Numerologie / Kabbala / Tarot

Triskaidekaphobie: Furcht vor der Zahl 13

Triskaidekaphobie: Furcht vor der Zahl 13

Der Tod - ewigeweisheit.de

Seit Jahrhunderten gibt es im Westen Menschen, die sich vor der Zahl Dreizehn fürchten. Das geht teils so weit, dass sich manche an einem 13. gar nicht aus dem Bett trauen! Woher aber kommt diese Angst?

Ursprünglich war die 13 eine Heilige Zahl, nämlich bei jenen Völkern, die einen Lunisolarkalender (das ist ein Jahres-Mondkalender) verwenden. Da nämlich müssen manche Jahre 13 Monate haben, zumal sich das Mondjahr (355 Tage) vom Sonnenjahr (365 Tage) um mindestens zehn Tage unterscheidet.

Den alten Germanen galt die 13 als eine Glückszahl, was im Übrigen auch in Japan so war. In der Tradition der Juden gilt die 13 als Symbol Gottes, steht sie doch über der 12.

Im Mittelalter wohl kam es dann zu einem Wechsel der Sicht auf die Dinge, die in irgend einer Form mit der Zahl 13 zusammenhängen. Im deutschen Volksmund galt dann die 13 als "Dutzend des Teufels". Auch darum kein Zufall, wenn das 13. Große Arkanum des Tarot die Symbolik des Todes zeigt.

La Mort (Wirth-Tarot) – ewigeweisheit.de

La Mort (Der Tod): 13. Bild des Oswald-Wirth-Tarot-Decks (1889)

Freitag der Dreizehnte

Die 13 und der Freitag sind beides seit langem Unglückssymbole. Wo doch ein Freitag (Karfreitag) der Tag der Kreuzigung Christi war. Darum ist naheliegend, dass abergläubische Menschen an Tagen, die gleichzeitig Freitage und Dreizehnte waren, schon immer Unglück befürchteten.

Im Oktober 1307 befahl der französische König Philipp IV. in Paris die Verhaftung aller Mitglieder des Ordens der Tempelritter. Das führte zur offiziellen Aufhebung der sogenannten "Templer", von denen manche in den Untergrund verschwanden.

Der Templerorden war einer der mächtigsten und einflussreichsten Ritterorden in der gesamten damaligen Welt. Auf die Templer geht das gesamte Bankenwesen und die bargeldlose Bezahlung zurück. Entsprechend war die Macht des Templerordens in ihrem damaligen Einflussbereich, der sich von den Britischen Inseln, über Südeuropa bis nach Palästina erstreckte. Auch wegen ihrer eigenartigen Riten, wurde der Orden der Katholischen Kirche unheimlich. Hohe Geistliche hatten darum König Phillipp dazu gedrängt, gegen diesen Orden entsprechend zu verfahren. Und das geschah eben an einem Freitag dem 13.

Der letzte Großmeister der Tempelritter, Jacques de Molay, wurde am "schwarzen Freitag", den 13. Oktober 1307, auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

 

Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Die Bewusstseinsstruktur des Mentalen

Rodin: Denker, Gemälde Munch - ewigeweisheit.de

Visionen erschuf der mythische Mensch, aus seinem von Polarität umfassten Geist. Seine Gehirnaktivitäten beherrschten vornehmlich Bilder bestehender Vorstellungen. Es waren Imaginationen die er aus einem untereinander verflochtenen und miteinander verbundenen, spirituellen Gewebe bildete. Sein Denken prägten also eher Bilder als Worte. Was er erzielen wollte imaginierte er und tat es sogleich.

Auch heute begibt sich ein Mensch durch seine Imagninationsgabe, in diese, manchmal traumartige Vorstellungswelt, wo er das ihn Umgebende, als den anderen Pol seiner Wahrnehmung empfindet. Jeder der schöpferisch oder kreativ tätig ist, wendet diese Fähigkeit an – ganz gleich welcher Tätigkeit er dabei auch nachgeht.

Vor vielleicht 6.000 Jahren entwickelte die Menschheit etwas, dass Jean Gebser »Gerichtetes Denken« nennt. Es ist eine Geistesaktivität die nicht mehr polarbezogen ist, sondern objektbezogen. Das heißt, Gerichtetes Denken kehrt sich vom polaren Bewusstsein ab und richtet sich auf voneinander getrennte Gegensätze, die für sich stehend einer ursprünglich polaren Ergänzung entbehren. Hiermit erhält das Bewusstsein eine Kraft, die ihm von da an aus dem Ich des Einzelnen zufließt.

So auch kam das Ego in die Welt, was einher ging mit einer ganz grundlegenden Veränderung menschlichen Bewusstseins. Denn der Mensch verließ damit den bewahrenden Kreis des Seelischen und begann seine Welt durch Denken zu bewältigen. Was heißt das?

Nun, hierzu ist es sicher hilfreich, wenn wir uns zunächst noch einmal gedanklich zurückbegeben in die mythische Bewusstseinsstruktur. Denn lange vor der Zeitenwende in die mentale Struktur, sollte besonders ein Mythos wichtig werden: Die Sage von der Heirat des griechischen Göttervaters Zeus mit der Metis. Sie war die Tochter der Gottheiten des Meeres und selbst »Göttin des klugen Rats«. Ihr Name galt den griechischen Philosophen auch als Synonym für die Personifikation des »Scharfsinns«, eine Geistesfähigkeit die man ja auch als praktisches Wissen oder reine Vernunft beschreiben könnte.

Aus diesem Mythos aber erfahren wir nun Folgendes: Unter Schmerzen zerbrach sich Zeus den Kopf darüber, ob Metis ihm vielleicht einen mächtigeren Sohn gebären könnte, als ihm wirklich lieb sei. Er fürchtete dass ihm ein Junge vielleicht sogar den Platz als Götterkönig streitig machen könnte. Seine Angst aber schlug um in blinden Zorn und drum verschlang er seine schwangere Geliebte, samt einem in ihrem Leibe wachsenden Mädchen.

Da traten der olympische Götterschmied Hephaistos und der titanische Feuerbringer Prometheus auf. Mit der Axt des himmlischen Fabers, spaltete der Titan Zeus den Kopf, wonach dem klaffenden Götterschädel, mit lautem Kriegsgeheul, eine reife Jungfrau entstieg. In voller Rüstung kam sie zur Welt, ihre goldenen Waffen schwingend: Pallas Athene – Göttin der Weisheit, des Verstandes, der Kriegskunst und des Handwerks.

Dieser Mythos beschreibt den klassischen Anfang von Zivilisation und Städtekultur, die einen gewaltigen Bewusstseinssprung für die Menschheit einleiten sollte, denn die »göttliche Kopfgeburt« Athene »zivilisierte« die Griechen mit der Gründung der nach ihr benannten Stadt Athen.

Nicht aber nur in Griechenland schien sich da etwas zu wandeln. Auch die mosaische Tradition der Juden führte Menschen sprichwörtlich auf neuen Boden. Vom Berge Sinai herabgestiegen, stellte der Prophet Moses diesem neuen, im Menschen erwachten »Ich«, einen zürnenden doch auch verständigen Gott JHVH gegenüber. Hierbei entstand das, was wir heute Monotheismus nennen. Moses führte seine Leute aus dem Land der Ägypter, die er mit JHVHs Zorn durch Plagen und Seuchen schlug. Über die Halbinsel Sinai kam das Volk Israel schließlich ins gelobte Land, wo die Juden ihre erste Stadt erbauten: Jerusalem.

Diese scheinbar widersprüchlichen Gegensätze von Zorn und Verstand, die sowohl Zeus, Athene oder dem jüdischen JHVH zu eigen sind, eint das lateinische »mens«: ein Wort mit weitem Bedeutungsspielraum, der neben den Begriffen »Absicht«, »Mut«, »Gedanke«, »Vorstellung« oder »Sinnesart«, eben genau diese Wörter »Zorn« wie auch »Verstand« umfasst. Geht man dem indoeuropäischen Ursprung des Wortes »mens« nach, begegnet man auch dem »manas« des Sanskrit, das in sich ebenso diese Doppelbedeutung von Verstand und Zorn eint.

Krieg der Gegensätze

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung nun, entstanden sowohl im Abendland wie auch im Morgenland, zwei epische Dichtungen, die »heilige Kampfhandlungen« beschreiben: der Grieche Homer schilderte da in seiner Illias den Trojanischen Krieg, während man aus der Bhagavad Gita der Inder, ebenso von einem großen, heiligen Krieg erfährt. Beide Dichtungen sollten sowohl in West und Ost ganz maßgeblich die Kulturgeschichte beeinflussen.

Hieraus ergibt sich das, was man vielleicht als die Geburt des Dualismus bezeichnen könnte: Zwei verfeindete Lager kämpfen gegeneinander, wo jeweils die einen die Guten und die anderen die Bösen sind. Es war das auch die Zeit wo in Persien der Prophet Zarathustra (um 600 v. Chr.) auftrat, um zu künden vom ewigen Streit der Mächte des Guten und des Bösen. Ein Gott der Weisheit stritt da mit einem Teufel der Zerstörung: der hell strahlende Ahura Mazda trat an gegen den finsteren Ahriman – zwei Namen allerdings die eine etymologisch gemeinsame Wurzel vermuten lassen.

Vor dieser Zeit der dualistischen Trennung des Polaren waren die Glieder der wahrgenommenen Welt eben noch untereinander verbunden, entsprachen einander. Was Polarität im Gegensatz zum Dualismus bedeutet, wird anschaulich in der Betrachtung der Pole unserer Erde. Ihr Vorhandensein nämlich ergibt sich aus der Rotationsachse unseres Planeten, über die sie ja ganz konkret miteinander verbunden sind.

Diese zwei Pole sind eben auch ein Hinweis auf jene Bewegungsform des Kreises (der Signatur der mythischen Struktur), wobei ja die Herkunft des Wortes »Pol« auf das griechische »pólos« zurückgeht, das »drehen« bedeutet – was ja eben die Bewegung der Erdachse ist.

Während jedoch das Bewusstsein der Menschheit mit dem Übergang in die mentale Struktur mutierte, wies ihr oben angedeutetes »Gerichtetsein« beispielsweise nur noch auf die Himmelsrichtungen an sich. Das heißt: man abstrahierte Norden und Süden beziehungsweise Osten und Westen, die damit sinngemäß für sich selbst stehend wurden und man sie nicht mehr primär als wechselseitige Entsprechungen empfand. Was zuvor die gegenseitige Entsprechung polarer Gegensätze war, war von da an aufgehoben.

Dieses einschneidende Ereignis, das sich in der Menschheitsgeschichte als Aufspaltung in den Dualismus äußerte, brachte nun das Prinzip der Mittlertätigkeit ins Spiel. Es bedurfte von da an eines einigenden, versöhnenden Elements, was am deutlichsten jene »Herabgestiegenen« oder »Menschensöhne« verkörpern sollten. Ihr Erscheinen in der Geschichte der Menschheit, als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, erweiterte die Dualität um ein anscheinend notwendiges Element, was in die göttliche Dreieinigkeit führte – die Trinität.

Ihr begegnen wir auch in der Trimurti des Hinduismus, die für die Vereinigung der drei kosmischen Funktionen von Erschaffung, Erhaltung und Umformung steht: als Brahma, Vishnu und Shiva. Dem Erhalter Vishnu aber kommt dabei jene Mittlertätigkeit zwischen Göttlich-Himmlischem und Irdisch-Menschlichem zu, wo er in seinen zehn Inkarnationen, den Avataras (Herabgestiegene), als Menschheitslehrer auf Erden erscheint – darunter etwa als Krishna oder Buddha, oder als Kalki-Avatar am Ende unseres gegenwärtigen Zeitalters, das die Inder das Kali-Yuga nennen: das »Zeitalter des Streits«.

Platon und Aristoteles - ewigeweisheit.de

Bildausschnitt des Gemäldes von Raphael (1483–1520): Die Schule von Athen. In der Mitte die Philosophen Platon (links) und Aristoteles (rechts).

Die Geburt des Materialismus

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat die Menschheit aus der bergenden Welt der dunklen Höhlen in die Wachheit des Tages von Himmel und Licht. Wohl kaum ein Zufall wenn damals auch Platon sein Höhlengleichnis formulierte. Darin nämlich geht es um jene »Zurückgebliebenen«, die die Schatten des Lichts auf den Höhlenwänden für die eigentliche Wirklichkeit hielten. Einem von ihnen aber gelang die Höhle verlassend, sich hinaus ins Licht des Tages zu begeben. Dort oben wurde er der Sonne gewahr. Ihr Licht aber blendete ihn. So eigentlich blieb es aber doch nur ein Sehen von Schattierungen, selbst wenn man seit damals in Europa begann, die Sonne zum Symbol einer ultimativen Wirklichkeit zu erheben.

Es war das eben die Zeit in der man zu unterscheiden begann zwischen einer dunklen Unterwelt ewiger Nacht und einer tageshellen, von der Sonne erleuchteten himmlischen Welt. Dazwischen aber befand sich der Mensch in gespanntem Empfinden dieser Gegensätze.

Was wir mit der Spaltung des Seins und der Trennung der Pole andeuteten, sollte sich damit auch tatsächlich auf die menschliche Wahrnehmung der Welt übertragen. Das wird anschaulich wenn man die indoeuropäische Wortwurzel »me« oder »ma« genauer ansieht. Aus ihr nämlich leiten sich Bedeutungen ab, die sich beiderseits auf Irdisch-Unterweltliches, wie auch auf Geistig-Himmlisches übertragen lassen. Das heißt: Was in der archaischen, der magischen und mythischen Bewusstseinsstruktur noch verbunden war (wie zum Beispiel in der Einheit von Erde und Himmel), sollte die mentale Ebene nun von einander (anscheinend) für immer trennen.

Schon das Wort »mental« ist ja mit dieser Wurzel »me« (oder »ma«) verbunden und es lässt sich hieraus eine gesamte Familie weiterer Bedeutungen ableiten, die charakteristisch sind für den Wechsel von der mythischen, in eben jene der mentalen Bewusstseinsstruktur. Erinnern wir uns hier auch noch einmal an Metis, deren Name sich ja ebenso aus der Wortwurzel »me« ableitet.

Neben dem im Sanskrit bereits erwähnt auftauchenden »Manas«, dem Verstand, lässt sich aus der Wurzelsilbe »ma«, wiederum die Silbe »mat« ableiten. Aus ihr entsteht das Sanskrit-Wort »Matar«, die Mutter, das sich seinem indoeuropäischem Ursprung nach auf die griechischen Wörter »Mater«, die Mutter, und »Materie« übertragen lässt, worauf sich zum Beispiel auch »Metrum« und damit das »Maß« des »Meters« belaufen, sowie auch alles was eben als »Materialismus« einer vollständig ausgemessenen, von menschlichem Geist bestimmten Welt entstand.

Der griechische Philosoph Pythagoras (570-510 v. Chr.) war der erste »Vermesser des Abendlandes«. Er erfand die Verhältnisse im Dreieck, bewiesen in seinem berühmten mathematischen Satz. Er auch stellte eine Verbindung zwischen den Tönen her (mit dem von ihm erfundenen, einsaitigen Monochord), die während der magischen Bewusstseinsstruktur noch in den wohl überwirklich klingenden Gesängen ertönten, und dem was in dieser Zeit der mentalen Bewusstseinsstruktur, durch die Zahlen sichtbar und messbar gemacht werden sollte. Das war der Ursprung der Harmonik und eigentlich der Anfang aller Wissenschaft.

Die Zahl ist das Wesen aller Dinge

- Ausspruch des Pythagoras

Mit dem direkten Erfahren der magischen und mythischen Struktur schien seitdem ein Wille zur Abstraktion zu rivalisieren. Und dieses Abstrahieren begann durch die Erfindung der Zahlen als Ziffern. Nur wenig früher entstanden im alten Griechenland die Münzen als »Zahlungs«-Mittel.

Jenes oben bereits beschriebene lateinische »mens«, das etymologisch verwandt ist mit dem englischen »mind« (Denken, Vernunft, Erinnerung), sollte zum Wort für den intellektuellen Menschen werden, für den Menschen als Denker, in diesem Übergang aus der mythischen Bewusstseinsstruktur in die mentale.

Kehren wir aber erneut zurück zur Symbolik der Athene-Geburt. Wie der Mythos besagt, spaltete Prometheus mit der Axt des Hephaistos dem höchsten Gott Zeus den Schädel. Er aber sollte den Menschen auch das Feuer bringen. Ein anderer Mythos fügt dem hinzu, dass jener Himmelsschmied Hephaistos aus Lehm eine Frau schuf und ihr Leben einhauchte: Pandora – ein Wesen das über alle Gaben verfügte (pan »alles«, doron »Gabe«). Gewiss erinnert einen das an die Erschaffung des Menschen, wie durch den Demiurgen der Gnostiker oder die Elohim der biblischen Genesis, wo ja ebenso einem aus Lehm geschaffen Wesen Leben eingehaucht wurde.

Prometheus nun brachte den Menschen zwar das Feuer, damit er hiermit Metalle schmelze, sie in Formen gieße und daraus Werkzeuge schmiede; doch als Zeus die Pandora zu ihnen sandte, und sie unter ihnen ihre sprichwörtliche Büchse öffnete, ergoss sich alles Übel über die Menschheit, vor allem Seuchen und Krankheit.

Zeus fürchtete eben den feuerbesitzenden Menschen und ließ es nur daher dazu kommen. Die Pandora war anscheinend, so wie auch das biblische Paar Edens, ein dem bisher lebenden, sogenannten »primitiven Menschen« angeblich überlegenes Wesen. Was Pandora in ihrer Unheil versprühenden Büchse jedoch zurückhielt war die Hoffnung: das Gegenteil der Angst. Denn Angst und Hoffnung waren in der Wirklichkeit des mythischen Bewusstseins einfach die beiden, sich entsprechenden Pole dessen, was in der Zeit des magischen Bewusstseins noch ein und das Selbe war.

Nun lassen sich aus diesem Ausschnitt der griechischen Mythologie, gewiss eine Vielzahl an Parallelen zur semitischen Tradition (wie etwa in den Erzählungen über die Nachfahren Kains) finden, doch wie es scheint auch zu all dem, was mit der dereinst entstandenen Zivilisation der Menschheit einher gehen sollte. Es war der Anfang des sogenannten »Eisernen Zeitalters«, der Periode in der Geschichte der Menschheit, die im Hinduismus als das »Dunkle Zeitalter«, als das bereits oben besprochene »Kali-Yuga« bezeichnet wird.

Recht-Sprechung und Isolation

Die Verfestigung der mentalen Bewusstseinsstruktur im Abendland, erfolgte praktisch in zwei Schritten: Zum einen kam es in den 200 Jahren zwischen 550-350 v. Chr. zu einer Wende mit dem Wirken von Pythagoras, Parmenides, Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch auch im ebenso langen Zeitraum zwischen 1.300 und 1.500 n. Chr. sollten etwa ein Dante Alighieri oder ein Leonardo da Vinci die Kulturentwicklung des Abendlandes ganz maßgeblich beeinflussen.

Es scheint als wären in diesen beiden Wendezeiten die Kernmerkmale der mentalen Struktur ganz deutlich geworden. Was wir zuvor als jene Gerichtetheit in der Raumzeit andeuteten, sollte da zu einem Nachrichten oder Ausrichten an vorgegebenem Gesetz werden, von etwas Beschlossenem also, was sich folge-richtig im selben Bedeutungshorizont bewegt wie die Wörter »Gericht« und »Recht«. Auch das »Rechte«, die Seite »rechts«, muss in diesem Zusammenhang mit angeführt werden.

Seit Pythagoras kamen auch besondere »Rechtsvorschriften« zum Ausdruck, der seinen Schülern vorgab stets auf der rechten Seite in ein Heiligtum einzutreten und etwa immer den rechten Schuh zuerst anzuziehen. Solch rechtes Handeln schien sich bis heute allgemein in der eher verbreiteten Rechtshändigkeit erhalten zu haben (in der Rechten das Wahre, in der Linken das Falsche).

Die römische Rechtslehre schließlich sollte das festigen, was man das »Ich-Bewusstsein« nennt. Im römischen Zwölftafelgesetz aus dem 5. Jahrhundert n. Chr., legte man die Rechte und Pflichten des Einzelnen im Staat fest.

Im 14. Jahrhundert nahm Römisches Recht dann entscheidenden Einfluss auf die Rechtsprechung Mitteleuropas, da im Mittelalter, in manchen Staaten dieser Region, kein einheitliches Rechtssystem bestand.

Jene zwölf römischen Tafeln aber erinnern gewiss an jene Mittlerfunktion von der bereits die Rede war. Sie waren für jeden sichtbar ausgestellt, auf dem Forum Romanum, dem Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom.

Solch Mittlerfunktion sollten auch die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, sowie später die jüdische Tora einnehmen. Moses überbrachte dem Volk Israel die beiden Gesetzestafeln, als er vom Berge Sinai zu ihnen hinabstieg. Was aber sowohl in der angeführten, alten römischen Gesetzgebung auch für die jüdische galt, war die Abstraktion dessen was als allgemein strukturiertes Gesetz einem Volk gegeben wurde, zur Angleichung an eine weit höhere, übergeordnete Instanz.

Wenn Moses als Mittler, die später im Salomonischen Tempel aufbewahrten Gebotstafeln, dem Volke Israel (auf Erden) vom Gipfel des Berges Sinai (vom Himmel), von Gott empfangen überbrachte, kommt da eben wieder die zuvor angedeutete dritte Dimension der mentalen Bewusstseinsstruktur zum Vorschein.

Hatten wir nun der magischen Struktur als Signatur den Punkt zugeordnet […], hatten wir der mythischen Struktur den Kreis zugeordnet […], so ist es nur folgerichtig, wenn wir der dreidimensionalen Struktur das Dreieck als Signatur zuordnen […] Dabei steht die Basis des Dreiecks mit ihren beiden gegensätzlichen Punkten für das duale Gegensatzpaar, das in der Spitze geeint wird.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Das Dreieck als Signatur der dritten Dimension, wurde immer auch als Richtungsweiser verwendet, was uns eben wieder zurückführt auf das »Gerichtete Denken« der mentalen Struktur und eben auf jene Rechtsprechung, sowohl im römischen Reich wie auch andererseits für die Israeliten. Es war das die Zeit, als man zur optischen Perspektive fand, die sich ja eben genau aus der Dreiheit der »Trigonometrie« entwickelte.

Schon sehr viel früher aber, am Ende der Zeit des mythischen Bewusstseins, brach etwas auf, wurde gespalten, das erst durch Gesetze (juristisch, politisch, religiös) wieder gerichtet beziehungsweise berichtigt werden sollte.

Mit dem gerichteten Denken ging eine allmähliche Quantifizierung der Welt einher, samt aller bewusst gewordenen Dinge der darin lebenden Menschen. Als bestes Beispiel ließe sich da etwa der in der ersten Wendephase zur mentalen Bewusstseinsstruktur lebende Philosoph Demokrit anführen, der im 5. Jahrhundert v. Chr. die Vorstellung vom Atom entwickelte. Das bedeutete eine bis zu diesem Zeitpunkt nicht dagewesene Fragmentierung der Anschauung der materiellen Welt.

Alles was den oben erwähnten zwei Mutationsphasen der mentalen Struktur, mit dem Beginn der Neuzeit folgen sollte, war eine noch drastischere Fragmentierung der Wirklichkeit. Eine wissenschaftliche oder ökonomische Philosophie, sollte sich im Abendland aller möglichen Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Da Vinci exhumierte Leichname, um ihre toten Leiber aufzuschneiden und so ihre organische und skeletthafte Struktur zu untersuchen, was spätestens für die spätere Chirurgie von Belang geworden sein durfte.

Seit der Renaissance begannen aber die negativen Aspekte der mentalen Bewusstseinsstruktur, immer mehr in ihrer zunehmenden Oberflächlichkeit zum Vorschein zu kommen. Sobald das Mentale in Form des Rationalen aber maßlos wurde und sich dabei richtungslos ausbreitete, erlangte das was man als »negativen Aspekt der Psyche« bezeichnen könnte, die Herrschaft über die Vernunft. Und eben das sollte den einst noch mentalen, fließenden Dualismus, in eine ganz kompromisslos getrennte Zweiheit überführen. Damit ist gemeint, was nicht mehr auf einer einstigen Ermittlung des aus einer Logik entstandenen Wahren basiert, sondern auf Rhetorik und einer damit einhergehenden Kunst des Überzeugens. Es schien da ein reines Argumentieren die einfache Fähigkeit zur Erkenntnis übertrumpfen zu wollen.

In den fünf Jahrhunderten nach der Renaissance begannen sich die Menschen eben einfach selbst immer wichtiger zu nehmen. Was sich seit dieser Zeit, aus ihrem Ich zu einer Person, eben einer »persona«, wörtlich also einer »Maskierung« des Seelischen, verhärtete, führte zu all dem was sich in den Kulturen des Abendlandes in der Verwissenschaftlichung der Welt äußern sollte. Das ging einher mit der damals einsetzenden Überheblichkeit eines Fremdartigkeit aufbürdenden Kolonialismus.

Wo man nichts mehr zu vermessen fand, da wollte man noch weiter in die Ferne vordringen, um dabei andere Länder und Kontinente als neuen Lebensraum zu erobern.

In dem Moment, da das Maßvolle vom Maßlosen der Ratio abgelöst wurde […] begann sich die Abstraktion in ihre äußerste Manifestationsform zu wandeln, die durchaus mit dem Begriff der Isolation beschrieben werden darf

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mentale Struktur«

Und mit dieser Isolation scheint in unseren Tagen etwas immer weiter auszuarten, das mit einer zusätzlichen Rationalisierung, einer Abstraktion und letztendlichen Technisierung all unserer Lebensbereiche in Erscheinung treten wird.

Im Sinne einer übermäßig verstandesbetonten Rationalisierung seines Lebens, die man heute als Optimierung rechtfertigt, isoliert sich der Mensch zunehmend. Und diese Isolation geht keineswegs mit irgend geartetem Schutz einher, wird die Verbindung des Menschen mit seiner Außenwelt doch durch allerhand Hightech, nur immer mehr geteilt und weiter aufgespalten.

Das heißt, dass sich jene oben angedeutete mythische Axt des Hephaistos, sich heute anscheinend in unzählige moderne Technologien differenziert hat. Sie allerdings erschaffen, allegorisch gesprochen, den in winzige Teilstücke fragmentierten Gitterrost einer Gefängniszelle, worin sich der wahre Mensch zunehmender Bedrängnis ausgesetzt fühlt. Gemäß seiner Veranlagung aber, sich wegen Sinnesreizen dem Außen gegenüber zu öffnen, verschafft er indessen immer mehr Beklemmendem Zugang zu seinem Inneren.

So ist der Mensch nicht mehr aus sich selber heraus Mensch, sondern folgt abhängig, ist gezwungen sich gegebenen Bedingungen anzupassen – seien es neue Gesetze, neue Moden oder neue Technologien. Doch wohin soll das führen?

Wege zu einer modernen Kabbala

von Johan von Kirschner

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienten als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzen muss, sozusagen also die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

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Isaak Luria: Der Heilige Löwe von Safed

von Johan von Kirschner

Der Löwe von Safed - ewigeweisheit.de

Ende des 16. Jahrhunderts wurde im palästinischen Galiläa, die kleine Stadt Safed zu einem Zentrum spiritueller Gelehrsamkeit. Hier formulierte man die wesentlichen Glaubenslehren der Kabbala und von hier aus breiteten sie sich schließlich aus, in der gesamten jüdischen Welt.

Die Kabbala-Mystiker Safeds übten großen Einfluss aus, auf das religiöse Denken der Juden ihrer Zeit. Dabei war Safed nicht einmal von historischer Bedeutung, da es weder in biblischem noch talmudischem Kontext auftaucht. Das sich die politische Rolle dieser kleinen Stadt jedoch änderte, lag an den eher ungünstigen Verhältnissen, die damals in Jerusalem herrschten. Denn während der osmanischen Herrschaft über die heilige Stadt, war man sich uneinig in der Haltung gegenüber den Rabbinern.

Zu den Söhnen der Stadt Safed aber zählten die Koryphäen der Kabbala: unter ihnen Moses Cordovero, Chaim Vital und vor allem Isaak Luria. Er nämlich sollte die Vorstellungen über das Judentum nachhaltig verändern.

Isaak Luria kam 1534 in Jerusalem zur Welt und der Legende nach, erschien seinem Vater noch vor seiner Geburt der Prophet Elija, der zu ihm sprach:

Du sollst wissen, dass der Alleinige Herr, Segen sei auf ihm, mich zu dir sandte, um dir die Nachricht zu überbringen, dass deine Frau einen Sohn zur Welt bringen wird. Du sollst ihn Isaak nennen. Er wird Israel aus der Gewalt der Schalen befreien (das Wort »Schale« wird in der Kabbala auch an anderer Stelle als Synonym für die Kräfte des Bösen verwendet, wie sie etwa in Zeiten des Krieges die Kräfte des Guten verhüllen). Er wird viele Seelen erlösen, aus ihren leidvollen Wanderungen. Durch ihn werden die Lehren der Kabbala der Welt enthüllt.

Sein Vater sollte schließlich erkennen, dass sich seine Vision im Wesen seines Sohnes bewahrheiten sollte, zeigte der sich ihm doch als außergewöhnlich kluges Kind. Doch Isaak Luria war gerade acht Jahre alt, als sein Vater plötzlich verstarb. Seine Mutter ging darauf mit ihm nach Kairo, wo er im Hause seines Onkels David ben Zimra aufwuchs. Der war oberster Rabbiner Ägyptens. Im Alter von fünfzehn Jahren verheiratete ihn sein Onkel mit seiner Tochter. Er erkannte Lurias wirkliche Größe und unterstützte ihn in den kommenden Jahren in seinen Studien.

In dieser Ausbildung lernte Luria alles was er als Rabbiner wissen musste. Auch eignete er sich in dieser Zeit die alten Symbole der Kabbalisten an, um daraus neue Denkweisen herzuleiten.

Isaak Luria befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Drum wollte er sein Wirken nicht nur auf den Talmud beschränken. Vor allem die Lehre der Kabbala interessierte ihn – die man »Wissenschaft der Wahrheit« nannte. Das Anliegen dieser Geheimlehre war die Tora ins genaueste zu untersuchen und die größten Geheimnisse der fünf Bücher Mose in ihr zu enthüllen. Unwiderstehlich schien Luria die Anziehungskraft dieser Geheimlehre. Doch auch jeder, der sich mit den Inhalten der Kabbala-Lehre zum ersten Mal befasst, dürfte Ähnliches verspüren. Dabei ist das Studium der Kabbala durchaus ein Lebenswerk und könnte, wenn möglich, über viele Menschenleben hinweg studiert werden.

Das Buch Sohar

So also kam Luria dazu, sein Leben ganz dieser Geheimlehre zu widmen. Seinem Eifer geschuldet, konnte er damit aber nicht mehr am alltäglichen Leben teilnehmen. Er zog sich vollkommen zurück und begab sich in eine kleine Einsiedelei am Ufer des Nils. Nur an Schabbat war er bei seiner Familie. Den Rest der Woche verbrachte er fastend in Gebet, Meditation und Studium der heiligen Schriften. Dieser völlige Rückzug in Askese begann, als er sich mit dem wohl wichtigsten Werk der Kabbala befasste: dem Sohar – Buch des Glanzes, das der sagenhafte Rabbi Schimon ben Jochai im 2. Jahrundert n. Chr. verfasste.

Luria begegnete einmal einem Händler. Der führte mit sich den Sohar, dieses eigenartige Buch jüdischer Esoterik. Er fragte den Mann, ob er ihm das Buch verkaufe. Doch der Mann meinte nur, dass er kein Gelehrter sei und in die Hände dieser Schrift eher zufällig kam und er es ihm einfach so überlassen könne. Erst damit, meinen Manche, begann Luria sich für die Mystik des Göttlichen zu interessieren. Sicherlich aber würden manche unterstellen, dass das tatsächlich untertrieben ist, denn Luria hatte fast schon einen fanatischen Enthusiasmus entwickelt, der ihn befähigte, in den kommenden acht Jahren sich voll und ganz dem Studium dieses Buches zu widmen, auch wenn er in den ersten Jahren nicht wirklich alles darin vollkommen verstand. Doch es heißt, Isaak Luria schaute direkt in die Ränge der Engel, wodurch sich ihm die Geheimnisse des Sohar immer mehr erhellten.

In der biografischen Literatur findet man keine Erwähnung über einen spirituellen Lehrer oder Meister, den Luria hatte, während seines zurückgezogenen Lebens am Nil. Anscheinend war so ein menschlicher Lehrer für ihn nicht vonnöten. Denn in jenen Tagen, so die Legende, trat er in Kommunikation mit dem Heiligen Propheten Elija – der ja Isaak Lurias Vater noch vor seiner Geburt erschienen war. Durch den Propheten löste sich seine Seele von allen körperlichen Banden und stieg auf, bis an die Wohnstatt des Himmlischen. Dort wurde ihm die göttliche Gegenwart gewahr, im Beisein all der vielen Seelen der Verstorbenen, der Heiligen und Schutzengel. Nach sechs Jahren schließlich träumte Luria von einer geheimnisvollen, himmlischen Stimme die zu ihm sprach und ihn aufforderte Ägypten zu verlassen. So also war Luria seinem asketischen Leben, auf Geheiß des Himmels gefolgt, was dazu führte, dass er dereinst Ägypten verlassen und sich ins palästinische Safed begeben sollte.

Eine spirituelle Bewegung in Galiläa

Bei alle diesen fast schon fantastisch anmutenden Beschreibungen, von Isaak Lurias göttlichen Eingebungen, dürfte es recht wahrscheinlich sein, dass er in seiner Zelle, neben dem Buch Sohar, auch eine kleine Bibliothek besaß, worin sich neben der Heiligen Schrift auch die Werke verschiedener anderer jüdischer Mystiker reihten. Schließlich verwies er immer wieder auf jene Rabbis, die sich in der geschichtlich langen Kette der mystischen Tradition im Judentum bilden.

Auf Geheiß jener mystischen Stimme, kehrte 1569 Isaak Luria zurück nach Palästina und ließ sich dort im galiläischen Safed nieder. Dort traf er auf seinen zukünftigen Lehrer Rabbi Moses Cordovero (1522-1570) – einem Nachkommen sephardischer Juden, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten, von dort aber 1492 nach Galiläa fliehen mussten. Über einen Zeitraum von drei Monaten nun, begab sich Luria in die Lehre seines neuen Meisters. Doch Cordovero verstarb bereits nach relativ kurzer Zeit. In der Prozession zu seinem Grab erhielt Luria dann Kunde über seine zukünftige Rolle in Safed, als Lehrer der Kabbala.

Ein ergebener Schüler Isaak Lurias

Als Isaak Luria dann als Nachfolger Cordoveros seine Berufung als Kabbala-Lehrer in Safed begann, war sein Ansehen noch sehr gering. Seine Schüler waren eben den rationalen Stil Cordoveros gewohnt. Luria aber sah im spirituellen System des Sohar ein eher dynamisches Zusammenspiel in der Beschreibung der kosmischen Urarchetypen. Nur wenige aber wollten damals seiner Lehre folgen.

Auf einmal gewann ein anderer Rabbi in Safed Einfluss, der in den Reihen der Schülerschaft Isaak Lurias stand. Auf seinen Namen hatten wir bereits oben hingedeutet: Rabbi Chaim Vital (das »Ch« im Vornamen »Chaim« wird ausgesprochen wie das »ch« im deutschen »Nacht«). Der führte eine komplett neue Form ein, wie das Buch Sohar zu studieren sei.

Eines Tages nun bat Chaim Vital seinen Lehrer Isaak Luria, eine bestimmte Passage aus dem Sohar zu erklären. Lurias Interpretation des Textes war aber so außergewöhnlich, das Vital und alle anderen Anwesenden, damit auf einen völlig neuen Weg geführt wurden, um die Geheimnisse des Sohar nun tatsächlich auch zu begreifen. Auch nachdem Vital ihn nach einem weiteren Vers im Sohar fragte, gab ihm Luria eine Erklärung, die dem Frager wiederum völlig neue Perspektiven eröffnete. Vital begriff auf einmal die tiefer liegenden Geheimnisse dieses heiligen Buches, etwas das er bisher nicht erkannt hatte.

Dies musste auf Chaim Vital einen ganz enormen Einfluss ausgeübt haben und er erkannte, dass in Wirklichkeit doch Isaak Luria sein Meister war. Als er ihm ein andermal wieder eine Frage stellte, wies Luria diese zurück. Anscheinend wollte er Chaim Vital sogar aus den Lehrveranstaltungen ausschließen. Doch dieser fiel vor Luria auf die Knie und erflehte bei ihm weiter studieren zu dürfen. Schließlich gewährte im Luria die weitere Teilnahme.

Geistiges Erbe des Weisen Moses Cordovero

Was an Lehren über das biblische Schriftwerk und den Sohar in Safed geschaffen wurde, ist bis heute in der Welt der Kabbala von höchster Relevanz. Denn es scheint, als ergeben sich beim Studium der Lehren von Moses Cordovero und Isaak Luria, sich gegenseitig ergänzende Glaubenssätze. Cordovero neigte eher zur Rationalität und versuchte seine Lehre auf bestimmte Weise zu systematisieren, wozu ihm insbesondere der Sohar als wichtiges Hilfmittel diente. Das gab ihm die Chance zu neuen Erkenntnissen. Fest steht, dass Moses Cordovero zu den größten Theoretikern der jüdischen Mystik zählt. Gleichzeitig aber wäre falsch anzunehmen, dass er selbst ein reiner Vernunftmensch gewesen sei. Nie fehlte es Cordovero an mystischen Gewahrsein. Er war es nämlich der die verschiedenen Stufen der göttlichen Emanationen, wie wir sie im Lebensbaum sehen, auf ganz einzigartige Weise erklärte, als einen Vorgang visionären, göttlichen Denkens.

Moses Cordovero erklärte das Verhältnis des unendlichen Ayn Soph (auch: En Sof) zum instrumentalen Organismus der Kelim – den Gefäßen der Sefiroth. Immer wieder, so Cordovero, stoßen auf diese Kelim, aus der Unendlichkeit die Kräfte des göttliche Werkes. Danach ziehen sich diese Wirkungen wieder zurück, um aber dereinst erneut auf die Schöpfung einzuwirken. Und in dieser Wechselwirkung steht Gott zu seiner Schöpfung, in einem ihr innewohnenden Konflikt, denn er ist sowohl ihr Lenker als auch das Gelenkte selbst, womit also Gott und seine Schöpfung eins sind. Cordovero aber gelang es diesen eigentlichen Widerspruch aufzulösen und auf gekonnte Weise so zu systematisieren, das sich aus der problematischen Frage nach dem Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung, ein verständliches System entwickeln ließ. Cordovero meinte eben, dass alle Realität mit Gott identisch sei, nicht aber alle Realität Gott selbst ist. Für ihn war der Begriff Ayn Soph damit gleichbedeutend mit einem »Weltdenken«, einer geistig-göttlichen Substanz, worin alles Seiende existiert. Damit sind der Schöpfer und seine Schöpfung im Erschaffenen eins – Gott ist Alles und nichts existiert außerhalb seines Seins.

Das außergewöhnliche Werk, das Cordovero seiner Nachwelt hinterließ, schuf er in verhältnismäßig kurzer Zeit, denn er starb bereits im Alter von 48 Jahren. Moses Cordovero aber hatte die Gabe, die spirituell-mystischen Inhalte der Kabbala in eine einfache, verständliche Form zu bringen, die den Leser befähigten, die hinter dem Inhalt seiner Schriften wirkende Weisheit, auch tatsächlich in ihrer Kernaussage zu erfassen und zu verinnerlichen.

Isaak Lurias Grab - ewigeweisheit.de

Verehrer an Isaak Lurias Grab im galiläischen Safed.

Was Luria hinterließ

Im Wirken Isaak Lurias sollte sich alles spätere reflektieren, was in der Kabbala Bedeutung hatte. Gewiss ließe er sich als größter Gelehrter der gesamten spirituellen Kabbala-Bewegung Safeds bezeichnen. Sein Wirken, in diesem kleinen Ort Galiläas, entfachte nach seinem Tod eine regelrechte Heiligenverehrung. Auf seinen Spuren bewegen sich noch heute Kabbala-Schüler, entlang unzähliger Wegweiser, die an die mit diesem Meister zusammenhängenden Legenden erinnern.

Nicht etwa aber hinterließ Isaak Luria, in seiner recht kurzen Lebenszeit von gerade einmal 38 Jahren, ein Schriftwerk. Es heißt, er war ganz und gar kein Literat. Alles was man über Luria weiß, erhielt sich über seine Schüler, die ihn jedoch wie ein übernatürliches Wesen verehrten. Einer von ihnen fragte ihn einst, wieso er keine seiner außergewöhnlichen Lehrreden in Buchform brachte, worauf ihm Luria antwortete:

Es ist gänzlich unmöglich, stehen doch alle Dinge miteinander in Wechselbeziehung. Ich kann kaum meinen Mund zum Sprechen öffnen, ohne dabei das Gefühl eines brechenden Dammes zu verspüren, von dessen Wassern alles überspült wird. Wie soll ich das denn in einem Buch niederschreiben, um damit auszudrücken was meine Seele tatsächlich empfängt?

Und doch versuchte Luria, während seiner drei Jahre in Safed, seine Gedanken in einem Buch niederzulegen, was seine Verehrer unter dem Titel Kithve Ha-Ari führen: »Die Schriften des Heiligen Löwen«. Darin schrieb er Kommentare zum Buch Sohar, was sicherlich nur einen kleinen Ausschnitt seines eigentlichen Wissens und seiner Weisheiten zusammenfasst.

Seine mystischen Hymnen zum Schabbat aber, sollten selbst in die jüdische Religionstradition übergehen. Bis heute findet man sie in fast jedem jüdischen Gebetbuch.

In Gegenwart der Schekinah

An jedem Vorabend zum Schabbat wird die Heilige Schekinah – die Göttliche Gegenwart in ihrer weiblichen Dimension – von den Gläubigen eingeladen, diese Welt auf Erden weitere sechs Tage zu bewohnen. Mit dem Singen der Hymnen Lurias, zelebrieren die Gläubigen die Heilige Hochzeit des Himmlischen und des Irdischen, von Gott und seinem Volk Israel, das »der paradiesische Fall« ja vor sehr langer Zeit trennte.

Hierzu wird ein Tisch mit dem Schabbat-Mahl gedeckt, den einstigen Tempel symbolisierend, worin Gott als Gast gebeten wird, sich eben dort, im Kreis der Familie niederzulassen. Der Schabbat-Tisch wird damit zum »Landefeld«, wo sich Gott vergegenwärtigt in dem darauf befindlichen siebenarmigen Leuchter (Menora), im Salz, im Brot, im Fleisch, im Wein und im Fisch. Der Fisch aber ist das Symbol des Schabbat.

Hymnen singend
Trete ich ein durch die Tore,
Zu den Feldern
Der Heiligen Äpfel.

Einen neuen Tisch
Decken wir für sie
Ein hübscher Kandelaber
Ergießt sein Licht über uns.

Zwischen rechts und links
Nähert sich die Braut,
Geschmückt mit heiligen Juwelen
Und festlichen Gewändern.

Ihr Ehemann umarmt
Ihr ganzes Dasein,
Ihr Freude spendend,
Seine Kraft zu ihr hinausdrängend.

Marter und Mühen
Sind beendet.
Jetzt sind die Gesichter,
Sinne und Seelen fröhlich.

Große Freude ist da
In zweifältigem Maße.
Licht scheint auf die Braut
Und Ströme des Segens.

Brautführer, geht hin
Und bereitet vor die Zierde der Braut,
Essen verschiedener Arten
Alle Arten von Fisch.

Um Seelen
Und neue Geisteswesen zu zeugen
Auf den zweiunddreißig Zweigen
Und drei Ästen.

Sie trägt siebzig Kronen
Und den überirdischen König
Damit alle gekrönt werden
Im Allerheiligsten.

Alle Welten sind in ihr eingraviert
Und in ihr verborgen,
Doch sie strahlen fort
Vom »Alten der Tage«.

Möge es Sein Wille sein
Unter Seinem Volke zu verweilen
Das sich Seinetwillen erfreut
Mit Süßigkeit und Honig.

Im Süden stelle ich auf
Den verborgenen Kandelaber,
Im Norden mache ich Platz
Für den Tisch der Brote.

Mit Weinbechern
Und Myrtenzweigen
Die Verlobten beschütze,
Die Schwachen stärke.

Wir flechten ihnen Zöpfe
Aus kostbaren Worten
Die Siebzig zu krönen
In fünfzig Toren.

Die Schekinah sei geschmückt
Mit sechs Sabbat-Laibern
An jeder Seite verbunden
Mit dem himmlischen Heiligtum.

Geschwächt und ausgestoßen
Die unreinen Mächte,
Die bedrohlichen Dämonen
Sind nun gefesselt.

Grundkonzepte der Lurianischen Kabbala

Den größten Teil dessen, was Isaak Luria seinen Schülern lehrte ist uns durch Chaim Vitals Arbeit erhalten geblieben. Er nämlich war es, der alles genau dokumentierte und niederschrieb, was Luria mit seinen Schülern besprach. Vital schrieb außerdem über Isaak Lurias besondere Charakterzüge, womit er der Lehre seines Meister auch eine authentische Note verlieh. Das Wichtigste dieser Notizen ist zusammengefasst in dem kabbalistischen Buch Etz Chaim – zu deutsch: »Baum des Lebens«. Doch auch zu Lebzeiten Vitals, blieben die Lehren Lurias Geheimwissen. Wer Kopien seiner Texte herstellte, dem drohte der Ausschluss aus der Gemeinde, was zu damaliger Zeit einen erheblichen, sozialen Einschnitt im Leben eines Juden bedeutete. So also blieb die Lurianische Kabbala lange Zeit eine verborgene Lehre, in Safed aufbewahrt und nur besprochen im engen Kreise seiner Schüler.

Die Entstehung der Seele im Angesicht des Göttlichen

Charakteristisch für Lurias System der Kabbala, sind die sogenannten »Partzufim«, die Gesichter der Schöpfung, die als Vermittler zwischen Gott und seiner Schöpfung fungieren.Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה).Kabbala Lebensbaum nach Rodurago

Vor der Erschaffung der Welt, erfüllte das Ayn Soph einen unendlichen Raum des Nichts und war damit identisch, doch es barg in sich das Potential des Entstehens. Denn die Leere nimmt alles auf, was sich in sie begibt. So auch kam es laut Lurianischer Kabbala zu Gottes Entschluss zur Schöpfung. Auf einmal zog sich dieser unendliche Raum des Ayn Soph, in sich selbst zurück. Das heißt also, das in der ewigen Unendlichkeit dieser Leere, sich alles auf einen Punkt zusammenzog und darin konzentrierte, was eben dem Zustand entspricht, den die moderne Kosmologie »Urknall« nennt, wo sich in einem unendlich kleinen Punkt, die Masse des gesamten heute existierenden Universums konzentrierte und worin Raum und Zeit noch eins waren – doch im nächsten Augenblick das Nichtsein in ein Sein überführt wurde. Aus der Konzentration des universalen Seins, vor dem Schöpfungsakt, brach das hervor, was die Kabbala Ayn Soph Aur nennt: »Das unendliche Licht«. Um dieses Licht aber bildeten sich zehn kreisförmige Schalen oder Behältnisse, hebräisch Kelim, die die Kabbala Sefiroth nennt – die »Sphären der Schöpfung«. Durch sie entstand das Universum in seiner Einheit, aus der sich dieses unendliche Licht ausbreitete, doch sein Zentrum nie ganz verließ.

Vom Rande dieser kreisförmigen Schöpfung nun durchbrach ein Licht die einzelnen Schalen, und drang vor bis ins innerste Zentrum. Von den zehn Sphären jedoch, hielten dem Andruck dieses Lichtstroms nur die äußersten, die obersten Sefiroth (Sphären) stand, da sie sich am nächsten zum Ayn Soph befanden. Die inneren sechs Sefiroth konnten dem Lichtstrom nicht standhalten und zerplatzen. Darum war es wichtig sie aus dem Lichtstrom zu entfernen. Und das war der Moment, als die Partzufim entstanden – die »Gesichter der Schöpfung«.

So transformierten sich die zehn Sefiroth in die göttlichen Gesichter der Partzufim. Aus der Sefirah Kether (Sefirah ist der Singular von Sefiroth) formte sich Arik Anpin, das »Große Gesicht« aus dem wiederum die zweite Sefirah Chokmah hervorging, die Luria Abba nennt, den »Vater«, was das aktive Prinzip der Schöpfung repräsentiert. Hierzu formte sich das Gesicht der Imma, der »Mutter«, als entsprechend passives Prinzip der Schöpfung.

Das verbliebene Licht der »zerplatzten Hüllen« der unteren sechs Sefiroth, formte Zeir Anpin, den »göttlichen Sohn«. Zu ihm, und abschließend, steht Nukvah, die »Tochter« oder Schekinah, jenes »weibliche Prinzip«, das sich in der Natur unserer Welt, aus der zehnten Sefirah Malkuth manifestierte.

Es muss nun aber unterschieden werden zwischen dem Licht der Sefiroth und den Scherben, die aus den zerplatzen Kelim (Schalen) in die Finsternis stürzten und dort das bilden, was in der Kabbala als die Klipoth bezeichnet wird. Sie sind die Ursache für die Entstehung des Bösen. Als Konsequenz daraus entstand eine Welt deren Gesetze auf Lohn und Strafe beruhen. Hätte Gott jedoch die Partzufim zuvor geschaffen, wäre es nicht zum Bruch der Kelim (Gefäße) der Sefiroth gekommen, wo doch aus ihren Scherben das Böse hervorgeht, dass die in diesem Schöpfungskontext entstandenen Seelen, seit Anbeginn ihrer Existenz, überwinden sollten.

Aus diesen fünf Göttlichen Gesichtern nun (also Arik Anpin, Abba, Imma, Zeir Anpin und Nukvah) gestaltete sich eine Metaphysik der Seele zu dem, was sich etwa als Lurianisches System der Psyche bezeichnen lässt. Gemäß dieser fünf metaphysischen Strukturen, gingen dabei die fünf Teile der Seele hervor: Jechida, Chaja, Neschama, Ruach und Nefesch (das »ch« in diesen hebräischen Begriffen wird ausgesprochen wie das »ch« im Wort »Nacht«, während das »j« wie beim deutschen Wort »Jahr« ausgesprochen wird). Die erste Seele gilt als die spirituell höchste, die letzte in dieser Reihe als die spirituell niedrigste, wobei die Verantwortung der menschlichen Seele als solche, ein Bindeglied bildet zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, worin sich Göttliches und Weltliches konzentrieren.

Aus diesem spirituellen Seelenleib, ging als geistiger Mensch hervor Adam Kadmon – Urbild des Menschen, aus dem der irdische Adam hervorging. Mit seiner Versündigung am Baum der Erkenntnis aber, fiel der irdische Adam in die materielle Welt, worauf er sich mit dem menschlichen Körper unserer Spezies bekleidete. Doch sich aus den geistigen Gefilden des Zeir Anpin lösend, riss er mit sich jene Splitter der sechs unteren Sefiroth (siehe oben), die seit jeher auch in jedem Menschen veranlagt sind, doch gleichzeitig von jedem Individuum überwunden werden können und sollen, und zwar durch seine Hinwendung zum höchsten und reinsten Teil seiner Seele, die dem reinen Urlicht der Schöpfung am nähsten ist – jenem Licht das aus Arik Anpin hervorstrahlt.

Adam Kadmon Baum - ewigeweisheit.de

Die zehn göttlichen Attribute der Sefiroth bilden den Urtypus Mensch: Adam Kadmon. Illustration von Isaak Meyer in einem Buch von Christian Ginsburg: »The Kabbalah - its Doctrines, Development and Literature«, aus dem Jahre 1888.

Rückkehr der Seele

Zu dieser Lehre der Seelenwanderung, fügte Isaak Luria den Begriff des Ibbur hinzu – der »Schwängerung der Seele«. Was ist damit gemeint?

Verstarb ein guter Mensch, kann es manchmal vorkommen, das seine Seele zeitweilig die Seele eines auf Erden verkörperten, lebenden Menschen durchdringt und dabei sozusagen mit positiven, geistigen Impulsen »schwängert«. Im Gegensatz dazu steht der Dibbuk, der Seele eines Toten, die sich aufgrund ihrer Verfehlungen nicht von der irdischen Existenz trennen konnte und darum seither verzweifelt nach einem lebenden Körper sucht, um diesen zu besetzen und für seine widergeistigen Zwecke zu missbrauchen.

Ziel des Ibbur allerdings ist, seine religiösen Verpflichtungen auf Erden nachzuholen, wobei sich die Seele des Verstobenen mit der eines Lebenden verbindet, um Gutes zu vollbringen. Jene wiederkehrende Seele erscheint auf Erden erneut, um einer schwachen Seele bei ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Bei alle dem aber geschieht dies nur für Seelen homogenen Charakters. Laut Isaak Luria trägt ein Mensch auf seiner Stirn ein Zeichen, was dem Kenner erlaubt daran die Seelennatur ihres Trägers abzulesen (ausführlicher beschrieben im Buch Sohar, Stichwort »Stirnfalten«).

Die rituelle Praxis

Für Luria besaß jedes der Zehn Gebote auch eine mystische Dimension. Und vor diesem Hintergrund galt ihm der Schabbat als der Tag, an dem sich die Gottheit im alltäglichen Leben, in Gegenwart der Menschen manifestiert. Jede rituelle Handlung, die am Schabbat vollzogen wird, soll im Umkehrschluss darum auch auf die obere Welt zurückwirken. Voraussetzung dafür aber ist, dass man die Silben der heiligen Namen im Gebet, in Meditation und vollkommener Ergebenheit rezitiere.

Isaak Luria versuchte damit das mystische Judentum stellvertretend für das rabbinische Judentum einzutauschen. Gut möglich, dass nach seinem Tod darum die oben zitierten Hymnen zum Schabbat so weite Verbreitung fanden, eben auch unter Gläubigen, die sich weniger der Kabbala zugewandt haben. Sein spirituelles Erbe sollte dereinst aber den Weg ebnen für die Lehren des asketischen Sabbatianismus.

Wenn man sich auf die Spuren der Geschichte der Lurianischen Kabbala begibt, findet man an ihr aber doch auch recht dramatische Züge. Allerdings waren es weniger seine Schüler, die zu so etwas beigetragen hatten. Was Chaim Vital an Lurias Lehren systematisierte, behandelte er, wie gesagt als strenge Geheimlehre. Allein seinen Mitschülern gab er die theosophische Lehre ihres Meister Isaak Luria weiter, und verlieh ihr dabei sogar einen recht akademischen Beiklang. Lurias Kabbala wurde also nur im Kreise seiner Schüler in Safed weiter gelehrt und kommentiert. Bis zu Vitals Tode im Jahr 1620 in Damaskus, wurde nicht ein einziges seiner Bücher über Lurias Kabbala vervielfältigt. Gut möglich jedoch, dass manche seiner Texte im Geheimen kopiert wurden und sich so auch über die Grenzen seiner Schülerschaft aus Safed hinausbewegten – sicher aber auch, weil er Schüler unterrichtete, die eben nicht zum direkten Kreise Lurias gehört hatten.

Die Lurianische Kabbala fand also, wenn man so will, erst durch andere Kabbalisten zu ihrer Verbreitung. Doch über sie gelangten die darin besprochenen Lehren Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Europa – im sogenannten »Zeitalter der Aufklärung«, während der großen Reformbewegungen in der Geschichte des Westens. Alles was damals jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangt war, das ist auch heute noch im Verborgenen.

 

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Drei, Sechs und Neun - drei besondere Zahlen

Drei, Sechs und Neun - drei besondere Zahlen

Wenn du die Herrlichkeit der 3, 6 und 9 verstanden hast, hast du einen Schlüssel zum Universum gefunden.

- Nikola Tesla

Die Zahlen 3, 6 und 9 sind magisch. Sie stehen für Prinzipien, worauf die elementaren Gesetze von Wachstum und Zerfall im Universum gründen. Nimmt man sie etwa aus der Zahlenreihe der einstelligen Ziffern heraus, bleiben 6 Zahlen übrig, aus denen sich sogar die Gesetze der biologischen Zellteilung herleiten lassen.

Alle drei Zahlen basieren arithmetisch auf dem Gesetz der Dreiheit, wie die folgenden Gleichungen beweisen:

3 + 3 = 6
3 x 3 = 9
6 + 6 = 12; Quersumme 1 + 2 = 3
6 * 6 = 36; Quersumme 3 + 6 = 9

Der serbisch-amerikanische Erfinder und Physiker Nikola Tesla (1856-1953), war von den grundlegenden Prinzip der Zahlen 3, 6 und 9 scheinbar besessen: bevor er ein Gebäude betrat, musste er es 3-mal umrunden. Seine Teller trocknete er 18-mal (3 x 6) ab. Zur Übernachtung wählte er nur Hotelzimmer, deren Nummer durch 3 teilbar war. 

Das mag recht abergläubig erscheinen, jedoch schien Tesla noch viel tiefgehendere Gesetzmäßigkeiten gekannt zu haben, die ihn dazu bewogen, diesem numerologisch-zahlenmystischen Übereifer gerecht werden zu müssen.

Zunächst sollte uns klar sein, dass weder Numerologie noch Mathematik erfunden wurden. Menschen entdeckten diese Wissenschaften, worin die Zahlenlehre eine universale Sprache bildet, als Grundgesetz des Universums.

Schon vor 2500 Jahren wusste Pythagoras:

Die Welt ist Zahl.

Nikola Tesla – ewigeweisheit.de

Portrait von Nikola Tesla aus dem Jahr 1906. Tesla gilt als Erfinder des Wechselstroms und man könnte ihn darum als Gründervater der Technologie des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Im Jahr 1899, will er mit der nach ihm benannten elektrischen Tesla-Spule besondere Signale von Venus und Mars empfangen haben.

Numerologische Gesetze gelten überall

Ganz gleich wo im Universum wir uns aufhalten: Mathematik und Numerologie bewahren ihre Gültigkeit an jedem Ort. So ist die Summe von 1 + 2 immer 3, auf der Erde, auf dem Mars und auf den fernsten Sternen unserer und anderer Galaxien.

Eines der wichtigsten dieser Gesetze aber ist das binäre Zahlensystem. Binär heißt, dass jeder mathematischen Operation die Zahl 2 zu Grunde liegt (von lat. bini: zweifach, paarweise). Ohne Zweiheit existiert nichts in der Welt. Sie steht für alle Kontraste, Übergänge, Polaritäten und Spiegelungen - Zuständen auf denen unsere weltliche Existenz basiert.

Zwar ist die 1 bereits eine Zahl, doch sie bildet an sich keine Form, ist sie doch entweder nur Punkt oder steht für das All.

In der 2 aber liegt der Gegensatz, der benötigt wird, damit Wahrnehmung überhaupt stattfinden kann: Sein-Nichtsein, Weiß-Schwarz, Oben-Unten, Groß-Klein und so weiter. Mit der 2 entsteht die erste Form: zwischen 2 Punkten bildet sich eine Strecke. Und aus der Strecke lassen sich alle weiteren Formen im Raum bilden.

Das binäre, auf der 2 basierende Zahlensystem, basiert auf der Verdoppelung der 2, die wie folgt mathematisch ausgedrückt wird:

20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 210 ...
1 2 4 8 16 32 64 128 256 512 1024 ...

Der Exponent (Hochzahl) ist fortlaufend, wie man hier sieht. Er zeigt also die natürliche Zahlenfolge. Das Ergebnis dieser Potenzen (eine Potenz ist in der Mathematik eine Zahl, die entsprechend ihrer Hochzahl mit sich selbst multipliziert wird) finden wir jeweils darunter. Es entspricht exakt dem Gesetz der Verdoppelung.

Diesem hier dargestellten Muster der Zahlenfolge 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64 und so weiter, folgt auch die biologische Zellteilung, teilt sich der Kern einer Zelle doch immer wieder aufs Neue.

Auf diesem Binärcode basieren auch alle Kalkulationen in der Computerwelt und zeitgenössischer Datenübertragung. Darin werden Zahlenreihen von 0 und 1 übertragen. Dieses Prinzip stammt von den ersten, einfachsten Rechenmaschinen, wo bestimmte Schaltkreise aus- oder eingeschaltet wurden - daher also 0 oder 1. Hierzu nahm man nun obige Zahlenreihe der 2er-Potenzen (beziehungsweise der ihnen entsprechenden Verdoppelungen der 2) und versah die einzelnen Positionen mit diesem binärem Doppelzustand von 0 oder 1. Die Zahlen der 2er-Potenzen dachte man sich damit quasi aus- oder eingestellt. Damit kann also jede beliebige Zahl aus diesem Prinzip dargestellt werden.

Im folgenden Beispiel verwenden wir zur Veranschaulichung aber nur die ersten 4 Potenzen der 2. Der Multiplikator 0 oder 1 steht in der ersten Reihe, womit die zweite beziehungsweise entsprechend die dritte Reihe multipliziert wird:

0 oder 1 0 oder 1 0 oder 1 0 oder 1
20 21 22 23
1 2 4 8

Hieraus ergibt sich dann diese Zuordnung:

Binärzahl Dezimalzahl
1000 1
0100 2
1100 3
0010 4
1010 5
0110 6
1110 7
0001 8
1001 9

Numerologische Prinzipien der Zellteilung

Auf den selben Prinzipien obigen Binärcodes, basieren schematisch auch die numerologischen Vorgänge in der biologischen Zellteilung. Allerdings wollen wir im Folgenden ebenfalls die Quersummen der Ergebnisse der Verdoppelung mit berücksichtigen:

Das Enneagramm-Modell – ewigeweisheit.de

Abb. 1: Das Modell des Enneagramms. Der Kreis, mit seinen 360° bildet den Ausgangspunkt dieses Symbols. Denn die 360, ergibt mit 3 + 6 + 0 = 9, wobei die 9 dem Symbol seinen Namen gibt. Doch aus den vorherigen Berechnungen erhalten wir außerdem eine Triade (Dreieck) und eine Hexade (unterstes Symbol). Vergleicht man nun die Eckpunkte mit den daran im Enneagramm auftauchenden Zahlen, so sind an der Triade 3, 6 und 9, an der Hexade aber 1, 4, 2, 8, 5 und 7 - eben jene Zahlen die wir als Quersummen aus obigem binären Zahlensystem erhielten.

1 + 1 = 2
2 + 2 = 4
4 + 4 = 8
8 + 8 = 16; 1 + 6 = 7
16 + 16 = 32; 3 + 2 = 5
32 + 32 = 64; 6 + 4 = 10; 1 + 0 = 1

64 + 64 = 128; 1 + 2 + 8 = 11; 1 + 1 = 2
128 + 128 = 256; 2 + 5 + 6 = 13; 1 + 3 = 4
256 + 256 = 512; 5 + 1 + 2 = 8
512 + 512 = 1024; 1 + 0 + 2 + 4 = 7
1024 + 1024 = 2048; 2 + 0 + 4 + 8 = 14; 1 + 4 = 5
2048 + 2048 = 4096; 4 + 0 + 9 + 6 = 19; 1 + 9 = 10; 1 + 0 = 1

4096 + 4096 = 8192; 8 + 1 + 9 + 2 = 20; 2 + 0 = 2
8192 + 8192 = 16384; 1 + 6 + 3 + 8 + 4 = 22; 2 + 2 = 4
16384 + 16384 = 32768; 3 + 2 + 7 + 6 + 8 = 26; 2 + 6 = 8
32768 + 32768 = 65536; 6 + 5 + 5 + 3 + 6 = 25; 2 + 5 = 7
65536 + 65536 = 131072; 1 + 3 + 1 + 0 + 7 + 2 = 14; 1 + 4 = 5
131072 + 131072 = 262144; 2 + 6 + 2 + 1 + 4 + 4 = 19; 1 + 9 = 10; 1 + 0 = 1

usw. ...

Wenn man sich nun die Werte der Quersummen (gefettet) ansieht, fällt auf, dass sich die Ziffern 2, 4, 8, 7, 5 und 1 wiederholen. Man kommt aber ebenfalls auf diese sechs Zahlen, wenn man, anstatt immer wieder zu verdoppeln, die Zahl 1 eben teilt, so wie sich auch eine Zelle teilt;

1 / 2 = 0,5; 0 + 5 = 5
0,5 / 2 = 0,25; 0 + 2 + 5 = 7
0,25 / 2 = 0,125; 0 + 1 + 2 + 5 = 8
0,125 / 2 = 0,0625; 0 + 0 + 6 + 2 + 5 = 13; 1 + 3 = 4
0,0625 / 2 = 0,03125; 0 + 0 + 3 + 1 + 2 + 5 = 11; 1 + 1 = 2
0,03125 / 2 = 0,015625; 0 + 0 + 1 + 5 + 6 + 2 + 5 = 19; 1 + 9 = 10; 1 + 0 = 1

usw. ...

Wenn wir diese mathematischen Operationen fortführen, so wiederholen sich auch hier die Zahle 5, 7, 8, 4, 2, 1, wenn auch in anderer Reihenfolge, immer wieder. Beide Zahlenfolgen aber, enthalten die selben Ziffern:

2, 4, 8, 7, 5, 1 und 5, 7, 8, 4, 2, 1
enthalten 1, 2, 4, 5, 7, 8.

Die Zahlen 3, 6 und 9 jedoch tauchen in dieser Zahlenfolge nicht auf.

Die Reihe der Ziffern 1, 2, 4, 5, 7, 8 scheint also eine Zahlenfolge des Lebens zu sein. Nun tauchen diese Zahlen auch auf, wenn man die Einheit durch 7 teilt. Und von einer solchen 7-Teilung, spricht ja auch die theosophische Seelenlehre, wie auch das hinduistische System der Chakras. Außerdem ereignen sich in 7er-Zyklen auch die Wachstumsprozesse des menschlichen Körpers.

Teilen wir also die Zahl 1 durch 7, erhalten wir folgenden, periodischen Bruch:

1 / 7 = 0,142857142857142857...

Unschwer lässt sich an dieser Zahlenfolge erkennen, dass sie der Reihenfolge nach die Hexade des Enneagramm (siehe Abb. 1 und 2) beschreiben, denn 1, 4, 2, 8, 5, 7 bilden hier einen Zyklus:

Außerdem entsprechen sie ihrem Wert nach genau den Quersummen der Verdoppelung in der biologischen Zellteilung. Denn wir begegnen den Ziffern 1, 4, 2, 8, 5, 7 erneut in dieser Gleichung, denn

2, 4, 8, 7, 5, 1 und 1, 4, 2, 8, 5, 7
enthalten 1, 2, 4, 5, 7, 8.

Die Enneagramm-Hexade – ewigeweisheit.de

Abb. 2: Die Hexade im Enneagramm zeigt die Zahlenfolge 1, 4, 2, 8, 5, 7 in zyklischer Form an, die man als periodischen Bruch erhält, wenn man die Zahlen 1 durch 7 teilt.

Numerologische Geometrie der Zahl 9

Das Grundprinzip, für das die Zahl 9 in den einstelligen Zahlen steht, verbirgt sich in der theosophischen Addition der übriegen Ziffern 1 bis 8:

1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 + 8 = 36
Quersumme 3 + 6 = 9

Im Verbogenen ist die Zahl 9 außerdem in der besagten Ziffernfolge 1, 2, 4, 5, 7 und 8 enthalten, denn

1 + 2 + 4 + 5 + 7 +  8 = 27
Quersumme 2 + 7 = 9

Und die Zahl 9 hat besondere Eigenschaften, die wir uns im Folgenden ansehen wollen.

In der Numerologie gilt die 9 als zyklische Zahl. Sie formt als solche das berühmte Enneagramm, dass durch den griechisch-armenischen Esoteriker George I. Gurdjieff (1886-1949) wiederentdeckt wurde. Mittels dieses numerologischen Modells, lassen sich neun Grundtypen der menschlichen Persönlichkeit ableiten.

Die Zahl 9 nun, hat eine besondere numerologische Eigenschaft, denn ganz gleich was man zu ihr addiert, erhält man immer wieder die addierte Zahl als Quersumme:

9 + 1 = 10; 1 + 0 = 1
9 + 5 = 14; 1 + 4 = 5
9 + 8 = 17; 1 + 7 = 8

Halbierte Kreissegmente

Ein Kreis hat 360° und damit ist auch hier die 9 relevant, denn 3 + 6 + 0 = 9.
Halbieren wir diesen Kreis, so erhalten wir die Zahl 180°, deren Quersumme natürlich ebenfalls 9 ist.
Erneut halbiert ist klar: 90°, also 9 + 0 = 9.
Erneut halbiert erhalten wir 45°, so dass wieder eine 9 als Summe herauskommt, also 4 + 5 = 9.
Die 45° halbiert ergibt 22,5° und auch diese Ziffern addiert, 2 + 2 + 5 ergibt eine 9.
22,5° erneut halbiert, sind 11,25° und auch 1 + 1 + 2 + 5 ergeben 9.
Ganz gleich wie oft wir weitere Segmente des Kreises in ihrer Gradzahl halbieren, erhalten wir immer eine Zahl, deren Ziffern zusammengezählt eine 9 ergeben (probieren sie es aus: folgende Zahlen sind 5,625°; 2,8125°; 1,40625°; 0,703125°; …).

9 und die polare Beziehung ihrer Summanden 3 und 6

Die Zahl 9 scheint überall vorhanden und gleichzeitig in der Summe, wie wir zu Anfangs sahen, keine Rolle zu spielen. So ist die 9, numerologisch gesehen eine Zahl für Alles und eine Zahl des Nichts.

Enneagramm-Alternative – ewigeweisheit.de

Abb. 3: Eine alternative Darstellung des Enneagramms. Die blaue Linie folgt der oben beschriebenen Zahlenfolge der Quersummen des Verdopplungsergebnisses 2, 4, 8, 7, 5, 1.
Beginnend mit der 2, zur 4 verdoppelt, dann zur 8, dann erneut wird sie 16, das heißt als Quersumme also 7, die erhaltene 16 erneut verdoppelt wird 32, als Quersumme also 5. Schließlich ist die verdoppelte 32 eine 64, deren Quersumme zunächst 10 ist, was wiederum zur einstelligen Quersumme von 1 führt.

Mit ihren Summanden 3 und 6, ergibt die 9 einige andere interessante Gesetzmäßigkeiten:

Verdoppeln wir die 6, so erhalten wir eine geheime 3, denn 6 + 6 = 12 und 1 + 2 = 3.
Wenn wir das Ergebnis 12 nun wieder verdoppeln, so erhalten wir 24, was ja als 2 + 4 = 6 ergibt.
24 verdoppelt ist 48 und davon die Quersumme eine 4 + 8 = 12, die wiederum eine 1 + 2 = 3 ergibt.
48 verdoppelt ergibt 96 und 9 + 6 = 15, was wieder eine 1 + 5 = 6 ergibt.

Gewissermaßen steht diese periodische Wiederholung der Zahlen 3 und 6, die sich nach jeder Verdoppelung abwechseln, als 3, 6, 3, 6, 3, 6, 3, 6, 3, … und damit als Gegenpol zum Effekt der Halbierung, die ja, wie wir oben sahen, immer wieder eine 9 als einstellige Quersumme ergibt.

Auch wenn wir die 9 verdoppeln, erhalten wir als einstellige Quersumme immer die Zahl 9:

9 + 9 = 18; 1 + 8 = 9
18 + 18 = 36; 3 + 6 = 9
36 + 36 = 72; 7 + 2 = 9
72 + 72 = 144; 1 + 4 + 4 = 9

Fazit

Die Zahlen 3, 6 und 9 stehen in beiden Varianten des Enneagramm-Symbols, für die Grundregeln der materiellen Gesetzmäßigkeiten unseres Weltalls - im Makrokosmos wie im Mikorkosmos. Die übrigen Ziffern 1, 2, 4, 5, 7 und 8 aber stehen für die Prinzipien von Wachstum und Zerfall. Es scheint also, als ließen sich die grundsätzlichen Funktionsweisen unserer Welt, sowohl auf materieller, wie auch auf seelisch-feinstofflicher Ebene abbilden, durch die einstelligen Ziffern unseres Zahlensystems und ihre numerologischen Gesetze.

Melchisedek - König von Salem

Melchisedek - König von Salem

Als Abram nach dem Sieg über Kedor-Laomer und die mit ihm verbündeten Könige zurückkam, zog ihm der König von Sodom ins Schawetal entgegen, das jetzt Tal des Königs heißt. Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein hervor. Und er war ein Priester des Höchsten Gottes. Und segnete ihn und sprach: Gesegnet seist du, Abram, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat; und gelobt sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Und demselben gab Abram den Zehnten von allem.

- Genesis 14:17ff

Melchisedek bringt Brot und Wein heraus - ewigeweisheit.de

Wie aus dem Nichts tritt im 14. Kapitel der Genesis ein sagenhafter König auf: Melchisedek von Salem. Von seinem rätselhaften Erscheinen spricht auch der Apostel Paulus in einem seiner Briefe an die Hebräer. Darin aber erklärt er die christliche Natur dieses Königs und seine himmlische Aufgabe auf Erden, der auf Geheiß der Ordnung des Melchisedek auch Jesus folgen sollte.

Was hier angedeutet wird, beschreiben folgende Verse des fünften Paulus-Briefes:

Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt. Darum muss er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden. Und niemand nimmt sich selbst diese Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron. So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat 'Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.' Wie er auch an anderer Stelle spricht: 'Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.' Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden, von Gott genannt ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

- Hebräer 5:1-10

Es geht also um die Erfüllung eines Priesteramtes, dessen Erfüllung seinem Inhaber nur darum gelingt, da er wegen seiner eigenen, menschlichen Schwächen, auch dazu im Stande ist Mitgefühl zu entwickeln. Doch er trägt auch die hohe Würde, die ihm nach Ordnung des Melchisedek verliehen wurde. Das machte auch den Jesus zum Christus, zum Gottgesalbten Messias, einen der höchsten Eingeweihten der Menschheitsgeschichte. Umso geheimnisvoller darum, wer oder was dieser Melchisedek von Salem eigentlich ist.

Auch König David wurde die Segnung des Priesterkönigs verliehen, worauf der 110. Psalm hinweist:

Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege. Das Zepter deiner Macht streckt der Herr aus vom Zion her: Herrsche inmitten deiner Feinde! Dich umgibt Herrschaft am Tag deiner Macht, im Glanz des Heiligtums. Ich habe dich aus dem Schoß gezeugt vor dem Morgenstern. Der Herr hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.

- Psalm 110:1-4

Wer nun aber war Melchisedek?

Aus den weltlichen Lehren des Christentums erfahren wir über seine wahre Existenz wenig. Seine Identität bleibt darum zunächst ein Rätsel.

Steht der Name Melchisedek eher für ein geistiges Prinzip höchster Vollkommenheit und göttlichen Rechts, oder war er auch tatsächlich ein von Gott eingesetzter, irdischer Herrscher?

Höchstes Geistesamt der Welt

Melchisedek wird in der Bibel bezeichnet als rechtschaffener König, Friedensfürst, ewiger König des höchsten Gottes, einer, »der den Tod niemals schmecken wird«. Sein Name deutet hin auf einen »König von Jerusalem« oder auch auf einen »König des Friedens«, denn der Name »Salem« ist etymologisch verwandt mit dem hebräischen »Schalom«, der Frieden.

Der Name Melchisedek setzt sich zusammen aus zwei Wörtern: »Melchi« oder »Malik«, der König, und »Sedek« oder »Zadik«, der Gerechte. Somit steht sein Name für den Gerechten König des Friedens. Chassiden verwenden das Wort »Zadik« außerdem zur Bezeichung eines heiligen, eines religiösen Würdenträgers moralischer Vollkommenheit. Damit ist der Melchisedek von Salem auch ein Priesterkönig des Friedens, der in dieser Rolle auch das verkörpert, wofür einst der Prophet König Salomon stand. Ihn mit Melchisedek jedoch gleichsetzen zu wollen wäre falsch.

Ist darum Melchisedek allein geistiges Vorbild, dessen Leitgedanken sich auf ein irdisch geborenes Wesen, in Gottes Auftrag übertragen?

Zunächst einmal scheint jener in Genesis 14 auftretende Priesterkönig ein leiblicher Mensch gewesen zu sein, da er dem Abraham als Person begegnet. Es wäre eher fantastisch anzunehmen, dass sich der Heilige Geist oder ein Engel (etwa Gabriel) in Form eines Menschen auf Erden manifestierte oder dem Abraham gar als Geist entgegenkam.

Gleichzeitig aber heißt es in den Apokryphen, Melchisedek sei ohne Vater und Mutter auf die Erde gekommen, wurde weder geboren, noch solle er jemals sterben. Das allerdings macht die Sache kompliziert. Denn wenn er nun kein Geist und auch kein geborener Mensch ist, dürfte uns damit seine Erscheinung noch geheimnisvoller vorkommen.

Was aber, wenn er beides zugleich ist?

Die Aufgabe des Priesterkönigs von Salem

Einer der Nachkommen Seths, dem dritten Sohn von Adam und Eva, war in zehnter Generation der Urvater Noah. Lamech, der Vater Noahs, gebot seinem Sohn den heiligen Leichnam Adams an einen besonderen Ort zu bringen, der gemäß Überlieferung als »Nabel der Welt« bezeichnet wird. Und diesen Ort nennt die biblische Legende Salem – der Name des heutigen Jerusalem.

Was sich Lamech außerdem von Noahs Verantwortung versprach, war, dass er einen seiner direkten Nachfahren mit der Bewachung des heiligen Leichnams Adams in Salem verpflichte. Und dieser Nachfahre des adamitischen Geschlechts, war wohl der Sohn Noahs: Sem – Namensgeber der Semiten, einer der Urväter der Juden.

Die eingangs zitierten Verse aus dem 14. Kapitel der Genesis, finden sich, in leicht abgewandelter Form, auch in den Überlieferungen des Talmud beziehungsweise Midrasch. Es gibt außerdem eine Version dieser Geschichte, die der Schriftsteller Joseph bin Gurion in seinen »Sagen der Juden« erzählt:

Als Abram von der Schlacht mit den Königen zurückging und an dem Tale Siddim vorbeikam, woselbst die Könige miteinander gestritten hatten, kam ihm Bera, der König von Sodom, entgegen und mit ihm die anderen Leute, die in die Lehmgruben gefallen waren. Auch Adoni-Sedek (vergl. Josua 10:1), der König von Jerusalem, dies war Sem, der Sohn Noahs, kam zu ihm heraus und trug Brot und Wein hervor, und sie standen dort alle im Tal der Könige. Und Adoni-Sedek segnete Abram, und Abram gab ihm den Zehnten von dem, was er von den Feinden erbeutet hatte, denn Adoni-Sedek war Priester vor dem Herrn.

- Die Sagen der Juden, Band II, S. 165, Joseph bin Gurion

Dies scheint eine alternative Fassung zu sein, der in Genesis 14 erwähnten Erzählung von Abrahams Segnung im Tal der Könige.

In der biblischen Fassung lesen wir von Melchi-Sedek der dem Abraham mit Brot und Wein entgegenkommt, in Bin Gurions Midrasch heißt dieser aber Adoni-Sedek. Diese Namen aber sind sich eigentlich ähnlich, weisen sie beidesmal doch auf einen Herrschaftstitel hin, wofür ja »Adoni«, hebräisch für »der Herr« (im Sinne eines Regenten), wie auch synonym »Melchi«, der König hinweisen. Das hebräische »Sedek«, die Gerechtigkeit, jedoch ist sowohl Teil des Namens Adoni-Sedek wie auch Mechisedek. Und damit ist mit dem zuvor gesagten hier ein Priesterkönig gemeint, der in heiliger Kommunion den Propheten »Abram« segnet, der dann einmal Abraham heißen wird. Sowohl also in der Bibel, wie auch im Midrasch, wird in dieser mystischen Begegnung hingewiesen auf die Verwandlung eine Königs, Abram, in einen Propheten vor dem Herrn (Adon).

Golgata auf dem Zion

Was diese verschiedenen Überlieferungen zu Melchisedek aber miteinander verbindet ist, dass er teils als Mensch, teils als Verkörperung einer höheren, geistigen Ordnung auftritt.

Zwar bleibt eine abschließende, genaue Erläuterung seiner Herkunft ungewiss, doch ist es vielleicht gar nicht so wichtig, über seine wahre Herkunft zu wissen, als eher seine Rolle zu erkennen, die jenem irdischen Wesen, in diesem Falle dem Sem, geboten war einzunehmen. Und so wie Sem »ein Melchisedek« war, so sollten es auch Abraham, David und schließlich Jesus Christus sein.

Der Heilige Ephrem von Syrien (306-373) schreibt in seiner apokryphen Schrift »Die Schatzhöhle«, dass nach dem Tod Noahs, durch seinen Sohn Sem der Leichnam Adams einem Melchisedek übergeben wurde. Dieser sollte ihn dann auf der Schädelstätte zu Golgata bestatten, auf dem Berg Zion. Laut Ephrem opferte hier Abraham den Widder statt seinem Sohn Isaak, womit die Einsetzung des Pessach erfolgte - jenem Fest, an dem man später das »Lamm Gottes« an dieser Stelle als gekreuzigten Christus aufrichtete. Wenn nun Melchisedek dem Abraham Brot und Wein gab und ihn segnte, erfolgte das vor 2000 Jahren zu Pessach durch den Leib Christi der, wie es heißt, für die Menschheit starb und dessen Blut für sie vergossen wurde:

dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

- Markus 14:22ff

Das Himmlische Jerusalem

Golgata ist jener Ort, über dem sich dereinst das neue, himmlische Jerusalem manifestieren wird, dessen König aber wohl bereits jetzt Melchisedek von Salem ist. Denn nachdem er den Adam hier beigesetzt hatte, lebt er seither dort als Priesterkönig des höchsten Gottes.

Grabeskirche Jerusalem - ewigeweisheit.de

Auf dem Golgata befindet sich heute die Jerusalemer Grabeskirche (Fotografie um 1900).

Laut dem griechischen Schriftgelehrten Suidas (Ende 10. Jhd.) aber, bewachte Melchisedek nicht nur das Grab Adams, sondern gilt sogar als Erbauer Jerusalems:

Melchisedek, Priester Gottes, König von Kanaan, erbaute eine Stadt auf einem Berg namens Zion. Ihr gab er den Namen Salem. Sie nennt man auch »Eirenopolis« – die Stadt des Friedens. Nach 113-jähriger Regentschaft aber starb er dort, rechtschaffen und ledig. […] Nichtsdestotrotz war Salem, wovon er der König gewesen, das berühmte Jerusalem, dass jedoch damals noch nicht den Namen »Hierusalem« trug. Erst später erhielt Salem die Vorsilbe »hieru«. Und da man ihm (Melchisedek) keine Abstammung zuschrieb heißt es, er war ohne Vater und Mutter.

Menschensohn und Gottessohn

Wie später Jesus Christus, nannte man Melchisedek einen Sohn Gottes. In fleischlicher Erscheinung als Messias, erschien er auf Erden in Gottes Auftrag.

Melchisedek ist symbolisch und mystisch gekennzeichnet als fleischgewordene Verkörperung des Heiligen Geistes. Einst wurde in den geistigen Himmelssphären ein mystischer Orden gegründet, von dem aus den Menschen auf Erden ein besonderes Bewusstsein übertragen wurde – zuerst durch den besagten Priesterkönig, später nach der Ordnung des Selben auch durch Jesus Christus.

Der Erste, der diese Einsetzung als Prophet der Menschheit erfuhr war Abraham, nachdem ihn Melchisedek in der bereits angedeuteten eucharistischen Initiation mit Brot und Wein segnete und ihn damit als ersten Propheten einsetzte.

Erst durch Abraham ergab sich das, was man später als Prophetentum bezeichnete. Wie er, wurden sie zu den gottgesandten Hohepriestern, in denen die Menschen die göttlichen Ideale erkennen konnten. Darauf weißt nun also jene zu Eingangs zitierte Bibel-Episode hin, in der Abraham seinen Segen erhielt.

Von dieser heiligen Begegnung Abrahams und Melchisedeks, erfuhren wir aus den zwei Fassungen, denen beiden aber dennoch der wahre Zweck dieses mystischen Vorgangs fehlt.

Die um 630 n. Chr. entstandene oströmische Weltchronik mit dem Titel Chronicon Constantinopolitanum, liefert eine recht erhellende Ergänzung zu dem, was wir hier bereits darstellten. Darin nämlich wird Melchisedek nicht gleichgesetzt mit Sem, sondern wird als Nachfahre des jüngsten Noah-Sohnes Ham beschrieben. Dennoch wird der Zweck der Begegnung Abrahams mit Melchisedek, und deren Ähnlichkeit mit dem Christus-Mysterium, auf besondere Weise vorgestellt:

Melchisedek war ein Mann aus dem Stamm des Ham. Gott mochte ihn, war er doch ein heiliger Nachkomme aus jenem Stamme. So bat ihn Gott in das Land jenseits des Jordan, so wie er auch den Abraham aus dem Land der Chaldäer rief. Und eben wie dieser Mann heilig und gerecht war, wurde er zum Priester des allerhöchsten Gottes, der Brot und Wein darbot, sowie die heiligen Gebete des allerhöchsten Gottes. Er betete für seine Sippe, indem er sprach: 'Herr, du erwähltest mich aus dem Kreise meines eigenen Volkes und hattest mit mir Gnade. Habe drum auch mit meinem Volke Gnade.' Doch Gott antwortete ihm und sagte: 'Ich will sie erretten, sobald ich meinen Sohn aus Ägypten her rufe.' Dieses Versprechen erhielt Melchisedek von Gott. […]

Während dieser Zeit geschah es, dass man Lot gefangen nahm und aus Sodom fortbrachte bei denen, die zum Volk Gothologomos gehörten, jene die Abraham verfolgte und zerstörte, und er befreite alle Gefangenen (vergl. Genesis 14:12). Und auch Lot, den Sohn seines Bruders Aram, befreite er aus ihren Fängen. So sprach dann Abraham bei sich: 'Herr, in meinen Tagen sende deinen Engel auf Erden, gewähre mir diesen Tag zu erleben!' Der Herr sprach: 'Das kann nicht geschehen, doch ich will dir an diesem Tag eine Person erscheinen lassen. Gehe hinab und überquere den Jordan-Fluss und du sollst sie erblicken.'

Darum überquerte Abraham den Jordan mit seinen Männern, und da trat Melchisedek auf sie zu, um ihn zu treffen, gerufen durch den Heiligen Geist, in seinen Händen das Brot der Eucharistie haltend und den Wein der Danksagung. Abraham aber sah Melchisedek nicht, bevor er den Jordan überquerte. Das aber war ein Symbol der Taufe.

Als Abraham nun den Melchisedek sah, der da kam um ihn zu treffen mit dem Brot der Eucharistie und dem Kelch der Danksagung, warf er sich mit dem Gesichte zur Erde hin, um ihn anzubeten, sah er doch den Tag des Herrn, und freute sich.

Insbesondere die Taufe im Jordan, ist eben jener fortführende Hinweis auf das, was man im neuen Testament als das Christus-Ereignis bezeichnen könnte. Denn Jesus wurde ja in diesem Fluss von Johannes getauft, damit er jenen Segen empfange, der ihn »nach Ordnung des Melchisedek« ermächtige, seinen himmlischen Auftrag auf Erden zu vollbringen.

Der Grund seines Erscheinens

Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten, glich Melchisedek keinem normalen Menschen. Das Reich in dem er König ist, scheint wohl eher eine Welt zu sein, die jenseits der Welt der Sterblichen liegt. Eher gleicht sie dem, was in der Offenbarung des Johannes, als das »Neue Jerusalem« bezeichnet wird: eine himmlische Stadt in deren Mitte das Geisteslicht Gottes strahlt.

Da führte mich im Geist hin auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam. Sie hatte die Herrlichkeit Gottes.

- Offenbarung 21:10f

Es ist ein Ort vollkommener Gerechtigkeit, wo, wie es heißt:

nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge

- Offenbarung 21:27

An diesem Ort erwartet dereinst Abraham in seinem Schoße die Seelen der Gerechten, bevor der Messias die Tore zu jener heiligen, himmlischen Stadt eröffnet.

Melchisedeks Rolle auf Erden nun, war mit der Einsetzung Abrahams, als ersten Propheten, den Weg der Erlösung der Seelen aus ihrer irdischen Existenz vorzubereiten, in die Gefilde des himmlischen Jerusalems. Denn wenn Abraham über Könige siegte, deren Länder, ja besonders Sodom und Gomorrha, Reiche des Frevels und der Bosheit waren, trat ihm Melchisedek segnend entgegen, um den dafür notwendigen Tribut zu empfangen – in Genesis 14 der »Zehnte von Allem«.

Wenn er dann auch David segnete, in der Gerechtigkeit seines himmlischen Ordens, dürfte dieser geistige Einfluss auch Davids Psalmen beeinflusst haben. Als König schrieb er sie für sein Volk, ihnen Erleichterung und Gebete zu entbieten, als Führung auf dem Weg der Gerechten.

Gerechtigkeit in einer Welt des Verfalls

wir sind ein Theater geworden der Welt und den Engeln und den Menschen.

- 1. Korinther 4:9

Der Grund des Erscheinens des Melchisedek und all derjenigen, die im Namen seines Ordens auftraten, war wegen dem im obigen Zitat erwähnten »Theater«, dass ja allgegenwärtig, ja sich besonders heute ereignet, in einer Welt, die in den heiligen Schriften als eine »Gefallene Welt« bezeichnet wird.

Doch dieser Fall ereignete sich ja bereits am Anfang der Welt: im Sündenfall Adams. Da riss er nicht nur sich, sondern mit dem besagten Ereignis und als Vater der Menschheit, gar alle Menschen nach sich mit in den Abgrund jenseits des himmlischen Paradieses. Das ist die physische Erde. Dort sollte er im Schweiße seines Angesichts den Acker bestellen, dessen Weizen dereinst aber in fermentiert-vergeistigter Form als Brot der Eucharistie diente, was im Übrigen ja auch für den Traubensaft gilt.

Unsere Erde aber schein gegenwärtig einem Schlachtfeld zu gleichen, wo die Mächte der Rechtschaffenen gegen die Mächte der Sünde ankämpfen. Kein Wunder also, wenn dem Abraham der Melchisedek ausgerechnet dann erschien, als er die Könige im Siddimtal schlug. Sie symbolisieren in der Genesis das Böse. Mit dem Erscheinen Melchisedeks, wird damit die Welt bewahrt vor der Ausbreitung des Bösen über den gesamten Erdball.

Aus dem Kreise einer himmlischen Bruderschaft

In der esoterischen Philosophie ist die Rede von einem mystischen Orden, den man auch die »Weiße Bruderschaft« nennt. Sie soll seit jeher ihres heiligen Amtes walten, schon seit die ersten Menschen auf diesem Planeten lebten. Einem Sterblichem aber bleibt auf ewig verschlossen, seit wann diese Bruderschaft existiert.

Als Gruppe überweltlicher Wesen besitzen ihr Mitglieder weder Vorfahren, noch altern sie, noch sterben sie. Sie leben an keinem besonderen Ort auf der Erde. Was ihr Glaube ist, basiert weder auf von Menschen erdachten Ritualen oder Überzeugungen. Sie sind gänzlich frei von Autorität, denn ihnen fehlt jeder Wunsch zu kritisieren oder zu überzeugen.

Die Macht der Mitglieder dieser Bruderschaft ist göttlichen Ursprungs, nichts also, das sie sich angeeignet hätten. Ja eigentlich bilden sie an sich die Struktur, aus deren Grund sie aus dem Himmlischen ins Irdische hineinwirken – sind die geistig-spirituellen Muster dessen, was sie selbst repräsentieren.

Sicherlich aber ist diese Bruderschaft, zu der auch der Priesterkönig Melchisedek zählt, eine Gemeinschaft unzähliger anderer, ihm ähnelnden Wesenheiten. Er aber ist zum Wohle der Menschen auf diesem Planeten eingesetzt. So wollen es auch die beiden biblischen Testamente, zumindest was die westliche-spirituelle Tradition anbelangt. Melchisedek ähnelt damit vielleicht ein wenig dem Sanat Kumara der östlichen Tradition.

Melchisedek ist ein Eingeweihter in das große Sonnenmysterium. Er erschien dem Abraham auf der Erde zwar als leiblicher Mensch, doch er war in ein heiliges, ätherisches Gewand gekleidet, das er auf seinen Initianten übertrug.

Damit der Priesterkönig Melchisedek von Salem seine irdische Aufgabe erfüllen konnte, wurde der Noah-Sohn Sem von Gott verpflichtet, seine Lichterscheinung als Gottessohnschaft in sich aufzunehmen und darauf seinen göttlichen Auftrag zu erfüllen. So zumindest ließen sich die verschiedenen zuvor geschilderten Episoden seines Erscheinens zusammenfassen. Damit erschien Melchisedek also gleichermaßen als Mensch und als Gott.

Das in seinem Auftreten gegenüber Abraham wirksame Geistesprinzip gleicht dem, was auch die weiße Lilie symbolisiert, die der Erzengel Gabriel bei Mariä Verkündigung in Händen hält, beziehungsweise jene Weiße Taube, die in der Jordantaufe, als Sinnbild des Heiligen Geistes zu Häupten Jesus landet.

So also steht der Name Melchisedek für ein Lichtwesen, das »Göttliches Licht« empfangen kann und als solches in die Welt getragen, eine spezifische Rolle erfüllt. In der gnostischen Schrift »Pistis Sophia«, zählt Melchisedek daher zu den Paralemptai – den »Empfängern des Lichts«. Diese Empfänger des Lichts, die eigentlich identisch sind mit der zuvor beschriebenen Weißen Bruderschaft, nennt man auch »Söhne des Lichts« oder einfach Gottessöhne. Sie wurden ausgesendet vom Höchsten Sein, dem, was sich dem Moses auf dem Sinai in einer Flamme offenbart als der »Ich bin« (hebr. Ehje) – ein Name des Höchsten Gottes beziehungsweise des ursprünglichsten Gottesprinzips. Dies geschah nun aber zum Wohle und Schutze der Menschheit. So könnte man die Weiße Bruderschaft auch als »Bruderschaft der Menschheit« bezeichnen, die jedoch keine verkörperlichten Wesen sind, die auf unserem Planeten wandeln, als eher einem Prinzip gegenseitigen Brüderlichkeit ähneln, etwas, das aber auch in jedem von uns Erdenbewohnern veranlagt ist.

Was aber durch das Wirken Melchisedeks erfolgt, ist die Schlechtigkeit des Menschen zu überwinden und das Gute in ihm zu heiligen. Das heißt, den göttlichen Funken in ihm, im höchstem Licht Gottes zu veredeln. Sein Beistand hilft allen und trägt zu einem großen spirituellen Fortkommen der Menschheit bei.

Alle hohen Eingeweihten auf Erden, besitzen jenes Licht, dass ihnen vom Rat der Weißen Bruderschaft Melchisedeks verliehen wird – ein ewig-heiliges Priesteramt, wirksam jenseits aller weltlichen Formen.

 

Die Klipoth: Strukturen der Dunkelsphäre

Die Klipoth: Strukturen der Dunkelsphäre

In der Kabbala heißt es, dass sich das Licht Gottes nicht ungeteilt und unvermischt in die Schöpfung ergieße. Es gibt auch eine dunkle Nebenlinie. Sie bezeichnet das Wort Klipoth - einem kabbalistischen Begriff zur Erklärung des Bösen. Klipoth aber bezeichnet wörtlich Scherben oder Schalen, etwas also das einst einen Zweck erfüllte, doch dann als Abfall zurückblieb.

Eine Orange behält ihren Saft nur wegen ihrer Schale. Sie schütz die Frucht während ihres Wachstums. Wenn man die Orange aber essen will, schält man sie und wirft die Schale zum Unrat.

Man trinkt Wein aus einem Glas. Doch wenn es auf den Boden fällt und zerspringt, fegt man die Scherben auf und wirft den Kehricht weg.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bösen.

Die Kabbalisten sagen: Als Gott die Welt erschuf entstanden aus seinen Schöpfungsemanationen 10 Sefiroth - die Früchte des Lebensbaumes. Vor dieser gegenwärtig existierenden Schöpfung aber hatte Gott bereits andere Welten erschaffen. Wegen ihrer Unvollkommenheit aber zerstörte er sie wieder. Was dabei zurückblieb waren jene Klipoth (hebr. קליפות): die spirituelle Unreinheit in der Welt verkörpert durch Schalen. Sie bilden die Rückseite jenes Lebensbaumes, die man Sitra Achra (hebr. סטרא אחרא) nennt. Er spiegelt sich vertikal nach unten, in die Schattenwelt des Bösen. Diese dunklen Sefiroth sind die "bösen Zwillinge" der Sefiroth des Lebensbaumes, denn sie bilden ihr Negativ, sind ihre dämonische Seite.

Doch nach dieser ersten Schöpfung Gottes, behielten einige der Schalen der Klipoth noch Funken von Heiligkeit. Die Kabbala bezeichnet sie als die Sitra Kedushah (hebr. קדשה‎ סטרא). Die restlichen Schalen gehören Sitra Achra an, der anderen, der bösen Seite der Manifestation.

Es wird nun unterschieden zwischen:

  • den Klipoth Nogah (hebr. קליפות נוגה), den Klipoth die sich erleuchten lassen und
  • den Klipoth Hatnayoth (hebr. קליפות התנית), die vollkommen unrein sind und sich auch nicht mehr erleuchten lassen.

Die Klipoth Hatnayoth schaden der Welt und dem Menschen. In der Kabbala werden sie mit drei Flüchen verglichen, die durch das symbolisiert werden, was sich dem Propheten Hesekiel in seiner Thronwagen-Vision (Merkaba) offenbarte:

Und ich sah, und siehe, es kam ein Sturmwind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.

- Hesekiel 1:4

Göttlichen Strafen die Menschen erfahren können, sind gemäß kabbalistischer Tradition von diesen drei Flüchen verursacht:

  • dem Sturmwind,
  • der mächtigen Wolke und
  • dem lodernden Feuer.

Anderen wiederum, gilt die biblische Erzählung über die Könige von Edom, sozusagen als Allegorie auf die Klipoth.

Einerseits können die Klipoth den Sitra Keduscha schaden, andererseits aber sind sie den selben Keduscha hilfreich. Nämlich dann wenn sich Menschen würdig erweisen.

Schädlich sind die Klipoth als die Hatnayoth, hilfreich als die Nogah.

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