gelangt. Auf dem Sonnenwagen fahrend begibt er sich als Initiant, auf diese Weise zur Unsterblichkeit.

Wer diesen Sonnenwagen aber besteigen will, wird lernen müssen in seinem gegenwärtigen Leben zu sterben. Denn wie es die Alten sahen, versank ja auch die Sonne bei Sonnenuntergang ins Reich der Toten, in die Finsternis der Unterwelt. Wer sich darum mit einem solaren Bewusstsein durchs Leben bewegen möchte, sollte sich vertraut machen mit diesem Sein, Entwerden und Werden, dem ewigen Wechsel von solve et coagula, vom Lösen des Alten und neuer Zusammenfügung, von Loslassen und neu inspiriertem Handeln. All das zeigt ihm die Sonne Tag für Tag, in ihrem Gehen und ihrer Wiederkehr, als Licht der Welt.

 

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Wege zu einer modernen Kabbala

von Johan von Kirschner

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienten als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzen muss, sozusagen also die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

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Ermunternde Dichtkunst eines Schlesischen Mystikers

von S. Levent Oezkan

Angelus Silesius - ewigeweisheit.de

Im Jahr 1657 erschien in Wien ein Werk, dass man wohl zu den eindrucksvollsten Dichtungen des 17. Jahrhunderts rechnen kann: Der Cherubinische Wandersmann. Alle Liebhaber spiritueller Sinnsprüche und theologischer Geheimlehren, dürften in den darin enthaltenen Versen wirklich Erfreuliches finden. Eine Perle der neuzeitlichen Erbauungsliteratur.

Der Verfasser war in der Tat ein christlicher Weiser, dem es gelang seine Gedanken in eine so edle Form zu bringen, dass sie den Leser nicht nur belehrt, sondern ihn wahrscheinlich sogar erheiternd berührt.

Wie selig ist der Mensch, der alle seine Zeit
Mit anders nichts verbringt als mit der Ewigkeit.
Der jung und alt allein betrachtet und beschaut
Der Weisheit Schloss, das Gott, sein Vater, hat gebaut.
Der sich auf seinen Stab, das ewige Wort, aufstützt,
Und nicht wie mancher Thor in fremdem Sande setzt.
Der nicht nach Haus und Hof, nach Gold und Silber sieht,
Noch feines Lebens Zeit zu zählen sich bemüht.
Ihn wird das blinde Glück nicht hin und her traktieren,
Noch etwa eitler Durst zu fremdem Wasser führen.
Er weiß von keinem Zank, er liebt nicht Krämerei,
Er trachtet nicht danach, dass er gesehen sei.

Gegen das Dogma protestantischer Scholastik

Hinter »Angelus Silesius«, der latinisierten Fassung für den »Schlesischen Boten«, steht der Sohn eines polnischen Adligen protestantischen Glaubens: Johannes Scheffler (1624-1677). Während des Dreißigjährigen Krieges kam er im schlesischen Breslau zur Welt, wo er in einer Zeit großer Unsicherheit aufwuchs. Seine Eltern verstarben bereits, als Silesius noch ein Jugendlicher war. Damals zogen plündernde und mordende Heere durch Europa. Einen Großteil der Überlebenden in Schlesien, tötete schließlich die Pest. Es war auch eine Zeit, wo sich Aberglaube, Magie und Hexerei verbreiteten.

Im 17. Jahrhundert schienen recht wirklichkeitsfremde Tendenzen in der lutherischen Orthodoxie, den christlichen Glauben im Protestantismus immer mehr erstarren zu lassen. So wurde Vernunft zum echten Dogma im Protestantismus. Das aber veranlasste Silesius im Jahr 1653 zum Katholizismus zu konvertieren. Acht Jahre später ließ sich Silesius sogar zum katholischen Priester weihen. Von da an war er ein erbitterter Gegner der Anhänger Luthers. Für ihn waren sie Vasallen Luzifers und, so wörtlich, »Anbeter einer Sau«. Wegen ihrer angeblichen Vergehen gegen Gott, empfand er die Bedrohung des christlichen Abendlandes durch die Osmanen, als Gottes sträfliche Antwort auf ihre Abwendung vom rechten Glauben.

Der Cherubinische Wandersmann

Trotz dass, wie etwa bei Meister Eckhart, die Katholische Kirche große Vorbehalte gegenüber Mystikerinnen und Mystikern hatte, stand sie in dieser Zeit, der Mystik aufgeschlossener gegenüber als die reformierte Kirche der Lutheraner. Es scheint damit, als hätten die Sinnsprüche des Angelus Silesius nicht nur Duldung erfahren, sondern auch Gefallen.

Der Cherubinische Wandersmann aber war nicht etwa systematisch geordnet, wie andere christliche Schriften seiner Zeit. Es scheint als hätte ihr Verfasser das auch so beabsichtigt. Denn manche Aussagen darin finden sich teils hier und dort, wiederholen sich auch in geringer Variation. Silesius wusste, dass sie auf diese Weise besser wirkten. Manchmal auch gibt der Autor in einem Absatz die Lösung zu einem aufgegebenen Rätsel.

Das ewige Ja und Nein.

Gott spricht nur immer Ja, der Teufel saget Nein;
Drum kann er auch mit Gott nicht Ja und Eines sein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:4

Natürlich muss man den theologischen Hintergrund kennen, um das in diesen Zeilen verborgene Rätsel zu lösen, was nicht ganz einfach sein dürfte. Doch das »Ja« das hier zweimal auftaucht, damit wohl spielte Silesius auf einen der hebräischen Namen für Gott an: Jah.

Ein Seufzer sagt Alles.

Wenn meine Seele seufzt und Ach und Oh schreit hin,
So rufet sie in sich ihr End und Anbeginn.

- Cherubinischer Wandersmann 2:64

Es ist gewiss nicht gewöhnlich, das Silesius seinen Texten eine, sagen wir, »heilige Scherzhaftigkeit« verlieh. Denn mit dem »Ach und Oh« das er hier schreibt, meint er natürlich jenes biblische Alpha und Omega. In diesem Sinne aber sind diese wenigen Zeilen so aussagekräftig, dass es sich sicherlich lohnt noch etwas darüber nachzusinnen.

A B ist schon genug.

Die Heiden plappern viel; wer geistlich weiß zu beten,
Der kann mit A und B getrost für Gott hintreten.

- Cherubinischer Wandersmann 2:77

Mit A und B ist hier der hebräische »Abba« gemeint – der Vater.

Ist die Lösung schon in Klammern eingefügt:

Iss Butter, iss mein Kind, und Honig (Gott) dabei,
Damit du lernst, wie Bös' und Gut zu scheiden sei.

- Cherubinischer Wandersmann 2:205

Wie auch bei anderen bekannten Mystikern, waren auch die Verse des Angelus Silesius keine Erzeugnisse aus reinen Vermutungen oder angesammeltem Wissen. Wie vor ihm bei Jakob Böhme, flackerte auch in Silesius immer wieder ein flammender Funke göttlicher Inspiration.

Das ich etliche Schriften Jakob Böhme gelesen, […] ist wahr und ich danke Gott dafür, denn sie sind große Ursache gewesen, dass ich zur Erkenntnis der Wahrheit kam.

In seinem Cherubinischen Wandersmann orientierte er sich gewiss an seinem Vorbild Jacob Böhme. Ihn verehrte er er als wirklichen Meister. Er scheint als tauche Silesius immer wieder in die Gedankenwelt Böhmes ein.

Erst später wandte er sich von Böhme immer mehr ab und kam zurück zu den christlichen Mystikern des Mittelalters, darunter etwa der dominikanische Mystiker Johannes Tauler.

Titelkupfer einer Ausgabe des Cherubinischen Wandersmanns (1675) - ewigeweisheit.de

Titelkupfer einer Ausgabe des Cherubinischen Wandersmanns, Buchdruckerei Ignatij Schubarthi (1675).

Geflügelte Diener Gottes

Was den eigenartigen Titel »Cherubinischer Wandersmann« anbelangt, so weist Silesius gewissermaßen hin auf seine Vorgänger der Mystik, speziell auf Meister Eckhart, doch auch auf den Mystiker Dionysius Areopagita († 1. Jhd. n. Chr.), den der Apostel Paulus einst in Athen zum Christentum bekehrt hatte.

In der ihm zugeschriebenen »Himmlischen Hierarchie« (De caelesti hierarchia) beschreibt Dionysius die Seraphim (von Gott erschaffene, ihm untergeordnete Engel) als Sinnbilder für das, was einem widerfährt, dessen Herz sich in göttlicher Liebe entzündet. Die Cherubim aber stehen für das Aufschwingen der Seele in die Sphären göttlicher Beschaulichkeit. Letzteres war das »spirituelle Feld«, woraus auch Silesius die Verse seines Cherubinischen Wandermanns empfing. In seinem Vorwort dazu schreibt er:

Glückselig magst du dich schätzen, wenn du dich beide lässest einnehmen, und noch bei Leibes Leben bald wie ein Seraphim von himmlischer Liebe brennest, bald wie ein Cherubim mit unverwandten Augen Gott anschauest; denn damit wirst du dein ewiges Leben in dieser Sterblichkeit, so viel es sein kann, anfangen und deinen Beruf oder Auserwählung zu derselben gewiss machen.

- Cherubinischer Wandersmann, aus dem Vorwort

Wer hier auf Niemand sieht, als nur auf Gott allein,
Wird dort ein Cherubim bei seinem Throne sein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:184

Wo aber ist hier die thematische Verbindung zur Mystik?

Anscheinend vermochte Silesius ein »höheres Licht« zu schauen, worin er aus der Geisteswelt vermittelte Erkenntnisse gewann. Doch war das nicht etwa nur eine dem Ego zuträgliche Schmeichelei oder seine »Freiheit der Wahl«, sondern eine höhere Freiheit, die ihm ein geistiges Wirken vermittelte. Das heißt, jene Erkenntnis, die in die Tiefen der Weisheit führen soll, wird auf dem Wege geistiger Anschauung gewonnen, und nicht etwa in diskursivem, bewusst kontrolliertem Denken.

Von jenem Schauen erfahren wir etwa auch bei der Hildegard von Bingen, die vom »Lebendigen Licht« schrieb, durch das Gott in ihren Visionen zu ihr sprach. Der Mystiker schaut in jene Gefilde also nicht mit seinem physischen Auge, sondern einer Art spirituellem, innerem Auge, das Dionysius Areopagita auch in seinem Werk über die Himmlischen Gefilde beschreibt. Ebenso Silesius. Der schrieb:

Zwei Augen hat die Seele: eins schauet in die Zeit,
Das andere richtet sich hin in die Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 3:228

Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben
Nicht besser, als wenn man in's Dunkle sich begeben.

- Cherubinischer Wandersmann 4:23

Wer an den Füßen lahm und am Gesicht ist blind,
Der tue sich dann um, ob er Gott nirgends find't.

- Cherubinischer Wandersmann 1:57

Der nächste Weg zu Gott ist durch der Liebe Tür,
Der Weg der Wissenschaft bringt dich gar langsam für.

- Cherubinischer Wandersmann 5:320

Sicher aber geht dann durch dieses Tor der Liebe nur, der sich von den irdischen Dingen und Begierden zurückzieht, der auch sein eigenes egoistisches, verblendetes und durch die Schwerkraft angezogenes, körperliches Selbst, bereits aufgegeben hat.

Wo Gott ein Feuer ist, so ist mein Herz der Herd,
Auf welchem er das Holz der Eitelkeit verzehrt.

- Cherubinischer Wandersmann 1:66

Mensch, in das Paradies kommt man nicht unbewehrt;
Willst du hinein, du musst durch Feuer und durch Schwert.

- Cherubinischer Wandersmann 1:132

Du bist Babel (Babylon) selbst: gehst du nicht aus dir aus,
So bleibst du ewiglich des Teufels Polterhaus.

- Cherubinischer Wandersmann 1:226

Zwei Wörtlein lieb ich sehr: sie heißen Aus und Ein;
Aus Babel und aus mir, in Gott und Jesum ein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:213

Die Welt, die hält dich nicht, du selber bist die Welt,
die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.

- Cherubinischer Wandersmann 2:85

Mein bester Freund, mein Leib, der ist mein ärgster Feind:
Er bindet und hält mich auf, wie gut er's immer meint,
Ich hass und lieb ihn auch, und wenn es kommt zum Scheiden,
So reiß ich mich von ihm mit Freuden und mit Leiden.

- Cherubinischer Wandersmann 4:79

Der Mensch, der seinen Geist nicht über sich erhebt,
Der ist nicht wert, dass er im Menschenstande lebt.

- Cherubinischer Wandersmann 2:22

Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein:
Er kann, dich dem er's macht, Gott oder Teufel sein.

- Cherubinischer Wandersmann 4:70

Die Überwindung des Leibes

Wer sich aus dem ewigen Triebverlangen entwinden möchte, um sein Sehnen nur zum Geistigen hin aufzurichten, erreicht das durch allmähliche Befreiung aus aller Leiblichkeit. Der Körper ist Instrument der Seele, die Seele aber Instrument einer noch höherer Instanz, die in ihr als heiliger Gottesfunken flackert. Wie eben alle Gelehrten und Weisen der höheren Geistigkeit und religiös-mystischen Spiritualität, so weißt auch Silesius darauf hin, dass das Leibliche ab einem gewissen Entwicklungsgrad überwunden werden sollte.

Wie soll sich die Seele aber dabei aus dem Leib erheben und aufschwingen, um zu Erkennen?
Und was ist damit gemeint, wenn es heißt, dass jemand, der nach obigem Bestreben trachtet, sich in Gott versenken und verlieren soll?

Diese Fragen beantwortet Silesius auf ganz ausgesprochene Weise:

Gott ist ein Wunderding: Er ist das, was er will,
Und will das, was er ist, ohne jedes Maß und Ziel.

- Cherubinischer Wandersmann 1:40

Je mehr du Gott erkennst, je mehr wirst du bekennen,
Dass du je weniger ihn, was er ist, kannst nennen.

- Cherubinischer Wandersmann 5:41

Denkst Du den Namen Gottes zu sprechen in der Zeit?
Du sprichst ihn noch nicht aus in einer Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 2:51

Gott ist ein lauterer Blitz und auch ein dunkles Nicht,
Das keine Kreatur erschaut mit ihrem Licht.

- Cherubinischer Wandersmann 2:146

Gott ist unendlich hoch – Mensch, glaube dies behende!
Er selbst findet ewiglich nicht seiner Gottheit Ende.

- Cherubinischer Wandersmann 1:41

Durch Weisheit ist Gott tief, breit durch Barmherzigkeit,
Durch Allmacht ist er hoch, lang durch die Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 4:35

Gott ist da nichts als gut. Verdammnis, Tod und Pein,
Und was man böse nennt, muss, Mensch, in dir nur sein.

- Cherubinischer Wandersmann 1:129

Du fragst, wie lange Gott gewesen sei, um Bericht:
Ach schweig, es ist so lang, er weiß es selber nicht.

- Cherubinischer Wandersmann 3:180

Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht;
Wer es nicht selber wird, der sieht es ewig nicht.

- Cherubinischer Wandersmann 1:72

Nichts dauert ohne Genuss: Gott muss sich selbst genießen,
Sein Wesen würde sonst wie Gras verdorren müssen.

- Cherubinischer Wandersmann 5:75

Gott kann sich nicht entziehen, er wirket für und für:
Fühlst du nicht seine Kraft, so gib die Schuld nur dir.

- Cherubinischer Wandersmann 5:73

Der christliche Gott aber ist mehr als »der Eine«. Man definiert ihn ja in seiner dreifältigen Relation zu Welt und Mensch.

Gott Vater ist der Punkt; aus ihm fließt Gott der Sohn,
Die Linie, Gott der Geist, ist beider Fläch' und Kron'.

- Cherubinischer Wandersmann 4:62

Gott Vater ist der Brunnen, der Quell der ist der Sohn,
Der heilige Geist der ist der Strom, so fließt davon.

- Cherubinischer Wandersmann 5:123

Es ist kein Vor und Nach; was morgen soll geschehen,
Hat Gott von Ewigkeit schon wesentlich gesehen.

- Cherubinischer Wandersmann 2:182

Weil in Gott kein Vor oder Nach ist, und in diesem Sinne entsprechend Vergangenheit und Zukunft bedeutungslos sind, drum lässt sich auch keine Zeit bestimmen wo Gott die Welt erschaffen hat. Sie war von Ewigkeit her (als Idee) in ihm. Und so lässt sich sagen, dass Gott die Welt noch immer erschaffe, denn seine Schöpfung ist erst vollbracht am Ende der Zeit. Stellt sich aber die Frage:
Wann endet Zeit, wenn Gott ewig ist?

Dort in der Ewigkeit geschieht alles zugleich,
Es ist kein Vor und Nach, wie hier im Zeitenreich.

- Cherubinischer Wandersmann 5:146

Gott schafft die Welt immer noch; kommt dir das fremde für?
So wisse: Es ist bei ihm kein Vor noch Nach wie hier.

- Cherubinischer Wandersmann 4:165

Abwendung vom Guten – Hinwendung zum Tod

Silesius, wie auch viele vor oder nach ihm, nennen die Abwendung von Gott Sünde. Nur der Mensch kann sie begehen. Zwar wird Gott immer wieder auch den falsch handelnden oder sogar sündigen Menschen aufsuchen, doch er kann ihn nur erretten, wenn der Mensch bereit ist sich helfen zu lassen. Er muss sein »falsches Handeln« erkennen. Errettung ist nur durch »Mitwirken des Sünders« möglich. Wenn er wirklich will, in Erkenntnis der Welt, Gott, doch vor Allem seines Selbst. Unser gutes Handeln nämlich hilft sowohl dem Ich wie auch dem Du. Denn unser Tun und Handeln kann sich ganz und gar auf Gott ausrichten, so dass ein edler Geist durch uns hindurch wirkt – zum Wohle aller.

Das Gute kommt aus Gott; drum ist's auch sein allein;
Das Böse entsteht aus dir – das lass du deine sein.

- Cherubinischer Wandersmann 5:230

Die Sünde ist anders nichts, als dass ein Mensch von Gott
Sein Angesicht abwendet und kehret sich zum Tod.

- Cherubinischer Wandersmann 4:69

Der Sonne tut's nicht weh, wenn du von ihr dich kehrst:
Also auch Gotte nicht, wenn du in Abgrund fährst.

- Cherubinischer Wandersmann 5:56

Ein Fünklein aus dem Feuer, ein Tropfen aus dem Meer:
Was bist du doch, o Mensch, ohne deine Wiederkehr?

- Cherubinischer Wandersmann 5:369

Zwei müssen es vollziehen: Ich kann's nicht ohne Gott,
Und Gott nicht ohne mich, dass ich entgeh' dem Tod.

- Cherubinischer Wandersmann 5:48

Des Menschen größter Schatz ist guter Will auf Erden;
Ist alles gleich verloren, durch ihn kann's wieder werden.

- Cherubinischer Wandersmann 5:62

Du sprichst: das höllische Feuer wird nie verlöscht gesehen –
Und sieh, der Büßer löscht's mit einer Augenträn'!

- Cherubinischer Wandersmann 4:100

Wer sich nun also zum Guten kehrt, der wird notwendigerweise eine Neugeburt erfahren, eine Auferstehung. Als Christ darf man da ruhig glauben, dass der Heiland in der Menschenseele selbst neu geboren wird. Nur aber durch eine erneute Geburt, kann die Menschenwerdung Christi den Gläubigen erlösen.

Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren,
Und nicht in dir: du bleibst doch ewiglich verloren.

Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgerichtet, erlösen.

Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden,
Wo du noch liegen bleibst in Sünde und in Todesbanden.

- Cherubinischer Wandersmann 1:61ff

Du musst Maria sein und Gott aus dir gebären,
Soll er dir ewiglich die Seligkeit gewähren.

- Cherubinischer Wandersmann 1:23

Ach Freude! Gott wird Mensch und ist auch schon geboren.
Wo da? In mir: Er hat zur Mutter mich erkoren.

Wie geht das vor sich? Maria ist die Seel',
Das Kripplein mein Herz, der Leib der ist die Höhl',

Die neue Gerechtigkeit sind Windeln und sind Binden,
Der Josef Gottesfurcht die Kräfte des Gemüts

Sind Engel, die sich freuen, die Klarheit ist ihr Blitz,
Die keuschen Sinne sind die Hirten, die ihn finden.

- Cherubinischer Wandersmann 3:238ff

Vernunft versus Glauben

Die Verse des Johannes Scheffler alias Angelus Silesius sollten all jene erreichen, die sich dem Christentum entfremdet haben. Er schrieb sie eben in einer Zeit des Wandels, dämmerte doch bereits damals jenes Zeitalter der Vernunft, das was man heute die »Aufklärung« nennt.

Man musste, um dies zu erreichen, seinen Leser zumindest verwundern, ja manchmal gar zu Missverständnissen Anlass geben. Denn nur so konnte seinerzeit jenes geistige Empfinden wieder geschärft werden, von dem sich die Menschen in den Jahrhunderten nach der Zeit der Kreuzzüge, anscheinend von Christus und vom Gottesglauben entfernt hatten.

Angelus Silesius schrieb dazu im Vorwort zur zweiten Auflage seines Cherubinischen Wandersmanns:

Weil folgende Reime seltsame Paradoxa oder widersinnige Reden, wie auch sehr hohe und nicht jedermann bekannte Schlüsse von der geheimen Gottheit in sich halten, ferner von der Vereinigung mit Gott und dem göttlichem Wesen, welchem man wegen der kurzen Verfassung leicht einen verdammlichen Sinn oder böse Meinung könnte andichten, ist also vonnöten dich deshalb zuvor zu erinnern. Und hierbei ist einmal und für allemal zu wissen, dass des Urhebers Meinung nirgends sei, dass die menschliche Seele ihre Beschaffenheit solle oder könne verlieren, und durch die Vergötterung in Gott oder sein ungeschaffenes Wesen könne verwandelt werden, welches in alle Einigkeit nicht sein kann. Denn obwohl Gott allmächtig ist, kann er doch dieses nicht machen (und wenn er es könnte, wäre er nicht Gott), dass eine Kreatur wesentlich und natürlich Gott sei.

Silesius weißt also darauf hin, dass seine Reime durchaus »seltsame Paradoxa« enthalten, die eventuell der eine oder andere als widersinnig empfindet. Es ist eben nur schwer möglich die geheimen Zusammenhänge im Reich des Göttlichen in kurzen Versen so wiederzugeben, dass sie jeder ihrem inneren Sinn nach versteht.

Beim »Besprechen von Geheimnissen« lauern eben immer Missverständnisse, die, selbst wenn sie dann mal beigelegt sind, dennoch einen negativen Nachgeschmack hinterlassen. Fragt sich also, wieso man überhaupt über Geheimnisse sprechen soll. Vielleicht eben sind manche Bücher nicht für jeden geeignet. Heute aber, da jedem eigentlich alle Literatur zugänglich ist, lässt sich das nicht mehr vermeiden. Ratsam jedoch ist, dem eigenen Urteil immer Geduld voranzustellen.

Angelus Silesius ging es darum zu zeigen, dass Mensch und Gott nicht getrennt, sondern letzterer in ihm selbst enthalten ist, was auch bewusst gemacht werden kann. Da spricht man dann von der »Unio Mystica«, der Vereinigung von Gott und Mensch. Die engen Grenzen des Ich, werden dabei überschritten, das Ich verschmilzt mit dem Absoluten, dem Ganzen.

Ich bin nicht außer Gott, und Gott nicht außer mir,
Ich bin sein Glanz und Licht und er ist meine Zier.

- Cherubinischer Wandersmann 1:106

Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein;
Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.

Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein;
Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?

- Cherubinischer Wandersmann 1:10f

Gott ist noch mehr in mir, als wenn das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär.

- Cherubinischer Wandersmann 4:156

Wenn eine würdige Seele zu einer solch nahen Vereinigung mit Gott gelangt, ist sie von ihm ganz und gar durchdrungen, mit ihm eins. Könnte man dann die Seele sehen, so Silesius, würde man an ihr nichts anderes erkennen als Gott selbst, vom Glanz seiner Herrlichkeit absorbiert (eine Vorstellung die etwa auch dem buddhistischen Nirvana ähnelt, dem Erlöschen und Austreten der Seele aus dem Samsara, dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten).

Hiermit aber sahen sich die Skeptiker unter den Lesern des Cherubinischen Wandersmannes mit einer wichtigen Frage konfrontiert: Wenn sich die Seele ab einem gewissen Grade in Gott selbst auflöst, gibt es für sie auf dieser Stufe kein Gebet mehr, kein Verlangen mehr nach ewigen Heil. Auch der Glaube an Gott ist dann nicht mehr vonnöten, da die Seele von da ab in Gott ruht, in vollkommener, himmlischer Seligkeit.

Die Schwärmer unter den christlichen Frommen dürften sich mit solch angenommenen Voraussetzungen recht unwohl fühlen. Doch das solche oder andere ihn vielleicht missverstehen, liegt wohl auch daran, dass Silesius Werk in Reimen verfasst ist. Hätte er Prosa geschrieben, wäre seine Ausdrucksweise sicher vorsichtiger, klarer und unzweideutiger ausgefallen. Nur dann hätte er wohl eher Rechenschaft ablegen müssen vor jenen, »die verstanden haben«, als vor denen unter den ungebildeten Träumern.


 

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Spiritualität in der Naturwissenschaft

von S. Levent Oezkan

Ptolemäisches Weltbild - ewigeweisheit.de

Menschen die sich heute mit Esoterik befassen, benutzen selbst Begriffe aus den Naturwissenschaften, um geistige Zusammenhänge zu erklären: Ausdrücke wie etwa »Energie« oder »Quantenphysik« sind dabei geläufig. Zu dieser Akzeptanz scheinen jedoch nur jene zu gelangen, deren Erkenntnisse nicht nur aus Warte der Vernunft zu kommen scheinen.

Offenbar sind sie mit beidem vertraut: Exoterik und Esoterik – den äußeren und den inneren Wissenschaften. Vor der Industriellen Revolution war das ganz und gar normal. Man betrachtete Spirituelles wie auch Wissenschaftliches immer gemeinsam, auch wenn man damals dafür andere Begriffe verwendete.

Zwischen Wissenschaft und Theosophie

Noch vor der großen Zeitenwende lebte in Schweden ein Mann, der mit dieser Selbstverständlichkeit seine beeindruckenden Werke verfasste: Emanuel Swedenborg. Den Getreuen dieses 1688 in Stockholm geborenen Gelehrten, war viel daran gelegen, das Werk ihres Meisters zu verbreiten. Er war eben jemand, den man tatsächlich als Universalgenie bezeichnen könnte. Ganz gleich nämlich, ob man sich ihm aus naturwissenschaftlicher oder aus mystisch-religiöser Richtung nähert: Swedenborgs Werk ist ohne Frage beeindruckend. In seinem universalen Schaffen nämlich brachte Swedenborg etwas hervor, worin sich Fähigkeiten und Kenntnisse seiner Vorgänger anscheinend verbanden. Zu jenen lassen sich wohl Euklid, Galen, Kopernikus, Laplace oder Goethe zählen.

Swedenborg beherrschte scheinbar alle Geistesdisziplinen seiner Zeit: Philologie und Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. Doch er war ebenso ein Erfinder, wie auch ein kluger Finanzier, andererseits auch Poet, Mystiker, Metaphysiker und Theosoph. Emanuel Swedenborg sprach mehrere Sprachen, seine Schriften aber verfasste er ausschließlich in Latein.

Wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit und technologischen Entwicklungen, adelte ihn 1719 Königin Ulrike von Schweden. Heute taucht sein Name in der Wissenschaftswelt aber kaum auf. Das mag wohl auch daran liegen, dass selbst in seinen naturwissenschaftlichen Werken eine ganz eigene Mystik mit anklingt; ein Grund wohl, dass ihn auch heute nur noch seine Verehrer kennen.

Auch viele Gelehrte vor und nach seiner Zeit, machten viele besondere Entdeckungen und schienen ihrem Zeitalter voraus zu sein. Wohl empfand man den mystisch-theosophischen Kern, der in Swedenborgs naturwissenschaftlichen Werken anklang, als nicht vereinbar mit dem zu seinen Lebzeiten aufstrebenden Zeitalter der Aufklärung. Es war die wohl einschneidendste Periode in der Zeit der Säkularisierung und markantestes Kennzeichen der aufdämmernden Moderne. In Europa und Amerika kam es zu einem andauernder Rationalisierungsprozess von Wissenschaft, Gesellschaft und Religion und den darin geführten Traditionen. Klerus und Adel verloren immer weiter an Bedeutung (Amerikanische Revolution, 1776; Französische Revolution, 1789) und neben der traditionsgebundenen Arbeit in der klassischen Landwirtschaft, entstanden besonders in West-Europa, davon abgelöste neue Tätigkeiten, im aufstrebenden »Zeitalter der Maschinen«, der ab 1750 einsetzenden Industriellen Revolution (James Watts Verbesserung der Dampfmaschine, 1769).

Gewiss könnte man sagen, dass auch Swedenborg, als Erfinder und Beisitzer des Bergwerkskollegiums, zu dieser Entwicklung selbst beitrug. Doch was um ihn in dieser Zeit geschah und wonach andere seiner Zeitgenossen strebten, auf ihrer Suche nach theologie- und philosophiefreier Erkenntnis, war nicht vereinbar mit dem theosophischen Schaffen Swedenborgs.

Seiner Zeit weit voraus

Besonders den Anhängern Swedenborgs bedeutete seine Arbeit mehr, als nur das Werk eines genialen Geistes. Für sie war er der Prophet einer Neuen Christenheit, wo er als erwähltes Instrument Gottes die esoterische Bedeutung der Heiligen Schrift offenbaren sollte. Swedenborg soll auf diese Aufgabe aus der Geistigen Welt vorbereitet worden sein. In visionsartigen Träumen und Eingebungen richtete er sein inneres Gewahrsein aus, auf die spirituelle, himmlische Welt und vermochte daraus ein außergewöhnliches, theosophisches Wissen zu empfangen.

Man könnte durchaus sagen, dass sich Swedenborg darum dazu berufen sah, ein neues Bild des christlichen Glaubens zu enthüllen. Das geschah in einer Zeit, als die Menschen im Westen immer mehr an Religion zu zweifeln begannen. Nur sollte das Swedenborg überhaupt nicht davon abhalten zu zeigen, dass die Bibel tatsächlich und ganz real, durch die in ihr beschriebene gott-inspirierte Weisheit, in jedem Satz, Wort und in jeder Silbe, das innere Wesen Gottes beschreibt.

Weniger aber lag Swedenborg daran zu zeigen, dass Gott die physische Welt erschuf und ein auserwähltes Volk darin ernannte, als vielmehr das Verhältnis zu zeigen von Himmlischem, vom Menschen und der Erde, sowie die Wiedergeburt des Menschen, in seinem Leben nach dem Tod.

Dennoch: Swedenborgs mystisches Schaffen fand, ebenso wie sein naturwissenschaftliches Werk, in theologischen Fachkreisen kaum Zuspruch. Wer aber seine mystisch-theosophischen Schriften liest (beziehungsweise ihre Übersetzungen), der möchte sich kaum länger mit der Frage beschäftigen, wieso man an ihm überhaupt Kritik übte? Es war eben eine Zeit des Übergangs, wo die einen wie die anderen, besondere Standpunkte einnehmen wollten, um ihrem Ruf keinen Schaden zuzufügen. So nämlich konnte einer dastehen, der im Übergang hin zum Zeitalter der Aufklärung, sich zwischen Wissenschaft und Religion bewegte, so wie eben Swedenborg.

Swedenborgs Esoterik

Er vermochte aber die Dinge deutlich auf den Punkt zu bringen, so dass das Lesen seiner Schriften wahrhaft erhellend wirkt. Im Folgenden seien einige Beispiele gegeben, die den wahren Esoteriker gewiss zu denken anregen dürften.

Der Herr hinsichtlich des Göttlichen Menschen heißt 'Der Gottessohn' und in Bezug auf das Wort 'Der Menschensohn'.

- Aus »Die Lehre des Herrn«, Artikel 19

So dass der Herr alle Dinge in der Welt durch das Wort erfüllte, selbst in ihren kleinsten Details, was diese seine eigenen Worte beweisen: 'Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Pünktchen vom Gesetz, bis dass es alles geschehe.' (Matthäus 5:18)

Bei diesen Dingen geht es um die Kämpfe des Herrn gegen die Mächte der Hölle. Durch das 'Kleid' worin er verherrlicht wurde und das 'rot', damit ist das Wort gemeint, dem das Volk der Juden Gewalt antat.

- Aus »Die Neue Lehre des Herrn«, Kap. 7

Die Propheten stehen für das Wort in seiner vollendeten Bedeutung, das sein buchstäblicher Sinn ist, ein 'Haargewand'; weshalb Elias in solch Gewand gekleidet, wo ein lederner Gürtel seine Lenden gürtete, ebenso Johannes der Täufer.

- Aus »Die Neue Lehre des Herrn«, Kap. 8

Im Buch Jesaja lesen wir: 'In dieser Zeit wird eine Straße von Ägypten nach Assyrien führen. Die Assyrer und Ägypter besuchen einander und dienen gemeinsam dem Herrn. Israel ist dann der Dritte im Bunde, ein Segen für die ganze Erde.' (Jesaja 19:23f)

Spirituell bedeutet das, dass in der Zeit als der Herr auf Erden erschien, sollten Wissenschaft, Vernunft und Spiritualität eins werden und das dann die Wissenschaft der Vernunft, und wiederum beide der Spiritualität untergeordnet seien; wo Ägypten das Wissenschaftliche, Assyrien das Vernünftige und Israel das Spirituelle kennzeichnen.

- Aus »Die Heilige Schrift und der Schlüssel zu ihrer spirituellen Bedeutung«, Kap. 2

Damit ist erwiesen, dass alleine im Wort Geist und Leben ist, wie der Herr sagt: 'Die Worte, die ich spreche, die sind Geist und sind Leben.' (Johannes 6:63)

- Aus »Die Heilige Schrift und der Schlüssel zu ihrer spirituellen Bedeutung«, Kap. 4

Wenn Swedenborg seine Interpretationen zu den Bibelzitaten verfasste, geschah das, um dem Leser die dahinter liegenden Bedeutungen auf eine Weise zu vermitteln, die ganz klar das wiedergibt, was das Bibelwort eigentlich meinen könnte.

Das Wort befindet sich auf Erden, stellvertretend für eine von Gott ausgehende heilige Wahrheit. Doch man sollte sich Gott immer von Seitens des Geistlichen nähern. Wem das nämlich gelingt, der hat den Schlüssel gefunden, womit er seinem Geist die Tore des Himmels zu eröffnen vermag. Um diesen Schlüssel aber zu erhalten, muss er sich zu Gott dem Herrn begeben – in Gebet und in Vision.

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg - ewigeweisheit.de

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688-1772). Portrait von Per Krafft dem Älteren.

Eine spirituelle Herangehensweise an die Wissenschaft

Rein äußerlich könnte man Swedenborg als einen einfachen, gläubigen Menschen bezeichnen. Doch er war weniger jemand, den man heute einen »Denker« nennt. Er stand in Kontakt mit der geistigen Welt, wo ihm in Visionen anscheinend Wesenheiten begegneten, die ihm das mitteilten, was er dann zu Papier brachte. So war er also vielmehr »Seher«, als nur ein intellektueller Verstandesmensch. Was sich um ihn tat, in der Welt des Intellekts, schien an ihm relativ unbemerkt vorüberzuziehen.

Hauptsächlicher Glaubenssatz in Swedenborgs Lehre, sind seine Theorien über die Heilige Schrift und die in ihren Worten verborgenen Bedeutungen. Man könnte hier auch von einer mystischen Schriftauslegung sprechen, die natürlich schon viel älter ist als Swedenborg. Was ihm jedoch gelang, war spirituelle Lehren auf etwas zu reduzieren, so dass er ihnen damit eine besondere Systematik verlieh.

Hätte Swedenborg um die dereinstige Kritik der Mystik und des Glaubens gewusst, vielleicht hätte er seine spirituelle Herangehensweise an die Naturwissenschaften weniger betonen müssen. Gleichzeitig aber kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob er, hätte er von eben solcher Kritik erfahren, sich davon beeindrucken lassen. Er war eben keiner der nur religiöse Bücher wälzte und daraus gewonnenes Wissen in frommer Ehrerbietung wiederum selbst zusammenfügte. Frömmigkeit und Gebet schienen für Swedenborg unabhängig voneinander zu gelten.

Frommheit besteht aus frommem Denken und Reden, aus viel Zeit im Gebet, dem man sich bescheiden ergibt, häufig Bethäuser aufsucht, um dort den Predigern zu lauschen, jedes Jahr regelmäßig die Heiligen Sakramente zu empfangen, sowie andere Bestandteile der Gottesverehrung durchzuführen, gemäß kirchlicher Sakramente.

[…]

Das Gebet, an sich betrachtet, ist ein Diskurs mit Gott; und es gibt da dann eine gewisse wahrgenommene Intuition für jene Dinge, die Gegenstand des Gebets sind und von denen sich ein direkter Einfluss auf die Wahrnehmung oder das Denken des Betenden ereignet. […] Daher hieße zu beten, der inneren Bedeutung nach, einen Schaffensprozess zu signalisieren.

- Aus Arcana Cœlestia, »Geheimnisse des Himmels«

Swedenborgs Philosophie vom Leben

Aus der himmlischen Weisheit und Theosophie Swedenborgs, lassen sich gewisse Vorstellungen einer »Kraft der Liebe« ableiten, die dem Leser nach und nach, ein durchaus immer edleres Empfindungsvermögen vermitteln. Wer sich längere Zeit mit seinen Schriften beschäftigt, dessen tiefere Seelenschichten beginnt ein Licht zu durchdringen, das im übetragenen Sinne dem Licht des Sonnenuntergangs ähnel: es durchdringt doch blendet nicht. Es ist etwas, dass alle geistigen und überall wirkenden Vorgänge antreibt: sei es im Ozean, in den Bewegungen der Winde, in den Höhen des blauen Himmels oder im Geiste eines Menschen.

Für Swedenborg ist die Liebe des Menschen sein wahres Leben. Und so wie diese seine Liebe ist, so ist sein lebendig menschliches Dasein.

Der Mensch weiß, dass es Liebe gibt, er weiß aber nicht, was sie ist. Er weiß, dass es Liebe gibt aufgrund der allgemeinen Rede. Man sagt ja zum Beispiel: Dieser oder jener liebt mich, der König liebt seine Untertanen, und diese wiederum lieben den König; der Gatte liebt seine Gattin, die Mutter ihre Kinder und umgekehrt; ein Mensch liebt sein Vaterland, seine Mitbürger und seinen Nächsten. Dasselbe sagt man auch, wenn es nicht um Personen geht, zum Beispiel man liebe dies oder jenes. Doch obgleich der Ausdruck 'Liebe' so oft vorkommt, weiß doch kaum jemand, was Liebe wirklich ist.

- Aus »Die Göttliche Liebe und Weisheit«

Laut Swedenborg kann die wahre Natur der Liebe nur erkennen, wer Gott erkannt hat. Denn in Gott sind Leben, Liebe und Weisheit vereint. Liebe und Weisheit sind dabei selbst die wesentlichen Formen, die Leben und Sein umfassen. Wäre dem nicht so, bildeten sie lediglich ein ursächliches Wesen, was selbst jedoch keine Realität besitzt.

Da nun Gott selbst das Leben ist, lässt sich aus dem Gesagten ableiten, das er nicht erschaffen wurde. Denn um erschaffen zu sein, muss etwas anderes erschaffen haben. Und wenn das Leben wegen des Wirkens durch etwas Anderes existiert, müsste es von einem anderen Wesen ausgehen. Und das natürlich wäre das Leben an sich.

Swedenborg war indes klar, dass dieses Leben an sich, nicht erschaffen werden kann. Denn Leben ist allein die innerste Wirksamkeit von Liebe und Weisheit. Und diese beiden Wahrheiten existieren in Gott, sind Gott. Alles Erschaffene besteht fort und bewegt sich, weil es eben etwas gibt, das als Agens darauf einwirkt. Demnach besteht alles Existierende fort, wegen eines ersten Seins. Dieses Sein ist zwar unerschaffen, doch das Leben als Prinzip besteht an sich immer. Daraus folgt, dass Gott einerseits das Leben und unerschaffen ist, andererseits aber auch, dass Gott nichts erschaffen hat, was prinzipiell selbst das Leben sein könnte. Ein nicht ganz einfach zu verstehender Sinn, in den sich diese Formulierung kleidet. Dazu Swedenborg:

Nichts im geschaffenen Universum ist Wesen oder Form an sich, oder Leben an sich, oder Liebe und Weisheit an sich. […]

Das was an sich ist, ist unerschaffen und unendlich; was aber daraus entstand, hat nichts von dem an sich, da es erschaffen und vergänglich ist. Und das verkörpert das Bild von Ihm, durch den es existiert und ist.

- Aus »Die Göttliche Liebe und Weisheit«

Wenn nun Leben als solches nicht erschaffen werden kann, wie sollen dann aber die lebendigen Dinge im Universum erklärt werden?

weil Gott allein Substanz an sich und daher das Sein selbst ist, ist offenbar, dass von nirgends anders her das Dasein der Dinge ist.

- Aus »Die Göttliche Liebe und Weisheit«

Damit muss jedem klar sein, dass das Universum nicht aus Nichts erschaffen sein kann.

weil er sieht, dass aus Nichts nicht Etwas werden kann; denn Nichts ist nichts, und Etwas aus Nichts machen, ist sich selbst widersprechend, und was sich selbst widersprechend ist, das ist gegen das Licht der Wahrheit, das aus der göttlichen Weisheit ist

- Aus »Die Göttliche Liebe und Weisheit«

Anscheinend bekennt sich Swedenborg als Christ zu etwas, dass eigentlich der christlichen Orthodoxie widerspricht. Es sieht danach aus, als bewege er sich in Richtung der Pantheisten, die sagen, dass Gott und das Universum identisch sind und damit in Allem existent.

Wenn es heißt, dass Etwas aus Nichts gemacht ist, bezeichnet das Wort 'aus' keine materielle Ursache, sondern eher eine Abfolge von Schritten, gemäß derer dieses Ding geschaffen wird. Darum, wenn wir sagen: Aus dem Morgen entsteht der Mittag, wollen wir sagen, nach dem Morgen kommt Mittag.

- Aus der »Summa Theologica«

Wenn es also in der Schrift heißt, die Welt sei aus dem Nichts erschaffen, ist damit keine Schöpfung aus der »Nichtexistenz« gemeint, als eben dem Vorher wo die Welt als solche noch nicht existierte und dann eben entstand.

Swedenborg beschrieb Gott als ewige Liebe, Weisheit und Macht, die in allen Dingen existiert und aus denen diese Dinge entstanden. Aus dem Ewigen entsteht das Vergängliche und ebenso verschwindet es daraus wieder. Das ist die Schöpfung alles Geistigen und Materiellen aus dem Nichts, also genauer gesagt der Nichtexistenz, in der es sich schließlich wieder auflöst.

Das gesamte Universum galt Swedenborg als Ausdruck des Spirituellen und der Grund dafür, weshalb unendliche Liebe und unendliche Intelligenz darin erkennbar sind. Gottes Gegenwart im erschaffenen Universum ist immanent, obwohl er sich davon in seiner Transzendenz unterscheidet.

Mit dieser Definition von Leben, Liebe und Weisheit, nimmt Swedenborgs Lebensphilosophie ihren Anfang und wenn demnach Gott das Leben ist, so war für ihn diese Philosophie vom Leben auch eine Theologie.

Alles Denken und Wollen fließt ein, aus dem Geist Gottes

Es lohnt sich erwähnt zu werden, dass [...] niemand, weder im Himmel noch in der Hölle, aus sich denkt, spricht, will und handelt, sondern (immer) aus anderen, und damit letztendlich alles und jeder aus dem allgemeinen Einfließen des Lebens, das vom Herrn ausgeht. Wenn ich Leute sagen hörte, dass ein Sendling (im Oringinal »subjectum«, der Träger oder Empfänger des göttlichen Geistes) nichts aus sich selbst denke und spreche, und das derselbe freilich glaube, er tue es nur aus sich, wurde mir öfters gegeben, mit denen zu sprechen, die in den Sendling einflossen. Und als sie auf diese Aussage bestanden, dass sie aus sich selbst dächten und sprächen, nicht aber jener Sendling, und weil sie bei dieser Meinung blieben, wurde mir auch gegeben ihnen zu sagen, dass das eine Täuschung sei, und das sie ebenso wie die Sendlinge aus anderen dächten und sprächen. Um diese Sache zu bestätigen, durfte ich auch mit denen sprechen, die in letztere einflossen; und da auch diese das Selbe bekannten, auch mit denen, die wiederum in diese einflossen, und so fort in zusammenhängender Abfolge. Daher wurde dann klar, dass ein jeder aus anderen dachte und sprach.

[...]

Das erregte in den Geistern die größte Entrüstung, denn ein jeder von ihnen will aus sich selbst denken und sprechen. Doch da sie belehrt wurden, wie sich die Sache verhalte, wurde ihnen gesagt, dass alles Denken und Wollen einfließe, weil es nur ein einziges Leben gebe, aus dem diese Befähigungen stammen, und dass das Leben vom Herrn einfließe durch eine wundersame Form, welches die himmlische Form ist, nicht nur allgemein in alle, sondern insbesondere auch in jeden.

- Aus »Himmlische Geheimnisse«

Swedenborg vermittelt mit diesem Zitat den Eindruck, das der Mensch, sowie alle weiteren geistigen Wesen, nicht aus sich selbst denken, sondern, dass andere durch uns denken. Was aber mit »anderen« gemeint ist, müsste im Einzelnen noch genauer definiert werden.

Gemäß der Aussagen Swedenborgs, denkt der Mensch nicht aus sich selbst, sondern es fließen ihm andauernd Gedanken von höllischen und himmlischen Geistern ein. Das hört sich recht drastisch an, doch wie wir wissen, hat der Mensch einen freien Willen, oder sagen wir, die Freiheit zu entscheiden, ob er sich himmlischen oder höllischen Einflüssen öffnet.

Das Tier hingegen werde »als Wissen geboren«, denn es kenne sofort die ihm zuträgliche Nahrung ohne dies erst erlernen zu müssen. Ein Kleinkind hingegen greift nach allem was man ihm vorlegt und bringt es zum Mund. Der Mensch wird nicht geboren als Wissen, sondern als Neigung und Ahnung: als Fähigkeit Wissen zu erlangen und als Neigung andere zu lieben. Und damit erhebt er sich über die Tiere, denn nicht nur besitzt er die Fähigkeit zu wissen, sondern auch dieses Wissen zu verstehen und durch seine Lebenserfahrung dadurch weise zu sein.

Swedenborg sagt, dass der Mensch sich durch dieses Wissen weit über jenes angeborene Wissen der Tiere erhebt, und auch erkennen kann, was ihm aus der geistigen Welt zuströmt, wie etwa die Philosophen und Mystiker oder aber die Propheten unter ihnen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob der Mensch aus sich denkt oder ob, wie Swedenborg schreibt, »allein Geister durch ihn denken«.

Swedenborgs Schriften brauchen Zeit

Wie auch bei anderen Portraits, die über solche Geistesgrößen wie Emanuel Swedenborg verfasst wurden, ist es auch hier fast unmöglich, in einem einzigen Artikel sein Leben und Werk zu skizzieren. So konnte hiermit nur ein winziger Ausschnitt gegeben werden dessen, was Swedenborgs eigentliches Werk beinhaltet und welch umfängliche Weisheiten sich darin finden. Man muss Swedenborg eben selbst lesen, um die hier gemachten Behauptungen über seine Genialität zu erkennen. Denn nicht etwa gewann er in seinen Ausführungen über die geistige Welt die Menschen seiner Zeit: Was Psychologie und Seelenlehren anbelangt, war Swedenborg seiner Zeit weit voraus.

Vielleicht konnte gezeigt werden, dass er als Wissender und genialer Denker, einen großen Teil zur Fortentwicklung der neueren Geistesgeschichte beitrug. Denn als Wissenschaftler wie auch als Philosoph, liefert sein universales Werk Sichtweisen, die bis in die heutige Zeit ihre Wirksamkeit und Validität bewahren. Man könnte durchaus behaupten, dass seine Arbeit tatsächlich so weit vorausschauend war, ihn insbesondere heute als Genie der Geistesgeschichte anzuerkennen. In damaliger Zeit nämlich, waren seine Mitmenschen einfach noch nicht in der Lage, nicht vorbereitet zu verstehen, was er an tatsächlicher Weisheit zusammenzufügen vermochte.

Zugegebenermaßen sind Swedenborgs Schriften auch nicht ganz einfach zu lesen. Wohl insbesondere, da sie eben erst durch Andere aus dem Lateinischen übersetzt werden mussten. Und die Übersetzung ist eben niemals das Original. Einmal davon abgesehen, dass hier keine Gleichsetzung mit Bibel, Koran oder anderen heilige Schriften gemeint ist, bleiben auch die Übersetzungen von Swedenborgs Schriften, wegen des Aussagegewichts des Originals, irgendwo immer auch »nur« Interpretationen. Sicher sind das aber Gründe dafür, dass der Durchschnittsleser damit schon nach kurzer Zeit konfrontiert wird. Denn wie auch bei anderen Mystikern und Theosophen ist es eben nicht nur ein »Ablesen« des Textes, sondern erfordert einen gewissen Studienaufwand. Doch der wird allemal belohnt!

Wer vielleicht schon nach den ersten Malen beim Lesen seiner Schriften den Wunsch verspürte, einfach aufzugeben, wird wohl nach etwas Zwischenzeit und einem zweiten Versuch, seine Texte wirklich loben lernen. Es braucht eben seine Zeit, bis man sich mit Swedenborgs charakteristischer Sprache vertraut machte. Das kennt der eine oder andere ja auch beim Studium anderer Autoren der Philosophie und Theosophie, etwa Fichte, Schelling, Hegel oder später Blavatsky oder Steiner, um einige zu nennen. Eigentlich aber ist es nicht der Autor sondern die Thematik, die Swedenborg an den Leser übergibt. Sie wirkt aus völlig neuer Perspektive auf sein Leben, Denken und seine religiöse Gesinnung.

Die Rolle die sein philosophisches Werk heute unter Intellektuellen einnimmt, könnte der zu seiner Zeit eingetretene Säkularisierung entgegenwirken. Vielerorts nämlich werden spirituelle Vorstellungen auch für die Wissenschaft wieder interessant. Nicht zufällig unterstreichen das heutige Adepten und weisen darauf hin, wie wichtig es ist sich mit dem Werk Swedenborgs zu beschäftigen.

Der Wunsch nach Ordnung in Zeiten des Chaos

Behauptete einer, wir lebten in unruhigen Zeiten: Wer würde da widersprechen? Besonders jetzt werden Rufe lauter, nach Lehren über die grundlegenden Wahrheiten in unserer Welt. Das in sehr alter Zeit die Menschen ein zufriedenes und friedliches Leben führten, dürfte jenen Lesern durchaus klar sein, die sich mit den Weltzeitaltern beschäftigten, wie sie etwa die Moderne Theosophie darstellt. Anscheinend gab es schon vor etwa 12.000 Jahren eine Hochzivilisation wie unsere heutige. Doch da sich die Welt unablässig in einem Prozess des Werdens befindet, scheint sich unsere Zivilisation gerade in eine dunklere Periode zu bewegen. Besonders da wird von immer mehr Menschen das Ewige im Vergänglichen gesucht.

Hier lassen sich in Swedenborgs Werk sicherlich wichtige Wegweiser finden, die durchaus dazu verwendet werden können die reinen Lippenbekenntnisse eines eigentlich säkularen Alltagsglaubens, durch spirituelle Wahrheiten auf das menschliche Leben anzuwenden. Wer Swedenborgs Schriften studiert bemerkt schnell, das sein Werk weniger eine Philosophie für Denker, als vielmehr eine Philosophie des Lebens ist. Swedenborg lag eben daran den Sozialstatus der Menschheit auf seine Weise zu regenerieren. Falsche Vorstellungen, Aberglaube und selbstsüchtige Gewohnheiten sollten dabei aufgelöst werden. Darin anscheinend liegt Swedenborgs geheimes Wirken, bis heute in unverminderter Strahlkraft.

 

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Visionen eines deutschen Propheten

von S. Levent Oezkan

Jakob Böhme - ewigeweisheit.de

Zu den größten Mystikern der Neuzeit zählt sicherlich Jakob Böhme. In seinem Werk verbanden sich Prophetie, Vision und eine bis dahin nicht dagewesene Theosophie und Metaphysik. Die Einflüsse der mystischen Betrachtungen aus seinen Visionen, sind auch heute noch über die Grenzen Deutschlands hinaus, in den Kreisen spirituell Gesinnter gegenwärtig.

Im Ausland nannte man ihn den »Philosophus Teutonicus«. Doch er war ein einfacher Mann, der bekanntlich in Görlitz eine Schusterei unterhielt. Karl Marx sagte einmal über ihn:

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Doch auch wenn Böhme ein recht unscheinbarer Mensch gewesen sein mag, war er doch von großer Geistesmacht erfüllt. Seine Philosophie bestand vor allem in einer »Göttlichen Weisheit«, war eine Theosophie, also etwas, dass weniger aus dem Weltgeist, als eher aus einem Geist des Göttlichen, durch Erkenntnis erlangt werden will. Böhme erlebte die göttliche Offenbarung der Bibel intuitiv, als Vision. Doch ebenso feinfühlig war seine Empfindung für Ereignisse in der Natur.

Das Böhme heute Theosophen, Rosenkreuzer und Philosophen verehren, bedeutet gar nicht, dass das immer so war. Zu seinen Lebzeiten durfte er mit sowas kaum rechnen. Er hatte einen großen Schülerkreis, doch es gab auch Menschen, die seine Lehren als Irrglauben verwerfen wollten und sich ganz und gar gegen sein weiteres Wirken stellten.

Kein Mystiker kommt eben schon fertig auf die Welt. Und was heißt das? Jeder muss seine vornehmen Fähigkeiten eben auch auf weltlicher Ebene begründen lernen. Jakob Böhmes Schriften aber sollten tatsächlich in die Geschichte eingehen. Er war einer der außergewöhnlichsten Weisen der europäischen Geistesgeschichte. Niemals hatte er ein Studium an einer Universität genossen oder gar eine theologische oder wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auf spirituell suchende Menschen, üben seine religiös-esoterischen Schriften eine inspirierende Wirkung aus, ganz unabhängig welche Bildung sie genossen haben oder welcher religiösen Weltanschauung sie folgen. Seit mehr als vier Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert. Wer darum meint, dass seine Schriften nur auf Laien Einfluss ausübten irrt! Unter seinen Lesern befanden sich auch einflussreiche Philosophen, darunter etwa so Größen wie Leibniz, Hegel, Schelling, Novalis oder Ernst Bloch. Georg Wilhelm Friedrich Hegel galt Jakob Böhme gar als erster deutscher Philosoph.

Böhmes philosophische Einschätzungen basierten allein auf Glauben und Gottesfurcht. Es muss eine ungewöhnliche Hellsicht gewesen sein, oder nennen wir es, sein »Visionsvermögen«, dass ihn zu dem befähigte, was er in seiner relativ kurzen Lebenszeit zu Papier gebracht hatte.

Wer Jakob Böhmes Schriften liest merkt aber bald, dass ihnen etwas an Form abgeht. Manchmal bewegt man sich beim Lesen der Werke Böhmes, wie durch ein Labyrinth. Nach und nach aber fällt einem auf, dass sich durch den Text doch ein roter Faden zieht, dessen Ende geknüpft zu sein scheint an die Wirkungen höchster Erkenntnis.

Dennoch nimmt Jakob Böhme als Religionsphilosoph eine Sonderrolle ein, da er nicht etwa aus einer Weisheitstradition heraus schrieb und lehrte, sondern alles aus seinem visionären Eingedenken kam. Was er dabei fand, sollte ihn zu einem der einflussreichsten Gestalten der frühen europäischen Neuzeit machen.

Ein praktisches Christentum

Auch wenn Jakob Böhme schon als junger Mann die Heilige Schrift studierte und ein disziplinierter Kirchengänger war, gewann er seine weisen Einsichten doch in außergewöhnlichen Gottesvisionen.

Das reguläre evangelische Christentum, in seiner rein wörtlichen und intellektuellen Form, muss ihm dabei wie erstarrt erschienen sein. Drum versuchte er ein praktischeres Christentum zu entwickeln, das sich über die reine Textkunde des Bibellesens erhob. Doch niemals strebte er an, eine neue christliche Sekte zu gründen. Zeit seines Lebens blieb er Lutheranischer Christ. Eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen war etwas, das ihm ganz und gar nicht entsprach. Und trotzdem: aus Böhme schien aber etwas hervorzudrängen, dass seine Zeitgenossen an ihm wahrnahmen. Er schien tatsächlich tief erfüllt von einem göttlichen Geist, von dem geleitet er seine Schriften zu Papier brachte.

Denn in ihm leben, weben und sind wir

- Apostelgeschichte 17:28

was die Zeilen des großen Angelus Silesius bestätigen:

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament.
Der Salamander muss im Feuer erhalten werden:
Und Gottes Herz ist Jakob Böhme's Element.

Herz-Symbol Böhmes - ewigeweisheit.de

Das Böhme'sche Herz: Dieses Symbol enthält in seiner Mitte ein weißes Dreieck, worin sich 1 + 2 + 3 + 4 = 10 Positionen zur sogenannten »Tetraktys« formen. Darin lassen sich verschiedene Zeichen unterbringen. In diesem Fall sind es die Buchstaben des Heiligen Namen JHVH, hebräisch יהוה (das sogenannte »Tetragrammaton«).

Da nun in der Mystik Jakob Böhmes das alchemistische Feuer eine zentrale Rolle spielt (siehe unten), fügte er das Schin, hebräisch ש, in diesen hebräischen Namen ein: das geheime Symbol für das Feuer in der Kabbala. Dieser Buchstabe eingefügt, in der Mitte zwischen den vier Buchstaben des Tetragrammaton יהוה, ergibt den hebräischen Namen יהשוה Jehoschua (hebräisch für »JHVH ist Hilfe«), die hebräische Fassung des latinisierten Namen »Jesus«. Den Kreis umringen die Buchstaben des Namen »Christus« und in den Flammen lassen sich außerdem die Namen »Iesus« (lateinische Schreibweise von »Jesus«) und »Immanuel« (hebräisch für »Gott ist mit uns«) entziffern, wobei die Endsilbe dieses Namens, »El«, ein anderes hebräisches Wort ist für »Gott« und im unteren Bereich dieses Symbol bewusst alleinstehend platziert ist. So entsteht also aus der Vierheit des wichtigsten Namen יהוה im jüdischen Glauben, mit dem geheimen Zeichen für das Feuer, ש (Schin), ein fünfbuchstabiger, hebräischer Name, der in diesem Symbol Böhmes, mit den anderen Namen  ein mystisches Emblem bildet: »Immanuel Jesus Christus«.

Der Teutonische Prophet aus Görlitz

Jakob Böhme kam 1575 in Alt-Seidenberg zur Welt, einem kleinen Ort nahe der Stadt Görlitz in der Oberlausitz. Seine Eltern waren Bauern aus ganz einfachen Verhältnissen. Der junge Böhme erhielt darum nur eine einfache religiöse Schulbildung, wo er auch Lesen und Schreiben lernte.

Als kleiner Junge musste er als Hirte arbeiten und war ein stilles, ein introvertiertes Kind mit einem leicht verträumten Blick. Doch schon als junger Mensch besaß er die Fähigkeit zur Vision, die er selbst jedoch als natürlich-real empfand.

Eine Geschichte erzählt über ihn, wie er einst Vieh hütete, zusammen mit anderen Hirtenknaben. Doch er entfernte sich von der Gesellschaft der anderen Jungen und bestieg die Landskrone, einen kleinen Berg in der Nähe seines Heimatortes. Es war Mittag als er dort ein Eingangstor aus vier roten Steinen in den Felsen entdeckte. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, worin sich wirklich reines Gold befand. Nicht aber griff er danach, sondern rannte vor lauter Panik davon, als wäre das, was er dort vorfand, nichts als Teufelswerk. Was er aber damals gesehen hatte blieb ihm als tiefer Eindruck in Erinnerung. In Begleitung seiner Freunde suchte er den Ort erneut auf, doch er war verschwunden. Hatte er das alles nur am helllichten Tag geträumt, in einem Wachtraum oder war er als er das erlebte nicht ganz bei sich?

Es schien, als wäre ganz tief in seiner Seele damals etwas wachgerüttelt worden, was er sonst nicht erfahren hätte. Etwas wurde sozusagen »psychisch aus ihm herausgelöst«. Der junge Böhme war eben jemand, der dazu befähigt war tiefer in die Versenkungen seiner Seelenwelt hinabzusteigen.

In seinen späteren Lehrjahren zum Schuster, hatte er eine weitere überirdische Erscheinung: da kam ein Mann, der ihm Schuhe abkaufen wollte. Doch da er als Lehrling zum Verkauf noch keine Befugnis besaß, ging er auf die Frage erst nach langem Zögern ein. Der Interessent wandte sich erst ab, doch rief dann plötzlich mit lauter Stimme:

Jakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dir verwundern wird. Darum sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort. Insbesondere ließ gerne in der Heiligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Armut, Not und Verfolgung erleiden müssen, denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig.

Nach diesem Erlebnis wurde Böhme nur noch unsicherer und ernster. Sein ganzes Leben richtete er danach auf Moral, Gebet und Meditation. Er neigte dazu auch andere zu christlicher Frömmigkeit zu ermahnen, wozu natürlich auch Besucher der Schusterei seiner Lehrjahre gehörten. Als ihn aber sein Meister dabei erlebte, ermahnte er ihn »keinen Hauspropheten« zu brauchen. Das nächste Mal das er ihn dabei ertappte warf er ihn raus.

Darauf begab sich der junge Böhme als Geselle auf Wanderschaft. In jener Zeit bemerkte er an den Menschen die er da traf, dass sie mit ihrem Glauben in Konflikt standen, wo sich doch die verschiedenen Parteien der Evangelischen Kirche in den Haaren lagen. Es kam ihm vor, als befände sich die noch junge christliche Konfession in einer Art Babylon, wo jeder seiner Überzeugung nach in fremder Sprache die anderen beeindrucken und bekehren wollte.

Es war das aber auch die Zeit wo er viel in der Bibel las, aber auch astrologische Schriften studierte. Böhme war aber immer ein sehr frommer Mensch, der viel betete und über die erfahrenen Gottesworte meditierte. Einmal geriet er dabei sieben Tage lang in eine tiefe Ekstase, als er gerade Handarbeit ausführte, wo ihm sein spiritueller Meister wie aus dem Nichts begegnete. Da schien er aufzusteigen, seinen »Seelen-Sabbath« erfahrend, in einer Phase spiritueller Entrückung. Wie von göttlichem Licht umfangen, sah er sich selbst in einer Welt größter Stille und Freude. Doch es war ein rein innerliches Erleben, denn um ihn blieb alles so wie es war. Danach aber fühlte er sich wie von den Toten erwacht.

Solche Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, gewährten ihm Einblicke in eine Welt, wie sie vor ihm wohl nur die Propheten der Bibel erlebt hatten.

Morgenröte im Aufgang

1594 kehrte Jakob Böhme zurück nach Görlitz. Ab 1599 eröffnete er dort eine Schusterei und heiratete im selben Jahr die Tochter eines Fleischers, die ihm zwischen 1600 und 1606 vier Söhne gebar. In dieser Zeit erlebte Böhme weitere mystische Visionen. Doch er schwieg darüber. Er wollte sie für sich behalten, um erst zu verstehen, was er dabei eigentlich erfuhr.

Als er eines Tages in seiner Schusterei saß, fiel sein Blick auf einen polierten Zinnbecher der vor ihm auf seinem Arbeitstisch stand. Die Sonnenstrahlen, die sich darin reflektierten, erzeugten eine wundersame Lichterscheinung, die seine Wahrnehmung derart absorbierte, dass er wieder in eine Art ekstatischen Zustand verfiel. Was er da erlebte war einzigartig, denn er fühlte sich wie aus dieser, in eine andere Realität entrückt, worin sich ihm die tiefsten Geheimnisse der Dinge offenbarten und er die ihnen innewohnenden Prinzipien erkannte.

Diese Erfahrung war so eindrucksvoll, dass er nicht länger darüber nachdenken wollte. Vielmehr suchte er Ablenkung und begab sich ins Grüne. Er wollte nicht so recht wahrhaben, was er da erlebt hatte und redete sich ein, dass diese Vision auf einer Einbildung basiert haben müsse. Nur gelang ihm das nicht, denn als er dort im Grünen stand, vermochte er auf einmal ins Innerste der Dinge zu schauen, die um ihn herum zu sehen waren. Alle Pflanzen und Gräser dort, waren in Harmonie damit, was er wie von innen heraus in seiner Vision vernommen hatte. Doch er wusste genau, dass er darüber mit niemandem sprechen konnte. So dankte er Gott für diese Erfahrung und behielt sie im Geheimen für sich.

Ein spirituelles Tagebuch

In den folgenden Jahren arbeitete Böhme als Schuster in seiner Schuhbank, wie man damals die Schustereien nannte. Er ging gewissenhaft seiner Arbeit nach und hatte mit allen Menschen einen guten Umgang.

Im Jahr 1610 erlebte er erneut etwas, dass er nicht durch seine alltägliche Erfahrung erklären konnte. An die prophetisch-visionären Eindrücke, die er als Junge vernahm, erschienen ihm da als recht chaotische und nur bruchstückhafte Vision. Er empfand sie nur als Momentaufnahmen von etwas viel Größerem. Jetzt aber sah er vor seinem inneren Auge ein ganz deutliches Bild. Er vernahm darin die Wirkungen eines Teils von etwas viel Höherem, empfand das in vollkommener Klarheit, als Element einer allumfassenden Ganzheit.

Was er da erlebt hatte schrieb er auf. Doch es war nicht seine Absicht diese Schriften zu veröffentlichen, da er sich als Schuster einem Dasein als Literat nicht gewachsen fühlte. So blieb das was er schrieb ähnlich einem Tagebuch, ein Notizheft, um sich an die gemachten Erfahrungen besser erinnern zu können. Denn es kam vor, dass ihm seine Visionen entglitten.

Jeden Morgen bevor er sich zur Arbeit begab, schrieb er darum auf, was er gesehen und erlebt hatte. Die Zeilen, die aus dieser Schreibtätigkeit entstanden, wurden zu seinem Erstlingswerk: Die »Morgenröte im Aufgang«, der man später den lateinischen Titel Aurora hinzugefügte. Den ursprünglichen Titel gab er dieser Schriftensammlung wohl auch wegen der Tageszeit, in der er sie verfasst hatte.

Für einen einfachen Schuhmacher, der keinerlei akademische Vorkenntnisse besaß, war dieses Werk eine erstaunliche Leistung. Doch wie er meinte, schrieb er die Texte nicht allein. Wie ein heftiger Schauer kamen ihm Erkenntnisse und was er dabei zu Papier brachte, schien wie in einem Fluss aus seiner Hand, recht ungeordnet auf dem Papier (jeder der sich schon mit Böhmes Aurora befasste, vermag das wohl auch nachzuvollziehen).

In der Aurora kommen die Lehren der Alchemisten und Theosophen zur Sprache. Was genau er darin aber veröffentlichte, gab er nur seinen engsten Freunden zu lesen. Viele Ärzte und Adlige waren unter Böhmes Freunden. Wegen der Tragweite, der darin getroffenen Aussagen über seine Erlebnisse, schienen sich die darin enthaltenen Texte, fast schon danach zu sehnen, von einer größeren Leserschaft gelesen zu werden. So kam es tatsächlich dazu, das ohne Böhmes Wissen, ein adeliger Bekannter unter seinen Freunden, tatsächlich Abschriften von seiner Aurora verbreitete.

Böhmes Werk las auch ein Schüler des berühmten Paracelsus. Es war der Arzt und Alchemist Balthasar Walther (1558-1631), der Leiter eines »Geheimen chymischen Laboratoriums« in Dresden. Walther war ein viel bereister Mann, der nach Syrien, Arabien und Ägypten gereist war, um dort nach den wahren Quellen der alten Kabbala und Magie zu forschen. Was er aber in Jakob Böhmes Aurora fand, erkannte er als tiefste Weisheit und jenseits dessen, wovon er bisher erfahren hatte.

Wegen seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit aber, verkaufte er seine Schuhmacherei schon 14 Jahre nach ihrer Eröffnung – ein Zeitraum der uns heute echt lange vorkommt, doch in damaliger Zeit empfanden die Menschen das anders. Von da an auf jeden Fall lebte er von der Unterstützung seiner Freunde. Damit aber kam er immer wieder in große finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich hatte er seine Kinder zu ernähren und ein Wohnhaus abzubezahlen, dass er 1599 in Görlitz gekauft hatte.

Jakob-Böhme-Denkmal Görlitz - ewigeweisheit.de

Jakob-Böhme-Denkmal im Görlitzer Park des Friedens (Foto: Ausschnitt aus dem Original von Südstädter; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Aufbegehren eines Görlitzer Pfarrers

Die Kopien der Aurora, die sein Freund Carl von Endern anfertigen ließ, verbreiteten sich schnell. Eine davon fiel in die Hände des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter (1560-1624). Manchen erschien der Charakter dieses Kirchenmannes wie der eines aufgeblasenen Besserwissers.

Was da nun aber Jakob Böhme geschaffen hatte, war diesem Pfarrer Richter einfach nicht geläufig und vermutlich fehlte ihm das nötige Erkenntnisvermögen, um die Aurora überhaupt zu verstehen. Sicher aber wusste er von Böhmes Bewunderern. Doch er, als Pastor primarius, wollte keinen neben sich haben und empfand Böhme nur als gefährlichen Widersacher, der ihm als Pfarrer nur Konkurrenz machen könnte.

In einer seiner Sonntagspredigten beschuldigte er Jakob Böhme, sich zu brüsten als neuer Prophet – was dieser aber niemals tat. Doch in Wirklichkeit hielten ihn einige seiner Bewunderer tatsächlich für so einen. An jenem Tag jedoch war Böhme selbst unter den Kirchenbesuchern. Nach der Predigt wartete er auf Gregorius Richter am Eingang der Kirche, um von ihm freundlich in Erfahrung zu bringen, worin sein Vergehen eigentlich lag. Doch Richter drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht sofort aus seiner Gegenwart entferne. Am nächsten Morgen erhielt er vom Amtsgericht der Stadt Görlitz eine Ausweisung aus der Stadt, die aber kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Man verbot Jakob Böhme von da an aber, die weitere Veröffentlichung des Buches Aurora. Auch seine schriftstellerischen Tätigkeiten durfte er nicht weiter ausüben.

Anders als von Richter erhofft, kam aber durch dieses Ereignis die Aurora Böhmes erst noch größere Aufmerksamkeit und verbreitete sich schneller, als sich der Oberpfarrer in seinen schlimmsten Alpträumen auszumalen vermochte. Es sprach sich herum, dass dort in Görlitz ein wahres Genie zu Hause sei, dass man aufsuchen solle. Und so wollten bald möglichst viele unter der damaligen, deutschen Bildungsbürgerschicht wie auch aus Kreisen des Adels, den Meister Jakob Böhme persönlich treffen.

 

Über fünf Jahre befolgte Jakob Böhme das Diktat der Amtsrichter. In dieser Zeit schrieb er nur für sich. Es blieb ihm aber unbegreiflich, dass er nun nicht dem Gebot seiner göttlichen Vision folgend schrieb, sondern dem Zwang der Kirche gehorchen musste.

Drei Göttliche Prinzipien

Nach langer Zeit des Schweigens überredeten ihn im Jahr 1618 Freunde dazu, erneut seiner Berufung nachzugehen und was ihm in seinen Visionen erschien auch aufzuschreiben. Doch in seinem Wirken als Schriftsteller, blieb Böhme stets eine eigene, individuelle Erscheinung in der Geschichte der Mystik. Zwar schienen viele philosophische Strömungen in seinem Werk zusammenzulaufen, doch sie verschmolzen gleichsam im alchemistischen Ofen seines inneren, esoterischen Empfindens. Insbesondere die Zahl Drei nahm in seiner mystischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. 1619 erschien in diesem Kontext sein zweites Werk: De tribus principii – »Die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens«.

Für Jakob Böhme bildete das Universum seinem Wesen nach drei Welten. Aus ihnen entstand alles Sein. Die transzendente Einheit Gottes aber wies ihm den Weg zu seinem Selbstausdruck in der Welt.

Gott ist von Ewigkeit Alles alleine; sein Wesen teilet sich in drei ewige Unterschiede. Einer ist die Feuer-Welt; der Andere die Finstere Welt; und der dritte die Licht-Welt. Und ist doch nur Ein Wesen in einander, aber keines ist das Andere.

[…]

Das rechte Leben stehet im Feuer; dort ist der Angel (die Befestigung) zu Licht und Finsternis. Der Angel ist die Begierde: womit sich die füllet, dessen Feuer ist die Begierde, und dessen Licht scheinet aus dem Feuer; dasselbige Licht ist der Gestalt oder desselben Lebens Sehen, und das eingeführte Wesen in die Begierde ist des Feuers Holz, daraus das Feuer brennet, es sei herbe oder sanft, und das ist auch sein Himmel-oder-Höllen-Reich.

Das menschliche Leben ist der Angel zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennet es. Gibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Gewiss ist das jene Trinität, von der auch in den Lehren der Alchemie die Rede ist. Diese Geheimwissenschaft aber verwendet andere Namen für diese Dreiheit, nämlich dem feurig-geistigen Sulphur, dem flüchtigen Mercurius und dem manifestierten Sal. Was aber der daraus bereitete »Weiße Stein« den Alchemisten galt, war für Jakob Böhme jene universale Dreifaltigkeit der göttlichen und sinnlich-wahrnehmbaren Schöpfung, worin wir als Menschen leben und handeln.

Mit der Welt des Feuers bezeichnete Böhme den unbegrenzten Willen Gottes, den er während seiner Schöpfung konzentrierte auf die natürliche Welt, als Inspiration zu werden. Was auch immer werden soll, braucht Feuer. Und aus diesem Urfeuer der göttlichen Schöpfung entstand ein Paar von Gegensätzen:

  • Eine finstere Welt der Konflikte, der Übel, was man als die ewige Natur des Materiellen bezeichnen könnte, und
  • eine lichtvolle Welt, erfüllt von Weisheit und Liebe. Das ist der ewige Geist, der Nous, wie ihn Platon nannte.

Die dunkle Welt ist das Widerspenstige im Leben, alles was den Gegensatz zum Göttlichen bildet – die Welt des Unverbesserlichen, kurz: die Probleme – das was uns in unserem Leben Kopfzerbrechen bereitet. Die Reiche des Lichts aber bildet die Welt des Guten. Es leuchtet aus dem Herzen Gottes, durch sein Wort, dem Logos, der sich jedoch vom feurigen Prinzip seines Willens unterscheidet.

Fest steht: die Finsternis bleibt die Voraussetzung für das Licht, denn alles was in der Welt entsteht, benötigt einen Gegensatz, durch den es sich ja überhaupt erst als kontrastierendes Abbild manifestieren kann. Gewissermaßen ließe sich dieses Axiom auch in der Geschichte von Böhmes Wirken sehen, als prophetischer Schriftsteller. Auch andere Autoren die mit ihren Veröffentlichungen in Konflikt mit der etablierten Geisteselite gerieten, hatten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen. Erst nämlich durch die Problematik, die sich aus diesen widerstrebenden, verneinenden Kräften ergab, fand eine neue Lehre das notwendige Licht, um sich aus dem Dunkel überkommener Sichtweisen zu erheben.

Das erkannte Böhme sehr wohl. Für ihn war die äußere, alltägliche Welt sowohl gut und böse zugleich, sowohl grauenhaft wie entzückend, worin Liebe und Zorn gemeinsam bestehen. Doch das nur als die Bestandteile eines selben Ursprungs, die Böhme eben durch seine Definition des Feuers beschreibt. Und in diesem Feuer streben das natürliche und das geistige Leben zum Licht. Ziel aber sollte dem Menschen sein, das Licht aus seinem feurigen Ursprung hervorzubringen, denn was sonst bleibt zurück vom Feuer, als nur Asche und schwarzer Ruß?

Hier sprach Jakob Böhme allegorisch vom »Blühen der Lilie«, die für ihn die Neugeburt des Christus symbolisierte. Wieso? Für Böhme befand sich das Universum scheinbar in einem riesigen alchemistischen Prozess, wo in einem allegorischen Kochtopf (Feuer), unablässig das Unedle (Finsternis) in lauteres Gold (Licht) destilliert wird. Und so wie sich dieser Veredelungsvorgang im Makrokosmos der Welt vollzieht, so auch im Mikrokosmos des Menschen. Auch der Mensch als Erscheinung seiner Spezies, befindet sich in einem Zustand des Werdens. Es ist darum gar nicht zu vermeiden, dass aus diesem Werden, sich aus dieser Veränderung zu etwas Neuem, durchaus Konflikte ergeben, wo sich eben Licht- und Finsterniskräfte empfindlich berühren. Übertragen auf das Leben eines Menschen, sind das die Probleme, die sich in unserem Dasein ergeben und bewältigt werden wollen.

Was die Hermetiker als das »Große Werk« anstreben, darauf soll auch der Mensch hinarbeiten. Der nämlich muss sein weltliches Leid ertragen lernen, um die in ihm wirkenden Gegensätze von Feuer und Licht zu überwinden.

Um dereinst zu den Himmlischen zu zählen, muss sich ein Mensch gegen die finsteren Anteile des Feuers wehren, um dabei das Licht daraus zu erlösen, was natürlich nicht immer einfach ist. Das weiß jeder, der schon ein paar Jahre auf unserer Erde wandelt. Da der Mensch aber alle drei Aspekte der dreifaltigen Welt in sich trägt – Feuer, Licht und Finsternis –, ist, wenn er bereit ist diesen unausweichlichen Kampf mit seinen Problemen auszutragen, ein Sieg über seine Leiden durchaus gewiss.

[...] wenn einer einen rechten Menschen stehen sieht, mag er sagen: Hier sehe ich drei Welten stehen […]

- Aus Jakob Böhmes »Von sechs theosophischen Punkten«, Erster Punkt, 2. Kapitel

Das menschliche Leben ist der Angel (die Befestigung) zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennt es. Begibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Unzählige Abenteuer vermag ein Mensch in jenem Urfeuer zu erleben. Seine Flammen schlagen eben aus den Tiefen der Hölle bis in die höchsten Höhen aller Himmel. Feuer ist wie das Leben: Kummer, Mühen und Konflikte ereignen sich unausweichlich. Da sich die Flamme dieses Feuers jedoch zur dunklen wie zur lichten Seite hin ausbreitet, kann man wählen zwischen:

  • dem finsteren Egozentrismus der Sünde oder
  • einem selbstlosen Dasein auf dem lichtvollen Weg zu göttlicher Vervollkommnung.

Alle spirituellen Traditionen lehren uns den Strudel der Egoismen versiegen zu lassen. Man muss die Energie eben so einsetzten, damit was vollbracht wurde, auch zu zu Liebe führt. Dunkle Teile in der Welt und in den Menschen lassen sich so zu Licht transmutieren (symbolisch also zu Gold). Und dabei wird die Furche zwischen den Dingen in der Natur und des Geistes geschlossen.

Böhmes gesamtes Schriftwerk dreht sich allein darum, danach zu streben das Licht Gottes in einem selbst zu entzünden, als eine allumfassende, alles durchdringenden Realität. Wir sind eben das, was wir aus unserem Leben machen.

Himmel und Hölle sind überall

Alles was zählt, ist sich zu entscheiden, zwischen dem Weg zu göttlicher Liebe oder einem Weg hin zum Untergang (wobei letztere Entscheidung eigentlich keine ist, da jemand aus reiner Unwissenheit und Ignoranz, ganz unbewusst auf solche Abwege gerät). Wer ununterbrochen, lebenshungrig und voller Ungeduld, an der Grenze zwischen kosmischem und menschlichem Leben schlittert, der wird niemals das »Rad des Schicksals« verlassen können. Er verfehlt das alchemistische Werk, zielen seine Begierden doch nur auf den dunklen Teil des Urfeuers.

Böhme schreibt, dass so jemand einen Zustand der turba erzeugt, eines »lärmenden Getümmels«, das nirgendwo sonst zu hören ist, als aus den Tiefen der Hölle. Drum dürfte die Aufforderung plausibel erscheinen, wenn es heißt, man solle sich dem hellen Teil des Urfeuers zuwenden, um darin die Impulse göttlichen Lichts zu empfangen – einem Licht, dass all-ein-sam in der Stille der Ewigkeit brennt.

Geduld, Mut, Liebe und Hingabe lassen den Suchenden allmählich erkennen, dass auch seine Seele Teil einer göttlichen Wirklichkeit ist. All die Heiligen und Mystiker bewiesen durch ihre Biografien, dass dies auch tatsächlich als entsprechende Wahrheit vernommen werden kann.

Christ zu sein bedeutete für Jakob Böhme aber nicht, allein »nur an Gott zu glauben«. Es war für ihn ein lebendiger Vorgang echter Arbeit, den nicht etwa Christus am Kreuz der Menschheit abnahm, sondern in seiner Symbolik einen Hinweis auf eben jenes alchemistische Werk einer persönlichen Veredelung gab, in der sich das eigene Dasein in dieser Welt, auf einen Weg führen lässt, hin zur Erlösung und der Ankunft unter den Himmlischen.

Das wahre Christentum war für Böhme also nicht nur Lippenbekenntnis. Es war für ihn ein inneres Erfahren der Manifestationen dessen, was die Evangelien in ihren Lehren für die Menschen vorbereitet hatten.

Eine Frage der Auslegung

Was Jakob Böhme wohl sicherlich beabsichtigt hatte, war gewiss nicht bloß seine Schriften zu lesen oder nur daraus zu zitieren, als vielmehr sein Werk, mit einem gewissen Grad selbst erwogener Freiheit, auf individuelle Weise wiederzugeben. Doch genau da liegt auch der Widerspruch: denn wie soll man die Kernaussagen Jakob Böhmes vermitteln, wenn sie individuelle Auslegungen einfärben? Das lässt sich nicht vermeiden, doch ist wohl ebenso gut. Denn je mehr Eindrücke durch verschiedene Interpretationen beim Dritten entstehen, desto wahrscheinlicher zeichnet sich ein tatsächliches Bild dessen ab, was in diesem Falle Jakob Böhme durch sein Schriftwerk der Nachwelt überbringen wollte.

Es wäre also falsch, von einer Auslegung ausgehend zu sagen, dass ihr an Objektivität mangelt. Nur jeder kann für sich selbst eine Sichtweise entwickeln. Denn wenn er verstehen will was er liest, bei Böhme, aber auch anderswo, ist er gezwungen es nach seinem eigenen Ermessen und Verstehen wiederzugeben, ganz im Sinne des Apostels Paulus, wenn er sagte:

Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.

- 1. Thessalonicher 5:20f

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Isaak Luria: Der Heilige Löwe von Safed

von Johan von Kirschner

Der Löwe von Safed - ewigeweisheit.de

Ende des 16. Jahrhunderts wurde im palästinischen Galiläa, die kleine Stadt Safed zu einem Zentrum spiritueller Gelehrsamkeit. Hier formulierte man die wesentlichen Glaubenslehren der Kabbala und von hier aus breiteten sie sich schließlich aus, in der gesamten jüdischen Welt.

Die Kabbala-Mystiker Safeds übten großen Einfluss aus, auf das religiöse Denken der Juden ihrer Zeit. Dabei war Safed nicht einmal von historischer Bedeutung, da es weder in biblischem noch talmudischem Kontext auftaucht. Das sich die politische Rolle dieser kleinen Stadt jedoch änderte, lag an den eher ungünstigen Verhältnissen, die damals in Jerusalem herrschten. Denn während der osmanischen Herrschaft über die heilige Stadt, war man sich uneinig in der Haltung gegenüber den Rabbinern.

Zu den Söhnen der Stadt Safed aber zählten die Koryphäen der Kabbala: unter ihnen Moses Cordovero, Chaim Vital und vor allem Isaak Luria. Er nämlich sollte die Vorstellungen über das Judentum nachhaltig verändern.

Isaak Luria kam 1534 in Jerusalem zur Welt und der Legende nach, erschien seinem Vater noch vor seiner Geburt der Prophet Elija, der zu ihm sprach:

Du sollst wissen, dass der Alleinige Herr, Segen sei auf ihm, mich zu dir sandte, um dir die Nachricht zu überbringen, dass deine Frau einen Sohn zur Welt bringen wird. Du sollst ihn Isaak nennen. Er wird Israel aus der Gewalt der Schalen befreien (das Wort »Schale« wird in der Kabbala auch an anderer Stelle als Synonym für die Kräfte des Bösen verwendet, wie sie etwa in Zeiten des Krieges die Kräfte des Guten verhüllen). Er wird viele Seelen erlösen, aus ihren leidvollen Wanderungen. Durch ihn werden die Lehren der Kabbala der Welt enthüllt.

Sein Vater sollte schließlich erkennen, dass sich seine Vision im Wesen seines Sohnes bewahrheiten sollte, zeigte der sich ihm doch als außergewöhnlich kluges Kind. Doch Isaak Luria war gerade acht Jahre alt, als sein Vater plötzlich verstarb. Seine Mutter ging darauf mit ihm nach Kairo, wo er im Hause seines Onkels David ben Zimra aufwuchs. Der war oberster Rabbiner Ägyptens. Im Alter von fünfzehn Jahren verheiratete ihn sein Onkel mit seiner Tochter. Er erkannte Lurias wirkliche Größe und unterstützte ihn in den kommenden Jahren in seinen Studien.

In dieser Ausbildung lernte Luria alles was er als Rabbiner wissen musste. Auch eignete er sich in dieser Zeit die alten Symbole der Kabbalisten an, um daraus neue Denkweisen herzuleiten.

Isaak Luria befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Drum wollte er sein Wirken nicht nur auf den Talmud beschränken. Vor allem die Lehre der Kabbala interessierte ihn – die man »Wissenschaft der Wahrheit« nannte. Das Anliegen dieser Geheimlehre war die Tora ins genaueste zu untersuchen und die größten Geheimnisse der fünf Bücher Mose in ihr zu enthüllen. Unwiderstehlich schien Luria die Anziehungskraft dieser Geheimlehre. Doch auch jeder, der sich mit den Inhalten der Kabbala-Lehre zum ersten Mal befasst, dürfte Ähnliches verspüren. Dabei ist das Studium der Kabbala durchaus ein Lebenswerk und könnte, wenn möglich, über viele Menschenleben hinweg studiert werden.

Das Buch Sohar

So also kam Luria dazu, sein Leben ganz dieser Geheimlehre zu widmen. Seinem Eifer geschuldet, konnte er damit aber nicht mehr am alltäglichen Leben teilnehmen. Er zog sich vollkommen zurück und begab sich in eine kleine Einsiedelei am Ufer des Nils. Nur an Schabbat war er bei seiner Familie. Den Rest der Woche verbrachte er fastend in Gebet, Meditation und Studium der heiligen Schriften. Dieser völlige Rückzug in Askese begann, als er sich mit dem wohl wichtigsten Werk der Kabbala befasste: dem Sohar – Buch des Glanzes, das der sagenhafte Rabbi Schimon ben Jochai im 2. Jahrundert n. Chr. verfasste.

Luria begegnete einmal einem Händler. Der führte mit sich den Sohar, dieses eigenartige Buch jüdischer Esoterik. Er fragte den Mann, ob er ihm das Buch verkaufe. Doch der Mann meinte nur, dass er kein Gelehrter sei und in die Hände dieser Schrift eher zufällig kam und er es ihm einfach so überlassen könne. Erst damit, meinen Manche, begann Luria sich für die Mystik des Göttlichen zu interessieren. Sicherlich aber würden manche unterstellen, dass das tatsächlich untertrieben ist, denn Luria hatte fast schon einen fanatischen Enthusiasmus entwickelt, der ihn befähigte, in den kommenden acht Jahren sich voll und ganz dem Studium dieses Buches zu widmen, auch wenn er in den ersten Jahren nicht wirklich alles darin vollkommen verstand. Doch es heißt, Isaak Luria schaute direkt in die Ränge der Engel, wodurch sich ihm die Geheimnisse des Sohar immer mehr erhellten.

In der biografischen Literatur findet man keine Erwähnung über einen spirituellen Lehrer oder Meister, den Luria hatte, während seines zurückgezogenen Lebens am Nil. Anscheinend war so ein menschlicher Lehrer für ihn nicht vonnöten. Denn in jenen Tagen, so die Legende, trat er in Kommunikation mit dem Heiligen Propheten Elija – der ja Isaak Lurias Vater noch vor seiner Geburt erschienen war. Durch den Propheten löste sich seine Seele von allen körperlichen Banden und stieg auf, bis an die Wohnstatt des Himmlischen. Dort wurde ihm die göttliche Gegenwart gewahr, im Beisein all der vielen Seelen der Verstorbenen, der Heiligen und Schutzengel. Nach sechs Jahren schließlich träumte Luria von einer geheimnisvollen, himmlischen Stimme die zu ihm sprach und ihn aufforderte Ägypten zu verlassen. So also war Luria seinem asketischen Leben, auf Geheiß des Himmels gefolgt, was dazu führte, dass er dereinst Ägypten verlassen und sich ins palästinische Safed begeben sollte.

Eine spirituelle Bewegung in Galiläa

Bei alle diesen fast schon fantastisch anmutenden Beschreibungen, von Isaak Lurias göttlichen Eingebungen, dürfte es recht wahrscheinlich sein, dass er in seiner Zelle, neben dem Buch Sohar, auch eine kleine Bibliothek besaß, worin sich neben der Heiligen Schrift auch die Werke verschiedener anderer jüdischer Mystiker reihten. Schließlich verwies er immer wieder auf jene Rabbis, die sich in der geschichtlich langen Kette der mystischen Tradition im Judentum bilden.

Auf Geheiß jener mystischen Stimme, kehrte 1569 Isaak Luria zurück nach Palästina und ließ sich dort im galiläischen Safed nieder. Dort traf er auf seinen zukünftigen Lehrer Rabbi Moses Cordovero (1522-1570) – einem Nachkommen sephardischer Juden, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten, von dort aber 1492 nach Galiläa fliehen mussten. Über einen Zeitraum von drei Monaten nun, begab sich Luria in die Lehre seines neuen Meisters. Doch Cordovero verstarb bereits nach relativ kurzer Zeit. In der Prozession zu seinem Grab erhielt Luria dann Kunde über seine zukünftige Rolle in Safed, als Lehrer der Kabbala.

Ein ergebener Schüler Isaak Lurias

Als Isaak Luria dann als Nachfolger Cordoveros seine Berufung als Kabbala-Lehrer in Safed begann, war sein Ansehen noch sehr gering. Seine Schüler waren eben den rationalen Stil Cordoveros gewohnt. Luria aber sah im spirituellen System des Sohar ein eher dynamisches Zusammenspiel in der Beschreibung der kosmischen Urarchetypen. Nur wenige aber wollten damals seiner Lehre folgen.

Auf einmal gewann ein anderer Rabbi in Safed Einfluss, der in den Reihen der Schülerschaft Isaak Lurias stand. Auf seinen Namen hatten wir bereits oben hingedeutet: Rabbi Chaim Vital (das »Ch« im Vornamen »Chaim« wird ausgesprochen wie das »ch« im deutschen »Nacht«). Der führte eine komplett neue Form ein, wie das Buch Sohar zu studieren sei.

Eines Tages nun bat Chaim Vital seinen Lehrer Isaak Luria, eine bestimmte Passage aus dem Sohar zu erklären. Lurias Interpretation des Textes war aber so außergewöhnlich, das Vital und alle anderen Anwesenden, damit auf einen völlig neuen Weg geführt wurden, um die Geheimnisse des Sohar nun tatsächlich auch zu begreifen. Auch nachdem Vital ihn nach einem weiteren Vers im Sohar fragte, gab ihm Luria eine Erklärung, die dem Frager wiederum völlig neue Perspektiven eröffnete. Vital begriff auf einmal die tiefer liegenden Geheimnisse dieses heiligen Buches, etwas das er bisher nicht erkannt hatte.

Dies musste auf Chaim Vital einen ganz enormen Einfluss ausgeübt haben und er erkannte, dass in Wirklichkeit doch Isaak Luria sein Meister war. Als er ihm ein andermal wieder eine Frage stellte, wies Luria diese zurück. Anscheinend wollte er Chaim Vital sogar aus den Lehrveranstaltungen ausschließen. Doch dieser fiel vor Luria auf die Knie und erflehte bei ihm weiter studieren zu dürfen. Schließlich gewährte im Luria die weitere Teilnahme.

Geistiges Erbe des Weisen Moses Cordovero

Was an Lehren über das biblische Schriftwerk und den Sohar in Safed geschaffen wurde, ist bis heute in der Welt der Kabbala von höchster Relevanz. Denn es scheint, als ergeben sich beim Studium der Lehren von Moses Cordovero und Isaak Luria, sich gegenseitig ergänzende Glaubenssätze. Cordovero neigte eher zur Rationalität und versuchte seine Lehre auf bestimmte Weise zu systematisieren, wozu ihm insbesondere der Sohar als wichtiges Hilfmittel diente. Das gab ihm die Chance zu neuen Erkenntnissen. Fest steht, dass Moses Cordovero zu den größten Theoretikern der jüdischen Mystik zählt. Gleichzeitig aber wäre falsch anzunehmen, dass er selbst ein reiner Vernunftmensch gewesen sei. Nie fehlte es Cordovero an mystischen Gewahrsein. Er war es nämlich der die verschiedenen Stufen der göttlichen Emanationen, wie wir sie im Lebensbaum sehen, auf ganz einzigartige Weise erklärte, als einen Vorgang visionären, göttlichen Denkens.

Moses Cordovero erklärte das Verhältnis des unendlichen Ayn Soph (auch: En Sof) zum instrumentalen Organismus der Kelim – den Gefäßen der Sefiroth. Immer wieder, so Cordovero, stoßen auf diese Kelim, aus der Unendlichkeit die Kräfte des göttliche Werkes. Danach ziehen sich diese Wirkungen wieder zurück, um aber dereinst erneut auf die Schöpfung einzuwirken. Und in dieser Wechselwirkung steht Gott zu seiner Schöpfung, in einem ihr innewohnenden Konflikt, denn er ist sowohl ihr Lenker als auch das Gelenkte selbst, womit also Gott und seine Schöpfung eins sind. Cordovero aber gelang es diesen eigentlichen Widerspruch aufzulösen und auf gekonnte Weise so zu systematisieren, das sich aus der problematischen Frage nach dem Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung, ein verständliches System entwickeln ließ. Cordovero meinte eben, dass alle Realität mit Gott identisch sei, nicht aber alle Realität Gott selbst ist. Für ihn war der Begriff Ayn Soph damit gleichbedeutend mit einem »Weltdenken«, einer geistig-göttlichen Substanz, worin alles Seiende existiert. Damit sind der Schöpfer und seine Schöpfung im Erschaffenen eins – Gott ist Alles und nichts existiert außerhalb seines Seins.

Das außergewöhnliche Werk, das Cordovero seiner Nachwelt hinterließ, schuf er in verhältnismäßig kurzer Zeit, denn er starb bereits im Alter von 48 Jahren. Moses Cordovero aber hatte die Gabe, die spirituell-mystischen Inhalte der Kabbala in eine einfache, verständliche Form zu bringen, die den Leser befähigten, die hinter dem Inhalt seiner Schriften wirkende Weisheit, auch tatsächlich in ihrer Kernaussage zu erfassen und zu verinnerlichen.

Isaak Lurias Grab - ewigeweisheit.de

Verehrer an Isaak Lurias Grab im galiläischen Safed.

Was Luria hinterließ

Im Wirken Isaak Lurias sollte sich alles spätere reflektieren, was in der Kabbala Bedeutung hatte. Gewiss ließe er sich als größter Gelehrter der gesamten spirituellen Kabbala-Bewegung Safeds bezeichnen. Sein Wirken, in diesem kleinen Ort Galiläas, entfachte nach seinem Tod eine regelrechte Heiligenverehrung. Auf seinen Spuren bewegen sich noch heute Kabbala-Schüler, entlang unzähliger Wegweiser, die an die mit diesem Meister zusammenhängenden Legenden erinnern.

Nicht etwa aber hinterließ Isaak Luria, in seiner recht kurzen Lebenszeit von gerade einmal 38 Jahren, ein Schriftwerk. Es heißt, er war ganz und gar kein Literat. Alles was man über Luria weiß, erhielt sich über seine Schüler, die ihn jedoch wie ein übernatürliches Wesen verehrten. Einer von ihnen fragte ihn einst, wieso er keine seiner außergewöhnlichen Lehrreden in Buchform brachte, worauf ihm Luria antwortete:

Es ist gänzlich unmöglich, stehen doch alle Dinge miteinander in Wechselbeziehung. Ich kann kaum meinen Mund zum Sprechen öffnen, ohne dabei das Gefühl eines brechenden Dammes zu verspüren, von dessen Wassern alles überspült wird. Wie soll ich das denn in einem Buch niederschreiben, um damit auszudrücken was meine Seele tatsächlich empfängt?

Und doch versuchte Luria, während seiner drei Jahre in Safed, seine Gedanken in einem Buch niederzulegen, was seine Verehrer unter dem Titel Kithve Ha-Ari führen: »Die Schriften des Heiligen Löwen«. Darin schrieb er Kommentare zum Buch Sohar, was sicherlich nur einen kleinen Ausschnitt seines eigentlichen Wissens und seiner Weisheiten zusammenfasst.

Seine mystischen Hymnen zum Schabbat aber, sollten selbst in die jüdische Religionstradition übergehen. Bis heute findet man sie in fast jedem jüdischen Gebetbuch.

In Gegenwart der Schekinah

An jedem Vorabend zum Schabbat wird die Heilige Schekinah – die Göttliche Gegenwart in ihrer weiblichen Dimension – von den Gläubigen eingeladen, diese Welt auf Erden weitere sechs Tage zu bewohnen. Mit dem Singen der Hymnen Lurias, zelebrieren die Gläubigen die Heilige Hochzeit des Himmlischen und des Irdischen, von Gott und seinem Volk Israel, das »der paradiesische Fall« ja vor sehr langer Zeit trennte.

Hierzu wird ein Tisch mit dem Schabbat-Mahl gedeckt, den einstigen Tempel symbolisierend, worin Gott als Gast gebeten wird, sich eben dort, im Kreis der Familie niederzulassen. Der Schabbat-Tisch wird damit zum »Landefeld«, wo sich Gott vergegenwärtigt in dem darauf befindlichen siebenarmigen Leuchter (Menora), im Salz, im Brot, im Fleisch, im Wein und im Fisch. Der Fisch aber ist das Symbol des Schabbat.

Hymnen singend
Trete ich ein durch die Tore,
Zu den Feldern
Der Heiligen Äpfel.

Einen neuen Tisch
Decken wir für sie
Ein hübscher Kandelaber
Ergießt sein Licht über uns.

Zwischen rechts und links
Nähert sich die Braut,
Geschmückt mit heiligen Juwelen
Und festlichen Gewändern.

Ihr Ehemann umarmt
Ihr ganzes Dasein,
Ihr Freude spendend,
Seine Kraft zu ihr hinausdrängend.

Marter und Mühen
Sind beendet.
Jetzt sind die Gesichter,
Sinne und Seelen fröhlich.

Große Freude ist da
In zweifältigem Maße.
Licht scheint auf die Braut
Und Ströme des Segens.

Brautführer, geht hin
Und bereitet vor die Zierde der Braut,
Essen verschiedener Arten
Alle Arten von Fisch.

Um Seelen
Und neue Geisteswesen zu zeugen
Auf den zweiunddreißig Zweigen
Und drei Ästen.

Sie trägt siebzig Kronen
Und den überirdischen König
Damit alle gekrönt werden
Im Allerheiligsten.

Alle Welten sind in ihr eingraviert
Und in ihr verborgen,
Doch sie strahlen fort
Vom »Alten der Tage«.

Möge es Sein Wille sein
Unter Seinem Volke zu verweilen
Das sich Seinetwillen erfreut
Mit Süßigkeit und Honig.

Im Süden stelle ich auf
Den verborgenen Kandelaber,
Im Norden mache ich Platz
Für den Tisch der Brote.

Mit Weinbechern
Und Myrtenzweigen
Die Verlobten beschütze,
Die Schwachen stärke.

Wir flechten ihnen Zöpfe
Aus kostbaren Worten
Die Siebzig zu krönen
In fünfzig Toren.

Die Schekinah sei geschmückt
Mit sechs Sabbat-Laibern
An jeder Seite verbunden
Mit dem himmlischen Heiligtum.

Geschwächt und ausgestoßen
Die unreinen Mächte,
Die bedrohlichen Dämonen
Sind nun gefesselt.

Grundkonzepte der Lurianischen Kabbala

Den größten Teil dessen, was Isaak Luria seinen Schülern lehrte ist uns durch Chaim Vitals Arbeit erhalten geblieben. Er nämlich war es, der alles genau dokumentierte und niederschrieb, was Luria mit seinen Schülern besprach. Vital schrieb außerdem über Isaak Lurias besondere Charakterzüge, womit er der Lehre seines Meister auch eine authentische Note verlieh. Das Wichtigste dieser Notizen ist zusammengefasst in dem kabbalistischen Buch Etz Chaim – zu deutsch: »Baum des Lebens«. Doch auch zu Lebzeiten Vitals, blieben die Lehren Lurias Geheimwissen. Wer Kopien seiner Texte herstellte, dem drohte der Ausschluss aus der Gemeinde, was zu damaliger Zeit einen erheblichen, sozialen Einschnitt im Leben eines Juden bedeutete. So also blieb die Lurianische Kabbala lange Zeit eine verborgene Lehre, in Safed aufbewahrt und nur besprochen im engen Kreise seiner Schüler.

Die Entstehung der Seele im Angesicht des Göttlichen

Charakteristisch für Lurias System der Kabbala, sind die sogenannten »Partzufim«, die Gesichter der Schöpfung, die als Vermittler zwischen Gott und seiner Schöpfung fungieren.Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה).Kabbala Lebensbaum nach Rodurago

Vor der Erschaffung der Welt, erfüllte das Ayn Soph einen unendlichen Raum des Nichts und war damit identisch, doch es barg in sich das Potential des Entstehens. Denn die Leere nimmt alles auf, was sich in sie begibt. So auch kam es laut Lurianischer Kabbala zu Gottes Entschluss zur Schöpfung. Auf einmal zog sich dieser unendliche Raum des Ayn Soph, in sich selbst zurück. Das heißt also, das in der ewigen Unendlichkeit dieser Leere, sich alles auf einen Punkt zusammenzog und darin konzentrierte, was eben dem Zustand entspricht, den die moderne Kosmologie »Urknall« nennt, wo sich in einem unendlich kleinen Punkt, die Masse des gesamten heute existierenden Universums konzentrierte und worin Raum und Zeit noch eins waren – doch im nächsten Augenblick das Nichtsein in ein Sein überführt wurde. Aus der Konzentration des universalen Seins, vor dem Schöpfungsakt, brach das hervor, was die Kabbala Ayn Soph Aur nennt: »Das unendliche Licht«. Um dieses Licht aber bildeten sich zehn kreisförmige Schalen oder Behältnisse, hebräisch Kelim, die die Kabbala Sefiroth nennt – die »Sphären der Schöpfung«. Durch sie entstand das Universum in seiner Einheit, aus der sich dieses unendliche Licht ausbreitete, doch sein Zentrum nie ganz verließ.

Vom Rande dieser kreisförmigen Schöpfung nun durchbrach ein Licht die einzelnen Schalen, und drang vor bis ins innerste Zentrum. Von den zehn Sphären jedoch, hielten dem Andruck dieses Lichtstroms nur die äußersten, die obersten Sefiroth (Sphären) stand, da sie sich am nächsten zum Ayn Soph befanden. Die inneren sechs Sefiroth konnten dem Lichtstrom nicht standhalten und zerplatzen. Darum war es wichtig sie aus dem Lichtstrom zu entfernen. Und das war der Moment, als die Partzufim entstanden – die »Gesichter der Schöpfung«.

So transformierten sich die zehn Sefiroth in die göttlichen Gesichter der Partzufim. Aus der Sefirah Kether (Sefirah ist der Singular von Sefiroth) formte sich Arik Anpin, das »Große Gesicht« aus dem wiederum die zweite Sefirah Chokmah hervorging, die Luria Abba nennt, den »Vater«, was das aktive Prinzip der Schöpfung repräsentiert. Hierzu formte sich das Gesicht der Imma, der »Mutter«, als entsprechend passives Prinzip der Schöpfung.

Das verbliebene Licht der »zerplatzten Hüllen« der unteren sechs Sefiroth, formte Zeir Anpin, den »göttlichen Sohn«. Zu ihm, und abschließend, steht Nukvah, die »Tochter« oder Schekinah, jenes »weibliche Prinzip«, das sich in der Natur unserer Welt, aus der zehnten Sefirah Malkuth manifestierte.

Es muss nun aber unterschieden werden zwischen dem Licht der Sefiroth und den Scherben, die aus den zerplatzen Kelim (Schalen) in die Finsternis stürzten und dort das bilden, was in der Kabbala als die Klipoth bezeichnet wird. Sie sind die Ursache für die Entstehung des Bösen. Als Konsequenz daraus entstand eine Welt deren Gesetze auf Lohn und Strafe beruhen. Hätte Gott jedoch die Partzufim zuvor geschaffen, wäre es nicht zum Bruch der Kelim (Gefäße) der Sefiroth gekommen, wo doch aus ihren Scherben das Böse hervorgeht, dass die in diesem Schöpfungskontext entstandenen Seelen, seit Anbeginn ihrer Existenz, überwinden sollten.

Aus diesen fünf Göttlichen Gesichtern nun (also Arik Anpin, Abba, Imma, Zeir Anpin und Nukvah) gestaltete sich eine Metaphysik der Seele zu dem, was sich etwa als Lurianisches System der Psyche bezeichnen lässt. Gemäß dieser fünf metaphysischen Strukturen, gingen dabei die fünf Teile der Seele hervor: Jechida, Chaja, Neschama, Ruach und Nefesch (das »ch« in diesen hebräischen Begriffen wird ausgesprochen wie das »ch« im Wort »Nacht«, während das »j« wie beim deutschen Wort »Jahr« ausgesprochen wird). Die erste Seele gilt als die spirituell höchste, die letzte in dieser Reihe als die spirituell niedrigste, wobei die Verantwortung der menschlichen Seele als solche, ein Bindeglied bildet zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, worin sich Göttliches und Weltliches konzentrieren.

Aus diesem spirituellen Seelenleib, ging als geistiger Mensch hervor Adam Kadmon – Urbild des Menschen, aus dem der irdische Adam hervorging. Mit seiner Versündigung am Baum der Erkenntnis aber, fiel der irdische Adam in die materielle Welt, worauf er sich mit dem menschlichen Körper unserer Spezies bekleidete. Doch sich aus den geistigen Gefilden des Zeir Anpin lösend, riss er mit sich jene Splitter der sechs unteren Sefiroth (siehe oben), die seit jeher auch in jedem Menschen veranlagt sind, doch gleichzeitig von jedem Individuum überwunden werden können und sollen, und zwar durch seine Hinwendung zum höchsten und reinsten Teil seiner Seele, die dem reinen Urlicht der Schöpfung am nähsten ist – jenem Licht das aus Arik Anpin hervorstrahlt.

Adam Kadmon Baum - ewigeweisheit.de

Die zehn göttlichen Attribute der Sefiroth bilden den Urtypus Mensch: Adam Kadmon. Illustration von Isaak Meyer in einem Buch von Christian Ginsburg: »The Kabbalah - its Doctrines, Development and Literature«, aus dem Jahre 1888.

Rückkehr der Seele

Zu dieser Lehre der Seelenwanderung, fügte Isaak Luria den Begriff des Ibbur hinzu – der »Schwängerung der Seele«. Was ist damit gemeint?

Verstarb ein guter Mensch, kann es manchmal vorkommen, das seine Seele zeitweilig die Seele eines auf Erden verkörperten, lebenden Menschen durchdringt und dabei sozusagen mit positiven, geistigen Impulsen »schwängert«. Im Gegensatz dazu steht der Dibbuk, der Seele eines Toten, die sich aufgrund ihrer Verfehlungen nicht von der irdischen Existenz trennen konnte und darum seither verzweifelt nach einem lebenden Körper sucht, um diesen zu besetzen und für seine widergeistigen Zwecke zu missbrauchen.

Ziel des Ibbur allerdings ist, seine religiösen Verpflichtungen auf Erden nachzuholen, wobei sich die Seele des Verstobenen mit der eines Lebenden verbindet, um Gutes zu vollbringen. Jene wiederkehrende Seele erscheint auf Erden erneut, um einer schwachen Seele bei ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Bei alle dem aber geschieht dies nur für Seelen homogenen Charakters. Laut Isaak Luria trägt ein Mensch auf seiner Stirn ein Zeichen, was dem Kenner erlaubt daran die Seelennatur ihres Trägers abzulesen (ausführlicher beschrieben im Buch Sohar, Stichwort »Stirnfalten«).

Die rituelle Praxis

Für Luria besaß jedes der Zehn Gebote auch eine mystische Dimension. Und vor diesem Hintergrund galt ihm der Schabbat als der Tag, an dem sich die Gottheit im alltäglichen Leben, in Gegenwart der Menschen manifestiert. Jede rituelle Handlung, die am Schabbat vollzogen wird, soll im Umkehrschluss darum auch auf die obere Welt zurückwirken. Voraussetzung dafür aber ist, dass man die Silben der heiligen Namen im Gebet, in Meditation und vollkommener Ergebenheit rezitiere.

Isaak Luria versuchte damit das mystische Judentum stellvertretend für das rabbinische Judentum einzutauschen. Gut möglich, dass nach seinem Tod darum die oben zitierten Hymnen zum Schabbat so weite Verbreitung fanden, eben auch unter Gläubigen, die sich weniger der Kabbala zugewandt haben. Sein spirituelles Erbe sollte dereinst aber den Weg ebnen für die Lehren des asketischen Sabbatianismus.

Wenn man sich auf die Spuren der Geschichte der Lurianischen Kabbala begibt, findet man an ihr aber doch auch recht dramatische Züge. Allerdings waren es weniger seine Schüler, die zu so etwas beigetragen hatten. Was Chaim Vital an Lurias Lehren systematisierte, behandelte er, wie gesagt als strenge Geheimlehre. Allein seinen Mitschülern gab er die theosophische Lehre ihres Meister Isaak Luria weiter, und verlieh ihr dabei sogar einen recht akademischen Beiklang. Lurias Kabbala wurde also nur im Kreise seiner Schüler in Safed weiter gelehrt und kommentiert. Bis zu Vitals Tode im Jahr 1620 in Damaskus, wurde nicht ein einziges seiner Bücher über Lurias Kabbala vervielfältigt. Gut möglich jedoch, dass manche seiner Texte im Geheimen kopiert wurden und sich so auch über die Grenzen seiner Schülerschaft aus Safed hinausbewegten – sicher aber auch, weil er Schüler unterrichtete, die eben nicht zum direkten Kreise Lurias gehört hatten.

Die Lurianische Kabbala fand also, wenn man so will, erst durch andere Kabbalisten zu ihrer Verbreitung. Doch über sie gelangten die darin besprochenen Lehren Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Europa – im sogenannten »Zeitalter der Aufklärung«, während der großen Reformbewegungen in der Geschichte des Westens. Alles was damals jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangt war, das ist auch heute noch im Verborgenen.

 

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Dantes Göttliche Komödie: Führt der Weg ins Licht durch die Finsternis?

von Johan von Kirschner

Dante Alighieri, Göttliche Komödie - ewigeweisheit.de

Das Schicksal des italienischen Dichters Dante war eng geknüpft an die Wirren des politischen Lebens seiner Heimatstadt Florenz. Dort nämlich wurde er des Staatsbetruges angeklagt und verbannt. Als er in seiner Commedia die Seelen-Läuterung eines Fliehenden durch's Jenseits beschrieb, ging es ihm auch um seine eigene Reise ins Ungewisse.

Früh schon begann ein regelrechter Kult um den Dichter-Philosophen Dante. Wohl auch deshalb, da über sein Leben nur wenig bekannt ist. Was man über ihn weiß, stützt sich insbesondere auf spätere Quellen.

Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geborenen. Seine Mutter verlor er früh. Die Familie Dantes gehörte zu einem italienischen Adelsgeschlecht, die zwar über Grundbesitz, doch nur über wenig Geld verfügte.

1284 trifft Dante die schöne Bice, die in seinem Epos mit dem Namen Beatrice auftaucht. Sie sollte das große Liebeserlebnis seines Lebens werden. Doch sie heiratete ein Jahr später den Bankier Simone dei Bardi. Schon ein Jahr darauf verstarb sie. Das mag einer der traurigen Anlässe gewesen sein, dass sich Dante dem Studium der Philosophie hingab.

Ende des 13. Jahrhunderts bekleidete Dante hohe Ämter in Florenz. Das war in einer Zeit, wo es zwischen einzelnen italienischen Kommunen und auch innerhalb der Städte, immer wieder zu schweren Konflikten kam.

Damals entstand in Florenz auch das, was man heute Kapitalismus nennt. Fast 100000 Menschen bewegten sich damals täglich durch die Straßen der Metropole – mehr als in Rom oder London. Seit dieser Zeit veränderte sich die Art wie Menschen wirtschaften. Nicht allein das Bedürfnis nach materieller Versorgung zum Überleben spielt einzige Rolle, sondern um die Wende zum 14. Jahrhundert, wirtschaftete man in abstrakteren Kategorien und fragte sich wie sich mehr Gewinn als je zuvor erzielen ließe und aus Finanzkapital neues Geld geschlagen werden kann. Auch Dantes Vater, gehörte zu den florentinischen Bankiers.

Nach dem Sturz der politischen Partei Corsos im Jahr 1302, der auch Dante angehörte, verfolgte man ihn und er wurde aus Florenz vertrieben. Im selben Jahr noch verurteilte man ihn zum Tode, seine Familie wurde enteignet und verblieb zurück in bitterer Armut. Als Verbannter zog er durch Italien und Frankreich, ohne je seine Heimatstadt wiederzusehen. Er starb 1321 in Ravenna.

Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante am Eingang eines dunklen Waldes. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Wieso Komödie?

Der eigenartige Titel seines Werks, hatte sich erst lange nach seinem Tod, seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert. Was sich jedoch Dante unter dem Wort »Komödie« vorstellte, dürfte stark von dem abweichen, was man darunter heute versteht.

Wer sich seinem Werk nähert, das bekanntlich ja zuerst durch einen Abstieg in die Hölle beginnt, dürfte sich womöglich fragen, wieso statt von einer Komödie, nicht von einer Tragödie die Rede ist? Doch wenn Dante es Commedia nannte, ging es ihm eher um eine besondere Reise, die für ihn, mit einem Aufstieg aus der Unterwelt, ins Diesseits bis in den Himmel, eben dem entspricht, was die Alten einen »Singenden Umzug« nannten (zusammengefügt aus dem griech. komos, die »Feier«, und aoidos, der »Sänger«). Denn wer aus Höllenqualen befreit hinauf strebt in die Ränge der Engel, den wird man wohl ganz gewiss in freudigem Gesang, in Freudentanz und in einer beglückten Stimmung antreffen.

Dante verband mit dem Begriff Komödie also ein Erfahren, dass er durch sein inneres, geistiges Sehen, auf seinem Weg von der Hölle, hinauf entlang der Ebenen des Läuterungsberges und schließlich das himmlische Paradies betretend, wohl als immer erfreulicheres Erleben wahrnahm. Divina, das Göttliche, diesen Titelzusatz erhielt Dantes Werk erst durch die Nachwelt.

Eine Reise zu sich selbst

Es geht in der Göttlichen Komödie um eine Reise, die Dante als eigene innere Entwicklung schildert. Sicher aber verband er damit auch eine Belehrung für seine Leser. Das Verfassen seiner Göttlichen Komödie, sollte wohl auch ein Bedürfnis danach stillen, die von Gott erschaffene Welt, in all ihren Erscheinungen, in eine für den Leser fassbare Ordnung zu bringen. Nicht zufällig stellte die Nachwelt Dantes Werk darum als einen totalen Weltentwurf dar, das heißt, jedes beschriebene Detail darin erfüllt seinen Sinn. Was jedoch offen bleibt, ist, ob Dante sich und seinen Lesern der Göttlichen Komödie, letztendlich eine allumfassende Antwort auf die Fragen der Menschheit geben konnte.

Mit Sicherheit aber kleidete er seine Visionen, in die Verse seines opulenten Werkes, auf so gekonnte Weise, dass er auch seinen Lesern ein Gespür zu vermitteln vermochte, das bereits in ihnen eine lebendige Weisheit veranlagt ist.

Doch diese Dichtung bleibt mehr als reine Fiktion. Vielmehr steht Dante damit in der Tradition eines Geisteslebens, dessen Vorstellungen man auch in anderen visionsartigen Schriften des späten Mittelalters findet. Was Dantes Schrift von anderen unterscheidet, ist, dass es ihm wie keinem anderen gelang, einen architektonischen Aufbau der damals bekannten Welt zu formen. Denn sowohl Wissen aus der Antike, wissenschaftliche Erkenntnisse des Mittelalters, wie auch christliche Weisheit, fügen sich in der Göttlichen Komödie zu einem großen Ganzen zusammen.

Dantes Universum – ewigeweisheit.de

Das Universum Dantes.
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Die lebendige Erdkugel: Prüferin der Menschenseelen

Dante dachte sich die Erde kugelförmig und als eine von einem Meer umflossene Insel, die sich aus zwei Hemisphären zusammenfügt. Das vom griechischen Astrologen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (100-160) entwickelte geozentrische Weltbild (Centrum Mundi), galt auch in Dantes Göttlicher Komödie, wo die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, umgeben von den konzentrischen Kreisen einer Sternenwelt aus Planeten und Fixsternen.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde, bildet den diesseitigen Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem. Die andere, südliche Hemisphäre, galt Dante als unbewohnt und vom Wasser des Meeres bedeckt. Inmitten dieses Meeres aber ragt der Berg der Läuterung empor, dessen Abhänge unterteilt sind in sieben Stufen. Auf diesen Ebenen der Läuterung, werden die Seelen von ihren begagnegen Sünden gereinigt. Den Gipfel des Läuterungsberges aber bildet das irdische Paradies. Dorthin gelangt nur, wer im wörtlichen Sinne »durch die Hölle ging«. Sie befindet sich unter der Stadt Jerusalem (interessant ist hier die Parallele zur Legende der Freimaurer, wo der Baumeister Hiram Abiff, vom Jerusalemer Tempelberg, auf außergewöhnliche Weise in die Unterwelt reist, bis zum Mittelpunkt der Erde, dem Wohnort des Brudermörders Kain). Doch Dante kommt ab vom Weg und verirrt sich im Gehölz eines dunklen Waldes, weit westwärts der heiligen Stadt.

Dantes Erde gleicht einem makrokosmischen Organismus, einem planetarischen Lebewesen, dass die auf die Erde kommenden Seelen der Menschen, zu Lebzeiten und nach dem Tode bindet, prüft und läutert, doch gemäß ihrem Los, dann irgendwann ins All entlässt. Dabei aber müssen Hölle und Läuterungsberg gar nicht jenseitige Orte sein. Vielmehr leben wir bereits dort – wenn wir all unser Vermögen und unsere Kräfte an das Irdische hängen, wegen Gier, übersteigerter Lust, dem Streben nach Besitz oder Macht.

Wer schlecht handelt, wer böse ist, lebt selbst im Bösen. Zerrissen zwischen Hass und Bedauern, sind alle jene die Zwietracht stiften. Der Verräter, der statt durch Liebe, die Welt mit Gewalt verändern will, verfrachtet sich ins höllische Eis, fernab von allem Geliebtwerden. Wer sich aber von diesen bösen Zielen verabschiedet und sich davon lösen will, dem gelingt vielleicht auch der Aufstieg am Läuterungsberg, wo er sich der Vergänglichkeit und Nichtigkeit all der irdischen Vergnügen und Zwänge bewusst wird. Damit wird es auch wahrscheinlicher, dass er dereinst doch seinen Frieden im Paradies findet.

Dantes dreigeteilte Welt

In der Göttlichen Komödie ist das Jenseits eine dreigeteilte Welt. Überhaupt ist die Zahl Drei in Dantes Epos von zentraler Bedeutung: In sogenannten Terzinen, einer gereimten Gedichtform italienischer Herkunft, besteht jede Strophe aus drei Versen. Drei Jenseitsreiche durchwandern die Seelen der Verstorbenen: die Hölle (Inferno), das Fegefeuer (Purgatorio) und endlich das Paradies (Paradiso). Jeder dieser drei Welten widmete Dante je 33 Gesänge - zusammen also 99 plus einem einleitenden Gesang, so dass es zu einer großen harmonischen und arithmetisch-poetischen Geschlossenheit kommt: 1 + 3 x 33 = 100.

Seine Dichtung der Göttlichen Komödie, beschrieb Dante als eine große Vision, wo er zuerst mit seinen Führer Vergil und später mit Beatrice, die Seelen der Verstorbenen durchs Jenseits begleitete. Die Geistesbilder, die er in diesem Erleben beschreibt, beginnen schauderhaft und hässlich, doch enden mit dem Schönen, Glückseligen und schließlich im Licht von Gottes Gegenwart.

 

Die im Folgenden verwendete dichterische Übersetzung der Verse aus Dantes Göttlicher Komödie, stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Streckfuß (1778-1844).

 

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