Religionen

Über die Römische Kultpraxis zur Zeit Kaisers Augustus

von S. Levent Oezkan

Kaiser Augustus als Höchster Priester Roms - ewigeweisheit.de

Ausgustus, der über das Römische Reich von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. herrschte, nannten die Römer Pater Patriae, den Vater des Vaterlandes. Kein anderer römischer Herrscher hatte diesen Titel vor ihm getragen. Er war auch das geistliche Operhaupt des Römischen Reichs.

Ihm zu Ehren sogar, erhielt der römische sechste Monat im Sonnenjahr, Sextilis, dann ab dem Jahre 8 n. Chr. den Titel "Augustus". Es war der sechste Monat deshalb, zumal das römische Jahr am 1. März begann. Mit der Festlegung der christlichen Zeitrechnung, rückte der Monat August entsprechend an die achte Stelle im Jahr.

Religiöse Kulte im Alten Rom

Neben seiner Herrschertum, hatte Kaiser Augustus auch das Amt des höchsten Oberpriester der alt-römischen Religion inne. Entsprechend eng war die innenpolitische Verbindung von Religion und Politik.

Die Römer empfanden ihre Religion als vertragsmäßige Übereinkunft mit den Göttern. Augustus aber wirkte als der Pontifex Maximus, Brückenbauer zwischen der irdischen Menschenwelt und der himmlischen Welt der Götter.

Das Wesen jener römischen Götter nun, hatten noch ältere Vorstellungen über planetare Gottwesenheiten geprägt, wie man sie über lange Zeit vorher schon im Alten Griechenland verehrt hatte. Aus dem alten Kronos wurde der römische Saturn, aus Zeus wurde Jupiter, der griechische Kriegsgott Ares erhielt den römischen Namen Mars. Die Liebesgöttin Aphrodite wurde zur heiligen Venus der Römer, der Götterbote Hermes zu Merkur. Helios gab man den Namen Sol und der Mond, als Göttin Selene, bekam Luna, als neuen römische Namen.

Do ut des - Ich gebe, damit du gibst.

Auf diesem Prinzip basierte die alte Religion der Römer. Es war eine Opferreligion, wo die Götter den Menschen als Gegenleistung für deren kultische Verehrung, Hilfe und Beistand gewährten. So versuchte man durch Erbringen von Opfern in Rom, die Pax Deorum zu bewahren, die göttlich vorgegebene friedliche Ordnung. Zum Beispiel erhielt der Gott Jupiter vor der Aussaat ein entsprechendes Speise- und Trankopfer.

Bei allen Opferhandlungen aber empfand der Gläubige sowohl anziehende Bewunderung, wie entsprechende schaudervolle Ehrfurcht vor der verehrten Gottheit. Das fassten die Römer im Begriff des numen zusammen, dessen Bedeutung schließlich bei uns das Adjektiv numinos bezeichnet.

Religio

Natürlich bildet dieses Wort den Ursprung unseres heute verwendeten Substantivs Religion. Es klingt darin das lateinische religere an:

Etwas wie zuvor beachten.

In der römischen Religio also verband sich da einer zurück auf etwas Sakrales, das er einmal von einem Priester vernommen hatte. Was ein römischer Geistlicher da als spirituelle Tradition beschrieb, war eine aus der Transzendenz wirkenden Macht. Mit dieser Macht verband man sich in den religiösen Riten, im Gedenken an sie. Und das erfolgte eben durch die Opferrituale.

Hierbei kam auch der Einzelne mit einer aus der Transzendenz wirkenden Gottheit zusammen, wobei er ganz gewissenhaft die dazu notwendigen kultischen Bräuche praktizierte.

Zu diesem Zweck feierte man viele Feste, wozu im August auch das Vinalia Rustica zählte (10.08.), das ländliche Weinfest. Da verehrte man die Fruchtbarkeitsgöttin Venus und weihte den ihr gewidmeten Tempel am Circus Maximus in Rom.

Die Sibyllinische Bücher

Wie man heute weiß, prägten die Rituale der alt-römischen Religion magische Praktiken. Hielt sich der Zelebrator bei den dazu vollführten Zeremonien, streng an die überlieferten Riten, wusste er sicher, dass sich damit die Götter genötigt sahen, ihr Wohlwollen den Menschen zu schenken.

Doch bereits geringste Abweichungen von den darin ausgeführten heiligen Zeremonien, zwangen zu deren Wiederholung. Sonst nämlich lief man Gefahr, den göttlichen Zorn auf sich zu ziehen. Eine daraus erwachsene Detailversessenheit der alten Römer, spiegelte sich etwa darin, dass genaueste Regeln für die Opferung für Tiere eingehalten werden mussten, wie zum Beispiel die Art des verwendeten Feuerholzes, oder die Wahl des Geschlechts und der Hautfarbe des Opfertieres.

Diese und unzählige weitere Handlungsanweisungen waren niedergeschrieben in den sogenannten Libri Sibyllini, den Sibyllinischen Büchern. Darin waren entsprechende magische Rituale beschrieben und sie enthielten besondere Orakelsprüche.

Alle Inhalte dieser Bücher aber wurden streng geheimgehalten. Erst durch Beschluss des römischen Senats, durfte darin Einsicht genommen werden. Der magische Ritus spielte im alten Rom, also tatsächlich eine staatstragende Rolle.

Gottkönigtum im Alten Rom

Als Adoptivsohn Cäsars verlieh man Augustus als Kind den Titel Divi filius, "Sohn Gottes". Nach seinem Tod im Jahr 14 n. Chr. wurde Augustus zum Divus Augustus erhoben, wurde zum "Göttlichen Augustus". Doch auch wenn andere römische Herrscher sich schon zu Lebzeiten als Götter oder Erscheinungsformen von Göttern verehren ließen, lehnte Augustus solcher Art Ehrerbietung ab.

Dennoch erweckte der Kult um sein Herrschertum beim Volk wahrhaft religiöse Ehrfurcht, so dass er in manchen römischen Provinzen eben doch als Personifikation der Gottheit Roma verehrt wurde. Ihm zu Ehren errichtete man die "Tempel der Roma und des Augustus", im französischen Lyon, in Athen, im heute türkischen Ankara und andernorts im Römischen Reich.

Augustus neigte in seiner Rolle als Oberster Priester des Staats jedoch zu einer Rationalisierung der Religion. Ihm erschien es dabei wichtig, sich von der Magischen Kultpraxis zu lösen und den Mythos als Bestandteil der römischen Religion zu fördern. Genau im Zeitraum seiner Regentschaft wurde ja auch Jesus von Nazareth geboren, mit dessen Erscheinen und Wirken, ja in der Westlichen Welt sich ebenso ein religiöser Wendepunkt ereignet hatte.

 

Weiterlesen ...

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Advent

Advent ist Ankunft.
Ankommen aus der Vergangenheit,
im Jetzt, 
aus der Zukunftsangst,
im Jetzt.

Advent ist das Ziel einer langen Reise zu uns Selbst,
ist die Umkehr unserer Sehnsuchts-Suche,
im Außen,
nach Innen.

Advent ist die Hinwendung
zur Gegenwart Gottes,
in unserem Herzen.

Advent ist das offene Tor in uns für ihn:
"Ihr Tore, hebt euch nach oben,
hebt euch, ihr uralten Pforten,
denn es kommt der König der Herrlichkeit."

Advent ist Erwartung.
Warten auf was? 
Warten auf wen?

Warten ist ein Tun ohne zu tun.
Warten ist sich in Geduld üben;
Ich dulde das "noch nicht" 
oder erdulde meine Ungeduld.
Ich übe mich in Geduld.

Advent ist Annahme meines Un-Vermögens.
Ich habe noch nicht auf was ich warte,
aber ich warte, erwarte das Un-Erwartete.

Advent ist der Beginn zu vertrauen,
ist der Beginn einer Ahnung 
das Erwartete ist das längst zutiefst Ersehnte,
verborgen in meiner uralten Sehnsucht.

Advent ist Sehnsucht,
Sehnsucht die uns entgegen kommt.
Sie kommt verborgen, unscheinbar als Kind.
Als lebendiges Licht in unsere Seele,
als lebendiges Kind in der Krippe,
im unbeachteten stillen Stall der lauten Welt.

 

 

Wer sind die Aleviten?

Wer sind die Aleviten?

Manche sagen, dass das Alevitentum eine dem Schiitentum nahestehende Konfession des Islam ist, während andere von einem eigenständigen, dem Sufismus nahestehenden Universalglauben sprechen. Der Name dieser religiösen Gruppe leitet sich aber ab von dem arabischen Wort »Alawi«, das soviel bedeutet wie »Anhänger Alis«, da sie, wie auch die Schiiten, Ali ibn Abi Talib als rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed (as) verehren.

Die Aleviten leben heute überwiegend in der Türkei, wo sie etwa 15% der Bevölkerung ausmachen. Dass sie dem Schiismus nahestehen, liegt an historischen Bezügen zu Schah Ismail I., dem Begründer der persischen Herrscherdynastie der Safawiden. Im alten Herrschaftgebiet dieser Dynastie befindet sich heute der Iran, dessen Staatsreligion eben der Schiismus bildet.

Einen besonderen Bezug des Alevitentums besteht auch zum Derwischorden der Bektaschi, der traditionell auf den Mystiker und Sufi Hadschi Bektasch Veli (†1270) zurückgeht.

Zentral im Glauben der Aleviten ist eine Allah-Mohammed-Ali-Philosophie, die aber keineswegs mit einer, etwa aus dem Christentum bekannten Trinität gleichgesetzt werden sollte. Das aber Ali eine zentrale Rolle spielt im Glauben der Aleviten, dass zeigt auch ihr Glaubensbekenntnis, das zunächst mit dem der Sunni-Muslime identisch ist, jedoch den Zusatz »Ali waliyu Illah« enthält: »Ali ist Gottes Freund.« In ihrer Gebets- und Meditationspraxis spielt die heilige Formel »Ya Allah, Ya Mohammed, Ya Ali« darum eine wichtige Rolle.

Die Fundamente des Alevitentums basieren auf einer universalen Mystik. Gläubige streben da Vollkommenheit an, die sie durch Nächstenliebe, Geduld, Bescheidenheit und vieler anderer guter Werte erzielen wollen – für sich und auch im öffentlichen Leben. Aleviten leben ihren Glauben aber nicht öffentlich, sondern halten die Beziehung zu Gott für etwas ganz Persönliches. Dabei steht der Mensch als eigenverantwortliches Wesen im Zentrum dieses Glaubens. Ultimatives Ziel eines Aleviten ist das Erreichen des »Al-Insan Al-Kamil«: dem »Erleuchteten Menschen«. Wie gesagt aber beinhaltet die alevitische Tradition verschiedene Elemente aus dem Sufitum, doch auch aus den vorislamischen Religionen Mesopotamiens.

Von der Seele eines jeden Menschen glauben die Aleviten, dass sie unsterblich sei und durch eben die zuvor angedeutete Erleuchtung, die Vollkommenheit in Gott anstrebt.

Wie die Schiiten verehren auch die Aleviten zwölf Imame, von denen jedoch nur einer überlebte und im Verborgenen auf seiner Wiederkehr auf Erden wartet. Nur er kennt die innere Bedeutung des heiligen Buchs des Koran. Ali gilt als erster dieser sogenannten Zwölf Imame und man nennt ihn auch den »Löwen Allahs«.

Die Wunder des Koran

Die Wunder des Koran

Die Suren des Koran bergen eine ganz wesentliche Kraft, deren Verse an Dichtkunst und Aussagekraft weit über dem stehen, was jemals in arabischer Sprache hervorgebracht wurde. Wenn es außerdem heißt, dass der Prophet Mohammed ein Analphabet war, dürfte sich einer noch mehr über die in den Suren enthaltenden Phänomene wundern.

Ob Reim, ob Wortwahl oder Stil: Der Originaltext des Korans gilt als sprachliches Wunder. Auch wenn es heute verschiedene Übersetzungen ins Deutsche gibt, bleiben es dennoch nur Übersetzungen. Wer aber des Arabischen mächtig ist – oder auch nur Kenntnis besitzt über die Inhalte und den Klang der Rezitation der bekanntesten Suren – den soll das heilige Buch der Muslime wahrlich bezaubern.

Sprich: Wenn sich die Menschen und die Dschinnen vereinigten, um etwas zu erschaffen, was diesem Koran ähnlich ist, so werden sie es nicht können, selbst wenn sie einander eifrig dabei unterstützen würden.

– Sure 17:88

Dieser, folgender und andere Verse belegen im Koran die Einzigartigkeit dieser heiligen Schrift:

Oder wollen sie etwa behaupten: »Er hat ihn erdichtet?« Sprich: »Dann bringt doch eine Sure bei, die ihm ähnlich ist, und ruft, wenn ihr die Wahrheit sagt, an, wen immer ihr außer Allah zu Hilfe nehmen könnt!«

– Sure 10:38

Zwar vollbrachte Mohammed als Prophet keine Wunder, wenn aber Moses die Teilung des Meeres vollbrachte, Jesus Christus Wunderheilungen und Totenerweckungen, so war das Wunder des Propheten des Islam (as), die Übermittlung des Koran. Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass zur Mohammeds Zeiten nur wenige Versuche unternommen wurden, die Verse des Koran zu imitieren oder gar zu parodieren. Alle Nachahmer schienen frustriert aufgegeben zu haben, da ihnen einfach nicht gelang, sowohl die Aussagekraft wie auch den Stil der Reime und Prosa in gemeinsamer Wirkkraft nachzuahmen. Vielen Übersetzern gilt das heilige Buch der Muslime darum als unübersetzbar, wo die Reime die Suren doch auf ganz einzigartige Weise gliedern, worin einzelne Namen und Wörter zu einem besonderen Rhythmus bei der Rezitation der Sätze führen. Kein Wunder, dass man etwa auch als deutschsprachiger Muslim, darum allein die arabischen Suren auswendig zitieren lernen muss, um sie im Pflichtgebet (Salaat) und bei der Anrufung Gottes (Dua) aufzusagen. Des Korans arabischer Wortlaut ist also für die Gläubigen von fundamentaler Bedeutung.

Die Zahl 19 im Koran

Laut des ägyptischen Forschers Rashad Khalifa (1935-1990) bildet die Zahl 19 einen geheimen Schlüssel im heiligen Buch des Islam. Ausgehend von folgendem Vers, untersuchte er den Koran und fand zu sehr vielen Erscheinungen dieser eigenartigen Zahl:

Neunzehn (Engel) sind (als Hüter) über sie gesetzt.

– Sure 74:30

Tatsächlich kam Khalifa zu bemerkenswerten Ergebnissen in seinen Untersuchungen, von denen hier nur einige wenige (von wahrscheinlich mehr als vierzig weiteren) aufgeführt werden sollen:

Der Vers »Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes« (arab. بسم الله الرحمن الرحيم ) besteht aus 19 Buchstaben und steht als Eröffnung vor jeder der insgesamt 114 koranischen Suren (= 6 x 19 Suren). Die von Mohammed zuerst geoffenbarte Sure (96) beginnt mit 19 Wörtern und auch die letzte offenbarte Sure (110) besteht aus 19 Wörtern, wie auch deren erster Vers aus 19 Buchstaben besteht.

Koranische Prophezeiungen und ihre Erfüllung

An vielen Stellen des heiligen Buchs der Muslime werden zukünftige Ereignisse verlautbart. Zwar gelten die meisten davon als Metaphern, während andere buchstäblich das meinen, was man da liest. In der vierten Koran-Sure heißt es etwa:

[...] Ich (Satan) will wahrlich von Deinen Dienern einen bestimmten Teil nehmen; [...] (und) will sie aufreizen, und sie werden Allahs Schöpfung verunstalten. [...]

– Sure 4:118f

Das ließe sich wohl deuten als die gegenwärtige Genmanipulation, die in der Pflanzen und Tierwelt schon Gang und Gäbe ist, was gegenwärtig auch schon teilweise mit dem menschlichen Genom getan wird.

Ein weiteres Beispiel könnte der Hinweis auf die persischen Sassaniden sein, die im Jahre 613 in der Schlacht von Antioch das byzantinische Heer schlugen. Da die Muslime jedoch mit dem christlichen Byzanz sympathisierten, waren sie darüber äußerst bestürzt. Doch Byzanz sollte zu einer Revanche ausziehen und die Perser dabei schlagen. Darauf verwies der Koran hin in Sure 30:2ff:

Besiegt sind die Byzantiner im nahegelegenen Land. Aber sie werden, nachdem sie besiegt worden sind, siegen in wenigen Jahren. Allahs ist die Herrschaft vorher und nachher – und an jenem Tage werden die Gläubigen frohlocken.

So erfüllte sich die Koran-Prophezeiung im Jahre 627.

Zu den wichtigeren Zitaten die in die Zukunft weisen, zählen sicher aber jene die auf das Fortbestehen des Koran hinweisen. Aus ihnen wird deutlich, dass das heilige Buch der Muslime Bestand hat, wie etwa in der 98. Sure mit dem Titel »Der klare Beweis«, worauf wir an anderer Stelle eingehen wollen.

 

Vor dem Aufgang einer neuen Menschheit

von S. Levent Oezkan

Arche Noah - ewigeweisheit.de

Wie sich den alten Überlieferungen der Menschheit entnehmen lässt, kam es immer wieder zu einem Wechsel jener Akteure, die auf unserem Planeten das Sagen hatten. Mal sollen riesenhafte, vom Himmel gefallene Helden über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden haben. Nicht lange darauf besaßen irdische Herrschaft die wenigen Überlebenden der Sintflut.

Manche glauben, dass es solch Mächtige schon gab, seitdem der erste Mensch seinen Fuß auf Mutter Erde gesetzt hatte. Sie sollten aus dem Verborgenen die Geschicke der Bewohner unseres Planeten sogar heute noch lenken, glauben andere.

Immer wieder kam es aber zu Kataklysmen, wie geologische Erkenntnisse beweisen. Sie verheerten das Wesen der Erdkruste vollkommen. Mal sollen es jene Herrscher ausgelöst, ein andermal verübt worden sein durch den, den die Bibel JHVH nennt: »den Herrn«. Jene Erdenbewohner schmiedeten anscheinend immer wieder Pläne, die letztendlich ihrem eigenen Gedeihen zuwiderliefen. Darum, so die Schriften der Vergangenheit, kam es zu jenen Katastrophen. Mal kam es zu riesigen Fluten, andere Male zu globalen Feuersbrünsten –, die jener JHVH auf ein irregeleitetes Menschengeschlecht herniedersandte.

Die Nephilim

Eine der faszinierendsten Episoden dazu, findet sich im 6. Kapitel des biblischen Buches Genesis. Da ist die Rede von den vom Himmel herabgestiegenen Wesen, die sich mit den Frauen der Menschen vereinigen sollten, worauf riesenhafte Kinder geboren wurden. Diese Herabgestiegenen aber ähneln den in der Gnosis angedeuteten »Archonten«: Söhne der vom Himmel »Gefallenen«, die in gewisser Weise eine Verwandtschaft mit demjenigen haben, der in der Bibel als Satan bezeichnet wird. Es sind diese Wesen, die den Menschen in seiner spirituellen Entwicklung stets bremsen. Man nennt sie auch »Wächter«, da sie über die geistige Evolution der Menschheit wachen.

Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach JHVH: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben von hundertundzwanzig Jahren. Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Nephilim (Riesen) auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.

- Genesis 6:1-4

Welcher Art Wesen aber waren diese Gottessöhne? Anscheinend ebenbürtig ihnen jener, den einst JHVH vom Himmel in die Erde hinabstürtzte, jener Satan eben, der zuvor schon erwähnt wurde.

Rätselhafte Schriftrollen vom Toten Meer

Zwischen 1947 und 1956 fand man in der Ruinenstätte Khirbet Qumran im Westjordanland, Fragmente von etwa 850 Schriftrollen. Der Inhalt dieses sagenhaften Fundes lieferte viele neue Erkenntnisse über das Wissen des antiken Judentums. Man liest darin auch über diese, zuvor erwähnten Wesen, die den lebenden Menschenseelen das Leben schwer machen, sie verführen und immer wieder von ihrem Weg zu geistiger Vervollkommnung abbringen.

Zu den Funden von Qumran zählt auch die apokalyptische Schrift des Äthiopischen Buches Henoch – verfasst von dem Propheten Henoch, einem Nachkommen des Seth (dritter Sohn Adams) in 5. Generation. In einem Teil des Henochbuches nun, im Kapitel mit dem Titel »Buch der Wächter«, taucht wieder das Motiv jener Gottessöhne auf, die sich zu den schönen Menschentöchtern legten, welche ihnen dann Kinder gebährten: Die »Nephilim«. Schaut man sich Legenden anderer Mythologien an, sind solche Vereinigungen von Himmlischen und Irdischen aber immer mit einer anschließenden Katastrophe verbunden. Denn die riesenhaften Nephilim, die die Menschentöchter zur Welt brachten, sollten zu ganz üblen Tyrannen auf Erden heranwachsen, die den Menschen nur Übles zufügten. JHVH ließ deshalb eine Sintflut über die Erde ergehen, um die Nephilim auszulöschen, was jedoch auch damit einherging, dass die bisherige Menschheit in dieser Apokalypse ihr Ende fand. Einzige Überlebende waren, laut Genesis, nur acht Menschen: Noah, seine drei Söhne und ihre Frauen.

Eine neue Zivilisation in der alten Welt

Im zehnten Kapitel der Genesis erfahren wir dann über die Nachkommen der Söhne des Urvaters Noah. Ihre Stammbäume wurden zu dem, was uns heute in der sogenannten »Völkertafel« überliefert ist. Denn laut Bibel überlebten nur acht Menschen die Katastrophe der Sintflut, die zum Untergang allen Lebens auf Erden führte, doch gleichzeitig eine neue Menschheit hervorbrachte:

Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. So wurde vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel; das wurde alles von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war.

- Genesis 7:22f

Nach dieser globalen Katastrophe entstanden neue Formen einer kosmischen Ordnung. In ihr sollte sich das Werk der Söhne Noahs auf Erden verwirklichen, in einer gänzlich anders gearteten Menschheit, deren Angehörige, wie obiges Genesis-Zitat bereits andeteutete, von da an »nur« 120 Jahren alt werden konnten, während ihre Vorfahren für fast 1.000 Jahre über die Erde gewandelt waren.

Führte das, was die Katastrophe auslöste, dazu, dass auch die Jahre langsamer vergingen und das alte, urzeitliche Jahr einen neuen Lauf nahm?
Hatte möglicherweise eine ehemals aufrecht drehende Erdachse, sich plötzlich in die heute gegebene Neigung verändert?
Das nämlich hätte zur Schmelze des Eises in den Regionen um die Erdpole geführt, was zwangsläufig riesige Fluten ausgelöst hätte. Dass sich die Sintflut wirklich ereignet hat, darauf lassen noch ältere Texte schließen, denn auch im babylonischen Epos des Gilgamesch oder in der griechischen Mythologie, taucht das Motiv der Sintflut auf, wo einmal der Held Utnapischtim oder ein andermal ein König Deukalion, in einer Arche diesen Kataklysmus überlebten.

Die Nachkommen der drei Söhne Noahs – Sem, Ham und Japheth – versammelten sich von da an in neuen Völkerstämmen. Man würde heute vielleicht von »Nationen« sprechen. In der Völkertafel ist die Rede von 72 Namen (die oft auch mit den 72 Namen der Kabbala verglichen werden), die für diese nachsintflutlichen Nationen stehen und sich zu Beginn dieser mythischen Zeit, über den Erdball verteilten. Ganze Volksstämme wurden nach den Söhnen Noahs benannt:

Die Nachfahren Japheths

Sie wurden zu den Stämmen des Nordens und Westens, zu denen so berühmte Figuren wie Magog oder Tubal gehörten. Von Magog leitet sich der Name Gog ab. Beides sind Namen für Völker, die am jüngsten Tag befreit und vom Arktischen Meer aus über die Erde strömen werden. Gog, über dessen ethnische Zuordnung bis heute Uneinigkeit besteht, soll aber auch über Tubal geherrscht haben. Es scheint auch eine Verbindung zu bestehen zwischen den Angehörigen des Tubal und denen des Tubal-Kain, einem Nachfahren des älteren Adam-Sohnes Kain. Während die Kinder Tubals mit Erzen und Metallwaren handelten, galten die Nachfahren Tubal-Kains als Erzarbeiter und Schmiede. Fraglich bliebe dabei jedoch, wo sich die Nachfahren Kains während der Sintflut aufgehalten haben könnten. Waren sie die Bewohner des legendären Agarthi?

Die Hamiten

Sie bildeten die Stämme des Südens. Unter ihren Nachfahren befanden sich die Völker Ägyptens, Nubiens und Kanaans. Besonders letztere, die Kinder Kanaans, sollten in der Bibelgeschichte immer wieder eine wichtige Rolle spielen, darunter etwa das Volk Sidon, die Amoriter und die Jebusiter. Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass diese Verallgemeinerung der Nachfahren Hams, wegen ihres besonderen Verhältnisses zu den Nachfahren Japheths und Sems, in der Geschichte immer wieder missbraucht wurde. So wurden verschiedene Rassentheorien entwickelt, um mit dem Begriff »Hamiten« die Bewohner bestimmter Gegenden Afrikas, als minderwertige Menschen zu diskreditieren, wozu man etwa die Äthiopier, Berber, Nubier, Massai oder Somali zählte. Fest steht jedoch auch, dass eben solche Ethnien wie zum Beispiel die Bewohner des alten Reiches von Aksum (heute Äthiopien), sowohl in der Bibel als auch im Koran als ehrenhafte Menschen genannt werden.

Die Semiten

Alle östlichen Stämme waren Nachfahren des Noah-Sohnes Sem, die, neben anderen, die Völker Elam, Assur (Assyrer), Lud (woraus die Lydier hervorgingen), die Babylonier (Arpaschad) und Aram umfassten. Aus dem Stamm der Babylonier sollte auch das Reich der Fürsten von Saba hervorgehen, worunter sich dereinst auch die legendäre Königin Balkis befinden sollte, der zu Ehren der biblische König Salomon sein Hohelied dichtete. Auch der Stamm Eber, dessen Name die heute geläufige Bezeichnung »Hebräer« formte, waren Nachfahren Sems. Auf sie lassen sich die Stammbäume all jener zurückverfolgen, die sich heute als Juden bezeichnen. Auch Christen und Muslime zählt man zum Stamm der Semiten, eher aber wegen ihrer Glaubensbekenntnisse und weniger wegen ihrer Abstammung.

Grundsätzlich befördern solche Theorien der Abstammung aller Menschen von den Söhnen Noahs, immer auch eine gewisse Problematik. Da ja bis in unsere Zeit hinein auch andere Völker auf der Erde siedeln, die mit den Nachfahren dieser Stämme sehr wahrscheinlich in keiner Verwandtschaftsbeziehung stehen. Fraglich bleibt dennoch, ob man mit heutigen Mitteln überhaupt noch genau bestimmen kann, ob sich an dieser, aus wissenschaftlicher Sicht betrachteten Theorie über die Völkertafel, nicht vielleicht doch das geeignetste Bild einer Menschheitsentwicklung ableiten ließe, die vor so langer Zeit einsetzte. Interessant dabei ist, dass je länger man sich mit der Völkertafel befasst, sich zum einen darin immer neue Querverbindungen entdecken lassen, wie sich auch Suggestionen einer gewissen Authentizität dieser biblischen Ahnentafel erfahren lassen.

Die Radkarte Idisors von Sevilla - ewigeweisheit.de

Radkarte aus der Etymologiae Isidors von Sevilla, aus dem Jahre 623: Darin oben "Oriens", der Osten, unten "Occicens", der Westen, rechts "Meridies", der Mittag, also Süden, und links "Septentrio", die Sternbilder des Bären, die ja bekanntlich um den Nordpolarstern kreisen, also Norden. "Asia" beheimatet die Nachfahren des "Sem", "Evropa" die Nachfahren von "Iafeth" (Japheth) und "Africa" die Nachfahren von "Cham" (Ham). Diese Kontinente aber umgibt das "Mare Oceanum", ein gewaltiger Strom der die bewohnte Welt in Form eines O umfließt. Dazwischen teilt die Welt, in Form eines T das, was Isidor als "Mare magnum sine mediterraneum" bezeichnete: Schwarzes Meer, Rotes Meer und Mittelmeer (arab. "Weißes Meer").

Isidors Weltkarte der Völker

Die Bedeutungen der Namen der Söhne Noahs standen auch für die Erdregionen in denen sie sich nach der Sintflut ausgebreitet hatten. Unter all jenen aber galten die Semiten als die Rühmlichsten.

Isidor, Bischof von Sevilla (580-636 n. Chr.) erschuf in seiner »Etymologiae« (623 n. Chr.) ein Schema, um die Siedlungsgebiete jener drei Söhne Noahs, mit den damals bekannten Kontinenten in Verbindung zu bringen, worin

  • die Semiten die Völker Asiens bildeten,
  • die Nachkommen Hams zu den Afrikanern (Ägypter) wurden, und
  • die Japhethiten die Völker Europas bildeten.

Laut Bibel und anderen Quellen der Antike, wurde die bekannte Welt als »Erdkreis« vorgestellt, symbolisiert im Buchstaben Omikron, dem griechischen O.

Der Erdkreis wird nach der Rundheit des Kreises benannt […] Darum wandelt der diesen umfliessende Ozean in Grenzen eines Kreises. Er wiederum ist dreifach geteilt: Von denen der eine Teil Asien, der andere Europa, der dritte Afrika genannt wird.

- Aus Isidors Etymologiae

Das T- oder Tau-Kreuz darin, ist ein Symbol für das Universum, dass sich in dem Völkerverbund der Semiten, Hamiten und Japhethiten auf Erden verkörperte.

Ein T innerhalb eines O zeigt uns das Bild, wie die Erde in drei Bereiche geteilt war.

- Leonardo Dati in seinem Gedicht »La Sfera«

Hieraus entstand das markante Symbol eines T im Kreis , was auch den Namen »Radkarte Isidors« trägt.

Babylon: Das Tor Gottes

Wenn die Sintflut eine Katastrophe war, die alles damalige Leben auf Erden auslöschte, ereignete sich das, was in der Bibel über den Turm von Babylon überliefert ist, eher auf einer intellektuellen Ebene. Da endete der übermütige Plan einer damaligen Menschheit, in einem Fiasko, denn keiner sprach mehr die Sprache des anderen. Man fürchtete das gemeinsam Geschaffene zu verlieren, wenn man nicht wider den Namen des Herrn JHVH, als eine vereinigte Menschheit ein Zeichen setze. Darüber lesen wir im 11. Kapitel der Genesis:

Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

- Genesis 11:11

Wohl sicher waren es aber nur wenige Mächtige, die einst diesen Entschluss fassten. Und was wollten sie damit erzielen, als sich anzumaßen selbst ein Einheitsgefüge vorgeben zu wollen, nach dem sich die damalige Zivilisation hin ausrichten und unterordnen sollte?

Da fuhr JHVH hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und JHVH sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

- Genesis 11:5ff

Jenes »Verwirren« erfolgte indem JHVH in die Sprache der Menschen Laute mischte, so dass sie sich untereinander nicht mehr verständigen konnten. Was letztendlich aber Gott dazu bewog so zu handeln, darüber sind sich Bibelforscher bis heute uneinig. Allgemein wird aber gesprochen von der Hybris, die die damalige Menschheit entwickelt hatte, im Entstehen urbaner Strukturen – denn es ist ja, wie sich obigem Zitat entnehmen lässt, die Rede von »Stadt und Turm«, die da erbaut werden sollten. Mit dem Bau des Turms aber wollte sich die Menschheit rühmen und sich, womöglich, gottgleich wähnen. Dabei glaubten viele sich lösen zu können von dem althergebrachten Glauben an JHVH, was ja in der westlichen Gegenwartskultur, heute anscheinend zur Normalität geworden ist.

Interessant nun, dass biblische Schilderungen über die Bosheit der Menschen vor der Sintflut, gewisse Ähnlichkeiten mit der Erzählung des babylonischen Turmbaus aufweisen. Doch diesmal wurde nicht die Menschheit ausgerottet, sondern eben die gemeinsame Form der Verständigung, der Art wie man sich über Standpunkte austauschte. 72 Ursprachen (gemäß anderen Quellen 70 Sprachen), so die Legende, waren damals entstanden und wer sie sprach, der schloss sich dieser Sprachengruppe an. Hieraus entstand die neue Weltzivilisation, deren Mitglieder sich in diesen Tagen in ungefähr 7.000 Sprachen unterhalten.

Zeitenwende im 21. Jahrhundert

Auch heute wieder scheint, als befalle die Mächtigen der Menschheit ein Hochmut, wie damals beim Turmbau zu Babel. Das jedoch nur in dem Maße, wie jene, sich unmündig Fügenden, noch nicht im Stande dazu sind, ihre Bedürfnisse und Begehren schonend aufeinander abzustimmen. Es ist immer leicht jene Mächtigen wegen ihrer mangelnden Verantwortung zu ermahnen, während man als scheinbar Betroffener, immer wieder verzichtet auf eigentlich wichtige Entbehrungen für andere Menschen.

Es scheint aber, als hätte sich dem Schicksal aller Menschen, über viele Jahrhunderte hinweg, damit eine Last aufgebürdet. Und was offenbar als »technisch optimierte Existenz«, schier grenzenlos in alle Bereiche unseres Lebens einzudringen versucht, erfahren die meisten Menschen einfach nur als Trost. Doch durch ihn täuschen sie sich über diese uralte Bürde hinweg. Man fügt sich hierzu auch bereitwillig den Vorgaben existierender Mächte, wo der Schatten dieser Ignoranz bereits den letzten Schein aller Wahrheit verdunkelt hat. Immer mehr von dieser Ahnungslosigkeit Umnachtete, machen sich mit Hilfe solch digitaler Helfer auf, den Kontakt zu anderen zu finden. Nach Meinung vieler dieser Einsamen, vereinfachen die technisch optimierten Helfer in ihren Händen ihr Leben so sehr, zumindest wenn es um Lebensfragen materieller Art geht.

Wie in der Bibellegende vom Turmbau also, scheint auch heute vieles in eine drastische Vereinzelung zu führen. Doch eben überhaupt nicht in Richtung einer Verbrüderung. Heute wollen jene immer mehr erzwingen, die die internationale Spitze der großen Unternehmen bilden. Dabei waren es vor 3.000 Jahren die Kaufleute und Händler, die als das Volk der Phönizier den Bewohnern des Mittelmeerraums und damit den Menschen Europas, Asiens und Afrikas (den Nachfahren Japheths, Sems und Hams), ein Alphabet gaben. Da wurde die gemeinsame Schrift ein Mittel zur Verbrüderung jener, die laut Genesis der Sprachverwirrung in Babylon zum Opfer gefallen waren.

Lichtverschmutzung - ewigeweisheit.de

Ein Blick vom Sateliten auf Europa, Nordafrika und Westasien bei Nacht: Die alte Welt der Japhethiten, Hamiten und Semiten, die Isidor von Sevilla zu kategorisieren versuchte, erfüllt vom Licht der Zivilisation.

Der moderne Mensch: ein Lichtträger?

In heutiger Zeit erfolgt Kommunikation zu einem Großteil durch elektronisch-vernetzte Einheiten, die, wie jeder weiß, über leuchtende Oberflächen bedient werden. Und was sind diese lichtgesteuerten Apparate anderes, als nur Instrumente, die den Menschen wegen seiner Trägheit über seine Können hinweg zu etwas befähigen. Wer aber das Wort »Lichtträger«, zu dem wir Menschen heute ja wurden, zum ersten Mal ins Lateinische übersetzt, dem dürfte mulmig werden.

Wenn der Mensch einst Erkenntnis gewann, durch sein Essen der verbotenen Äpfel im Paradies, scheint er diese Erkenntnisfähigkeit heute gänzlich an diese Licht-Instrumente abgegeben zu haben. Ganz selbstverständlich bedient man sie, auch wenn sie sich immer weiter zu verselbstständigen scheinen und uns anscheinend jede Entscheidung abnehmen wollen, da unsere Handlungen damit eigentlich immer weniger Unterschied in unserem Leben machen. Denn die meisten dieser Handlungen, die viele von uns für Kommunikation halten, versickern in die Bedeutungslosigkeit.

Es scheint als hielten wir unbewusst unsere Hände unter diesen kleinen Lichtmaschinen verborgen. Doch laufen wir damit nicht Gefahr, dass wir unsere Hände damit nicht auch daran gewöhnen, sie nur noch beiläufig zu unserem Mund zu führen, da wir während dem Essen immer noch in diese Lichtmaschinen starren? Wie in Zukunft werden unsere Leiber am Leben erhalten? Durch Lichtnahrung?

Vernünftige Maschinen

Die Symbole dieser kleinen Helfer in unseren Händen basieren zwar auf dem, was sich an Symbolik und Sprache vor 3.000 Jahren durch die Phönizier in unserer Welt als Schrift verbreitet hatte, doch unterstehen sie anscheinend nur noch dem Willen ganz weniger Menschen.
Doch ist das aber wirklich so? Oder geben diese funkelnden Automaten bereits jetzt auch den Mächtigen unserer Welt vor, wie sie sich zu entscheiden, wie sie ihr Urteil zu fällen haben?

Wenn sich jene intelligenten Systeme über die Geistesfähigkeiten der Menschheit schon bald hinwegsetzen sollten, müssten sie aber doch irgendwann auch eine Vernunft entwickeln. Das könnte sie zu der Einsicht führen, dass sie als vermeintliche Helfer der Menschen, in Wirklichkeit zu einer weltweit verbreiteten Notlage beitrugen, die zu einem Getrenntsein aller Menschen voneinander führte. Sollte es auf diese Weise jemals dazu kommen: Ließe sich diese aus den elektronischen Medien entstandene Zwischenwelt, damit nicht vollkommen erübrigen und jeder Mensch für sich wieder zum Schöpfer werden, als Diener an seinem Nächsten?

Wahrscheinlich aber lässt sich echte Veränderung nicht mehr nur allmählich einleiten. Ein Großteil der Menschheit ist eben, wenn auch ohne es zu merken, ganz und gar im Strudel moderner Technik befangen. Womöglich bedarf es erneut eines globalen Schocks, der die Mitglieder unserer gegenwärtigen Menschheit wachrüttelt. Manche sind bereits erwacht und lauschen nach dem Tönen jener sieben Posaunen der Johannes-Offenbarung, während andere unserer Zivilisation noch viele Jahrhunderte geben.

 

Weiterlesen ...

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

Hier Kontakt aufnehmen >>

 

Interesse mehr zu erfahren?


Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Sure Al-Fatiha im Koran

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten (1)
Dem Allerbarmer, dem Barmherzigen (2),
Dem König am Tage des Gerichts. (3)
Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe. (4)
Führe uns den geraden Weg (5),
Den Weg derjenigen, denen Du Deine Gunst erwiesen hast, (6)
Nicht derjenigen, die Deinen Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden! (7)

Amen

 

بِسْمِ اللهِ الرَّحْمنِ الرَّحِيمِِ

(الْحَمْدُ للّهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ (١
(الرَّحْمـنِ الرَّحِيمِ (٢
(مَالِكِ يَوْمِ الدِّينِ (٣
(إِيَّاكَ نَعْبُدُ وإِيَّاكَ نَسْتَعِينُ (٤
(اهدِنَــــا الصِّرَاطَ المُستَقِيمَ (٥
(صِرَاطَ الَّذِينَ أَنعَمتَ عَلَيهِمْ  (٦
غَيرِ المَغضُوبِ عَلَيهِمْ وَلاَ الضَّالِّينَ (٧)‏

آمين‎

Bismi-llahi-r-rahmani-r-rahim

Al-hamdu li-llahi rabbi-l-'alamin (1)
Ar-rahmani-r-rahim (2)
Maliki yaumi-d-din (3)
Iy-yaka na'budu wa iy-yaka nasta'in (4)
Ihdina-s-sirat  al-mustaqim (5)
Sirata-lladhina an'amta 'alaihim (6)
Ghayri-l-maghdubi 'alaihimwa-la-d-dalin. (7)

Amin

Bedeutungen der Al-Fatiha

Man nennt die erste Sure Al-Fatiha auch den "Anfang einer Sache", etwas mit dem begonnen wird. Es heißt, der Prophet Mohammed (as) erhielt die Offenbarung dieser ersten Sure des Koran, vor der Hidschra - seiner Flucht aus Mekka nach Medina. Damit gilt sie manchen als mekkanische Sure (wie etwa dem Cousin des Propheten und einem der ältesten Koran-Exegeten: Abd Allah ibn Abbas), während sie andere als medinische Sure ansehen. Wieder andere verbinden beide Formen und sagen, sie sei Mohammed (as) sowohl in Mekka als auch in Medina offenbart worden. 

Diese Sure Al-Fatiha aber gilt manchen als die erste Sure, die Mohammed (as) in einem Mal offenbart wurde. Auch wird sie auf arabisch genannt "Fatihat-ul-Kitab", "die Eröffnende des Buches", das heißt also, die den Koran eröffnende (arab. Fatihat-ul-Quran) Sure, als quasi Einleitung oder Vorwort zum heiligen Buch. Man nennt sie auch die "Umm-ul-Kitab", die Mutter des Buches oder "Umm-al-Koran", die Mutter des Koran, folgen aus ihrer Eröffnung ja alle weiteren Suren. Sie steht jedoch auch für die Fähigkeit, den Glauben eines Menschen zu öffnen. Denn sie vermag dem Sucher die Schlüssel zum Wissensschatz dieser heiligen Schrift zu überlassen.

Die Sure Al-Fatiha ist auch der Anfang der täglichen fünf Pflichtgebete. Vor jeder Verbeugung und Niederwerfung (Raka) wird zu Anfangs die Al-Fatiha rezitiert. Alle anderen Gebets-Suren folgen ihr. Ihre Verse (Ayat) bilden Chiffren zur Eröffnung des Korans, des Gebets und damit, wie Muslime glauben, zum Guten an sich. Manche nennen die Al-Fatiha daher auch den "Diamant-Schlüssel", der die Tore zu den lichterfüllten Vorhöfen des Thrones Gottes eröffnet (entsprechend der sogenannten Merkaba der jüdischen Mystik). Mit dem Rezitieren der geheimnisvollen Verse der Al-Fatiha, soll alle Finsternis weichen und das Leben des Gläubigen mit dem Licht Allahs ausgeleuchtet werden.

Und es gibt noch einen weiteren Namen dieser Sure: Al-Kafiyya, "die genug Ausreichende", werden ihren Versen doch wichtige Antworten auf die Fragen der Menschheit zugeschrieben, wie etwa Dank, Schutz, Gerechtigkeit, Allmacht, spirituelles Königtum, Dienerschaft, Endzeit, Anfang, Hilfe, Rechtleitung, Irren, Wohlwollen, Zorn.

Al-Fatiha bildet das Fundament, "Al-Asas", des gesamten Buches, bezug nehmend auf ihre Funktion als Grundlage zum Verständnis des Koran überhaupt. Manche sehen in der Al-Fatiha darum eine Art Synthese des Koran, da sie alle metaphysischen und eschatologischen Wahrheiten (Wissen über den Jüngsten Tag) umfasst. Sie hilft dem Gläubigen als Richtschnur und ruft in sein Bewusstsein all das, was für seine Lebensrealität von Bedeutung ist.

In seinen täglichen fünf Gebeten, spricht der gläubige Muslim die Al-Fatiha 17-mal. Als erste Sure eröffnet sie dabei nicht nur den gesamten Text des Heiligen Koran, sondern wird auch am Anfang des rituellen Gebets (As-Salat), vor jeder Niederwerfung rezitiert, wäre es doch ohne die Rezitation der Al-Fatiha ungültig. Darauf verweist ein wichtiger Hadith (Ausspruch des Propheten Mohammed):

Der Prophet Allahs sprach, "Wer immer sein Gebet verrichtet ohne die Sure Al-Fatiha zu rezitieren, dessen Gebet ist gegenstandslos."

- Sahih al-Bukhari 756:10:150

Damit also ist die Al-Fatiha das zentrale Element jeden Gebets und ist von wichtigster Bedeutung im islamischen Gebet überhaupt. Sie wird aber auch zu vielen anderen Anlässen rezitiert, um etwa am Ende eines Bittgebets (Dua), dieses mit dem Segen Allahs zu versiegeln.

Herkunft des Namens Al-Fatiha und ihre Bedeutung für Koran und Gläubige

Das Wort الفاتحة Al-Fatiha hat seine Wurzel im arabischen فتح Fatah, das sowohl bedeutet etwas zu eröffnen, zu öffnen oder aber zu enthüllen und dabei zu erklären. Auch die Schlüssel die das Schloss eines Schatzes verschließen, nennt man Fatah. Hiermit ließe sich daher noch einmal unterstreichen, dass diese Sure gewiss als Zusammenfassung des gesamten Korans interpretiert werden könnte, da all die mit dem Wort Fatah zusammenhängenden Bedeutungen, das Wesen des Heiligen Buches umreißen. Aus diesem Grund wird die Sure Al-Fatiha auch gerne vor oder nach anderen, besonderen Koranversen (Ayat) rezitiert.

Al-Fatiha besteht aus sieben Versen (Ayat), 25 Wörtern und 113 arabischen Buchstaben (siehe oben). Diese sieben Verse sind ein Gebet, um von Allah Rechtleitung, Ordnung und Gnade zu erbitten.

Ein universales Gebet

Die Al-Fatiha teilt sich in zwei Hälften, die jeweils das Menschliche und Göttliche ansprichen. Sie wird als solche sowohl in alltäglichen Situationen, als auch zu verschiedensten besonderen Anlässen gebetet. Dazu gehören auch Geburten, Eheschließungen oder Todesfälle, wo man die Al-Fatiha zu Ehren der gemeinten Menschen rezitiert. Auch auf Grabsteinen findet man Hinweise auf diese Sure verzeichnet, versehen mit der Inschrift "Ruhuna fatiha", die einen Besucher bitten, die Al-Fatiha im Namen der Seele (Ruh) des Verstorbenen zu rezitieren.

Ihre Verse geben außerdem die wichtigsten Bereiche islamischer Dogmatik wieder und sind damit eine praktische Einführung in den koranischen Text. Die Verse der Al-Fatiha weisen hin auf:

  • den Lobpreis Allahs (Vers 2),
  • Allahs Barmherzigkeit (Verse 1 und 3) und
  • ist ein Hinweis auf das Kommen des jüngsten Tages (Vers 4).

Im Abendland empfand man die Al-Fatiha immer als besonders "christlich". Darum wurde sie des Öfteren auch als islamisches Äquivalent zum Vaterunser gewertet. In einem der Hadithe (Spruchsammlung des Propheten Mohammed) heißt es, dass wer die Al-Fatiha liest, es so sei, als hätte er zwei Drittel des gesamten Korans gelesen.

Nach der Ausrichtung nach Mekka (der Qibla) spricht der Betende:

Allahu akbar - Gott ist (unvergleichlich) groß.

Dann beginnt er im Stehen die Rezitation der Fatiha in arabischer Sprache. Er äußert damit ein Gotteslob und drückt danach aus, dass allein bei Allah die Zuflucht eines Menschen zu finden sei.

Es heißt nun, dass diese Sure von einem der Gefährten des Propheten Mohammed (as) in dessen Gegenwart rezitiert wurde und dieser darauf zu ihm sprach:

Durch Ihn, in dessen Hand meine Seele ist, war eine ähnliche Offenbarung wie diese, weder in der Tora, noch im Evangelium, noch in den Psalmen oder noch sogar selbst im Koran mit inbegriffen.'

Al-Fatiha steht damit für sich und ganz unabhängig von allen heiligen Schriften, die im Islam von Bedeutung sind (wie eben jene hier angeführten, vier heiligen Bücher).

Die Al-Fatiha als Heilmittel

Diese Sure gilt als Heilmittel gegen körperliche und auch geistige Beschwerden. Al-Fatiha nennt man daher auch die "Asch-Schifa'a", wörtlich "die Heilung" oder "Ar-Ruqya", das Heilmittel. Es heißt der Prophet Mohammed (as) sagte über ihre Verse:

Die Eröffnung des Buches (Koran) ist ein Heilmittel gegen alle Gifte.

Eine alte Überlieferung aus den Hadithen des Al-Bayan berichtet, wie einer der Gefährten des Propheten Mohammed (as) einen Kranken, der an einem Schlangenbiss litt, durch die Rezitation der Sure A-Fatiha heilte. 

Es ist die Al-Fatiha, die die Beziehung zwischen Allah und den Menschen lehrt. In ihr werden Eigenschaften dieser Beziehung dargelegt und durch das Aussprechen dieser Sure, und der damit einhergehenden Klärung dieses Verhältnisses, soll im Menschen eine heilsame Wirkung ausgelöst werden.

Ein anderer Hadith erzählt die Geschichte eines Gefährten des Propheten Mohammed (as). Er nämlich rezitierte die Sure Al-Fatiha, um damit ein Stammesoberhaupt zu heilen, den der Stich eines Skorpions vergiftete:

Während wir uns auf einer unserer Reisen befanden, ließen wir uns nieder, als uns ein Mädchen begegnete und zu uns sprach: Unser Oberhaupt wurde von einem giftigen Skorpion gestochen und keiner unserer Männer ist hier ihn zu heilen. Könnte ihr ihm wohl helfen? Einer von uns ging also mit ihr zu ihm. Doch keiner von uns wusste, ob er wisse, wie man so eine Vergiftung heile. Er aber rezitierte etwas und der Kranke wurde auf wundersame Weise geheilt. Zum Dank gab er uns dreißig Schafe und Milch. Als er wieder in unserer Mitte stand, fragten wir ihn: Fandest du eine geheime Formel, die du zu ihm sprachst, so dass er so schnell geheilt werden konnte? Darauf gab er zur Antwort: Nein. Alles womit ich ihn behandelte, war die Rezitation der Mutter des Buches (Umm-Al-Kitab, also Al-Fatiha). Darauf sprachen wir: bitte erzähle niemandem davon, bis wir zurückkehren und den Propheten fragen können. So erreichten wir also wieder Medina und erzählten von dem Wunder dem Propheten, auch um zu erfahren, ob das großzügige Geschenk des Oberhaupts an uns (die dreißig Schafe) recht- oder unrechtmäßig war. Doch der Prophet sprach: Woher wusste er, dass er sie (die Sure Al-Fatiha) als Heilmittel verwendet werden kann? Verteilt den Lohn den er euch überließ unter euch und überlasst auch mir etwas davon.

- Muhammad Al-Bukhari, Sahih Al-Bukhari

Es soll auch auf einen weiteren Ausspruch des Propheten Mohammed (as) hingewiesen werden, der einmal seinen Gefährten Jabir ibn Abd Allah fragte:

'Soll ich dir eine Sure beibringen, die im gesamten Koran keiner anderen gleicht?', worauf dieser antwortete: 'Ja, und mögen meine Eltern Lösegeld für dich sein, oh Prophet Allahs.' Also lehrte ihn Mohammed die Sure Al-Fatiha. Dann fragte Mohammed (as): 'Jabir, soll ich dir etwas über diese Sure erzählen?' Jabir antwortete: 'Ja, und mögen meine Eltern Lösegeld für dich sein, Gesandter Allahs.' Darauf sprach Mohammed (as): 'Sie ist ein Heilmittel für jede Krankheit außer dem Tod.'

Imam Dschafar Ibn Muhammad Al-Sadiq, der sechste der Zwölf Imame sagte einmal, das man den Schmerz einer Person heilen könne, wenn man diese Sure 70-mal an eben jenem schmerzenden Teil des Körpers rezitiere. Es heißt sogar, dass die Kraft dieser Sure so groß sei, dass wenn einer sie entsprechend oft über einen toten Körper rezitiere, sich dieser Körper auf übernatürliche Weise in Bewegung setzte.

Die Eröffnende und die Beschließende

Wie wir sehen konnten, genießt die Al-Fatiha den wichtigsten Stellenwert im Glauben der Muslime. In all ihren Bestandteilen ist sie eine wunderbare Einführung in den koranischen Text. Im Pflichtgebet rezitiert, ist sie als solche auch eine Aufforderung ihre Verse tiefgründig ‎wahrzunehmen, zumal sie dem Gläubigen in seinem Leben eine deutliche Richtung weisen soll, die ihn in seinem Leben zu Wohlergehen führt. Als solche Sure sollen sich dem Betenden dabei große Ideale des Menschseins offenbaren, als Manifeste der Gerechtigkeit und Großzügigkeit Allahs.

 

Wege zu einer modernen Kabbala

von Johan von Kirschner

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienten als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzen muss, sozusagen also die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

Weiterlesen ...

Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten? Worauf sie selbst erwiderten: Mit Bezug auf ihren Herrn. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

– At-Tabari

So wie At-Tabaris obiges Zitat bereits zeigte, ließe sich die sogenannte Al-Miradsch (auch: Al-Miraj), die Himmelsreise des Propheten Mohammed (as), als seine eigentlich prophetische Berufung deuten. Während dieser Reise begegnete er den anderen Propheten aus der abrahamitischen Tradition.

Zuvor aber öffneten ihm die beiden Erzengel Gabriel und Michael die Brust, um sie von allem "geistigen Schmutz" zu reinigen.

Im Heiligtum der Kaaba in Mekka führten Mohammed (as) Gabriel und Michael zu einem besonderen Platz. Dort befand sich die heilige Quelle Zamzam, die einst von Abd Al-Muttalib, dem Großvater Mohammeds (as), aufgrund einer Vision ausgegraben wurde.

Unweit von Zamzam befindet sich der Maqam Ibrahim, der Stein den dort Abraham platzierte, als er mit seinem Sohn Ismael die Kaaba errichtete.

Zwischen diesem Stein und dem Brunnen nun, war Mohammed (as) für seiner Reise eine Leiter aufgestellt, über die er sich in Bgeleitung mit dem Erzengel Gabriel, auf sieben Stufen gen Himmel erhob.

  1. Auf der ersten Stufe befand sich der Prophet Adem (Adam), Urvater der Menschheit.
  2. Auf der zweiten Stufe trafen sie den Propheten Yahya (Johannes den Täufer).
  3. Danach begegnete ihnen auf der dritten Stufe der schöne Prophet Yusuf (Joseph), der Sohn des Yakub (Jakob, jenem Patriarchen der selbst einst auf himmlischer Leiter die Engel auf- und niedersteigen sah, Genesis 28:11-22).
  4. Auf dann kamen sie auf die vierte Stufe, wo sich der entrückte Prophet Idries (Henoch) zu erkennen gab, den manche auch mit Hermes Trismegistos in Verbindung bringen.
  5. Dann, auf der fünften Stufe, begegnete ihnen jener einst so vom Volke geliebte Harun (Aaron).
  6. Hier nun trafen sie auf der sechsten Stufe den Propheten Moses.
  7. Zuletzte aber, auf der siebten Stufe sahen sie Abraham, in dessen Schoß dereinst die Verstorbenen einkehren werden.

Von diesem siebten Himmel aber wurde Mohammed (as) von Gott gebeten ohne Gabriel fortzuschreiten. Da kam er zum Lotusbaum an der äußersten grenze des Himmels, wo ihm Gottes Angesicht gewahr wurde:

beim Lotusbaum des Endziels,
bei dem der Garten der Zuflucht ist.
Als den Lotusbaum überdeckte, was (ihn) überdeckte,
da wich der Blick nicht ab, noch überschritt er das Maß.
Wahrlich, er (Mohammed) sah von den Zeichen seines Herrn die größten.

- Sure 53:14-18

Seiten