Religionen

Meditation in der christlich-orthodoxen Tradition

von S. Levent Oezkan

Taborlicht - ewigeweisheit.de

Im inneren Schauen des Lichts Gottes, erfährt ein Mensch die höchste Vervollkommnung seiner irdischen Existenz. Dann ist er am engsten verbunden mit Gott. Nach dieser Erfahrung strebten jene frühchristlichen Mönche und Eremiten, die man die "Wüstenväter" nennt.

Ein Großteil der Christen im Osten, darunter die spirituelle Bewegung der Hesychasten, berufen sich in ihrer spirituellen Praxis auf diese heiligen Mönche, Nonnen und Eremiten. Sie lebten Anfang des 3. Jhd. hauptsächlich in den Wüsten Ägyptens und Syriens.

Berühmtester christlich-orthodoxer Eingeweihter, war der Heilige Antonius (um 250-356), der sich im Jahre 270 in die ägyptische Wüste zurückzog. Antonius, genannt "Der Große", gilt als der Begründer des monastischen Wüstentradtiton. Nach seinem Tod zog es tausende Mönche und Nonnen in die Wüste, dem Vorbild des Heiligen Antonius folgend. Hierzu schrieb einer seiner Biografen, der Mönch Athanasius von Alexandria (296-373):

Die Wüste wurde zur Stadt.

Darum dürfte es nicht verwundern, wenn der Einfluss der Wüstenväter, eine ganz wesentliche Rolle auf die Entwicklung des damals noch jungen Christentums spielte. Insbesondere aber die klösterliche Tradition im Christentum, geht auf die Wüstenväter zurück. Zu den bekanntesten Klöstergemeinden, zählt wohl der Mönchsstaat auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland. Auch für die Klostergründungen im Mittelalter, waren die alten Wüstenväter Quelle der Inspiration.

Der Heilige Antonius – ewigeweisheit.de

Der Heilige Antonius. Russische Ikone von Nikolai Roerich.

Vom Schauen des mystischen Taborlichts

Durch ihre spirituelle Praxis gelang es den Wüstenvätern das "mystische Licht der Liebe" zu schauen. Man nennt diese, innerlich gemachte Erfahrung auch das "Schauen des Taborlichts". Dieser Begriff stammt aus dem Ereignis auf dem Berg Tabor, das die folgenden Bibelverse wiedergeben:

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Moses und Elijas und redeten mit Jesus. Und Petrus antwortete und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Moses und eine für Elijas. Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erklang aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und hatten große Furcht. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! Und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist.

- Matthäus 17:1-9

Das Taborlicht ist kein gewöhnliches Licht. Es ließe sich vielleicht als "ungeschaffene Energie Gottes" beschreiben. Doch jeder Mensch kann eine Stufe der Spiritualität erreichen, um im Gebet dieses Licht zu schauen. Es ist nichts was man sich einbildet, sondern es geht hier tatsächlich um ein Sehen jenes Taborlichts, dass der Betende im Innern wahrnimmt. In diesem Licht erstrahlt die Herrlichkeit Gottes. Was Jesus seinen Jüngern im Taborlicht zeigte, war das Wirken Gottes durch den Christus. Wichtig aber ist, dass Gottes Wirken nicht das Selbe ist, wie seine wahrhafte Essenz. Dazu sagt das Johannes-Evangelium:

Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

- Johannes 1:18

Verklärung des Herrn Christus auf dem Berg Tabor – ewigeweisheit.de

Verklärung des Herrn Christus auf dem Berg Tabor. Russische Ikone aus dem 16. Jhd.

Ursprünge des Hesychasmus

In der Tradition des Hesychasmus streben die Praktizierenden nach vollkommener Gedankenstille. Daher das griechische Wort "Hesychia", die Ruhe. Hauptziel der Hesychasten ist es, die physische Wahrnehmung vollkommen einzuschränken, um damit eine innere Konzentriertheit zu entwickeln. Dies kann natürlich nur erfolgen in der Abgeschiedenheit, wonach die Wüstenväter in der Stille der Wüste suchten.

Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

- Matthäus 6:6

Die Tradition des Hesychasmus, enthält aber nicht allein Wissen aus der christlichen Tradition der Evangelien-Auslegung. Das vielleicht mag einer der wichtigsten Punkte sein, der der Hesychia-Tradition von ihren Kritikern entgegnet wurde. Der Hesychasmus enthält nämlich auch Elemente aus dem Platonismus und der jüdischen Merkaba-Mystik. Möglicherweise findet man Wurzeln dieser Tradition, zwischen dem 3. und 7. Jhd. auch im Neuplatonismus. 

Laut der Merkaba-Tradition, nimmt ein Meditierender eine besondere Meditationshaltung ein, um das mystische Licht zu schauen. Sie wird sogar im ersten Buch der Könige dargestellt. Als der Prophet Elias seine Himmelfahrt unternahm, legte er seinen Kopf auf die Knie:

Und da Ahab zog hinauf, zu essen und zu trinken. Elia ging auf des Karmels Gipfel und bückte sich zur Erde und tat sein Haupt zwischen seine Knie

- 1. Könige 18:42

Auch die griechisch-orthodoxen Hesychasten nehmen diese Haltung ein, um in Meditation das mystische Tabor-Licht zu schauen. Ihre Gegner aber verurteilten sie dafür. Sie nannten sie daher einfach abfällig die "Omphalopsychiten", jene die den "Nabel anstarren".

Wie auch in der jüdischen Merkaba-Tradition, atmet der Hesychast während dieser Form der Meditation rhythmisch und ruft dabei einen heiligen Namen an. Der Ursprung dieser Form der Meditation, liegt wohl in den Askesepraktiken der Propheten der Bibel.

Gut möglich, dass auch der Apostel Paulus in dieser Tradition stand und vielleicht ein früher Adept der Mekaba-Mysterien war.

Elemente der Hesychia-Tradition

Der Hesychasmus beschäftigt sich mit den geistigen Fähigkeiten der Seele. Hierbei unterscheiden die Hesychasten zwischen intellektuellem Verstandesdenken (griech. nous) und dem rein innerlich gefassten Denken (griech. logos).

Außerdem wird im Hesychasmus unterschieden zwischen andächtiger Versenkung und dem Verzicht auf willentliche Wunscherfüllungen. Nur so, soll der Meditierende das wahrhaftige Wesen Gottes, wie auch seine Wirkungsweisen erkennen. Die Unterscheidung dieser beiden Aspekte des Göttlichen jedoch, ist nicht etwas, dass erst die Hesychasten herausfanden. Schon damals war diese Differenzierung des göttlichen Wesens, bereits Jahrhunderte alt. Sicher jedoch wussten schon die Wüstenväter, dass man die wahre Erkenntnis des Göttlichen, nicht etwa allein durch das Studium der Heiligen Schrift, sondern durch die Reinigung der Seele und das inständige Gebet erreicht.

Später gewann eine weitere Lehre an Bedeutung, die sich auf zwei Aspekte des Göttlichen konzentrierte: das Wesen und die Eigenschaften Gottes, insbesondere das, was die Hesychasten als "göttliche Kraft" bezeichneten. Was aber ist damit gemeint?

Im Platonismus galt Gott als unerreichbar, jenseits aller Kategorien des Seins. Man dachte sich: Gott würde die Welt der Materie niemals berühren. Alles was vom Göttlichen in der Welt des Seins hervorgerufen wurde, geschah im Auftrag Gottes durch die Demiurgen. Sie wirkten als himmlische Vermittler zwischen Gott und Mensch. Ebenso unterschied man im Hesychasmus also zwischen dem Wesen Gottes und der durch seine Kräfte erfolgten Wirkungen in der Welt. Gott an sich transzendiert alles, ist absolut und nicht durch Worte oder irgend welche Konzepte beschreibbar. Kein Auge kann ihn sehen, kein Geist ihn erfassen. Alles was der Mensch vom göttlichen Wirken wahrnimmt, sind die Ausführungen eben jener göttlichen Kräfte. Daher also die konzeptuelle Trennung vom Wesen Gottes und der Wirkungen des Göttlichen.

Beispiele über die Bedeutung jener Trennung, lieferten die Hesychasten Gregor Sinaites (†1346), Athanasius von Meteora (1305-1380) und der Heilige Basilius von Poiana Mărului (1692-1767). Sie verglichen das Wesen Gottes und seine Kraft, mit dem Wesen der Sonne und ihrem Licht: die Sonnenstrahlen sind ja in der Tat nicht identisch mit dem eigentlich brennenden Globus der Sonne – doch es gibt nur eine Sonne. Um die Wahrnehmung dieser "Lichtstrahlen des Göttlichen", dreht sich die meditative Praxis in der Tradition der Hesychia. Es gibt nur einen Gott, wahrgenommen wird aber nicht er selbst, sondern sein "Licht", das aber, da es aus ihm entstammt, auch er selbst ist. Doch wäre es falsch, Gott mit seinen Wirkungen gleichzusetzen. 

Meditationpraxis der Hesychia-Mönche

Erhabenes Ziel der Mönche auf dem Pfad der Hesychia-Tradition, ist das kontemplative Gebet und die damit geübte Achtsamkeit.

Grundlegend unterscheidet die Hesychia-Praxis drei Stufen:

  1. Die Reinigung – Katharsis,
  2. die Erleuchtung – Theoria und
  3. die Vergöttlichung – Theosis, worin die Einheit in Gott erfahren wird.

In Vorbereitung auf seine göttliche Vision, reinigt ein Mensch seinen Geist und seine Fähigkeiten der Wahrnehmung. Nur im Vollzug der ersten beiden Phasen von Katharsis und Theoria, kann Selbstsucht umgewandelt werden in selbstlose Liebe. Diese Verwandlung findet im Meditierenden statt, der die höheren Ebenen der Erleuchtung erreicht hat. Aus ihm wurde ein Sehender. So jemand ist fähig, unablässig sich an die göttliche Wahrheit zu erinnern.

Wen seine selbstsüchtige, ego-zentrierte Einstellung gefangen hält, dessen Herz aber bleibt verhärtet. So ein Herz ist verbittert und ihm bleiben die Pforten zur göttlichen Liebe verschlossen und er wird in seinem Leben nicht an der Herrlichkeit Gottes teilhaben. Irgendwann aber, so die Wüstenväter, wird so jemand der Herrlichkeit Gottes gewahr, doch nicht etwa in Form des segnenden Taborlichts, doch als ewig verzehrendes Feuer und äußere Finsternis.

Die Reinigung – Katharsis

Es bedarf also der Reinheit und der Lösung aus einer ego-zentrischer Lebensführung. Um die Katharsis richtig zu praktizieren, bedarf es aber einer gewissen Gelassenheit. Sie kann nicht erzwungen werden. Ohne die Reinigung des Geistes aber, gibt es kein Fortkommen auf dem Weg. Die Reinigung der im Geiste entstehenden Vorstellungen, ist dafür Voraussetzung. Wer jedoch geduldig mentale Askese übt und sich damit von verführerischen Vorstellungen befreit (die Wüstenväter sprachen hier von den "Dieben"), erreicht nach und nach den Zustand der Katharsis. Hierzu richten die Hesychasten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein ihrer inneren Welt. Während dieser kontemplativen Innenschau, rezitiert der Hesychia-Mönch das Jesusgebet, lässt es sprichwörtlich in seinem Herzen kreisen, daher nennt man es ja auch das Herz-Jesu-Gebet. Dabei beschränkt der Meditierende seinen Geist vollkommen auf die innere Wahrnehmung in seinem Herzen, ohne dass er abschweift oder an etwas anderes denkt, als eben die Worte des Jesusgebets.

Nicht aber etwa, übt sich diese Form höchster Konzentration hin und wieder, wenn die "Zeit dafür da ist": ununterbrochenes Beten ist erforderlich. Nach einiger Zeit konzentrierten Übens jedoch, erfolgt die innere Rezitation des Jesusgebets automatisch. Es heißt, sogar im Schlaf, beten die Mönche der Hesychia-Tradition das Jesusgebet. Es kreist unentwegt als spirituelle Entität in ihren Herzen. Wann immer ein ungebetener Gedankengang einsetzt, um den Mönchen zu verführen, besinnt er sich erneut auf sein Herz und die darin erspürten Worte des Jesusgebets.

Der Heilige Johannes Klimakos vom Sinai (570-650), beschrieb die Hesychastische Praxis so:

Nimm Platz an hohem Orte und schau, wenn Du nur weißt wie, und Du wirst sehen, auf welche Weise, wann, woher, wie viele und welche Arten von Dieben Dir auflauern und Deine Weintrauben stehlen. Wird der Wächter überdrüssig, steht er auf und betet; und dann setzt er sich wieder und geht mutig seiner vorherigen Tätigkeit nach.

Der Hesychast soll seine Sehnsüchte binden durch ununterbrochenes Üben der Enthaltsamkeit. Nur so kann er die Versuchungen überwinden. Es heißt sogar, er solle eine Art "kontrollierte Wut" gegenüber verführerischer Gedanken entwickeln. Gleichzeitig aber soll er unablässig das Jesusgebet rezitieren, damit verführerische Visionen erst garnicht entstehen können.

Der griechische Mönch Evagrios Pontikos (346-399) zählte zu diesen verführerischen Gedanken jene, die zu Fettsucht führen, Sucht nach sexueller Befriedigung erzeugen, Zweifelsucht, Zorn, Mutlosigkeit, Melancholie, Prahlerei und Stolz. Gewiss aber gilt es hier zu differenzieren, denn diese fast 1700 Jahre alte Kategorisierung, lässt sich heutzutage, nicht mehr so einfach zusammenfassen. Sicherlich aber, sind diese acht Nachlässigkeiten (Acedia) auch heute noch die Ursache für Lebensprobleme. Jeder Mensch hat seinen Grund, wieso er gegen sich selbst rebelliert. Es geschahen Dinge in seinem Leben, die in ihm schädliche Neigungen entstehen ließen. Doch wir alle können uns ändern - je früher, desto besser. Denn je älter wir werden, desto tiefer werden die Furchen, die solche Neigungen hinterlassen und desto schwerer nur, lassen sie sich glätten.

Die Erleuchtung – Theoria

Was den Hesychasten ausmacht, ist die Disziplin einer mentalen Askese. Er verfrachtet gewissermaßen sein Denken in sein Herz. Gelassen spricht er in Zurückgezogenheit, in seinem Herzen, das Jesusgebet:

Herr Jesus Christus,
Sohn des lebendigen Gottes,
Erbarme Dich meiner.

Kyrie Iesou Christe,
Yie tou Theou,
Eleison me.

Der Hesychast betet das Jesusgebet also mit dem Herzen, entschlossen und wahrhaftig. Darum nennt man es auch das "Herz-Jesu-Gebet". Niemals aber spricht der Hesychast nur die Silben des Jesusgebets vor sich her, sondern empfindet im Herzen ihre mystische Bedeutung, fühlt ihrer wahren Kraft nach. Was hier aber gemeint ist, mit dem "Verfrachten des Denkens ins Herz", ist nicht nur Metapher, sondern wörtlich zu nehmen. Nach langem, ununterbrochenen Üben, so die alten Wüstenväter, versinkt das Denken von allein im Herzen – was nicht bedeutet, dass das Gehirn seine Funktion aufgibt. Im Gegenteil: das Kopfdenken ist wie der Sekretär des Meisters, der jedoch im Herzen wohnt.

Doch diese Meditationspraxis ist nicht gleichzusetzen mit einer Visualisierung. Das im Herzen ausgeführte Jesusgebet ist frei von Bildern. Wer darum lange Zeit, in Meditation das Jesusgebet praktiziert, den behindern plötzlich entstehende Vorstellungen nicht länger, die ihn zuvor zu unerwünschtem Handeln führten. Mit Handlungen ist nicht einmal das gemeint, was Evagrios Pontikos als verführerische Gedanken aufführte. Generell befindet sich der Geist eines Betenden, ruhig und frei von unerwünschten Bildern. Gewiss besteht hier eine Ähnlichkeit zu dem, was die Sufis das Dhikr nennen: das Erinnern an Gott. Ebenso lassen sie im Herzen die 99 Namen Allahs kreisen, um ihr Denken zu reinigen und ihr Herz, wie sie sagen, zu "polieren".

Wer als Meditierender in diese Phase der Praxis eingeht, hat eine hohe Stufe der Vervollständigung seines Daseins erreicht. Sein Denken im Griff zu haben, ist das praktische Ziel eines Menschen, in der Praxis der Hesychia-Tradition.

Besonders aber betonten die Wüstenväter die Bescheidenheit eines Menschen, der das Jesusgebet praktiziert. Wer jedoch als Möchtegern-Hesychast mit seinen Fähigkeiten prahlt, dem könnte das zum Verhängnis werden, denn dann schleifen sich in das Herzdenken, egozentrische Ambitionen mit ein, die dort gewiss ihre Spuren hinterlassen.

Praktische Übung für die Herz-Jesu-Meditation

Im Folgenden soll eine Methode gegeben werden, die ein Meditierender, sowohl achtsam und entsprechend atmend, während stiller Rezitation des Jesusgebets übt. Hierzu sollte man an einen ruhigen Ort gehen oder eben zu einer Tageszeit üben, wo etwaiger äußerer Lärm am geringsten ist. Sie können ganz entspannt wo Platz nehmen, so dass Sie bequem sitzen und sich dabei wohlfühlen.

Atmen Sie nun ganz ruhig – doch versuchen Sie nicht ruhig zu atmen. Lassen Sie Ihrem ruhigen Atem freien Lauf. Versuchen Sie in diesem Bewusstsein ein oder zwei Minuten lang ganz langsam und entspannt zu atmen. Lassen Sie los.

Es mag hilfreich sein, in Ihren Gedanken, mit jedem Inhalieren zu sagen "Einatmen" oder schlicht "ein", und mit jedem Exhalieren zu sagen "Ausatmen" oder schlicht "aus". Konzentrieren Sie sich vollständig auf ihren Atem. Spüren Sie nach, wie ...

  • sich ihre Lungen mit Luft füllen und wieder entleeren,
  • wie sich ihre Bauchdecke langsam hebt und wieder senkt,
  • wie ihre Nasenöffnungen beim Einatmen leicht abkühlen und ihre Nasenöffnungen beim Ausatmen wieder etwas wärmer werden.

Genießen Sie ihren ruhigen Atem und die daraus resultierende, langsam einkehrende Entspannung.

Wenn in Ihnen nun Ruhe eingekehrt ist und Sie entspannt sind, spüren Sie der Stille nach, die sich am Ende jedes Ausatmens einstellt – einem Punkt vollständiger Erleichterung, ein natürlicher Zustand vollkommener Sammlung. Es ist, als ob uns unsere Atmung zurückführt zum Ursprung allen Atmens, wo wir ganz kurz innehalten, damit wir uns unserer selbst bewusst werden. Jetzt bedarf es keiner Worte mehr. Es ist ein vollkommen natürlicher Zustand geistiger Versenkung.

In diesem Zustand der Stille, beginnen Sie jetzt damit, ganz ruhig das Herz-Jesu-Gebet in ihren Gedanken im Herzen zu sprechen, wobei Ihr Atem sowohl die Wörter, wie auch Sie selbst trägt – hinein in den genannten natürlichen Zustand vollkommener Sammlung, am Ende jedes Ausatmens.

  • Mit dem ersten Ausatmen sagen Sie nun, "Herr Jesus Christus",
  • Mit dem zweiten Ausatmen sagen Sie, "Sohn des lebendigen Gottes",
  • Mit dem dritten Ausatmen sagen Sie, "Erbarme Dich meiner".

Wiederholen Sie diese Übung etwa 10-20 Minuten (Sie können hierfür zum Beispiel einen Rosenkranz mit 55 Perlen verwenden, wo bei jeder Perle ein Gebetszyklus mit eben jenen drei Atemzügen erfolgt).

Ziel eines gläubigen Christen ist, das Herz-Jesu-Gebet zu einem "Unablässigen Gebet" werden zu lassen, dass beständig im Herzen gebetet wird. Es wird ihm auch in Zeiten helfen, die mit viel Stress oder sogar Bedrohungen einhergehen. Voraussetzung dafür ist, dass es dieses Gebet tatsächlich in seinem Herzen verinnerlicht, ja selbsttätig betet.

Die Vergöttlichung – Theosis

Ein Mensch, der der Hesychia-Tradtion folgt, erfährt die nachsinnende Versenkung in Gott, als Licht. Der Heilige Gregor Palamas (1296-1359) sprach hier vom "ungeschaffenen Licht". Für einen Hesychasten aber, dem durch die Gnade Gottes solch Erfahrung gewährt wurde, hält diese Schau göttlichen Lichts nicht etwa dauerhaft an. Es ist eine kurze, vorübergehende Erfahrung, nach der er aber in sein weltliches, irdisches Leben zurückkehrt, um das inständige Jesusgebet fortzuführen.

Im Hesychasmus wird dieses "ungeschaffene Licht" gleichgesetzt mit dem Heiligen Geist. Wer dieses Licht schaut, erfasst das Wesen des Heiligen Geistes.

Hesychasmus und die spirituellen Traditionen des Ostens

In mancher Hinsicht gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Hesychasmus und den Meditationspraktiken östlicher Weisheitslehren und Religionen – wie insbesondere dem Buddhismus oder dem Yoga der hinduistischen Tradition. Was im Hesychasmus als das Jesusgebet praktiziert wird, entspricht etwa dem, was im Osten als Mantra bezeichnet wird. Gewiss besteht eine Ähnlichkeit im Zweck, der das Jesusgebet verfolgt, mit dem, was im Buddhismus als wichtigstes Mantra bekannt ist: "Om Mani Padme Hum". Das Wort Padme meint hier den unbefleckten, reinen Lotus, was gewiss eine Ähnlichkeit hat, mit dem durch das Jesusgebet geläuterten, "unbefleckten Herzen".

Es wäre jedoch unangebracht, das Jesusgebet mit den Mantras der östlichen Weisheitslehren einfach gleichzusetzen. Es ist eben nicht einfach eine Aneinanderreihung von Silben, deren Bedeutung man nicht kennt, da sie aus einer anderen Sprache stammen. Was natürlich auch nicht heißt, dass jemand der des Sanskrit mächtig ist, nicht auch mit dem Om Mani Padme Hum der Tibeter zu selbem Ziel gelangt.

Oft ist es aber der Kontext, in dem ein Mensch sich in meditative Stimmung begibt. Wer nur die Gebete und Mantras einer spirituellen Tradition ausspricht, ohne diese tatsächlich auch zu kennen, der bleibt wohl eher an der Oberfläche dessen, was eigentlich durch die Praxis des Gebets beabsichtigt wird. Es geht eben auch darum, aus dem gesamten Kontext einer Religion oder Weisheitstratition zu handeln. Wer darum als orthodoxer Christ das Jesusgebet rezitiert, wird gewiss zu anderen Ergebnissen kommen, als einer, der es nur aus dem Kontext genommen vor sich her sagt.

Und doch muss ebenso betont werden, das die Beschäftigung mit den Prinzipien hinter diesen Gebetsausführungen und den Meditatonspraktiken der Hesychasten, eine ganz grundlegende Fähigkeit des Menschen hervorhebt. Jeder kann sein Herz läutern und dabei die Wesensessenz seines ganzen Daseins erkennen und sich mit dem universalen, göttlichen Urgrund verbunden finden.

Aus der Stille heraus lebend und handelnd

Es waren immer jene Menschen, die in sich eine Stille entwickelten und dabei einen weitreichenden Einfluss hatten, auf die Welt in der sie lebten. Nicht die Aktivisten, sondern die Quietisten, jene in vollkommener Stille Meditierenden, übten den größten Einfluss aus auf ihre Zeitgenossen aus – auch, oder vielleicht eben gerade deshalb, da es garnicht ihre Absicht war.

Sicher wohl ist etwas an der Aussage dran, dass jemand, der darauf aus ist, sich selbst zu verändern, mehr bei anderen Menschen bewirkt, als jener der versucht um jeden Preis auf Andere Einfluss auszuüben oder sie zu verändern. Ein im 19. Jahrhundert lebender, russischer Mönch, brachte es mit dieser Aussage auf den Punkt:

Erlange einen stillen Geist, und tausende um dich werden errettet.

- St. Serafim von Sarov

 

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Die Siebenschläfer und der Herr des Sirius

von S. Levent Oezkan

Siebenschläfer - ewigeweisheit.de

Die Legende der "Männer der Höhle" oder "Siebenschläfer", ist im Westen seit frühchristlicher Zeit bekannt. Besonders aber Muslimen ist sie wichtig, erwähnt sie doch der Koran, in der 18. Sure Al-Khaf – "die Höhle".

Aus welcher Zeit die Geschichte aber tatsächlich stammt ist unbekannt. Es besteht jedoch Anlass zur Vermutung, dass sie sich im Zeitraum zwischen dem 3. und 7. Jhd. n. Chr. in Kleinasien ereignete beziehungsweise dort wiederholte.

Mit den Siebenschläfern sind sechs Jünglinge gemeint, die ein Schafhirte mit seinem Hund zu einem Versteck in einer Höhle führte. Sie alle waren Christen.

Viele Jahre zuvor, hatte der aus Tarsus stammende Apostel Paulus die Botschaft der christlichen Evangelien in Kleinasien verbreitet. Doch immer noch zwang man die Bürger des römischen Reichs, ihre Kaiser als Götter zu verehren und ihre Götzenbilder anzubeten. Wer sich etwa zum jungen Christentum bekannte, wurde verfolgt, gefoltert und hingerichtet.

Die Legende von der lästigen Fliege

Sechs junge Edelmänner genossen die Gunst des römischen Kaisers Decius (201-251 n. Chr.). Eines Tages saßen sie mit Gästen am Hofe des Kaisers zu Tisch, als diesen plötzlich eine lästige Fliege störte, die sich von ihm auch nicht verscheuchen ließ.

Nicht verjagen sie die Fliege.
Sie umschwärmt ihn, sticht und irret
Und verwirrt die ganze Tafel,
Kehret wieder wie des hämischen
Fliegengottes Abgesandter.

- Goethe, West-östlicher Diwan

Kaiser Decius, der sich ja selbst als Gott bezeichnete, aß und trank jedoch wie ein Mensch und geriet wegen einer kleinen Fliege in Zorn – verlor fast den Verstand. Die klugen Jünglinge sahen darin aber ein Zeichen des erhabenen Weltenschöpfers: das Insekt war ein Abgesandter des Teufels. Sie wussten: die frohe Botschaft, die der Heiligen Paulus verkündete, war die einzig wahre Religion. Im Koran heißt es dazu:

Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Außer ihm werden wir keinen anderen Gott anbeten, sagten wir sonst doch etwas Unrechtes.

- Sure 18:14, Al Khaf, die Höhle

Sieben Heilige in der Höhle

Für ihren Glauben gaben die Edelmänner ihre hohen Stellungen auf und verzichteten auf alle Vorzüge ihres weltlichen Lebens am Hofe des Kaisers. Also entsagten sie dem Götzendienst und bekehrten sich zum Christentum. Doch weil darauf die Todesstrafe stand, mussten sie fliehen. Auf ihrer Flucht trafen sie auf einen Hirten, den ein eigenartiger Hund begleitete. Das Tier ließ sich nicht verscheuchen, wollte sein Herrchen nicht verlassen. Es schien als erfülle der Hund eine "höhere Pflicht", die darin bestand, die sieben Heiligen zu begleiten.

Der Hirte kannte die Gegend hier sehr gut und führte die Edelmänner in eine geräumige Höhle, die sich im Berg Encülüs befindet, 12 km nord-westlich der südanatolischen Stadt Tarsus, nahe des Dorfes Dedeler (deutsch: "Großväter"). Dort versteckt, beteten die Jünglinge gemeinsam zu Gott:

Unser Herr, gewähre uns Barmherzigkeit von Dir aus und bereite uns einen Weg in unserer Sache.

- Sure 18:10, Al Khaf, die Höhle

Kaiser Decius aber machte ihren Aufenthaltsort ausfindig. Auf seinen Befehl hin wurden sie dort im Jahre 251 n. Chr. eingemauert. Das aber war auch das Todesjahr des Kaisers.

Und der Fürst, dem sie entflohen,
Liebentrüstet, sinnt auf Strafen,
Weiset ab so Schwert als Feuer,
In die Höhle sie mit Ziegeln
Und mit Kalk sie lässt vermauern."

- Goethe, West-östlicher Diwan

Die sieben Heiligen fielen in einen tiefen Schlaf. Laut Koran, schliefen sie in der Höhle 309 Jahre lang. Ihr Hund aber lag wachend am Eingang.

Du könntest sie für wach halten, doch sie schlafen; und wir werden sie auf die rechte Seite und auf die linke drehen, während ihr Hund seine Vorderpfoten auf der Schwelle ausstreckt. Hättest du sie so erblickt, würdest du dich gewiss vor ihnen zur Flucht kehren und wärest mit Grauen vor ihnen erfüllt.

- Sure 18:18, Al Khaf, die Höhle

Gewiss erinnert die Sitzhaltung des Hundes, der "seine Vorderpfoten auf der Schwelle ausstreckt", an den alt-ägyptischen Schakal Anubis – dem heiligen Wächter des Totengerichts. Der Schakal, als Verwandter des Hundes, war im alten Ägypten das Tier, dass man mit der westlichen Wüste assoziierte. Im Westen aber geht die Sonne unter, weshalb diese Himmelsrichtung seit Alters her mit dem Tod in Verbindung gebracht wird. Dort in der Unterwelt leben die Seelenführer, die in der alt-ägyptischen Mythologie eben Hunde, Schakale oder Wölfe verkörpern.

Siebenschläferhöhle – ewigeweisheit.de

Blick aus der Höhle der Siebenschläfer in Dedeler, in der Nähe der alten Stadt Tarsus (Türkei).

Das Erwachen der Siebenschläfer

Lange nachdem die sieben Heiligen in der Höhle entschlafen waren, stieß ein ansässiger Bauer auf die Höhle, deren Eingang jene alte Mauer versperrte. Er aber wollte sie als Schaftstall nutzen und entfernte darum das alte Mauerwerk. Doch da erschien den Heiligen in der Höhle, der Erzengel Gabriel und erweckte sie nach ihrem hunderte Jahre langen Schlaf. Jener Erzengel war es auch, der dem Propheten Mohammed (as) die heiligen Verse des Koran eingab. Wenn Gabriel nun, auch diese sieben Förderer der Christenheit erweckte, ist es wohl kaum verwunderlich, dass Muslime von Jesus (dem Propheten Isa ibn Maryam) mit Achtung sprechen.

Einer dieser sieben Heiligen auf jeden Fall, verließ die Höhle, um für sich und seine Gefährten Brot zu holen. Er aber fand sich selbst in der Fremde und traf auf dem Weg niemanden den er kannte. Einem Bäcker gab er eine seiner Silbermünzen, die noch eine Prägung mit dem Bild des Kaisers Decius besaß. Erstaunt darüber kamen mit dem Bäcker die Bürger des Ortes zur Höhle und fanden dort alle Heiligen lebendig. Sie erschraken aber über ihre furchterregende Erscheinung, strahlten ihre Gesichter doch hell wie das Licht der Sonne. Dann aber fielen sie erneut in tiefen Schlaf, woraus sie jedoch nie mehr erwachten.

Gemäß einer anderen Version der Sage, schliefen die sieben Heiligen dort 172 Jahre lang und erwachten im 4. Jhd. in der Regierungszeit des Kaisers Theodosius. Als der Bauer jene Mauer entfernen ließ, kamen die Heiligen zum Vorschein und segneten Kaiser und Bischof, und legten vor ihnen Zeugnis ab, über die Worte des Heiligen Paulus. Dann aber entschliefen sie erneut.

Siebenschläferhöhle – ewigeweisheit.de

Das Sternbild Großer Bär (Großer Wagen).

Astrale Geheimnisse der Siebenschläfer-Legende

Seit alter Zeit assoziierte man die sieben Sterne des Großen Bären (Großer Wagen) mit den Heiligen der Siebenschläfer-Legende. Dieses Sternbild dreht sich unentwegt um die Pol-Achse des Nordhimmels, geht also nicht auf und unter, wie etwa die 12 Sternbilder des Tierkreis. Da sie also dort stets um den Polarstern kreisen und zu jeder Jahreszeit sichtbar sind, sah man in ihren Lichtern, die Entsprechungen jener sieben christlicher Helden, die dereinst wieder erwachen, um auf Erden zu erscheinen.

Die Höhle galt den Weisen des Altertum als gleichnishaftes Bild des Weltalls. Hier weihte man die Initianten in die heiligen Mysterien ein. Die Fackeln die am Höhlengrund flackerten, standen dort an Stelle der Sterne. So war die Höhle ein inneres Weltzentrum der Einweihung. Damit kann die Höhle der Siebenschläfer durchaus als Allegorie auf den Himmel gesehen werden.

Im Mittelalter wurde die Sage der Siebenschläfer dann auch mit der Artuslegende assoziiert. Vom legendären König Artus (dessen Name bedeutet im alt-keltischen "Bär", artos) glaubte man, dass er niemals starb, sondern mit sieben seiner treuesten Ritter in einer Höhle schläft, von wo aus er dereinst wiederkehren soll.

Der Hundsstern Sirius – ewigeweisheit.de

Die Sure Al-Nadjm, "der Stern", nennt Allah (Gott) den Herrn des Sirius (Sure 53:49).

Ursprünge und Deutung

Die Legende der Siebenschläfer könnte aber sehr wohl älter sein, als die christliche oder islamische Überlieferung. Wahrscheinlich liegen ihre Ursprünge im buddhistischen oder hinduistischen Kulturkreis. Vielleicht kam die Legende später durch die alt-persische Religion der arischen Zoroastrier in den Westen (vergl. Matthäus 2). Auch in Nordeuropa war die Geschichte schon lange bekannt, bevor man sie mit jenen sieben Heiligen assoziierte. In frühchristlicher Zeit erzählte man sie darum vielleicht einfach neu.

Wenn es in Sure 18:18 nun heißt, dass "sie auf die rechte Seite und auf die linke sich drehen", lässt sich daraus ein astrales Geheimnis ablesen: das Wenden nach Rechts und Links steht für die Bewegung der Planeten. Sie sind eben keine Fixsterne, sondern bewegen sich von Rechts nach Links, das heißt, im Uhrzeigersinn durch den Tierkreis – eben genau so, wie die sieben Hauptgestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) über den Himmel.

Der Hund ist eindeutig assoziiert mit dem Hundsstern Sirius, fährt Sure 18:18 doch fort mit: "während ihr Hund seine Vorderpfoten auf der Schwelle ausstreckt" - das heißt, der Hund bewegt sich hier nicht, ist also fix. Schon im Altertum erkannte man in Sirius den hellsten Fixstern am Nachthimmel und nannte ihn auch den "achten Planeten".

Und er (Gott) ist es, der Herr des Sirius ist

- Sure 53: 49, Al Nadschm, Der Stern

Den alten Arabern galt der Sirius als Ursprung allen Glücks und Unglücks. Ähnliche Bedeutung maßen ihm auch die alten Ägypter zu. Nach langer Abwesenheit vom Nachthimmel, erwartete man sein Erscheinen sehnlichst. Denn mit seinem ersten Auftauchen vor Sonnenaufgang, begann die, für die alt-ägyptische Ackerbaukultur, so lebensnotwendige Nilschwemme, von der eben Glück und Unglück des gesamten Pharaonenstaates abhingen.

Sieben kosmische Urkräfte

Aus Perspektive dieser kosmischen Zusammenhänge, hat die Siebenschläferlegende gewiss auch eine hermetische Bedeutung: Das Oben entspricht dem Unteren, das Unten dem Oberen. Die makrokosmischen Geheimnisse der sieben klassischen Planeten und des Sirius am Himmel, äußern sich auf mikrokosmischer Ebene, im Mysterium der Siebenschläfer und ihrem Hund in der Höhle. Die sieben Sterne des Großen Bären bilden die spirituelle Oktave zu den sieben Planeten, während die sieben Planeten also die Oktave der Siebenschläfer sind. So stehen die Siebenschläfer, die sieben klassischen Planeten und die sieben Sterne des Großen Wagen, im Kraftstrom der sieben kosmischen Urkräfte.

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Über die sagenhafte Kosmologie der Tengri-Schamanen

von S. Levent Oezkan

Windpferd Himori - ewigeweisheit.de

Seine Reden begann der große Dschingis Khan stets mit dem Satz: "Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels." Er sah sein Handeln im Auftrag Tengris - des göttlichen Himmels. Ihn verehren die Tengri-Schamanen wie auch andere, als höchstes Wesen der Welt und stehen damit in einer der ältesten Traditionen der Menschheit.

Es scheint als hätten die Völker Zentralasiens und der Mongolei im Himmlischen etwas ganz ursprüngliches gesehen, ja sogar an die himmlische Herkunft ihrer Ahnen geglaubt. Die Vorfahren der heutigen Türkvölker, standen mit dem Himmel in geheimnisvoller Verbindung. Nicht zufällig nannte sich das Volk des einstigen Großreiches (Khanat), dass sich von Turkemenien bis ins östliche China erstreckte, "Reich der Himmelstürken" (Gök-Türken: Himmel = türk. Gök, mongol. Khökh).

Allegorie auf den Himmel: Jurte und Nomadenzelt

Die alten Türkvölker waren Nomaden, denen es wegen ihrer Lebensweise leicht gewesen ist, sich in den Steppen Zentralasiens mit dem Sternenlauf des nächtlichen Himmels vertraut zu machen. Seit uralter Zeit stellte man sich den Himmel als kosmisches Zeltdach. Vermutlich war der Ursprung dieses Phantasiebildes, die frühzeitigen einfachen Wohnungen der Menschen. Was der Himmel überdachte, war die Erde, die sich ausbreitete über die finstere Unterwelt. 

Die Vorstellung des Himmels als Zelt, scheint überall auf der Welt verbreitet zu sein. Drum fanden die Nomaden für die Bestandteile ihrer Zelte und Jurten, himmlische Entsprechungen. Die Milchstraße ist Naht des Zeltdaches, von einem mythischen Sternenwesen zusammengenäht. Die Sterne sind die Lichtlöcher im Zelttuch und Fenster der Welt, über die die verschiedene Himmelsregionen belüftet werden. Saß dieses Zeltdach nicht richtig, entschlüpften durch die so entstandenen Öffnungen die Helden (Schamanen, Krieger) in den Himmel.

Reisen zwischen den Welten

Mongolische Schamanen unterteilen den Kosmos in drei Zonen: Himmel, Mensch und Erde. Im Mittelpunkt steht Tengri der als nicht-personifizierter Gott den ewigen blauen Himmel repräsentiert. Auf der Erde ist der Mensch, der versucht mit der Natur und dem Himmel in Frieden und Harmonie zu leben. Der Schamane ist Mittler zwischen Himmel und Erde, und als solcher hilft ihm eine besondere Kraft: Himori - das Windpferd. Die Kraft dieses himmlischen Pferdes trägt ein jeder Mensch in sich. Für die Schamanen ist Himoris Kraft im Brustraum eines jeden Menschen, von wo seine persönliche, geistige Kraft ausgeht.

Chintamani Friedenssymbol – ewigeweisheit.de

Die drei Kreise im Zentrum des sogenannten Friedensbanners (gestaltet von Nicholas Roerich) stehen symbolisch für Himmel, Mensch und Erde. Es ist ein in Zentralasien weit verbreitetes Symbol und wird manchmal auch Chintamani-Symbol genannt.

Anders als normale Menschen, wissen Schamanen wie man die drei Weltebenen durchbricht, denn sie sind durch eine magische Mittelachse miteinander verbunden. Auf dieser Achse durchmessen die Schamanen auf ihren Reisen diese drei Welten. Diese Achse aber, um die der Himmel auf geheimnisvolle Weise kreist, befestigt ein mythischer Nagel. Darum nennt man im Altai den Polarstern, um den sich ja das Himmelsgewölbe unentwegt dreht, den "Himmelsnagel". Gleichzeitig öffnet diese Achse aber auch ein Loch in den Ebenen zwischen den drei Zonen (Himmel, Menschenwelt, Erde), durch das die Götter auf die Erde herabsteigen und die Toten in der Unterwelt versinken. Das Loch ist ein Zentrum. Und da es die erwähnten drei Zonen der Welt verbindet, öffnet sich durch das Loch ein heiliger Raum. In diesen Raum strömen Realitäten, die nicht von dieser Welt, sondern von woanders im Himmel herkommen. Immer dann, wenn sich für die Menschen etwas besonders heiliges auf Erden ereignete, so die Schamanen, durchbrach etwas die Ebene zwischen Himmel und Erde.

Wenn sich der Schamane in Trance begibt, vermag er durch dieses Loch in die himmlische Welt aufzusteigen oder hinab in die Unterwelt zu gleiten. Von dort kehrt er wieder zu den Menschen zurück, um ihnen Heilung zu bringen.

Geheimes Erdenwesen

Laut schamanischer Kosmogonie, gab es am Anfang aller Zeiten nur Wasser und eine große Schildkröte, die ins Wasser starrte. Gott wendete das Tier auf den Rücken und auf seinem Bauch entstand die Welt. Der Bauch aber wurde mit "Erdstoff" bestreut, woraus sich die große menschenbewohnte Erde bildete. Diese "goldene" Schildkröte wurde Trägerin des Weltenberges, dessen Gipfel vom Licht des Polarsterns erstrahlte. Als solchen Weltenberg verehren die Schamanen Kirgisiens den Khan Tengri als "Herrn des Himmels". Vier Gebirgskämme laufen in seinem Gipfel zusammen, die in die vier Himmelsrichtungen weisen. Jeder dieser Himmelsrichtungen, entspricht in den Gebeten der Schamanen eine zeremonielle Richtung:

  • Süden weist nach oben oder vorne.
  • Norden neigt sich abwärts oder nach hinten.
  • Osten aber weist nach vorn, denn es ist eine der beiden Haupthimmelsrichtung. Wer dem Himmel oder anderen überirdischen Wesen ein Opfer darbringen möchte, wendet sich gen Osten.
  • Andere Haupthimmelsrichtung ist schließlich der Westen, wohin man sich zurückwendet, um dort die unterirdischen Geister anzurufen.
Aufnahme des Khan Tengri von 1906 – ewigeweisheit.de

Aufnahme vom Gipfel des Khan Tengri (links oben) aus dem Jahr 1906. Erschienen in der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Foto: Gottfried Merzbacher (1843–1926).

Sternenlauf am Himmelszelt

Sterne waren und sind für die Nomaden Zentralasiens wichtige Zeitzeiger. Besonders mittels der nächtlichen Himmelsneigung des Großen Bär (Großer Wagen), lässt sich Aufschluss gewinnen über die herrschende Jahreszeit:

Wenn der Schweif des Großen Bären nach Osten zeigt, so herrscht in der ganzen Welt Frühling, wenn er nach Süden zeigt, ist Sommer, und wenn er nach Westen zeigt, Herbst. Wendet er aber seinen Schweif nach Norden, so herrscht in der ganzen Welt Winter.

Meteore

Von Zeit zu Zeit, so glauben die Schamanen, schauen die Götter auf die Erde herab. Dazu öffnen sie bisweilen die Himmelsdecke ein wenig, um durch die so entstandene Himmelstür zu sehen was auf Erden vor sich geht. Ihre Blicke aber sind die Meteore, die als wunderbares Licht die ganze Erde sonderbar erglänzen lassen.

Polarstern und Weltachse

Der Nord-Polarstern ist von hoher Bedeutung im Glauben der Schamanen. In ihm sah man die Zeltstange oder den Pfahl, als Stütze des Himmelszelts. Es war der Himmelspfeiler den man "Goldene Säule" nennt und der den Mongolen heilig ist. Alle Sterne, glaubt man dort, seien unsichtbar mit dem Polarstern verbunden. Sie gleichen einer Pferdeherde, wo jedes Tier am Himmelspflock des Polarsterns festgebunden ist.

Dem Weg zum Himmel folgt der Schamane über den Polarstern. Nur er weiß die Auffahrt durch die sogenannte "Mittelöffnung" zu vollziehen. Er kann einen göttlichen Gedanken in ein konkretes mystisches Erlebnis umwandeln. Während für den normalen Menschen der Pfahl ein Zeichen ist, das nur ein Symbol für Polarstern und Weltenachse ist, ist er für den Schamanen tatsächlich ein geheimer Weg, über den er Gebete und Opfer an die Himmelsgötter abschickt.

Die Plejaden

Das berühmten Siebengestirn assoziiert man als Loch im Himmelszelt, durch das alles Kalte auf die Erde strömt. In der Tat folgt dem Auftreten der Plejaden am Himmel eine kältere Periode. Erst nach dem Sommer erscheinen die Plejaden auf der nördlichen Hemisphäre, da sie zuvor das Tageslicht überstrahlt. So sagt ihr jährliches Erscheinen am östlichen Horizont, größere Witterungsveränderungen voraus.

Mutter Sonne - Vater Mond

Wie im Deutschen, ist bei den Turkvölkern Zentralasiens die Sonne weiblich und der Mond männlichen Geschlechts. So nennen Kinder den Mond im kleinasiatischen Türkisch "Ay Dede" - Großvater (Dede) Mond (Ay). Die alten Herrscher der Mongolen beteten morgens die Sonne, abends den Mond an.

Der Sonne opfert man auch bei Krankheit. Ein Kranker begibt sich am frühen Morgen, vor Sonnenaufgang vor die Jurte und wartet bis die Sonne aufgeht. Wenn sie hinter dem Horizont aufsteigt, betet er mit den Worten:

Verschone mich, denn ich bin ein braver Mensch, ich gebe dir Nahrung.

Sobald der Kranke genesen ist, wird der Sonne ein Hahn geopfert. Der aufgehenden Sonne, wird dann das Blut des Tieres entgegengespritzt. Den Neumond pflegte man zu begrüßen und wünschte sich von ihm dabei, er möge einem Glück und Wohlergehen bringen.

In der Mythologie der Schamanen waren in ferner Zeit Sonne und Mond noch nicht gewesen. Damals besaßen die Menschen noch nicht die Körper, die ihre Seelen heute tragen, sondern, so glauben sie, flogen als Lichtwesen durch die Luft. Sie selbst erwärmten und erleuchteten ihre Umgebung, so dass sie die Wärme der Sonne zum Leben noch nicht brauchten. Als einer dieser ersten Menschen aber erkrankte, sandte der große Himmelsgott ein Wesen aus, dass den Menschen half. Es stellte zwei große Metallspiegel an den Himmel und seit damals ist es auf der Erde hell. Nicht zufällig tragen die Schamanen einen magischen Spiegel auf der Brustseite ihres Gewandes. Sie richten ihre Zauberspiegel gegen Sonne und Mond, um aus dem Spiegelbild zu ersehen, in welchen Verhältnissen ein Mensch steht. Selbst wenn dieser in großer Entfernung lebt, vermag der Schamane dessen Schicksal durch seinen Spiegel zu erschauen.

Die Mongolen sagen, dass es auf der Welt einst vier Sonnen gab und es damals drückend heiß war auf der Erde, bis der Held Erkhe-Mergen alle Sonnen vom Himmel herabschoss, bis auf eine. Sie blieb um die Erde zu wärmen und zu erleuchten.

Das burjatische Märchen vom Zauber-Igel

Als Himmel und Erde durch die Heirat ihrer Kinder Verwandte wurden, stattete der Herr der Erde, dem Himmelsgott einen Besuch ab. Als er ihn dann wieder verließ erbat er sich Sonne und Mond als Geschenk. Das konnte ihm der Himmelsgott nicht abschlagen und der Herr der Erde nahm sie mit und schloss sie in einen Schrein, was aber die ganze Welt verfinsterte. Da wandte sich der Himmelsgott an seinen Zauber-Igel. Er sollte die beiden Himmelskörper zurückbringen. Damit einverstanden kam der zum Herrn der Erde. Bei seinem Abschied, fragte der Herr der Erde den Igel, was er sich als Abschiedsgeschenk von ihm wünsche, der antwortete: "Gib mir das Pferd der Luftspiegelung und den Echospeer". Doch diesen Wunsch vermochte der Herr der Erde dem Igel nicht zu erfüllen und gab ihm stattdessen Sonne und Mond als Geschenk der Gastfreundschaft. Als der Igel dann Sonne und Mond auf ihrer alten Bahnen setzte, wurde die Erde wieder hell.

Der Igel erscheint auch in anderen Sagen als weises Tier und Ratgeber, ist mal Erfinder des Feuers, ein andermal Erfinder des Ackerbaus. Bei den Burjaten war der Igel ein Alleswisser, doch ursprünglich ein Mensch.

Mongolischer Burjat-Schamane – ewigeweisheit.de

Mongolischer Burjat-Schamane (1904).

Venus

Die Burjaten nennen die Venus "Solbon". Es heißt Solbon, der morgens und abends am Himmel zu sehen ist, sei ein großer Pferdefreund, der mit einem Lasso in der Hand über die himmlischen Gefilde reitet. Seine große Pferdeschar hütet der Hirte Toklok. Mit dem Scheren von Mähne und Schweif im Frühjahr, erbringen sie Solbon (Venus) ein Opfer. Von den Menschen wollte Toklok gelernt haben, wie man die Pferde pflegt. Für die Burjaten ist es darum ein gutes Zeichen, wenn ein Fohlen im Spätsommer, nach dem Auftreten Solbons vom Himmel zur Welt kommt.

Exkurs: Himor das Windpferd

Laut einem Schamanenmythos, stammen die Menschen nicht von den Affen ab, sondern kamen von der Venus auf dem fliegenden Pferd Himor zur Erde (den Namen Himor haben wir oben bereits erwähnt). Der russische Maler Nicholas Roerich verwendete das weiße Windpferd Himor (auch: Erdeni Mori) in mehreren seiner Gemälde als Motiv. Und dieses Pferd trägt auf den Bildern das heilige Wunschjuwel Chintamani - einen besonders kraftvollen Glücksstein, der Teil ist des sogenannten "Schatzes der Welt". Wer sich in Gegenwart dieses Steines aufhält, dem werden besondere Kräfte zu teil, die mit ihm vom anderen Planeten auf die Erde kamen. 

Laut der Legende landeten die außerirdischen Reisenden auf einer alten Kamelroute, die zwischen Ulan-Bator (Mongolei) und Lhasa (Tibet) verläuft, und die Hügel Tibets schneidet. Als Roerich zusammen mit seiner Frau Helena sich in dieser Gegend aufhielt, will er dort angeblich seltsame Dinge am Himmel ausdindig gemacht haben. Im Dezember 1923 verschwand er und seine kleine Expedition wochenlang von der Erdoberfläche, wie es scheint in einem der Berge dieser Region. Dort soll er auf die Hauptader des magischen Chintamani-Gesteins gestoßen sein. Als sie schließlich wieder auftauchten hatten sie eine faszinierende Geschichte zu erzählen, doch auch noch mehr Geheimnisse zu verbergen.

Schon zuvor, als der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso sich 1905 von Tibet auf dem Weg in die Mongolei befand, ließ er seine Gefährten wissen, dass sie unweit des Berges sind, wo sich die Schlucht von Shambhala (Buchtipp) befindet und die Legende vom fliegenden Windpferd Himor, seinen Anfang nahm.

 

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Auf der Suche nach der Heiligen Bundeslade

von Johan von Kirschner

Zu den wahrscheinlich geheimnisvollsten Gegenständen des Altertums zählt die Bundeslade der Israeliten. Sie ist ein sonderbarer goldener Kasten, worin man einst die heiligsten Gegenstände des Judentums aufbewahrte – darunter die beiden Gebotstafeln vom Berg Sinai. Wer aber kennt ihren derzeitigen Aufbewahrungsort?

Mit dem Auszug aus Ägypten beginnt die sonderbare Geschichte eines Volkes, das mit dem Gott JHVH einen Bund schloss. Dies besiegelte das heiligste Relikt des Judentums: die Bundeslade.

Diese wundersame Truhe trugen die Israeliten 40 Jahre mit sich, während ihrer Wanderung über die Halbinsel Sinai. Die Bundeslade galt den Israeliten als Garant für die Gegenwart Gottes. Das klingt ja bereits an in ihrem Namen: er ist ein Hinweis auf den Bund, den Gott einst mit seinem »auserwählten Volk« geschlossen hatte. In der hebräischen Bibel lesen wir von Gottes Auftrag an sein Volk, dieses, wohl wichtigste Heiligtum des Judentums herzustellen:

Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer (Israels) Mitte wohnen.

- Exodus 25:8

Der angesehene Kunsthandwerker Bezalel fertigte aus Akazienholz die Bundeslade, als längliches, quaderförmiges Behältnis. Innen wie außen überzog er sie mit reinem Gold. An diesem kostbaren Behältnis, waren zwei vergoldete Tragestangen befestigt. Den Inhalt der Bundeslade verschloss eine besondere Platte, die die Israeliten den »Gnadenstuhl« nannten. Auf ihm befanden sich zwei goldene Cherubime (Engel), deren Blick sich auf den Inhalt der Lade richtete.

In dieser heiligen Lade befanden sich die beiden steinernen Gebotstafeln, der grünende Stab des Aaron und eine goldene Schale mit der heiligen Manna-Speise. All das waren, wie die Bibel schreibt, geheimnisvolle, übernatürliche Dinge, die die Israeliten von ihrem Herrn JHVH empfangen hatten – zu ihrem Schutz, zu ihrer Heilung.

Als das Volk Israel die Wüsten des Sinai verließ kam es in das verheißene Land Kanaan – ein vom Gott JHVH versprochener Ort »wo Milch und Honig fließen«. 

In diesem weiten Land kannten die Israeliten eine heilige Stelle, wo der Prophet Jakob einst lag und träumte. Er erhielt vom Erzengel Gabriel den Namen »Israel« und wurde damit zum Stammvater der Israeliten.

Da hatte er (Jakob) einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. wenn ich wohlbehalten heimkehre in das Haus meines Vaters und der Herr sich mir als Gott erweist, […] dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden und von allem, was du mir schenkst, will ich dir den zehnten Teil geben.

- Genesis 28:11,22

Erwacht errichtete Jakob an dieser Stelle ein Felsmal, goß heiliges Öl darüber und nannte es »Beth El«: das Haus Gottes. An diesem Ort sollte dereinst die Bundeslade stehen, umgeben, von dem nur für ihren Zweck errichteten Jerusalemer Tempel. Dieses sakrale Bauwerk wurde dereinst vom berühmten König Salomo, dem Sohn Davids errichtet.

Und David, der König, stand auf und sprach: Höret mir zu, meine Brüder und mein Volk! Ich hatte mir vorgenommen, ein Haus (Tempel) zu bauen, da ruhen sollte die Bundeslade des Herrn (JHVH) und der Schemel seiner Füße unseres Gottes, und hatte mich geschickt, zu bauen.

- 1. Chronik 28:2

Der Salomonische Tempel zu Jerusalem

Der Jerusalemer Tempels fungierte als Aufbewahrungsort für die heilige Bundeslade. Mit Hilfe des phönizischen Königs Hiram von Tyros und des legendären Baumeisters Hiram Abiff, wurde das monumentale Bauwerk, wahrscheinlich im Jahre 957 v. Chr. auf dem Jerusalemer Berg Moriah (auch: Berg Zion) errichtet. Vorlage war das Mischkan, jene Stiftshütte, die auf dem Exodus durch den Sinai, den Israeliten als bewegliches Zeltheiligtum (Tabernakel) diente. Wie dieses Zeltheiligtum, war auch der Tempel in drei Bereiche aufgeteilt: Einen Vorhof, das innere Heiligtum und das darin befindliche, kubische gebaute Allerheiligste. Diese sakrale Architektur des Gotteshauses, diente dereinst auch als Vorbild beim Bau christlicher Kirchen. Man findet es noch heute, bei der Raumaufteilung christlich-orthodoxer Kirchen.

Das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels befand sich wahrscheinlich genau an dem von Jakob (Israel) benannten Ort, Beth El. Hier musste die Bundeslade gestanden haben, auf jenem heiligen Fels, an dem er in seinem Traum die Himmelsleiter sah, woran die Engel auf- und niederstiegen (Genesis 28:11).

Nur den Kohanim (sing. Kohen), den israelitischen Hohepriestern, war gestattet sich im Allerheiligsten des Tempel, der heiligen Bundeslade zu nähern. Gemäß biblischer Legenden, ging von diesem Objekt eine besondere Kraft aus und gewiss besaß es eine Schutzfunktion. So lesen wir über die Bundeslade im dritten Kapitel des Buches Josua, das priesterliche Träger mit der Bundeslade den Jordan teilten, damit ihn das Volk im Trockenen durchqueren konnte. Doch niemand als die Hohepriester waren befugt die Lade zu berühren. Wer es dennoch tat, starb (2. Samuel 6).

Josua führte die Bundeslade später zur Jebusiter-Stadt, wo durch ihre Gewalt und das Stoßen der Schofarhörner (Trompeten), die Mauern Jerichos einstürzten. Auch im Krieg gegen die Philister führte das israelitische Heer die Lade mit sich.

Auch wenn der Gott JHVH unter dem Volk Israel, in diesem Objekt gegenwärtig war, und es durch seinen Anwesenheit schütze, blieb dennoch ihr Aufbewahrungsort, der Salomonische Tempel zu Jerusalem, nicht verschont. Ende des 6. Jhd. v. Chr. plünderten Krieger des Nebukadnezzar den Tempel, zerstörten ihn, verwüsteten ganz Jerusalem und deportierten die Juden nach Babylon. Seither gilt die Bundeslade als verschollen. Brachten die Babylonier die Bundeslade vielleicht fort, als Beute, um sie in einem ihrer sagenhaften Türme aufzustellen?

Bis heute herrscht Uneinigkeit darüber, wo sie tatsächlich aufbewahrt wird oder ob sie überhaupt noch existiert. Wie wir später aber noch sehen werden, gibt es viele Millionen Menschen, bei denen über den Verbleib dieses heiligen, magischen Artefakts, überhaupt kein Zweifel besteht.

Moses und Josua vor der Bundeslade - ewigeweisheit.de

Moses und Josua beten an der Bundeslade. Gemälde von James Jacques Joseph Tissot (1836-1902).

Der zweite Tempel und der Schrein Qubbat As-Sachra

Nach 72-jähriger babylonischer Gefangenschaft, kehrten die Israeliten zurück in ihr Land. Dort errichtete Serubbabel, ein Vorfahre des Jesus von Nazareth, in Jerusalem einen neuen, zweiten Tempel, auf dem Fundament des alten Tempels. Im diesem neu errichteten Sakralbau, der später vom griechischen König Herodes großzügig erweitert wurde, stand im Allerheiligsten nur ein Altar, worauf sich ein Leuchter befand an dem ein ewiges Licht brannte.

70 n. Chr. wurde auch dieser Tempel, im Jüdischen Krieg von den Römern zerstört. Was blieb war die westliche Mauer: die heutige Klagemauer der Juden.

638 n. Chr. zog Kalif Umar ibn al-Chattab in das von den Muslimen eroberte Jerusalem ein. Er führte im selben Jahr die islamische Zeitrechnung ein. 56 Jahre später, im Jahr 72 islamischer Zeitrechnung, errichtete Kalif Abd al-Malik ibn Marwan, auf dem Jerusalemer Tempelberg den Felsendom – arabisch Qubbat As-Sachra (»Kuppel über dem Felsen«) – direkt über jenem Felsen, an dem Jakob einst seine Traumvision von der Engelsleiter hatte. Von diesem Stein aus machte der islamische Prophet Mohammed (a. s.) in einer Traumvision, seine nächtliche Himmelsreise (Al-Miradsch) entlang einer Engelsleiter:

Gepriesen sei der, der bei Nacht seinen Diener von der heiligen Moschee (Mekka) zu der fernen Moschee (Jerusalem), deren Umgebung wir gesegnet haben, hinführte, auf dass wir ihm einige unserer Zeichen zeigten. Wahrlich, er ist der Allhörende, der Allsehende. [...] sie ist von Allah, der über die Himmelsleiter verfügt. Die Engel und Gabriel steigen zu ihm auf in einem Tage, dessen Ausmaß fünfzigtausend Jahre beträgt.

Suren 17:1, 70:3-4

Über 400 Jahre hüteten muslimische Herrscher den heiligen Schrein (Felsendom) auf dem Gipfel des Berges Moriah. Mit dem Jahr 1099 sollte sich alles ändern. Papst Urban II. rief auf zum Kreuzzug nach Jerusalem und die Stadt fiel an christliche Eroberer. Das junge christliche Königreich Jerusalem, nahm aber einen schrecklichen Anfang: Bei der Eroberung des Tempelberges mordeten Kreuzritter unzählige Menschen, ganz gleich ob Jude, Christ oder Muslim – angeblich im Namen Jesu Christi. Schutzsuchende, die sich im Felsendom versteckten wurden regelrecht abgeschlachtet. Knietief, so die Legende, standen die Schlächter im Blut ihrer Opfer, dass auch über jenen heiligen Felsen floss, wo einst die Bundeslade stand.

Pilgerfahrten nach Jerusalem

Jetzt glaubte man, sei der Weg ins heilige Land von den angeblich »ungläubigen« Muslimen befreit, um die Pilgerscharen christlicher Adliger und Kleriker nach Jerusalem bringen zu können. In der Tat bestand seit dem 12. Jhd. in europäischen Städten eine große Nachfrage. Das Pilgerwesen war im Mittelalter eines der bedeutenden Phänomene, schließlich ermutigte die Kirche ihre Gläubigen dazu immer wieder.

Eine Pilgerreise nach Jerusalem dauerte aber oft viele Monate und war mit Strapazen verbunden, auch dann, wenn man den letzten Abschnitt der Reise, auf einem Schiff verbrachte. Außerdem waren solche Reisen immer gefährlich. Keiner war sich sicher, ob er seine Verwandten und Freunde jemals wiedersehen würde. Auf den Landrouten lauerten Räuber, Wegelagerer und gefährliche Tiere.

Trotzdem stieg die Nachfrage, so dass sich neue Ritter-Gesellschaften gründeten, die sich zum Geleit der Reisenden anboten. Sie gewährleisteten Pilgern eine sichere Reise ins Gelobte Land. Einer der ersten und wichtigsten dieser Orden, waren die Ritter des Heiligen Johannes. Später, im Hochmittelalter (11. bis 13. Jhd.), verwandelte sich eine der Ritter-Organisationen, in ein regelrechtes Reiseunternehmen, mit einem eigens dafür geschaffenen Bank- und Handelswesen: die Templer. Ursprünglich hatte sich der Templerorden aber einem erhabeneren Ziel verschrieben, als nur Pilger nach Jerusalem zu bringen.

Hugo von Payns - ewigeweisheit.de

Hugo von Payns (1070-1136): Gründungsmitglied und erster Großmeister der Templer.

Die arme Ritterschaft des Salomonischen Tempels

1104 unternahm der französische Adlige Hugo von Payns eine Pilgerreise nach Jerusalem. Eine weitere Reise folgte in 1119, auf der ihn acht Rittergenossen begleiteten. Auf seiner ersten Reise muss Hugo von Payns wohl mit König Balduin I. von Jerusalem zusammengetroffen sein, denn er gab später den neun Rittern großzügig Unterkunft, in einem Palast, an der Südseite des Felsendoms. Den Felsendom beanspruchte Balduin im Übrigen für sich als Wohnsitz.

Im Wunsch die Geheimnisse dieses Ortes zu ergründen, kamen die neun bescheidenen Adligen zu ihrem Namen: »Die arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«.

Fast sieben Jahre lebten und arbeiteten die französischen Edelmänner an diesem einzigartigen Ort. In dieser Zeit verließen sie den Ort wohl kaum ein einziges mal. Auch jedem Fremden verweigerten sie den Zugang. Hatten sie etwas zu verheimlichen?

In den 1980er Jahren fand ein Forscherteam, um den Archäologen Meir Ben-Dov, bei Ausgrabungen auf der Südseite des Tempelberges, einen unterirdischen Tunnel. Das war unterhalb jenes Ortes, wo sich die Residenz der Templer befand. Über diesen Gang, konnten die Templer Jerusalem wahrscheinlich unbemerkt verlassen. Was bei den Ausgrabungen jedoch ausblieb, war die Feststellung, wohin unter dem Tempelberg der Tunnel letztendlich führte, da der unterirdische Gang, ab einem bestimmten Abschnitt, Geröllblöcke versperren.

Gemäß der israelischen Archäologen aber stand fest: Templer gruben und befestigten diesen Tunnel. Anscheinend wussten sie, dass sich im Tempelberg einst etwas befand, dass für die Israeliten, insbesondere König Salomon, von allerhöchster Bedeutung war. Woher aber wussten sie davon?

Der Grundstein des Tempels

Wir hatten bereits über den Felsblock gesprochen, der sich im Zentrum des Felsendoms befindet. Die Juden nennen ihn den »Grundstein« (hebr. Even ha-Shetiyyah). An dieser Stelle soll sich nun ja das Allerheiligste des Salomonischen Tempels befunden haben, der Platz an dem die Bundeslade stand. Vermutlich glaubten Hugo von Payns und seine Begleiter, die Bundeslade wäre noch immer dort, nur versteckt, in einer geheimen Gruft im Tempelberg. Doch suchten die Templer vielleicht noch nach etwas anderem? Oder gründete Hugo von Payns den Templerorden überhaupt nur, um die Bundeslade aufzufinden und durch ihren Besitzt Macht und Ruhm zu erlangen? Wohl kaum hätte sich der Aufwand gelohnt, ein solch all zu weltliches Verlangen zu befriedigen.

Fest steht: weder von Payns, noch seine Nachfolger, hatten jemals die Bundeslade gefunden. So zumindest hat es den Anschein, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Waren er und seine Begleiter also gescheitert? Es bleibt auf jeden Fall ungeklärt, ob sie bei ihren Grabungen im Tempelberg, nicht auf andere, höchst wertvolle Dinge stießen – Dinge, aus denen sie vielleicht ihr einzigartiges Wissen bezogen.

Ausdehnung des Templerordens

Ab 1126 öffneten die Gründungsmitglieder des Templerordens ihre Tore für neue Mitglieder. Wären die Templer in Jerusalem tatsächlich gescheitert, wieso dann dehnte sich der Orden, nur fünf Jahre nach seiner Gründung, immer weiter aus? Anwärter aus ganz Europa, aus adligem europäischem Hause, strömten dem Kern der Bruderschaft zu. Man beschenkte den Orden mit Geld, Gütern und prachtvollen Gebäuden, was seinen Einflussbereich natürlich immer weiter ausdehnte. Wie ein Magnet schien der Orden zu wirken, auf die Reichtümer von Klerus und Adel. Papst Innozenz II. verlieh ihnen später sogar das Privileg, in Europa eigene Kirchen zu bauen. Ganz erfolglos schien das Werk von Hugo von Payns, auch wenn er die Bundeslade nicht fand, also anscheinend doch nicht geblieben zu sein.

Mit dem Jahr 1150 beendeten die Templer ihren Dienst als Begleiter der Pilger. Stattdessen führten die »armen Ritter Christi« ein ausgeklügeltes Bankenwesen ein. Pilger konnten nun in einer der europäischen Templer-Niederlassungen Geld einzahlen, erhielten dafür einen Kreditbrief, den sie in Jerusalem einlösten, um dann in der Ferne über ihr Geld zu verfügen. Dieses Finanzsystem, der Vorläufer des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, machte die Tempelherren unglaublich reich. Von den enormen Einnahmen, die sie auf diese Weise erzielten, finanzierten die Templer den Bau von Kirchen und Festungen. In Europa waren ganze Stadtgebiete im Besitz der Templer – man denke etwa an den Tempel-Bezirk, in der City of London oder den Berliner Tempelhof.

Geheimwissen der Templer

Um Kirchen und Festungen zu bauen, benötigt man besondere handwerklich-technische Fähigkeiten und ein ausgezeichnetes architektonisches Wissen. Sicherlich hatten die Templer keine Architekten beauftragt, die außerhalb ihres Ordens standen. So jemanden hätte man außerdem erst einmal finden müssen, da die hohen Kenntnisse der Templer zu damaliger Zeit wirklich einzigartig waren. Fanden Hugo von Payns und seine Begleiter, bei ihren Grabungen im Jerusalemer Tempelberg, womöglich alte Dokumente, woraus sie ihr außergewöhnliches Wissen bezogen? Sicher wurden Bauwerke, wie etwa die Kathedrale von Chartres in Nordfrankreich, nicht von gewöhnlichen Architekten erbaut. Gut möglich, dass diese Kirche von den Templern erbaut wurde.

Unbestritten ist, dass die Templer über ein Spezialwissen in höherer Geometrie verfügten. Nur so konnten sie ihre architektonischen Meisterleistungen verwirklichen. Das zeigen uns die von ihnen erbauten Kirchen und Festungen in Europa und dem Nahen Osten. Ihre Kenntnisse und mysteriösen Riten, scheinen außerdem übergegangen zu sein, auf die im 15. Jhd. gegründeten Logen (Bauhütten-Organisationen) von Baumeistern und Steinmetzen. Diese alten Logen-Bruderschaften waren die Urväter jener, die heute unter einem geheimnisumwobenen Namen zusammengefasst werden: die Freimaurer.

Bis heute bewahren Freimaurer-Bruderschaften ein besonderes Geheimnis, das, so heißt es, aus sehr alter Zeit stammen soll. In der freimaurerischen Legende vom Bau des Salomonischen Tempels, ist in diesem Zusammenhang eine Person von zentraler Bedeutung: Hiram Abiff. Er spielt im heutigen dritten Grad des Freimaurersystems, dem Meistergrad, seine besondere Rolle. 

Hiram Abiff war ein Nachkomme aus dem Geschlecht Kains. Er war der mythische Meister-Architekt des ersten Jerusalemer Tempels. Man nennt ihn auch den »Sohn der Witwe«, ein Titel den er anscheinend aus viel älterer Zeit erbte, wohl vom ägyptischen Lichtgott Horus. Es sollte diesem geheimnisvollen Baumeister aber ein sehr bedauerliches Schicksal ereilen. In ihren listigen, dunklen Machenschaften, wollten ihm drei Maurergesellen gewaltsam ein Geheimnis entreißen. Gewiss ähnelt diese Geschichte von Hiram Abiff, dem alt-ägyptischen Mythos um den Gott Osiris. Aus ähnlichem Grund wurde er von Seth, dem alt-ägyptischen Gott der Finsternis, durch eine Tücke ermordet. Damit steht Hiram Abiff in der Tradition einer noch viel älteren Meisterkunst, die aus jener Zeit stammt, wo man die große Pyramide von Gizeh erbaute – dem Ur-Archetyp aller Tempelbauten.

Die Königin von Saba - ewigeweisheit.de

Die Königin von Saba - Wandgemälde aus der äthiopischen Königsstadt Lalibela.

Salomon und die Königin von Saba

In der Legende vom Tempelbau, war nun also Hiram Abiff Baumeister unter König Salomo. Dieser baute für ihn den ersten Tempel zu Jerusalem.

Und der König Salomo sandte hin und ließ holen Hiram von Tyrus, einer Witwe Sohn [...] der war ein Meister im Erz, voll Weisheit, Verstand und Kunst, zu arbeiten allerlei Erzwerk. Da er zum König Salomo kam, machte er alle seine Werke.

- 1. Könige 7:13-14

Diese Legende ist Grundlage der Freimaurerei. Sie spricht von einer sagenhaften Fürstin, die einst Jerusalem besuchte. Das ereignete sich eben zu jener Zeit, wo Salomon den ersten Tempel erbaute. In der hebräischen Bibel nennt man sie die Königin von Saba. In ihrer äthiopischen Heimat erfuhr sie von Salomons großer Weisheit. Sie wollte ihm darum selbst begegnen und reiste mit ihrem Hofstaat und vielen kostbaren Geschenken nach Jerusalem. Wie außerbiblische Legenden beschreiben, verliebten sich die beiden Fürsten ineinander. Das ist für unsere nachfolgenden Betrachtungen von Bedeutung.

Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe. Köstlich ist der Duft deiner Salben, dein Name hingegossenes Salböl; darum lieben dich die Mädchen. Zieh mich her hinter dir! Lass uns eilen! Der König führt mich in seine Gemächer. Jauchzen lasst uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen als Wein. Dich liebt man zu Recht. Schwarz bin ich, doch schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von Kedar, wie Salomos Decken.

- Hoheslied Salomos 1:2-5

Mit der hier erwähnten »schönen Schwarzen«, kann der Verfasser des Hoheliedes, der Überlieferung nach Salomon selbst, durchaus auf jene sagenhafte Königin angespielt haben. Vielleicht war es Salomons weise Poesie, wie auch seine Herrscherqualitäten, die die Königin anzogen. Darauf zumindest verweist, in manchen Teilen, die hebräische Bibel. Es schien für die sabäische Fürstin aber Grund genug gewesen zu sein, eine Reise nach Jerusalem zu wagen. Dort wäre sie wohl ganz und gar der Liebe König Salomons verfallen, wäre ihr nicht der wundersame Baumeister des Jerusalemer Tempels begegnet – so zumindest will es der freimaurerische Mythos.

Die Tempellegende der Freimaurer

Als die Königin eines Tages die Baustätte des Tempels besuchte, war sie tief von diesem imposanten Bauwerk beeindruckt. Unbedingt wollte sie seinen geheimnisvollen Architekten kennenlernen. Zögernd gewährte ihr Salomon den Wunsch. Sie sah Hiram Abiff auf einem behauenen Quader stehen, als er ein geheimnisvolles Symbol in die Luft zeichnete, worauf all seine Arbeiter zu ihm gelaufen kamen. Das beeindruckte die Fürstin und als Hiram ihren suchenden Blick erwiderte, erbebte ihr Inneres. König Salomon glühte vor Eifersucht und ersann sich einen Plan, wie er seinen Nebenbuhler aus dem Weg schaffen könnte und ließ ihn, durch drei seiner Maurer-Gesellen ermorden.

Diese drei Gesellen aber waren sehr eitel und eigentlich auf das Geheimnis aus, dass Hiram Abiff offensichtlich bei sich trug: ein Meisterwort. Wer es kannte, so hofften sie, könne mit einem höheren Werklohn rechnen. Gemäß anglo-amerikanischer Freimaurerei aber, sollte ihnen Hiram Abiff wegen ihrer Unreife, das besondere Geheimnis niemals verraten.

Anders im schottischen Freimaurer-Ritus: Nach der Ermordung des Baumeisters, ordnete König Salomon an, den Leichnahm Hiram Abiffs in einer Kammer unter dem Tempel zu begraben. Sein Geheimnis aber sollten seine Freimaurergenossen in seinen Grabstein meißeln. Demgemäß war das verloren geglaubte Geheimnis im Tempelberg verborgen und so vielleicht für die Nachwelt erhalten. Wenn die Legende dieses Ritus nun auf Tatsachen beruht, stellt sich die Frage, ob es dieses Geheimnis war, wonach Hugo von Payns und seine Gefährten im Innern des Tempelberges gruben.

Die verlorene Bundeslade

Wenn der Salomonische Tempel gebaut wurde, um die Bundeslade aufzubewahren, was geschah dann mit dem Heiligtum nach der Zerstörung des Tempels?

Sicher ist, dass die Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems, dort nicht bleiben konnten. Viel weniger noch, hätten sie die Bundeslade mit ins babylonische Exil nehmen können. Das zweite Buch der Makkabäer allerdings, verweist ganz deutlich auf ihren Verbleib:

So stand das auch in derselben Schrift, dass der Prophet nach göttlichem Befehl sie geheißen habe, dass sie die Hütte des Zeugnisses und die Bundeslade sollten mitnehmen. Als sie nun an den Berg kamen, darauf Mose gewesen war, und des Herrn Erbland gesehen hatte, fand Jeremia eine Höhle; darein versteckte er das Stiftszelt (Tabernakel) und die Bundeslade und den Altar des Räucheropfers, und verschloss das Loch. Aber etliche, die auch mitgingen, wollten sich das Loch merken und zeichnen, sie konnten es aber nicht finden. Da das Jeremia erfuhr, strafte er sie und sprach: Diese Stätte soll kein Mensch finden, noch wissen, bis der Herr sein Volk wieder zuhauf bringen und ihnen gnädig sein wird. Dann wird es ihnen der Herr wohl offenbaren; und man wird dann des Herrn Herrlichkeit sehen in einer Wolke, wie er zu Zeiten des Moses erschien, und wie Salomo bat, dass er die Stätte wollte heiligen.

- 2. Makkabäer 2:4-8

Da die beiden Bücher der Makkabäer aber nicht Teil des hebräischen Bibelkanons sind, wird diese Geschichte von orthodoxen Juden nicht als authentische Quelle anerkannt. Anders katholische und orthodoxe Christen (nicht jedoch Protestanten): sie sehen in den Makkabäer-Büchern authentische Schriften. Demnach ist die Bundeslade im Berg Nebo versteckt. Das war jenes Gebirge, von wo aus Moses einst das gelobte Land Kanaan erblickte, doch dort auch verstarb.

Der Ruhm der Könige Äthiopiens

Es gibt eine andere, sehr faszinierende Auslegung der heiligen Schriften, wie wir sie in einem Buch der äthiopisch-orthodoxen Christen finden. Dieses Buch, dass im Jahre 1225 in koptischer Sprache verfasst wurde, trägt den Titel »Kebra Negest« – zu deutsch: »der Ruhm der Könige«. Äthiopische Christen sehen darin eine authentische Darstellung von der Begegnung der Königin von Saba und König Salomon. Sie sollten laut diesem Buch, einen gemeinsamen Sohn gehabt haben, dessen Schicksal eng mit dem der heiligen Bundeslade verbunden ist – so will es das Kebra Negest.

Im Kebra Negest fließt die Weisheit verschiedener alter Schriften zusammen, wozu unter die beiden biblischen Testamente zählen, rabbinische Überlieferungen, das äthiopische Henochbuch, wie auch die apokryphe Schrift der Schatzhöhle (verfasst im 4. Jhd. n. Chr. von Ephrem von Edessa).

Es war von Gott vorherbestimmt, dass die Herrschaft des judäischen Herrschergeschlechts (David, Salomo) einst auf Äthiopien übergehen solle. So zumindest will es das Kebra Negest. Doch auch die Psalmen Davids deuten darauf hin:

Äthiopien wird seine Hände ausstrecken zu Gott.

- Psalm 68:32

Während sich ältere Überlieferungen aus Bibel und Koran (Lukas 11:31, Sure 27:22-44, 1. Könige 10:1-13) nur auf einige Verse beschränken, beschreibt das Kebra Negest in mehreren Kapitel, ausführlich über die Zusammenkunft der sabäischen Königin mit König Salomon. Außerdem ist darin, wie bereits angedeutet, die Rede von einem gemeinsamen Sohn, die Königin später in Äthiopien zur Welt brachte: Menelik. Er sollte zum Stammvater des äthiopischen Königsgeschlechts werden, dass man wegen seines Ursprungs die Salomonische Dynastie nennt. Diese Fürstenfamilie stellte von 1270 bis 1974 die Kaiser Äthiopiens. Ihr letzter Kaiser war Haile Selassie.

Im Kebra Negest liest man, anders als etwa im Buch der Makkabäer, dass die Bundeslade nicht im Reich der Israeliten blieb, sondern durch Menelik einen neuen Aufbewahrungsort fand, im äthiopischen Aksum. Hierzu liefert uns das Kebra Negest einige sehr wichtige Einzelheiten, auf die wir im Folgenden eingehen wollen.

Haile Selassie - ewigeweisheit.de

Haile Selassie (1892-1975) war bis 1974 Kaiser von Äthiopien. Er war außerdem Ritter des hochedlen Ordens vom Hosenbande in England. Die jamaikanischen Rastafari sahen in ihm den neuen Messias, was Kaiser Selassie als frommer Christ jedoch ablehnte.

Salomons Sohn

Laut äthiopischer Überlieferung nahm die Salomonische Dynastie ihren Anfang in Aksum (auch: Axum, amharisch für »des Häuptlings Wasser«), der äthiopischen Königsstadt, in der nördlichen Gebirgsregion von Tigray. Die Königin von Saba, die die Äthiopier »Makeda« nennen, stammte, so will es die Überlieferung, aus dieser ältesten Stadt Äthiopiens. Hierher kehrte die schwangere Makeda heim und brachte neun Monate später ihren Sohn Menelik zur Welt – dessen Name sich vermutlich vom hebräischen »Ben Melek« ableitet: der Sohn des Königs.

Als der junge Menelik 12 Jahre alt war, befragte er seine Erzieher über die Herkunft seines Vaters. Sie verrieten ihm, sein Vater sei König Salomon. Darauf bat er seine Mutter um Bestätigung, die sich aber weigerte. Vielleicht ahnte sie, ihr Sohn könnte sich von ihr trennen. Mit 22 Jahren aber sollte ihn nichts mehr aufhalten. Er machte sich auf den Weg nach Jerusalem, an den Hof seines Vaters. Salomon hatte der Königin damals aber seinen Siegelring übergegeben. Ihn sollte Menelik erhalten, wenn er einst nach Jerusalem reise, damit Salomon daran seinen Sohn erkenne.

Vom Raub der Bundeslade

In Begleitung des großen Tamrin, des Vorstehers der Kaufleute, reiste Menelik also nach Jerusalem, um dort zum ersten mal seinen Vater König Salomon zu treffen. Er lebte für einige Jahre bei ihm. Schließlich kam der Tag, da ihn Salomon zum König über Äthiopien weihte.

'Es ist billig und gerecht, dass dein Reich Äthiopien vom Flusse Ägyptens (Nil) bis zum Sonnenuntergange (Westen) reiche – gesegnet sei dein Same auf Erden!' […] Darauf segnete ihn sein Vater (Salomon) und sprach zu ihm (Menelik): 'Der Segen des Himmels und der Erde sei dein Segen!' Und das versammelte Israel sprach 'Amen.'

- Aus Kebra Negest, Kap. 39

Das Kebra Negest spricht in den folgenden Kapiteln nun an Stelle von Menelik, von König David:

Dann ging er heraus aus dem Tempel des Herrn, und sie nannten seinen Namen David; denn ihm kam mit Recht der Name eines Königs zu.

- Aus Kebra Negest, Kap. 39

Gemäß Kebra Negest, begab sich Menelik in den heiligen Tempel zu Jerusalem, um dort zu beten. Die Bundeslade hatte eine besondere Eigenschaft, so will es diese heilige Schrift der Äthiopier: Wenn ein Rechtschaffener, wirklich Frommer bei ihr bete, so würde sie sich vom Erdboden erheben, was in Meneliks Gegenwart auch tatsächlich geschah. Das wissend, sah er darin ein Zeichen Gottes und sah sich darin berufen, dieses Wunderding mit in sein Land zu nehmen, wo er ja dereinst König sein werde. So ließ er also von einigen königlichen Arbeitern eine Kopie des Geräts herstellen. Das Duplikat der Bundeslade stellten sie dann an ihrer Stelle, in das Allerheiligste des Tempels. Die eigentliche Bundeslade aber nahmen seine Diener weg – in Gegenwart des in Ketten gelegten Hohepriesters Sadoq.

Vor seiner Abreise nun, kam Menelik, der neue König David, zu Salomon und erbat sich seinen Segen.

Er (Salomon) aber hob ihn auf, segnete ihn, ergriff sein Haupt und sprach: 'Der gesegnete Herr, mein Gott […] segne deine Nachkommen […] ebenso möge Dir Segen zu teil werden […] Und Führer sei dir meine Herrin, die heilige himmlische Zion, die Gesetzeslade Gottes (Bundeslade), immerdar und an jedem Ort, an den du in deinem Sinne denkst und wohin du doch mit deinen Fingern deutend wendest'

- Aus Kebra Negest, Kap. 49

Den Schluss dieser Segnung, schien der junge Menelik ja wirklich ernst genommen zu haben. In der Nacht vor ihrer Abreise, versteckten die Diener Meneliks die Bundeslade unter dem Reisegut. Zuvor hatte Azarjas, der Sohn des Hohepriesters Sadoq einen Traum, worin im der Allmächtige erschien, ihm befehlend die Bundeslade aus dem Allerheiligsten zu entwenden.

Als nun der Königssohn mit der Bundeslade nach Aksum, in seine äthiopische Heimat kam, empfingen ihn dort seine Mutter inmitten des jubelnden Volkes. Seine Rückkehr mit dem »Heiligtum der Heiligtümer«, der Bundeslade, nahm die Königin von Saba zum Anlass abzudanken. Fortan war Menelik König über Äthiopien – Nachfolger des Salomo, aus dem Hause David.

Das erfahren wir über den Verbleib der Bundeslade, aus dem äthiopischen Kebra Negest.

Im Tempel der Königin von Saba

Wenn wir nun dieser äthiopischen Überlieferung Glauben schenken, wäre interessant zu wissen, wann die Bundeslade eigentlich nach Äthiopien gekommen sein könnte. In Jerusalem baute man ihr zum Schutz einen großen Tempel. Benötigte sie aber nicht auch in Aksum einen angemessenen Raum für ihre Aufbewahrung?

Ein solches Gebäude scheinen deutsche Archäologen 2008 gefunden zu haben. Bei Ausgrabungen in Aksum stießen sie auf Überreste eines antiken Gebäudes: der Palast der Königin von Saba. Der Leiter der Ausgrabung, Prof. Dr. Helmut Ziegert (1934-2013), ging davon aus, dass sich in diesem Gebäude, zeitweise auch die Bundeslade befand. Die Forscher stellten außerdem fest, dass das einstige Bauwerk auf den heliakischen Sirius-Aufgang ausgerichtet war. Das war in der Antike ein astronomischer Zeitpunkt, an dem, kurz vor Sonnenaufgang, der Stern Sirius am Horizont aufleuchtete, um kurz darauf vom Licht der Sonne überstrahlt zu werden.

Für die gesamte Nil-Region Ost-Afrikas, war dieses Ereignis ein Anzeiger für den Beginn der jährlichen Fluss-Schwemme. Dann trat der Nil über seine Ufer und bedeckte die Felder mit fruchtbarem Schlamm: nur verständlich, dass dies für die Ackerbauern der Nilregion ein heilges Ereignis war. Schließlich lieferten ihre Felder am Nil, die Ernährungsgrundlage eines ganzen Volkes. So erklärt sich, wieso das Erscheinen des Sterns Sirius, im Zentrum kultischer Weihen stand und man Sakralbauten geografisch auf dieses Ereignis ausrichtete. Insbesondere die alten Ägypter verehrten Sirius als Symbol der Himmelsgöttin Sothis. Wahrscheinlich brachten diesen Kult einst semitische und hamitische Stämme (Juden, Nachfahren der Söhne Noahs: Sem und Ham) nach Äthiopien. Da entspringt einer der Haupt-Nebenflüsse des großen afrikanischen Stroms: der Blaue Nil.

Was die deutschen Archäologen in Aksum fanden, waren sehr wahrscheinlich Überbleibsel eines alt-äthiopischen Sothis-Kults. Die dortigen Tempelmauern stammen wohl aus dem ersten, vorchristlichen Jahrtausend – einer Zeit also, die zusammenfällt mit den oben geschilderten Legenden und Bibelüberlieferungen vom Tempelbau. Und – wie wir bereits gesagt haben – müsste das ja auch die Zeit gewesen sein, als Menelik heimlich die Bundeslade entwendete. Nicht aber spricht das Buch über ihren Verbleib in Äthiopien. Zwar müssen wir uns an diesem Punkt mit den Ergebnissen der Archäologen zufrieden geben, werden unsere Vermutung später aber noch durch weitere Einzelheiten erhärten.

Wappen von Äthiopien - ewigeweisheit.de

Im alten Ägypten war das Pentagramm ein geheimes Symbol für den strahlenden Stern Sirius. Auch das Bundeswappen Äthiopiens zeigt einen strahlendes Pentagramm; eine Anspielung auf ein uraltes ägyptisches Erbe?

Ein Neues Jerusalem

Seit Alters her sprechen manche dem äthiopischen Kaiserreich Heilsbedeutung zu. Vielleicht erwuchs daraus die Legende von der Überführung der Bundeslade nach Äthiopien. Aus dieser Haltung könnte vielleicht sogar das Bestreben zur Gründung eines »Neuen Jerusalem« erwachsen sein. Dort sollten dereinst nämlich alter und neuer Glaube, Judentum und Christentum ineinander verschmelzen. Besonders das äthiopisch-orthodoxe Christentum, beinhaltet ganz zentrale Glaubenselemente jüdischer Spiritualität. Darauf weisen auch Symbole hin, die das Wappen des alten Kaiserreichs Äthiopien zeigt: der judäische Löwe Zions, das Siegel Salomons (Davidstern), wie auch das Kreuz der Templer.

In der Liturgie der äthiopisch-orthodoxen Kirche befindet sich auf dem Altar, für alle Betenden sichtbar, eine Nachbildung der Bundeslade. Der jüdische Sabbat, der Samstag, ist neben Sonntag ein religiöser Feiertag. Während des Gottesdienstes, werden die frommen Chorsänger von Flöten und Trommeln begleitet – eben so wie in der Zeit des Psalmisten König Davids. Auch beschneiden äthiopische Christen ihre Jungen, halten Speisevorschriften, essen kein Schweinefleisch.
Alles das sind Regeln wie sie die hebräische Bibel vorschreibt.

Man sagt über die Christen Äthiopiens darum, sie seien »Judenchristen«, die nicht wie andere Christen überall auf der Welt, zuvor »Heiden« waren. Es waren Juden, die sich christianisierten, wahrscheinlich bereits im Jahr 316 – mehr als 60 Jahre bevor Rom das Christentum zur Staatsreligion erhob. Damit wäre Äthiopien der älteste christliche Staat der Erde.

Würde sich nun der Mythos über den Verbleib der Bundeslade tatsächlich in Äthiopien lösen, könnte man damit vielleicht die Heiligung dieses Landes erklären. Darum vielleicht schreiben manche, dass Äthiopien in zukünftigen, religiösen Ereignissen, eine besondere Rolle spielen wird.

Die Felsenkirchen von Lalibela

Zwischen Ende des 12. und Anfang des 13. Jhd. herrschte in Äthiopien Kaiser Gebra Maskal Lalibela. Bis heute verehrt ihn die äthiopische Kirche als Heiligen.

Als Junger Mann floh Lalibela vor seinem Onkel ins Exil nach Jerusalem, wo er wahrscheinlich von 1160 bis 1185 lebte. Manche behaupten, er hätte damals Kontakt gehabt zum Orden der Templer. In 1185 kehrte er nach Äthiopien zurück, wo man ihn in Aksum zum Kaiser krönte. Als dieser regierte er Äthiopien bis 1221.

Zwei Jahre nach Lalibelas Einsetzung als äthiopischer Kaiser, eroberte die Armee Sultan Saladins Jerusalem. Die heilige Stadt fiel damit wieder an die Muslime. Wohl als Antwort auf die Eroberung Jerusalems, baute Kaiser Lalibela in Äthiopien, die nach ihm benannte Kirchenstadt. Dort ließ er elf mehrstöckige Kirchen aus rotem Basalt meißeln. Gestaltung und Namen der Kirchen sollten eine symbolische Abbildung der Stadt Jerusalem sein. Bis heute weiß niemand, wie und von wem, dieses bautechnische Wunder letztendlich vollbracht wurde. Hatte Lalibela sein Geheimwissen von den Templern erhalten? Waren es Hugo von Payns geborgene Kenntnisse aus den unterirdischen Gruften von Zions?

Andere behaupten, man hätte die Arbeit mit Hilfe des mythischen Shamir vollbracht, einer Art steinernem Rieseninsekt. Dieser »Steinwurm« soll bereits König Salomon beim Jerusalemer Tempelbau geholfen haben, schnitt Felsen, Holz und Metall. Denn herkömmliche Schneidewerkzeuge, die auch jemanden töten konnten (Hammer, Meißel), waren für diese sakrale Arbeit unangebracht – so die jüdische Legende. Den sagenhaften Shamir erhielt Salomon vom Asmodäus – dem König der Dämonen. Ob nun aber die Tempelritter ausgerechnet dieses Wurmwesen unter dem Tempelberg fanden: man weiß es nicht.

Der Bau der Kirchen von Lalibela bleibt äußerst rätselhaft. Dennoch verwirklichte der äthiopische Kaiser, durch den Bau dieser Wunderstadt, das alte, israelitische Erbe auf äthiopischem Boden. Bis heute ist der Ort wichtigste Pilgerstätte Äthiopiens.

Befindet sich die Bundeslade in Äthiopien?

Im letzten Vers des 11. Kapitels der Johannes-Offenbarung, finden wir eine geheimnisvolle Beschreibung über den Aufenthaltsort der Bundeslade. Dort heißt es:

Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan, und die Bundeslade wurde in seinem Tempel sichtbar; und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und ein großer Hagel.

- Offenbarung 11:19

Dieser gewaltigen Beschreibung folgen weitere Verse, die umso interessanter erscheinen, wenn man sie auf Offenbarung 11:19 bezieht:

Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone aus zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. […] Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.

- Offenbarung 12:1-2,5

Nichts liegt näher, als die hier beschriebene Frau mit der Mutter Maria gleichzusetzen. Das Bild der Bundeslade in Offenbarung 11:19, auf Maria angewandt, die, nach christlicher Auffassung von Gottes Sohn erfüllt ist, verkörpert die »lebendige Lade eines neuen Bundes« zwischen Gott und der (christlichen) Menschheit.

Denket nicht, dass ich gekommen, das Gesetz (10 Gebote, Tora) oder die Propheten aufzulösen; nicht aufzulösen bin ich gekommen, sondern zu erfüllen.

- Matthäus 5:17

So wie die heilige Bundeslade der Israeliten, die Tafeln des Gesetzes (10 Gebote, Tora), Mosesstab und heilige Mannaschale enthielt, so trug später die Jungfrau Maria den Erlöser Jesus Christus in ihrem Leib – wurde selbst, wie einst die israelitische Bundeslade, zum Behältnis des Allerheiligsten:

Maria, in der der Herr selbst Wohnung nimmt, ist in Person die Tochter Zion, die Bundeslade und der Ort, wo die Herrlichkeit des Herrn thront.

- Aus dem katholischen Katechismus, Vers 2676

Wenn die hebräische Bibel die Bundeslade als Wohnstatt Gottes unter seinem Volk definiert, so könnte man, gemäß christlichem Dogma, Maria als Wohnstatt des inkarnierten Gottes sehen. In der Bundeslade befand sich die Tora, das Gesetz, wo das Wort Gottes in Stein geschrieben stand – in Marias Leib aber war das Wort Gottes nun Fleisch geworden:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

- Johannes 1:14

In der Bundeslade befand sich eine goldene Schale mit dem himmlischen Brot (Manna), dass die Israeliten in der Not ernährte – im Leib Marias wuchs das himmlische Brot des Lebens – etwas, das Unsterblichkeit bringt:

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

- Johannes 6:35

Diese Gegenüberstellung von israelitischer Bundeslade und der christlichen »Gottesmutter«, bringt uns noch ein Stück näher an die besondere Bedeutung des äthiopisch-orthodoxen Christentums, das ja sowohl die Gesetze der hebräischen Bibel, wie die des Neuen Testaments anerkennt. Das äthiopische Kebra Negest verwendet die Namen »Zion« und »Bundeslade« (darin als Gesetzeslade bezeichnet), darum wohl auch synonym:

Und Führer sei dir (Menelik) meine (Salomons) Herrin, die heilige himmlische Zion, die Gesetzeslade Gottes

- Aus Kebra Negest, Kap. 50

Wenn das Kebra Negest die Bundeslade nun schlicht »heilige himmlische Zion« nennt, liegt nahe, warum man der wichtigsten Kirche Äthiopiens, den Namen St. Maria von Zion gab. Es scheinen sich im äthiopischen Christentum die Symbole der Bundeslade Zions und Mutter Marias zu einen.

St. Maria von Zion

St. Maria von Zion ist die wichtigste Kirche Äthiopiens. Über Jahrhunderte krönte man dort die Kaiser. Das ursprüngliche Gebäude erbaute Kaiser Ezana, um 325 n. Chr. – in einer Zeit als sich Äthiopien christianisierte. Damit ist St. Maria von Zion die älteste Kirche der Welt.

80 Mio. äthiopische Christen glauben, dass sich die Bundeslade der Israeliten, in einer Kapelle befindet, die zur Gemeinde der St. Maria von Zion gehört. In diesem recht unscheinbaren Gebäude sollen die beiden Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten ruhen, die Gott dem Moses auf dem Berg Sinai gab. Das zumindest weiß die äthiopisch-orthodoxe Priesterschaft von Aksum.

Die Kapelle St. Maria von Zion steht auf einem Gelände, das feste Eisengitter umzäunen. In diesem winzigen Areal, bewacht ein mit dieser Aufgabe betrauter und auf Lebenszeit dort eingesetzter Priester. Er ist verpflichtet den Rest seines Lebens an diesem Ort zu verbringen. Nur er kennt den geheimen Zugang in die Kapellenwand, worin die Bundeslade eingemauert sein soll. Bevor man den Wächter dereinst zu seiner letzten Ruhestätte trägt, verrät er seinem erwählten Nachfolger, diesen geheimen Zugang.

Die Lade, so einer der äthiopisch-orthodoxen Priester von Aksum, soll Wunder vollbringen, da sie ja selbst ein Wunder ist, das Wirklichkeit wurde. Gott soll die heilige Bundeslade dem äthiopischen Volk gegeben haben, da es dafür bestimmt war – auserwählt, die Bundeslade im Geheimen zu hüten.

Die Rückkehr der Bundeslade nach Jerusalem

Natürlich besteht darüber Skepsis, ob sich die Bundeslade tatsächlich in dieser kleinen, äthiopischen Kapelle befindet. Sicher bezweifeln das fromme, nichtäthiopische Christen und Juden, wenn sie überhaupt davon wissen. Ganz gleich aber, ob sich die Bundeslade in Äthiopien, in Israel oder sonst wo befindet: es wäre verheerend, würde der tatsächliche Aufenthaltsort der Bundeslade heute bekannt werden. Ihr Auftauchen könnte die derzeitige Weltpolitik ziemlich ins Wanken bringen. Dann nämlich hätten religiöse Fanatiker ein wichtiges Argument, den von Ezechiel prophezeiten, dritten Tempel in Jerusalem zu errichten (Ezechiel 40-47) – denn wofür sonst, wenn nicht für die Bundeslade, sollte man ihn bauen?

Dieser goldene Kasten, wo immer er sich befindet, enthält die heiligsten Insignien der Israeliten. Es war aber vor allem eine heilige Apparatur, zum Schutz des Volkes. Diese Schutzfunktion wurde gemäß der heiligen Schrift später ausgeweitet, zu einem Konzept martialischer Macht. Das bezeugen, wie wir zeigten, die verschiedenen Berichte der hebräischen Bibel (Philister-Krieg, Kampf um Jericho). Doch sobald diese Art Gegenstand seinen Zweck erfüllt hat, verschwindet er mit der selben zerstörerischen Kraft, wie er einst selbst zur Zerstörung eingesetzt wurde.

Frieden und Reichtum

Man baute für die Bundeslade den Salomonischen Tempel, als sich Israel in einer Hochphase befand. Nicht zufällig beschreibt die Bibel Salomons üppige Reichtümer. Er benötigte sie. Wie sonst hätte er den ersten Tempel bauen können. Es scheint eine einzigartige Periode in der jüdischen Geschichte gewesen zu sein, die sich im selben Ausmaß nicht wiederholte.

In einem einzigen Jahr wurden König Salomo 666 Zentner Gold geliefert. Dazu kam noch das Gold, das er als Steuer von den Großkaufleuten und Händlern und als Abgabe von seinen Provinzverwaltern und den arabischen Königen erhielt.

- 1. Könige 10:14-15

Glaubt man also den alt-hebräischen Schriften, scheint es den Israeliten während der Salomonischen Herrschaft, sehr gut gegangen zu sein. Man genoss Frieden und Reichtum und lebte in Verhältnissen, die sich nach Salomons Tod nicht wiederholen sollten. Gut möglich, dass nicht all zu lange nach Salomons Tod, die Bedeutung der Bundeslade für die Juden vorübergehend verblasste. Besonders nachdem sie im 6. Jhd. v. Chr. verschwand.

In den Jahrhunderten nach Salomons Herrschaft, nahm auch das Funkeln der prächtigen Königsdynastien schließlich immer weiter ab. Irgendwann wandte sich die martialische Kraft der Bundeslade, wie es scheint, gegen sich selbst und gegen das Volk Israel. Dort wo sie einst auf dem Berge Moriah stand, kam es immer wieder zu kriegerischer Gewalt und Zerstörung. Das bestätigen uns leider auch immer wieder, jüngere Ereignisse auf dem Jerusalemer Tempelberg.

Würde die Bundeslade heute also auftauchen, was wären die Folgen? Bestenfalls wäre damit der Frieden im Heiligen Land gesichert – oder aber das Kommen des gefürchteten »Jüngsten Tages« endgültig besiegelt.

In der letzten Zeit (Endzeit) aber wird der Berg mit dem Tempel des Herrn fest gegründet stehen als der höchste unter den Bergen und über die Hügel erhaben sein, und alle Heiden werden zu ihm strömen

- Jesaja 2:2

Muslimische Theologen würden diesen Vers wahrscheinlich zu ihren Gunsten interpretieren. Bis zu diesem Zeitpunkt aber, werden sich wahrscheinlich noch einige Dinge ändern: für Juden, Christen und Muslime.

Das äthiopische Kebra Negest schreibt, dass eine Rückkehr der Bundeslade nach Jerusalem unmöglich ist. Angeblich entscheidet dieses göttliche Instrument selbst, wann es seinen irdischen Aufenthaltsort wechselt. Wann dieser Zeitpunkt aber eintreffen könnte: niemand weiß es. Auch von den Hohepriestern im äthiopischen Aksum, fehlt dazu jeder Kommentar. Sie sind und bleiben dazu verpflichtet, über die wahre Bedeutung und den eigentlichen Aufenthaltsort der Bundeslade zu schweigen.

Du könntest sie (die Bundeslade) sicher nicht nach Jerusalem zurückbringen, wenn du auch wolltest, und auch dein Vater sie nicht fortnehmen, wenn er wollte; denn sie selbst geht, wohin sie will, und sie kann von ihrem Wohnsitz nicht weggenommen werden, wenn sie nicht will.

- Aus Kebra Negest, Kap. 53

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Esoterik des Pfingstfestes

Esoterik des Pfingstfestes

Am 50. Tag nach Ostern feiern die Christen das Pfingstfest. Der Name "Pfingsten" ist hervorgegangen aus der entsprechend alt-griechischen Bezeichnung pentekoste, "fünfzigster (Tag)". An diesem Tag ergoss sich der Heilige Geist über die Apostel Christi, die zum jüdischen Fest Schawuot versammelt waren (Schawuot: entspr. 50. Tag nach Pessach).

Die erste Christengemeinde wurde ebenfalls an Pfingsten gegründet, im Jahr 130 n. Chr.

Pfingsten ist ein Hochfest, an dem Christen das von Jesus angekündigte Kommen des Heiligen Geistes erwarten. An diesem Tag feiert man zugleich den Abschluss der Osterzeit.

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Feuerflammen, die sich verteilten; auf jedes ihrer Häupter ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

- Apostelgeschichte 2:1-4

In unserer Zeit feiern viele Gläubige ihre Feste, ohne so recht zu wissen, was sie eigentlich bedeuten. Vielleicht finden sie das Datum im Kalender als Feiertag (Pfingstmontag). Für Menschen die sich aber für Esoterik und die Ewige Weisheit der spirituellen Traditionen interessieren, ist es wahrscheinlich spannender, die tiefere Bedeutung hinter diesen uralten Festereignissen zu erkennen.

Das Pfingst-Ereignis gleicht einer Wundergeschichte. Auf die christlichen Jünger senkte sich der Heilige Geist und sie verstanden sich nicht mehr, wie obiges Zitat aus der Apostelgeschichte bereits andeutete, da sie anfingen in allen möglichen Sprachen zu reden. Sie fanden also zu jedem Menschen auf der Welt Zugang, womit man gewissermaßen das Pfingstereignis als auflösenden Gegenpol zum Babylonischen Turmbau sehen kann, wo ja der göttliche Geist die Sprachen verwirrte und sich eben niemand mehr verstand. Es gibt anscheinend aber noch tiefere Bedeutungen dieses Festes.

Pfingsten - ewigeweisheit.de

Über das Wesen des Heiligen Geistes

Geistig-seelischen Wesen (Engel) stiegen am Pfingstereignis hinunter in die Menschenwelt und entzündeten die zwei höheren Wesensglieder der Apostel: Seele und Geist. Doch die christliche Menschheit wartet noch auf diese "Entzündung" durch diese Wesen des Heiligen Geistes. Erst wenn die körperliche Natur der Christen, aus sich selbst den Aufstieg versuchen kann, wird der Heilige Geist auch über sie kommen. Dann ist die Zeit des spirituellen Erwachens eingetreten.

Das durch den Christus am Kreuz erbrachte Opfer zeigte, dass sich der Mensch aus dem physischen Leben heraus in ein höheres Bewusstsein entfalten kann. Sein niederes, physiologisches Ich, lebt in seinem Körper. Sein höheres Ich, kann sich aber nur entwickeln, wenn das körperliche Ich entsprechend "entzündet" wird. Erst dann kann der Geist erscheinen und erleuchten, wie einst auf den Häuptern der Apostel als flackernde Flamme. Hierin liegt das tiefere Mysterium des Pfingstfestes.

Himmelfahrt und Geisterguss

Ostermysterium und Pfingstmysterium bilden eine Ganzheit: für die Christen entäußerte sich das körperliche Ich im großen Menschheits-Repräsentanten Jesus Christus, dessen Körper am Kreuz starb. Seine körperliche Natur wurde damit verklärt und den göttlichen Mächten zurückgegeben. Das symbolisiert die Himmelfahrt. Wenn auch der christliche Mensch seinen leiblichen Körper verklären könnte, wäre er reif, die spirituelle Lebendigkeit des Heiligen Geistes auch über sich ausfließen zu lassen. Sobald das geschehen ist, wird der christliche Gläubige wohl erfassen, was es mit der "Ausgießung des Heiligen Geistes" auf sich hat.

Pfingsten ist ein Symbol für das Streben des menschlichen Intellekts, hin zu einem spirituellen Erwachen. Das Pfingstfest steht für die Befreiung des menschlichen Geistes, sowie sein Ringen nach einem Bewusstsein absoluter Freiheit.

Ostern ist das Auferstehungsfest, während Pfingsten das Fest der Bewusstwerden des menschlichen Geistes ist und damit auch ein Fest für jene, die wissen und erkennen wollen, durchdrungen vom Wunsch nach geistiger Freiheit.

Ganz abgesehen nun, ob wir Christen sind oder nicht: wir wollen in einer sinnerfüllten Welt leben. Ganz gleich welche Jahresfeste gefeiert werden, sollten wir nicht gedankenlos nur an ihnen teilnehmen, sondern versuchen uns zu verbinden mit den dabei wirkenden, vielleicht unsichtbaren Naturereignissen. Wir sollten wissen, wo im Leben unser Platz ist und nicht nur im Halbschlaf dahinleben.

An Jahresfesten wie diesen können wir uns daran erinnern, wo unser Platz in dieser Welt ist und wie sich eine vollbewusste Entfaltung unseres ganzen Wesens erreichen lässt.

Christliche Feste heidnischen Ursprungs

von S. Levent Oezkan

ewigeweisheit.de

Noch bis ins 5. Jhd. huldigten die Römer der Muttergöttin Kybele und deren Sohn Attis. Viele Aspekte dieses und anderer heidnischer Kulte, insbesondere des Mithraskults, scheint die Christenheit später in ihre religiösen Zeremonien integriert zu haben.

Den alten Kult von Kybele und Attis, gab es überall im Römischen Reich. Zuerst wurde die Magna Mater (Große Mutter) in Kleinasien, später auch in Griechenland und Rom verehrt. Es ging in diesem Kult um einen Dualismus, das Zusammenwirken der Geschlechter, mit dem Ziel Neues in die Welt zu gebären. Nach alter Vorstellung wurde die Welt aus dem finsteren, wüsten Chaos des Universums geboren, als sich der männliche Himmel und die weibliche Erde vereinten. Man glaubte diese Geburt jedes Jahr erneut im Frühlingserwachen zu erkennen, wo quasi aus der Dunkelheit des Winters, Pflanzen und Tierwelt, ins neue Licht treten, zu neuem Leben erwachen. Viele Symbole dieses Frühlingserwachens, finden sich im kleinasiatischen Mythos von Kybele und Attis, wie auch im Kult um den iranischen Sonnengott Mithras. Bis in die Spätantike waren diese Mysterienkulte im ganzen römischen Reich verbreitet.

Der Mythos von Attis und Kybele

Nach dem von Pausanias überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Agdos (Berg in Kleinasien) ein. Wild träumend ergoß sich sein Samen auf die Erde. Sofort wuchs an dieser Stelle, aus einem Felsen, ein zwitterhaftes Wesen hervor: Agdistis. Es war eine wahre Schreckgestalt, vor der sich die anderen Götter fürchteten. Aus Angst verbündeten sie sich gegen Agdistis. In einem listigen Akt kastrierten sie ihn. So entmannt, verwandelte sich Agdistis zur Großen Muttergöttin Kybele. Die abgetrennten Genitalien aber verwandelten sich in den Jungen Attis – gleichzeitig Sohn und Gemahl der Kybele. Sich gegenseitig immer noch anziehend, zogen sie als glücklich verliebtes Geschwisterpaar durch Kleinasien. Doch da begegneten sie der schönen Prinzessin von Pessinus, in die sich Attis sofort verliebte. Doch die vor Eifersucht rasende Kybele schlug Attis, die Prinzessin und den gesamten Hofstaat von Pessinus mit Wahnsinn. Vollkommen irre, rannte Attis hinaus in den Wald und entmannte sich unter einer Pinie. An dieser Verletzung verblutete er. Nun sah Kybele das Ergebnis ihres Zornes. Sie bedauerte was sie mit ihrem Sohngemahl angerichtet hatte. Reumütig bat sie Zeus, ihren geliebten Attis wieder zum Leben zu erwecken. Zwar gewährte der Göttervater und gab dem Attis sogar ewiges Leben, doch er sollte von nun an für immer schlafen. Alles was sich an ihm bewegte war der kleine Finger seiner Hand.

Kybele trug den schlafenden Attis zu einer Höhle, nahe der Stadt Pessinus, wo sie später, ihm zu Ehren, ein Tempel errichteten. Von da an feierte man dort jedes Jahr ein großes Fest, wo der ewig Schlafende beweint wurde. An diesem Ort soll sich auch ein schwarzer Meteorit befunden haben.

Die Figur des schlafenden Attis in der Höhle, ist natürlich ein Symbol für die Seele, die unbewusst in der Höhle des menschlichen Körpers schlummert.

Blutorgie

Um Frühlingsanfang feierte man im römischen Kleinasien die Einweihungsmysterien der Göttin Kybele. In Aufsehen erregenden Umzügen, tanzten weiß bemalte Kybele-Priester, mit nach Rosen duftenden Haaren, durch die Stadt. Die Straßen waren gesäumt von der jubelnden Menge. In gewisser Hinsicht ähneln solche Ereignisse dem griechischen Mysterienkult von Eleusis. Vom Volk sammelte die Priesterschaft Almosen zur Vergebung für das Blutvergießen des Attis.

Die Kybele-Riten waren ein Blutkult: man sah, wie sich die tanzenden Priester Becher reichten und daraus einen dicken, roten Saft tranken: wohl das Blut eines geopferten Lammes. Erinnert das nicht an den viel jüngeren Kult der christlichen Eucharistie?

Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

- Matthäus 26:28

Auch die Thematik der Wiederauferstehung, klingt an im alten Kult um Kybele und Attis. Der alte Körper stirbt, befreit sich dabei von den Sünden, wieso Blut zu seiner Vergebung vergossen wird. Die wahre Bedeutung dieser symbolischen Handlungen, blieb der tosenden Menge jedoch unbekannt. Sie fühlten sich einfach nur hingerissen, von der Magie dieses orgiastischen Treibens.

Die Mysterien der Muttergöttin Kybele waren im Orient nur eins, einer Vielzahl ähnlicher religiöser Riten. Im alten römischen Reich verbreiteten und vermischten sich verschiedene Mysterien-Ideale.

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Die Göttin Kybele

Eine kulturelle Zeitenwende

In den alten Gesellschaften Griechenlands und Roms galt, sich als Individuum der Gemeinschaft unterzuordnen. Die Bürger, als Teil des Staats, bildeten das Fundament für Gemeinwohl und Sicherheit. Man erhoffte sich damit aber nicht alleine weltliche Sicherheit, sondern glaubte, dass sie auch in der kommenden Welt, sozusagen »nach der Auferstehung« fortbestehe.

So schenkten die Bürger einer Stadt ihre Hingabe dem öffentlichen Zusammenleben. Schon als Kinder lernten sie die Uneigennützigkeit als höchstes Ideal kennen. Selbst wenn sie benachteiligt aufwuchsen, oder es die göttliche Vorsehung nicht so gut mit ihnen meinte, widmeten sie sich trotzdem dem öffentlichen Dienst an ihrer Mitbürgern. Das Interesse des Gemeinwohls, zog man den eigenen Wünschen vor. Eine recht ungewöhnliche Sicht auf das Leben, verglichen mit unserer heutigen Welt.

Doch als sich die alt-orientalischen Religionen in Europa verbreiteten, veränderte sich diese Haltung. Wir verstehen heute unter »orientalisch« vornehmlich islamische Länder. Doch der Islam ist ja eine recht junge Religion, die sich erst im 7. Jhd. n. Chr. verbreitete, im Gebiet des alten römischen Reichs und weit darüber hinaus. Was damals aber geschah war vielmehr die Ausbreitung einer bisher nicht dagewesenen Vorstellung darüber, was die Seele des Menschen eigentlich ist. Man sah in der Seele des Einzelnen ein direktes Bindeglied zu Gott. Durch dieses, dem Westen wohl noch vollkommen neuen, religiösen Ideal, sah man, dass Erlösung für das Individuum möglich war – auch unabhängig vom Gemeinwohl. Der Überbau einer staatlichen Gemeinschaft war für die Erlangung ewigen Heils also garnicht notwendig. Dem Staat durch das eigene Dasein zum Wohlstand zu verhelfen, wurde damit natürlich immer uninteressanter. Es ließ sich somit nicht mehr vermeiden, dass sich »Gläubige«, immer mehr aus dem Dienst an der Gemeinschaft zurückzogen, denn sie waren nun auf ihre eigene emotionale und spirituelle Erfüllung aus.

In dieser Zeit begannen die Menschen verachtend auf das gegenwärtige Leben herab zu schauen. Die gegenwärtige Inkarnation war mehr eine Vorstufe in ein besseres, ewiges Leben. Höchstes Ideal des Menschseins war nun nicht mehr das Gemeinwohl, sondern das himmlische Fortbestehen der eigenen Seele. Irdische Helden vergaß man, einstige Patrioten, die für ihr Land starben, galten nicht mehr viel. Alles was mit dem irdischen Dasein und dem Leben in den Städten zu tun hatte, verachtete man zunehmend. Das Reich der Gottheit siedelte man nicht mehr auf Erden an, sondern sah das Paradies im Himmel. So verlagerte sich die Bedeutung eines gegenwärtigen, irdischen Lebens, hin zu einem zukünftigen himmlischen Leben in Gott.

Abwendung vom Weltlichen

Mit dieser Entwicklung setzte eine Auflösung des alten politischen System ein. Die Beziehungen zwischen Staat und Familie lockerten sich, die Bande zwischen Gemeinwesen und Individuum lösten sich immer mehr. Nur wohin sollte das führen? War mit dem Zerfall dieser uralten Gesellschaftsstruktur, nicht ein Rückfall in die Barbarei gegeben? Nur wenn die Menschen einer Gesellschaft bereit dazu sind zusammenzuarbeiten und sich den Interessen des Gemeinwohls unterzuordnen, kann ein sicheres Zusammenleben überhaupt funktionieren. Mehr und mehr aber identifizierte man das Irdische, die materielle Welt, mit dem Prinzip des Bösen. Man begann nun also nach dem eigenen seelischen Wohlergehen zu streben, wandte der irdischen Welt folglich den Rücken.

Tausend Jahre lang, bis ins Mittelalter, lebten immer mehr Menschen in dieser, fast schon wahnhaften Abkehr von allem Weltlichen. Erst mit der Renaissance (europäische, Kulturepoche des 15. und 16. Jhd.) wurden in Europa, neue gesellschaftliche Fundamente geschaffen, die auf aristotelischer Philosophie und römischem Recht basierten. So versuchte die westliche Weltgesellschaft zurückzukehren zu ihrem alten gesellschaftlichen Erbe. Nur waren die Grundlagen dieser alten Weltanschauung, nicht wie einst weiblich geprägt. Jetzt nahm den Platz der antiken Muttergöttin der Erde, ein väterlicher Himmelsgott ein.

Verehrung des Gottes Mithras

Der Himmelsgott der nach der Zeitenwende an Bedeutung gewann, war der himmlische Sonnengott Mithras. Auf dem Gebiet des alten römischen Reichs, finden sich unzählige Denkmäler, die auf diesen alten Mysterienkult hinweisen. Den ursprünglich iranischen Gott Mithras, verehrte man als personifizierte Sonne. Viele Elemente die sich in den alten Mutterkulten finden, wie auch solche aus der viel jüngeren Christenheit, ähneln dem Mithraskult in Ritus und Bildnis. Die Priester der noch jungen Christenheit sahen in den Mithras-Bildnissen und -Kultstätten vielleicht eine Gefahr, zumindest aber eine gefährliche Konkurrenz. Für sie waren sie schlicht ein Werk des Teufels, die die Seelen der Christen-Gläubigen gefährde und vom wahren Glauben abbringe. Was konnte man gegen Mithras, den Nebenbuhler Christi, unternehmen?

Zweifellos war der Mithras-Kult für die junge Christenheit ein schwieriger Rivale. Manche Historiker der Vergangenheit, so etwa der Franzose Ernest Renans (1823-1892) vertraten die Meinung, dass die westliche Welt bis heute vielleicht den Mithraismus als Staatsreligion angenommen hätte, wäre nicht das Christentum aufgrund zufälliger Ereignisse in seiner Ausbreitung gehemmt worden. Beide »Kulte«, Mithraismus und Christentum, ähnelten sich in vieler Hinsicht. Wie die Christen, strebten die Anhänger des Mithras nach moralischer Reinheit und hofften auf Unsterblichkeit. Wahrscheinlich übernahm die christliche Kirche, auch das Datum des Weihnachtsfest, aus dem alten römischen Mithras-Kult. Aus den Evangelien erfahren wir nichts über den Geburtstag Jesu und so feierten die ersten christlichen Sekten, bis ins 4. Jhd., die Geburt ihres Heilands an verschiedenen Tagen.

Der 25. Dezember, der erste Tag nach der Wintersonnenwende, wurde ab einem bestimmten Datum als Geburtstag Jesu festgelegt. Ab diesem Tag nahm die Kraft der Sonne wieder zu, die Tage wurden wieder länger, das Tageslicht wurde in dieser Phase des Jahreslaufs geboren.

Ursprung des Weihnachtsdatums

In Syrien und Ägypten war Weihnachten ein ekstatisches Fest. Nachdem sich die Priester für einige Zeit in die Stille eines Schreins zurückgezogen hatten, kamen sie an Mitternacht zum 25. Dezember laut rufend heraus auf die Straßen:

Die Jungfrau hat den Heiland geboren! Das Licht nimmt zu!

Dabei trugen sie den Gläubigen das Bildnis eines Kindes entgegen, als Sinnbild des neugeborenen Sonnengottes. Das Bild, der am 25. Dezember gebärenden himmlischen Jungfrau, stammt ohne Zweifel aus dem Orient. Seine römischen Verehrer nannten den Mithras »die unbesiegte Sonne« – unbesiegt, da er mit seiner jährlichen Geburt am 25. Dezember, die Finsternis des Winters überwand.

Zu etwa selber Zeit etablierte sich, bei den ägyptischen Christen (Koptische Kirche), der 6. Januar als Christi Geburtstag. Dieses Datum galt bald für alle Ostkirchen (z. B. Griechisch-Orthodox, Russisch-Orthodox). Bis heute markiert es den Weihnachtstag. Diese Datumsfestlegung haben die Westkirchen jedoch nie übernommen. Für sie blieb der wahre Geburtstag des Herrn der 25. Dezember. Dieses Datum akzeptierten später auch die orthodoxen Ostkirchen. Heute feiert auch die griechisch-orthodoxe Kirche am 25. Dezember das Weihnachtsfest. Diese Vereinbarung wurde im Jahr 375 n. Chr. in Antiochien (antike Stadt, heute türk. Antakya) festgelegt. Ausnahme bildet das griechisch-orthodoxe Kloster St. Kathrin im Sinai (Ägypten), dass Weihnachten auch heute noch am 6. Januar feiert.

Wieso aber kam es zu dieser Datumsänderung? Nun, die damaligen Christen nahmen noch teil an den Feierlichkeiten der »Heiden«, die am 25. Dezember die Wiedergeburt der »Sonne der Gerechtigkeit« feierten. Man entzündete zu diesem Anlass Lichter, was wir ja auch heute noch in unseren Breiten vollziehen: brennende Kerzen werden an den Zweigen des Weihnachtsbaumes entzündet.

So legten die Kleriker der Westkirche später fest, dass also die Geburt Christi am 25. Dezember, Heilige Drei Könige dann am 6. Januar stattfinden sollten. Daher kommt der Brauch, dass die Weihnachtslichter (Kerzen, Öllampen) bis zum 6. Januar brennen. Hat die junge Christenheit die heidnischen Festlichkeiten aber vielleicht einfach in ihren Glauben übernommen? Wenn dem so ist, besteht kaum Zweifel, dass auch das Osterfest, an dem die Erlösung und der Tod Christi gefeiert wird, sowie seine Auferstehung, ebenso aus einer anderen asiatischen Religion assimiliert wurde. Wenn wir uns verschiedene mediterrane Osterriten ansehen, ist die Ähnlichkeit zu den Riten des Adonis recht auffällig. Sie waren insbesondere wichtig für die damalige, griechisch sprechende Bevölkerung Süditaliens (Sizilien) und Griechenlands. Der Name Adonis ist außerdem ein Lehnwort aus der semitischen Sprache, dass dem hebräischen Adonai – dem Namen, der in der Bibel zur Bezeichnung des Herrn JHVH (Jahve) verwendet wird. Auch Adonis war, wie andere Götter (unter ihnen der ägyptische Osiris oder der kleinasiatische Attis), ein Gott der Wiederauferstehung und der Vegetation. So scheint es sehr wahrscheinlich, dass die junge Christenheit den alten Glauben tatsächlich in ihren eigenen assimilierte. Schließlich galt die Legende vom sterbenden und wieder auferstehenden Gott als heilig. Und das war etwas, dass eben in jener Region entstand, wo sich später das Christentum verbreitete. Was Adonai in Palästina, Osiris in Ägypten, Attis im alten Kleinasien oder Adonis im alten Griechenland war, sollte Anfang des ersten Jahrtausends der Christus ersetzen. Schließlich verbot man im Jahr 391 die alten Kulte (unter Kaiser Theodosius I.), deren Ausübung von da an mit dem Tode bestraft wurde. Nun war das Christentum römische Staatsreligion.

Ostern und andere christliche Feste

Bevor man den alten Kult verbot, wurden im alten römischen Reich, offiziell Attis und die Große Muttergöttin Kybele verehrt. Attis' Tod und Wiederauferstehung wurden zwischen dem 24. und 25. März gefeiert – also in etwa um die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Kein anderes Datum wäre für die Auferstehung eines Fruchtbarkeitsgottes passender gewesen, denn es markiert den Frühlingsanfang, wo die Natur quasi wiederaufersteht.

Bevor man in der Westkirche das Osterdatum anhand des ersten Vollmonds nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche berechnete, wurde Christi Wiedergeburt einfach am 25. März gefeiert. Man übernahm dieses Datum aus den Festlichkeiten zu Ehren des Attis (bzw. Adonis). Die Passion Christi wurde also mit einem viel älteren Kult »harmonisiert«. Das Datum, an dem man heute das christliche Osterfest feiert, ist also bereits sehr alt.

Interessant in diesem Zusammenhang, ist die Ansicht eines alten französischen Kirchenhistorikers: für Louis Duchesne (1843-1922) war der Todestag des »Sohn Gottes«, selben Datums wie der Tag an dem »Gott der Vater« die Welt erschuf! Im alten Rom vereinigten sich dieser »Sohn« und »Vater« in der Gottesgestalt des Attis. Seine Auferstehung feierten die Römer eben an diesem Tag – dem 25. März.

Auch andere Daten heidnischer Feste, ersetzte die Kirche durch christliche Feste:

  • Der Geburtstag des Heiligen St. Georg, der 23. April, trat an die Stelle des heidnischen Hirtenfestes Parilia, an dem man opferte, sich und den Hausstand zur Erneuerung reinigte.
  • Das Fest der Sommersonnenwende am 24. Juni, wurde zum Geburtstag des Propheten Johannes dem Täufer.
  • Einst feierte man die Nemoralia zu Ehren der römischen Jagdgöttin Diana (griech. Artemis) am 15. August. Die Kirche ersetzte das Fest durch Mariä Himmelfahrt.
  • Am 1. November feierte man im alten Irland das keltische Totenfest Samhain, bis es durch das katholische Allerheiligen (Haloween) ersetzt wurde.

Selbst wenn das Wesen der Kirchenfeste einzigartig bleibt, und der christliche Klerus natürlich darauf besteht, ist es sicherlich mehr als ein bemerkenswerter Zufall, dass die Daten der heidnischen Fruchtbarkeits-, Geburts- und Totenfeste, mit denen der christlichen Feste übereinstimmen. Es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass sich diese Übereinstimmung zufällig ergab. Es gibt neben den Zeitpunkten auch sonstige verblüffende Parallelen zwischen Heidentum und Christentum. Besonders der Kontext in dem der solare Gott Mithra von den Römern verehrt wurde, scheint einfach ins Christentum übernommen worden zu sein:

  • Bevor Mithras starb, hielt er mit zwölf Jüngern ein letztes Abendmahl. Dabei wurden Brot oder Fleisch, Wasser oder Wein gereicht.
  • Mithras wurde begraben und erstand auf von den Toten.
  • Mithras war als Sonnengott, der Sonntag geweiht, eben jener Tag an dem bis heute die Christen ihren offiziellen Gottesdienst ausüben.
  • Wichtigstes Symbol des Mithraismus war das Kreuz.
  • Der höchste Mithras-Priester trug als Amtszeichen eine phrygische Mütze – die »Mitra«, der Vorläufer der Bischofsmütze. Seinen Körper kleidete ein rotes Gewand, er trug einen besonderen Ring und den Hirtenstab.

Es dürfte nicht verwundern, wenn es in den ersten Jahrhunderten der jungen Christenheit, wohl darum zu erheblichen Konflikten gekommen war, zwischen Christen und sogenannten Heiden. Für die Anhänger der Mysterien um Attis und Kybele war ganz klar, dass die Kirchenfeste reine Imitationen ihres eigenen Kults waren. Für sie war die Auferstehung Christi eine fadenscheinige Imitation der Auferstehung des Attis. Seitens des christlichen Klerus aber, war, wie könnte es anders sein, Attis nur eine diabolische Nachahmung Christi. Die Heiden wussten natürlich, dass Attis keine Kopie Christi sein konnte, da ihr Kult ja viel älter war als das damals noch blutjunge Christentum. Doch der Klerus wies diese Beschuldigung von sich. Satan versuchte durch Attis die natürliche Ordnung des Reiches Gottes, zu seinen Gunsten umzukehren. Man sah in Christus ein hohes Wesen, dass den Scharfsinn Satans überwand und den wahren Weg zum Heil führte. Es war für die Kirche aber in Wirklichkeit ein Kompromiss. Die jungen Christen waren gezwungen die Feste ihres Heilands, zu selber Zeit wie ihre heidnischen Rivalen zu feiern. Wie sonst hätten sie es geschafft, das Wesen des alten Attis zu überwinden? Hätte man die christlichen Feste an anderen Tagen des Jahres gefeiert, denen noch dazu der solar-kosmische Aspekt fehlte (vier jährliche Sonnenstationen), hätten Mithraismus oder Attiskult, das junge Christentum womöglich verdrängt. Darum sollte der alte Heiland durch den Christus ausgetauscht werden, was auch geschah, und, wie es scheint, sich nach dem Gesetz einer höheren Ordnung auch tatsächlich ereignete. Wenn christliche Urmissionare außerdem mit ihrem neuen Glauben die Welt erobern wollten, mussten sie die unbiegsamen Bedingungen ihres Gründers Jesus Christus etwas lockern. Eine Öffnung gegenüber dem sogenannten Heidentum, erfolgte also durch die Übernahme der Festdaten, der viel älteren Kulte von Attis oder Mithras.

Der schmale Weg, der zum Leben führt

- Matthäus 7:14

Es scheint also, als hätten die damaligen Anhänger des jungen Christentums, diesen Weg von dem Jesus im Matthäus-Evangelium spricht, für sich etwas breiter gemacht, indem sie die heidnischen Feste in ihren christlichen Glauben einfach übernahmen.

Neue Religionen ersetzen alte Kulte

Doch diese Entwicklung gab es nicht allein im Westen. Auch in Fernost ereignete sich, wenn auch einige Jahrhunderte früher und vor einem anderen Hintergrund, eine Anpassung alter Riten an die Gegebenheiten eines neuen Zeitalters. In mancher Hinsicht ähnelt die Geschichte des Buddhismus der des Christentums. Beide »Religionen« basieren scheinbar auf der ethischen Reform eines viel älteren Glaubens. Vorläufer des tibetischen Buddhismus war der Bön. Im Hinduismus Indiens galt Buddha als neunte Inkarnation Vishnus. Im Westen bezeichnete sich schließlich Jesus Christus als »König der Juden«.

Die Gründer dieser neuen spirituellen Traditionen, Buddha bzw. Christus, betonten in ihren Lehren gleichermaßen Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe. Sie sollten die Menschheit, jeder auf seine Weise, aus ihrer schwachen, irrenden Wesensnatur herausführen und den Einzelnen zu moralischer Tugend erziehen. Beiden ging es um das ewige Heil des Einzelnen, die Läuterung der individuellen Seele und die Befreiung aus körperlichen Begierden. Nur war, und ist, der Weg zu diesem hohen Ziel, für die meisten Menschen einfach zu eng und die Gefahr von diesem Weg abzukommen leider groß. Nur wenigen gelingt es ihn zu beschreiten – wie es scheint nur jenen, die in der Abgeschiedenheit der Klöster leben. Mönchtum, Askese und Eremitentum, sind ein typisch buddhistisches und christliches Phänomen.

Damit diese Glaubensrichtungen, einheitlich von einer ganzen Nation akzeptiert werden, müsste im Buddhismus und im Christentum, eine dahingehende Änderung vollzogen werden, als dass sie gewissermaßen mit den Vorurteilen, dem Zorn und dem Aberglauben des verantwortungslosen Pöbels, in Übereinstimmung gebracht würden. Bis heute übernehmen diese Aufgabe weniger »feinstofflich empfindenden« Individuen. In Buddhismus sind das die Lamas, im Christentum die Bischöfe. Sie sind Mittler zwischen den hohen Weisen, die als Eremiten in der Abgeschiedenheit leben, und der »Herde der Gläubigen«. Im Laufe der Zeit jedoch, absorbierten diese beiden Religionen immer mehr pagane Elemente. Sie wurden im Sinne der neuen Religion institutionalisiert, um den älteren, heidnischen Glauben auch wirklich auszumerzen.

Wir sollten nicht vergessen, dass in Buddhismus und Christentum, Armut und Zölibat immer angepriesen wurden. Doch damit sind sie keine Religionen für alle Menschen, sondern eigentlich nur für jene, die sich in ihrer individuellen Seelenexistenz, direkt angesprochen fühlen. Der größte Teil der Menschheit folgt dieser Weisheit (oder Torheit?) aber nicht. Selten maß man der Errettung der eigenen Seele all zu viel Bedeutung zu, da man sie nicht als eigenständiges Wesen sah, dass den Körper als Erfahrungsvehikel benötigt. Außerdem führte eine solche Errettung der Seele, wie sie in Christentum und Buddhismus angepriesen werden, ja eigentlich zur Auslöschung der menschlichen Spezies.

Christentum, wie auch Buddhismus, streben die »bescheidene Entsagung« an, die die Seele aus den Qualen irdischen Lebens für immer befreien soll. Doch diese Auffassung können nur jene teilen, die sich nicht mehr mit ihrem Körper identifizieren wollen, sondern die Befreiung aus der materiellen Welt anstreben.

 

 

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Die Sufis: Bewahrer der Essenz aller Religionen

von S. Levent Oezkan

Ein Sufi kann sich überall und jeder Form des Umgangs anpassen. Auch wenn die Sufis vor allem in islamischen Ländern leben, sind nicht alle Sufis Muslime. Sufismus braucht sich keiner Religion anzupassen. Doch durch seine tolerante Art kann der Sufismus dazu beitragen, dass sich Menschen verschiedener Religionen näher kommen.

Wie unzählige andere Texte über Sufismus, ist auch dieser Text ein Augenzwinkern, um den Suchenden anzulocken und zu führen an den Ort, wo ein jeder Sufi-Weg beginnt. Eigentlich lässt sich nicht wirklich über Sufismus schreiben. Man kann nur ein Sufi sein, denn Sufismus ist lebendig und steht für sich. Er braucht nicht Koran, Bibel oder andere heilige Büchern wortgetreu erfüllen. Im Gegenteil macht das Sufitum aus der toten Schrift etwas Lebendiges.

Einst fragte einer den Sufi Al-Hasan Al-Basri: "Was ist Islam und was sind die Muslime?" Er antwortete: "Islam steht in den Büchern und die Muslime sind in den Gräbern."

Es waren vor allem Sufis die die Religionen in Ost und West in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder belebten. Zum regen Austausch zwischen Orient und Okzident trugen die wandernden Sufi-Derwische bei. Sie sprachen mit Menschen verschiedenen Glaubens und erkannten dabei, dass es eine Ewige Weisheit (Sophia Perennis) gibt, die hinter allen Glaubensrichtungen und Religionen steht. Wahrscheinlich waren die Ordnesgründer neuerer Religionen, wie z. B. des indischen Sikhismus oder des Jesidentums, selbst Sufis.

Der Kern des Sufismus

Ein Sufi sieht sich mit dem allumfassenden Gott in einer Liebesaffäre, in einer Liebe zur Ganzheit allen Seins. So ist ein Sufi dazu bereit sich der Ganzheit Gottes zu ergeben und sie in sein Herz aufzunehmen. An sich besitzt der Sufismus kein Dogma, keine Formalitäten oder Glaubensbekenntnisse. Sufi sein bedeutet nicht in erster Linie einer Institution, einer organisierte Glaubensgemeinschaft oder einer Kirche anzugehören. Einzige Vorbilder eines wahren Sufis sind die Gottgesandten und Erleuchteten der großen Religionen: Mohammed, Jesus Christus, Moses, Zarathustra, der Mani, der Krishna oder der Buddha.

Es sind nur verschiedene Namen die die Religionen besitzen, doch gemeinsam ist ihnen die innigliche Beziehung zu Gott. Doch diese Beziehung birgt eine Gefahr: je näher man dem Göttlichen kommt, desto mehr beginnt sich das Ich zu erübrigen. Mit Gott eins zu werden, dass bedeutet für den Sufi zu sterben. Nur so glaubt er wirklich leben zu können. Für den Sufi beginnt das wahre Leben nach dem irdischen Leben, wenn der Körper aus Fleisch und Blut gestorben ist. Unser irdisches Leben ist für den Sufi nur ein Zwischenstadium. Verglichen mit dem kommenden Leben in Gott, ist das irdische Leben für ihn nur recht mittelmäßig. Es ist das Leben in einem sterblichen Körper der leidet. Der Körper bildet das Gemäuer eines finsteren Kerkers worin sich unsere Seele eingeschlossen befindet. So ist die Seele alles andere als von göttlicher Extase erfüllt. Der Körper der Leidenschaften, den das Ich repräsentiert, steht der Verbindung zwischen Seele und Gott im Weg. Die Sufis sehen die Sehnsüchte und Leidenschaften ihres Körpers als Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Für sie trennt die "Schale des Körper" das Ich vom Du. Auch das universale Ganze ist durch den Körper getrennt: in ein Jenseits und ein Diesseits.

Der Weg des Sufi

Wer bereit ist den Weg des Sufi zu gehen, tritt diese Reise an in seinem Herzen. So wie sich eine Rose entfaltet und ihren Duft verströmt, so muss sich das Herz des Suchenden öffnen, muss sich danach sehnen zu suchen - so wie die Blüte sich nach der Biene sehnt, um von ihr bestäubt zu werden.

Wer sich auf den Sufi-Pfad begibt hat sich dazu entschlossen aus dem Schlaf des Alltags zu erwachen. Er will sein Herz erwecken, dass so lange in seiner Brust unbewusst schlummerte. Das ist die Beschreibung dessen, was mit dem Suchenden geschehen muss.

Sufismus ist etwas zauberhaftes, das nur vom Meister an den Schüler weitergegeben werden kann. Bei dieser Übertragung der Sufi-Tradition berufen sich die Murshids (Meister) auf die Silsila (arab. سلسلة), die spirituelle Kette eines Sufi-Ordens. Sie verbindet alle Generationen von Murshids und Sheikhs miteinander und geht zurück bis auf den Propheten Mohammed. Die so übertragene Tradition zeigt dem Murid (Schüler) den spirituellen Weg: das ist die Tariqa (arab. طريقة), der Pfad den ein Sufi beschreitet. Vom Herzen des Murshids (Sufi-Meister) einer Tariqa (Sufi-Orden) wird das Wesen und die Essenz des Sufismus, auf das Herz des Murid (Sufi-Schüler) übertragen. Es ist eine sehr geheimnisvolle Sache, die nicht ohne einen Murshid (bzw. Sheikh) erfahren werden kann. Selbst wenn man alle Bücher über Sufismus auswendig lernte, würde man sich nur in einem Dschungel aus Wörtern verirren. Aus diesem Wald der Unwissenheit soll der Meister einen Novizen führen, heraus aus den Verirrungen des Intellekts, hin zur Weisheit Gottes.

Im Sufismus gilt: wer keinen Sufi-Meister hat, ihn nicht liebt und verehrt, der wird nicht auf den wahren Geschmack des Sufismus kommen. Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass man als Sufi alle anderen Wege als unwichtig oder gar falsch abtun soll – auch wenn das immer wieder ein Problem in manchen Ordensgemeinschaften ist. Ein wahrer Sheikh zeigt seinen Schülern wie sie den Weg selbst finden und worauf sie bei dieser Suche achten müssen. Wie falsch wäre es also, ein Meister machte seinen Schüler von sich abhängig. Dann wäre er nicht mehr als eine Glucke, die ihre Jungen erdrückt.

Einst ging ein Sufi-Meister zusammen mit einem seiner Schüler auf der Straße, als sie ein wilder Hund anbellte. Wutentbrannt schrie ihn der Schüler an: „Wie kannst Du es wagen dich meinem Meister gegenüber so zu verhalten?“ Verwundert bliebt sein Meister stehen und sagte: „Er ist konsequenter als Du es bist.  Er bellt wenigstens alle an, ganz nach seiner Gewohnheit und Neigung; während Du mich als Deinen Meister betrachtrest und gänzlich unempfänglich für die Verdienste all der Erleuchteten bist, denen wir auf unserer kleinen Reise bereits begegnet sind. Du hast sie einfach ignoriert!“

Den Weg des Sufis beschreiten muss jeder selbst. Niemand kann das für ihn übernehmen. Die Welt der Wahrheit ist ein Land ohne Wege. Man kann sich der Wahrheit auf keinem bestimmten Pfad nähern. Jeder muss sie selbst finden. Ein Sufi-Meister stellt seinen Schülern dazu lediglich die Mittel zur Verfügung und führt sie an die Schwellen dieses Landes der Wahrheit, von wo aus sie alleine ihren Weg finden müssen.

Der Schildkröten-Dompteur - ewigeweisheit.de

Der Schildkrötenerzieher - Gemälde von Osman Hamdi Bey (1842-1910). Drei der fünf Schildkröten haben sich vor einem Derwisch aufgestellt, zwei krabbeln hinzu. Hinter seinem Rücken hält er eine Nay-Flöte - das typische Musikinstrument der türkischen Derwische. Über seiner Schulter hängt eine Trommel mit Schlägel.

Absurde Ehrfurcht

Seit vielen Jahrhunderten wird religiösen Menschen eingeblöst sie sollen Gott fürchten. Bis heute scheint sich daran nichts geändert zu haben. Doch ist es nicht diese Grundhaltung, die aus einem Menschen einen Angsthasen macht – einen "Hoffenden", der zittert aus Angst vor Bestrafung für seine Sünden? Eine Liebe zu Gott zu entwickeln ist für so jemand gänzlich unmöglich. Wo Angst herrscht, da verschwindet alle Liebe, da überkommt die Menschen Wut und Hass. Vor wem man sich fürchtet, den kann man ganz einfach hassen. Wenn man Gott aber nur fürchtet und nicht lieben kann, wen sonst soll man da noch lieben können? Wer Angst hat vor Gott, ihn fürchtet - wohin führt ihn sein Weg?

Was Menschen lange fürchten, das wollen sie am liebsten vergessen. Wie lange auch soll man etwas tolerieren, von dem einem beigebracht wurde, dass man es fürchten soll? Um sich von dieser Angst also zu befreien haben viele Menschen gegenüber Gott eine Ignoranz entwickelt. Friedrich Nietzsches berühmtes Zitat "Gott ist tot" scheint sich heute mehr denn je zu bewahrheiten.

Freiheit ist nur möglich wenn man gänzlich frei ist von Angst. Angst ist Enge. Sie verschließt das Herz des Liebenden. Eben genau darum wollen die Sufis Gott lieben. Denn die Liebe lässt überhaupt keine Angst zu. Liebe zerstreut alle Ängste. Nur mit Liebe ist es möglich die Reise zu Gott anzutreten.

Die Sufis sind Suchende auf dem Weg das innerste Wesen Gottes zu erfahren. Sie wollen Gott begegnen, sich ihm ergeben. Wer aber sich Gott ergeben will, der muss sich zuerst einem Sufi-Meister ergeben können. Hier stellt sich unser Ego in den Weg. Die Bewältigung des Egos, als Hindernis auf dem Weg zu Gott, stand darum in allen Schulen des Sufismus schon immer an erster Stelle. Novizen lässt man die einfachsten Arbeiten verrichten, um so ihr Ego zu brechen. Sie müssen Toiletten reinigen, den Boden schrubben. Erst dort, ganz unten, ganz nah an den niedrigsten Bedürfnissen die ein Mensch hat, nämlich sich von Last und Schmutz zu befreien, dort finden die ersten Schritte der langen Reise statt!

Die Bedeutung des Wortes „Sufi“

Der Ursprung des Wortes "Sufi" ist umstritten. Für manche Sprachwissenschaftler besitzt es überhaupt keine Etymologie. Dennoch versuchte man immer wieder das Wort Sufi auf verschiedene Arten zu erklären. Das es keine stichhaltige Erklärung des Wortes gibt mag auch daran liegen, dass der Begriff Sufismus nicht von seinen Anhängern eingeführt wurde. Auch wenn es Sufis schon lange vor dem Aufkommen des Islams gab, ist das Wort "Sufismus" eine relativ junge Wortschöpfung, die zuerst 1821 in Deutschland auftaucht. Das Wort Sufismus wurde von Personen außerhalb der Sufi-Bewegung verwendet, um seine Anhänger zu bezeichnen, denn ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als Sufi. Eher würde er über sich selbst sagen, ein Mensch zu sein der die Wahrheit sucht.

Das Sufi-Phänomen ist grundsätzlich nicht definierbar. Und doch ist es voller Bedeutung für den Einzelnen, ja für die gesamte Menschheit. Es gibt eigentlich kein anderes Wort, um das Wesen des Sufismus zu erklären als das Wort Sufi an sich; es gibt kein Synonym. Man kann als Sufi leben und man kann die Sufis kennen. Doch der Begriff Sufi ist intelektuell nicht greifbar. Zu wissen was es heißt ein Sufi zu sein, bedeutet das man ein Sufi werden, ein Sufi sein muss! Darum ist es zwecklos die Bedeutung des Begriffs in Lexika ausfindig machen zu wollen. Man muss das Wesen des Sufismus schmecken, bevor man erkennt was Sufismus ist.

Ein Sufi zu sein bedeutet alles was sich im Kopf befindet beiseite zu stellen – eingebildete Wahrheiten, Vorstellungen und Konditionierungen – und sich dem zu stellen was einem widerfährt.

- Abu Said

Die Frage ist also nicht, was Sufismus bedeutet, sondern was darüber gesagt und gelehrt werden kann. Und zwar so, dass es auch jeder nach seinem Grad der Bildung versteht. Einfach nur Fakten zu verabreichen ist nutzlos; ja es kann manchmal sogar schädlich sein.

Wenn man erst einmal vom Wesen des Sufismus gekostet hat, wird man durstiger nach mehr und wird ein großes Verlangen nach Gott bekommen.

Das Wort "Sufi" weist in viele Richtungen. Manche Menschen gehen in die eine, andere Menschen gehen in die andere Richtung. Jeder dieser Wege ist für sich einzigartig und schön. Das Wesen des Sufismus bleibt aber eine Realität ohne Namen und ein Name ohne Realität! Der Sufismus existierte als Realität schon lange bevor er einen Namen erhielt. In dieser Realität fanden alle Gott-Gesandten (Propheten, Messiasse), Heiligen und Sucher der Weisheit den Sinn dessen, was auch ein Sufi ersinnt.

Sheikh der Rifāʿī-Derwische, unbekannter griechischer Maler, 1809 - ewigeweisheit.de

Sufi-Sheikh der Rifai-Derwische - Gemälde eines unbekannten griechischen Malers aus dem Jahre 1809.

Wolle als Symbol der Unschuld

Früher pflegten die Sufis Wollgewänder zu tragen. In manchen Sufi-Orden hat sich dieser Brauch bis heute erhalten. Daher versuchen manche das Wort Sufi herzuleiten aus der arabischen Wortwurzel "suf" (arab. صُوف), "Wolle". Wieso aber soll ausgrechnet Wolle ein Symbol für Sufismus sein?

Als der Prophet Moses Gott auf dem Sinai begegnete, trug er ein Gewand aus Schafwolle. Er war ja ein Hirte. Sufis der Shia (das sind die Nachkommen des Kalifen Ali) schrieben über Jesus, dass er während seiner Himmelfahrt ein Hemd aus Wolle trug. Wieso aber ist Wolle von so hohem Symbolchakarakter? Der Grund ist einfach: die Wollgewänder der Sufis sind ein Sinnbild der Unschuld, denn Wolle ist das Kleid der Lämmer. Der Sufi muss unschuldig werden wie ein Lamm. Im Islam wird Jesus von Nazareth als Prophet der Liebe gesehen, weshalb man ihn auch den Propheten der Sufis nennt. Das Neue Testament nennt Jesus nun das Lamm Gottes, das nach seinem unschuldigen Leiden und Tod, erhöht und verherrlicht wird. So soll sich auch der wahre Sufi über alle Erniedrigungen und Leiden erheben, über sich ergehen lassen. Alle Normen sollen von ihm abfallen, alle Konditionierungen, alles Kulturelle auf ein bestimmtes Volk bezogene Verhalten soll er ablegen. Vor diesem Hintergrund erhellt sich das Mysterium vom Symbol des Wollgewands. Zum Lamm, also zum Tier zu werden, ist in diesem Fall kein Rückschritt. Es ist hingegen ein Aufstieg. Ein Mensch der in diesem Sinne wieder ein Tier wird, wird nicht nur ein gewöhnliches Tier. Vielmehr verwandelt er sich in einen Heiligen, denn durch seine Läuterung wirft er alle menschlichen Eitelkeiten und Konditionierungen ab. Dann ist er weder ein Muslim, noch ein Christ, noch ein Hindu, noch ein Buddhist. Er ist im Einklang mit seiner Existenz, so wie auch jedes Tier mit sich im Einklang ist. Alle philosophischen Konzepte fallen von ihm ab und er verliert seine Meinungen über die Welt. Er lebt nicht mehr in seinen Gedanken: Er ist.

Das ist die Bedeutung des Wollgewandes der Sufis: ein unschuldiges Lamm zu sein, das nicht weiß was Gut und was Böse ist. So kann das höchste Gut in ihm aufsteigen. Wie die Sufis aber sagen, benötigt er hierzu ein Vorbild durch das er ein wahrer Mensch wird. Ohne Leitbild, ohne Führer bleibt er ein Tier.

Das Lamm Gottes - ewigeweisheit.de

Das Lamm auf dem Berge Zion, aus einer Illustration der Bamberger Apokalypse, um 1000.

Das Gute, das Normale oder das Böse

Solange man zwischen Gut und Böse unterscheidet, ist man mit sich noch nicht eins. Wo es kein Auswählen mehr gibt da wird gehandelt: nur die Tat zählt! Wer weiß was er zu tun hat, der ist ein wahrer Künstler. Wo man wählt zwischen dem Einen und dem Anderen, da wird man immer dazu geneigt sein etwas zu unterdrücken. Wer entscheiden muss zwischen Gut und Böse, der behält immer auch den bösen Teil in sich, da er ihn kennt und unterdrückt. Doch wie alles was lange unterdrückt wird, wird sich auch das unterdrückte Böse irgendwann durchsetzen und rächen. Sobald das geschieht, verliert ein Mensch seinen Verstand.

Unsere heutige Zivilisation scheint sich schon ziemlich nah an einem Abgrund des Wahnsinns zu befinden. Das sieht man vorallem in den großen Städten. Dort "lauern" überall Reklametafeln auf denen Menschen mit verzerrten Gesichtern zu sehen sind, die erschrecken oder die verführen wollen. Wer daran keinen Anstoß nimmt, so jemanden nennt die Masse einen "normalen Menschen". Doch manche dieser "normalen Menschen" scheinen nicht weit davon entfernt, bald den Verstand zu verlieren. Der Unterschied zwischen dem Leser (und auch Verfasser) dieses Textes und einem Wahnsinnigen ist nicht qualitativ, sondern quantitativ. Das heißt: der Normale unterscheidet sich vom Verrückten nur dem Grade nach. Der Irre hat die Grenze bereits überschritten, während sich der "Normale" ganz nahe an der Grenze zur Verrücktheit befindet. Jeden Moment aber kann sich etwas ereignen, dass einen normalen Menschen zu einem Psychopathen, zu einem Ver-rückten macht. Irgendetwas Unerwartetes – ein Unfall, ein Todesfall, eine Entlassung oder eine Trennung von einem geliebten Menschen, kann dazu beitragen das sich plötzlich alles drastisch verändert. Normalität ist trügerisch!

Wenn Sie sich einmal umschauen: sehen Sie, was um sie passiert? Sehen Sie vor allem aber was dabei in Ihrem Inneren vor sich geht? Da sind unzählige Dinge im Leben in die sie sich verstrickt haben. Dinge die sie gerne bearbeitet hätten, um sie endlich zu vergessen. Es ist eben sehr angsteinflößend und unheimlich, doch es ist da - egal ob Sie es wollen oder nicht. Was Sie unterdrücken wird stärker und wächst in Ihnen heran, zu etwas noch viel unangenehmerem. Seine Schlagkraft wächst ständig, so dass der Wahn jeden Augenblick in Ihnen zum Ausbruch kommen kann. Der Glaube man sei ganz und gar ein normaler Bürger, ist doch ein Hinweis darauf, dass man sich wirklich am Abgrund des eigenen Selbstbewusstseins befindet. Jedes noch so kleine Ereignis kann eine Verwirrung auslösen. Sobald die vermeintliche Normalität im Lebens einen Schock erfährt kippt der Schalter.

Wer sich also für die "Freiheit der Wahl" als Lebensmotto entscheidet, der muss bestimmte Dinge im Leben wollen und andere Dinge im Leben verdrängen – eben all das, was er nicht in seinem Leben haben möchte. Und davon gibt es doch unendlich viel – nicht wahr? Ein unschuldiges Lämmlein aber entscheidet nicht. Vielleicht weigert es sich, doch was auch immer sein mag: für das Tier ist es so wie es ist. Es nimmt das Leben so wie es kommt, ohne sich zu fragen was es eher und was es weniger will. Auszuwählen zwischen Gut und Böse ist dem Tier gänzlich fremd. So sollte auch ein Sufi sein: er muss sich nicht entscheiden. Er kennt keinen "Plan-B", sondern ist sich vollbewusst ohne entscheiden zu müssen was besser für ihn ist. Was auch immer kommen mag, er wird es als eine Gabe Gottes akzeptieren. Er vertraut nicht seinem Verstand, sondern dem universalen Geist der in seinem Herzen gegenwärtig ist. Das bringt ihm inneren Frieden und Freiheit. Wie ein Tier zu werden ist darum keine Enteignung gegen die menschliche Würde. Im Gegensatz zum Menschen, ordnet sich das Tier der Natur unter.

Wegen seiner Freiheit der Wahl ist der Mensch in seinem Denken künstlich und formbar. Ständig muss er sich entscheiden, wie er auf äußere Eindrücke reagieren soll. Wahnhaft versucht er diese Eigenschaft auch auf Tiere zu übertragen. Die Zuschauer im Zirkus klatschen Beifall wenn ein Löwe durch einen Feuerreifen springt. Dieser Beifall gilt aber nicht etwa dem Löwen, sondern dem Dresseur. Gleicht das nicht einem großen Schwindel? Wie sehr gleichen doch die meisten Menschen den armen Tieren im Zirkus. Schlimmer noch: Sie wissen ja das Zirkus das lateinische Wort für den Kreis ist – die geometrische Form, entlang sich auch die Insassen eines Gefängnisses bewegen. So drehen wir, mehr oder weniger, alle unsere Kreise, in den von uns selbst geschaffenen Eingrenzungen, die aus all den verhärteten Meinungen und Ansichten gemauert sind.

Die Runde der Gefangenen - ewigeweisheit.de

Die Runde der Gefangenen - Gemälde von Vincent van Gogh (1853–1890).

Wir alle tragen unsere individuellen Masken: das ist unsere Persönlichkeit (lat. persona: die Maske). Selbst Liebende verstecken sich in ihren Rolle hinter einer Maske. Vor Gott aber fallen alle Masken. Aller Schwindel hat vor Gott ein Ende. In dieser urtümlichen Unschuld, die hier bereits ausführlich beschrieben wurde, kommen wir Gott näher.

Auch die Religionen bieten den sogenannten Gläubigen allerhand Maskerade, worin sie sich hüllen und womit sie sich von anderen Religionsangehörigen unterscheiden sollen. Ist der Glaube an Gott dann aber nicht viel mehr als nur eine Vermutung? Muss jemand der wirklich gläubig ist einem anderen Menschen vorgeben dass er an Gott glaubt, nur indem er besondere Verhaltensweisen simuliert? Selbst wenn er sich in das Kostüm eines Muslims, eines Juden oder eines Buddhisten wirft, steht er in seinem Glauben und Unglauben vor Gott als nackter Mensch. Doch er meint dies und das zu wissen, sagt zu seinen "Glaubensbrüdern" das eine, zu vermeintlichen "Ungläubigen" was anderes. Er ist im ewigen Widerstreit zwischen dem was er glaubt und dem was man ihm aufgibt glauben zu müssen. Daher die Misere – man ist geteilt und die maskierten Teile der Persönlichkeit gehen in verschiedene Richtungen. Der eine sucht das Gute, der andere wendet sich ab vom Bösen. Leider ist aber manchmal das Gute das Böse der einen und ein andermal das Böse das Gute der anderen. So sind wir dies und das und doch niemand. Ist da nicht ein Tier gesegnet, da es eben nicht unterscheidet!? Ein Tier das in der Natur lebt, sehnt sich nicht nach einem großes Haus in dem es leben kann, braucht keinen Fernseher, kein Smartphone, keine teuren Kleider. Es besitzt einfach garnichts - doch ist dabei voller Frieden und Freude.

Wie das Tier also ist der wahre Sufi jemand der nicht auszuwählen braucht. Wer auswählen muss, wer abwägen muss zwischen diesem und jenem, der täuscht sich über sein wahres Selbst hinweg. Alles wogegen man sich entscheidet, alles was man ablehnt gewinnt an Bedeutung. Der Teufel hat sich dem Höchsten verweigert und wurde vom Himmel gestürzt – so die Bibellegende. Er "fiel zu tiefster Grube" (Jesaja 14:15), war ein Deprimierter und Herabgesetzter. So ist es auch mit den Dingen die wir aus unserem Leben verdrängen: sie gewinnen an Bedeutung je stärker wir sie unterdrücken. Zwar kann der Heuchler eine Zeitlang seine Maske aufbehalten, doch wie uns das Leben zeigt, müssen irgendwann auch die schönsten Masken abgelegt werden.

Es geht darum, so wie das unschuldige Lamm, ein ganz einfaches Leben zu führen, ohne unbedingt wissen zu müssen, was gut und was böse ist. Der Sufi versucht nur zu erfahren was Gott ist. Er handelt nicht um seiner selbst willen. Was immer passieren mag: das Schicksal wird als Gabe Gottes akzeptiert.

Safā: Die Reinheit

Andere wollen das Wort Sufi vom arabischen Al-Safā الصفا ableiten: die Reinheit. Das meint nicht unbedingt eine äußere Reinheit. Vielmehr ist die Reinheit des Herzens gemeint. Wenn man ein Leben lebt, ohne auswählen zu müssen zwischen Passendem und Unpassendem, zwischen Gutem und Bösem, kann die Seele sich auf natürliche Weise selbst reinigen und befreien von allen Ängsten, Hass und Furcht. Wenn hier aber von Reinheit die Rede ist, meint das nicht das moralisch Gute. Es ist ein Hinweis auf göttliche Reinheit. Reinheit bedeutet in diesem Zusammenhang ein Übersteigen aller Vorurteile oder Vorstellungen. Es geht um Transzendenz. Es geht um eine Reinheit, die nur von jemandem erfahren wird der ein tiefes Vertrauen in sein Leben hat. So erübrigen sich bestimmte Überzeugungen und Standpunkte.
Solange für Meinungen und Ansichten Platz in unserem Denken ist, erzeugen sie Unreinheit - so die Lehre der Sufis. Zuweilen schaden uns unsere Meinungen. Wenn wir sie äußern verletzen sie manchmal sogar andere. Zuviele Ansichten und Vorstellungen beschmutzen unsere Gedanken. Wie soll sich damit ein Sufi ein Bild von Gott machen können? Er versucht eher zu vermeiden, viele Ansichten zu sammeln über sich, die Welt und seine Mitmenschen. Er versucht sich nicht in seinen Gedanken Gott und die Engel auszumalen. Nur so bleibt er ein Mensch der tatsächlich in der Realität lebt. Der Sufi weiß dass da nicht einer irgendwo auf dem Thron im Himmel auf uns niederschaut. Nein – er weiß vom hier und jetzt und dass Gott überall zur gleichen Zeit ist, in allen Facetten, Formen, Farben und Erscheinungen, als liebender, zorniger, heilender, strafender, zeugender, tötender Gott – doch gleichzeitig ist Gott nichts von alledem! Wie um Himmels Willen soll man sich Gott dann vorstellen? Welche Ansichten soll man darüber sammeln? Und wenn in jedem von uns die Flamme Gottes flackert: gilt das Selbe dann nicht auch für jeden Menschen? Mit den Augen sehen wir ja nur die Körper unserer Mitmenschen. Sie tragen ihre persönliche Geschichte. Davon bleibt der "göttliche Funke" in ihnen jedoch unberührt, da er unsterblich ist. Doch diesen göttlichen Funken in unseren Mitmenschen zu suchen und zu erkennen: das ist das Ziel. In diesem reinen Seelenlicht erkennen wir nämlich, was der Name "Allah" bezeichnet: die Gesamtheit aller Existenz.

Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens und sagte: Wer bist du? Er antwortete: Du.

- Mansur Al-Halladsch

Mit dem Begriff "Reinheit" sollte man vorsichtig sein. Wenn man das Wort "Sufi" nun tatsächlich von "Safā", Reinheit, ableiten will, dann meint das nicht einen Sufi, der ein Menschen mit einem "gutem Charakter" ist oder ein Frommer, der die zehn Gebote erfüllt. Ebensowenig steht das Wort "Safā" für jemanden, der eine hohe Stellung in der Gesellschaft hat. In Wirklichkeit ist ein Sufi das blanke Gegenteil von alle dem. Sufis waren immer Menschen die man der Respektlosigkeit bezichtigte. Bis heute werden sie darum verfolgt, denn mit ihren universellen Sichtweisen stießen sie Menschen immer wieder vor den Kopf. Sufis machen durch ihre Art andere auf ihre Fehler aufmerksam. Sie entblössen all die Künsteleien der Heuchler. Sie demaskieren und drängen die Leute ihre Masken abzulegen und ein wahrer Mensch zu werden. Damit bleiben die Sufis den Obersten der Gesellschaften immer ein Dorn im Auge.

Einer fragte einmal den Sufi Mansur Al-Halladsch: 'Was ist die letztendliche Erfahrung zu der ein Sufi gelangt?' Darauf antwortete er: 'Komm morgen wieder! Morgen wirst Du der letztendlichen Sufi-Erfahrung gewahr.' Da aber weder der Frager noch einer seiner Begleiter wussten, was morgen geschehen wird, fragte der Mann erneut: 'Wieso nicht heute?' worauf Al-Halladsch antwortete: 'Du musst einfach nur warten. Es wird sich morgen ereignen – das was man das Endziel des Sufismus nennt.' Am nächsten Tag wurde Al-Halladsch gekreuzigt – und dort am Kreuz hängend schrie er laut für seinen Freund der ihm gestern die Frage stellte: 'Wo bist Du, der Du Dich in der Menge versteckst? Los komm her und schau was das Endziel der Sufis ist: das hier! Das hier!'

Al-Halladsch (auch: Al-Hallaj, persischer Sufi, 857-922) wurde die Behauptung "Ana al-haqq", "Ich bin die Wahrheit", zum Verhängnis, da Al-haqq einer der 99 Namen Allahs ist. Im Sinne der Sufi-Tradition könnte diese Behauptung aber als die Eins-Werdung mit Gott interpretiert werden. Doch in der Gesellschaft scheint die Wahrheit unakzeptabel zu sein. Sie ist eben von Scheinheiligkeit und Heuchelei durchdrungen, ist eine Scheinwahrheit. Muss die Wahrheit also erst gekreuzigt werden, bevor man sie als solche erkennt?

Mit all dem Gesagten scheint ein wahrhaft Gottliebender für die Gesellschaft inakzeptabel zu sein. Die Kirche als Institution und ihre Oberhäupter zu lieben geht anscheinend immer in Ordnung. Wer in seiner Gemeinde aber laut äußert dass er Jesus Christus oder Gott liebt, der wird um sich die Augen rollen sehen. Wer sogar wagt zu behaupten er stünde mit Gott in Verbindung oder höre die Stimme Gottes zu sich sprechen, den wird man schnell in die "Obhut" eines Psychiaters geben.

Einst betete der Sufi Abu Yazid. Man sagt damals hätte Gott zu ihm gesprochen: 'nun bist Du Yazid einer meiner Auserwählten. Soll ich es in der Welt verkünden?' Abu Yazid musste lachen und sagte, 'Ja das kannst Du – wenn Du mich am Kreuz hängen sehen willst, verkünde!'

Safā, das „rein sein“ – ist eine Reinheit die besagt, dass der Geist bar jeden Inhalts ist, frei von Konzepten, frei von Gedanken, bar jeder Vernunft. Das ist ein Zustand absoluten Verstehens – was man im Zen das "Satori" nennt.

Die Hinrichtung von Mansur Al-Halladsch - ewigeweisheit.de

Die Hinrichtung des Sufis Mansur Al-Halladsch. Miniatur eines unbekannten Künstlers, um 1600.

Ziel des Sufismus

Zwar haben die Sufis immer ihre Schwierigkeiten mit den Oberhäuptern der verschiedenen Religionen gehabt. Doch durch ihr Streben, Gott in allem zu erkennen, war es für sie auch sehr leicht auch die Wahrheiten in anderen Traditonen zu sehen. Nur so konnten sie sich zwischen den spirituellen Traditionen bewegen und den Kern aller Religionen finden.

Bis heute versuchen die Sufis religiöses Gedankengut aus Ost und West zu verbinden. Man kann nicht von einer direkten Absicht sprechen, da Sufis niemanden durch bestimmte Glaubensvorstellungen oder Dogmas überzeugen wollen. Eher ist es ihr Wunsch den wahren Kern aller spirituellen Traditionen als gemeinsame Einheit in allen Religionen zu finden und mit ihren Lehren zu verschmelzen. Sicher tragen viele Sufis zu diesem Vorgang ganz unbewusst bei. Doch es waren die Sufis, die die Berührungspunkte zwischen den Weisheitslehren fanden und dieses Wissen, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, in Rede und Schrift mit ihren Mitmenschen teilten.

Nur das gegenseitige Verstehen ermöglicht eine Rückkehr zum wahren Ursprung aller Religionen. Diese ursprüngliche Einheit zu finden und zu beweisen, war und ist Ziel des Sufitums. Bis dieses Ziel erreicht ist werden sich aber noch viele Sufis als Nomaden Gottes auf diesem Planeten auf den Weg machen - im Austausch mit anderen, auf der Suche nach Wahrheit.

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Wer war der Prophet Mani?

von Johan von Kirschner

Der Prophet Mani - ewigeweisheit.de

Die Religion der Manichäer beanspruchte für sich, eine abschließende Offenbarung zu sein. Ihr Prophet Mani verkündete in seiner dualistischen Gnosis die Lehre einer kosmischen Koexistenz von Gutem und Bösem. In mythenreicher Sprache verbreitete Mani eine Weisheitslehre, die gleichermaßen von Bedeutung war für Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten.

Der junge Mani

Wie Buddha oder Christus, so ist Mani der Ehrentitel für einen Menschen, der durch den "Hohen Geist" erleuchtet wurde. Die Person auf die sich dieser Erleuchtungsgeist senkte, hieß nach abendländischen Quellen "Curbicius". Er kam zur Welt am 14. April 216 in der Nähe von Ktesiphon am Tigris (im Reich Babylon, heute Irak), der damaligen Residenz der Perserkönige. Er stammte aus vornehmem Hause. Seine Mutter war von fürstlicher Abkunft (Arsakidin) und bevor sie den Mani zur Welt brachte, offenbarte sich ihr im Traum, die große Bedeutung ihres zukünftigen Sohnes für die Menschheit. Sein Vater Patig (Pattikios) war ein vornehmer Perser aus dem Stamm der Chaskanier, der sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigte. Er war Angehöriger einer gnostischen Täufersekte - den "Elchesaitan". In diesem Umfeld wurde Mani erzogen. Schon im zarten Alter wurde er dort von seinem Vater in die Lehren und Bräuche jener religiösen Gemeinschaft eingeführt. Er sollte sich von einem erst schwächlichen jungen Mann, in den unermüdlichen Apostel einer neuen Erlösungsreligion verwandeln.

Dann trat ich, Mani, in die Glaubensgemeinschaft der Täufer ein, wo man mich großzog. Als mein Leib jung war, wurde ich durch die Kraft der Lichtengel und die so überaus starken Mächte beschützt, die von Jesus beauftragt waren, zu meinem Schutz.

- Aus dem Kölner Mani-Kodex

Es war eine ungemein spirituelle Zeit in die der Mani hineingeboren wurde. Sein Denken wurde in diesem Umfeld schon früh in religiöse Bahnen gelenkt. Schon als Junge soll Mani wie ein Weiser gesprochen haben. Seine religiöse Berufung äußerte sich jedoch in Opposition zur christlichen Theologie, wich vom christlichen Ritus ab. Dennoch bezeichnete sich Mani, als Apostel Christi, denn er räumte Jesus eine hervorragende Rolle ein. Später wandte er sich von den judenchristlichen Gnostikern, bei denen er aufwuchs, ab. Seine eigentliche Sendung erkannte er in zwei Offenbarungen: im Alter von zwölf und 24 Jahren.

Manichäischer Jesus - ewigeweisheit.de

Jesus Christus als manichäischer Prophet. Bildnis aus der Yüen-Dynastie (14. Jhd.). Auf dem Bild kann man den Christus identifizieren, da er ein kleines Goldkreuz in Händen hält.

Die Sendung

Als der Mani zwölf Jahre alt war, teilte ihm ein Engel - der "Taum" (= Gott-Genosse) - eine Botschaft aus dem Lichtreich mit. Er gebot ihm die Gemeinschaft seines Vaters zu verlassen (vergl. Jesus als zwölfjähriger im Tempel, Lukas 2:41f):

Verlasse diesen Kult, denn du bist keiner seiner Anhänger. Dir sind auferlegt Reinheit zu halten und von körperlichen Lüsten Abstand zu nehmen. Noch ist die Zeit aber nicht reif, dass du an die Öffentlichkeit trittst.

In den folgenden 12 Jahren beschäftigte sich Mani mit Philosophie, dem altorientalischen Religionssystem "nach der Tradition der Gelehrten Babylons" und mit den Lehren, der in Südbabylon lebenden Christen. Auch mit den Morallehren des Buddhismus machte er sich in dieser Zeit vertraut. Ferner eignete er sich Sprachkenntnisse an in Persisch, Aramäisch und Griechisch. Als er sein 24. Lebensjahr vollendet hatte, erschien ihm erneut der Taum.

Zu dem Zeitpunkt also, als mein Leib die Vollendung ganz erreicht hatte, flog so gleich jenes höchst wohlgestaltete und machtvolle Spiegelbild meiner Gestalt herab und erschien vor mir [...] 'Friede sei mit dir, o Mani, von mir und vom Herrn (König des Lichtparadieses) der mich zu dir sandte. Er erwählte dich für seine Mission, und gebot dir in deiner Berufung, das Evangelium der Wahrheit zu verkünden, eines aus seiner Gegenwart, und fortzufahren auf dieser Mission mit all deiner Ausdauer.'

An anderer Stelle heißt es:

Nun ist die Zeit für dich gekommen, dich öffentlich kundzutun und laut deine Lehre zu verkünden.

Ausbreitung des Manichäismus

Mani begann sein öffentliches Wirken im damaligen Reich von Belutschistan (Hochland, dass sich heute über den Osten Irans, den Süden Afghanistans und den Südwesten Pakistans ersteckt). Dort gewann er seine ersten Anhänger. Die Mission die er einleitete, stützte sich auf hohe Beziehungen zum Adel und verfügte darum über bedeutende Mittel und besondere Befugnisse.

Manis Hoffnung richtete sich sowohl auf den Westen, wie auf den Osten. Es sollte sich auch tatsächlich erfüllen - wenn auch erst nach seinem Tod - das sich von Fernoast, entlang der Seidenstraße, bis nach Westeuropa, die Religion Manis verbreitete. Mani sollte seine neue Kirche bis an die äußersten Grenzen des einstigen Reiches der alten Perser verbreiten. Solch missionarisches Streben war ein charakteristisches Symptom der ersten Jahrhunderte nach Christus. Auf Grund des inhaltlichen Gewichts seiner Botschaft, versammelte sich rasch eine sehr große Ökumene um Mani. Trotz dass heute kaum ein Mensch davon weiß, erlangte die Religion Manis, wegen der Vielzahl ihrer Anhänger in Europa, Nord-Afrika und Asien, tatsächlich die Bedeutung einer Weltreligion. Viele seiner Jünger lebten in Mesopotamien, Baktrien, Syrien, Ägypten, Karthago, ebenso in Spanien und Südgallien. Die Länder die er selbst bereiste wurden von Mani in seinen "Kephalaia", den "Kapiteln", niedergeschrieben. Die schnelle Ausbreitung dieser Religion stellte aber für die junge christliche Kirche des 4. Jhd. eine ernste Bedrohung dar. So wurde eine Verfolgung der Manichäer durch staatliche Organe geführt und eine Abwehrbewegung eingeleitet. Seit 382 n. Chr. stand im Westen die Todesstrafe für all jene, die sich zum Manichäismus bekannten! Während der islamischen Dynastie der Ummayaden (611-750) hingegen, wurde der Manichäismus in Mesopotamien gedultet und erfreute sich dort sogar einer großen Blüte.

Im 8. Jhd. war die Religion in ganz Zentralasien verbreitet, wie später auch im Reich der Uiguren und in China. 762 wurde unter Bögü Khan der Manichäismus sogar Staatsreligion der Uiguren (heute die größte turksprachige Ethnie in China, im Autonomen Gebiet Xinjiang) und genoss damit Schutz am chinesischen Kaiserhof. Doch ab Mitte des 9. Jhd. wurden die Manichäer auch in China verfolgt, konnten sich dort aber dennoch bis zum 14. Jhd. halten. Erst das Mongolenreich brachte seine endgültige Verdrängung.

Ausbreitung des Manichäismus - ewigeweisheit.de

Schaubild: Ausbreitung des Manichäismus.
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Eine universale Religion

Bis heute sind die großen missionarischen Erfolge des Manichäismus nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich trug die große Anpassungsfähigkeit der Manichäer, an die lokalen Bräuche und Gegebenheiten in Ost und West, dazu bei, dass sich diese Religion mehr als tausend Jahre erhalten hat. Mani hatte eine religiöse Sprache entwickelt, die ebenso den westlichen wie den östlichen Regionen der damaligen Welt vertraut war. Den Wortschatz seiner Lehre war im Osten dem Buddhismus, im Westen dem Christentum angepasst. Immer aber blieb der charakteristische Gehalt und die religiöse Identität seiner Weisheitslehre erhalten. Trotz dieser eher heterogenen religiösen Elemente, bot der Manichäismus eine innere Einheitlichkeit. Es war eine echte Religion, in deren Zentrum eine kraftvolle Weisheitslehre stand.

Wiederum sprach er zu seinen Jünger, als er in der Mitte der Versammlung saß: Wie die Sonne, der große Erleuchter, wenn sie kommt in ihrem Aufgang, zur Zeit, da sie in die Welt strahlt, ihre Strahlen ausbreitet auf der ganzen Erde [...] die Gerechten, die mir in jedem Lande sind, sind gleich den Strahlen der Sonne.

- Aus den Kephalaia

Von 240 bis 243 n. Chr. unternahm Mani seine erste Missionsreise nach Indien. Doch sein Kontakt mit einigen Repräsentanten der indischen Spiritualität sollte Konsequenzen haben: sowohl für für Indien, wie auch für Mani selbst.

Die letzten Tage Manis

Ardashir (Artaxerxes), der Begründer der Sassaniden-Dynastie, war gestorben. Sein Nachfolger war sein Sohn Shapur I. (Regierungszeit 240–270 n. Chr.). Am Tage seiner Krönung, dem 20. März 242, entschied sich Mani für sein öffentliches Auftreten. Begleitet von seinem Vater Patig, predigte er in seiner Geburtsstadt Ktesiphon, dem zu den Feierlichkeiten, zahlreich erschienenen Volk.

Von Äon zu Äon brachten die Apostel Gottes, unaufhörlich die Weisheit und die Werke in die Welt. So kamen sie in einem Zeitalter in die indischen Lande durch den Apostel namens Buddha; in einem anderen Zeitalter kamen sie ins Land der Perser durch Zarathustra; in einem anderen ins Land des Westens durch Jesus. Danach, in diesem letzten Zeitalter, kam die Offenbarung hernieder und die Prophetie kam durch mich selbst - Mani, den Apostel des wahren Gottes, ins Land von Babylon.

- Aus dem Buch Shapur

Shapur erkannte in Mani den Führer einer neuen Religion. Mani und seinen Predigern räumte Shapur in seinem Reich, offizielle Missionsfreiheit ein. Sie sollten im gesamten Sassanidenreich ihre Lehren verbreiten. Nach dem Tod Shapurs übernahm sein Sohn Hormizd die Nachfolge. Doch kaum ein Jahr später verstarb auch er. Damit fiel der Thron an seinen Bruder Bahram. Der war dem Mani weniger gut gesinnt und veranlasste seine Vorladung in den Königspalast. Im Gegensatz zu der günstigen Begegnung mit Shapur, wurde er sofort nach seiner Ankunft, vom Magier Mobed Karter, unter Anklage gestellt. Er wurde beschuldigt die Anhänger des Zarathustra, durch seine Lehren, ihrer wahren Religion abspenstig zu machen. Auch Bahram war ihm weniger zugeneigt, als einst dessen Vater. Er fuhr ihn an:

Wieso wurde die Offenbarung dir gegeben und nicht uns, die wir die Herren dieses Landes sind?

Mani antwortete:

So ist es Gottes Wille.

Mani verteidigte seine Lehre leidenschaftlich und führte sie auf göttliche Offenbarung zurück. Dem König gegenüber betonte er die Übereinstimmung seiner Lehre mit einer viel älteren, jedoch zeitweilig in Vergessenheit geratenen Wahrheit. Davon war Bahram jedoch wenig beeindruckt. Man verurteilte den Mani, legte ihn in Ketten und warf ihn in einen Kerker, wo er aufrecht an den Wänden in Form des Kreuzes gespannt wurde. Darum sprach sein Jüngerkreis, der ihn in seiner Kerkerhaft besuchte, von einer Ähnlichkeit mit der Passion Jesu. Nach langen schrecklichen Leiden, starb Mani am 26. Februar 277 im Alter von 60 Jahren. Man zerstückelte seinen Körper. Sein Kopf wurde am Haupttor der Stadt Gundeshapur ausgestellt, während man die Reste den Hunden zum Fraß vorwarf.

Es kann nicht abschließend gesagt werden, wieso sich Manis Religion nicht bis zum heutigen Tage erhalten konnte. Vielleicht war sie zu kontemplativ, zu ruhebedürftig, um den Kampf aufzunehmen mit dem Profanen. Sie zielte eben nicht in erster Linie auf die Lösung der weltlichen Schicksale der Menschen.

Wir, die wir zur Rasse der Lichtsöhne gezählt werden, lasst und Mani unsere Blüten schenken. Der geliebte Sohn Jesus Christus, legt dir, Mani, voll Freude die Krone aufs Haupt. Denn sein Bau der geschändet wurde, ihn hast du wieder aufgebaut. Seinen Weg der im Verborgenen war, hast Du wieder beleuchtet. Seine Lehre die verdunkelt war, hast du wieder in die Klarheit gebracht. Seine verborgene Weisheit hast du erklärt.

- Aus einem manichäischen Textfragment

Die Lehre des Manichäismus

An der Spitze der göttlichen Himmels-Hierarchie, steht in der Religion Manis der "König des Lichtparadieses". Von dort kam der Taum, Manis himmlischer Zwilling, von dem er seinen prophetischen Auftrag empfing. Der Zwilling ist in etwa das, was im Christentum der Heilige Geist vermittelt. Im Buddhismus steht dafür der Buddha Maitreya - der in Zukunft kommende, messianische Weltlehrer.

Ab dem Zeitpunkt, da dem Mani der himmlische Zwilling als sein "Licht-Selbst" begegnete, fielen alle Beschränkungen von ihm ab, die einen Normalsterblichen im Leben behindern. Von da an war er als engelhaftes Wesen auf Erden gegenwärtig. Von da an war Mani ein Apostel des Lichts.

Ich, Mani, wurde durch die Kraft der Engel und der heiligen Mächte beschützt, die mit meinem Schutz betraut waren. Sie bereicherten mich durch Visionen und Zeichen, die sie mir zeigten, die nur klein und sehr kurz waren, so wie ich sie ertragen konnte. [...]

- Ausspruch des Mani

Mit der zweiten Offenbarung wurde er zum "Mani hajja", dem "lebendigen Mani", der nun im Stande war sein erlösendes Wissen an seine Mitmenschen weiterzugeben.

In Manis Erlösungslehre verschmolzen verschiedene religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Mani bekannte sich offen, zu dem von ihm verbreiteten Synkretismus. Er wurde aus dem Lichtreich von seinem himmlischen Zwilling entsandt, um das Erbe von Buddha, Zarathustra, Jesus Christus und all ihren Vorgängern zu verwirklichen. Mani sah sich als das "Siegel aller gekommenen Propheten" (ein Begriff der im Übrigen auch von den Muslimen für den Propheten Mohammed a. s. beansprucht wird). Er sah die Lehre seiner prophetischen Sendung nicht nur endgültig: Sie war für ihn universal.

von Zeit zu Zeit (sind) Boten Gottes gekommen mit der Weisheit und den frommen Werken.

- Ausspruch des Mani

Früher verkündete Religionen waren, nach Manis Dafürhalten, spätestens nach dem Tode ihrer Meister verderbt. Er sah den Grund dafür im Fehlen direkter, schriftlicher Aufzeichungen, seitens der Religionsstifter. Im Gegensatz zu Zarathustra, Buddha oder Jesus, schrieb Mani seine Lehren nieder. So sicherte er sie vor Umdeutungen seiner Lehre und verfälschenden Zufügungen oder Auslassungen. Damit wurde der Manichäismus als ausgesprochene Buchreligion begründet. Mani verfasste sieben Traktate, die den Kanon des Manichäismus darstellen:

  1. Das lebendige Evangelium,
  2. der Schatz des Lebens,
  3. die Pragmateia (= der Traktat),
  4. die Geheimnisse,
  5. das Buch der Gigangten,
  6. die Briefe (Episteln) und
  7. die Psalmen und Gebete.

Die Lehre des Mani und seiner Missionare war für alle Zuhörer, gleich ob Christen, Zoroastrier oder Buddhisten, unmittelbar zu verstehen. Auch wenn er versuchte seine Lehre den Begriffen anderer Religionen anzupassen, nahm sie davon keinen Schaden.

Auch wenn man den Manichäismus als Teil der gnostischen Bewegung bezeichnen kann, ging es seinem Religionsstifter jedoch darum, die Lehren allen zugänglich zu machen. Damit unterschied sich der Manichäismus von anderen gnostische Sekten, deren Lehren ausschließlich Initiierten vorbehalten waren. So war es für die Manichäer selbstverständlich auch zu missionieren.

Der Prediger muss unablässig in der Welt umherirren, indem er die Lehre predigt und die Menschen in die Wahrheit führt.

- Ausspruch des Mani

Der Manichäismus war ein Seelendienst, der sich, wie andere Religionen auch, auf die Erlösung der Seele verschrieb. Jedoch glaubten die Manichäer, dass durch die Erlösung der Seele, der Gott des Lichtreichs selbst, aus den Widerwärtigkeiten der Finsterniswelt erlöst würde. Jesus Christus war für sie das einzig großartige Bild, für die Verdichtung des göttlichen Lichts, wie es in einem menschlichen Körper in der stofflichen Welt, den Menschen als Erlöser erschien (vergl. Johannes 12:46, "Licht der Welt"). Was der erste Korintherbrief in 15:45 als "lebendige Seele" erwähnt, das galt den Manichäern als das "in der Welt leidende Licht Gottes". Dieses Licht findet sich nicht nur im Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Minerale enthalten es. Der "Essende", so die Manichäer, nimmt deshalb eine große Verantwortung auf sich, da das Licht, das durch die Nahrung aufgenommen wird, ein Teil des göttlichen Lebens ist. Es liegt also nahe, dass die Manichäer besondere Speisegebote befolgen mussten. Natürlich bereiteten solche Auffassungen über Licht und Leben der Wesen, den Grund für Spott und Verachtung, von seitens christlicher Kleriker (Augustin). Sie sagten über die Manichäer, sie glaubten Gott "mit dem Gaumen" finden zu können. Man suchte einfach nach Gründen gegen den Manichäismus vorzugehen.

Mani erklärte alle Erscheinungen des Geistes und alle Ideen, als stoffliche Dinge großer Feinheit. Sie alle waren Teil der "Lichtsubstanz". Die existierende Materie war eine Einmischung der Finsterniskräfte ins Lichtreich. Im Makrokosmos waren die Elemente der Lichtwelt in die geschaffene Welt eingegangen und an ihrem Aufbau beteiligt. Von der himmlischen Welt herab, bis hinunter zum Menschen, leben die Seelenglieder aber in Gefangenschaft, was bestätigt, dass Gott selbst in den Kampf gezogen ist und sich immer wieder selbst, durch die von ihm geschaffenen Wesen, zu erlösen versucht. So eine Vorstellung erfordert das dualistisches Weltbild, wo Gut und Böse nebeneinander existieren.

Die Materie in ihrer Gesamtheit, also auch das, was am Menschen der Stofflichkeit angehört, ist nach Manis Lehre leidenschaftlich, leidvoll und darum ungöttlich. Wie aber bereits angedeutet, trägt nach Manis Lehre der Mensch den göttlichen Funken in sich, als Teilchen des göttlichen Lichts. Diesen Funken kann er zur Flamme entfachen, indem er ein "richtiges Denken" entzündet. Dieses richtige Denken besteht darin, das er Klarheit über sein wahres Wesen gewinnt. Der Mensch muss seine Gespaltenheit zwischen Licht und Finsternis, zwischen göttlichem Geist und "teuflischem" Stoff erkennen. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer das Offenbarungswort hört und auch annimmt, das Gott bereits an Adam hat gelangen lassen. Immer wieder wurde es durch die Gesandten und Avataras, wie Buddha, Zarathustra oder Jesus in die Welt gesandt. So sah auch Mani seine göttliche Sendung.

Manichäische Priester - ewigeweisheit.de

Manichäischer Priester beim Schreiben. Gemälde in einem Buch aus Gaochang (Nordchina, Xinjiang) aus dem 8. oder 9. Jhd. n. Chr.

Der dualistische Urzustand

Wie die Lehre Zarathustras, lehrt der Manichäismus eine uranfängliche Existenz, zweier, einander entgegengesetzter Welten: das lichterfüllte Gottesreich und das materielle Reich der Finsternis. Sie äußern sich in der Natur als die Mächte von Gutem und Bösem. Beide existieren parallel, grenzen sich aber haarscharf von einander ab. Diese beiden Welten - die eine entstanden aus dem Urlicht, die andere aus der Urfinsternis - sind unbegrenzt, verhalten sich aber zueinander wie zwei unendlich große Halbkugeln, deren obere die Lichtwelt und deren untere die Welt der Finsternis ist. Den Rahmen der unendlichen Lichthalbkugel bildet der "Vater der Herrlichkeit". Er ist das übersinnliche Urbild, was man sich als das Himmelsgewölbe der Erde denken kann. Ebenso ewig wie der Vater der Herrlichkeit, ist der Lichtäther das Urbild des irdischen Luftraums, und die Lichterde, das übersinnliche Urbild der Erdscheibe. Sie bilden gemeinsam mit dem Vater der Herrlichkeit eine Dreiheit, die rein geistiger Natur, übersinnlich und ewig ist. Diese drei Teile besitzen besondere Attribute:

  • Das Geistige Leben des Vaters der Herrlichkeit ist gekennzeichnet durch Sanftmut, Wissen, Verstand, Geheimnis und Einsicht. Die Attribute seines reinen Geistes sind Liebe, Glaube, Treue, Altruismus und Weisheit.
  • Die Attribute des Lichtäthers sind identisch mit dem geistigen Leben des Vaters der Herrlichkeit.
  • Die Attribute der Lichterde sind der Lufthauch, Windeswehen, Licht, Licht-Wasser und das Himmelsfeuer.

Die Lichterde entspricht dem übersinnlichen Lichtpararadies, dem ein ewiger Lichtgott vorsteht. Er ist von 12 Wesen umgeben - Urbildern der 12 Tierkreiszeichen.

Entsprechend der Dreiheit des Lichtreichs, existiert eine Dreiheit der Finsternis. Darin steht dem Vater der Herrlichkeit gegenüber der "König der Finsternis": Cheschucha.

Der König des Rauches der herausgekommen ist aus der Tiefe der Finsternis, der welcher er ist, der Anführer der gesamten Schlechtigkeit und der Bosheit. Der Anfang der Anzettelung des Krieges geschah durch ihn; alle Kämpfe, die Schlachten, die Gefahren, die Niederlagen, die Ringkämpfe. Jener erregt Gefahren und Kriege zusammen mit seinen Welten und seinen Kräften. Alsdann kämpfte er mit dem Licht.

- Aus dem Kephalaia

Gegenstück zum Lichtreich bildet die Geistesmacht der Finsternis - Humama. Diese Macht ist in etwa vergleichbar mit der babylonischen Tiamat - dem Ungeheuer das aus dem finsteren Urmeer des Chaos entstand.
Schließlich entspricht der Lichterde in der Dunkelwelt, die "Erde der Finsternis" - die "kosmische Hölle". Auch diese Dreiheit hat ihre Attribute:

  • Der König der Finsternis besteht aus Gifthauch, Glutwind, Dunkel, Nebel und Höllenfeuer.
  • Die Attribute der Geistesmacht der Finsternis entsprechen den Attributen ihres Königs.
  • In der Erde der Finsternis brodeln giftige Quellen, dort wehen Rauchwolken und an finsteren Abgründen sind Sümpfe und dort lodern Flammensäulen.

Aus diesen Elementen der Finsternis ging nun als "Urteufel" der Satan hervor.

Was den Archonten, den Führer aller Mächte der Finsternis anbetrifft, so befinden sich fünf Gestalten an seinem Körper entsprechend der Gestalt der Merkmale der fünf Geschöpfe, die sich in den fünf Welten der Finsternis befinden. Sein Kopf hat das Gesicht eines Löwen, der aus der Welt des Feuers entstanden ist, Seine Flügel und seine Schultern haben ein Adlergesicht entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Seine Hände und seine Füße sind Dämonen entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Sein Bauch und sein Gesicht eines Drachen entsprechend, der Gestalt der Söhne der Welt der Finsternis. Sein Schwanz hat die Gestalt des Fisches, der gehört zu der Welt der Söhne des Wassers. Diese fünf Gestalten befinden sich an ihm, die, welche entstanden sind aus den fünf Geschöpfen, der fünf Welten der Finsternis.

- Aus dem Kephalaia

Der Satan wagte es bis zu den finstern Lichtbezirken vorzudringen, was zur Erschütterung der Lichterde führte. So sah sich der König des Lichtparadieses veranlasst einen neuen Äon hervorzubringen: die Mutter des Lebens. Unter dem Einfluss der fünf geistigen Attribute (siehe oben) und den 12 Herrlichkeiten, kam durch sie der "Urmensch" in die Welt (der entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala). Er wurde zum Kampf gegen den König der Finsternis ausgestattet, mit den fünf Elementen der Lichterde. Nun traf er an der Grenze zwischen Lichtreich und dem Reich der Finsternis, auf den Satan, begleitet von den 12 Archonten (Dämonen). Doch der Satan und die Archonten besiegten ihn, und raubten ihm einen Teil seines Lichts. Doch auf ein siebenmaliges Stoßgebet, sendete ihm der Vater des Lichtreichs die "Lichtfreunde", mit denen gemeinsam er letztlich den Satan besiegte und die Archonten gefangennahm.

Die Söhne des Lichts führten fünf Kriege mit den Söhnen der Finsternis. Die Söhne des Lichts bezwangen die Söhne der Finsternis in ihnen allen. Der erste Krieg ist der des Urmenschen, des Lebendigen, den er geführt hat mit dem König des Reiches der Finsternis und allen Archonten, die aus den fünf Welten hervorgekommen waren. Er stellte ihnen nach mit seinem (Fischer)Netz, welches die Lebendige Seele ist. Er schloss sie ein wie Fische (mit einem Netz).

- Aus dem Kephalaia

Der Demiurg Satan

Die Entstehung der Welt im Manichäismus

Die "Drei Söhne des Lebensgeistes" (Freunde der Lichter) töteten die 12 Archonten. Aus ihren astralen Häuten formte die Mutter des Lebens das Himmelsgewölbe über der Erde, was die 12 Sternbilder wurden. Je mehr Licht einer der Archonten dem Urmenschen entzogen hatte, desto heller leuchten die Sterne, die dem Himmelbereich seiner Haut entsprechen.

Im Kampf vermischten sich nun die fünf Licht-Attribute mit den fünf Attributen des finsteren Satans. Hieraus entstanden fünf materielle Elemente:

  • Lufthauch und Gifthauch ergaben die irdische Luft,
  • Windeswehen und Glutwind den irdischen Wind,
  • Licht und Dunkel zusammen die Metalle,
  • Licht-Wasser und Nebel bildeten das irdische Wasser und
  • Himmelsfeuer und Höllenfeuer vermischten sich zum irdischen Feuer.

Aus ihnen entstanden die nützlichen, wie auch die schädlichen Wirkungen von Himmlischem und Höllischem, von Gutem und Bösem, von Lichtem und Dunklem.

Nun befahl der König des Lichtreichs einem Engel - dem Demiurgen - die Erde zu bilden. Das Licht, das in dieser Welt an die Materie gebunden ist, nannte Mani die "Lichtseele". Sie entspricht dem Leiden unterworfenen Jesus.

Der Ort an den sich die Lichtseele und das Gebet begeben

Zweck des gesamten Weltprozesses ist es nun, das in die Materie eingeschlossene Licht zu befreien. Diesem erhabenen Zweck dienen Gott, die Sonne, der Mond und die 12 Sternbilder. Alle anderen Himmelskörper waren für die Manichäer Dämonen.

Die Lichtseelen, die sich aus der Körperlichkeit entrungen haben, wie auch die Gebete die über die Lippen gesprochen wurden, kehren zu ihrem Ursprung zurück. Den Sternbilderkreis nannte man das "Schöpfrad mit den 12 Eimern", woraus die im Lichtmeer befindlichen Seelen und Gebete, gemäß dem Schicksal ihrer Besitzer, "geschöpft" werden. Diese noch nicht völlig von ihrer Materialität befreiten Licht-Elemente, werden durch die 12 Sternbilder dann zunächst zum Mond gebracht - dem Ort der Lichtjungfrau - der Mutter des Lebens (siehe oben). Vom Mond gelangen diese Elemente zur Sonne - dem Wohnsitz des Lebensgeistes, des Urmenschen und seiner Lichtfreunde. Schließlich werden die Lichtseelen und die gesprochenen Gebete, zum höchsten Licht gebracht (vergl. Zentralsonne). Dort werden die Lichtelemente abgesondert und absorbiert, und die "materiellen Schlacken", werden in den tiefen, um die Welt gezogenen Graben, hinabgeworfen.

Mani sagte, dass es der oben erwähnte Urmensch sei, dem die Haupttätigkeit in diesen Vorgängen zufällt. Er ist der "Vollender der Entsündigung", weshalb ihn die abendländischen Manichäer den "Jesus impatibilis" nannten: den "leidensbaren Jesus". Jesus wird im Übrigen ja auch der "wahre Adam" genannt, womit ein Hinweis auf diesen Ur-Menschen gegeben ist.

Was aber geschieht mit den übrigen Archonten, die sich außerhalb der 12 Tierkreiszeichen befinden? Schließlich raubten auch sie dem Urmenschen das Licht. Hierzu, so Mani, erschien ihnen eine Lichtgöttin, die die Lichtfunken befreite. Das freigelassene Licht konnte nunmehr geläutert werden. Zum gleichen Zweck erschien den weiblichen Archonten ein männlicher Lichtgott.

Die Rolle des Menschen

Die Archonten strebten danach, ihr geraubtes Sternenlicht, das ihnen Einfluss auf die Erdenwelt gab, aber mit allen Mitteln für sich selbst zu behalten. Einer der Archonten - Sindid, der "Gewaltige" - kam zu der Erkenntnis, dass, wenn möglichst viel von diesem Sternenlicht in einem Individuum aufgespeichert sei, man ihm dieses Licht entziehen könnte. Das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er sich mit fünf anderen Archonten - der Brunst, der Hast, der Habgier, der Lust und der Sünde - vereinigte, woraus Kinder geboren wurden, die er alsdann verschlang (wie der griechische Kronos). Denn diese Kinder hatten den Archonten eine große Menge Lichts entzogen. Danach paarte er sich mit seiner Frau und es kam ein Wesen zur Welt, das alle Eigenschaften dieser sieben Hauptarchonten in gesteigertem Maße besaß: Adam - der erste Erdenmensch. Sein materieller Körper, von den Elementen der Finsternis stammend, gehört zum Reich der Finsternis. Seine Seele aber gehört dem oberen Lichtreich an - denn sie wurde dem Urmenschen (vergl. Adam Kadmon) einst geraubt. Darum stehen auch im Menschen Licht und Finsternis in absolutem Gegensatz. Der erste Mensch Adam erhielt den größten Teil dieses spirituellen Lichts. Bei ihm überwog der lichte Anteil gegenüber seiner finsteren Körperlichkeit. Das Selbe gilt für das zweite Wesen, das Sindid zeugte: Chawa (Eva). Zwei Archonten wurden von Sindid dafür vorgesehen, dieses erste Menschenpaar zu bewachen.

Die fünf lichten Schutzengel der Erdenwelt sahen nun, dass in den beiden neuen Lebewesen das geistige Licht durch die "Finsternis des Körpers" begrenzt wurde. Sie baten daher die Mächte des Lichtreichs (darunter der Lebensgeist, die Mutter des Lebens), dem in den Banden der Sinnlichkeit schmachtenden Menschenpaar einen Erlöser zu senden. So wurde der Äon Isa gesendet, der die beiden Wächter fesselte und dann den Menschen zeigte, aus was ihr Leib zusammengesetzt ist: Licht und Finsternis. Isa zeigte ihnen wie sie das an ihren Körper gebundene Licht erlösen konnten. Chawa näherte sich ihr Erzeuger Sindid und sie gebar ihm den Kain (diese Überlieferung ähnelt der Tempellegende der Freimaurer), mit dem sie wiederum den lichten Abel und zwei Mädchen zeugte: die "Weltweise" und die "Tochter der Habgier". Letztere wurde selbst zur Frau ihres Vaters Kain, die erstere bekam den Bruder Abel. Sie aber wurde nicht von Abel geschwängert sondern von einem Engel, und gebar die beiden Töchter "Kommzuhilfe" und "Bringehilfe". Als nun Abel den Kain für den Vater der Kinder hielt und dafür kritisierte, tötete ihn Kain und heiratete dann auch noch seine Tochter "Weltweise".

Dieses Inzestmotiv ist alt-orientalischen und vorchristlichen Ursprungs, denn es taucht ebenso auf im jüdischen Midrasch Bereshit Rabba, wo Kain seinen Bruder erschlägt, wegen ihrer beiden Schwester Naëmah.

Die manichäische Erzählung fährt nun damit fort, dass die Chawa mittels eines von Sindid gelernten Zaubers, die Zuneigung Adams gewinnt und ihm den Schathil (= Seth, vergl. Genesis 4:25, dritter Sohn von Adam und Eva) gebiert. Er besitzt mehr Lichtelemente als es von Sindid und Chawa eigentlich geplant war. Sie versuchten darum das Kind zu töten. Adam rettete es aber mit Hilfe eines, aus einem Gebet niedergesanden Licht-Äon. Später trennte sich Adam von Chawa und begab sich mit seinem Sohn Seth in den Osten - "der Welt wo Licht und Weisheit sind". Dort starb er und gelangte alsdann zum Paradies der Lichterde (zwischen diesem Ort und der Erde, soll sich angeblich der Priesterkönig Melchisedek von Salem befinden, als Hüter des vom Guten und Bösen des MakrokosmosAdamgrabes).

Der Mensch steht im Weltprozess auf dem Kampfplatz der Dämonen der Finsternis und den Engeln des Lichtreiches. Manis Lehre zielte hin auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen, paradiesischen Zustandes, wo dann das "Böse Prinzip" dem Guten machtlos gegenüberstehen wird. Bei diesem kosmischen Erlösungprozess, kommt dem Menschen eine große Rolle zu: durch seine Vernunft hat er, in einem Erkenntnisakt, die Verstrickungen der Lichtkräfte im finsteren Reich der Materie (Hyle) zu durchschauen. So ist der Mensch beteiligt als Mikrokosmos, im Kampf von Gutem und Bösem im Makrokosmos. Es ist des Menschen Aufgabe dabei die in der Materie eingeschlossenen "Lichtteile" zu befreien. Was dabei erlöst wird ist nach Ansicht der Manichäer Gott selbst, denn für sie war die menschliche Seele substantiell mit Gott gleich und damit ein Teil seines göttlichen Lebenslichtes. Es ist hiermit der himmlische Lichtfunke gemeint, der den menschlichen Körper bewohnt.

Ihr Geheiligten, sorgt euch nicht, so ihr in Einklang seid mit Mani, unserem Vater, dem Paraklet (der "Tröster"). Alle göttlichen Wesen ruhen konzentrisch ineinander, ihr Himmelsmenschen. So achtet darauf, dass ihr keinen Zweifel pflanzt in euer Denken, sondern einzig Friede in eure Tat. Ihr Geheiligten, die ihr dem Gesetz Gottes nahe seid, achtet darauf - in drei Dingen ruht Vollkommenheit: im heiligen Gesetz, in der Weisheit und in der Liebe. In diesen dreien sind alle Menschen, die aus Gott sind, vollkommen.

- Ausspruch des Mani

Gebote und Verbote der Gläubigen

Um diese göttlichen Lichtfunken aus der stofflichen Welt zu erlösen, dafür musste sich ein Angehöriger der Religion Manis verantworten. Sein Handeln in dieser Welt zog besondere Konsequenzen nach sich. So war ihm geboten bestimmte Dinge zu unterlassen, was letztendlich den asketischen Charakter der manichäischen Religion unterstreicht.

Den Manichäern war zwar die Mission der Verbreitung ihres Glaubes eine Pflicht, doch es kam ihnen nicht so sehr darauf an wie viele Anhänger die gewinnen konnten, sondern wie viele gute Gemeindemitglieder sie zählten. Unter ihnen gab es die "Vollkommenen" und die "Hörer". Die Vollkommenen hatten Gebote zu befolgen, die als die "drei Siegel" zusammengefasst sind:

  • Das Siegel des Mundes gebot zur Enthaltung von Fleisch, Blut und Alkohol und untersagte das Fluchen.
  • Das Siegel der Hände verbot jedes gegen die göttliche Lichtwelt gerichtete Handeln.
  • Das Siegel des Busens forderte geschlechtliche Enthaltsamkeit.

Die strikte Befolgung solcher Gebote war natürlich nur als ein Mönch unter den Vollkommenen möglich. Darum gab es neben diesen strengen Geboten auch etwas abgeschwächtere zehn Pflichten, die für die Hörer galten:

  • Verbot des Götzendienstes,
  • Verbot des Lüge,
  • Verbot des Habsucht,
  • Verbot jeglichen Tötens,
  • Verbot der Unzucht,
  • Verbot des Stehlens,
  • Verbot des Betrügens und der Verleitung dazu,
  • Verbot der Zauberei,
  • Verbot der Heuchelei,
  • Verbot religiöser Gleichgültigkeit.

Anders als den Vollkommenen, war den Hörern der Genuß von Fleisch und Wein gestattet. Sie durften Kinder zeugen, Handel und Gewerbe treiben und öffentliche Ämter bekleiden. Man riet ihnen jedoch keine Häuser zu bauen und auch keine Bäume zu pflanzen, weil solches Handeln sie zu sehr an diese Welt und ihr Treiben fesseln würde.


Der Manichäismus lieferte seinen Gläubigen nicht nur Gebot und Moral, sondern auch, und vor allem, ein absolutes Wissen, dass ihnen half totale Erkenntnis (Gnosis) zu erlangen. Dieses Wissen führt, so die Manichäer, unvermeidlich zum Heil eines Gläubigen. Es gleicht einer Bestandsaufnahme und einer Erfragung aller wichtigen Einzelheiten, zur Rolle des Menschen und des in seinem Körper eingeschlossenen göttlichen Lichtfunken. Der Eingeweihte erkennt sein wahres Selbst als diesen göttlichen Lichtfunken - als Lichtteilchen des Allgottes im Lichtreich. So sind Gott und Seele also vom selben Licht. Nur die Unwissenden kennen diese Wahrheit nicht. Darum bleibt bei ihnen dieses Licht im Körper gefangen.

Im religiösen System Manis wurde das Drama der Seele und ihr Aufstieg zum universalen Leben, eingehend und plausibel erklärt. Auch die damals lebenden Menschen konnten es verstehen. Niemand musste ihnen geheimnisvolle Gleichnisse erklären, sondern verstanden die Vorgänge im Kosmos direkt. Sie sahen ihre Absichten, wie auch die der rein geistigen Wesen, als Teil eines großen göttlichen Plans - eines höheren Gesetzes, zu dessen Erfüllung sie beitragen konnten.

Die Freude ist gekommen, der Sommer gibt seinen Duft von sich. Öffnet die Tore, entzündet die Lampen. Das Schiff hat angelegt. Das Schiff ist das Gebot. Lade ein dein Gut. Segle mit frischem Wind. Wir haschen nach jedem Augenblick, doch wir vergeuden jeden Tag, denn wir wissen nicht den Augenblick wo alles still wird. Wo sind nur alle Menschen? Sie haben Abschied genommen. Sie sind fort gegangen. O dieses große Wunder, dieses Staunen, das den Menschen erfasst hat. Sie rennen, sie stürmen voran, doch sie eilen umsonst. Viele von ihnen starren in die Ferne, doch vor uns, in uns, liegt ein allgegnwärtiger Tag. Die Wunder sind gekommen und ziehen vorüber. Die Zeichen erfüllen sich. Lasst die weiße Taube in ihr Leben und setz ihr nicht die Schlange vor. Das Königreich ist Liebe - die weiße Taube.

- Ausspruch des Mani

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Was ist Gott und was sind wir?

von S. Levent Oezkan

Gott ist eine Essenz ohne Dualität, doch nicht ohne Beziehungen. Er ist die absolute, ungeteilte Gegenwart, an der alles Leben teilhat. Er ist die Essenz des Guten, Wahren und Weisen, die sich auf zwei Arten offenbart: als Seiendes und Werdendes. Gott bleibt ewig und unsterblich. Er verkörpert sich in weltlichen Geschöpfen, die aber sterblich sind.

Diese Arten göttlichen Erscheinens, bilden eine allumfassende Ganzheit. Sie wirkt sich direkt und indirekt auf die Welt und die in ihr lebenden Wesen aus: Z. B. einmal als das Grollen des Donners, ein andermal als das sanfte Gefühl des eigenen Herzschlags. Im Hinduismus steht dafür das »Schabda-Schabda«: Schabda ist der Grundton der Welt, wie auch der hörbare Lebensstrom eines jeden lebendigen Wesens. Schabda-Schabda ist der Klang des Urklangs, die lebendige Essenz der Essenzen. Das bezeichnet im indischen Vedanta das Wort »Advaita« - die ewige Einheit, an der alles in der Welt Anteil hat - jedes lebendige Wesen. In Advaita sind Seiendes und Werdendes eins.

Um den Sinn dieser göttlichen Einheit zu begreifen, bedarf es zunächst eines Wesens, das diesen Sinn überhaupt begreifen will. Und da Gott nicht ohne das von ihm geschaffene Leben existiert, ergeben sich unzählige Beziehungen zu all seinen Lebewesen. Im lebenspendende Atem von Mensch, Tier und Pflanze, ist Gott gegenwärtig. Das Wort »Atem« ist verwandt mit dem indischen »Atman«: das Selbst. Nicht zufällig üben alle Meditationsformen die Entwicklung eines Selbst bewussten Atmens. Wer vollbewusst seinen Atem »erkennt« und gleichzeitig sich vom Strom der Gedanken löst, der nähert sich der oben erwähnten Einheit Gottes. Wer immer die Einheit auf diese Weise unmittelbar erfahren hat, d. h. den in ihr innewohnenden Eigenschaften schon einmal gewahr wurde, beginnt die Aspekte des Göttlichen zu verstehen. So jemand kann sich jenseits des Bereichs der normalen Sinneswahrnehmung begeben und sich ganz von den äußeren Reizen lösen. Er überschreitet die Grenzen der endlichen Erfahrungswelt seiner Sinne, Gefühle und Gedanken – begibt sich jenseits des normalen Wahrnehmungshorizonts – kurz: er ist in der Lage die Grenzen seines Egos zu übersteigen. Erst dann wird der Prozess der Erkenntnis überhaupt in Gang gesetzt. Es ist die Erkenntnis, dass die mikrokosmische Person die in unserem Herzen wohnt, einer makrokosmischen Person entspricht, die im Herzen der Sonne wohnt. Das ist ein Bild dafür, was im Vedanta mit Atman und Brahman bezeichnet wird: dem individuellen Selbst und der kosmischen Weltseele.

Gott Brahma - ewigeweisheit.de

Der Gott Brahma: Lehrer der Götter und der Menschen.

So können wir sagen, dass Gott nicht von irgendwo herkommt, noch zu irgendetwas wird, sondern sich allen möglichen Arten der Existenz, als lebenspendendes Wesen anbietet – was ja auch die Sonne gegenüber den Lebewesen auf der Erde tut. Den »Besitzern des Atman«, also den Menschen, ist selbst überlassen, ob sie dieses Angebot annehmen oder ablehnen, daran teilhaben oder es ignorieren.

Namen der Einheit

All die vielen Namen dessen, war wir hier zu definieren versuchen, sind nur Bezeichnungen eines selben, ewiglichen Seins und Werdens, das man Elohim, ein andermal Jahwe, JHVH, Christus, Deiwos, Zeus, Guda, Manitu, Tyr, Odin, Wodan, Isis, Gaia, Ymir, Aton, Ra, Brahma oder Allah nennt. Ein Gott oder eine Göttin verkörpern sich eben in der Form, wie sie von ihren Verehrern vorgestellt wird. Mal ist Gott ein alter Wolkenmann mit langem Bart, ein andermal der Gekreuzigte. Der Islam verbietet, sich überhaupt ein Bild vom göttlichen Namen zu machen. Wieder andere denken sich ihn als die »Emanationen aus den Schwingen des kosmischen Adlers«. All diese Namen und Verkörperungen dessen, was wir hier der Einfachheit halber aber weiterhin »Gott« nennen wollen, dafür steht in Indien die heilige Silbe »Om«. In etwas abgewandelter Form sprechen die Schamanen Zentralasiens »Ommen«, was natürlich dem im Westen gebräuchlichen »Amen« entspricht. Die heilige Silbe Om wird in der vedischen Tradition die »Essenz der Essenzen« genannt.

Die Essenz aller Lebewesen ist die Erde,
Die Essenz der Erde ist das Wasser
(denn sonst wäre sie nur Staub),
Die Essenz des Wassers sind die Pflanzen
(den sie wachsen nur dort, wo es Wasser gibt),
Die Essenz der Pflanzen ist der Mensch
(da er sich von pflanzlicher Nahrung ernährt),
Die Essenz des Menschen ist die Sprache
(denn durch sie unterscheidet er sich von anderen Lebewesen),
Die Essenz der Sprache ist der Rigveda
(der älteste Teil der indischen Veden),
Die Essenz des Rigveda ist der Samaveda
(der melodische Gesang der Verse des Rigveda),
Die Essenz des Samaveda ist der Udgitha
(das ist die heilige Silbe Om die in der Lithurgie gesunden wird).
Dieser Udgitha (Om) ist die beste aller Essenzen, ist die Höchste, die die höchste Stufe verdient, die Achte
(denn sie ist die achte Essenz all der hier aufgeführten Essenzen).

- Chandogya Upanischaden 1:1:1-3

Diese heiligen Verse aus den Upanischaden zeigen, was allen spirituellen Vorstellungen über Gott gemein ist: So wie der Pflanzensaft durch die Äste eines Baumes, gleichgeartete Früchte an seinen vielen Zweigen nährt, ebenso haben die vielen Gläubigen auf dieser Erde Anteil an einer ewigen, ungeteilten und werdenden Essenz, der sie nur ihre individuellen Namen, Formen und Symbole geben.

Der, die, das Eine

All die Formen in der Vorstellung eines Gläubigen, sind nur Mittel, sich dem Formlosen anzunähern. Der Mensch verwendet gesehene Bilder, um sich das Unsichtbare zu visualisieren, verwendet das Gehörte, um sich das Ungehörte vorzustellen. Ganz gleich ob wir ihn als männliches, weibliches oder neutrales Hauptwort bezeichnen, als die »Große Mutter«, »Allah«, »Sonne«, »Den Einen« oder sonst wie: sie alle vereinigen sich in der hier immer wieder erwähnten Essenz. Um an der lebenspendenden Essenz dieser universalen, spirituellen Einheit teilzuhaben, sollten wir uns aber allmählich von den vielen Vorstellungen darüber lösen.

Pilger beim Bad im heiligen Fluss Ganges (1880) - ewigeweisheit.de

Pilger beim Bad im heiligen Fluss Ganges (1880).

In den Fußstapfen unserer Vorgänger

Ist es nicht so, das wir alle irgendwelchen Vorgängern nachlaufen, die dieser Essenz, der göttlichen Einheit, nur unterschiedliche Namen gaben? Wir folgen ihren Fußstapfen, auf der Suche nach unserem eigenen spirituellen Weg. Doch in der »Welt der Wahrheit«, gibt es keine Wege, keine verborgenen Pfade die man auffinden könnte. Wir müssen den Mut haben, dieses »Land der Begriffslosigkeiten« selbst, ohne einen Führer zu betreten. Es ist, wie als würden wir einen Fluss durchwaten hinauf zur Quelle. Jeder weiß, dass auf dem Grund des Flusses alles fort gespült wird, woran man sich orientieren könnte. Ganz gleich wie breit dieser Fluss auch sein mag: gehen wir nicht bereits in die richtige Richtung, wenn wir uns gegen den Strom bewegen?

So wie das Wasser der vielen Seitenarme in den Flussdeltas von Ganges (Indien) und Nil (Ägypten) ins Meer fließen, so strömt sinnbildlich die Essenz der göttlichen Weltseele, in das Meer aller Menschenseelen.

Der Nil (NASA Bild aus dem Weltall) - ewigeweisheit.de

Der Nil (NASA Bild aus dem Weltall).

Panta rhei - Alles fließt

Die alten Ägypter verehrten den Nil als göttlichen Vater-Mutter-Androgyn – als männlich-weiblichen Gott. Der Nil ähnelt einer fließenden Lebensachse, von Süden nach Norden – auf dessen beiden Ufern Bauern ihre Äcker bestellen. Hierin wird auf die anfangs erwähnte Nicht-Dualität Gottes hingewiesen. Zwar hat jeder Fluss zwei Ufer, er selbst kann sie aber nur als ein Fluss trennen. Somit verkörpert er ein Symbol der Befreiung von den Gegensätzen.

Wer sich immer zwischen den Polen von Rechtem und Schlechtem bewegt, wird brüchig, bis er gänzlich in der Hilflosigkeit der äußeren Lebensumstände erstarrt. Leben aber heißt Fließen.

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.
Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben,
Wir sind es und wir sind es nicht.

- Aus Fragmenten der Vorsokratiker

Der Mensch muss lernen sich über die Gegensätze zu erheben, über das was war und das was sein könnte. Gutes und Böses, Angenehmes und Widerliches, Glück und Unglück sollten wir mit dem selben Gleichmut hinnehmen, als ob gar kein Unterschied bestünde. So nähern wir uns dem, was der alte chinesische Meister Laotze »Tao« nannte. Tao ist der eine Weg, auf dem jene gehen, denen die Vereinigung der Gegensätze gelingt –, symbolisiert durch das Yin-und-Yang. Wer diesem Weg folgt, wird Gott ähnlich. Tao wurde von den alten Chinesen auch als »Tau Gi«, der »Große Firstbalken« bezeichnet. Dieser Balken bildet in einem Haus das Gerippe, das die Sparren des Dachstuhls zusammenhält. Dieser Balken ist auch der Kiel, der das Unterste vom Balkenwerk des Schiffsbauches bildet (jenem Schiff, dass sich auf dem Lebensfluss auf die Quelle des Lebens zubewegt). Auch die menschliche Wirbelsäule entspricht diesem Einen, woraus die Rippen ebenso hervorgehen, wie die Rippen aus dem Kiel des Schiffsbauches. Im indischen Kundalini-Yoga trägt die Wirbelsäule den Namen »Meru«, da der Körper zur Wirbelsäule im selben Verhältnis steht, wie der Kosmos zum Weltenberg Meru (den die Juden »Moriah« nannten).

In diesem Tao – dem mittleren Weg – dem Dachkiel und Mittelpfosten unseres spirituellen Himmelsgebäudes, finden wir die Essenz der göttlichen Einheit. Nach ihr sollten wir suchen – sie sollten wir zu erkennen trachten.

Auch wenn wir uns gleichzeitig immer nur auf einem, dann auf einem anderen Pfad bewegen können, beabsichtigen letztendlich alle spirituellen Wege, den Menschen näher an die Essenz seiner lebendigen Seele heranzuführen. Dies erfolgt solange, bis eines Tages alle Seelen den letzten Schritt in ihrem Werdeprozess auf Erden gegangen sind. Dann verlassen sie den langen Inkarnationszyklus der Erde, um die unendlichen Weiten des Universums zu durchmessen. Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig, denn dereinst, in einigen Milliarden Jahren, wird die Sonne mit der Erde und den anderen Planeten, wieder zu einer großen Einheit verschmelzen.

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Die Mysterien von Eleusis und das Urchristentum

von Johan von Kirschner

Einweihung in Eleusis - ewigeweisheit.de

Wer nie das Blut eines Mitmenschen vergossen hatte und fähig war zu schweigen, der konnte, ganz gleich ob Fürst oder Sklave, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht werden. Wer Anteil hatte an der göttlichen Weisheit der Mysterien, wie wohl einst der Apostel Paulus, der wurde ein »Vollkommener« und konnte auch in anderen die Flamme der Erkenntnis entzünden.

Viele alte Philosophen, Dichter und Historiker sprachen mit größter Ehrfurcht von einem Kult, der sich um drei Gottheiten drehte: Demeter, Persephone und Dionysos. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, strahlte in seiner ganzen Erscheinung eine Heiligkeit aus, die, so der alte Glaube, von diesen Gottheiten auf ihn überging. Was Christen und Juden beim Namen Jerusalem, Muslime beim Namen Mekka empfinden, dass und mehr mussten eingeweihte Griechen beim Namen »Eleusis« empfunden haben. Eleusis war ein Ort wo etwas stattfand, dass die dort Teilnehmenden niemals mehr vergessen konnten und ihnen für den Rest ihres Lebens Licht, Kraft und Trost gab.

Sophokles, selbst ein Eingeweihter, fasste seine Eindrücke der Ereignisse von Eleusis so zusammen:

Dreimal selig, ewig stillbeglückt
Ist der Sterbliche, der jene Weihe erblickt
Ehe er zum Hades niederstieg.
Seiner harrt dort Freude, Licht und Sieg.
Ihm allein ist Sterben neues Leben;
Doch den andern wird viel Leid gegeben.

Die Mysterien von Eleusis wurden in Griechenland vor mehr als 3.000 Jahren gegründet. Seit damals wurden in Eleusis zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende Menschen in die Mysterien eingeweiht. Das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht allein aus dem alten Griechenland stammten, sondern wohl auch aus dem römischen Reich, aus Kleinasien, Palästina, Ägypten und Persien eingeladen wurden, um an den Mysterienfeiern teilzunehmen.

Auch wenn man damals im griechischen Arkadien, Messenien und Korinth Mysterienfeiern abhielt, waren ihnen seit alters her die Eleusinischen Mysterien übergeordnet. Ihr Ahnherr war der thrakische Demeterpriester Eumolpos, der als erster Hierophant (Enthüller der heiligen Geheimnisse) im heiligen Drama der Mysterien die Rolle des Zeus zufiel.

Man unterschied zwischen den kleinen Mysterien, den Myesis (von griech. myo, verschleiern), und den großen Mysterien, den Teletai (von griech. telos, vollkommen), in denen die eigentliche Einweihung vollzogen wurde. Es war Personen beider Geschlechter und aller Stände, auch Sklaven, gestattet, an den kleinen Mysterien teilzunehmen. Doch die höhere und letzte Initiation der großen Mysterien vollzogen nur wenige – trotz dass ihnen darin die großen Geheimnisse des Lebens offenbart wurden.

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens - ewigeweisheit.de

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens

Die kleinen Mysterien

Die kleinen Mysterien wurden jedes Jahr im Monat Anthesterion, um das Frühlings-Äquinox in der Kleinstadt Agrae abgehalten, in der Nähe von Athen. Dort hausten die Teilnehmer in einer kleinen Zeltsiedlung, von wo aus sie sich in ein nahe gelegenes Demeter-Heiligtum begaben, in dem die Weihehandlungen stattfanden. Wer die Weihe empfangen wollte, dessen guter Leumund musste von zwei Eingeweihten bezeugt werden, die damit seine Mysterien-Paten wurden. Nur wer ein ehrenhafter Bürger des hellenischen Staates war und sein Hände niemals mit dem Blut eines Mitmenschen befleckt hatte, entsprach den Anforderungen der eleusinischen Priester und konnte als Neophyte angenommen werden.

In den kleinen Mysterien wurde der Neophyt auf die heiligen Wahrheiten der großen Mysterien vorbereitet und nach dem Empfang der ersten Weihe, durfte er sich »Myste« nennen: Verschleierter.

Die großen Mysterien

Man sagt jene Eingeweihte der kleinen, glichen unvollkommenen Schatten derjenigen die die Weihen der großen Mysterien empfangen hatten – ganz so wie der Schlaf ein Schatten des Todes ist. Als ein Myste der kleinen Mysterien wurde man aber für die großen Mysterien zugelassen. Sie fanden alle vier Jahre im Monat Boedromion, um das Herbst-Äquinox, in der Tempelanlage von Eleusis statt. Alles was dort geschah ereignete sich hinter verschlossenen Toren. Uneingeweihte die sich in die Mysterien einschleichen wollten, wurden mit dem Tode bestraft.

Wer die Weihen der großen Mysterien empfangen hatte wurde in die Anfangsgründe der heiligen Wissenschaften eingeweiht. Ihn nannte man einen Epopten – das war ein »Sehender«, einer der das Mysterium des Todes »geschaut« hat.

Das Geheimhaltungsgebot

In den Mysterien wurde kein geheimes Wissen vermittelt, noch führte man darin intellektuelle Unterweisungen durch. Die Teilnehmer machten aber Erfahrungen, durch die sie ein phänomenale Selbst-Transformation erfuhren. Der griechische Philosoph Apuleius (125-180 n. Chr.) beschrieb die Einweihung als einen freiwilligen Tod des Teilnehmers und seine Wiedergeburt zu neuem Leben. Man teilte den Mysten etwas mit, zeigte ihnen etwas und etwas wurde mit ihnen getan. Während der mehrtägigen Mysterienhandlungen, erfuhren die Teilnehmer die Bedeutung der Pole von Sterben und Wiedergeburt, von Schmerz und Vergnügen, von Finsternis und Licht.

Was die Mysten in den Weihen von Eleusis empfingen, muss eine ganz wunderbare Erfahrung gewesen sein. Das innerste Seelenleben des Initianden wurde in seinen verborgensten Tiefen erschüttert und auf geheimnisvolle Weise wieder neu zusammengefügt. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, der lebte fortan als anderer Mensch. Was das bedeutet, bleibt Nicht-Eingeweihten für immer verborgen. Es ging also nicht um die Mitteilung besonderer Geheimnisse, sondern um tiefgründige Erfahrungen – etwas, dass in Worten ebenso wenig mitteilbar war, wie ein Sehender einem Blinden von Farben erzählen könnte. Es war eine Art Vorgeschmack auf die Todeserfahrung, den der Myste in Eleusis kostete. Wie sollte also jemand ganz genau in Worten beschreiben wie es sich anfühlt und was in diesem Zustand mit einem geschieht, der diese Erfahrung noch nie gemacht hat?

Jede Erfahrung die wir machen ist vollkommen individuell und kann nicht durch Worte beschrieben werden – denn die Beschreibung ist niemals das Beschriebene! Was sich den Mysten in den Mysterien in dieser Erfahrung ganz deutlich offenbarte, war die esoterische Geschichte über die Entstehung der Götter in der alten Volksreligion. Wer preisgab was er erfuhr, der gefährdete Staat und Glauben, denn er verriet die Herkunft der Volksgötter, was, ohne Verständnis der geistigen Hintergründe im Volk, zu gefährlichen Missverständnissen geführt hätte. Nur dem Auge des Eingeweihten erschlossen sich die göttlich-geistigen Zusammenhänge. Darum das Schweigegelübde: die Mysterien-Weisheit musste Tempel-Geheimnis bleiben. Wer die Mysteriengeheimnisse verriet, der machte sich der Todesstrafe schuldig! Doch im Verlauf der Jahrhunderte in denen die Mysterien abgehalten wurden, ist nie ein Fall von Verrat der Geheimnisse durch einen Eingeweihten bekannt geworden.

Hehres Geheimnis, das keiner verraten darf, noch erfragen,
Noch beklagen; ein heiliger Schauer ja bindet die Sprache.
Glücklich jedoch, wer es sah von den erdebewohnenden Menschen!
Denn wer die Weihen empfing, und dem das Heilige fremd blieb;
Nicht doch haben sie gleiches Geschick in dem Reiche der Toten.

- Aus Homers Hymnus an Demeter

Die Geheimhaltung der Mysterien waren in sich selbst ein Symbol dafür, dass die wichtigsten Dinge im Leben nicht beschrieben werden können. Wie wollte jemand beschreiben was Liebe ist, wie es sich anfühlt und in welche Stimmung es jemanden versetzt? Ist Liebe nicht eines der größten Mysterien? Auch was der Tod, das Leben, die Zeit und das menschliche Bewusstsein sind, bleiben Geheimnisse, denn die Erfahrung der mit ihnen zusammenhängenden Vorgänge sind jeglicher Sprache erhaben. Über das wirklich Wichtige im Leben lässt sich nicht reden.

Die Mysterien-Handlungen

Was die Neophyten im heiligen Drama der kleinen Mysterien gezeigt bekamen, war die Geschichte der Persephone, der Tochter der Korngöttin Demeter. Es war eine Allegorie auf die Geschichte der menschlichen Seele. Persephones Weg aus der Oberwelt in die Unterwelt, bedeutete das Herabkommen der menschlichen Seele auf die Erde in der Stunde der Zeugung. Durch ihr Begehren wurde Persephone verführt, wodurch der finstere Herrscher der Unterwelt Gewalt über sie erlangte. Auch die Seele des Menschen wird durch die irdische Liebe angezogen, wenn sich Mann und Frau vereinigen. Sie wird dann in dieses Leben hineingeboren, wo sie im Dunkel des Körpers weilen muss. Erst in der Stunde des Todes, ringt sie sich wieder empor, in die lichtvollen Welten des Himmels.

Wie in den ägyptischen Mysterien von Osiris und Isis wurde auch in Eleusis den Mysten etwas erzählt, dem sie mit verschleiertem Gesicht lauschten. Als man von ihren Augen den Schleier nahm und vor ihnen geheime Symbole enthüllte, erschloss sich ihnen das Gehörte, machte Sinn und fügte sich zu einem großen Ganzen zusammen. Immer ging es um den Zyklus von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, symbolisiert durch den Jahreszyklus im Leben des Getreides. So wie im Jahreskreis die Vegetation im Winter stirbt, so lebt im Menschen die Hoffnung auf ihre Wiederkehr. Die in der Erde um diese Zeit vergrabene Saat stirbt dort, um im Frühling aus der Erde zu neuem Leben zu erblühen.

So hoffte auch der Mensch auf sein eigenes Wiedererwachen nach dem Tod, auf die Unsterblichkeit seiner Seele in der Wiederauferstehung zu ewigem Leben. Das herbstliche Erntefest war auch eine Feier der Unsterblichkeit. In mancher Hinsicht erinnern diese Formulierungen an das Christentum. Und in der Tat ist davon auch die Rede in einem der Evangelien:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

- Johannes 12,24-26

Der hier angedeutete symbolische Charakter des Vegetationszyklus, wurde im Mysterienkult von Eleusis voll ausgeschöpft. Doch es wäre falsch zu glauben, dass es nur ein symbolischer Vorgang war, der den Mysten im Einweihungstempel gezeigt wurde. Es war ein tief mystisches Erfahren, wodurch die Initianden erkannten, was das innerste Wesen der Naturvorgänge ist: im Menschen, auf der Erde und im Weltenkosmos. Die Teilnehmer waren sich bewusst, dass die Kräfte, die in der Erde wirken, auch in den Tiefen der menschlichen Seele aktiv sind.

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Angst vor dem Tod

Auch schon für die alten Griechen war der Tod etwas ganz Furchtbares. Achilles, der seinem Genossen Odysseus in der Unterwelt begegnete, sagte zu diesem, er wolle lieber als Bettler in der Menschenwelt leben, statt als König im Reich des Hades. Ein Gegenbild hierzu liefern die Eleusinischen Mysterien, denn sie vermitteln den Wert des Ewigen gegenüber dem Irdischen und Vergänglichen. Den hoch erhabenen Epopten wurde das geheime Wesen dieser Wahrheit vom Hierophanten enthüllt.

Die Schönheit (der Mysterien) aber war damals leuchtend zu schauen, als wir (als Epopten, als »Sehende«) mit dem glückhaften Chore das selige Gesicht und Schauspiel genossen […] (und) in die Mysterien eingeweiht wurden, die nach ewigem Recht die segenbringendsten aller Mysterien genannt werden. Als Makellose schwärmten wir, damals noch unversehrt von den Übeln, die uns in der künftigen Zeit erwarteten. Darauf vorbereitet und geweiht, schauten wir klare, beglückende, unwandelbare und heilige Visionen, die in reinem Lichte wohnten. Wir sahen uns selber, rein und nicht behaftet mit dem, was wir jetzt unseren Körper nennen, den wir an uns geheftet (d. h. an die Seele gebunden), mit uns herumtragen, so wie die Purpurschnecke ihr Haus.

- Aus Platons Phaidros

In Eleusis lernten die Teilnehmer das innerste Wesen dieses großen Mysteriums kennen. Sie erfuhren, dass ihre Seele aus himmlischen Regionen stammte, sich aber von Zeit zu Zeit auf der Erde in einem Menschenleib verkörperte. Da die Seele sich nach dem Irdischen sehnt, wird sie zu immer neuen Verkörperungen getrieben und kehrt darum wieder auf die Erde zurück – so wie Persephone zu Hades.

Dem Epopten jedoch erschien diese Angelegenheit, als wandelte seine Seele in einem Menschenkörper eingefangen, ganz unbewusst auf dieser Erde – im Exil von ihrer himmlischen Heimat. So findet die Seele mit der Geburt in einem Menschenkörper, gewissermaßen ihren Tod auf der Erde. Erst wenn der Kerker des Menschenkörpers abgestorben ist, kehrt sie wieder zu ihrem Ursprung und zu einem neuen himmlischen Leben zurück. Das sollte der Teilnehmer als eine Art allegorische Erfahrung erleben - als Vorwegnahme davon, was seine Seele dereinst erleben wird.

Mit diesem Drama der menschlichen Existenz auf der Erde, verbanden die alten Griechen aber auch die schicksalhafte Geschichte des Gottes Dionysos. Über sein Wesen und das der anderen Mysteriengötter, werden wir im Folgenden näheres erfahren.

Mythologischer Hintergrund der Mysterien

Zeus, bei den Römern Jupiter genannt, war bekanntlich ein donnernder Himmelsvater und höchster Gott des alt-griechischen Pantheon. Seiner etymologischen Herkunft nach ist der Name Zeus abgeleitet vom indogermanischen Dyaus (Dyaus Pita, Ju Piter, »Himmelsvater«) – der Himmel. Mit seinen Beinamen Jovis oder Jove, sind Zeus oder Jupiter, außerdem mit dem phönizischen Mysteriengott Jao verwandt. Man sah in Jao ein Licht, aus dem die Seelen emanieren. Jao ist auch ein anderer Name für den Jahve oder Jehova der Hebräer. In all diesen Namensformen steht er als höchster Gott und Herrscher über der Götterversammlung und kommt von einem heiligen Götterberg (Olymp, Berg Nysa, Berg Sinai) auf die Erde.

Zeus hatte zwei Schwestern: Hera und Demeter. Die eine wurde seine Ehefrau, die andere eine seiner vielen Liebschaften. Demeter war Göttin der Agrarkultur, der Fruchtbarkeit des Ackerbodens und der Kornähren. Ihr Name hat sich über die Zeiten hinweg ein wenig verändert, denn sie hieß ehemals Ge-Meter bzw. Gaia-Mater, »Mutter der Erde«. Wie uns die griechische Sage verrät, war sie die einzige Göttin, die nicht wie die anderen, Zeus »anhimmelte«, sondern sich ihm gegenüber eher gleichgültig zeigte. Das reizte den himmlischen Donnerer aber umso mehr. Doch fast schon gleichgültig ließ Demeter sich von Zeus begatten, wurde aber schwanger. Das so zur Welt gekommene Mädchen erhielt später den Namen Persephone – die »Getreidedrescherin«.

Die Göttin Demeter - ewigeweisheit.de

Die Göttin Demeter

Wie von einem Wahn befallen, und das scheint ja in der Götterwelt immer wieder vorzukommen, verliebte sich Zeus in das Mädchen Persephone, seine eigene Tochter! Aus Scham aber verwandelte er sich in eine Schlange, näherte sich ihr von hinten, kroch in sie hinein und schwängerte sie auf diese Weise. Es kam ein Sohn zu Welt: Zagreus. Zeus »offizielle« Ehefrau Hera, raste vor Eifersucht. Nicht nur mit ihrer Schwester hatte er es getrieben, sondern sich sogar über ihre Tochter hergemacht. Im Hass gegen den unehelichen Sprössling ihres Mannes Zeus, verbündete sie sich mit den Feinden der Olympier. Sie hetzte die Titanen (die verhassten Vorfahren der Olympier) gegen Zagreus auf. Seinen geliebten Sohn versteckte Zeus deshalb in seiner Geburtshöhle auf der Insel Kreta. Doch Hera verriet den Titanen das Versteck, die ihm bald folgten und ihn mit einem Spiegel aus der Höhle lockten. Sobald er sich darin sah und erkannte!, trat er aus seinem Versteck heraus, sie aber ergriffen ihn und rissen ihn in Stücke. Im letzten Augenblick aber konnte die Weisheitsgöttin Pallas-Athene – Zeus' Kopfgeburt – dem zerstückelten Leib das Herz des Zagreus entreißen. Während die Titanen das Fleisch des Zagreus in einem Kessel kochten, brachte Athene das Herz von Zagreus der Prinzessin Semele. Sie war die Tochter von König Kadmos dem Drachentöter und legendären Gründer der alten Stadt Theben.

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter - ewigeweisheit.de

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter

Nun sah Zeus das große Unglück das die Titanen mit seinem Sohn begangen hatten und verbrannte sie mit seinem Blitz zu einem großen Haufen Asche. Einer der Titanen jedoch blieb verschont, da er sich mit den Olympiern gegen sie verschwor: Prometheus. Dieser nahm die Asche und formte daraus die ersten Menschen – doch das ist eine andere Geschichte.

Bald darauf erschien Zeus der Semele als Sterblicher. Er überredete sie das Herz des Zagreus zu essen. In diesem mythischen Bild erkennen wir eine uralte, aus den Tiefen religiöser Anschauungen empor drängende Vorstellung. Schon seit alter Teit glaubten Menschen sich mit einem Gott dadurch vereinigen zu können, dass man ihn selbst oder nur ein Stück von ihm aß, was natürlich auch an den Einsetzungsbericht der Bibel erinnert:

Nehmt und esst; das ist mein Leib.

- Matthäus 26,26-28

Semele tat wie ihm der Gott Zeus befahl, aß das Herz des Zagreus und wurde schwanger. Sie wunderte sich jedoch über diesen Fremden, der ihr ja ganz und gar nicht wie ein Sterblicher vorkam. Sie war sehr neugierig und wollte wissen, wer in Wahrheit dieser schöne Mann sei. Sie gab nicht nach bis der Himmelsgott schließlich eingestand: »Ich bin Zeus«. Ungläubig schaute ihn Semele an und verlangte, dass er sich ihr dann doch bitte in seiner vollen Gestalt zeige, was Zeus leider auch tat. Doch das Licht das von seiner Erscheinung ausging war so stark, dass Semele darin verbrannte. Aus den Flammen rettete jedoch der Götterbote Hermes die Leibesfrucht und übergab sie dem Himmelsvater. Zeus nähte sich den Embryo in seine Hüfte ein und brachte das Kind drei Monate später selbst zur Welt. Biologisch kaum machbar, doch mythologisch einwandfrei! So wurde der unsterbliche Dionysos geboren – Zeus »eingeborener« Sohn. Dionyos wurde von Nymphen auf dem Berg Nysa großgezogen. Später wurde er zum Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

Der junge Dionysos bei den Nymphen - ewigeweisheit.de

Der junge Dionysos bei den Nymphen

Mit diesem Dionysos aber, hat es eine besondere Bewandtnis. Es heißt er sei eigentlich der selbe, der in der Bibel später als »Gott der Herr« – als »JHVH Elohim« (Jahve Elohim) bezeichnet wurde. Wie kann das sein? Es scheint als wäre der Name des jüdischen Gottes Jahve, der am Berg Sinai zu Moses sprach, im Namen Dionysos' enthalten. Tatsächlich gibt es eine Tradition von »Nysa« und eine Höhle, wo dieser Gott großgezogen wurde. Was oben gesagt wurde, scheint sich hier also mit der Figur des Dionysos, des »Zeus von Nysa«, zu vermischen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jhd. v. Chr.) behauptete, der Ort »Nysa« befände sich zwischen Phönizien und Ägypten. Diese beiden Länder trennte das Rote Meer, doch war im Norden durch die Sinai-Halbinsel verbunden, auf der sich bekanntlich ja der Berg Sinai, der Mosesberg befindet. Diodor setzte Dionysos sogar gleich mit dem ägyptischen Gott der Vegetation und der Wiedergeburt: Osiris. Diodors »Universalgeschichte« entnehmen wir dazu Folgendes:

Einige Griechische Mythologen nennen den Osiris auch Dionysos, und um des gleichen Lauts willen Sirius. Nach Eumolpus z. B. in den Bacchischen Gesängen: 'Strahlet im Sternenglanz Dionysos feuriges Antliz.' Und Orpheus sagt: 'Darum nennen sie ihn den Leuchtenden und Dionysos.'

- Diodor, Universalgeschichte, 2. Buch, Kapitel 11

Wie man der esoterischen Philosophie entnehmen kann, besteht nicht nur in der ägyptischen, sondern auch in anderen Traditionen (z. B. bei den Dogon), ein enger Zusammenhang zwischen dem Sirius und der Agrarkultur.

Osiris war selbst ein Freund des Feldbaues; er war im glücklichen Arabien erzogen, in Nysa, nicht weit von Ägypten; darum erhielt er bei den Griechen, die aus dem Namen seines Vaters Zeus (nominativ Zeus, Genitiv Dios) und dem dieses Orts zusammengesetzte Benennung Dio-nysos. […] Osiris entdeckte bei Nysa den Weinstock, und erfand dann auch die Behandlung dieses Gewächses; er war der Erste, welcher Wein trank, und die andern Menschen den Weinbau lehrte und den Gebrauch des Weins, wie auch die Bereitung und Aufbewahrung desselben.

- Diodor, Universalgeschichte, 3. Buch, Kapitel 15

Wenn wir nun die Namensdeutung des Dionysos, als Zeus von Nysa, mit dem Bibelvers Exodus 17:15 vergleichen, verehrte dann Moses mit seinem Volk am Berg Sinai eine israelitische Variante des Dionysos? Denn dort heißt es wörtlich:

Und Mose bauete einen Altar und hieß ihn: Der Herr Nissi.

Natürlich ist hier das Wort »Herr« die Übersetzung des hebräischen Wortes »Jahve« (JHVH, יהוה). Und wie wir zu Anfangs sagten, ist Jahve ja identisch mit Zeus, als Nominativ von Dios – und so könnten wir doch also den »Jahve-Nissi« (»Herr Nissi«), als »Dios-nissi« und damit als »Dionysos« deuten!
So wie Diodor in seiner Universalgeschichte den Osiris mit Dionysos gleichsetzte, so identifizierte er dessen Gattin Isis, die Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt, mit der griechischen Demeter – eben jener Erdenmutter, deren Tochter Persephone, in der griechischen Mythologie, die selben Attribute wie Isis verkörpert.

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Der Gott Dionysos

Persephone in der Unterwelt

In Homers »Hymnus an die Göttin Demeter« finden wir die Erzählung vom Raub der Persephone. Die Hierophanten wussten, dass die Vorführung gewisser Ereignisse sich dem menschlichen Geist tiefer einprägten, als deren bloße Erzählung. Darum zeigte man in Eleusis den Teilnehmer das Drama von Persephone als Mysterienschauspiel. Gut möglich, dass das europäische Bühnendrama in Eleusis sogar seinen Ursprung hat.

Als Tochter der Demeter, der Weltseele, personifizierte Persephone die Geschicke der Menschenseele und wie sie von ihr durch Geburt, Leben, Sterben und Wiedergeburt geführt wurde. Eigentlich sollte Persephone mit Dionysos vermählt werden, jenem der, wie wir oben gesagt haben, den göttlichen Geist der alles belebenden Naturkräfte verkörpert. Doch als sie in der Ebene von Nysa (!) auf einer Wiese eine Narzisse pflückte, riss vor ihr der Boden auf und aus dem Schlund der Erdentiefe brach der goldene Wagen des Hades hervor. Er, der Gott der Unterwelt und des Reichtums, entführte die junge Persephone mit Hilfe des Eros – dem Gott der lieblichen Sinnlichkeit.

Der Raub der Persephone - ewigeweisheit.de

Der Raub der Persephone

Demeter war bestürzt über das Verschwinden ihres Mädchens. Auf der Suche nach ihm, durchzog Demeter trauernd alle Länder der Erde. In Gestalt einer alten Frau kam sie nach Eleusis, wo man sie im Haus des Königs Keleos gastlich aufnahm. Zum Dank überreichte Demeter einem der beiden Söhne des Königs, dem Triptolemos, ein Getreidekorn und weihte ihn ein in die Kunst des Ackerbaus. Von Demeter lernte Triptolemos die Bedeutung des Säens, des Keimens, des Emporwachsens des Korns zum Licht und wie man die Getreideähren erntete. Es war Demeter die die Mysterien von Eleusis stiftete und Triptolemos war es der den ersten Acker auf Erden mit Getreide bepflanzte.

Wie Homers Hymnus weiter fortfährt, verließ Demeter später Keleos und seine Familie, um weiter nach ihrer Tochter Persephone zu suchen. Auf dem Weg begegnete ihr Hekate, die Göttin der Metamorphosen und der Verwandlungen. Sie war die einzige auf der Erde, die das Schreien ihrer entführten Tochter gehört hatte und konnte Demeter darum Aufschluss geben, über den Aufenthaltsort der Persephone. Von ihr erfuhr Demeter, dass ihre Tochter in der Unterwelt weilt, als Gemahlin des finsteren Hades. Die Grotte des Hades im Tempelbezirk von Eleusis, ist die legendäre Stelle, wo sich die Erde geöffnet haben soll und Persephone mit Hades verschwunden ist.

Mit der Hilfe des Götterboten Hermes drangen Demeter und Dionysos an dieser Stelle in die Unterwelt ein, um Persephone zu befreien. Doch Hades wollte seine Eherechte nicht aufgeben. Als ihn Persephone verlassen wollte, verlangte er,dass sie einen Kern des Granatapfels esse. Doch wer einmal von der Kost der Unterwelt zu sich genommen hat, der wird dorthin auch wieder zurückkehren. Nach einem Streit entschied Zeus, dass Persephone zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter Demeter und ihrem Sohn Dionysos bleiben dürfe, das restliche Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt. Natürlich erkennen wir hier gleich den Zusammenhang mit dem Agrarzyklus, wo das Korn nachdem es der Bauer im Dezember aussäet, dort vier Monate später den Erdboden durchbricht und dann auf der Erdoberfläche wächst, geerntet, gelagert und nach acht Monaten erneut ausgesät wird.

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend - ewigeweisheit.de

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend

Im Tempel zu Eleusis

Bevor die Mysten in das Telesterion (Einweihungstempel) gelassen wurden, wurden sie aufgefordert ihre Hände am Eingang, in einem Becken mit geweihtem Wasser zu reinigen. Mit reinem Herzen und sauberen Händen nämlich, sollten sich die Teilnehmer in den Weihetempel begeben. Das erinnert uns natürlich an das Weihwasserbecken der christlichen Kirchen.

In der Mitte des Daches des Tempelheiligtums, befand sich ein Fenster und war die einzige natürliche Lichtquelle. Das innerste Heiligtum sollte damit ein Abbild des Universums darstellen, das sich nur von seinem Ausmaß her davon unterschied. Es war eine Allegorie auf des Menschen »Kurzsichtigkeit«, der die wahre Größe der Welt mit seinen Sinnen nicht erfassen kann. In dieser Kulisse sahen die Mysten Bilder von Sonne, Mond und Merkur. Als höchster Geistlicher des Mysteriengeschehens, repräsentierte der Hierophant den Baumeister der Welt. Im heiligen Drama des Mysterienspiels verkörperte er den höchste Himmelsvater Zeus.

Hierophant Visconti-Sforza Tarot - ewigeweisheit.de

Der Hierophant auf einer Trumpfkarte des Visconti-Sforza Tarot (um 1450)

Zweithöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie, war die der Daduchoi - der beiden Fackelträger. Sie waren es, die die Prozession der Initianden anführten und waren für die sakrale Reinheit des Mysteriengeschehens verantwortlich. Die Fackel des einen Daduchos repräsentierte die Sonne, die des Anderen den Mond. Mit ihren Fackeln standen die beiden Daduchoi symbolisch am Eingang der beiden Tore zur Heimstatt der menschlichen Seele: Durch das eine Tor kommt die Seele in diese Welt, durch das andere verlässt sie die Welt.

Aus dem Geschlecht der Keryken stammte Hieroceryx - der heilige Heros des Mysteriengeschehens. Er trug vor sich einen Caduceus (Schlangenstab), der auch ein Symbol des Planeten Merkur ist. Er war die dritthöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie. Der Hieroceryx war der heilige Bote der Mysterien, der die Seelen durch die zwei oben erwähnten Tore begleitet. Auf dem Weg von der Sonne zum Mond gehen die Seelen an Hermes vorüber. Hermes war bei den Griechen auch derjenige, der das Kommen und Gehen der Seelen zuließ oder verhinderte, je nach dem wie rein oder unrein sie waren. Während der Mysterienfeier erklärte er den Einzuweihenden was geschah und worauf sie zu achten hatten.

Alles was in den Mysterien erzählt wurde, muss für die Teilnehmer etwas ganz wunderbares gewesen sein. Jede vollzogene Handlung der Mysterienfeier schien Auge und Ohr der Teilnehmer aufs aller tiefste zu verwundern. Der Hierophant muss ein ganz vornehmer, alter und ernsthafter Nobelmann gewesen sein. Er saß auf einem Thron, in langer Robe und unter seiner würdevollen Kopfbedeckung könnte er wohl lange weiße Haare getragen haben. Wenn seine Stimme ertönte, empfanden sie die Mysten als klangvoll und süß. Kein Normalsterblicher konnte seine Erscheinung nachahmen. Und so unaussprechlich wie der Name des Baumeisters der Welten ist (vergl. den Namen Jahve der Hebräer), so kannte auch keiner der Mysten den wirklichen Namen des Hierophanten.

Daudachos - ewigeweisheit.de

Ein Daudachos - Fackelträger der Mysterienfeier

Wie auch der Hierophant trugen die Dadouchoi kostbare Gewänder. Jeder Normalsterbliche der einen Dadouchos sah, glaubte wohl einen edlen König zu erblicken. Von ihnen ging eine geheiligte Stimmung aus, die sie auf die Teilnehmer der Mysterien übertrugen.

In einem großen Spektakel wurde den Teilnehmern das Wesen zweier großer Lebensprinzipien vor Augen geführt. In tiefster Finsternis bekamen sie plötzlich grauenhafte Trugbilder gezeigt, gefolgt von einem hell glänzenden Lichtschein, der um die Statue der Göttin aufleuchtete. Dann schritt der Myste in einen geheimnisvollen, überaus harmonisch gestalteten Bau erstaunlichen Ausmaßes. Hier zeigte man ihm, bei ohrenbetäubendem Lärm, verschiedene Szenen aus der Geschichte der Persephone. Die Bilder erschienen vor ihm in schneller Aufeinanderfolge von Licht und dann wieder Dunkelheit: Symbole für den Lebenskampf der menschlichen Seele in ihrer Wiederkehr auf Erden.

Das Schauen der Sonne um Mitternacht

Es ging in den Mysterien-Initiationen wie gesagt nicht um freundliche Unterweisungen in spirituellem Wissen. Sondern, was während der Einweihungsriten erfolgte, das war eine Heranführung des Initianden an die Schwelle des Todes. Vielleicht ließe sich das Geschehen im Tempelheiligtum folgendermaßen rekonstruieren:

Wie ein schwarzes Tuch breitete sich mitternächtliche im Tempelheiligtum aus. Die Mysterienhandlungen waren von Trübsinn, bald ängstlicher Stille begleitet. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Alle Sorgen schienen wie verbannt, als man sich überall in heiterer Aufregung den Namen des Weingottes zuflüsterte. Die großen Fackeln der Daduchoi erleuchteten die Tempelhalle und nach langem Fasten, reichte man den Mysten den Kykeon – das heilige Zeremonialgetränk der eleusinischen Mysterien. Nachdem sie davon tranken, wurde in einer freudigen Prozession eine myrtenbekrönte Statue ins Zentrum des Geschehens gebracht: Dionysos – der lichthafte Sprössling der hervorging aus dem Zusammenwirken der drei Weltprinzipien von Geist (Zeus), Körper (Demeter) und Seele (Persephone).

Jetzt aber verlöschten die Fackeln plötzlich, es wurde stockfinster und auf einmal erschallte überall schreckliches Todesgeschrei. Von Angst erfüllt und vollkommen eingeschüchtert, tasteten sich die Mysten, ohne zu wissen wohin sie sich eigentlich bewegen, durch die finsteren Gänge des Tempels. Die Eindrücke und Schreckensszenen die um den Mysten immer wieder auftauchten und das ängstliche Stammeln anderer, müssen den Einzuweihenden in einen panischen Zustand versetzt haben, wo ihm vielleicht eine innere, aufgeregte Stimme zurief:

»schnell, schnell – das ist vielleicht das Ende, bring dich in Sicherheit, du wirst vielleicht gleich Sterben, schnell, schnell, … vielleicht stirbst du gleich!«

Was die Mysten dabei empfanden, das muss wohl dem entsprochen haben, was die Seele empfindet, die sich durch das Schattental des Todes drängt. In diesem Zustand lockerte sich die Bindung zwischen Seele und Körper. Der Kausalleib, als Körper der Seele, wurde zerstört, und eine neue, direkte Beziehung zwischen dem Mysten und seinem wahren Selbst wurde hergestellt. Was die Mysten auf dem Weg zu diesem Ereignis erlebten, glich vielleicht dem, wovon Nahtod-Erfahrene berichteten: Szenen ihres Lebens laufen episodenhaft vor ihnen ab, dann spüren sie wie sich ihre Seele vom Körper löst und sich auf ein wunderbares Licht zu bewegt, wo anscheinend einer auf sie wartet.

Ich näherte mich den Grenzen des Todes, und als ich die Schwelle zur Proserpina (Persephone) erreicht hatte, kehrte ich zurück, nachdem ich durch alle Elemente geführt worden war (die Elementargeister der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers). In der mitternächtlichen Tiefe sag ich die Sonne in herrlichem Licht erstrahlen, ebenso die infernalen und die himmlischen Götter; ich näherte mich diesen Gottheiten, idem ich ihnen den Tribut einer frommen Anbetung brachte.

– Apulejus

Dieses geheimnisvolle Licht von dem Apulejus hier spricht, erschien dem Mysten so, als würde es in seiner ganzen Strahlenpracht nur für ihn persönlich leuchten. Er erkannte darin ein lichthaftes Bild seines wahren Selbst. In diesem Moment spürten die Einzuweihenden ihre innere Vereinigung mit Demeter und Persephone. Sie empfanden das als Lebensrat und Weisheit. In dieser Vereinigung fand der Myste sein eigenes Seelenleben widergespiegelt und erfuhr, bei diesem Zusammenprall der Seele mit den externen Kräften der Welt, die eigentliche Initiation.

Wahrscheinlich wurde diese Erfahrung ganz wesentlich durch die Wirkung des Kykeon-Tranks verstärkt, was einer durch Drogen induzierten Halluzination geähnelt haben könnte. Auch in anderen Mysterienkulten ist das Einnehmen besonderer Kraftpflanzen und -pilze ein fester Bestandteil der Einweihung (man vergleiche etwa die Einnahme des Peyote oder Ahayuasca in indigenen Riten). Der Kykeon war ein Mischtrank aus Wasser, Weizen (oder Gerste) und Frauenminze. Wahrscheinlich aber befanden sich im Kykeon auch Spuren des giftigen Mutterkorns: ein Pilz (Claviceps purpurea), der als Parasit in Getreideähren wächst und bei entsprechender Dosierung beim Menschen Halluzinationen hervorruft. Im Mutterkorn sind zwei Alkaloide (giftige Natursubstanzen) enthalten. Ergotamin setzt im Körper die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin frei. Serotonin vermittelt ein Gefühl der Gelassenheit und inneren Ruhe. Dopamin nennt man auch »Glückshormon«. Das Alkaloid, Ergometrin, besitzt andere Eigenschaften. Es wird in der Geburtshilfe zur Stillung von Gebärmutter-Blutungen und zur Lösung der Plazenta eingesetzt. Es könnte nun sein, dass im Zusammenwirken von Ergometrin und Ergotamin, im Teilnehmer die hier so oft betonte Geburtserfahrung, in einer Art psychischen Simulation erzeugt wurde.

Nach der tiefgreifenden Erfahrung kamen die Dadoukoi mit ihren brennenden Fackeln zurück in die Tempelhallen. Alle erblickten nun den Hierophanten auf seinem Thron. In einem gleichnishaften Akt zeigte er allen das Symbol der Demeter: ganz langsam erhob er in seiner Hand eine Kornähre, um auf das Wachstumsprinzip und die damit verbundene Erhebung der Natur hinzuweisen. Das ähnelt stark der Elevation in der christlichen Liturgie: auch der Priester erhebt den »Leib Christi« in Form eines Brotes (oder einer Hostie). Er zeigt den Anwesenden also einen aus Kornähren hergestellten Laib. Die Samen der Kornähren symbolisieren den göttlichen Funken, durch den aus der Erde ein lebendiger Körper aufersteht und zur Welt kommt, um dereinst zu sterben, zu Erde zu werden. Dabei kehrt die Seele an ihren Ursprung zurückkehrt, um irgendwann erneut vom »göttlichen Sämann« ausgestreut und aus einer irdischen Mutter zur Welt gebracht zu werden. Das ist was im Mythos von Demeter und Persephone zum Ausdruck kommt. Persephone begibt sich in die Unterwelt zu ihrem Gatten Hades (Körper), kehrt zu ihrer Mutter Demeter zurück (Seele), um dereinst wieder in Unterwelt zu ihrem finstern Gatten (Körper) hinabzusteigen. Um diesen Vorgang zu erspüren, legte sich der Initiand in der Nacht in ein Grab. Daraus wurde er am Morgen von Mutter Erde symbolisch wiedergeboren, während dass rote Morgenlicht in den Mysterientempel eindrang.

Die Einweihung in die Mysterien nahm vorweg, was sich der Mensch am Ende seines Lebens gewahr wird. Die Angst vor dem Tod wurde in Eleusis aufgelöst, die Zwänge aller zügellosen Leidenschaften verworfen und die furchtbedingten Wurzeln bösen Denken ausgerottet. Die Mysterien erstrebten mit würdigsten Mitteln, den Menschen als »Vollkommenen« in einer mystischen Wiedergeburt zurück in die Welt zu bringen – in eine Welt, in die er von nun an eintrat, als ein Diener an der Menschheit.

Wohl ist im Tode versehen, wer unter Wissen der eleusinischen Wahrheit in die Gruft steigt; denn er versteht das Ende sterblichen Lebens und den Anfang eines neuen, gottgegebenen Lebens.

- Pindar

Eleusis und das Christentum

In den ersten vier Jahrhunderten des aufkommenden Christentums, verlor der Mysterienkult von Eleusis seine Bedeutung. 12 Jahre nachdem das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt wurde, endete der Kult von Eleusis in einem letzten großen Drama. Unter Kaiser Theodosius, selbst ein frommer Christ, wurden die Mysterienfeiern von Eleusis im Jahre 392 n. Chr. per Dekret verboten. Drei Jahre späterzerstörte der Gotenkönig Alarich, in dessen Gefolge sich auch arianische Christen befanden, die eleusinischen Tempelanlage. Ob diese Wut der jungen Christenheit wohl einem ungebildeten Unverstand verschuldet war? Wir wissen es nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, welchen Einfluss die Mysterien auf das junge Christentum gehabt haben könnten, denn wie wir oben bereits mehrfach sehen konnten, scheinen viele Elemente des eleusinischen Mysterienkults im Christentum erhalten geblieben zu sein.

Wichtige Anhaltspunkte geben uns die Schriften der Kirchenväter. Manche von ihnen bestätigten, dass die Mysterienkulte zur Strecke gebracht wurden. Doch sie sollten wohl in der Kirche als christliches Ritual fortleben. Während seiner Missionen in Griechenland kam sicherlich auch Apostel Paulus in Kontakt mit den Mysterien. Da Paulus aber griechischer Staatsbürger war, könnte es sein, dass er vielleicht selbst einst an den eleusinischen Mysterienfeiern teilnahm.

Ähre und Traube - Brot und Wein

Auffällig ist die Ähnlichkeit der verwendeten Motive, die in der eleusinischen, wie auch in der christlichen Mysterienfeier verwendet werden. Insbesondere der so sonderbar auf die Welt gekommene Sohn des Zeus Dionysos, gibt Anlass zu verschiedenen Mutmaßungen. Der bekannte Weingott hatte neben Demeter und Persephone spielte zentrale Rolle in den eleusinischen Mysterien. In vieler Hinsicht ähnelt er dem Jesus – denn wie er, so war auch Dionyos der Sohn des höchsten Gottes (Zeus). Außerdem wuchs Dionysos, wie wir oben gesehen haben, im Leib einer Jungfrau. Er verwandelte Wasser in Wein (Dionysiaka, 14. Gesang) und fuhr in die Unterwelt, um aus ihr zu neuem Leben aufzuerstehen. Auch die eleusinischen Symbole von Getreide (Demeter) und Wein (Dionysos) weisen ja recht deutlich hin auf das christliche Abendmahl:

[...] Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch (mit dem Wein) nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis. Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt.

- 1. Korinther 11:23-26

Das Letzte Abendmahl

Das Letzte Abendmahl - Ikone von Theophanes von Kreta (1490–1559).

Waren diese Worte Jesu etwa ein Hinweis auf das, was in den Eleusinischen Mysterien verschwiegen wurde? Wurde den Mysterien damit vielleicht der Mantel des Schweigens entzogen und damit die eleusinischen Geheimnisse der Menschheit enthüllt? Es scheint zumindest als bestünde eine enge Verwandtschaft zwischen den Ereignissen in der Pessachnacht und in Golgatha, mit dem Mythenkreis um Demeter, Persephone und Dionysos.

Was in den verschiedenen Legenden von den Leiden der Götterkinder dargestellt wird, sind eigentlich Allegorien auf die Leiden der menschlichen Seele, ihre Befreiung aus den Bindungen an die Körperlichkeit und schließlich ihre Rückkehr ins himmlische Lichtland. Die Schilderung dieses Seelenzyklus finden wir in den Leidensgeschichten von Jesus Christus, Persephone und Dionysos gleichermaßen. Doch schon lange vor den christlichen und griechischen Mysterien, gab es sowas in noch viel älteren Kulten (Persien, Ägypten). Immer befreite darin ein himmlischer Bote (Horus, Mithras, Hermes, Dionysos), als Todesengel im Auftrag eines höchsten Gottes (Zeus, Jupiter, Jove, Jao, Jahve), die Seele aus den Fängen des Körpers (griech. Hades, ägypt. Amentet) und begleitete sie in den Himmel (Olymp), wo sie unter den Unsterblichen weilt - bis sie wieder in die Unterwelt (Erde) zurückkehren muss (Persephone zu Hades).

Wenn er aber hinaufstieg, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?

- Epheser 4:9

Wenn im griechischen Mysterienschauspiel der Hermes die Rolle des Seelenboten übernahm, war es im Kontext des Neuen Testaments der Christus. Bei seinem Abstieg in die Unterwelt befreite er die Gerechten (Moses, Abraham, ...) die dort seit biblischer Urzeit ausharrten. Im Übrigen verwendet Lukas im Originaltext seines Evangeliums zur Bezeichnung der Hölle, das Wort Hades:

Und in der Hölle (im griech. Original »hadē«, das Lokal-Adverb von »hadēs«) hob er seine Augen auf, da er Qualen litt, da sieht er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

- Lukas 16:23

Auch wenn wir uns die heutige Form des griechisch-orthodoxen Osterfests ansehen, so scheint darin der Geist des alten eleusinischen Mysterienkults gegenwärtig zu sein. Jene die in alter Zeit Demeters Trauer um ihre verlorene Tochter teilten, freuten sich um so mehr über ihre Rückkehr. Persephone war Symbol für das freudenentfachende Ereignis, vom Wiederaufleben der Vegetation. Ähnliche Erfahrungen repräsentiert heute das griechische Osterfest im Frühling, das einen höheren Rang einnimmt als Weihnachten. Nach der Trauer um den toten Jesus Christus, ruft der Priester die Wiederauferstehung aus. In diesem Moment wird vom Kerzenlicht des Priesters, die Flamme an die Kerzen aller Anwesenden weitergegeben und breitet sich langsam im dunklen Vorhof der Kirche aus. Oft ertönen auch Feuerwerke, die das Ende der Fastenzeit freudvoll ankündigen.

Es ist durchaus möglich, dass Teile des alten Ritus also tatsächlich im Christentum weitergeführt werden.

Apostel Paulus - Gemälde von El Greco (1541–1614) - ewigeweisheit.de

Paulus von Tarsus in einem Gemälde von El Greco (1541–1614)

War Paulus in die Mysterien von Eleusis eingeweiht?

Wir wollen diesen Blog-Artikel zu Ende führen, mit der Frage nach der Bedeutung, die die Mysterien von Eleusis für das paulinische Christentum gehabt haben könnten.

Wenn all das bisher Gesagte auch nur auf äußerliche Ähnlichkeiten hinweist, so zeigen die eleusinischen und christlichen Mysterien doch auch esoterische Gemeinsamkeiten. Demeter gab ihrem Schützling Triptolemus in Eleusis einen Kornsamen: ein Hinweis auf die Initiation in das Wesen vom Ackerbau. Dieses mythologische Gleichnis ist aber auch ein Symbol für die Initiation der Seele (Persephone), während ihrer Rückkehr in die Oberwelt. Als Kornmädchen der Menschheit bringt Persephone mit sich, alle Eingeweihten zurück ins Leben – so wie der biblische Christus die Adepten Abraham und Moses in den Himmel führte. Die Allegorie des Kornsamens klingt auch in folgendem Zitat des Johannes-Evangeliums an:

[…] Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Wer sein Leben liebhat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; […]

- Johannes 12:24-26

Wenn der Hierophant den Teilnehmern des Mysteriendramas von Eleusis, gleichnishaft eine Kornähre zeigte, erkannten sie darin ja das Bild ihrer eigenen Auferstehung von den Toten in ein neues spirituelles Leben, von der Nacht in den Tag, vom Hades zum Olymp, von der Unterwelt in den Himmel. Diese Erkenntnis scheint Paulus in seinem Brief an die Römer mitteilen zu wollen:

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein

- Römer 6:4-5

Paulus war ausgebildeter Toralehrer, doch auch gut vertraut mit hellinistischer Rhetorik und dem philosophischen Lehrgebäude der Stoa. Es scheint auch das ein Grund für seine eigentümliche Sprache zu sein, die er in seinen Briefen verwendet. Sie ist überreich an Ausdrücken, die an die Einweihungen der dionysischen und eleusinischen Mysterien erinnern und eigentlich nur von einem griechischen Initiierten stammen konnten. In den Paulusbriefen erscheint sehr häufig der Begriff mystírion - das Geheimnis, das Mysterium. Alle Verse in denen dieser Begriff vorkommt, beschreiben ohne Zweifel eine rituelle oder magische Handlung und stehen meist in enger Verbindung mit dem Offenbarungsbegriff (Römer 11:25, 1. Korinther 2:1,7, 4:1, 15:51, Epheser 1:9, 3:3-4, 5:32, 6:19, Kolosser 1:26, 4:3, 2. Thessalonicher 2:7). Wenn Paulus in seinen Briefen vom mystírion spricht, so meint er damit, das im Geheimen offenbarte Gotteswort - ein abstraktes Ideal einer persönlichen, dem Menschen innewohnenden Gottheit. Auch der Begriff der Vollkommenheit spielt in den paulinischen Briefen eine nicht unbedeutende Rolle:

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen (teleiois); nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher (archonton) dieser Welt, die da zu nichte werden.

- 1. Korinther 2:6

Das Wort »Vollkommene« (teleiois) werden von Paulus wohl für sendungsbegabte Heilige verwendet, die (durch die Initiation) ein neues Leben »erhalten« haben. Es sind »Wiederauferstandene«, ganz gemäß der eleusinischen Mysterien. Diese Vollkommenen waren rechtschaffene Weisheitslehrer, die den Heiligen Geist ausstrahlend, den »Fleischlichen« (Menschen) eine lebensspendende Kraft zuströmen lassen konnten. Paulus fährt fort:

Sondern was wir reden, ist Gottes Weisheit im Geheimnis (mystírion), das verborgene, welches Gott verordnet hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern (archonton) dieser Welt kannte.

- 1. Korinther 2:7-8

Spricht Paulus hier von Dingen, die nur im Geheimen vermittelt werden? Was er als »Herrscher« (archonton) bezeichnet, scheint ein unmittelbarer Hinweis auf die Archonten zu sein – eine Bezeichnung für die Herrschenden im alten Athen. Keiner dieser Herrscher kannte die Mysterien-Geheimnis. Bis auf den Archon Basileos – einem Oberpriester und sakralen Beamten Athens, der zum Stab des Hierophanten gehörte: er war der einzige der »Herrscher« (archonton), der von den Geschehnissen im Heiligtum des Mysterientempels von Eleusis wusste. Ob die Basileoi aber selbst in die Mysterien eingeweiht waren, das bleibt ungeklärt. Das Paulus in etwas eingeweiht wurde, darüber lesen wir im Brief and die Philipper:

in allem und jedem wurde ich eingeweiht (memyēmai)

- Philipper 4:12

Das griechische Wort für das hier zitierte »eingeweiht werden«, memyēmai, enthält das Wort myéo, das wörtlich bedeutet »Initiation in die Mysterien«. Es wird mit myéo auch ein etymologischer Hinweis auf das Wort myo erbracht, was »schweigen« oder »verschleiern« bedeutet (vergl. oben mit dem Verschwiegenheitsgebot der Epopten, den »Sehenden« der großen Mysterienoben, und den Myesis, den »Verschleierten« der kleinen Mysterien).

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu fragen, was es damit auf sich hat, wenn Paulus sich im ersten Korintherbrief als »weisen Baumeister« bezeichnet. In der gesamten Bibel taucht das Wort »Baumeister« nur einmal an dieser Stelle auf:

Ich von Gottes Gnaden, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister (architekton); ein anderer bauet darauf.

- 1. Korinther 3:10

Nun hatten wir zuvor gesagt, dass ein Epopte, ein Sehender und Eingeweihter gewesen ist. Epopten waren jene, die die großen Mysterien von Eleusis schauen durften, die heiligen Geheimnisse aufnahmen und den höchsten Zustand des Hellsehens erreicht hatten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes epoptes, stammt von epoptaei, der »Aufsicht«, womit man auch die Pflicht eines Baumeisters bezeichnete. Davon ist auch der Titel des Maurer-Meisters in der Freimaurerei hergeleitet. Epoptaie steht als Begriff ganz im Sinne der Bezeichnung, wie er in den Mysterien für den Aufseher gebraucht wurde.

Wenn sich Paulus im Korinther-Brief als Baumeister von Gottes Gnaden bezeichnet, erklärte er sich damit nicht selbst zum Adepten, zu jemandem der das Recht hatte andere zu initiieren? Wenn auch Petrus in Rom die erste Kirche der Welt errichtete, so war aber Paulus der eigentliche Baumeister des geistigen Erbes der gesamten Christenheit.

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