Religionen

Wege zu einer modernen Kabbala

von Johan von Kirschner

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienten als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzen muss, sozusagen also die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

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Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Al-Miradsch: Mohammeds (as) himmlische Reise

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten? Worauf sie selbst erwiderten: Mit Bezug auf ihren Herrn. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

– At-Tabari

So wie At-Tabaris obiges Zitat bereits zeigte, ließe sich die sogenannte Al-Miradsch (auch: Al-Miraj), die Himmelsreise des Propheten Mohammed (as), als seine eigentlich prophetische Berufung deuten. Während dieser Reise begegnete er den anderen Propheten aus der abrahamitischen Tradition.

Zuvor aber öffneten ihm die beiden Erzengel Gabriel und Michael die Brust, um sie von allem "geistigen Schmutz" zu reinigen.

Im Heiligtum der Kaaba in Mekka führten Mohammed (as) Gabriel und Michael zu einem besonderen Platz. Dort befand sich die heilige Quelle Zamzam, die einst von Abd Al-Muttalib, dem Großvater Mohammeds (as), aufgrund einer Vision ausgegraben wurde.

Unweit von Zamzam befindet sich der Maqam Ibrahim, der Stein den dort Abraham platzierte, als er mit seinem Sohn Ismael die Kaaba errichtete.

Zwischen diesem Stein und dem Brunnen nun, war Mohammed (as) für seiner Reise eine Leiter aufgestellt, über die er sich in Bgeleitung mit dem Erzengel Gabriel, auf sieben Stufen gen Himmel erhob.

  1. Auf der ersten Stufe befand sich der Prophet Adem (Adam), Urvater der Menschheit.
  2. Auf der zweiten Stufe trafen sie den Propheten Yahya (Johannes den Täufer).
  3. Danach begegnete ihnen auf der dritten Stufe der schöne Prophet Yusuf (Joseph), der Sohn des Yakub (Jakob, jenem Patriarchen der selbst einst auf himmlischer Leiter die Engel auf- und niedersteigen sah, Genesis 28:11-22).
  4. Auf dann kamen sie auf die vierte Stufe, wo sich der entrückte Prophet Idries (Henoch) zu erkennen gab, den manche auch mit Hermes Trismegistos in Verbindung bringen.
  5. Dann, auf der fünften Stufe, begegnete ihnen jener einst so vom Volke geliebte Harun (Aaron).
  6. Hier nun trafen sie auf der sechsten Stufe den Propheten Moses.
  7. Zuletzte aber, auf der siebten Stufe sahen sie Abraham, in dessen Schoß dereinst die Verstorbenen einkehren werden.

Von diesem siebten Himmel aber wurde Mohammed (as) von Gott gebeten ohne Gabriel fortzuschreiten. Da kam er zum Lotusbaum an der äußersten grenze des Himmels, wo ihm Gottes Angesicht gewahr wurde:

beim Lotusbaum des Endziels,
bei dem der Garten der Zuflucht ist.
Als den Lotusbaum überdeckte, was (ihn) überdeckte,
da wich der Blick nicht ab, noch überschritt er das Maß.
Wahrlich, er (Mohammed) sah von den Zeichen seines Herrn die größten.

- Sure 53:14-18

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Unter den vielen Religionen auf unserem Planeten findet sich ein gemeinsames Muster, dass den Menschen in ein spirituelles System stellt, wo er auf der Erde wohnend mit der Fähigkeit ausgestattet ist, sein Leben auszurichten auf besondere himmlische Einflüsse. So kann man sagen, dass überall die Seele als Teil einer Dreiheit steht, die sich gliedert in Himmel, Mensch und Erde.

Das zumindest ist ein Teil verschiedener Hierarchien, denen man zum Beispiel in den Religionen der westlichen Weltkultur begegnet. Ihre Ursprünge aber reichen bis in die östlichen Regionen des einstigen, alten Reichs der Perser.

Um über so ein Grundsystem hinter allen Religionen sprechen zu können, bildete sich in der Renaissance die Bezeichnung der Prisca Theologia, einem lateinischen Begriff für eine »Uralte Religion«. Es war wohl der italienische Philosoph und Humanist Marsilio Ficino (1433-1499) der so eine Urreligion voraussetzte, aus deren System sich die verschiedenen philosophischen Weltbilder der westlichen Kultur ableiten lassen.

Ficino ging in seiner Lehre von der Prisca Theologia also davon aus, dass es schon immer eine einheitliche, wahre Theologie gab, die wie ein Goldener Faden durch alle Religionen verläuft. Er gleicht einem heiliger Strang göttlicher Weisheit, dessen eines Ende aus der Hand Gottes von den Völkern der Erde angenommen, über die Jahrtausende hinweg immer wieder weitergegeben wurde (man könnte diese Vorstellung auch vergleichen mit der Silsila der Sufis, der spirituellen, goldenen Kette von Lehrern, die einen Schüler über frühere Generationen von Mystikern, mit dem Propheten Mohammed und dadurch mit Allah verbindet).

Mit einem seiner Zeitgenossen, dem jungen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1394), bemühte sich Marsilio Ficino die Lehren der Katholischen Kirche zu reformieren. In seinen Schriften, die eben so eine Prisca Theologia voraussetzten, ging Pico della Mirandola davon aus, dass die Weisheiten

  • des Neuplatonismus (eine aus dem 3. Jhd. n. Chr. entstandene Philosophenschule, die sich auf Platon berief),
  • des Hermetismus (die religiös-philosophische Offenbarungslehre des mythischen Wissensspenders Hermes Trismegistos) und
  • der noch älteren Mosaischen Tradition (entstanden aus den fünf Büchern des Propheten Moses),

sich als solch universale Urreligion sehen ließen. Der Mosaischen Tradition der Juden jedoch, stellte Marsilio Ficino noch die Chaldäischen Orakel des Zarathustra voran (des iranischen Priesterphilosophen, Propheten und Religionsstifters des Zoroastrismus).

Ficiono wiederum verstand sich als Gelehrten in einer langen Kette von Vorgängern, die durch Gottes Erlaubnis dazu befugt waren zu diesem Wissensspeicher einer universalen Philosophie beizutragen. Nur durch die immer neu erblühenden Religionen, so Ficino, könne sich die göttliche Weisheit auf Erden allmählich entfalten. Und diese Fortentwicklung hielten Ficiono und all seine Vorgänger in Buchform fest.

Jeder dieser alten Theologen spielte dabei seine besondere Rolle. Es oblag ihnen allen eine Urwahrheit herauszuarbeiten und zu dokumentieren aus dem, was uns eben durch Platon, Hermes Trismegistos oder den persischen Propheten Zarathustra (auch »Zoroaster« genannt) überliefert wurde. Um diese Prisca Philosophia immer wieder zu verkünden, dienten jene alten Heiligen als Gefäße Göttlicher Wahrheit, als Überlieferer eines Wissens, in das sie nicht einmal selbst voll eingeweiht waren.

Ficiono und Pico della Mirandola sahen in allen Religionen nur die kulturellen Variationen einer uralten, einfachen göttlichen Wahrheit. Doch ihre Sicht schien im Zeitalter der Aufklärung (ab dem 17. Jahrhundert) vollkommen verdrängt zu werden. Denn seit dieser Zeit leugnete man jede Form einer göttlich offenbarten Weisheit, die den Menschen direkt von Gott als Religion gegeben worden sei. Was bedeutete da schon eine Prisca Theologia?

Auch wenn sich über die Vorstellungen von einer Urreligion streiten ließe, ist sie also solche, als Prisca Theologia, dennoch verwandt mit dem Konzept der Sophia Perennis, der Ewigen Weisheit. Unter der Prisca Theologia hat man sich allerdings die Urform aller Religion vorzustellen, die ihren Urpsrung nahm in ferner Vergangenheit, im Dunkel vergessener Zeiten, während die Sophia Perennis einen essentiellen Ewigkeitsaspekt aller Philosophien hervorgeheben will. Damit ließe sich gewissermaßen feststellen, dass nur die ältesten religiösen Prinzipien und Riten, jene Urreligion in ihrer reinsten Form abbilden. Je älter die Schriftquelle also ist, desto näher befindet man sich an dieser Urform religiösen Denkens.

So ließe sich die Prisca Theologia als die Wurzel aller religiösen Zweige auf Erden auffassen. Die »Wahre Religion«. Und was bedeutet das Wort Religion? Es steht für den Wunsch sich auf etwas zurück zu besinnen und sich damit wohl dem Bund eines uralten Glaubens anzuschließen.

 

Visionen eines deutschen Propheten

von S. Levent Oezkan

Jakob Böhme - ewigeweisheit.de

Zu den größten Mystikern der Neuzeit zählt sicherlich Jakob Böhme. In seinem Werk verbanden sich Prophetie, Vision und eine bis dahin nicht dagewesene Theosophie und Metaphysik. Die Einflüsse der mystischen Betrachtungen aus seinen Visionen, sind auch heute noch über die Grenzen Deutschlands hinaus, in den Kreisen spirituell Gesinnter gegenwärtig.

Im Ausland nannte man ihn den »Philosophus Teutonicus«. Doch er war ein einfacher Mann, der bekanntlich in Görlitz eine Schusterei unterhielt. Karl Marx sagte einmal über ihn:

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Doch auch wenn Böhme ein recht unscheinbarer Mensch gewesen sein mag, war er doch von großer Geistesmacht erfüllt. Seine Philosophie bestand vor allem in einer »Göttlichen Weisheit«, war eine Theosophie, also etwas, dass weniger aus dem Weltgeist, als eher aus einem Geist des Göttlichen, durch Erkenntnis erlangt werden will. Böhme erlebte die göttliche Offenbarung der Bibel intuitiv, als Vision. Doch ebenso feinfühlig war seine Empfindung für Ereignisse in der Natur.

Das Böhme heute Theosophen, Rosenkreuzer und Philosophen verehren, bedeutet gar nicht, dass das immer so war. Zu seinen Lebzeiten durfte er mit sowas kaum rechnen. Er hatte einen großen Schülerkreis, doch es gab auch Menschen, die seine Lehren als Irrglauben verwerfen wollten und sich ganz und gar gegen sein weiteres Wirken stellten.

Kein Mystiker kommt eben schon fertig auf die Welt. Und was heißt das? Jeder muss seine vornehmen Fähigkeiten eben auch auf weltlicher Ebene begründen lernen. Jakob Böhmes Schriften aber sollten tatsächlich in die Geschichte eingehen. Er war einer der außergewöhnlichsten Weisen der europäischen Geistesgeschichte. Niemals hatte er ein Studium an einer Universität genossen oder gar eine theologische oder wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auf spirituell suchende Menschen, üben seine religiös-esoterischen Schriften eine inspirierende Wirkung aus, ganz unabhängig welche Bildung sie genossen haben oder welcher religiösen Weltanschauung sie folgen. Seit mehr als vier Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert. Wer darum meint, dass seine Schriften nur auf Laien Einfluss ausübten irrt! Unter seinen Lesern befanden sich auch einflussreiche Philosophen, darunter etwa so Größen wie Leibniz, Hegel, Schelling, Novalis oder Ernst Bloch. Georg Wilhelm Friedrich Hegel galt Jakob Böhme gar als erster deutscher Philosoph.

Böhmes philosophische Einschätzungen basierten allein auf Glauben und Gottesfurcht. Es muss eine ungewöhnliche Hellsicht gewesen sein, oder nennen wir es, sein »Visionsvermögen«, dass ihn zu dem befähigte, was er in seiner relativ kurzen Lebenszeit zu Papier gebracht hatte.

Wer Jakob Böhmes Schriften liest merkt aber bald, dass ihnen etwas an Form abgeht. Manchmal bewegt man sich beim Lesen der Werke Böhmes, wie durch ein Labyrinth. Nach und nach aber fällt einem auf, dass sich durch den Text doch ein roter Faden zieht, dessen Ende geknüpft zu sein scheint an die Wirkungen höchster Erkenntnis.

Dennoch nimmt Jakob Böhme als Religionsphilosoph eine Sonderrolle ein, da er nicht etwa aus einer Weisheitstradition heraus schrieb und lehrte, sondern alles aus seinem visionären Eingedenken kam. Was er dabei fand, sollte ihn zu einem der einflussreichsten Gestalten der frühen europäischen Neuzeit machen.

Ein praktisches Christentum

Auch wenn Jakob Böhme schon als junger Mann die Heilige Schrift studierte und ein disziplinierter Kirchengänger war, gewann er seine weisen Einsichten doch in außergewöhnlichen Gottesvisionen.

Das reguläre evangelische Christentum, in seiner rein wörtlichen und intellektuellen Form, muss ihm dabei wie erstarrt erschienen sein. Drum versuchte er ein praktischeres Christentum zu entwickeln, das sich über die reine Textkunde des Bibellesens erhob. Doch niemals strebte er an, eine neue christliche Sekte zu gründen. Zeit seines Lebens blieb er Lutheranischer Christ. Eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen war etwas, das ihm ganz und gar nicht entsprach. Und trotzdem: aus Böhme schien aber etwas hervorzudrängen, dass seine Zeitgenossen an ihm wahrnahmen. Er schien tatsächlich tief erfüllt von einem göttlichen Geist, von dem geleitet er seine Schriften zu Papier brachte.

Denn in ihm leben, weben und sind wir

- Apostelgeschichte 17:28

was die Zeilen des großen Angelus Silesius bestätigen:

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament.
Der Salamander muss im Feuer erhalten werden:
Und Gottes Herz ist Jakob Böhme's Element.

Herz-Symbol Böhmes - ewigeweisheit.de

Das Böhme'sche Herz: Dieses Symbol enthält in seiner Mitte ein weißes Dreieck, worin sich 1 + 2 + 3 + 4 = 10 Positionen zur sogenannten »Tetraktys« formen. Darin lassen sich verschiedene Zeichen unterbringen. In diesem Fall sind es die Buchstaben des Heiligen Namen JHVH, hebräisch יהוה (das sogenannte »Tetragrammaton«).

Da nun in der Mystik Jakob Böhmes das alchemistische Feuer eine zentrale Rolle spielt (siehe unten), fügte er das Schin, hebräisch ש, in diesen hebräischen Namen ein: das geheime Symbol für das Feuer in der Kabbala. Dieser Buchstabe eingefügt, in der Mitte zwischen den vier Buchstaben des Tetragrammaton יהוה, ergibt den hebräischen Namen יהשוה Jehoschua (hebräisch für »JHVH ist Hilfe«), die hebräische Fassung des latinisierten Namen »Jesus«. Den Kreis umringen die Buchstaben des Namen »Christus« und in den Flammen lassen sich außerdem die Namen »Iesus« (lateinische Schreibweise von »Jesus«) und »Immanuel« (hebräisch für »Gott ist mit uns«) entziffern, wobei die Endsilbe dieses Namens, »El«, ein anderes hebräisches Wort ist für »Gott« und im unteren Bereich dieses Symbol bewusst alleinstehend platziert ist. So entsteht also aus der Vierheit des wichtigsten Namen יהוה im jüdischen Glauben, mit dem geheimen Zeichen für das Feuer, ש (Schin), ein fünfbuchstabiger, hebräischer Name, der in diesem Symbol Böhmes, mit den anderen Namen  ein mystisches Emblem bildet: »Immanuel Jesus Christus«.

Der Teutonische Prophet aus Görlitz

Jakob Böhme kam 1575 in Alt-Seidenberg zur Welt, einem kleinen Ort nahe der Stadt Görlitz in der Oberlausitz. Seine Eltern waren Bauern aus ganz einfachen Verhältnissen. Der junge Böhme erhielt darum nur eine einfache religiöse Schulbildung, wo er auch Lesen und Schreiben lernte.

Als kleiner Junge musste er als Hirte arbeiten und war ein stilles, ein introvertiertes Kind mit einem leicht verträumten Blick. Doch schon als junger Mensch besaß er die Fähigkeit zur Vision, die er selbst jedoch als natürlich-real empfand.

Eine Geschichte erzählt über ihn, wie er einst Vieh hütete, zusammen mit anderen Hirtenknaben. Doch er entfernte sich von der Gesellschaft der anderen Jungen und bestieg die Landskrone, einen kleinen Berg in der Nähe seines Heimatortes. Es war Mittag als er dort ein Eingangstor aus vier roten Steinen in den Felsen entdeckte. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, worin sich wirklich reines Gold befand. Nicht aber griff er danach, sondern rannte vor lauter Panik davon, als wäre das, was er dort vorfand, nichts als Teufelswerk. Was er aber damals gesehen hatte blieb ihm als tiefer Eindruck in Erinnerung. In Begleitung seiner Freunde suchte er den Ort erneut auf, doch er war verschwunden. Hatte er das alles nur am helllichten Tag geträumt, in einem Wachtraum oder war er als er das erlebte nicht ganz bei sich?

Es schien, als wäre ganz tief in seiner Seele damals etwas wachgerüttelt worden, was er sonst nicht erfahren hätte. Etwas wurde sozusagen »psychisch aus ihm herausgelöst«. Der junge Böhme war eben jemand, der dazu befähigt war tiefer in die Versenkungen seiner Seelenwelt hinabzusteigen.

In seinen späteren Lehrjahren zum Schuster, hatte er eine weitere überirdische Erscheinung: da kam ein Mann, der ihm Schuhe abkaufen wollte. Doch da er als Lehrling zum Verkauf noch keine Befugnis besaß, ging er auf die Frage erst nach langem Zögern ein. Der Interessent wandte sich erst ab, doch rief dann plötzlich mit lauter Stimme:

Jakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dir verwundern wird. Darum sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort. Insbesondere ließ gerne in der Heiligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Armut, Not und Verfolgung erleiden müssen, denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig.

Nach diesem Erlebnis wurde Böhme nur noch unsicherer und ernster. Sein ganzes Leben richtete er danach auf Moral, Gebet und Meditation. Er neigte dazu auch andere zu christlicher Frömmigkeit zu ermahnen, wozu natürlich auch Besucher der Schusterei seiner Lehrjahre gehörten. Als ihn aber sein Meister dabei erlebte, ermahnte er ihn »keinen Hauspropheten« zu brauchen. Das nächste Mal das er ihn dabei ertappte warf er ihn raus.

Darauf begab sich der junge Böhme als Geselle auf Wanderschaft. In jener Zeit bemerkte er an den Menschen die er da traf, dass sie mit ihrem Glauben in Konflikt standen, wo sich doch die verschiedenen Parteien der Evangelischen Kirche in den Haaren lagen. Es kam ihm vor, als befände sich die noch junge christliche Konfession in einer Art Babylon, wo jeder seiner Überzeugung nach in fremder Sprache die anderen beeindrucken und bekehren wollte.

Es war das aber auch die Zeit wo er viel in der Bibel las, aber auch astrologische Schriften studierte. Böhme war aber immer ein sehr frommer Mensch, der viel betete und über die erfahrenen Gottesworte meditierte. Einmal geriet er dabei sieben Tage lang in eine tiefe Ekstase, als er gerade Handarbeit ausführte, wo ihm sein spiritueller Meister wie aus dem Nichts begegnete. Da schien er aufzusteigen, seinen »Seelen-Sabbath« erfahrend, in einer Phase spiritueller Entrückung. Wie von göttlichem Licht umfangen, sah er sich selbst in einer Welt größter Stille und Freude. Doch es war ein rein innerliches Erleben, denn um ihn blieb alles so wie es war. Danach aber fühlte er sich wie von den Toten erwacht.

Solche Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, gewährten ihm Einblicke in eine Welt, wie sie vor ihm wohl nur die Propheten der Bibel erlebt hatten.

Morgenröte im Aufgang

1594 kehrte Jakob Böhme zurück nach Görlitz. Ab 1599 eröffnete er dort eine Schusterei und heiratete im selben Jahr die Tochter eines Fleischers, die ihm zwischen 1600 und 1606 vier Söhne gebar. In dieser Zeit erlebte Böhme weitere mystische Visionen. Doch er schwieg darüber. Er wollte sie für sich behalten, um erst zu verstehen, was er dabei eigentlich erfuhr.

Als er eines Tages in seiner Schusterei saß, fiel sein Blick auf einen polierten Zinnbecher der vor ihm auf seinem Arbeitstisch stand. Die Sonnenstrahlen, die sich darin reflektierten, erzeugten eine wundersame Lichterscheinung, die seine Wahrnehmung derart absorbierte, dass er wieder in eine Art ekstatischen Zustand verfiel. Was er da erlebte war einzigartig, denn er fühlte sich wie aus dieser, in eine andere Realität entrückt, worin sich ihm die tiefsten Geheimnisse der Dinge offenbarten und er die ihnen innewohnenden Prinzipien erkannte.

Diese Erfahrung war so eindrucksvoll, dass er nicht länger darüber nachdenken wollte. Vielmehr suchte er Ablenkung und begab sich ins Grüne. Er wollte nicht so recht wahrhaben, was er da erlebt hatte und redete sich ein, dass diese Vision auf einer Einbildung basiert haben müsse. Nur gelang ihm das nicht, denn als er dort im Grünen stand, vermochte er auf einmal ins Innerste der Dinge zu schauen, die um ihn herum zu sehen waren. Alle Pflanzen und Gräser dort, waren in Harmonie damit, was er wie von innen heraus in seiner Vision vernommen hatte. Doch er wusste genau, dass er darüber mit niemandem sprechen konnte. So dankte er Gott für diese Erfahrung und behielt sie im Geheimen für sich.

Ein spirituelles Tagebuch

In den folgenden Jahren arbeitete Böhme als Schuster in seiner Schuhbank, wie man damals die Schustereien nannte. Er ging gewissenhaft seiner Arbeit nach und hatte mit allen Menschen einen guten Umgang.

Im Jahr 1610 erlebte er erneut etwas, dass er nicht durch seine alltägliche Erfahrung erklären konnte. An die prophetisch-visionären Eindrücke, die er als Junge vernahm, erschienen ihm da als recht chaotische und nur bruchstückhafte Vision. Er empfand sie nur als Momentaufnahmen von etwas viel Größerem. Jetzt aber sah er vor seinem inneren Auge ein ganz deutliches Bild. Er vernahm darin die Wirkungen eines Teils von etwas viel Höherem, empfand das in vollkommener Klarheit, als Element einer allumfassenden Ganzheit.

Was er da erlebt hatte schrieb er auf. Doch es war nicht seine Absicht diese Schriften zu veröffentlichen, da er sich als Schuster einem Dasein als Literat nicht gewachsen fühlte. So blieb das was er schrieb ähnlich einem Tagebuch, ein Notizheft, um sich an die gemachten Erfahrungen besser erinnern zu können. Denn es kam vor, dass ihm seine Visionen entglitten.

Jeden Morgen bevor er sich zur Arbeit begab, schrieb er darum auf, was er gesehen und erlebt hatte. Die Zeilen, die aus dieser Schreibtätigkeit entstanden, wurden zu seinem Erstlingswerk: Die »Morgenröte im Aufgang«, der man später den lateinischen Titel Aurora hinzugefügte. Den ursprünglichen Titel gab er dieser Schriftensammlung wohl auch wegen der Tageszeit, in der er sie verfasst hatte.

Für einen einfachen Schuhmacher, der keinerlei akademische Vorkenntnisse besaß, war dieses Werk eine erstaunliche Leistung. Doch wie er meinte, schrieb er die Texte nicht allein. Wie ein heftiger Schauer kamen ihm Erkenntnisse und was er dabei zu Papier brachte, schien wie in einem Fluss aus seiner Hand, recht ungeordnet auf dem Papier (jeder der sich schon mit Böhmes Aurora befasste, vermag das wohl auch nachzuvollziehen).

In der Aurora kommen die Lehren der Alchemisten und Theosophen zur Sprache. Was genau er darin aber veröffentlichte, gab er nur seinen engsten Freunden zu lesen. Viele Ärzte und Adlige waren unter Böhmes Freunden. Wegen der Tragweite, der darin getroffenen Aussagen über seine Erlebnisse, schienen sich die darin enthaltenen Texte, fast schon danach zu sehnen, von einer größeren Leserschaft gelesen zu werden. So kam es tatsächlich dazu, das ohne Böhmes Wissen, ein adeliger Bekannter unter seinen Freunden, tatsächlich Abschriften von seiner Aurora verbreitete.

Böhmes Werk las auch ein Schüler des berühmten Paracelsus. Es war der Arzt und Alchemist Balthasar Walther (1558-1631), der Leiter eines »Geheimen chymischen Laboratoriums« in Dresden. Walther war ein viel bereister Mann, der nach Syrien, Arabien und Ägypten gereist war, um dort nach den wahren Quellen der alten Kabbala und Magie zu forschen. Was er aber in Jakob Böhmes Aurora fand, erkannte er als tiefste Weisheit und jenseits dessen, wovon er bisher erfahren hatte.

Wegen seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit aber, verkaufte er seine Schuhmacherei schon 14 Jahre nach ihrer Eröffnung – ein Zeitraum der uns heute echt lange vorkommt, doch in damaliger Zeit empfanden die Menschen das anders. Von da an auf jeden Fall lebte er von der Unterstützung seiner Freunde. Damit aber kam er immer wieder in große finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich hatte er seine Kinder zu ernähren und ein Wohnhaus abzubezahlen, dass er 1599 in Görlitz gekauft hatte.

Jakob-Böhme-Denkmal Görlitz - ewigeweisheit.de

Jakob-Böhme-Denkmal im Görlitzer Park des Friedens (Foto: Ausschnitt aus dem Original von Südstädter; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Aufbegehren eines Görlitzer Pfarrers

Die Kopien der Aurora, die sein Freund Carl von Endern anfertigen ließ, verbreiteten sich schnell. Eine davon fiel in die Hände des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter (1560-1624). Manchen erschien der Charakter dieses Kirchenmannes wie der eines aufgeblasenen Besserwissers.

Was da nun aber Jakob Böhme geschaffen hatte, war diesem Pfarrer Richter einfach nicht geläufig und vermutlich fehlte ihm das nötige Erkenntnisvermögen, um die Aurora überhaupt zu verstehen. Sicher aber wusste er von Böhmes Bewunderern. Doch er, als Pastor primarius, wollte keinen neben sich haben und empfand Böhme nur als gefährlichen Widersacher, der ihm als Pfarrer nur Konkurrenz machen könnte.

In einer seiner Sonntagspredigten beschuldigte er Jakob Böhme, sich zu brüsten als neuer Prophet – was dieser aber niemals tat. Doch in Wirklichkeit hielten ihn einige seiner Bewunderer tatsächlich für so einen. An jenem Tag jedoch war Böhme selbst unter den Kirchenbesuchern. Nach der Predigt wartete er auf Gregorius Richter am Eingang der Kirche, um von ihm freundlich in Erfahrung zu bringen, worin sein Vergehen eigentlich lag. Doch Richter drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht sofort aus seiner Gegenwart entferne. Am nächsten Morgen erhielt er vom Amtsgericht der Stadt Görlitz eine Ausweisung aus der Stadt, die aber kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Man verbot Jakob Böhme von da an aber, die weitere Veröffentlichung des Buches Aurora. Auch seine schriftstellerischen Tätigkeiten durfte er nicht weiter ausüben.

Anders als von Richter erhofft, kam aber durch dieses Ereignis die Aurora Böhmes erst noch größere Aufmerksamkeit und verbreitete sich schneller, als sich der Oberpfarrer in seinen schlimmsten Alpträumen auszumalen vermochte. Es sprach sich herum, dass dort in Görlitz ein wahres Genie zu Hause sei, dass man aufsuchen solle. Und so wollten bald möglichst viele unter der damaligen, deutschen Bildungsbürgerschicht wie auch aus Kreisen des Adels, den Meister Jakob Böhme persönlich treffen.

 

Über fünf Jahre befolgte Jakob Böhme das Diktat der Amtsrichter. In dieser Zeit schrieb er nur für sich. Es blieb ihm aber unbegreiflich, dass er nun nicht dem Gebot seiner göttlichen Vision folgend schrieb, sondern dem Zwang der Kirche gehorchen musste.

Drei Göttliche Prinzipien

Nach langer Zeit des Schweigens überredeten ihn im Jahr 1618 Freunde dazu, erneut seiner Berufung nachzugehen und was ihm in seinen Visionen erschien auch aufzuschreiben. Doch in seinem Wirken als Schriftsteller, blieb Böhme stets eine eigene, individuelle Erscheinung in der Geschichte der Mystik. Zwar schienen viele philosophische Strömungen in seinem Werk zusammenzulaufen, doch sie verschmolzen gleichsam im alchemistischen Ofen seines inneren, esoterischen Empfindens. Insbesondere die Zahl Drei nahm in seiner mystischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. 1619 erschien in diesem Kontext sein zweites Werk: De tribus principii – »Die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens«.

Für Jakob Böhme bildete das Universum seinem Wesen nach drei Welten. Aus ihnen entstand alles Sein. Die transzendente Einheit Gottes aber wies ihm den Weg zu seinem Selbstausdruck in der Welt.

Gott ist von Ewigkeit Alles alleine; sein Wesen teilet sich in drei ewige Unterschiede. Einer ist die Feuer-Welt; der Andere die Finstere Welt; und der dritte die Licht-Welt. Und ist doch nur Ein Wesen in einander, aber keines ist das Andere.

[…]

Das rechte Leben stehet im Feuer; dort ist der Angel (die Befestigung) zu Licht und Finsternis. Der Angel ist die Begierde: womit sich die füllet, dessen Feuer ist die Begierde, und dessen Licht scheinet aus dem Feuer; dasselbige Licht ist der Gestalt oder desselben Lebens Sehen, und das eingeführte Wesen in die Begierde ist des Feuers Holz, daraus das Feuer brennet, es sei herbe oder sanft, und das ist auch sein Himmel-oder-Höllen-Reich.

Das menschliche Leben ist der Angel zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennet es. Gibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Gewiss ist das jene Trinität, von der auch in den Lehren der Alchemie die Rede ist. Diese Geheimwissenschaft aber verwendet andere Namen für diese Dreiheit, nämlich dem feurig-geistigen Sulphur, dem flüchtigen Mercurius und dem manifestierten Sal. Was aber der daraus bereitete »Weiße Stein« den Alchemisten galt, war für Jakob Böhme jene universale Dreifaltigkeit der göttlichen und sinnlich-wahrnehmbaren Schöpfung, worin wir als Menschen leben und handeln.

Mit der Welt des Feuers bezeichnete Böhme den unbegrenzten Willen Gottes, den er während seiner Schöpfung konzentrierte auf die natürliche Welt, als Inspiration zu werden. Was auch immer werden soll, braucht Feuer. Und aus diesem Urfeuer der göttlichen Schöpfung entstand ein Paar von Gegensätzen:

  • Eine finstere Welt der Konflikte, der Übel, was man als die ewige Natur des Materiellen bezeichnen könnte, und
  • eine lichtvolle Welt, erfüllt von Weisheit und Liebe. Das ist der ewige Geist, der Nous, wie ihn Platon nannte.

Die dunkle Welt ist das Widerspenstige im Leben, alles was den Gegensatz zum Göttlichen bildet – die Welt des Unverbesserlichen, kurz: die Probleme – das was uns in unserem Leben Kopfzerbrechen bereitet. Die Reiche des Lichts aber bildet die Welt des Guten. Es leuchtet aus dem Herzen Gottes, durch sein Wort, dem Logos, der sich jedoch vom feurigen Prinzip seines Willens unterscheidet.

Fest steht: die Finsternis bleibt die Voraussetzung für das Licht, denn alles was in der Welt entsteht, benötigt einen Gegensatz, durch den es sich ja überhaupt erst als kontrastierendes Abbild manifestieren kann. Gewissermaßen ließe sich dieses Axiom auch in der Geschichte von Böhmes Wirken sehen, als prophetischer Schriftsteller. Auch andere Autoren die mit ihren Veröffentlichungen in Konflikt mit der etablierten Geisteselite gerieten, hatten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen. Erst nämlich durch die Problematik, die sich aus diesen widerstrebenden, verneinenden Kräften ergab, fand eine neue Lehre das notwendige Licht, um sich aus dem Dunkel überkommener Sichtweisen zu erheben.

Das erkannte Böhme sehr wohl. Für ihn war die äußere, alltägliche Welt sowohl gut und böse zugleich, sowohl grauenhaft wie entzückend, worin Liebe und Zorn gemeinsam bestehen. Doch das nur als die Bestandteile eines selben Ursprungs, die Böhme eben durch seine Definition des Feuers beschreibt. Und in diesem Feuer streben das natürliche und das geistige Leben zum Licht. Ziel aber sollte dem Menschen sein, das Licht aus seinem feurigen Ursprung hervorzubringen, denn was sonst bleibt zurück vom Feuer, als nur Asche und schwarzer Ruß?

Hier sprach Jakob Böhme allegorisch vom »Blühen der Lilie«, die für ihn die Neugeburt des Christus symbolisierte. Wieso? Für Böhme befand sich das Universum scheinbar in einem riesigen alchemistischen Prozess, wo in einem allegorischen Kochtopf (Feuer), unablässig das Unedle (Finsternis) in lauteres Gold (Licht) destilliert wird. Und so wie sich dieser Veredelungsvorgang im Makrokosmos der Welt vollzieht, so auch im Mikrokosmos des Menschen. Auch der Mensch als Erscheinung seiner Spezies, befindet sich in einem Zustand des Werdens. Es ist darum gar nicht zu vermeiden, dass aus diesem Werden, sich aus dieser Veränderung zu etwas Neuem, durchaus Konflikte ergeben, wo sich eben Licht- und Finsterniskräfte empfindlich berühren. Übertragen auf das Leben eines Menschen, sind das die Probleme, die sich in unserem Dasein ergeben und bewältigt werden wollen.

Was die Hermetiker als das »Große Werk« anstreben, darauf soll auch der Mensch hinarbeiten. Der nämlich muss sein weltliches Leid ertragen lernen, um die in ihm wirkenden Gegensätze von Feuer und Licht zu überwinden.

Um dereinst zu den Himmlischen zu zählen, muss sich ein Mensch gegen die finsteren Anteile des Feuers wehren, um dabei das Licht daraus zu erlösen, was natürlich nicht immer einfach ist. Das weiß jeder, der schon ein paar Jahre auf unserer Erde wandelt. Da der Mensch aber alle drei Aspekte der dreifaltigen Welt in sich trägt – Feuer, Licht und Finsternis –, ist, wenn er bereit ist diesen unausweichlichen Kampf mit seinen Problemen auszutragen, ein Sieg über seine Leiden durchaus gewiss.

[...] wenn einer einen rechten Menschen stehen sieht, mag er sagen: Hier sehe ich drei Welten stehen […]

- Aus Jakob Böhmes »Von sechs theosophischen Punkten«, Erster Punkt, 2. Kapitel

Das menschliche Leben ist der Angel (die Befestigung) zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennt es. Begibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Unzählige Abenteuer vermag ein Mensch in jenem Urfeuer zu erleben. Seine Flammen schlagen eben aus den Tiefen der Hölle bis in die höchsten Höhen aller Himmel. Feuer ist wie das Leben: Kummer, Mühen und Konflikte ereignen sich unausweichlich. Da sich die Flamme dieses Feuers jedoch zur dunklen wie zur lichten Seite hin ausbreitet, kann man wählen zwischen:

  • dem finsteren Egozentrismus der Sünde oder
  • einem selbstlosen Dasein auf dem lichtvollen Weg zu göttlicher Vervollkommnung.

Alle spirituellen Traditionen lehren uns den Strudel der Egoismen versiegen zu lassen. Man muss die Energie eben so einsetzten, damit was vollbracht wurde, auch zu zu Liebe führt. Dunkle Teile in der Welt und in den Menschen lassen sich so zu Licht transmutieren (symbolisch also zu Gold). Und dabei wird die Furche zwischen den Dingen in der Natur und des Geistes geschlossen.

Böhmes gesamtes Schriftwerk dreht sich allein darum, danach zu streben das Licht Gottes in einem selbst zu entzünden, als eine allumfassende, alles durchdringenden Realität. Wir sind eben das, was wir aus unserem Leben machen.

Himmel und Hölle sind überall

Alles was zählt, ist sich zu entscheiden, zwischen dem Weg zu göttlicher Liebe oder einem Weg hin zum Untergang (wobei letztere Entscheidung eigentlich keine ist, da jemand aus reiner Unwissenheit und Ignoranz, ganz unbewusst auf solche Abwege gerät). Wer ununterbrochen, lebenshungrig und voller Ungeduld, an der Grenze zwischen kosmischem und menschlichem Leben schlittert, der wird niemals das »Rad des Schicksals« verlassen können. Er verfehlt das alchemistische Werk, zielen seine Begierden doch nur auf den dunklen Teil des Urfeuers.

Böhme schreibt, dass so jemand einen Zustand der turba erzeugt, eines »lärmenden Getümmels«, das nirgendwo sonst zu hören ist, als aus den Tiefen der Hölle. Drum dürfte die Aufforderung plausibel erscheinen, wenn es heißt, man solle sich dem hellen Teil des Urfeuers zuwenden, um darin die Impulse göttlichen Lichts zu empfangen – einem Licht, dass all-ein-sam in der Stille der Ewigkeit brennt.

Geduld, Mut, Liebe und Hingabe lassen den Suchenden allmählich erkennen, dass auch seine Seele Teil einer göttlichen Wirklichkeit ist. All die Heiligen und Mystiker bewiesen durch ihre Biografien, dass dies auch tatsächlich als entsprechende Wahrheit vernommen werden kann.

Christ zu sein bedeutete für Jakob Böhme aber nicht, allein »nur an Gott zu glauben«. Es war für ihn ein lebendiger Vorgang echter Arbeit, den nicht etwa Christus am Kreuz der Menschheit abnahm, sondern in seiner Symbolik einen Hinweis auf eben jenes alchemistische Werk einer persönlichen Veredelung gab, in der sich das eigene Dasein in dieser Welt, auf einen Weg führen lässt, hin zur Erlösung und der Ankunft unter den Himmlischen.

Das wahre Christentum war für Böhme also nicht nur Lippenbekenntnis. Es war für ihn ein inneres Erfahren der Manifestationen dessen, was die Evangelien in ihren Lehren für die Menschen vorbereitet hatten.

Eine Frage der Auslegung

Was Jakob Böhme wohl sicherlich beabsichtigt hatte, war gewiss nicht bloß seine Schriften zu lesen oder nur daraus zu zitieren, als vielmehr sein Werk, mit einem gewissen Grad selbst erwogener Freiheit, auf individuelle Weise wiederzugeben. Doch genau da liegt auch der Widerspruch: denn wie soll man die Kernaussagen Jakob Böhmes vermitteln, wenn sie individuelle Auslegungen einfärben? Das lässt sich nicht vermeiden, doch ist wohl ebenso gut. Denn je mehr Eindrücke durch verschiedene Interpretationen beim Dritten entstehen, desto wahrscheinlicher zeichnet sich ein tatsächliches Bild dessen ab, was in diesem Falle Jakob Böhme durch sein Schriftwerk der Nachwelt überbringen wollte.

Es wäre also falsch, von einer Auslegung ausgehend zu sagen, dass ihr an Objektivität mangelt. Nur jeder kann für sich selbst eine Sichtweise entwickeln. Denn wenn er verstehen will was er liest, bei Böhme, aber auch anderswo, ist er gezwungen es nach seinem eigenen Ermessen und Verstehen wiederzugeben, ganz im Sinne des Apostels Paulus, wenn er sagte:

Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.

- 1. Thessalonicher 5:20f

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Dantes Göttliche Komödie: Führt der Weg ins Licht durch die Finsternis?

von Johan von Kirschner

Dante Alighieri, Göttliche Komödie - ewigeweisheit.de

Das Schicksal des italienischen Dichters Dante war eng geknüpft an die Wirren des politischen Lebens seiner Heimatstadt Florenz. Dort nämlich wurde er des Staatsbetruges angeklagt und verbannt. Als er in seiner Commedia die Seelen-Läuterung eines Fliehenden durch's Jenseits beschrieb, ging es ihm auch um seine eigene Reise ins Ungewisse.

Früh schon begann ein regelrechter Kult um den Dichter-Philosophen Dante. Wohl auch deshalb, da über sein Leben nur wenig bekannt ist. Was man über ihn weiß, stützt sich insbesondere auf spätere Quellen.

Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geborenen. Seine Mutter verlor er früh. Die Familie Dantes gehörte zu einem italienischen Adelsgeschlecht, die zwar über Grundbesitz, doch nur über wenig Geld verfügte.

1284 trifft Dante die schöne Bice, die in seinem Epos mit dem Namen Beatrice auftaucht. Sie sollte das große Liebeserlebnis seines Lebens werden. Doch sie heiratete ein Jahr später den Bankier Simone dei Bardi. Schon ein Jahr darauf verstarb sie. Das mag einer der traurigen Anlässe gewesen sein, dass sich Dante dem Studium der Philosophie hingab.

Ende des 13. Jahrhunderts bekleidete Dante hohe Ämter in Florenz. Das war in einer Zeit, wo es zwischen einzelnen italienischen Kommunen und auch innerhalb der Städte, immer wieder zu schweren Konflikten kam.

Damals entstand in Florenz auch das, was man heute Kapitalismus nennt. Fast 100000 Menschen bewegten sich damals täglich durch die Straßen der Metropole – mehr als in Rom oder London. Seit dieser Zeit veränderte sich die Art wie Menschen wirtschaften. Nicht allein das Bedürfnis nach materieller Versorgung zum Überleben spielt einzige Rolle, sondern um die Wende zum 14. Jahrhundert, wirtschaftete man in abstrakteren Kategorien und fragte sich wie sich mehr Gewinn als je zuvor erzielen ließe und aus Finanzkapital neues Geld geschlagen werden kann. Auch Dantes Vater, gehörte zu den florentinischen Bankiers.

Nach dem Sturz der politischen Partei Corsos im Jahr 1302, der auch Dante angehörte, verfolgte man ihn und er wurde aus Florenz vertrieben. Im selben Jahr noch verurteilte man ihn zum Tode, seine Familie wurde enteignet und verblieb zurück in bitterer Armut. Als Verbannter zog er durch Italien und Frankreich, ohne je seine Heimatstadt wiederzusehen. Er starb 1321 in Ravenna.

Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante am Eingang eines dunklen Waldes. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Wieso Komödie?

Der eigenartige Titel seines Werks, hatte sich erst lange nach seinem Tod, seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert. Was sich jedoch Dante unter dem Wort »Komödie« vorstellte, dürfte stark von dem abweichen, was man darunter heute versteht.

Wer sich seinem Werk nähert, das bekanntlich ja zuerst durch einen Abstieg in die Hölle beginnt, dürfte sich womöglich fragen, wieso statt von einer Komödie, nicht von einer Tragödie die Rede ist? Doch wenn Dante es Commedia nannte, ging es ihm eher um eine besondere Reise, die für ihn, mit einem Aufstieg aus der Unterwelt, ins Diesseits bis in den Himmel, eben dem entspricht, was die Alten einen »Singenden Umzug« nannten (zusammengefügt aus dem griech. komos, die »Feier«, und aoidos, der »Sänger«). Denn wer aus Höllenqualen befreit hinauf strebt in die Ränge der Engel, den wird man wohl ganz gewiss in freudigem Gesang, in Freudentanz und in einer beglückten Stimmung antreffen.

Dante verband mit dem Begriff Komödie also ein Erfahren, dass er durch sein inneres, geistiges Sehen, auf seinem Weg von der Hölle, hinauf entlang der Ebenen des Läuterungsberges und schließlich das himmlische Paradies betretend, wohl als immer erfreulicheres Erleben wahrnahm. Divina, das Göttliche, diesen Titelzusatz erhielt Dantes Werk erst durch die Nachwelt.

Eine Reise zu sich selbst

Es geht in der Göttlichen Komödie um eine Reise, die Dante als eigene innere Entwicklung schildert. Sicher aber verband er damit auch eine Belehrung für seine Leser. Das Verfassen seiner Göttlichen Komödie, sollte wohl auch ein Bedürfnis danach stillen, die von Gott erschaffene Welt, in all ihren Erscheinungen, in eine für den Leser fassbare Ordnung zu bringen. Nicht zufällig stellte die Nachwelt Dantes Werk darum als einen totalen Weltentwurf dar, das heißt, jedes beschriebene Detail darin erfüllt seinen Sinn. Was jedoch offen bleibt, ist, ob Dante sich und seinen Lesern der Göttlichen Komödie, letztendlich eine allumfassende Antwort auf die Fragen der Menschheit geben konnte.

Mit Sicherheit aber kleidete er seine Visionen, in die Verse seines opulenten Werkes, auf so gekonnte Weise, dass er auch seinen Lesern ein Gespür zu vermitteln vermochte, das bereits in ihnen eine lebendige Weisheit veranlagt ist.

Doch diese Dichtung bleibt mehr als reine Fiktion. Vielmehr steht Dante damit in der Tradition eines Geisteslebens, dessen Vorstellungen man auch in anderen visionsartigen Schriften des späten Mittelalters findet. Was Dantes Schrift von anderen unterscheidet, ist, dass es ihm wie keinem anderen gelang, einen architektonischen Aufbau der damals bekannten Welt zu formen. Denn sowohl Wissen aus der Antike, wissenschaftliche Erkenntnisse des Mittelalters, wie auch christliche Weisheit, fügen sich in der Göttlichen Komödie zu einem großen Ganzen zusammen.

Dantes Universum – ewigeweisheit.de

Das Universum Dantes.
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Die lebendige Erdkugel: Prüferin der Menschenseelen

Dante dachte sich die Erde kugelförmig und als eine von einem Meer umflossene Insel, die sich aus zwei Hemisphären zusammenfügt. Das vom griechischen Astrologen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (100-160) entwickelte geozentrische Weltbild (Centrum Mundi), galt auch in Dantes Göttlicher Komödie, wo die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, umgeben von den konzentrischen Kreisen einer Sternenwelt aus Planeten und Fixsternen.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde, bildet den diesseitigen Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem. Die andere, südliche Hemisphäre, galt Dante als unbewohnt und vom Wasser des Meeres bedeckt. Inmitten dieses Meeres aber ragt der Berg der Läuterung empor, dessen Abhänge unterteilt sind in sieben Stufen. Auf diesen Ebenen der Läuterung, werden die Seelen von ihren begagnegen Sünden gereinigt. Den Gipfel des Läuterungsberges aber bildet das irdische Paradies. Dorthin gelangt nur, wer im wörtlichen Sinne »durch die Hölle ging«. Sie befindet sich unter der Stadt Jerusalem (interessant ist hier die Parallele zur Legende der Freimaurer, wo der Baumeister Hiram Abiff, vom Jerusalemer Tempelberg, auf außergewöhnliche Weise in die Unterwelt reist, bis zum Mittelpunkt der Erde, dem Wohnort des Brudermörders Kain). Doch Dante kommt ab vom Weg und verirrt sich im Gehölz eines dunklen Waldes, weit westwärts der heiligen Stadt.

Dantes Erde gleicht einem makrokosmischen Organismus, einem planetarischen Lebewesen, dass die auf die Erde kommenden Seelen der Menschen, zu Lebzeiten und nach dem Tode bindet, prüft und läutert, doch gemäß ihrem Los, dann irgendwann ins All entlässt. Dabei aber müssen Hölle und Läuterungsberg gar nicht jenseitige Orte sein. Vielmehr leben wir bereits dort – wenn wir all unser Vermögen und unsere Kräfte an das Irdische hängen, wegen Gier, übersteigerter Lust, dem Streben nach Besitz oder Macht.

Wer schlecht handelt, wer böse ist, lebt selbst im Bösen. Zerrissen zwischen Hass und Bedauern, sind alle jene die Zwietracht stiften. Der Verräter, der statt durch Liebe, die Welt mit Gewalt verändern will, verfrachtet sich ins höllische Eis, fernab von allem Geliebtwerden. Wer sich aber von diesen bösen Zielen verabschiedet und sich davon lösen will, dem gelingt vielleicht auch der Aufstieg am Läuterungsberg, wo er sich der Vergänglichkeit und Nichtigkeit all der irdischen Vergnügen und Zwänge bewusst wird. Damit wird es auch wahrscheinlicher, dass er dereinst doch seinen Frieden im Paradies findet.

Dantes dreigeteilte Welt

In der Göttlichen Komödie ist das Jenseits eine dreigeteilte Welt. Überhaupt ist die Zahl Drei in Dantes Epos von zentraler Bedeutung: In sogenannten Terzinen, einer gereimten Gedichtform italienischer Herkunft, besteht jede Strophe aus drei Versen. Drei Jenseitsreiche durchwandern die Seelen der Verstorbenen: die Hölle (Inferno), das Fegefeuer (Purgatorio) und endlich das Paradies (Paradiso). Jeder dieser drei Welten widmete Dante je 33 Gesänge - zusammen also 99 plus einem einleitenden Gesang, so dass es zu einer großen harmonischen und arithmetisch-poetischen Geschlossenheit kommt: 1 + 3 x 33 = 100.

Seine Dichtung der Göttlichen Komödie, beschrieb Dante als eine große Vision, wo er zuerst mit seinen Führer Vergil und später mit Beatrice, die Seelen der Verstorbenen durchs Jenseits begleitete. Die Geistesbilder, die er in diesem Erleben beschreibt, beginnen schauderhaft und hässlich, doch enden mit dem Schönen, Glückseligen und schließlich im Licht von Gottes Gegenwart.

 

Die im Folgenden verwendete dichterische Übersetzung der Verse aus Dantes Göttlicher Komödie, stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Streckfuß (1778-1844).

 

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Die deutsche Prophetin vom Rupertsberg

von Johan von Kirschner

Hildegard von Bingen - ewigeweisheit.de

Den mystischen Schriften der Hildegard von Bingen wird nachgesagt, das Herz ihrer Leser zu erheben. Man erfahre darin vom geheimen Wesen der Natur, über die Schöpfung und das wahre Wesen Gottes. Sie war eine Universalgelehrte und Seherin, Autorin, Komponistin und Mystikerin, die auf ihre Zeitgenossen großen Einfluss ausübte. Besonders wegen ihrer Heilkunde, ist die Hildegard auch heute noch vielen Menschen bekannt.

1098 wurde die Heilige Hildegard von Bingen in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs auf in einem Landgut in der Nähe des rheinhessischen Alzey. Schon als Kind empfing sie Visionen und vernahm in sich, himmlischen Gesang. Doch diese Gesichte und Auditionen, gingen einher mit Schwächeanfällen und Krankheit. Mit niemandem ihrer Familie aber sprach sie darüber. Was sie sah, verheimlichte sie, soweit sie konnte.

Dementsprechend führt Gott, wenn er seinen Geist im Dienst von Prophetie, Weisheit oder Wundern in einen Menschen schickt, dessen Fleisch häufig aber nicht durch Schmerzen bindet, dann wendet es sich leicht weltlichem Wandel zu.

- Aus der Vita

In ihren Audiovisionen wurde sie durch die Krankheiten, die ihr Gott sandte, zur Veröffentlichung der empfangenen Offenbarungen quasi gezwungen, wie Hildegard schrieb. Ihre »Schmerzen« dabei, dienten Gott als Instrument, um Hildegard vor Überheblichkeit zu bewahren. Denn das Durchleiden von Schmerzen und Krankheit, wahrt die nötige Demut, um die göttliche Schau zu vernehmen.

Gott wollte das arme Geschöpf, durch das er diese Schrift ausgegeben, mit dem Öle seiner Barmherzigkeit salben. Denn vom Tag ihrer Geburt ist sie in ein Netz von Schmerzen und Krankheiten verstrickt. Es gefiel jedoch dem Herrn noch nicht, dass sie aufgelöst werde, weil sie durch die Höhle ihrer Vernunft noch manche Geheimnisse schaut. Diese Schauung griff derartig ihre Gesundheit an, dass sie öfter vor Erschöpfung zusammenbrach. Darum ist sie auch in physischen Dingen wie ein Kind. Sie ist abhängig von der Inspiration des Heiligen Geistes, ist seine bestellte Dienerin.

- Aus dem Liber divinorum operum

Je feiner und zarter sich eben ein menschlicher Organismus zusammensetzt, um so leichter und intensiver kann er übernatürliche Anregungen empfangen. Nicht zufällig erfahren wir in der Geschichte der christlichen Mystik davon, dass fast alle auserwählten Seelen, die zu einer außergewöhnlich hohen Empfänglichkeit befähigt waren, schon durch ihre natürlichen, physiologischen Anlagen, dem leisesten Hauch übernatürlicher Einwirkung entsprachen. So konnten sie eben als Heilige, als Propheten Gottes, ihre Zeitgenossen und deren Nachfahren, von den empfangenen Weisheiten kosten lassen.

Das Hildegards Visionen und Auditionen, nichts Angedichtetes gewesen sein können, das belegt ihr außergewöhnliches Werk. Schließlich war sie ja nicht nur Verfasserin heiliger Texte und Gedichte, sondern komponierte einen bis dato nicht gewesenen Kirchengesang. Außerdem erfand sie eine komplett neue Heilkunde. Außergewöhnlich dabei ist, dass sie ihr riesiges Werk schuf, ohne jemals eine umfassende Bildung erfahren zu haben. Weder war sie früh geübt in der Schreibkunst, noch hatte sie eine Ausbildung als Komponistin wahrgenommen.

Wie man aus den Schriften des Zisterziensers Bernhards von Clairvaux erfährt, mit dem sie brieflichen und persönlichen Kontakt pflegte, grenzten Hildegards Begabungen recht an Wunder. Ein Hinweis auf ihre tatsächlich magere literarische Bildung ist, dass in ihren Schriften einfach Zitate fehlen, was wohl belegt, dass sie nie viel gelesen hat. Ihr Wissen ging also eigentlich nicht über das hinaus, was ihre Umgebung wusste. Was sie aber wusste, das erwarb sie in ihren Unterredungen und im Umgang mit den vielen gebildeten Theologen denen sie begegnet war.

Hildegards Erziehung

Bereits im Alter von acht Jahren, übergaben Hildebert und Mechthild von Bingen, ihre Tochter zur religiösen Erziehung an ihre Erzieherin Jutta von Spondheim (1092-1136). Mit zwölf Jahren bezog Hildegard das Benediktinerkloster Disibodenberg, bei Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz). Das Kloster war benannt nach dem irischen Einsiedlermönch, dem Heiligen Disibod, über den Hildegard später eine Biografie verfasste.

Der Heilige Disibod errichtete einst eine Mönchsklause, am Zusammenfluss von Nahe und Glan, auf dem Grund eines alten römischen Jupiter-Tempels. Dort sollte dereinst die 16-jährige Hildegard zur Nonne geweiht werden.

Nach dem Tod ihrer Meisterin Jutta von Spondheim wählten die Nonnen der Frauenklause des benediktinischen Klosters Disibodenberg, die Hildegard von Bingen zu ihrer neuen Meisterin. Doch es schien nicht alleine eine Abstimmung gewesen zu sein, als vielmehr eine göttliche Auserwählung, heißt es doch, dass die Lichtfunken ihres hohen Geistes, ein mystisches Zwielicht über ihre Gestalt ausgoss. Darin erkannten ihre Klosterschwestern den Segen Gottes, der auf der Hildegard ruhte.

Gotterleuchtung

Hildegards ausgeprägten visionären Fähigkeiten, entzündeten ihr Inneres mit dem Licht eines höheren Geistes. Die Menschen ihres Umfelds nahmen das auch wahr. Immer wieder schien sie in ein geheimnisvolles Ringen verstrickt, mit dem Geist Gottes. Weniger aber waren ihre mystischen Gesichte Kämpfe, als eher ein von innen her drängendes Vermächtnis, einer eigentlich noch höheren Aufgabe. Auf kurz oder lang nämlich, sollte in ihrem Wirken sich etwas entfalten, was schon ewig auf sein Erblühen wartete.

Als sie selbst noch ihrer Meisterin Jutta von Spondheim diente, hielt sie ihre visionäre Begabung zurück, vollkommen bescheiden und in ängstlicher Bemühung. Doch nun selbst zur neuen Meisterin ernannt, ereignete sich etwas, wodurch ihr anscheinend Prophetenrecht erteilt wurde. Im Alter von 42 Jahren, auf der Höhe ihres Lebens, erschien ihr ein himmlisches Licht, woraus eine Stimme zu ihr sprach:

Oh du gebrechliches Geschöpf, Staub von Staub, Asche von Asche, sprich und schreibe nicht nach menschlicher Rede, nicht nach menschlicher Einsicht, nicht nach menschlicher Darstellungsweise, sondern so, wie du es in Gott vernimmst, so wie der Schäler die Worte des Lehrers wiedergibt.

- Aus Scivias

Das Licht, das sie in diesem Moment durchflutete, glich einer Flammenzunge, die zwar nicht brannte, sie aber wärmte, wie die Strahlen der Sonne, die im Frühling die Natur zum Leben erweckt. In dieser Vision verspürte sie ihr Inneres erhellen, in einer solch wunderbaren Klarheit, dass sich ihr darin die höchsten Mysterien des Himmlischen offenbarten. Nicht etwa war das, was sie darin sah eine traumartige Einbildung und auch kein Produkt ihrer Phantasie, sondern ein seelischer Vorgang, der sich unabhängig von Gedanken und Sinneswahrnehmung vollzog.

In einem Brief an den Mönch Wibert von Gembloux (1125-1213), schrieb Hildegard über diese Erfahrung Folgendes:

Wie der Spiegel, der alles reflektiert, in einen Rahmen gefasst wird, so hat Gott die menschliche Vernunft in den Rahmen des Körpers eingeschlossen. Durch sie schaut der Mensch die Geheimnisse Gottes wie in einem Spiegel […] Von meiner Kindheit bis zu dieser Stunde, da ich über siebzig Jahre zähle, gewahre ich ununterbrochen jenes Licht in meinem Innersten. In diesem Licht erhebt sich meine Seele auf Gottes Geheiß zur Höhe des Himmels, in die Lüfte und zu den Wolken, zu den entferntesten Orten und ihren Bewohnern. Ich sehe alles bis ins Kleinste. Aber ich vernehme es nicht durch die fünf Sinne meines Körpers, ich erreiche es nicht durch intensive Gedankenarbeit, sondern alles steht klar vor meinem Geiste. Meine Augen sind offen, keine Ekstase umfängt mich. Ich schaue es Tag und Nacht, wachend und träumend, aber oft todkrank und sterbensmatt.

Das Licht, welches ich erblicke, ist an keinen Raum gebunden. Aber es ist heller als die Wolke, welche die Sonne trägt. Es hat weder Länge noch Breite noch Tiefe. Ich nenne es den 'Schatten des lebendigen Lichtes'. Wie Sonne, Mond und Sterne sich im Wasser spiegeln, so spiegelt sich in ihm Schrift und Wort, Tun und Lassen der Menschen. Was ich in diesem Lichte schaue, verstehe ich sofort und behalte es lange Zeit. Was ich aber nicht in diesem Lichte erkenne, bleibt mir fremd, da ich keine gelehrte Bildung besitze. Was ich in diesem Lichte sehe, höre oder schreibe, bringe ich in formlosen lateinischen Worten vor, so wie ich sie in der Vision vernehme. Ich schreibe nicht wie die Philosophen, meine Worte erklingen nicht wie die menschliche Stimme. Sie gleichen stattdessen einer zuckenden Flamme, einer Wolke die in klarer Luft schwebt.

Die Gestalt des Lichtes, umfasse ich so wenig, als ich die Sonnenkugel mit meiner Hand umspannen kann. Manchmal, jedoch nicht häufig, sehe ich in der Lichtwolke ein anderes helleres Licht, dass ich das 'lebendige Licht' nenne. Wann und wie ich es sehe, vermag ich nicht zu beschreiben. Aber wenn ich es schaue, dann entschwindet mir jede Trauer und jede Not. Dann fühle ich mich wieder jung und vergesse, dass ich eine alte Frau bin.

- Aus den Schriften der Hildegard von Bingen, herausgegeben von Jean-Baptiste Pitra

Von der Nonnenklause zum eigenen Kloster

Wegen Hildegards ungewöhnlichem Charisma, drängten immer mehr neue, adlige Jungfrauen in die Nonnenklause auf dem Disibodenberg. Von Jahr zu Jahr wurde die Unterkunft enger. Auch Umbauten und Erweiterungen der Klostergehöfte durch die Benediktiner, sollten nicht mehr ausreichen. Nur ärmlich erschien das Frauenklösterlein neben den Wohnstätten der Mönche.

Die Heilige Hildegard war aber von weit größerer Bedeutung, mehr als nur die Spitze eines Anhangs auf dem Kloster Disibodenberg. So beratschlagten die Nonnen über eine Verlegung des Klosters. Schließlich leuchtete der Hildegard in einer Vision, der Ort ihrer zukünftigen Heimat auf. Ehe aber die Meisterin ihren geistlichen Töchtern den Ort offenbarte, traf sie eine schwere Krankheit. Sie verlor ihr Augenlicht und verfiel in einen Zustand der Lähmung! Kaum aber hatte sie den Schwestern ihre Vision verkündet, konnte sie wieder sehen und die Lähmungserscheinungen lösten sich allmählich auf. Als Ort war ihr der Rupertsberg verheißen worden, an der Flussmündung der Nahe in den Rhein.

Hier sollte die Gründung ihres Frauenklosters Gestalt annehmen. Nach Hildegards Vorstellungen, wurde das Kloster dort gemäß eines Idealplans gebaut. Wegen seiner besonderen Bauweise, seiner Arbeits- und Wohnräume und dem fließenden Wasser, das dort zur Verfügung stand, war das Kloster Rupertsberg weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Klosterruine Rupertsberg - ewigeweisheit.de

Klosterruine Rupertsberg - Gemälde von Carl Woog

Politik einer Asketin

Grundsätzlich kann man in Hildegards Nachwirken erkennen, dass sie nicht allein durch ihr Sendungsbewusstsein die Geschicke der Kirche beeinflusste, sondern auch durch ihre gekonnte Selbstinszenierung – wie sonst auch hätten Kleriker, Bischöfe und sogar Päpste über sie gesprochen?

Doch auch wenn sie ihre persönlichen, spirituellen Erfahrungen von Gott empfing, bezog sie diese keineswegs nur auf sich selbst, noch behielt sie sie einfach nur für sich. Eher fühlte sie sich, ihrer Empfindung nach dazu berufen, ihre Mission an andere Menschen zu übermitteln und sie damit zu einem besseren Leben zu führen.

Doch wie auch ihr Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux, ermahnte sie im 10. Jahrhundert den Klerus Verantwortung zu übernehmen, beim Kampf gegen die Sekte der Katharer. Auch hier wird deutlich, wie lang der Schatten der katholischen Kirche, seine Furchen in die damalige gnostische Bewegung Südfrankreichs riss. War es die Angst vor einem Machtverlust, dass die katholischen Kleriker dazu brachte, die in Europa so rasch wachsende katharische Bewegung ausrotten zu wollen? Oder waren hier noch subtilere Einflüsse zu Gange?

Die asketische Lebensweise der Katharer, die eigentlich dem Mönch- und Nonnentum sehr ähnelte, unterschied sich jedoch, durch einen Glauben wo Körper und Geist synonym begriffen wurden, als Manifestationen des Bösen zum Einen und des Göttlichen zum Anderen. So interpretierte man im Katharerglauben, oberflächlich betrachtet, als Böses auch die Schöpfung des menschlichen Leibes. In einem Dualismus dieser katharischen Theologie, wurzelte darum eine Ablehnung der Ehe und damit natürlich der Fortpflanzung. Die »Weltflucht der Katharer« stand entgegen dem Glauben, dass Jesu Christi in fleischlicher Menschwerdung, als Sohn Gottes auf Erden erschien.

Da die Katharer aber in so kurzer Zeit erheblichen Einfluss in Europa gewannen, wurden sie zur echten Gefahr für die Kirche. Es wurden also Gegenmaßnahmen eingeleitet und man bat die Hildegard von Bingen um Rat. Man verlangte von ihr sogar, den häretischen Katharismus auf ihren Predigtreisen anzuprangern, leugneten die Katharer doch die wichtigsten Dogmen des katholischen Christentums. Im 11. und 12. Jahrhundert schien sich in der damaligen, alten Welt, eine wesentliche Neuordnung zu vollziehen. Wer als Christ eine neue spirituelle Strömung in den Lauf der christlichen Geschichte einführen wollte, was für Hildegard von Bingen ja zutraf, der sah sich anscheinend gezwungen, allen anderen Glaubensbewegungen Einhalt zu gebieten, um die Ekklesia, die christliche Gemeinschaft, nach eigenen Vorstellungen zu formen und einen ganz eindeutigen Weg zu Gott zur Verfügung zu stellen.

Schwierig aus heutiger Sicht einzuordnen, was diese alten Vorstellungen von rechtem und unrechtem Gottesglauben prägte. Im Hochmittelalter wussten nur die Eingeweihten von anderen Völkern und Kulturen. So stand es einfach außer Frage, welche Lehren sich aus Weisheiten ziehen ließen, die einst jenseits der Grenzen des damals bekannten Morgenlands entstanden waren. Man wusste nicht von einer persischen Hochkultur, die damals der europäischen bei Weitem überlegen war.

Das war die Zeit, wo eben genau wegen des hohen Selbstbildes christlicher Heiliger, wie Hildegard von Bingen oder Bernhard von Clairvaux, man überhaupt erst jene Brücken baute, über die neues Wissen aus dem Orient nach Europa kommen und das hiesige Geistesdenken beflügeln sollte. Was in dieser Zeit des Übergangs jedoch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, mit diesem Bestreben einher ging, das steht auf einem anderen Blatt. Denn es ist klar, dass diese Vorgänge grausames Blutvergießen begleitete: die Kreuzzüge. In Westeuropa hinterließ das, aus heutiger Sicht betrachtet, bei immer mehr Menschen darum nichts als nur Zweifel oder sogar Abscheu, gegenüber der Institution Katholische Kirche.

Mystische Schriften

Es bleibt aber unbestritten, dass in den monastischen Schriften der Heiligen Hildegard, sich wahre Weisheit finden lässt. Ganz und gar noch unabhängig von orientalischem Einfluss, entfachten sie eine regelrechte Euphorie, im Kreise ihres Wirkens.

Im Alter von 43 Jahren, begann Hildegards literarisches Schaffen. Worüber sie schrieb, waren die in ihren Visionen empfangenen mystischen Erfahrungen. In Offenbarungen habe Gott sie beauftragt, ihre durch Vision und Audition empfangenen Eingebungen aufzuschreiben.

Voller Furcht und zitternd vor gespannter Aufmerksamkeit, blickte ich gebannt auf ein himmlisches Gesicht. Da sah ich plötzlich einen überhellen Glanz aus dem mir eine Stimme vom Himmel zurief: 'Du hinfälliger Mensch, du Asche, du Fäulnis von Fäulnis, sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst. Doch weil du furchtsam bis zum Reden, in deiner Einfalt die Offenbarung nicht auslegen kannst, und zu ungelehrt bist zum Schreiben, rede und schreibe darüber nicht nach Menschenart, nicht aus verstandesmäßiger menschlicher Erfindung heraus, oder in eigenwilliger menschlicher Gestaltung, sondern so, wie du es in himmlischen Wirklichkeiten in den Wundertaten Gottes siehst und hörst.'

- Aus Scivias

Die Heilige Hildegard war sehr bescheiden, verwies sie doch selbst immer wieder auf ihre fehlende Bildung und ihre schwächliche körperliche Konstitution. Ihre Weiblichkeit erschien ihr als Grund, sich stets selbst demütig erniedrigen zu wollen. Nur so nämlich glaubte sie dem allmächtigen Gott empfänglich dienen zu können.

Ihre visionären Offenbarungen, zeigten sich der Hildegard als »lebendiges Licht« (lat. lux uiuens), woraus ihr einer zurief – für sie, die Stimme Gottes. Was sie da vernahm schrieb sie nieder, woraus ihr erstes Werk entstand: »Sci vias Domini«, kurz »Scivias« – das Buch der Visionen. Sie verfasste es als Zeugnis ihrer von Gott eingegebenen Visionen, der den Gläubigen als geistlicher Wegweiser dienen sollte.

Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand. Es verbrannte nicht, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung […]

- Aus Scivias

Da die Heilige Hildegard nun aber keine höhere Bildung besaß und ein, wollen wir sagen, »einfaches Gemüt«, schien sie diese »himmlische Stimme«, eben gerade deshalb auch auserwählt zu haben. Denn als Wort Gottes, konnte es sich nur in seiner vollen Reinheit offenbaren. Eine umfassende Bildung zu besitzen, geht wohl immer einher mit einer gewissen Voreingenommenheit, die einer »Prophetin«, wie man die Heilige Hildegard nennt, wohl eher geschadet hätte.

Das »feurige Licht«, über das Hildegard im Buch Scivias schreibt, ließ sie anschließend die vernommene Offenbarung verstehen, ohne dass sie sich das Verständnis hätte erschließen müssen, wie etwa durch die Bearbeitung der Texte. Der Sinn Gottes, hinter der »fleischlichen Sichtbarkeit« der Dinge, wurde von ihr durch »Hören und Sehen« erfasst. Ohne Auslegung der Verse der Heiligen Schrift, vermochte sie deren Bedeutung intuitiv zu erfassen.

In ihren Auditionen und Visionen aber, war sie stets bei klarem Verstand, das heißt, sie empfing die Offenbarungen nicht während eines »Anfalls«, in Trance oder in Ohnmacht. Was sie während ihrer »Gesichte« vernahm, erfolgte nicht in Form einer geistigen Entrückung. Sie fühlte sich vielmehr wachbewusst, ganz in den Dienst Gottes gestellt. Als sein Instrument, gab sie eben nur seine Offenbarungen prophetisch wieder.

Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser.

Adam und Eva als Wesen vollkommener Liebe

Im Mittelalter verstand man die Welt als Realität eines Mikrokosmos und Makrokosmos. In dieser Welt lebte der Mensch mit Leib und Seele, und stand in Verantwortung gegenüber der Gemeine, der Natur und dem was an Gottes Gnade ihm zu Gute kam.

Hildegard galten Adam und Eva als Wesen, die in vollkommenster Liebe füreinander und gleichberechtigt zusammenlebten und sich auf diese Weise auch vereinigten, ohne sich dabei durch rein körperliche Begierden zu »beschmutzen«. Vielmehr ging es ihnen um ihre Lebensentfaltung, die durch den andersgeschlechtlichen Partner überhaupt erst ermöglicht wurde. Denn als Mann und Frau, bildeten sie als erste Menschen, das Werk Gottes auf Erden. So hatte im Paradies ein Ideal geschlechtlichen Zusammenseins geherrscht.

Mann und Frau sind auf eine solche Weise miteinander vermischt, dass einer das Werk des anderen ist. Ohne die Frau könnte der Mann nicht Mann heißen, ohne Mann könnte die Frau nicht Frau genannt werden.

- Aus dem Liber divinorum operum

Doch schließlich wurde Eva durch den Teufel betrogen und damit von ihr die Sünde empfangen. Adam hatte ihr wie ein kleiner Junge vertraut und ebenfalls vom verbotenen Apfel gekostet. Damit war die Sünde auch auf die Fortpflanzung der ersten Menschen übergegangen. Hier sah Hildegard die grundsätzliche Last, die damit dem Menschengeschlecht aufgebürdet wurde.

So wie die Schlange des Teufels, die Eva verführte vom Baum der Erkenntnis zu schmausen, so war der Mensch von da an stets darauf aus nach Gründen zu suchen, seine Geilheit und sexuelle Lust anzuschirren. Denn der Teufel verleitete sie zur Befriedigung dieser Begierden. So waren Mann und Frau nicht mehr in vollkommener Liebe (Minne) verbunden, sondern brachen die Ehe und vereinigten sich geschlechtlich, nur zur reiner Lustausübung.

Doch darf der Mann vor den Jahren seiner Manneskraft seinen Samen nicht in unnützer Ausschweifung vergeuden. Es ist nämlich eine vom Teufel eingegebene Versuchung zur Sünde, wenn er in wollüstiger Begierde versucht, Samen auszustreuen, bevor dieser, Kraft seiner Glut und Hitze, in festerem Zustand vorhanden sein kann.

- Aus Scivias

Von Generation zu Generation und von Mensch zu Mensch, wurde diese »sündhafte Beschmutzung« weitergegeben.

Wer nun aber durch das Wort Christi seine reinigende Kraft empfange, dem böte sich Aussicht auf Reinigung von den Befleckungen des paradiesischen Sündenfalls und damit die Erlangung der Jungfräulichkeit all jener, die ihr Fleisch gereinigt haben. Denn durch Mariens jungfräuliche Empfängnis des göttlichen Wortes, statt durch männlichen Samen, war das Fleisch ihres Kindes unbefleckt und ebenso jungfräulich.

Emanzipation des Weiblichen

Augustinus von Hippo (354-430), lateinischer Kirchenlehrer der Spätantike, beschränkte die Möglichkeit weiblicher Selbstverwirklichung auf die Jungfräulichkeit, die Ehe und die Witwenschaft. In Mutter Maria sah Augustinus zwar die Vollendung des frommen Frauentypus, doch erscheint sie nie als eigenständige Persönlichkeit. Stets erfüllt sie das Leitbild einer dienenden Ehefrau und Mutter, was sie immer nur in Beziehung zu einem männlichen Partner befolgte: als jungfräuliche Gebärerin Jesu und untergeordnete Gattin Josefs. Weibliche Sexualität aber, war für Augustinus immer an die Sünde Evas geknüpft. Man warf ihm darum später vor, mitverantwortlich zu sein, für die Jahrhunderte anhaltende männliche Dominanz im christlichen Kulturkreis.

Auch wenn Hildegard von Bingen unter dem Einfluss der Moralvorstellungen des Augustinus stand, schien sie seiner eher frauenfeindlichen Tendenz entgegengewirkt zu haben. Sie rückte den weiblichen Körper in ein positiveres Licht, indem sie Evas Weiblichkeit in ein völlig neues Verhältnis zur Jungfräulichkeit Mariens stellte.

Hildegard sprach nicht Eva die Schuld dafür zu, dass das menschliche Fleisch durch den Sündenfall beschmutzt worden sei. Es war des Teufels List, durch die Eva betrogen, gegenüber Gott in Ungehorsam fiel. Sie stellte Maria und Eva nicht mehr einander entgegen, sondern sah Eva als in Maria enthalten, waren doch beide Urtypus der Mutterschaft: Eva als Mutter des Menschengeschlechts und Maria als Mutter des Erlösers des Menschengeschlechts.

Ein makelloser Spiegel Gottes

Für Hildegard wurde Eva von Gott erschaffen, als Spiegelgestalt, in der das gesamte Menschengeschlecht bereits latent vorhanden war. In Eva wurde es bereits vorbereitend versammelt. Dieses Attribut des göttlichen Spiegels, deutet ihre göttliche Zugewandtheit an. Inbegriff dieser Symbolik natürlich ist die Maria, als Spiegel der Jungfräulichkeit, für das göttliche Licht empfänglich.

Hildegard knüpfte nun an die Vorstellung der Empfänglichkeit Evas (irdisch) und Marias (himmlisch) eine dritte Form der Empfängnisbereitschaft: die Ekklesia – die Gemeinde der Gläubigen. Wenn sich nämlich die Menschen, als ebenso gereinigter Spiegel und in christlicher Gemeinschaft, als scheinbarer Mutterschoß dem Heiligen Geist hin öffnen, ließe sich ebenso in ihnen das Werk Gottes verwirklichen.

In ihrer Scivias stellte Hildegard die Ekklesia darum als riesengroße Frauengestalt dar. Doch weder hatte diese Beine noch Füße. Sie stand auf ihrem Rumpf vor dem Angesicht Gottes:

Ihr Leib war wie ein Netz von vielen Öffnungen durchbohrt, durch die eine große Menge Menschen ausgingen und eingingen. […] Und die Gestalt breitete ihren Glanz aus wie ein Gewand und sprach: 'Ich muss empfangen und gebären.'

- Aus dem Scivias

Durch die Taufe werden die Mitglieder der Gemeinschaft der Kirchengemeinde gereinigt und so auf die Jungfräulichkeit der Ekklesia vorbereitet. Die Aussage »Ich muss empfangen und gebären« verweist auf die Verbundenheit der Ekklesia zur Mutter Erde, wo die Kirche als lebendige Erde, fruchtbar und trächtig neue Gläubige hervorbringen kann.

Dafür stand bei Hildegard als Symbol der Mond. Denn sein Licht existiert nur durch das Licht der Sonne, für die im christlichen Glauben, die Erscheinung Christi steht. Seit uralter Zeit war der symbolische Mond daher Inbegriff des Vermittlers zwischen Himmlisch-Göttlichem (Sonne) und Irdisch-Weltlichem (Erde), da er das Licht von der Sonne empfangend, an die Erde weitergibt. Diese kosmischen Prinzipien, lassen sich ebenso übertragen auf die Beziehung zwischen Mann und Frau, Adam und Eva, Christus und Kirche. So wie der Mond das Wasser der Erde lenkt, galt Hildegard die Kirche als Wasserspenderin und Mutter allen spirituellen Lebens, Mittlerin zwischen dem Licht Gottes und dem Individuum.

Das Wesen der Sonne nun, ist zu stark für den Einzelnen, denn wer sie direkt anblickt wird geblendet. Doch der Mond, als Spiegel und Mittler des Lichts der Sonne, kann betrachtet und »genossen« werden. Auf diese Weise mildere auch die Kirche die gleißenden Strahlen des Göttlichen, wenn sie diese als jungfräuliche Braut aufnimmt und zu den Gläubigen bringt. Durch den Ritus der Taufe nun, wird damit auch der Kirche, die Kraft des Gebärens gleichnishaft verliehen. Als geistige Mutter nämlich, verbindet sie sich mit Eva und Maria, als ihre symbolische Nachfahrin.

Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit.

Flüssiges Licht

Das Titelbild dieses Essays (siehe ganz oben) ist eine Miniatur aus dem »Liber divinorum operum« – Hildegards visionärer Schriftsammlung, »Buch der göttlichen Werke«. Darin sieht man in der Mitte Hildegard in der Situation des Empfangens einer Audiovision. Das von oben kommende, »flüssige Licht«, wie sie es nannte, manifestierte sich als Bild ihrer Vision in ihrem Körper, dass sie dann auf einer Wachstafel in Händen niederschrieb.

Neben ihr befindet sich die Nonne Richardis von Stade, zu der Hildegard ein besonders inniges Verhältnis hatte. Sie war die Augenzeugin Hildegards visionärer Momente. Was Hildegard aber auf ihrer Wachstafel aufzeichnete, wurde von dem Mönch Volmar auf Pergament schriftlich festgehalten. Nicht aber war ihr der Mönch übergeordnet, oder ließ seine eigenen Erkenntnisse oder Gedanken in die Niederschrift mit einfließen. Hildegard blieb alleinige Autorin aller ihrer Werke. Sie war die Lehrerin Volmars, der als ihr Sekretär fungierte und ihr half, den Schriftkorpus ihrer Visionen niederzuschreiben. Die Miniaturen in den Schriften der Hildegard von Bingen, sollten an ihre Offenbarungen erinnern und dem Leser als Inspirationsquelle dienen.

In seiner Hildegard-Biografie, der Vita S. Hildegardis virginis (Leben der Heiligen Jungfrau Hildegard) schrieb Theoderich von Echternacht:

Großartig ist auch dies und bewundernswert, dass sie das, was sie im Geist gehört und gesehen hat, in derselben Bedeutung und mit denselben Worten besinnen und klaren Sinnes eigenhändig schrieb und mündlich mitteilte, wobei sie mit einem einzigen zuverlässigen Mann als eingeweihtem Mitarbeiter zufrieden war, der es wagte, um Dienst der Klarheit der grammatischen Struktur, von der er selbst nichts verstand, Kasus (grammatischer Fall), Tempora (grammatische Zeitform) und Genera (grammatische Geschlechter) in Ordnung bringen, ohne aber ihrer Bedeutung ihrem Verständnis etwas hinzuzufügen oder fortzunehmen.

»Wisse die Wege des Herrn«

Wie Hildegard in ihrem Scivias andeutet, drängte sie Gott in 26 Visionen zum Schreiben. Daraus wurde noch zu ihren Lebzeiten im Kloster Rupertsberg eine Handschrift hergestellt, die wohl zu den schönsten Kodizes des 12. Jahrhunderts gehört.

Beschreibungen ihrer Visionen über Gott, die Engel, den Urzustand der Welt, Fall und Erlösung des Menschen, die Seele in ihren Kämpfen, Kirche, Eucharistie, Antichrist und Weltende, »reihen sich wie Perlen verschiedener Größe auf den Rosenkranz des Scivias«. So formulierte es der christliche Historiker Johannes May, in seiner 1911 erschienenen Hildegard-Biografie.

Als Wegweiser, lässt der Scivias inhaltlich keine Widersprüche zu. Darum beanspruchte Hildegard für sich, dass ihre göttlichen Visionen, konkrete Wahrheiten sind. Nicht mehr schüchtern wie einst, sondern mit einer gewissen Autorität, sprach sie von ihren Visionen:

  • Der Sohn ruht im Herzen des Vaters.
  • Ihn schmücken die sieben Gaben des Heiligen Geistes.
  • Er verkörpert die menschliche Schönheit.
  • Die Empfängnis des Menschen gilt als Schuld.
  • Durch die fünf Wunden Christi sind die fünf Sinne des Menschen geheiligt.
  • Maria heißt Morgenröte, da sie das lichterfüllte Blut des Erlösers in ihrem Schoße barg.

Doch außer diesen konkreten Einzelheiten, die wohl insbesondere für ihre monastischen und klerikalen Mitbrüder und Mitschwestern von Bedeutung gewesen sein dürften, besaß der Scivias Bedeutung als Wegweiser. Das galt auch für viele ihrer anderen Zeitgenossen, denn schon früh wurden Hildegards Visionen aus dem Scivias durch Abschriften verbreitet.

Ihre Visionen empfing sie, wie zuvor beschrieben, durch Belehrungen des »Lebendigen Lichts«. Diese lichthaften, inneren Erscheinungen, hatten sie Zeit ihres Wirkens nicht verlassen.

Dann sah ich ein außergewöhnlich helles Licht und in dem Licht die Gestalt eines Menschen, der die Farben eines Saphir besaß, aus dem herrlich brennendes, rotes Feuer strahlte. Und das helle Licht durchflutete all das rote Feuer und das rote Feuer, durch all das helle Licht und das helle Licht, sah man zusammen in der Gestalt des Menschen, so dass sie ein Licht mit einer Macht und Stärke waren. Und da sprach wieder das Lebendige Licht zu mir.

- Aus Scivias

Dieses »Lebendige Licht« natürlich, signalisiert das Göttliche. Und wenn von einem farbig leuchtenden Saphir die Rede war, so ist das de facto eine Metapher für den gottgesandten Christus. Die Röte jenes Lichts, das von ihm ausgeht, steht für das Feuer des Heiligen Geistes, durch den Maria jungfräulich empfangen, den »Sohn Gottes« Jesus Christus gebar.

Die sich gegenseitig durchflutenden Lichter und das rote Feuer, die eins sind, stehen für die Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist in Gott, als Einheit vollkommener Majestät.

Im Scivias schreibt Hildegard, wie sich ihr der Sinn hinter dem Geheimnis Gottes offenbarte. Damit ein Mensch versteht, worin die Vollkommenheit Gottes bestehe, bleibt der Ursprung Gottes im Verborgenen, was allerding auch bedeutet, dass es darin an nichts mangelt. Damit lassen sich alle nur erdenklichen Ströme geistiger Kraft empfangen. Wäre Gott nämlich nicht vollkommen, wäre wohl auch alles Geschaffene umsonst. In diesem Ideal des göttlichen Werkes, erkannte Hildegard den Erschaffer allen Seins.

Nonne und Heilige

Weltliches und Himmlisches waren für Hildegard keine Gegensätze. Wohl eben darum wusste sie das lichthafte Wirken Gottes zu erkennen, in allem Lebendigen, im Kosmos, in der Natur und im Menschen. Darum wohl gelang ihr als Dichterin, Komponistin und eine der bedeutendsten Universalgelehrten des Hochmittelalters, vielen Menschen die heilsame Kraft des Göttlichen zuzuführen. Durch ihre Schriften und Prophezeiungen wurde Hildegard von Bingen eine der bekanntesten christlichen Persönlichkeiten der Neuzeit. Ihr Einfluss war immens, stand sie doch in Briefwechsel mit Päpsten und Königen. Immer aber galt ihre Sorge auch den einfache Menschen und den Armen, die zu ihr kamen und bei ihr Rat und Hilfe fanden.

Hildegard starb am 17. September 1179.

Am 10. Mai 2012 sprach sie Papst Benedikt XVI. heilig.

 

 

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Licht aus dem Jenseits im Dunkel der Welt

von S. Levent Oezkan

Polarstern - ewigeweisheit.de

Im Sufismus gibt es die Metapher vom polierten Spiegel, der ein Bild ist für das mystische Herz im Menschen – ein spirituelles Organ, auf dem sich allmählich Staub schichtet, ausgefällt von all den Ungereimtheiten des Lebens. Nur wer sein Herz rein hält, der wird der Reflexionen eines Schimmerns gewahr, in dem Göttlichkeit funkelt.

So wie im Makrokosmos das Licht Gottes aus dem Feuerball der Sonne strahlt, so hell auch kann dieses mystische Herz im Menschen zum Strahlen gebracht werden – so die Sufis. Damit wird das Herz selbst zur großen Leuchte und erfüllt den Mikrokosmos menschlichen Seins mit dem Licht Gottes.

Allah ist das Licht der Himmel und der Erde.

- Sure 24:35

So wie die Sonne Licht und Wärme spendet, so strahlt auch das erleuchtete Herz eines Menschen, erfüllt von Weisheit. Wie könnte es auch unerleuchtet bleiben, reflektiert seine Reinheit doch die Ausstrahlungen des Allmächtigen.

Ein wahrer Sufi begehrt darum sein Herz von aller weltlichen Ignoranz zu säubern und dessen mystischen Spiegel zu reinigen. Alles was die Nacht seiner Unwissenheit verdunkelte, werden dann Tausende Sterne erhellen. Es sind Wegmarken auf dem Pfad zur Erleuchtung:

Und mit der Hilfe der Sterne folgen sie ihrem rechten Weg.

- Sure 16:16

Bis auf die Planeten des Sonnensystems, sind alle Lichter am nächtlichen Firmament, selbst Sonnen. Das wissen Astronomen seit langer Zeit. Doch es sind nicht die Sterne als solche, sondern das von ihnen ausgehende Licht, wonach sich die Menschen zu Lande und zu Wasser orientieren.

Ein Mensch der seinen Blick jedoch nach innen richtet, braucht auf seiner Lebensreise eine eigene Orientierung. Und so wie die Sonne die Erde und die Planeten durch ihr lichthaftes Sein »rechtleitet«, so sollte auch das Herz jenes Menschen eine Leuchte werden, in dessen Schein sein Träger den ihm gebührenden Weg findet. Auf diesem Weg strebt einer dann aus dem Dunkel der Nacht der Unwissenheit, hin zu einem Licht seines innersten Geheimnisses. Es gleicht dem Licht der im Osten aufsteigenden Sonne, dass ihm den Weg seines Erwachens bescheint. Er, dem dieses Lichtes gewahr wurde, wird bedauern, sobald er erkennt, wie lange er sich schon wie ein Schlafwandler durchs Leben bewegte.

Sie schliefen nur einen kleinen Teil der Nacht, und in der Morgendämmerung baten sie Gott um Vergebung.

- Sure 51:17f

Gibt es ein himmlisches Selbst?

In der orientalischen Hermetik, existiert das spirituelle Konzept der »vollkommenen Natur« eines Individuums. Es ist jener Teil der menschlichen Seele, der als himmlisches Gegenbild bezeugt, dass auf Erden, einst die Seele in einen Körper eintrat. Davon unberührt aber bleibt ihr himmlisches Gegenbild, ihre kosmische Doppelgängerin, die auf gewisse Weise ein Idealbild zu ihrer irdischen Reflexion darstellt. Die vollkommene Natur einer auf Erden geborenen Seele, dient ihr als großes Selbst, als individueller, übersinnlicher Führer.

Das wahre Licht dieser seelischen Instanz, reflektiert jenes mystische Herz in der Mitte eines Menschen. Wer es dort in sich leuchten sieht, dem wird es ein Licht sein, dass ihn zu seiner wahren Bestimmung führt. So jemand wird sich mit Klugheit durch sein weltliches Leben bewegen und so handeln, dass es zu seinem eigenen und zum Wohle seiner Zeitgenossen beiträgt. Was sich nämlich in seinem Herzen, als die vollkommene Natur widerspiegelt, ist der Grund seiner Inkarnation. Und damit wäre sich einer des Zwecks seiner Menschwerdung bewusst geworden, den er auf Erden auch erfüllen kann und damit seine eigentliche Aufgabe im Leben gefunden hätte.

Wer demnach seine vollkommene Natur, als seinen übersinnlichen, himmlischen Lichtträger erkennt und als sein großes Selbst annimmt, sowie sein gesamtes irdisches Handeln danach ausrichtet, der wird sich erheben können, aus dem Trauerspiel all der vielen Widersprüche, die ihn von seinem wahren Lebensweg abbrachten.

Körper und Geist: Diener des Herzens

Sein höheres Selbst erlebend bemerkt einer, wie sich all die Zweideutigkeiten in seinem Leben auflösen. Das aber setzt voraus, dass ein Mensch die vielen Licht- und Schattenaspekte zu unterscheiden gelernt hat und sieht, wie er sich durch seinen Tag und wie er sich durch seine Nacht bewegt. Das heißt, er erkennt den Tag als Welt rationaler Normen, voller Zwänge und Unzulänglichkeiten, wo er bisher viele vorgefertigte Lösungen einfach hinnahm, im Glauben sie würden das Leben erleichtern. Solange seine Seele weiter schlummert, umdämmert vom Mantel eines Un-Bewusstseins, ohne ihre Verbindung zu jenem himmlischen Licht erkennend, wird ein Zustand der Um-Nachtung aufrecht erhalten.

Das Dunkel weiß nichts vom Licht und das Licht weiß nichts vom Dunkel. Sonne und Mond gehen im Osten auf und im Westen unter. Nur selten erblickt man sie am Himmel zusammen. Dann aber scheint man zu erkennen, dass es eine Verbindung gibt, zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Dunkelheit. Doch die Seele der meisten Menschen schlummert erfüllt von nächtlicher Unwissenheit, während sie am Tage absinkt, zwischen Kummer und Sorgen, hinunter in die Tiefen des Un-Bewussten.

Das irdische Seelendasein ist ununterbrochen verbunden mit seinem himmlischen Führer, mit seinem großen, göttlichen Selbst – auch Nachts, im Schlaf und im Traum. Tagsüber verdrängen Vernunft und Alltagsbewusstsein das Erleben dieser Verbindung. Nachts aber tritt es ab, in sinnenbezogener Un-Bewusstheit. Mit dem zu Bett und Schlafen gehen, ereignet sich also eine Trennung, so als würde einer seiner Lebenszeit einen Teil entnehmen, der ihm dann verloren scheint, als hätte er etwas in seinem Leben verschwendet.

Es ist der Glaube an die Getrenntheit von Tag und Nacht, von Anwesenheit und Abwesenheit des Lichts, dass dieses Bewusstsein zu rechtfertigen scheint. Weniger aber sind Tag und Nacht tatsächlich getrennt, als eher die beiden Enden einer Polarität, wozwischen sich unzählige Schattierungen auffächern. Gelänge einem nur endlich aus dem Alltagsschlaf zu erwachen, Nachts aber den schlummernden Körper im Traum bewusst zu verlassen, um bei der Rückkehr dann, seinem Tagesbewusstsein entgegen zu streben.

Schihab Ad-Din Suhrawardi - ewigeweisheit.de

Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi (1154-1191).

Die Philosophie der Erleuchtung

Dem persischen Sufi und Mystiker Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi, den seine Schüler auch »Meister der Erleuchtung« nannten, galten das Licht und seine Symbolik, als Dreh- und Angelpunkt seiner Weisheitslehre: Hikmat Al-Ishraq – Philosophie der Erleuchtung.

Die gesamte von einem Menschen wahrgenommene Realität, war für Suhrawardi die Zusammensetzung aus einem Spektrum aller Schattierungen zwischen Lichtem und Finsterem, zwischen Lebendem und Totem, zwischen Mittäglichem und Mitternächtlichem.

In seiner Licht-Philosophie schildert er, wie sich all die unzähligen Facetten von Lichtern und Finsternissen, sowie all die damit erscheinenden Wechselwirkungen, aus etwas hervorgehen, dass er das »Reine Licht« nennt. Das ist etwas, dass jenem »guten Licht« der Genesis ähnelt, woraus Gott Helles und Finsteres bildete.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:4

All die Schattierungen, die aus diesem Wechselspiel lichthafter Erscheinungen hervorgingen, setzte Suhrawardi für die Entstehung des Universums voraus. Dabei aber unterscheidet er zwischen dem eigentlichen, physikalischen Licht, den Arten der Dunkelheit und all den vermittelnden Übergängen und Begrenzungen dazwischen. In der Lichtwelt wohnen die Seelen, während die Welt der Finsternis, alle von der Lichtwelt ausgeschlossenen Wesen beherbergt.

Was der Lichtwelt zugesprochen werden kann, existiert aber in verschiedenen Graden und Abstufungen von einander – zwischen dunkleren bis hin zu helleren Lichtern, vom Roten bis ins Blaue, vom verfestigen, »gefrorenen Licht« des Materiellen, bis hin zu den feinsten Nuancen der geistigen Welt, die jenem »reinen Licht« zustreben – dort wo sich alle Zweideutigkeiten auflösen und zu einer ursprünglichen, reinen Geistigkeit verschmelzen.

Für Suhrawardi war aber nicht etwa das Licht selbst die Realität allen Seins, sondern dieses, sich aus Lichtern zusammensetze Gefüge, von einander abgestufter Helligkeiten. Ununterbrochen gebiert sich daraus neues Sein. Als wahrer Ursprung dieser unendlichen Schöpfungen des Seins, galt Suhrawardi aber immer jenes Reine Licht.

Alles Sein in der physischen, elementaren Welt, besteht aus einer Mischung von Licht und Finsternis. Darin aber durchfließen diese beiden Extreme, wiederum Lichter verschiedener Grade und schichten sich vertikal über die Welt der Materie. Die Anzahl dieser Lichter entspricht, laut Suhrawardi, der Anzahl der Fixsterne des nächtlichen Himmels. Diese Lichter galten ihm darum als unbegrenzt, jedoch nicht unendlich und waren darum erschaffen.

Diese vertikalen Erleuchtungsschichten beeinflussen einander, woraus sich eine horizontale Ordnung von Lichtern ergibt, die das Sein alles Wesentlichen lenkt. Alle darin existierenden Seinsformen, gleichen göttlichen Abbildern jener höheren Lichter. Aus dem Wechselspiel dieser vertikalen und horizontalen Lichter, entstehen schließlich die Körper der Wesen der niederen Welt. Auch sie befinden sich in einer bestimmten Ordnung, gemäß ihrer Fähigkeit selbst Licht auszusenden oder zu empfangen.

Kosmischer Orient, Ursprung der Seelen

In ihrer inkarnierten Form auf Erden, orientieren sich diese Wesen der niederen Welt, anhand der sieben Himmelsrichtungen: Osten, Westen, Norden, Süden, Oben, Unten und der Mitte. Hierin spiegelt sich die Vertrautheit mit ihrer Existenz auf Erden, denn durch diese Orientierung in ihrer physischen Natur, verleihen sie ihrem Dasein seinen Sinn. Zu diesem Dasein als »Wesen«, zählen natürlich auch die körperlichen Individualitäten des Menschseins.

Jene oben angedeutete, kosmische Horizontale aber, empfinden die irdischen Wesen als ideale Linie, deren Enden Ost und West berühren, und die zwischen Orient und Okzident, zwischen Mitternacht und Mittag empfunden, als räumliche Augenscheinlichkeit wahrgenommen wird. Auch wir Menschen orientieren uns daran.

Horizontal heißt, den Horizont betreffend – ganz gleich ob sich der Beobachter auf einer geraden Fläche oder einer riesigen Sphäre befindet, was für die Erde aus dem Sichtkreis eines Menschen ja zutrifft. Diese räumliche, horizontale Orientierung nach den Himmelsrichtungen hin, deren wichtigste Position der Orient ist (von lat. orior, »aufgehen«) und darum der Osten wo die Sonne aufgeht, dient dem Menschen in seiner tagtäglichen Wiederholung, zuerst einmal als zeitliche Orientierung.

Doch so wie der Mensch die Himmelslichter seiner Umwelt als horizontale Erscheinungen seines raumzeitlichen Seins wahrnimmt, existiert zu den traditionellen, außerdem eine achte, zusätzliche Himmelsrichtung. Sie bildet den Orientierungspunkt einer Senkrechten, die über das nördliche Ende der Erdachse hinausstrebt. Sie weist in Richtung einer Vertikalen, deren Pol ein übersinnlicher, mystischer Orient ist – ein Ort des Ursprungs und der Rückkehr.

Auf weltlicher Ebene repräsentiert diesen kosmischen Orient der Polarstern. Er bildet die Spitze der irdischen Rotationsachse. Wenn die Erde nun als absolutes Diesseits vorausgesetzt wird, dort eben, wo die Menschenseelen inkarnieren, ließe sich der Polarstern mit dem Gesagten, symbolisch als Schwelle zum Jenseits verstehen.

Dies ist der Pol nach dem sich der Mystiker zu orientieren trachtet: ein auf unseren Weltkarten nicht lokalisierbarer Orient, jenseits des irdischen Nordpols. Von dort, aus dieser vollkommenen Lichtwelt, steigen die Seelen hinab in die Welt der finsteren Materie – und von dort kehren sie dereinst in diese Lichtwelt wieder zurück. Solange aber die Seele auf Erden in einem Körper lebt, fließen ihr Lichter aus den höheren, vertikalen Ebenen dieser Lichtwelt zu.

Polaris - ewigeweisheit.de

Der Nordpolarstern Stella Polaris: Hellster Stern in der Konstellation Kleiner Bär (Kleiner Wagen).

Der vergessene Pol

Es scheint aber, als sei all das dem menschlichen Bewusstsein verloren gegangen. Unwissend, stehen wir Menschen damit im Brennpunkt der Gegensätze eines Überirdischen und eines Unterirdischen, zwischen etwas ultimativ Gutem, das uns aus himmlischen Fernen skeptisch beäugt oder einem heißblütigen Bösen, dass ganz tief in der Erde glühend, unseren Eifer anfeuert. In einem auf solche Weise gefestigten Glauben, bleiben wir aber nur in dieser wahrnehmbaren Horizontalwelt gefangen. Überbewusstsein und Unterbewusstsein scheinen nur über Umwege erreichbar, da uns der Tag mit all seinen vielen Normen und die Nacht mit ihren tiefen, unersättlichen Leidenschaften nur davon abhalten, jenes vertikalen Orients wieder gewahr zu werden. Doch ohne das Bewusstsein über diese vertikale Dimension unseres Seins, bedingt unser Leben die große Illusion vom Hier und Dort – in vielleicht niemals vergehenden Erinnerungen an schlechte Zeiten unserer Vergangenheit und eventuell furchtgeschwängerte Vermutungen, mit denen wir die eingetretene Zukunft dann in Kauf nehmen.

Im Horizontalbewusstsein zu verweilen, ist, als spanne man einen langen Bogen über das Sein im Jetzt, an diesem Ort, an dem man sich gerade befindet. Diesem Bogen folgt, ganz nebenbei, unsere tägliche Aufmerksamkeit – zwischen Morgen und Abend. Doch es ist allein der Dämmerzustand – der nicht mehr Tag und noch nicht Nacht ist und der nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist – an dem sich ahnen ließe, das sich in der sterblichen Hülle unseres Körpers eine Seele befindet. Während all ihrer Lebensjahre auf Erden, ist sie stets verbunden mit jenem kosmischen Selbst unserer vollkommenen Natur, am erleuchteten Gipfel jenes himmlischen Pols.

Im Gewahrwerden dieses Geheimnisses erhält jemand, der aus dem Schlaf seiner Alltäglichkeit erwacht, ein Bewusstsein für das Leuchten eines Überbewussten Anteils seines Seins. Ebenso aber wird er dann in der Finsternis der Welt, dem Wesen seines Unterbewusstseins gewahr. Doch die im Verborgenen, dahinter wirkende Kraft, ist jenes Reine Licht, von dem wir oben sprachen, das Teil jener vertikalen Dimension ist, die losgelöst von Raum und Zeit, in Ewigkeit existiert.

Beim Lotusbaum am äußersten Ende

Diese vertikale Dimension durchragt die Himmel, die sich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits übereinander aufschichten. Sie bereiste der islamische Prophet Mohammed (as) in seiner Nachtreise, der Miradsch (arab. für »Stufenleiter«). Dabei begegnete er auch den anderen, ihm vorausgegangenen (biblischen) Propheten in den sieben Himmeln, bis er schließlich vor dem Angesicht Gottes erschauderte.

Der islamische Historiker Abu Dschafar At-Tabari (839-923) schrieb in einem Kommentar zur 53. Koran-Sure »der Stern« (Sirius):

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: 'Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten?' Worauf sie selbst erwiderten: 'Mit Bezug auf ihren Herrn'. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

- At-Tabari

Gabriel und Michael stellten eine Leiter auf, zwischen dem Heiligtum der Kaaba und dem heiligen Zamzam-Brunnen zu Mekka. Diese Leiter ragte bis in die sieben Himmel hinauf. Von Gabriel begleitet, betrat darauf Mohammed (as) die himmlischen Sphären, wo er von den Propheten Belehrungen erhielt, bis ihn Gabriel anwies, selbst aber außerhalb zurückbleibend, sich vor das Angesicht Gottes zu begeben.

Und er gab seinem Diener jene Offenbarung ein. […] Und er sah ihn bei einer anderen Begegnung, beim fernsten Lotusbaum (Sidrat Al-Muntaha) am äußersten Ende, an dem das Paradies der Geborgenheit liegt, als den Lotusbaum überflutete, was (ihn) überflutete. Der Blick (des Propheten) schweifte nicht ab, und er übertrat nicht die gesetzte Grenze. Wahrlich, er hatte eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen.

- Sure 53:10,13-18

Als der Prophet Mohammed (as) am darauffolgenden Tag seiner Gemeinschaft vom Erlebten berichtete, erntete er nur Hohn und Spott. Schließlich äußerte er etwas, dass dem konformen Gottesglauben seiner Zeit nicht entsprach. All jene, die die spirituelle Reise seines lichthaften Daseins bezweifelten, waren Vertriebene aus dem Lichtreich, fernab ihrer vollkommenen Natur, gefangen im weltlichen Gefüge althergebrachter Gewohnheiten und Normen.

Doch das äußerste Ende, von dem in diesen Koranversen, vom lichtüberfluteten Lotusbaum die Rede war und wo »kein Blick abschweift« (Sure 53:14-17), dort eben beleuchtet das Glanzlicht des Erhabenen, das höhere Selbst eines Individuums, am Himmelspol jenes zuvor beschriebenen kosmischen Orients.

Suhrawardi nannte diesen kosmischen Orient, die Himmelsrichtung der Erleuchtung, ein Ort von dem aus das Licht einer überirdischen Sonne aufsteigt. Dieses Licht empfand Suhrawardi als Quelle allen Seins. Der gegenüberliegende, kosmische Okzident aber, galt ihm als finsterer Abgrund allen Nicht-Seins. Im Arabischen heißt der Okzident »Maghreb«, was etymologisch einhergeht mit der Vorstellung vom Fernen, und damit etwas benennt, das getrennt von der Welt in Dunkelheit besteht, eben so wie auch die Orte jenseits des irdischen Sonnenuntergangs. Darum steht der Okzident im übertragenen Sinne auch für das Schattenhafte im Menschen, seine Ignoranz, insbesondere aber seine Unwissenheit über das wahre Wesen seiner Seele.

Suhrawardi schrieb in einer seiner visionären Erzählungen, über die Seele, die sich im Exil von ihrem wahren Ursprung befindet. Doch auf Erden im Menschenleibe inkarniert, vergaß sie den wahren Ursprung ihrer eigentlichen Lichtnatur.

In dieser kleinen mystischen Schrift Suhrawardis, erwähnt der Autor eine »Zwei-Einheit«, die sich aber leider den Kategorien menschlicher Sprache entzieht, da sie sich nur in der Polarität ausdrücken lässt. Doch beides zugleich, Sein und Nichtsein in Einem, kann lediglich als Begrifflichkeit vorausgesetzt werden, die aus dem Reinen Licht entstammen. Aus ihm wurde auch die Vollkommene Natur geboren, das große, kosmische Selbst, das dem Licht-Menschen verhilft, ihn aus seinem körperlichen Exil, zu seiner wahren Herkunft zurückzuführen.

Sonnenuntergang - ewigeweisheit.de

Ein Sonnenuntergang über dem Wasser. Die geografische Region, wo die Abendsonne im Westen versinkt, nannten die Römer den Okzident: das Abendland.

Die Erzählung vom westlichen Exil

Gewiss erinnert Suhrawardis gleichnishafte Erzählung, an das aus den gnostischen Thomas-Akten bekannte »Lied von der Perle«. Denn auch in seiner Geschichte erzählt er von einem Jungen, der sich aus dem Orient ins Exil begibt. Er geht nach Al-Qairawan, die Stadt der Unterdrücker.

Einst unternahmen ich und mein Bruder eine Reise, ins Land des Okzident, das zum Land jenseits des Flusses gehört

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:1

In diesem Land lebten Despoten, die in der Erzählung Suhrawardis, die Hauptfigur als Freien erkannten und ihn darum festnahmen, fesselten und in einen tiefen Brunnen warfen, den die Mauerzinnen einer riesigen Burg umgaben. Die Einwohner der Stadt Al-Qairawan erlaubten dem Jungen seinen Kerker zu verlassen, wenn er dabei nur nackt bliebe und zu Tagesanbruch wieder dort hin zurück kehrt – an jenen Ort tiefster Finsternis, über die es in der koranischen Licht-Sure heißt:

Wie Finsternisse in einem abgrundtiefen Meer, eine Woge bedeckt es, über ihr ist eine Woge, darüber ist eine Wolke: Finsternis über Finsternis.

- Sure 24:40

Nur Nachts also, für kurze Augenblicke, konnte er aus der Tiefe emporsteigen. Natürlich scheint das eine Anspielung zu sein, auf die Seele, die sich des Nachts in der Traumwelt frei bewegt, doch im Erwachen am Tage, in den Körper zurückkehren muss, ihre eigentliche Ungebundenheit und die gesehenen Wahrheiten der Traumgesichte, wieder vergessend.

Der Wendepunkt in der Erzählung vom westlichen Exil, ist das Erscheinen eines Wiedehopf, der die Hauptfigur eines Nachts, zu Vollmond besuchte.

Ich bin gekommen um Euch frohe Botschaft zu überbringen aus dem Königreich von Saba.

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:10

Wer die Tempellegende der Freimaurer kennt, dürfte hier aufhorchen.

Wie dem auch sei, erhielt er von dem Wundervogel einen Brief, den ihm sein Vater aus Sehnsucht geschrieben hatte. Er glaubte nämlich, sein Sohn hätte ihn vergessen.

'Wir rufen nach dir, doch du trittst die Reise nicht an. Wir senden dir Zeichen, doch du verstehst sie nicht.' Dann fuhr der Verfasser des Briefes damit fort, mir Anweisung in seiner Nachricht zu geben, die da hieß: 'Wenn du dich retten willst, warte nicht, schiebe deine Abreise nicht weiter auf, und nutze den Rat unserer Leitung vom himmlischen Drachen des Mondes, der über die spirituelle Welt regierend, die Enden der Ekliptik umkreist.'

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:11f

Der Wiedehopf flog ihm voraus, und als er den Rand der Finsterwelt erreichte, sah er die Sonne über sich aufsteigen. Darin erkannte er den Ruf seines Aufbruchs. Er machte sich auf die Suche nach jenem Orient, der sich aber nicht im Osten unserer Weltkarten finden lässt. Es war jener Orient, der im kosmischen Norden verortet, den Reisenden auf seiner Rückkehr dorthin, jenseits des kosmischen Mond-Drachen, durch das Reich der Sternbilder führt, hinauf zu dem kosmischen Berge Qaf, dem mystischen Sinai, dessen Felsen aus reinstem Smaragd, das gesamte Universum umringen.

Den smaragdenen Felsen des Berges Qaf, erreicht schließlich derjenige, der alle Himmel hinter sich gelassen hat. Dort angekommen, betritt er das mystische Lichtland von Hurqalya. Jenes Licht das ihm dort aufdämmert, führt ihn zu seinem eigenen Selbst, worin er seiner vollkommenen Natur gewahr geworden, die äußeren Sinne seiner Körperlichkeit hinter sich lässt.

Es ist in Hurqalya, wo der Pilger seinem persönlichen Engel begegnet, der ihm die mystische Hierarchie all derer enthüllt, die vor ihm, hierher gelangt waren.

'Wisse, dass dies der Berg Sinai (Qaf) ist. Über diesem Berge aber ist ein anderer: Der Sinai dessen, der mein Vater ist, dein Großvater, zu dem ich in Beziehung stehe, wie du zu mir. Und doch gibt es noch weitere Ahnen und unsere Abstammung endet schließlich beim König, dem höchsten Urahn, dem, der keine Ahnen und keinen Vater hat (dem unbewegten Beweger). Wir sind seine Diener, dem wir unser Licht schuldig sind, da wir unser Feuer von seinem Feuer nur geborgt haben. Seine Schönheit ist beeindruckender als jede andere Schönheit, von nobelster Erhabenheit und überwältigendem Lichtschein. Er ist jenseits allen Jenseits. Er ist das Licht über dem Licht (Sure 24:35), jenseits allen Lichts in Ewigkeit für alle Ewigkeit.

- Erzählung vom Westlichen Exil 3:42f

Jener Pilger, ein Ausgestoßener, als er noch unbewusst in jenem tiefen Kerker der Materialität gefangen war (in der Stadt Al-Qairawan), ging gegen seine Unterdrücker an. Schließlich hatten sie ihn gezwungen, seine wahre Herkunft zu vergessen, damit er sich nicht mehr an seine eigentliche Lichthaftigkeit erinnere. Doch er wurde erst zum Pilger, zum »Aufbrechenden« auf der Rückkehr zu seinem wahren, zu seinem kosmischen Selbst. Als »Bleibender« war er wie ein Heimatloser gefangen, in jener Welt der Finsternis, wo man ihn konform machen wollte im Un-Bewusstsein eines dunklen Vergessens.

Als er aber den Ruf seines Vaters (aus dem Lichtland Hurqalya) vernommen hatte, und aufbrechen wollte, galt er jenen Unterdrückern wohl als Ketzer, der sich wieder die Gesellschaftlichen Normen wandte. Ihnen war er nur noch ein Unangepasster, ja sogar ein Verrückter. Als so ein Kranker diagnostiziert, sollte er zum »Heilbaren« werden, dem seine Hirngespinste ausgeredet werden mussten, um ihn wieder leben zu lassen – im Einvernehmen mit dem Konformen.

Doch seine Erweckung ließ sich nicht auf solche Angepasstheit reduzieren, auch wenn man ihn hat Speisen des Vergessens verzehren lassen. Trotz alledem vernahm er den Ruf. Er kam als Botschaft aus jener Lichtwelt, die nicht dem Tageslicht der Stadt Al-Qairawan entsprach. Es war der Ort seiner wahren Herkunft, der Ursprung des großen Selbst seiner vollkommenen Natur – dort auf dem Berge Qaf, am smaragdenen Felsen – am Pol des himmlischen Orient.

Auf der Suche nach der vollkommenen Natur unseres Seins

Kehren wir noch einmal zurück zur Schilderung der Himmelsfahrt des Propheten Mohammed (as). Sieben Himmel durchreiste er, bis er vor Gottes Angesicht, am Lotusbaum des äußersten Endes vom Licht des Erhabensten gebannt »eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen« hatte (Sure 53:18). Der griechische Philosoph Aristoteles, der in der islamischen Philosophie wie auch für Suhrawardi, eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hatte ebenfalls den Himmel in sieben Sphären unterteilt, als Königreiche der sieben Gestirne, wo Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn regieren.

Von diesen sieben Himmeln ist auch im Koran die Rede, wo Allah jeden davon harmonisch formte (Sure 71:15) und den Wesen und Planeten (als Himmelsleuchten) darin, ihre jeweiligen Aufgaben zuwies (Sure 41:12). Diesen Geschöpfen, durch die biblischen Propheten repräsentiert, begegnete Mohammed (as) auf seiner Reise (Miradsch) durch die sieben himmlischen Sphären.

Die Vision vom kosmischen Selbst

In der folgenden meditativ-imaginative Exkursion, möchte ich dem Leser eine Möglichkeit übergeben, sich auf ähnliche Weise, diesem kosmischen Orient, in einer Visualisierung zu nähern, um sich dort der vollkommenen Natur seines Großen Selbst gewahr zu werden.

Denke dir eine Stufenleiter, die vor dir aufsteigend, hin in Richtung Norden, zum Sternbild des Großer Bären weisend (Großer Wagen) und über den Horizont hinausstrebt (jenem Sternbild nämlich, das in Europa etwa 20° über dem Horizont der nördlichen Hemisphäre, Tag und Nacht um den Polarstern kreist).

Du näherst dich ihr und betrittst ihre Stufen, bis du den ersten Himmel erreichst. In deinem spirituellen Gewahrsein, findest du dort einen geheimnisvollen See. Dieser erste Himmel ist das Zuhause Adams und Evas, die dort mit den Engeln der Sterne weilen.

Und wie du dich weiterbewegst, durchschreitest du die Sphäre des zweiten Himmels, dessen Pfade gesäumt sind von Perlen. Hier ist die himmlische Heimat von Johannes dem Täufers und von Jesus dem Christus.

Im dritten Himmel, der in festem Eisen gefasst erscheint, dort wohnt der Prophet Joseph.

Nun bewegst du dich fort in den vierten Himmel. Alles dort ist in weißes Gold gehüllt. Es ist die Wohnstatt des Propheten Idries (Henoch).

Im fünften Himmel erreichst du eine kosmische Sphäre, wo fein poliertes Silber das Angesicht des Propheten Aaron spiegelt.

Den sechsten Himmel schmücken wundervoll rote Rubine, bei denen sich der Prophet Moses aufhält.

Endlich erreichst du den siebten Himmel. Hier wirst du eines Lichtes gewahr, so wundervoll, dass du es nur mit deinem inneren Auge vernehmen kannst und es dir sicherlich auf eine Weise erscheint, wie nur du es zu vernehmen vermagst. In ihm erblickst du einen riesigen Felsen aus reinstem Smaragd, dessen Leuchten alles in grünes Licht eintaucht. Hier begibst du dich in Gegenwart des Propheten Abraham, in dessen Nähe sich auch der geheimnisvolle Lotusbaum der koranischen Licht-Sure befindet. Er markiert den Gipfel des siebten Himmels. Hier erfährt die Seele ihre höchste Erfüllung und erkennt die Lichtnatur ihres eigentlichen, höheren Selbst.

An diesem Punkt der Reise angelangt, ordnet sich alles. Die Gedanken werden rein und Klarheit erfüllt dein Wahrnehmen. Hier nimmst du Kontakt auf mit den tiefsten Schichten deines Selbst, wo sich der Schimmer deiner vollkommenen Natur, deines kosmischen Selbst, im polierten Spiegel deines Herzen reflektiert.

Sei wachsam – empfinde und fühle, was von dort, aus der Mitte deines Seins, du mit dem Auge deines Herzens erblickst. Es ist der Glanz deines großes Selbst.

Lass dich von ihm führen.

 

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Eine Chimäre in der Geschichte der Mystik: Bernhard von Clairvaux

von Johan von Kirschner

Bernhard von Clairvaux - ewigeweisheit.de

Um sich ein Bild zu machen, von dem französischen Mystiker und Heiligen Bernhard von Clairvaux, muss man ihn im geschichtlichen Kontext des 12. Jahrhunderts sehen. Europa befand sich damals in einer Phase gewaltiger Umbrüche. Wer in jenen Tagen an der Spitze der theologischen Geistesschulen stand, dessen Denken reflektierte unweigerlich die Verstimmtheit seiner Zeit.

Bernhard von Clairvaux setzte als Mönch und Prediger wichtige Zeichen, die auf die Geschicke der abendländischen Kultur direkten Einfluss ausübten. Viele schicksalhafte Fügungen, über die wir aus den Chroniken dieser Zeit erfahren, schienen auf sonderbare Weise mit Bernhard und den ihm nahestehenden Personen verquickt gewesen zu sein.

Es war die Zeit, als Nachrichten nach Europa kamen, über die Blüte einer fremden Hochkultur im Morgenland. Mathematik, Philosophie, Physik, Metaphysik, Medizin, Architektur und die schönen Künste, erlebten dort gerade ihr Goldenes Zeitalter und waren dem abendländischen Geistesleben in vielen Dingen überlegen. In Europa aber schien man davon nur zu ahnen – vielleicht aber auch nichts wissen zu wollen, denn die christlichen Heiligtümer von einst, bewachten jetzt die Fürsten jener unbekannten Religion, wo man angeblich einen Götzen Namens Mahomet anbetete. Das gemeine Volk wusste nicht, dass das kein falscher Gott, sondern der Prophet einer noch jungen Religion war, des Islam – in dem Juden und Christen das »Volk des Buches« genannt werden und die, wie auch Muslime, die spirituellen Nachkommen des Propheten Abraham sind. Sehr wahrscheinlich jedoch wusste Bernhard von Clairvaux sehr wohl wie es um diese Religion stand.

Zwischen Geistlichem und Weltlichem

Bernhard war ein frommer Mönch mit außergewöhnlichen spirituellen Fähigkeiten. Immer aber beschäftigten ihn auch weltliche Belange. Unzählige Widersprüche zankten offenbar im Verborgenen seiner Persönlichkeit. Als eigentlicher Verkünder des Friedens, führte er nicht nur die Christen seiner Zeit näher an ihren Glauben, sondern außerdem tausende Ritter, die wenn nötig, auch im Namen ihres Herrn sterben würden.

Bernhard wurde 1090 als Sohn burgundischer Adeliger geboren. Als er mit 22 Jahren seiner Familie erklärte Mönch zu werden, erstarrte sie in Fassungslosigkeit. Doch es kam noch besser, denn mit ihm zogen vier seiner Brüder ins nahegelegene Zisterzienserkloster Cîteaux ein. Auch viele seiner Freunde folgten ihm 1112 dorthin nach und wurden ebenfalls Mönche. Bernhard verstand es seine Mitmenschen ihrem wahren Wesen nach zu erkennen, sie so zu sehen wie sie wirklich sind, mit all ihren Anfälligkeiten und Versuchungen. Das schienen seine Zeitgenossen an ihm zu lieben und sich darum auch für seine spirituellen Ideen zu begeistern.

1115 entsandte der Abt des Klosters Cîteaux, Stephen Harding (1060-1134), Bernhard im Gefolge 12 anderer Mönche, nach Vallée d'Absinthe. Dort sollte er ein neues Kloster gründen, dem Bernhard den Namen Claire Vallée gab, woraus schließlich »Clairvaux« wurde.

Als Abt dieses neu gegründeten Klosters, verfasste Bernhard dort seine inspirierenden Schriften. Man könnte sagen, dass die Geschichte der Christlichen Mystik mit diesem Abt von Clairvaux begann. Seine persönliche Anziehungskraft, wegen der ihm schon seine Geschwister und Freunde gefolgt waren, sollte noch über größere Kreise hinweg wirken. Denn um den begnadeten Prediger von Clairvaux zu hören, besuchten Menschen aus ganz Europa sein Kloster. Wegen seiner bemerkenswerten Kenntnis der Heiligen Schrift, die er so wundervoll zu predigen vermochte, nennt man ihn auch den Doctor Mellifluus – den »honigfließenden Lehrer«.

Bernhard war im Stande auch die innere Bedeutung der Heiligen Schrift zu enthüllen, ihr Flügel zu verleihen und zum Leben zu erwecken. Er konnte auch in Anderen, die seine Predigten hörten oder lasen, ein wirkliches Empfinden der Bibeltexte entfachen. Doch dies gelang ihm nur, da das der echte Ausdruck seiner persönlichen Empfindung war – etwas, dass er an mystischer Erfahrung selbst erlebt hatte.

Im Mittelpunkt abendländischer Geisteskultur

Die Klöster Clairvaux und Cîteaux gediehen im 12. Jahrhundert zu einem spirituellen Zentrum, in dem die geistigen Kräfte des abendländischen Zeitalters zusammenliefen. Von hier aus prägte Bernhard von Clairvaux in seinem Wirken, ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte.

Sein gewaltiger Einfluss reichte in die Ränge des Vatikan und die Politik seiner Zeit. Er war Mentor von Päpsten und diente den Fürsten seines Landes als Berater. Aus dem Kreise seiner Familie stammte auch der Adlige Hugo von Payens (1070-1136) – der dann der erste Großmeister des Ordens der Templer sein sollte – für den Bernhard noch eine sehr wichtige Rolle spielte.

Die große Wirkung seiner spirituellen Betätigung, hinterlies ihre Spuren in den Gemütern ganz Europas. Dereinst sollte sogar der Papst ihn bitten, die Bildung eines der einflussreichsten Ritterorden der Geschichte voran zu treiben: Der Orden der Tempelritter. Seine Lobreden auf diesen christlichen Ritterorden und das Regelwerk das er für seine Mitglieder erschuf, sollte bald zum Ideal der abendländischen Aristokratie werden. Unter Bernhards Einfluss, gewannen die Templer immer mehr Mitglieder. Durch seine Predigt-Reisen rekrutierte er überall in Europa junge Adlige, die sich diesem neuartigen ritterlichen Mönchsorden anschlossen. Doch dazu später mehr.

Mystik des Heiligen Bernhard

Wenn man sich heute an Bernhard von Clairvaux erinnert, denkt man nicht zuerst an seine Kreuzzugspredigten, als eher an seine Spiritualität.

Bernhards Begabung als Mystiker war bemerkenswert. In 120 Predigten, die auch schriftlich niedergelegt wurden, schuf er einen Schriftkorpus, mit dem er die Angehörigen seines Ordens in das christliche Mysterium einweihte. Den wichtigster Teil seines Werkes bildet wohl das De Diligendo Deo – Über die Gottesliebe – und die Sermones super Cantica Canticorum – die Predigten über das Hohelied Salomos.

Seine Spiritualität stellte allerdings auch einen Gegenpol zur wissenschaftlichen Rationalität dar, die in der scholastischen Theologie, zu seiner Zeit viel Zustimmung fand.

Der Glaube der Frommen vertraut, er diskutiert nicht.

- Bernhard von Clairvaux

Statt das Wesen Gottes in einer Dialektik zu entzweien, versuchte Bernhard seinen Schülern das zu vermitteln, was man die Unio Mystica nennt, die mystische Liebesvereinigung der menschlichen Seele mit Gott. Dies gelang ihm in der sogenannten Brautmystik, die er aus den Versen des Hohelied Salomos entwickelte.

Für Bernhard bildete die menschliche Seele ein Ebenbild zu Gott. Dadurch war sie – und somit auch jeder Mensch – zur Unio Mystica mit Gott befähigt. Dank dieses angeborenen Seelenadels, bestand für jeden Menschen Zuversicht, durch seine Gottesliebe, den Wunsch nach Erlösung aus weltlichem Schmerz, letztendlich sich auch selbst erfüllen zu können.

Doch nicht jedem war diese hohe Form der Spiritualität zugänglich. Die in seinen Predigten verwendeten Gleichnisse, konnten darum den meisten seiner Zuhörer, nur eine erste Ahnung vom esoterischen Gehalt seiner Lehre vermitteln.

Hochzeit von Christus und der Kirche – ewigeweisheit.de

Die Mystische Hochzeit zwischen dem Christus und den Menschen der Gemeinde. Aus einem Buch des Herzogs von Berry (15. Jahrhundert).

Menschliche Seele - Göttliche Braut

In der wundervollen, liebeslyrischen Sprache des Hohelieds Salomos, erlebt der Leser einen erotischen Wechselgesang, wo es um die leidenschaftliche Hingabe eines Liebespaares geht: der jungen Königin von Saba und dem König Salomo. Der heilige Bernhard fand im Hohelied eine höhere Erzählebene, auf der er die ultimative Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk erfährt, was er letztendlich übertrug auf die Liebe zwischen Christus und seiner bräutlichen Kirchengemeinde.

Diese sogenannte Brautmystik, ist jedoch keineswegs nur allegorisch zu verstehen, sondern meint das betont körperbezogene Erleben des Lesers, während seiner Meditation über die Zeilen des Hohelieds. Es befähigt den Betenden, die darin verdichtete Weisheit in seinem Verstand so aufzunehmen, dass sie sich mit seinem emotionalen Empfinden auch tatsächlich begreifen lässt. Denn Bernhard galt Theologie nicht etwa nur als abstrakter Versuch die Wahrheit zu finden. Eher versuchte er durch seine Predigten tatsächlich seine Zuhörer auf einen spirituellen Pfad zu führen, wobei er durch seine mystische Sprache, in den Seelen aller Anwesenden, eine Liebe zu entfachen vermochte die ihnen gar das Empfinden einer heiligen Kommunion mit Gott vermittelte.

Inmitten seines Gebets träumt er (der Betende) von Gott. Was er da sieht ist (zwar nur) eine schummrige Spiegelung, kein Traumbild Auge in Auge. Doch selbst wenn es nur eine vage Ahnung ist, und kein echtes Sehen, vernimmt er den flüchtigen Anblick einer funkelnden Pracht vollkommenster Vorzüglichkeit, wobei er in Liebe entflammt und spricht: 'Von Herzen begehre ich dein des Nachts; dazu mit meinem Geist in mir wache ich früh zu dir (Jesaja 26:9).'

Eine Liebe wie diese ist voller Leidenschaft. Es ist eine Liebe, die die Freundin des Bräutigams wird, Liebe, die die treu ergebene und kluge Dienerin inspiriert, die der Herr für seine Familie (die Gemeinde der Kirche) bestimmt. […]

Letztendlich ist Gott selbst Liebe, und nichts Erschaffene kann befriedigen, den in Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen, außer dem, nur ein Gott der Liebe ist, der alleinig über allem Geschaffenen steht.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 18:6

Wie die erotische Kraft eines sehnsüchtig Liebenden, schirrte er in Anderen eine Fähigkeit an, die sie zur spirituellen Reflexion führte. Immer schon war die erotische Allegorie ein Mittel der Initiation durch das Wort, was etwa auch im Buch Genesis erfolgte, wo spirituelles Erkennen und der Akt körperlicher Liebe, als synonyme Ausdrücke verwendet werden (Genesis 4:1).

Lectio Divina: Gebet in Meditation

Einer der rituellen Bestandteile des täglichen Klosterlebens ist die meditative Gebetspraxis. Mönche lesen dabei aufmerksam bestimmte Abschnitte aus der Bibel, worüber sie dann meditieren. Hierzu wählt ein Mönch einen bestimmten Vers aus der Heiligen Schrift, zum Beispiel einen Psalm, den er beständig wiederholt und leise vor sich hinmurmelt. Während dieses Lesens vernimmt der Betende das Wort Gottes, über das er dabei meditierend nachsinnt und aus dem gelesenen Bibelvers eine Antwort auf diese Anrede Gottes erhält.

Die Aufgabe der Mönche besteht nun darin, während ihrer geflüsterten Bibellektüre, dem Klang ihrer Stimme nachzuspüren. Damit machen sie aus der Heiligen Schrift etwas Lebendiges. In der Kontemplation über das biblische Wort, bewegt sich die Seele des Meditierenden dabei in geistigen Dialog mit Gott.

In dieser intensiven Beschäftigung mit den Versen der Heiligen Schrift, werden sich die Mönche der tieferen Bedeutung des Wortes gewahr. Allmählich beginnt der Betende, der im Bibelwort enthaltenen Weisheit voll bewusst zu werden, fängt an, eine Art Süße aus dem Text herauszulesen. Er beginnt sozusagen zu schmecken, was er in der Heiligen Schrift liest, löst er in seiner Lektüre der Zeilen doch ein Mysterium.

Zu lesen, bedeutet auch einer Spur zu folgen. Einer Spur folgt auch der Winzer beim Lesen der Trauben vom Rebstock. Auch die Bienen in den Weinbergen folgen ihren Spuren, wenn sie die Blüten beehren. Ihre Lust ist es deren Nektar auszulösen, während sie sie bestäubt, damit in Zukunft auch die Nachkommen ihres Volkes wieder blüten aufsuchen werden.

Ein »Honigsammler« war auch der Heilige Bernhard, der den Spuren der Wörter der Heiligen Schrift folgte. Immer wieder sucht er ihre Buchstaben auf, um die darin enthaltene Süße auszulesen.

So wie Speise dem Gaumen süß ist, so schmeckt der Gesang der Psalmen dem Herzen. Doch die Seele, die inniglich weise ist, darf nicht unterlassen, ihn (den Psalm) sozusagen mit den Zähnen der Einsicht zu zerkleinern, denn wenn sie ihn in einem Brocken herunterschlingt, würde der Gaumen um den köstlichen Wohlgeschmack betrogen werden, der süßer ist als Honig der aus der Wabe fließt. Drum lasst uns beim himmlischen Gastmahle mit den Aposteln Honigwaben darbringen, auf die Festtafel des Herrn. Denn so wie Honig aus der Wabe fließt, soll aus der Schrift Ehrerbietung fließen (Hohelied 4:10f). Sonst nämlich, wenn du die Schrift ohne die Würze des Geistes hinunterschlingst, bleiben da nur Buchstaben toter Schrift zurück.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 7:5

Vom Schweigen über die Geheimnisse

Dem Heiligen Bernhard war bewusst, dass er in seinen Interpretationen gewiss Zurückhaltung wahren musste. Denn nicht jeder war mit dem angemessenen Bewusstsein ausgestattet, so großen spirituellen Themen wie der Heiligen Hochzeit, überhaupt gewachsen zu sein. Er wusste, dass das im Hohelied Salomos beschriebene Mysterium, durchaus vor Missverständnissen und Missdeutungen geschützt bleiben musste.

Bernhards in lateinischer Sprache verfassten Predigten über das Hohelied, waren nur jenen vorbehalten, die das nötige Bewusstsein besaßen, um seine Worte auch wirklich zu begreifen. Dazu gehörten wohl zuerst die Mönche des Klosters Clairvaux. Wen dann die Praxis der Lectio Divina, zu einem wahren spirituellen Leben befähigte, der brachte wohl auch die notwendige Verantwortung mit, die Bernhards Schriften ihren Lesern abverlangen.

Die Anweisungen, mit denen ich mich an euch wende, meine lieben Brüder, sollten sich von denen unterscheiden, die ich den Menschen in der Welt überliefere, zumindest die Art und Weise ist eine andere. Wer als Priester der Methode des Heiligen Paulus folgen will, gibt ihnen eher Milch zu trinken, als dass er ihnen feste Nahrung serviert (die sie nämlich nicht verdauen können) und serviert nahrhaftere Kost jenen, die spirituelle Erleuchtung erlangten: 'Und davon reden wir', so sprach er (der Heilige Paulus), 'auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen (1. Korinther 2:13).' Und wieder: 'Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen (1. Korinther 2:6)', in deren Gemeinschaft, davon bin ich überzeugt, man euch findet, es sei den, dass euere Studien der göttlichen Lehren nicht anhielten, euere Sinne verendet sind, und ihr Tag und Nacht im Sinnen über das Gesetz Gottes verbrachtet. Daher seid bereit dazu euch eher vom Brot zu nähren, als von der Milch. Salomon hat vortreffliches Brot für euch, dass gar köstlich ist. Es ist das Brot eines Buches, dass man das 'Hohelied' nennt. Lasst es uns brechen, wenn ich bitten darf, und so verkünden.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 1:1

Rosen vor die Säue – ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Gemälde Pieter Brueghel des Älteren: Die niederländischen Sprichwörter (1559). Hier wirft einer Rosen vor die Säue - verschwendet etwas Kostbares an Unwürdige.

Worauf sich Bernhard hier bezieht ist die Arkandisziplin: der Grundsatz, nur im Kreise Eingeweihter über Geheimnisse zu sprechen. Denn Esoterik darf nichts Profanes werden, nicht zu Allerweltlichem verkommen und

die Perlen nicht vor die Säue geworfen werden.

- Matthäus 7:6

Und doch kann der, der Geheimnisse durch Allegorien und Metaphern verkündet, sich einer möglichen Auskunft nicht ganz versagen. Doch was er weiß, sind die ihm gesetzten Grenzen, die ein Uneingeweihter nicht kennt. Der spricht was ihm sein Wunsch nach Wichtigkeit gebietet.

Auf der anderen Seite, ist die Wissbegierde der meisten Menschen doch eher oberflächlich. Ein Wissender sollte also zuerst versuchen, neugierige Fragen in ihrer Bedeutungslosigkeit zu entlarven. Denn je wissensdurstiger jemand auf esoterisches Wissen ist, desto mehr zeigt das seine spirituelle Unreife.

Jesus ließ die meisten Menschen über die Bedeutung seiner Gleichnisse im Unklaren. Nur im Kreise der Zwölf, machte er den Grund dafür bekannt:

Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Himmelreichs, diesen aber ist's nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): 'Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile.' Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.

- Matthäus 13:11-1

Es bedarf einer gewissen Seelenhygiene, die ein Mensch erst im Laufe seines Lebens entwickeln muss – vorausgesetzt, er befasste sich über lange Zeit damit, was seinem Seelenleben gut tut. Erst dann ist einer dazu befähigt, aus seinem esoterischen Wissen anderen mitzuteilen. Es kann einer eben nur so weit andere führen, wie er schon selbst fortgeschritten ist. Was darüber hinausgeht, ist gefährlich – besonders dann, wenn einer zur Masse spricht. Wer ohne die entsprechende Erfahrung über die Bedeutung der Geheimnisse spricht, setzt damit nicht unbedingt seine eigene, gewiss aber die Sicherheit anderer aufs Spiel.

Du könntest alle Geheimnisse kennen, du könntest die Größe der Erde kennen, die Höhen des Himmels und die Tiefen des Meeres: Doch wenn du dich selbst nicht kennst, würdest du jemandem gleichen, der ohne Fundamente eine Ruine, statt eines Gebäudes errichtete. Alles was du außerhalb deiner selbst aufrichtest, wird wie ein Staubhaufen sein, der dem Wind preisgegeben ist. Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser wird in Weisheit über sich selbst informiert sein, und er trinkt auch als Erster aus der Quelle seiner eigenen Wasserfülle.

- De Consideratione (Über das Nachdenken) II:3:6

Das schrieb Bernhard circa 50 Jahre nach dem ersten Kreuzzug. Papst Urban II. jedoch schien solchen Nachdenkens zu entbehren, als er 1095 zum Ersten Kreuzzug aufrief. Denn was sich damit von Frankreich in Richtung Palästina aufmachte, war ein unorganisierter Mob, gemeinen, ungebildeten Volkes.
Bereits in Ostfrankreich kam es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung. Solcher Art Pogrome zogen sich entlang der Kreuzfahrerroute bis in Heilige Land. Im syrischen Maarat an-Numan, sollte der Erste Kreuzzug seinen Höhepunkt an Grausamkeit annehmen, wo die barbarischen Kreuzfahrer in ihrer Hungersnot, sogenannte Ungläubige aufspießten und geröstet fraßen. Das berichtete der normannische Radulf von Caen (1080-1120) in seiner Kreuzfahrer-Chronik.

Ob der Heilige Bernhard von diesen Schreckenstaten wusste? Ignorierte er die Grausamkeiten und die unzähligen Menschen die auf dem Kreuzzug umkamen, auch die vielen Christen die aus Unwissenheit der Kreuzfahrer einen so erbärmlichen Tod fanden?

Abaelard und Heloise – ewigeweisheit.de

Abaelard und Heloise in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert.

Wozu Bernhard außerdem fähig war

Die Äbtissin Heloise (1095-1164) vom französischen Frauenkloster Le Paraclet, könnte sehr wohl in Bernhards Werken und Wirken eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen haben. Zu der nur fünf Jahre jüngeren Nonne, hatte Bernhard über lange Zeit Kontakt gepflegt und die beiden standen wohl auch in spirituellem Austausch.

Zwischen 1116-1118 traf Heloise den Mönch Pierre Abaelard (1079-1142). Er war zuerst ihr Lehrer, doch die beiden verliebten sich. Heloise wurde schwanger. Als Nonne aber war sie nun gezwungen ihr Kind im Geheimen zur Welt zu bringen. Abaelard wurde heftig bestraft. Viele Texte der Literatur des Hochmittelalters schrieben über diese verbotene, tragische Romanze.

In Briefen an Abaelard sprach Heloise interessanterweise auch das Hohelied Salomos an. Und da sie immer auch in Verbindung stand zu Bernhard von Clairvaux, liegt die Vermutung nahe, dass die Inspiration zu seinem Kommentar zum Hohelied, vielleicht auch mit ihr zu tun hatte. Dafür gibt es bisher keine genauen historischen Belege. Es bleibt also eine Vermutung. Bestätigt aber ist, dass Bernhard von der Liebesaffäre zwischen Heloise und Abaelard wusste. Doch nie sprach er darüber öffentlich.

Es scheint Bernhard aber gequält zu haben, von dieser Liebschaft zu wissen. Denn es war fast absurd, wie vehement er sich gegen die Lehren Peter Abaelards wandte. Der nämlich vertrat eine Philosophie der Vernunft, wo nicht-religiöse philosophische Techniken, zur Erklärung des Glaubensbegriffes zur Anwendung kamen. Das galt Bernhard als vollkommenes Absurdum. Denn jene mystische Liebe, die ein Gläubiger gegenüber Gott in der Unio Mystica erfährt, sei auch durch wissenschaftliches Hinterfragen nicht zu erklären. Abaelards Rationalismus und seine Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung erschienen Bernhard darum einfach zwecklos. Für ihn war christlicher Glaube nur im Herzen zu erfahren. Bernhard glaubte, dass wer durch Verstandesdenken einen Beweis für die Existenz Gottes logisch herzuleiten gesuchte, nichts als nur den Teufel fand.

Bernhard erschien Abaelars Philosophie aber sogar als Angriff auf seinen christlichen Glauben. Und durch sein Drängen, verwarf die Katholische Kirche Abaelards Lehren sogar als Häresie, für die dieser vor dem Konzil von Sens (1141) der Ketzerei angeklagt wurde. Ein Gerücht behauptet, Bernhard hätte die Anwesenden trunken gemacht, um sie leichter zu ihrem Urteil gegen Abaelard zu bewegen. Schließlich verurteilte man Abaelard später zu einer Klosterhaft und ewigem Schweigen. Seine philosophischen Schriften wurden sogar öffentlich in Rom verbrannt!

Nach Abaelards Tod in 1142, führte Heloise als Äbtissin, noch für 20 Jahre das Kloster Paraclet. Trotz der Tragödie um Abaelard, hielt sie in dieser Zeit weiter Kontakt zu Bernhard von Clairvaux. Auf Heloisas Bitten hin wurde Abaelards Leichnam in ihr Kloster überführt, wo sie dann auf eigenen Wunsch, nach ihrem Tod neben Abaelard bestattet wurde.

Aufruf zum Zweiten Kreuzzug

Während all dieser Jahre schien das Heilige Land in sicherer Hand des dort residierenden christlichen Adels. Doch im Jahr 1144 wurde die Kreuzfahrerstadt Edessa erobert und fiel an die Türken. Der Emir Imad ad-Din Zengi (1087-1146) stürmte die Festungsstadt im Gefolge von 30.000 Soldaten. Er war der Legende nach ein Sohn der Markgräfin Ida von Österreich. Zengis Truppen mordeten alle Bewohner der Stadt in einem grausamen Gemetzel.

Die Nachricht von der Einnahme Edessas durch die Ungläubigen, zwang die Könige und Fürsten der anderen vier Kreuzfahrerstaaten (Königreich Jerusalem, Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis) zum Handeln. Darum entsandte Prinz Raimund von Antiochien seinen Bischof Hugo von Jabala nach Rom, wo er 1145 Papst Eugen III. vom Fall Edessas berichtete. Einer der Anwesenden dabei war auch der deutsche Chronist Otto von Freising. Ihm erzählte Bischof Hugo in Gegenwart des Papstes, von einem nestorianischen Christen, der im fernen Osten als mächtiger Herrscher regiere: Priesterkönig Johannes von Indien. Er sollte ein Nachfahre eines der Heiligen drei Könige sein, der sich anscheinend mit einem riesigen Heer nach Jerusalem aufmachte, »vor nicht all zu langer Zeit« wie es hieß, um das Heilige Land vor der Hand der Ungläubigen zu erretten.

In diesem Jahr noch, rief Papst Eugen III. zum Zweiten Kreuzzug auf. Doch diesem Aufruf schienen nur wenige der europäischen Fürsten überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Darum wandte er sich an Bernhard von Clairvaux, seinen einstigen Lehrer: Er sollte den Kreuzzug predigen. Das weltliche Gepränge am päpstlichen Hof und all die politischen Machenschaften des Vatikan waren Bernhard allerdings zutiefst zu wider. Es muss ihn dennoch gedrängt haben, seine geistlichen Nachkommen, vor einem aus der Ferne bedrohenden Unbekannten zu schützen – vor einem fremden Gottesglauben, von dem keiner ahnte, wofür er eigentlich stand. Und so wurde Bernhard von Clairvaux auf einmal zum Organ des Vatikan und zum Prediger eines weiteren Kreuzzugs berufen. Er sollte den Eifer einer neuen Ritterschaft anschirren, durch seine Predigten und die von ihm verordneten Ordensregeln.

Bernhard wandte sich mit seinen Predigten aber gezielt an den Adel, um eine Wiederholung eines neuen Volkskreuzzuges zu vermeiden. Auf den Ritter-Haudegen von einst, sollten nun Tugenden und christliche Pflichten angewendet werden, um aus diesen alten Kämpen des Ersten Kreuzzugs, nun wahre Edelleute zu machen. Vor allem aber, und das hatte es bisher nicht gegeben, sollte dieser neue Orden in sich Rittertum und Mönchtum vereinigen.

Aus den Kreisen der Aristokratie, rekrutierte Bernhard die Mitglieder dieses neuen geistlichen Ordens, der vermutlich von Mitgliedern seiner Familie 1118 in Jerusalem ins Leben gerufen wurde. Denn einer der neun Gründungsmitglieder war Andreas von Montbard (1103-1156), ein Onkel Bernhards.

Tempelritter – ewigeweisheit.de

Der Orden der Templer: Mönchsritterschaft der Katholischen Kirche.

Bernhard von Clairvaux: Mentor des Templerordens

Unter den Heimkehrern vom Ersten Kreuzzug befand sich der französische Adlige Hugo von Payens, den man in Frankreich als Helden feierte. Er sollte erster Großmeister einer Gruppe von Edelleuten sein, die sich als Wächter des Jerusalemer Tempelbergs, zu einem außergewöhnlichen Orden organisierten. Sie nannten sich die »Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«.

Für diesen neu gegründeten Orden sollte Bernhard von Clairvaux schon bald eine ganz bedeutende Rolle spielen. Denn auf Bitten von Hugo von Payens, verfasste Bernhard seine berühmte Mahnrede an die Templer.

Es ist gut möglich, dass sich Bernhard und Hugo von Payens schon begegnet waren, als Bernhard noch ein Kind war. Denn sowohl die Gründungsmitglieder der Templer als auch Bernhard von Clairvaux, stammten aus den selben Kreisen des mittelalterlichen Adels in Frankreich.


Alles was Bernhard in seinem Leben tat, geschah immer aus vollem Herzen. Wenn er nun also den Zweiten Kreuzzug predigte, schwelgte er dabei in der selben christlichen Überzeugung, wie in seinen Predigten vor seinen Klostergenossen. Er meinte sogar, dass im Namen Christi zu töten, keine Sünde sei.

Vielleicht wäre ihm zuerst lieber gewesen, dass sich durch seine Predigten mehr Menschen einem christlichen Klosterleben verschrieben hätten, doch naheliegender schien ihm in dieser Zeit, jene Vereinigung von Mönch- und Rittertum, was er in seiner Mahnrede an den Orden der Templer addressierte:

Aber wenn beide Menschen (Mönch und Ritter) in einer Person, ein jeder sich kraftvoll mit dem Schwert umgürten […], wer würde einen solchen nicht aller Bewunderung für höchst würdig erachten, zumal es sich ja um Außergewöhnliches handelt? Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter, allenthalben gefeit; er umgibt seinen Leib mit der Rüstung aus Eisen, seine Seele aber mit der des Glaubens. Da er nun durch beiderlei Waffen geschützt ist, fürchtet er weder Teufel noch Menschen. Nicht einmal vor dem Tode fürchtet sich der, der sich zu sterben sehnt. Denn was könnte der im Leben oder im Tode fürchten, dem Christus Leben und Sterben Gewinn ist? […] Schreitet also sicher voran, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewissheit, dass weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen kann, die sich in Christus Jesus offenbart. In jeder Gefahr wiederholt für euch das Wort: 'Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Römer 14:8)'

- Aus dem Buch an die Tempelritter von Bernhard an Clairvaux

Unter der Führung Bernhards von Clairvaux fand am 13. Januar 1129 die Synode von Troyes statt, bei der auch Hugo von Payens und Andreas von Montbard anwesend waren. Hierbei erhielt der Templerorden seine offizielle Anerkennung durch die Katholische Kirche und bekam feste Ordensregeln. Zu diesen Regeln lieferte Bernhard einen ganz wesentlichen Beitrag. In der damit verfassten Urkunde wurde auch explizit auf die Anwesenheit von Payens und Montbard hingewiesen.

Nach dem Aufruf zum Zweiten Kreuzzug durch Papst Eugen III. begann dann nach 1145 Bernhards kirchenpolitische Vermittlertätigkeit. Dank seiner Unterstützung bei der Rekrutierung neuer Mitglieder, wurde aus dem erst winzigen Templerorden von gerade mal neun Mitgliedern, in nur kurzer Zeit eine ganze Armee! Es dürfte darum kaum verwundern, dass das großes Gefallen fand – sowohl im Vatikan als auch im europäischen Adel.

Ein versiegeltes Geheimnis

Mit dem bisher Gesagten, scheint Bernhard weit mehr als nur Mönch gewesen zu sein. Fast könnte man ihn als Vorboten eines neuen Zeitalters bezeichnen. Dann aber war er sicher eine Doppelgestalt – ein Prophet sowohl des Lichts wie auch der Finsternis.

Diese chimärenhafte Erscheinung Bernhards und sein Einfluss auf den Templerorden, führte in zeitgenössischer Literatur auf eine Unmenge an Verschwörungstheorien. Doch zu solchen Vermutungen kommt ohnehin sehr schnell, wer von den vielen Querverbindungen zu Kirche, Adel und Mysteriengeschichte erfährt, die einem gemeinsam mit dem Namen »Templer« begegnen.

Das liegt wohl daran, dass der Einfluss der Templer über zwei Jahrhunderte eine ganz wesentliche Rolle spielte, in der spirituellen und politischen Entwicklung der damals bekannten Welt. Auch die vielen Widersprüche, für die der Templerorden steht, gab manchem Anlass viel über die Geheimnisse dieser Bruderschaft zu spekulieren.

Eines der wichtigsten Themen die einem bei der Recherche immer wieder begegnet, ist die Frage, ob die Kreuzzüge, neben ihrem offiziellen Grund, auch eine okkulte Bedeutung hatten. Weit verbreitet ist eine Annahme, dass diese »Arme Ritterschaft Christi« Ausgrabungen im Tempelberg durchführte, um nach etwas zu suchen, dass sich einst unter dem Salomonische Tempel befunden haben soll. Worum es sich dabei handelte ist nicht endgültig klar.

Wie uns aus den Büchern der hebräischen Bibel überliefert wurde, stand im Heiligtum des Salomonischen Tempels eine heilige Lade, worin sich besondere Gegenstände befanden. Sie soll die Israeliten einst mit großer Macht ausgestattet haben. Damit nämlich teilten sie das im Buch Exodus beschriebene Schilfmeer und ließen mit der Kraft die aus dieser Lade strömte, die Mauern von Jerichon einstürzen.

Von Jerusalem aus, so wollen es manche Schriftsteller, sollte die Lade dann von Hugo von Payens nach Chartres in Frankreich gebracht worden sein, wo sie im Fundament der dortigen, neu gebauten gotischen Kathedrale integriert wurde. Dazu sandte sie angeblich Bernhard von Clairvaux aus, um das heilige Reliquium aus dem Heiligen Land nach Frankreich zu bringen. Sicher aber sollten die Templer im Heiligen Land von den Muslimen überhaupt die Bildung erhalten, solch umfangreichen Unternehmens überhaupt fähig zu sein.

Das die Templer tatsächlich sehr mächtig waren, bleibt unbezweifelt. Schließlich gründet sich auf ihrem bargeldlosen Zahlungsverkehr das moderne Bankenwesen. Das machte sie zur reichsten Organisation der gesamten damals bekannten Welt. Ihr Einfluss und ihr Vermögen war so groß, dass manch Monarch ihren Besitz neidisch beäugte. Da sie außerdem im Geheimen Rituale praktizierten, die nicht dem Regelwerk der katholischen Kirche entsprach, sollte das jenen Neidern dienen, sie dereinst wegen ketzerischer Machenschaften zu überführen. In Wirklichkeit aber waren diese nur auf den Besitz der Templer aus.

Seltsam nun, dass dieser Order ja überhaupt nur entstand, da die Katholische Kirche ihren Gläubigen einen Pilgerweg ins heilige Land schaffen wollte, worauf sie von den Mitgliedern der Templer beschützt wurden.

Einer der Hauptgründe für spätere Ahndungen gegen den Orden, war ihre Verehrung für einen Kopf mir zwei Gesichtern: das Janushaupt. In diesem Symbol blicken zwei Gesichter sinnbildlich in die Vergangenheit und in die Zukunft. Daher auch der Name des Monats Januar, der ja mit dem neuen Jahr beginnt, wo um den Jahreswechsel, Menschen quasi gleichzeitig auf das vergangene und auf das neue Jahr schauen.

Das Janushaupt nannten die Templer anscheinend auch Baphomet – ein Name, mit dem heute eine ganz und gar zwielichtige, teuflische Gestalt assoziiert wird. Baphomet entspricht »dem Tier« aus der Offenbarung Johanni, einer Chimäre aus gehörntem Engel, Mensch, Ziege oder Steinbock. Anscheinend galt den Templern dieses Wesen, wie auch das Janushaupt, als esoterisches Symbol für den Dualismus aller Dinge in der Welt, die immer als gemeinsames Ganzes betrachtet werden sollten. Wohl nicht zufällig, ist der Ziegenfisch, den die moderne Astrologie den »Steinbock« nennt, jenes Tierkreiszeichen, durch das sich die Sonne eben genau durch den Jahreswechsel zwischen Ende Dezember und Anfang Januar bewegt.

Nun ist auch bekannt, dass sich mit weißer und schwarzer Magie auch König Salomon befasste – jener König und Prophet, dessen Hohelied ja auch den Bernhard von Clairvaux in seinen Predigten verzückte. Wie die »Arme Ritterschaft vom salomonischen Tempel«, war auch Salomon laut Bibelurkunde, der reichste Mann seiner Zeit. Darüber lesen wir in der Bibel, im Ersten Buch der Könige. Darin ist die Rede von Salomos Goldbesitz der durch eine eigenartige Zahl beziffert wird (1. Könige 10:14), auf die auch das Buch der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 13:18) hinweist, wo sie sowohl die »Zahl eines Menschen«, wie auch die »Zahl eines Tieres« ist. Und dieses Tier eben scheint eigenartiger Weise, jenem, oben erwähnten Ziegenfisch verblüffend zu ähneln (Offenbarung 13:1).

Das solche Geheimnisse zu damaliger Zeit aber gegen die Templer verwendet wurden, wissen alle, die sich mit dem Ende dieser einstigen Mönchsritter befassen. Denn wie konnte es sein, dass ein Katholischer Ritterorden Christi, sich mit solchen Dingen beschäftigt? Nach außen hin waren sie die frommen Ritter Christi, doch im inneren Kreise vollzogen sie anscheinend genau das Gegenteil. Liegt hinter solchem Handeln ein höherer, okkulter Sinn?

Es scheint als wussten die Mitglieder des Templerordens ein Geheimnis in der Welt, dass den Gläubigen der weltlichen Christenheit nicht bekannt war. Sicher war es kein Zufall, wieso sich, schon in ihrer Erscheinung in der Geschichte, etwas abzeichnete, dass offensichtlich widersprüchlich war. Mindestens so widersprüchlich wie die Erscheinung Bernhards von Clairvaux – der als Abt die Liebe zu Gott predigte, dem Ritterorden der Templer aber überhaupt erst ermöglichte, so viele neue Mitglieder zu gewinnen, die auf einem neuen Kreuzzug im Namen Jesu Christi, vermeintlich Ungläubige im Heiligen Land töten sollten.

Anscheinend zeichnete sich der Templerorden aber eben genau durch solche Widersprüchlichkeiten aus. Denn um in den Orden aufgenommen zu werden, musste ein Ritter zuerst ein Armutsgelübde ablegen, doch schloss sich damit einem Orden an, der wegen seines immensen Reichtums berühmt war. Die Templer waren nach außen hin mit weltlichen Belangen beschäftigt, pflegten im Geheimen aber okkulte, diabolische Rituale. Sie waren zum einen asketische Mönche, zum anderen gehörten sie zu den gefürchtetsten Rittern ihrer Zeit.

Bernhard und auch die Tempelritter wussten anscheinend um Dinge, die dem Normalsterblichen nur schwer verdaulich sind. Nichteingeweihten bleiben sie bis heute ein Rätsel. Es wäre darum sehr unvorsichtig, vorschnell die Person des Bernhard von Clairvaux oder die Templer zu verurteilen – solange noch der eigene Wissenseifer, das Siegel Salomos verschlossen hält.

 

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von S. Levent Oezkan

Buddha - ewigeweisheit.de

An der Grenze zu Nepal, zwischen der Ganges-Ebene und den Ausläufern des großen Himalaya, dort lebten einst Angehörige der indischen Kriegerkaste der Kshatriya. Zu ihnen zählte auch die Familie der Gautamas, deren Oberhaupt der adlige Suddhodana war – dereinstiger Vater eines der größten Menschheitslehrer unseres Planeten.

Mahamaya war die Gemahlin des Suddhodana. Ihr Name hat eine interessante Bedeutung, denn Mahamaya heißt übersetzt wörtlich »Große Illusion«.

Ihr und ihrem Mann Suddhodana, waren zwanzig Jahre lang keine Kinder beschieden. Eines Nachts, zu Vollmond, träumte Mahamaya von einem großen weißen Elefanten, der an einem seiner Stoßzähne eine weiße Lotosblüte trug und sie damit sanft berührte. Aus diesem Traum erwacht, wusste Mahamaya, dass ihr etwas Besonderes widerfahren werde. Neun Monate später, ebenso in einer Vollmondnacht, gebar sie einen Sohn: Siddhartha. Das war im Jahr 563 v. Chr.

Gemäß einer Legende verkündete dem Suddhodana ein Seher namens Asita, dass Siddhartha einmal ein großer König oder aber, wenn er das Leid der Welt erkenne, ein großer heiliger Mann werden solle. Natürlich sah Suddhodana in seinem Sohn seinen Nachfolger und hoffte, dass sich dann auch Asitas Prophezeihung bewahrheite, und Siddhartha König über das nordindische Reich der Shakyas werde.

Darum versuchte Suddhodana seinen Sohn um jeden Preis vor dem Angesicht menschlichen Leids zu schützen und hielt ihn in seinem Palast zurück, so dass er auf keinen Fall mit dem Kummer in der Welt in Berühung komme. Auch hinderte er seinen Sohn daran an jedweder religiösen Unterweisung teilzunehmen.

Trotzdem konnte sein Vater nicht verhindern dass Siddhartha entdeckte, dass nicht alles im Leben nur aus Gutem, aus Überfluss und Genuss besteht. Und je älter er wurde, desto zweifelhafter erschienen ihm all die weltlichen Sehnsüchte, die er und seine Angehörigen zu befriedigen suchten. Als Siddhartha sein 29. Lebensjahr vollendet hatte, empfand er sein bisheriges Leben nur noch als bedrückende Illusion.

Seine Familie und auch die Diener am Hofe seiner Eltern, schienen sich auf einer Art Lebensbühne zu bewegen und kamen Siddhartha vor wie Gefangene in einem Trauerspiel, zwischen trügerischem Vergnügen und sich immer wiederholendem Leid. Diese Erkenntnis wurde ihm zur Last, als er erkannte, dass seine Mitmenschen offenbar unwillentlich ihr eigenes und das Leben der anderen verbitterten. Er verließ schließlich seine Familie und begab sich auf Wanderschaft als Bettelmönch – in der Hoffnung einen Schlüssel zu den großen Mysterien des Lebens zu finden.

Vergeblich suchte er nach einem Meister, der ihm die Wahrheit zu erklären vermochte über die Ursachen hinter all dem Leid in der Welt. Niemand konnte dieses Verlangen seiner Seele stillen. So kam es, dass er Allem entsagte und versuchte selbst seine letzten fleischlichen Genüsse abzutöten. Das aber führte ihn nur immer tiefer in Verzweiflung, denn sein Wunsch nach Erkenntnis ließ sich auch dadurch nicht befriedigen.

Der Bodhi-Baum: Ort des Erwachens

Darauf machte sich Siddhartha auf den Weg nach Norden und kam eines Tages in die Nähe von Bodh-Gaya in Indien. Da blieb er für ganze sechs Jahre. In seinen langen Meditationsübungen konzentrierte er sich auf das, was der Mahayana-Buddhismus den »Dharmakaya« nennt: den »Wahrheitskörper«. In seinen Meditationen transformierte er seine Wahrnehmung in diesen Wahrheitskörper, den nichts beschränkt und man sich deshalb darin der spirituellen Natur allen Seins gewahr wird.

Nach dieser langen Zeit der meditativen Schulung seines Bewusstseins verspürte er allmählich, dass er seiner Erleuchtung sehr nahe war und machte sich auf, an einen besonderen Ort. Das war der Legende nach der legendäre Bodhi-Baum, jene Pappel-Feige, deren Same am selben Tag in der Erde keimte und Wurzeln fasste, als Siddhartha zur Welt kam. In den 35 Jahren seit dieser Zeit wurde daraus ein Baum beachtlicher Größe, dessen lange Zweige sich weit über seinem Stamm ausbreiteten.

Unter diesem Baum fand Siddhartha einen geeigneten Ort um zu meditieren. Als er sich dort setzte fasste er den Plan erst wieder aufzustehen, sobald er die endgültige Befreiung erlangt hat. Sieben Wochen aber saß er dort in Meditation. Da plötzlich fand sein Suchen ein Ende. Auf einmal begriff er das essentielle Wesen menschlichen Seins und den Grund für das Leid in der Welt. Unter diesem Baum in Bodh Gaya erlangte Siddharta Gautama schließlich Erleuchtung. Dort wurde er zum Buddha, zum Erwachten, einem erleuchteten Propheten, der vollkommenen Frieden in einem vollendeten, spirituellen Gewahrsein erlangte. Er erfuhr das Nirvana, wo er sich aus dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten erhob und erwachte (sanskr. Bodhi).

Über die Lehren des Buddha

Durch seine erleuchtenden Einblicke und Erkenntnisse über das Leben, lag ihm nun daran seinen Mitmenschen zu helfen, ihr wahres Bewusstsein zu erwecken und sich damit von ihren Leiden zu erlösen.

Was der Buddha seinen Schülern lehrte, basierte auf Vorstellungen die auch schon im Glauben seiner hinduistischen Vorfahren eine zentrale Rolle spielten: Karma und Samsara. Gemäß diesem Glauben bewohnen das Universum unzählige Seelen, die sich jeweils auf einer bestimmten Entwicklungsebene befinden. Doch jede dieser Seelen bewegt sich in einem sehr langen Kreislauf, dem Samsara, der sie viele Male durch Geburt und Tod führt, wobei sie immer wieder einen vollkommen anderen Körper annehmen, der jedoch nichts mit seiner vorherigen Inkarnation (Verkörperung) zu tun hat.

Die Seele aber, die auf Erden in einem Körper inkarniert und diesen für eine Zeit lang bewohnt, wird in einem geistig-materiellen Umfeld geboren, das ihrem Karma entspricht und damit ihren Taten in der vergangenen Lebenswelt Rechnung trägt.

Der Buddha lehrte, dass das Leben, so angenehm es manchmal auch erscheinen mag, letztendlich doch nur ein langer und ebenso trügerischer Schmerz bestimmt. Nur wenigen gelingt schon zu Lebzeiten, sich aus den Verstrickungen der körperlichen Wünsche zu lösen, und sich mit dem kosmischen Sein des Brahman zu verbinden – der unendlichen, immanenten und transzendenten Realität.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Unter dem legendären Boddhi-Baum in Bodh Gaya, im Nordosten Indiens, erlangte der Buddha Erleuchtung. Manche meinen, dort auch hätte er zum letzten Mal zu seinen Anhängern gesprochen.

Die Edlen Wahrheiten des Mittleren Weges

Nun empfand aber der Buddha, dass Vorstellungen einer von Gott abhängigen Seele, durchaus mit Gefahren behaftet sind. Denn Gott war für ihn nichts, dass von der Seele getrennt existierte und damit kein übernatürliches Wesen, das die unzähligen Prozesse des Universums zu bewirken braucht. Er sah in Gott eher eine bestimmte Stufe in der Entwicklung der Seele.

In diesem Bewusstsein konnte sich ein Mensch vom Konzept des »Ich bin« lösen, womit sich die Vorstellung von einer Seele oder eines Selbst sogar erübrigt. Welchen Zweck aber erfüllte dann noch die Seele?

Sich von seinem Ichbewusstsein zu lösen bedeutete für den Buddha, alle Wünsche fallen zu lassen, da es gar keinen Grund mehr gäbe den Wunsch nach ihrer Erfüllung anzustreben. Das Wünschen war für ihn die eigentliche Ursache allen Übels das ein Mensch in seinem Leben erfährt.

Was aber bedeutete das in der Praxis? Sollte man sich des Lebens vollkommen entsagen und sich als Eremit in die Einsamkeit zurückziehen, um dort vor sich hin zu vegetieren? Nein. Das lehnte der Buddha ab. Vielmehr empfahl er seinen Anhängern, was im Buddhismus der »Mittlere Weg« genannt wird: ein Mensch braucht sich nicht in strenger Askese üben, sondern in Meditation seine Mitte finden – etwas, dass sich gleichermaßen zwischen allem Weltlichen und allem Weltentsagenden, zwischen Luxus und Askese befindet. Dieser Mittelweg, sollte den Menschen zu Tugend und Weisheit, letztendlich aber doch zum Erwachen führen.

Die buddhistische Lehre bezeichnet diesen »Mittleren Weg« als »Edlen Achtfacher Pfad«, da sich auf ihm bewegt, wer die folgenden acht wichtigen Lebensbereiche meistert:

  • die rechte Erkenntnis der Lehren des Buddha,
  • eine rechte Gesinnung, wozu Rechtschaffenheit, Nächstenliebe und eine Reinheit des Herzens zählen,
  • die rechte Rede,
  • rechtes Handeln,
  • ein rechter Lebenswandel,
  • rechtes Streben in Denken und Handeln, um so allen Entgleisungen zu entsagen und Fehler zu vermeiden,
  • rechte Achtsamkeit in diesem Denken und in den Erinnerung an die Lehren des Buddha,
  • sowie eine rechte Geisteskontrolle, um Denken und Geist zu befrieden, wie etwa durch Übung von Kontemplation und Meditation.

Dieser Edle Achtfache Pfad ist die letzte der »Vier Edlen Wahrheiten«, die die Säulen des buddhistischen Glaubenssystems bilden:

  1. Die Wahrheit über das Leiden,
  2. die Wahrheit über die Entstehung des Leidens,
  3. die Wahrheit über die Beendigung von Leiden und
  4. die Wahrheit des Edlen Achtfachen Pfades, der zur Beendigung des Leidens führt.

Wer den Achtfachen Pfad beschreitet, zerstreut alle Wünsche und das was einen Mensch an sie erinnert. Er entledigt sich allem Verlangen nach Leben und erschafft damit universales Wissen, dass ihm hilft anderen Wesen gegenüber Mitgefühl zu entwickeln, was letztendlich zur Erlösung führt.

Eine Kette bedingten Entstehens

Aus den Lehren des Buddha erfahren wir von einem esoterischen Gesetz, was die Ursachen für die leidhafte Verkettung der Wiedergeburten beschreibt. 12 Glieder bilden eine »Kette des Bedingten Entstehens«, im Sanskrit als Pratitya-Samutpada bezeichnet. Ihre Glieder, sind die

  1. Unwissenheit über die Wahrheit des Leidens, die zur Entstehung von
  2. Tat-Absichten führt, die etwas gestalten oder vorbereiten wollen. Zusammen mit der Unwissenheit erzeugen sie das Karma. Darum obliegt alles was in dieser Unwissenheit gestaltet wird karmischen Formationskräften – die heilsam oder schädlich, oder aber weder heilsam noch schädlich sein können – und die Grundlage bilden für das
  3. Bewusstsein, das die Veranlagung für eine erneute Identifikation mit dem Ich birgt.
  4. Geistigkeit und Körperlichkeit gehen mit dem Namen und der Form dieses Ich einher, sobald ein Mensch zur Welt kommt. Über die
  5. Sechs Sinnestore nimmt das mit Geistigkeit und Körperlichkeit ausgestattete Wesen die Außenwelt wahr: mit den Augen (Sehen), den Ohren (Hören), der Nase (Riechen), der Zunge (Schmecken), dem Körper (Tasten) und dem Geist (Denken). Der
  6. Kontakt der zu Stande kommt, in dem eines dieser Sinnestore mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt zusammentrifft, lässt ein Objektbewusstsein entstehen, wobei aus diesem Kontakt dann eine
  7. Empfindung entsteht, die auf drei Arten erfahren werden kann: angenehm, unangenehm oder aber weder angenehm noch unangenehm. Aus Empfindungen aber erwächst das
  8. Verlangen nach Sein, nach Werden oder nach Identifikation mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt, wobei sich im Geist entweder ein »Ich-Will« oder ein »Ich-Will-Nicht« bildet. Aus diesem Verlangen entsteht dann ein
  9. Anhaften an Gedanken oder der Wunsch etwas zu ergreifen oder sich damit zu identifizieren. Man kann lustvoll an etwas haften, indem man etwas immer wieder anschaut, indem man es immer wieder tut oder ein ausgeprägtes Bewusstsein von »Ich und Mein« entwickelt. Dies führt schließlich zu einem
  10. Werdeprozess, aus dem sich Gewohnheiten ableiten, die dann zu karmischen Handlungen werden, die letztendlich das Dasein bedingen, was durch reaktives Sein wiederum zur
  11. Geburt führt, aus der neue körperliche, mündliche oder gedankliche Taten und Vorgäne entspringen. Auf körperlicher Ebene, führt das natürlich zu einer Geburt in eine neue Existenz – eine Reinkarnation (Wiedergeburt). Und aufgrund dieser neuen Geburten existieren
  12. Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Betrübnis und Verzweiflung: alles Ursachen für die Entstehung von Leid.

Kaum ein anderes Dogma wurde so ausgiebig erforscht und diskutiert, wie diese 12 Glieder der Kette des bedingten Entstehens. Der Buddha schien damit veranschaulichen zu wollen, wie die individuelle Existenz eines Menschen und das damit zusammenhängende Bewusstsein, aus einem urtypischen Vorgang im Dasein menschlichen Lebens entsteht.

Buddha Shakyamuni – ewigeweisheit.de

Buddha Shakyamuni: Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya im Norden Indiens, an der heutigen Grenze zu Nepal. Sein einstiger Regent war der adlige Suddhodana, Vater des Buddha.

Bewusstsein und Karma

An die Existenz einer ewigen Seele glauben Buddhisten eigentlich nicht. Auch die Frage nach konkreten Ursachen für jegliche andere Existenzen, scheint im Buddhismus nur wenig Bedeutung zu haben. Denn im Grunde weiß man, dass so etwas wie Materie prinzipiell nicht existiert, sondern nur eine temporäre, karmische Erscheinung ist. Denn was sich für das Karmagesetz in Bezug auf das Menschsein anwenden lässt, gilt in ähnlicher Form auch für alles andere im Kosmos. Was damit gemeint ist, dazu später mehr.

Alles was existiert, so die Buddhisten, entstand aus einer unendlichen Abfolge sich immer neu entfaltenden Bewusstseins – sowohl als etwaige Möglichkeit, wie auch als ein aktiv tätiges Sein. Jede dieser Abfolgen aber besteht aus einer Reihe von Augenblicken, worin sich jeweils ein Bewusstsein bewegt. Und jeder dieser Augenblicke resultiert wiederum aus einem Bewusstsein, das ihm vorausging.

Hinter jeder dieser Abfolgen von Augenblicken, in denen Bewusstsein aktiv ist, wirkt die Kraft des Karma. Ihm folgt jedes daraus neu entstehende Bewusstsein, woraus bei einem Menschen dann das wird, was man als Individuum bezeichnet. Es ist das individuelle Bewusstsein eines Gottes, einer Person, eines Tieres, einer Pflanze oder eines jeden anderen gegenwärtigen Seins.

Man könnte darum sagen, dass aus obiger, 12-gliedriger Kette der sich bedingenden Ursachen, in einem Meer kosmischen Seins, ein Bewusstsein entsteht, was wiederum zur Formung aller nur erdenklichen neuen Existenzen führt.

Karma als Nahrung des Leidens

Auslöser allen Leids ist die Unwissenheit über die Ursachen allen Entstehens. Das heißt: wenn wir uns die Verknüpfungen des mit dem Karma verbundenen Bewusstseins anschauen, steht am Anfang immer die Fehlannahme, dass es so etwas wie ein »Ich« überhaupt gibt. Ein Selbst oder ein Ich war für den Buddha nur eine Annahme, die auf einem Irrtum beruht, dem zwangsläufig weitere Fehlschlüsse folgen.

Diese Unwissenheit aber ist im Gegenzug die Ursache für die Entstehung aller nur vorstellbaren Wechselwirkungen und Möglichkeiten, aus denen Liebe, Hass oder ähnliche Schwächen des Geistes entstehen können. Sie aber führen zu Folgeerscheinungen, auf die ein Individuum reagiert und damit zukünftige Ereignisse hervorruft.

Hieraus nun erwächst das Bewusstsein für eine generelle Begrenztheit aller Dinge, da sie ja eingeordnet werden können (gut oder schlecht, schwarz oder weiß, und so weiter), indem man sie benennt, ihnen einen Namen gibt. Die Vorstellung einer konkreten Welt der Namen und Formen aber ist die Ursache für die Entstehung von Beschreibungen, die unterscheiden zwischen hier und dort, Ich und Du, diesem und jenem, Sein und Nichtsein.

Um diese Unterschiede aber wahrnehmen zu können bedarf es der Sinnesorgane, die nur »Sinn ergeben«, wenn sie etwas wahrnehmen können, dass nicht nur mit dem Körper oder Geist ihres Besitzers identisch ist. So entstehen sinnliche Eindrücke mit einer anscheinenden Welt im Außen, mit denen der Wahrnehmende über seine Sinnesorgane Kontakt aufnimmt. Diese Kontaktaufnahme führt dann schließlich zu einem Wollen oder Nicht-Wollen. Denn aus dem was wahrgenommen wurde, entsteht in Folge eine Neigung, an geistig oder materiell Wahrgenommenen festhalten zu wollen oder es vehement zu verleugnen.

Immer kommt es damit aber zu einer endlichen Existenz etwas Seienden, dessen Bewusstsein sich in seiner individuellen Entwicklung bewegt, durch Geburt, Krankheit, Bedauern. Am Ende dieser Entwicklung steht der Tod. Dann aber beginnt der Vorgang erneut, unter Einfluss des Karmas und bekräftigt damit was gerade im Tod sein Ende fand.

Samsara – ewigeweisheit.de

Das Bhavachakra, das Rad der Wiedergeburten, zeigt sechs Bereiche des Samsara, in der Kosmologie des tibetischen Buddhismus. Ein monströses Schwein repräsentiert die drei Geistesgifte: Unwissenheit, Anhaftung und Ekel. Seine Klauen stehen für die Unbeständigkeit allen Seins.

Den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen

Im Buddhismus fehlt die Vorstellung von der Existenz des Individuums. Seine Erscheinung aber, wie eine Person mit Namen und Form in der Welt auftritt, ist Teil der buddhistischen Karma-Lehre.

Mit dem Namen eines Menschen gehen alle subjektiven Merkmale einher. Dazu gehören das Denken, die Gefühle, Vorstellungen und ein bestimmtes Bewusstsein. All diese Bestandteile sind ineinander verwoben. Man nennt sie die Skandhas – die Daseinsfaktoren.

Des Menschen körperliche Form bildet sich aus den vier natürlichen Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft, die durch ihre Vermengung ein fünftes Element bilden. Diese Vermengung aber bewirkt auch Karma.

Wenn nun ein Mensch stirbt, so vergehen auch diese fünf Faktoren, seine weltliche Erscheinung, samt Körper-, Gefühls-, Geistesform und Namen. Was bleibt ist Karma, das identisch ist mit dem angesammelten Karma des Verstorbenen. Dadurch setzten sich dann unverzüglich fünf neue Skandhas (Daseinsfaktoren) zusammen, die wieder erscheinen, nur eben in einer anderen Umgebung, in einer anderen Form und mit einem anderen Namen.

Was an Karma nach dem Ableben einer Person zurückbleibt, erhält damit also die Voraussetzungen für eine Wiedergeburt, die sich immer und immer wieder ereignet, im Kreislauf des »Samsara« – dem irdischen Zyklus von Werden und Vergehen, den Menschen eben oft als leidvoll werten.

Im Buddhismus geht es nun darum diesen Kreislauf zu verlassen und den Gläubigen zu befähigen, vollkommenen inneren und äußeren Frieden zu erlangen. Man spricht hier auch vom Nirvana – dem vollkommen bewussten Gewahren vom Ende eines langen Zyklus irdischer Wiedergeburten – eben dem was auch der Buddha unter dem legendären Feigenbaum erfuhr.

Um in diesen Zustand des Nirvana zu gelangen, muss der Gläubige sein Karma auflösen, was er auf dem »Noblen Achtfachen Pfad« zu verwirklichen vermag. Unweigerlich wird er sich damit in seiner gegenwärtigen oder kommenden Inkarnation endgültig aus dem Samsara erlösen.

Die Ideale um diesen vollkommenen Zustand des Nirvana zu erlangen, sind im berühmten buddhistischen Text des Mangala Sutta niedergelegt. Der Buddha predigte diesen Text einst im nordindischen Jetavana, der sich aus 38 Segnungen zusammensetzt. Ihrem Sinn gemäß lassen sich diese Segnungen aber in den folgenden zehn Lehrsätzen zusammenfassen:

1. Gib Dich nicht mit Narren ab. Folge dafür den Weisen und zolle ihnen gebührenden Respekt.

2. Lebe in einer angenehmen Umgebung und handle gut, gemäß Deines Karmas, damit Du Dich im Leben angemessen einrichtest.

3. Übe Dich in den Wissenschaften, der Kunst und der Selbstdisziplin. Wähle Deine Worte gekonnt.

4. Diene Vater und Mutter, erziehe Deine Kinder in Ehren, und pflege liebevoll das Verhältnis zu Deinem Gatten / Deiner Gattin. Was immer Du unternimmst, soll in Frieden geschehen.

5. Gebe Almosen, übe Dich im Dharma, werde ein rechtschaffener Mensch und kümmere Dich um Deine Verwandtschaft.

6. Enthalte Dich der Sünden und der ungesunden Genüsse und Rauschmittel. Erfülle achtsam Deine Pflichten und halte an der Dharma-Praxis fest.

7. Übe Dich in Demut und Respekt gegenüber anderen. Drum begebe Dich regelmäßig an Orte, wo Du den Dharma-Lehren eines Weisen lauschen kannst.

8. Sei in Deinem Tun stets geduldig, entwickle eine freundliche Sprache und Anschauungen über die Welt und das Sein, wie sie auch den Heiligen entspricht. Mit ihnen spreche über das Wesen des Dharma.

9. Übe Dich in Bescheidenheit und schränke Dein Verlangen ein auf das Nötigste. So erkenne die Vier Edlen Wahrheiten und nähere Dich dem Zustand des Nirvana.

10. Befreie Deinen Geist von jeglichen Einflüssen weltlicher Launen und allem was ihn verwirrt. Trauere nichts nach, sondern harre der guten Dinge.

Was ist der Dharma?

In jenen Handlungen und Verhaltensweisen, die dem Übenden Segen bringen sollen, ist die Rede vom »Dharma«. Im Buddhismus umfasst er die Gesetze des irdischen Daseins, die durch die oben genannten Vier Edlen Wahrheiten definiert sind und die der Buddha verkündete. Wenn nun die Rede ist von einer Dharma-Praxis so wird damit auf die sogenannten »Zehn Betrachtungen« angespielt, die sich der Meditierende in seiner Praxis vergegenwärtigt:

  • den Buddha,
  • seine Lehren,
  • die Lamas und Nachfolger des Buddha, sowie
  • das Wesen von Sittlichkeit und Tugend,
  • das Nicht-Anhaften an Weltliches (also Freigiebigkeit),
  • wie auch die Erscheinung und Bedeutung der Devas – der himmlischen Wesen.

Außerdem kann ein Übender in der Dharma-Praxis seine Betrachtung auch ausrichten auf

  • den Tod,
  • die sogenannten »32 unreinen Teile des Körpers«,
  • eine achtsame Atmung,
  • sowie die Bedeutung des Friedens durch Nirvana.

Die zehn Segnungen und zehn Übungen der Dharma-Praxis gehen zurück auf die überlieferten Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. In den Gruppen, die sich um seine Nachfolger bildeten, wurden die Aussagen und Lehren des Buddha, in verschiedenen Schriftsammlungen aufgeschrieben, wie etwa dem berühmten Pali-Kanon der Theravada-Tradition.

Was waren die wahren Lehren des Buddha?

Nun stellt sich eine wichtige Frage: sind diese Lehren auch tatsächlich die ursprünglichen Aussagen des Buddha oder fassen sie vielleicht eher die Lehrmeinungen jener zusammen, die etwa den oben genannten Schriften-Kanon verfassten? Schließlich wurde dieses spirituelle Schriftwerk erst einige Jahrhunderte nach dem Tod des Buddha verfasst. Und seine Autoren waren sicherlich auch Mönche, die versuchten aus den Aussagen und Lehrreden des großen Weltlehrers, eine allgemeine und für jeden verständliche Fassung zu schaffen.

Schaut man sich aber etwa die oben dargestellten 12 Glieder genau an, die die Kette des bedingten Entstehens bilden, kommt man früher oder später zu logischen Unstimmigkeiten. Schnell stellt sich da die Frage was die wahre Definition dieser Glieder war und wie ihre Eigenschaften vom Buddha tatsächlich gelehrt wurden?

Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl auf ewig ein Rätsel. Wahrscheinlich basierten die Erkenntnisse des Buddha auf tatsächlichen, sinnlich wahrnehmbaren und überprüfbaren Befunden. Immer aber schien ihm bewusst zu sein, dass auch ihm als Mensch, die Erkenntnisfähigkeit höherer Instanzen, immer begrenzt bleiben sollte und er niemals ein sogenanntes »kosmisches Bewusstsein« erlangen kann.

Seine Lehren basierten daher auch nicht auf Offenbarungen höherer Eingebungen. Dennoch neigte der Buddha dazu auch solche höheren Formen von Bewusstsein grundsätzlich als gegeben anzunehmen, wenn auch nur darum, um darüber zu spekulieren. Über die wahren Ursachen des Lebens und des Menschseins nachzusinnen war seinen Anhängern untersagt, selbst wenn es darum ging zu klären, was das vom Buddha benannte Nirvana nun letztendlich sei.

Der Buddha weigerte sich zu solchen Fragen Antworten zu geben. Es ging ihm eben in erster Linie darum, das Menschen zu einer Lebensführung gelangen, die sie von den genannten Leidursachen löst. Fragen nach höheren Seinsebenen blieben damit hinfällig, da sie nicht zur eigentlichen Befreiung aus dem Samsara dienten. Es ist darum höchst unwahrscheinlich, dass die »Leugnung des Selbst«, eines seiner zentralen Lehren war oder gar ein Grund darüber nachzusinnen oder zu diskutieren.

Erhabenstes Ziel des Buddha war wohl eher eine direkte Lebenspraxis. Darum vermittelte er wahrscheinlich vielmehr Wege und Möglichkeiten, das Individuum von weltlichem Kummer zu erlösen. Dies beinhaltete die vollkommene Vernichtung weltlichen Verlangens – auch wenn es darum ging die Welt erklären zu wollen. Selbst den eigentlichen Wunsch Erlösung zu finden lehnte er ab.

Erlösung aber findet, der dem weltlichen Leben entsagt. Dazu gehören laut dem Buddha all jene die ihr Leben dem Mönchtum oder Nonnentum verschreiben und in einem Kloster ihr Leben nach dem Noblen Achtfachen Pfad ausrichten. So sollen sie Glückseligkeit und einen vollkommen beruhigten Geist erlangen, bis dereinst ihr Tod die Tore zum Unbekannten hin öffnet und sie in die ewige Stille einkehren, von wo es kein Zurück mehr gibt.

Alle Menschen, die einer westlich-spirituellen Tradition folgen (Judentum, Christentum, Islam), dürfte eine solche Vorstellung irritieren, zumal man da nach einem dereinstigen Eintreten ins Paradies trachtet, wo die Seele nach dem Ableben des Körpers entweder in ewigem Frieden fortlebt oder sich unendlichen Quallen der Hölle ausgesetzt sieht.

Gemäß buddhistischer Lehrmeinung aber hat in der Welt nichts ewig bestand, sei es in einem Diesseits oder in einem Jenseits. Und das trifft darum auch auf das zu, was im Westen für das Konzept eines Seelenlebens steht. Buddhisten gilt darum, dass alles Vergängliche immer nur eine vorübergehende Zusammensetzung der Skandhas ist.

Man könnte die Religion des Buddhismus gewiss auch als eine Wissenschaft zur Erforschung weltlicher Phänomene bezeichnen. Der Buddhismus unterscheidet dafür zwei Lehrmeinungen: zum einen gibt es da die Nihilisten, denen die Welt nur als Konstrukt innerhalb einer eigentlichen Nicht-Existenz allen Seins besteht und dass sich wieder im Nichts auflösen muss. Andererseits gruppierte sich eine Schule, die die Verwirklichung von Idealen anstrebte. Diese Ideale ähneln aber letztendlich dem selben Kern der buddhistischen Weltanschauung der Nihilisten, die eben sagen, dass die Welt tatsächlich nur für einen begrenzten Zeitraum existiert.

Auf dem Weg zur Buddhaschaft

Laut Siddharta Gautama gab es vor ihm 24 frühere Buddhas. Jeder von ihnen verkündete gemäß der Sprache und des Verständnisses seines entsprechenden Zeitalters, eine ähnliche Lehre zu jener, die uns bis heute in den Schriften des Buddhismus erhalten ist. Alle von ihnen aber läuterten ihr Sein und vervollkommneten ihre Weisheit, über einen sehr langen Zeitraum hinweg, in einer schier endlosen Zahl verschiedener Wiedergeburten.

So ein Wesen das auf dem Weg ist, seine Buddhaschaft zu verwirklichen, nennt man in Fernost ein erleuchtetes Wesen: ein Boddhisattva. Irgendwann hat so ein menschliches Wesen den Ruf vernommen ein Buddha zu werden, um seinen Mitmenschen auf ihrem Weg zur Erlösung zu helfen. Hierzu existieren riesige Schriftensammlungen, die sogenannten »Jatakas«, worin die Legenden über die guten Taten der Boddhisattvas aufgeschrieben wurden. Man liest darin über die besondere Befähigung dieser Wesen, auf ihrem Weg zur Buddhaschaft.

Die Niederlegung des schriftlichen Lehrgerüsts im Buddhismus führte jedoch zur Spaltung in verschiedene traditionelle Schulrichtungen. In seiner 2500-jährigen Geschichte entstanden zahlreiche buddhistische Schulen und Systeme. Allerdings lassen sie sich in drei Hauptrichtungen gruppieren:

  • Der Theravada-Buddhismus, die sogenannte »Schule der Älteren«, war die erste Schultradition des Buddhismus, die manchmal auch als Hinayana bezeichnet wird, die »Schule des Kleinen Fahrzeugs«. Ihre Vorfahren aber gehörten zu den ersten Anhängern des Buddha. Heute ist der Theravada insbesondere in Sri Lanka, in Myanmar, Thailand, Kambodscha und Laos verbreitet.
  • Der Mahayana-Buddhismus, die »Schule des Großen Fahrzeugs«, hat die meisten Mitglieder. Sie leben heute in Vietnam, in der Volksrepublik China, im Gebiet des alten Tibet, im Norden Bhutans, in Nepal, Nordindien, in der Mongolei und in der russischen Republik Tuva. Auch am äußersten Rand Europas, in der autonomen russischen Republik Kalmükien, ist der Mahayana-Buddhismus Landesreligion.
  • Im Mahayana-Buddhismus gibt es jedoch noch eine innere Tradition: die Vajrayana-Schule. Man nennt diese Schulrichtung auch das »Diamantfahrzeug«, worin tantrische Praktiken eine sehr wichtige Rolle einnehmen, in der man durch die Visualisierung besonderer Boddhisattvas, die Rezitation von Mantras und anderer ritueller Praktiken und Einweihungen, einen direkteren Zugang zur Lehre des Mittleren Weges findet, um damit den Leidenskreislauf des Samsara eher verlassen zu können. Der Vajrayana lässt sich darum gewiss als esoterische Form des Buddhismus einordnen.

Während den ersten Jahrhunderten nach dem Erscheinen des Buddha, entstand in Indien eine schnell wachsende Schule der Vishnuiten. Sie verehrten Vishnu als höchsten Gott, der in der kosmischen Dreiheit allen Erschaffens, Erhaltens und Zerstörens, den erhaltenden Aspekt repräsentiert. In jedem Zeitalter verkörpert sich Vishnu auf Erden als sogenannter Avatar, als herabgestiegener Messias. Einer davon war der blauhäutige Krishna, der in der Heiligen Schrift der Bhagavad Gita, eine zentrale Rolle einnimmt. Er ist laut hinduistischer Lehre der achte Avatar Vishnus. Als neunten Avatar nennen die Inder den Buddha Siddhartha Gautama.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Der Vajra-Keil oder Dorje (tibetisch), ist das wichtigste Symbol des Vajrayana-Buddhismus.

Wenn nun also vor etwa 2000 Jahren, diese Schule der Vishnuiten so großen Einfluss auf den Hinduismus ausübte, sollte davon auch der jüngere Buddhismus nicht unberührt bleiben. Es ging da um eine wohl sehr zeitgemäße Haltung, der man selbst im Westen begegnete, in der Erscheinung des Christus Jesus: die leidenschaftliche Hingabe an den auf Erden, in menschlicher Gestalt inkarnierten Gott (»Gottessohn«) – den man in Fernost »Bhakti« nennt. Bhakti steht für einen Erlösungsweg einer ekstatischen Gottesliebe, wie man sie etwa auch bei den islamischen Sufis findet.

Jener Bhakti-Bewegung in Fernost schlossen sich viele Buddhisten an, im Wunsch einem gottgleichen Wesen ihr spirituelles Herz anzuvertrauen, in der Hoffnung darin eine Befriedigung ihrer Denkens zu erlangen, etwas das man auch als Zustand des »Samadhi« kennt.

Somit entstanden die Grundlagen für die Etablierung einer neuen buddhistischen Geistesschule, zu der unzählige Verkörperungen des Buddha und Boddhisattvas ihren besonderen Platz einnahmen. Eifrig vergötterte man ihre Bilder mit vollkommener Selbsthingabe und Liebe. Man versprach sich darin einen direkten Weg zur Buddhaschaft. Und so solle sich jeder Mensch zum Boddhisattva läutern können, ganz gleich ob er zuvor als bescheidener Mensch oder als Sünder lebte – solange er nur an diesem Streben inbrünstig festhält.

Man verehrte die Buddhas der Vergangenheit, erbrachte große Liebe den himmlischen Hierarchien der Heiligen Boddhisattvas. Doch vor Allem galt es das eigene Leben aufzuopfern, zum Wohle aller Mitgeschöpfe, Menschen und Tiere – in vollkommenem Mitgefühl.
 

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