Sufismus

Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Es gibt eine spirituelle Praxis, die in einem Menschen eine besondere Haltung formt und mit der er sich der Welt des Heiligen Geistes zu öffnen vermag. Dabei gibt sich der Übende dem göttlichen Sein in einer Weise hin, was einer Erwartungshaltung gleicht, mit der Absicht, damit in seinem Innern etwas zur Entfaltung zu verhelfen.

In einer Meditation der Subud-Bruderschaft, die sie als "Latihan" bezeichnet, harren die Mitglieder dabei in leichter Bewegung, einer inneren Erfahrung, die sie ein Wirken Gottes, in ihnen spürbar erfahren lässt.

Der spirituelle Lehrer John G. Bennett (1897-1974), ein Schüler von George I. Gurdjieff (†1949), beschrieb das Wesen dieser spirituellen Praxis der Subud-Bruderschaft folgendermaßen:

Es gleicht einer Handlung, so als drehte man den Zündschlüssel in einem Auto, damit ein lebendiger Funke gezündet wird. Hat man keinen Schlüssel zu dem Auto, lässt es sich auch nicht starten. Man braucht dazu allerdings keine Theorie, über das Wesen von Autos und wie sie funktionieren, um den Motor zu starten.

Das ist der Weg des Subud. Er, so Bennet, führt den Sucher zu einem Schlüssel der ihn ermächtigt, sich mit der göttlichen Kraft zu verbinden: Dem Heiligen Geist, aus dem alles Leben auf Erden hervorging. Immer schon gab es Menschen, die diese Kraft in ihrem Inneren zu empfinden vermochten.

Was bedeutet Subud?

Das etwas ungewöhnlich klingende Wort "Subud" setzt sich aus drei Sanskrit-Begriffen zusammen:

  • Suschila,
  • Buddhi und
  • Dharma.

Suschila steht für einen Menschen mit gutem Charakter.

Buddhi meint die transpersonale geistige Fähigkeit des menschlichen Verstandes – die Kraft des höheren Selbst, womit ein Mensch zu einem Wissenden wird und damit zu jemandem der recht zu entscheiden und entsprechend recht zu handeln weiß.

Der Begriff des Dharma ist vielschichtig: Er steht für das ethische und religiöse Gesetz, Recht und Sitte einer bestimmten Tradition. Auch bezeichnet er darin ausgeübte rituelle Handlungen und Methoden. Dharma ließe sich ebenfalls als "Wille Gottes" bezeichnen und alles was in diesem Willen an praktischen Handlungen ausgeübt wird. So stehen die Begriffe Dharma und Religion gewissermaßen ebenbürtig nebeneinander.

Zusammengefügt nun, steht der Name Subud für etwas, das der Aussage Christi im Evangelium entspricht:

[...] ihn (Gott) lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Denken und aus ganzer Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst

- Markus 12:33

Könnte man jetzt nicht einfach dem entsprechend sein Leben führen oder den Weisheiten anderer heiliger Schriften folgen? Wozu bräuchte man nun noch eine weitere Lehre?

Nun, es bedarf weit mehr, als nur heilige Schriften zu lesen und damit zu wissen, was ein Mensch tun sollte, um ein rechtschaffenes Leben zu führen. Er sollte sich auch dazu befähigen. Eine erlernte Lehre vom Sein – ganz gleich welcher Religion entstammend – muss auch wirklich gelebt werden. Angehörige der Subud-Bruderschaft glauben das ihren Mitgliedern vermitteln zu können.

Ursprünge

Subud ist eine spirituelle Gemeinschaft die aus der Sufi-Bruderschaft der Naqshbandiyya hervorging, gegründet in den 1920er Jahren von dem Indonesier Muhammad Subuh Sumohadiwidjojo (1901–1987). Er, von seinen Schülern kurz "Bapak" genannt, hatte erkannt, dass in der Moderne zunehmend äußere Einflüsse das Bewusstsein der Menschen beanspruchen, in einem Ausmaß, dass kaum Raum mehr bleibt für ein Innenleben. Dabei weisen alle Religionen auf dieses Innere des Menschen hin und mahnen, dass Gläubige es erkennen müssten, um darin eigentliches Wohlergehen zu erfahren.

Moderne und Materialismus

Besonders in unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft, deren Umstände uns regelrecht dazu zwingen, immer auf dem Laufenden sein zu müssen, halten die Menschen davon ab, sich mit dem zu befassen, was die heilgen Schriften über das gute Menschsein zu sagen haben.

Was den meisten Menschen heute wichtig erscheint, ist gänzlich anders von dem, was vor etwa 250 Jahren noch überall auf der Erde existierte: Ein Bewusstsein für das eigene Innenleben und eine daraus erwachsende Erkenntnis, was ein jeder auf seiner Ebene des Seins, zum Wohl der Menschen seiner Gemeinschaft zu tun hätte. Welche Ursachen unsere Vorfahren davon abgebracht hatten, so dass es im 18. Jahrhundert dann zu all den Revolutionen kam (Französische, Industrielle und Amerikanische Revolution), darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden.

Fest steht jedoch, dass wir uns heute zusehends von unserem Menschsein entfremden. Sexuelle Freizügigkeit soll unübertroffenes Glück versprechen, womit jeder von uns aber reisige Mengen an Energie verausgabt, die ihm für sein feines Empfinden – geschweige denn sein inneres Empfinden – dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Technik – digital oder mechanisch – soll darüber hinwegtäuschend dieses Empfinden sogar noch simulieren zu können. Allerhand Technologie existiert hierfür bereits. All das aber unterwirft uns zunehmend den Anforderungen der materiellen Welt und ihrer scheinbar unbezwingbaren Mächte. Wir glauben zwar, wir verfügten über diese Mächte mit all unseren unzähligen Applikationen und Endgeräten, hätten sie unter Kontrolle. In Wirklichkeit aber sind wir längst Diener der Maschinen geworden, ohne dass uns das überhaupt bewusst wäre.

Gibt es einen Weg zurück? Wohl kaum. Jede Generation erfährt ein zunehmendes Tempo bei der Entwicklung neuer Technologien. Wer will da noch überleben, ohne ein durch und durch strukturiertes Leben zu führen?

Diese Strukturen zu organisieren, werden von digitalen System übernommen und mehr und mehr von dem, was als Künstliche Intelligen bereits zur Realität geworden ist. Damit stehen wir vor der großen Herausforderung, uns nicht selbst in alle dem zu verlieren. Wer weiß schon noch von seinem Innenleben, wenn ihn nicht gerade schwere persönliche Probleme plagen oder er zum Beispiel einen Psychologen aufsuchen muss? Zudem steigt die Tendenz emotionaler Verstimmtheit und neurologischer Krankheiten gegenwärtig rasant an.

Die Suche

Doch bei all solchem Pessimismus, dürfen wir nicht vergessen, dass in uns tatsächlich ein Selbst verborgen liegt, dass wahrhaftiger ist, als alles, dem wir uns gewahr sind. In unserer allgemeinen Vergessenheit, scheint es sich unserem Bewusstsein entzogen zu haben, durch Unwissenheit verschlossen in unserem seelischen Innern. Den meisten von uns fehlt die Kenntnis, dass es einen Schlüssel gibt, diesen unzugänglichen Bereich zu eröffnen. Wem aber gelingt, diesen Schlüssel zu finden, der vermag in sich etwas zur Entfaltung zu bringen, dass allen Zwängen und Bedrängnissen der modernen Welt gewachsen, ihr sogar erhaben ist.

Die Bruderschaft des Subud beteuert Menschen bei dieser Suche helfen zu können. Es soll da das wahre menschliche Selbst erweckt werden, damit es Kontrolle über das niedere Selbst erlange. In diesem Bewusstsein, so die Subud-Bruderschaft, gelingt es einem Menschen, nach einer gewissen Zeit, sich der Wahrheiten seiner Religion (wie auch jeglichem anderen spirituellen Weg) innerlich zu vergewissern und damit ein Leben zu führen, dass den Lehren seiner Religion entspricht.

Suche nach der Quelle der geistigen Welt

Um nun tatsächlich in Kontakt zu treten mit solch göttlichem Lebensborn, wie er von den Mitgliedern des Subud beschrieben wird, sollte sich ein Mensch darüber ganz und gar im Klaren sein. Das heißt, dass nur er sich auf diese Verbindung ausrichten und nicht etwa jemand anderen nachahmen kann, um diese Verbindung herzustellen. Wir neigen nämlich sehr oft dazu, irgendwelchen fremden Sichtweisen gemäß, entsprechend auch über unser Selbst irgendwelche Theorien zu spinnen. Es geht auch nicht darum zu versuchen, sich "mal eben" mit diesem heiligen Born des Geistes zu verbinden, nur weil es einem gerade schlecht geht.

Was aber soll dieses Fragen dann sein? Vielleicht ließe sich darüber sagen, dass wir aus einem echten inneren Bedürfnis heraus fragen sollten, dessen wir uns jedoch voll bewusst sein müssen. Es ist Bewusstsein, dass nicht etwa aus materieller Not entstand, sondern etwas wozu man sich tatsächlich entschieden hat und wonach er wirklich sucht.

Wir Menschen, jeder Einzelne von uns, kamen in die Welt durch unsere Willenskraft, mit der wir uns durch den Geburtskanal pressten. Und als wir da geboren waren und heranwuchsen, blieb uns immer die Freiheit – und das gilt auch heute noch – uns einem göttlichen Willen hinzugeben oder eben nicht hinzugeben. Solange wir auf Erden wandeln, verfügen wir über diese Freiheit.

Wenn es um solch eine spirituelle Suche eines heiligen, göttlichen Lebensquells geht, mag einem vielleicht der berühmte Satz aus dem Matthäus-Evangelium in den Sinn kommen:

[...] suchet, so werdet ihr finden [...]

- Matthäus 7:7

Leider aber ist das nicht so einfach in die Tat umzusetzen, wie man diesen Satz mal eben gelesen hat. Denn wohin, beziehungsweise wonach ist diese Suche ausgerichtet?

Das wahre Selbst

Die meisten unter uns sind weit entfernt von einem Bewusstsein für ihr wahres, einiges Selbst. Was sie als ihr inneres Bewusstsein erfahren, ist gespalten in mehrere Teilselbste, die im Laufe der Jahre ihrer Reife entstanden waren, durch all die Regeln und vielen Lebenshaltungen und Meinungen anderer, die ihnem, wenn auch in ganz alltäglicher Form, regelrecht eingeredet worden sind.

Ein Teil ins uns zumindest fragt nach unserem wahren inneren Lebenszweck. Ein anderer Teil aber will festhalten an dem, was ein Mensch in seinem äußeren Leben an Werten – materiell, emotional oder verstandesmäßig – gesammelt hat und entsprechend als wertvoll erachtend hütet. Diese innere Teilung macht den modernen Menschen aus.

Die Initiation

Kommen wir aber wieder zurück, zu der vorhin gestellten Frage nach unserem wahren Selbst und wie wir mit ihm in Kontakt treten.

Unsere Unfähigkeit mit ganzem Herzen uns nach etwas im Leben zu erkundigen, und sei es eben dieses Wesen unseres individuellen und wahren Selbst, rührt eben von der hier oben angedeuteten Teilung. Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) schrieb bereits davon, in seinen berühmten Faust:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Diese Schwäche, die in uns heute – bei dem einen mehr, beim anderen weniger – veranlagt ist, hindert uns daran mit ganzem Herzen um etwas zu bitten oder eine Frage so zu stellen, dass wir eine ganz eindeutige Antwort erhalten, eine Antwort auch aus der geistigen Welt.

Im Subud ist die Rede von einem "Wahrhaftigen Fragen", das vom wahren Selbst kommen muss, dem Innersten unserer Seele. Nur leider scheint im Wandel der Moderne der Zugang dazu verschüttet. Es kann aber ein Kanal dazu geöffnet werden, durch den man dieses Innere unseres Selbst erreichen kann.

Hiermit verbunden sind besondere Bemühungen, die, so die Subud-Bruderschaft, jedoch durch die Hilfe eines anderen Menschen überwunden werden kann. So jemand muss den Zugang zu seinem Selbst allerdings bereits gefunden haben. Sie oder er kann dann selbst als Kanal wirken, was dem Sucher hilft, sich mit seinem inneren seelischen Wesenskern zu verbinden. Im Subud ist da die Rede von der Initiation, durch die sich dieser Kanal in jemandem öffnet und er dadurch Zugang zu seinem wahren Selbst findet.

Um nun das zu Anfangs, von John G. Bennett zitierte Beispiel hier noch einmal zu nennen, geht es in diesem Vorgang darum, dem Sucher den Schlüssel zu seinem Wagen zu überreichen, so dass er ihn entsprechend starten und selbst fahren kann. Ohne diesen Schlüssel aber kommt er nicht weiter.

Ab dem Zeitpunkt, wo diese Initiation stattfand, kommt jener Sucher zum Finden seines Zuangs zu seinem wahren Lebenskern. Die andere Person die ihm dabei half, ihn also einweihte in das Geheimnis in ihm, ist ab diesem Zeitpunkt eigentlich überflüssig geworden.

Allerdings darf so jemand den Intianden auch noch dabei begleiten, wenn dieser sein Seelenfahrzeug entsprechend zu fahren übt, das heißt, ihn dabei unterstützen, sich in diesem Erwachen durch die Welt zu bewegen. In unserer modernen Menschheitszivilisation nämlich ist es gar nicht einfach, solch Erwachen ins Wirkliche auch tatsächlich in das alltägliche Leben zu integrieren. Immer noch werden da wohl in einem Hindernisse sein, die man nach und nach aus dem Weg räumen kann. Und bei dieser, nicht ganz leichten Aufgabe, kann uns eben diese Person, die uns auch den Schlüssel überreicht, behilflich sein.

Es geht hier also um einen wichtigen Läuterungsvorgang, den der Initiand vollziehen muss. Was da an Hindernissen entsprechend ausgeräumt und an dem durch sie entstandenen Schaden repariert werden muss, kann damit erreicht werden. Auf körperlicher und geistiger Ebene, wurde dieses innere, wahre Selbst empfangen und geboren. Es muss daher entsprechend geformt werden.

Was jemand dabei erfährt ist eine ganz einzigartige Transformation seines Daseins auf Erden. Doch man braucht Geduld und ist angewiesen auf die Unterstützung einer entsprechend geschulten Person, so die Subud-Mitglieder, die uns mit der inneren Quelle zu verbinden weiß, jener geistigen Ursache, durch die unsere Seele auf diese Erde kam.

Latihan Kejiwaan

Bapak, der Gründer des Subud, bezeichnete die spirituelle Praxis seines Weges als "Latihan Kejiwaan" (Latihan, "die Übung", Kejiwaan, "spirituell"). Diese spirituelle Übung scheint einer tatsächlichen Einweihung zu ähneln, wo ein gewisser Teil aus dem Übenden herausgelöst wird, und dieser dabei eine Vorwegnahme der Todeserfahrung erlebt. Was die Mitglieder des Subud erfahren, ist für sie darum teils überwältigend, zumal sich dabei ein seelischer Reinigungsprozess ereignet, dessen Erfahren für das Mitglied jedoch wirklich befreiend wirken soll.

Aus Sicht der Neurotheologie (eine moderne Wissenschaft, die religiöse Empfindungen auf Ebene der Neurobiologie des Gehirns erforscht), spricht man hier gar von einem Auseinanderfallen psychischer Funktionen, die eigentlich miteinander zusammenhängen – das, was die moderne Psychologie als "Dissoziation" bezeichnet.

Im Latihan-Erlebnis tritt der Übende bewusst in einen veränderten Wahrnehmungszustand ein, in dem er ein bestimmtes Lebensthema (vielleicht auch Trauma) verstehen lernt, was teilweise mit starken Emotionsäußerungen einhergeht. Dabei trennen sich Denken und Fühlen, und bilden eigene, für sich abgeschottete Bereiche. Das heißt, dass im Latihan ausgelöste Emotionsschübe, sich für das Bewusstsein getrennt ereignen, wo damit verbundene mentale Erinnerungen in den Hintergrund treten.

Wenn wir zuvor nun von einem Reinigungsprozess im Latihan sprachen, wird dieser jedoch entsprechend vorbereitet, mit einem eingeweihten Mitglied des Subud. Da hilft also jemand dem Sucher, eine schwierige Erfahrung, die er vielleicht als Kind durchgemacht hat, durch solch Reinigungsprozess aus den tiefen Schichten seines Unterbewusstseins zu lösen. Es gleicht dem Abwerfen eines schweren Ballasts, was sich beim Sucher oft als heftiger Gefühlsausbruch äußern kann. Dieser aber befreit sich dabei von niederen Kräften seiner Nafs (im Sufismus steht der Begriff der "Nafs" für die seelischen Triebkräfte eines Menschen).

Jeder von uns bringt in seinem Leben ein Instrumentarium mit (das Bennett im Eingangszitat als "Schlüssel" bezeichnet), das ihn dazu befähigt, solch numinose Erfahrungen zu machen. Die Praxis des Latihan öffnet dem Sucher dabei die Türen zu den inneren, unbewussten Bereichen seiner Seele. Wer diese Praxis des Latihan als psychisch stabiler Mensch übt, auf den wirkt diese Meditation entspannend und wohltuend. Wie aber bei allen spirituellen Praktiken ist es wichtig, jemanden als Lehrer zu haben, der echte Fähigkeiten besitzt, um einen Menschen in das esoterische Repertoire seiner geistigen Tradition einzuführen.

 

Die Geschichte vom Fischer-Derwisch

von S. Levent Oezkan

Derwisch - ewigeweisheit.de

Einst befand sich der große Sufi-Meister Ibn Arabi auf Reisen durch Tunesien. Entlang der Küste traf er auf einen Fischer, der dort in einer kleinen Lehmhütte hauste. Es war ein besonderer Mann, denn er spendete seinen gesamten Fischfang den Armen.

Für sich aber behielt er nur einen einzigen Fischkopf, den er sich bescheiden zubereitete, um ihn täglich als einzige Speise dankbar zu verzehren.

Der Sufi-Sheikh Ibn Arabi und der Fischer wurden Freunde. Ja vielmehr, wurde der Fischer ein Schüler Ibn Arabis. Eines Tages sollte er selbst auch ein Sheikh sein, mit eigenen Derwisch-Schülern.

Einer dieser Schüler nun kam eines Tages zu ihm und ließ ihn wissen, dass er über das Meer in die spanische Levante reise. Da das auch das Land war, in dem Ibn Arabi lebte, bat ihn sein Meister, diesen in dessen Heimatort zu besuchen. Der Fischer nämlich war in seiner spirituellen Entwicklung nicht sehr viel weitergekommen, ohne seinen verehrten Sheikh Ibn Arabi. So bat der Fischer-Derwisch also seinen Schüler den großen Sheikh aufzusuchen und diesen für ihn um Rat zu bitten.

Also kam der junge Sufi-Schüler nach Spanien und begab sich bald in die Stadt, von der er wusste, dass dort Sheikh Ibn Arabi lebt. Auf der Straße dort fragte er jemanden, ob er von Ibn Arabi wüsste. Gleich bejahte dieser und sprach:

Gewiss. Siehst du den Palast dort oben auf dem Hügel, dort lebt der große Sufi.

Der junge Derwisch war darüber ziemlich verwirrt, denn wie, so wunderte er sich, konnte ein großer Sufi in einem Palast leben, sind wahre Sufis der materiellen Welt doch eher abgewandt. Sie lieben keinen Besitz, sondern versuchen sich aus den Fängen der irdischen Welt zu lösen, um damit ihr Ego allmählich zu entmachten.

Wie dem auch sei, erinnerte sich der junge Sufi natürlich an die Bitte seines Meisters, den Sheikh Ibn Arabi aufzusuchen und ihn um Rat zu bitten. Also begab er sich dort zu dem Hügel, wohin man ihn verwiesen hatte. Als er aber den Hügel aufstiegt, führte ihn ein Weg entlang weitläufiger Hänge. Es waren dort große Äcker und auch Obstgärten. Er sah dort Hirten mit Schafen, andere mit Ziegen und auch welche, die sich um eine Kuhherde kümmerten. All das verwunderte den jungen Derwisch nur. Als er aber den Palast vor sich aufragen sah und die Menschen dort, die alle in feinste Seide gekleidet waren, wollte er seinen Augen einfach nicht trauen, war all das doch jenseits dessen, was ihn sein Meister über das bescheidene Leben eines Derwisch gelehrt hatte.

Dennoch betrat er den Palast. Da waren viele hübschen Mädchen und gutaussehende Jünglinge: anscheinend die Bediensteten des Sheikh. Als er einen von ihnen um Auskunft bat, versicherten sie ihm, dass der Sheikh Ibn Arabi gerade noch beim Kalifen gewesen sei, doch schon in Kürze wieder hier eintreffen werde.

Der junge Mann konnte es einfach nicht fassen, besonders als er dann Ibn Arabi leibhaftig vor sich sah: gekleidet in kostbare Gewänder, sein Turban war mit einer wertvollen Perlenkette und kostbaren Edelsteinen geschmückt. Wie dem auch sei stellte der junge Derwisch dem Sheikh Ibn Arabi die Bitte seines Meisters vor. Der erinnerte sich gleich, von wem die Rede war:

Lass Deinen Meister wissen, was ich denke! Er ist noch viel zu sehr dem Weltlichen verhaftet.

Darüber war der Junge wahrlich empört. Und doch verabschiedete sich freundlich von Ibn Arabi.

Als er schließlich nach längerer Reise zu seinem Sheikh, dem Fischer, zurückkehrte, freute der sich seinen Schüler wiederzusehen. Natürlich wollte er sofort wissen, welchen guten Rat er von Sheikh Ibn Arabi für ihn überbracht bekam. Dem Derwisch war das aber sehr unangenehm. Er befürchtete nämlich, würde er seinem Meister sagen was Ibn Arabi ihm mitgeteilt hatte, dass er es ihm bestimmt nicht glauben und darüber dann auch noch über ihn erbost sein könnte. Doch sein Meister bestand darauf zu erfahren, was er noch nicht wusste. Also erzählte ihm der Schüler was ihn der große Sheikh wissen ließ.

Da brach der Fischer in Tränen aus. Darüber erschrocken, fragte ihn der junge Derwisch, wie es sein könne, dass Ibn Arabi in solch fantastischem Luxus lebe und ihm, seinem Meister, dem armen Fischer als Rat gäbe, nicht so verhaftet im Weltlichen zu sein. Sein Meister aber sprach:

Er hat recht! Er schert sich nicht um all seinen Besitz. Hingegen ich, wenn ich jeden Abend meinen Fischkopf verzehre, wünschte ich doch insgeheim:
»Wäre es doch nur ein ganzer Fisch.«

 

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Wer sind die Aleviten?

Wer sind die Aleviten?

Manche sagen, dass das Alevitentum eine dem Schiitentum nahestehende Konfession des Islam ist, während andere von einem eigenständigen, dem Sufismus nahestehenden Universalglauben sprechen. Der Name dieser religiösen Gruppe leitet sich aber ab von dem arabischen Wort »Alawi«, das soviel bedeutet wie »Anhänger Alis«, da sie, wie auch die Schiiten, Ali ibn Abi Talib als rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed (as) verehren.

Die Aleviten leben heute überwiegend in der Türkei, wo sie etwa 15% der Bevölkerung ausmachen. Dass sie dem Schiismus nahestehen, liegt an historischen Bezügen zu Schah Ismail I., dem Begründer der persischen Herrscherdynastie der Safawiden. Im alten Herrschaftgebiet dieser Dynastie befindet sich heute der Iran, dessen Staatsreligion eben der Schiismus bildet.

Einen besonderen Bezug des Alevitentums besteht auch zum Derwischorden der Bektaschi, der traditionell auf den Mystiker und Sufi Hadschi Bektasch Veli (†1270) zurückgeht.

Zentral im Glauben der Aleviten ist eine Allah-Mohammed-Ali-Philosophie, die aber keineswegs mit einer, etwa aus dem Christentum bekannten Trinität gleichgesetzt werden sollte. Das aber Ali eine zentrale Rolle spielt im Glauben der Aleviten, dass zeigt auch ihr Glaubensbekenntnis, das zunächst mit dem der Sunni-Muslime identisch ist, jedoch den Zusatz »Ali waliyu Illah« enthält: »Ali ist Gottes Freund.« In ihrer Gebets- und Meditationspraxis spielt die heilige Formel »Ya Allah, Ya Mohammed, Ya Ali« darum eine wichtige Rolle.

Die Fundamente des Alevitentums basieren auf einer universalen Mystik. Gläubige streben da Vollkommenheit an, die sie durch Nächstenliebe, Geduld, Bescheidenheit und vieler anderer guter Werte erzielen wollen – für sich und auch im öffentlichen Leben. Aleviten leben ihren Glauben aber nicht öffentlich, sondern halten die Beziehung zu Gott für etwas ganz Persönliches. Dabei steht der Mensch als eigenverantwortliches Wesen im Zentrum dieses Glaubens. Ultimatives Ziel eines Aleviten ist das Erreichen des »Al-Insan Al-Kamil«: dem »Erleuchteten Menschen«. Wie gesagt aber beinhaltet die alevitische Tradition verschiedene Elemente aus dem Sufitum, doch auch aus den vorislamischen Religionen Mesopotamiens.

Von der Seele eines jeden Menschen glauben die Aleviten, dass sie unsterblich sei und durch eben die zuvor angedeutete Erleuchtung, die Vollkommenheit in Gott anstrebt.

Wie die Schiiten verehren auch die Aleviten zwölf Imame, von denen jedoch nur einer überlebte und im Verborgenen auf seiner Wiederkehr auf Erden wartet. Nur er kennt die innere Bedeutung des heiligen Buchs des Koran. Ali gilt als erster dieser sogenannten Zwölf Imame und man nennt ihn auch den »Löwen Allahs«.

Die Wunder des Koran

Die Wunder des Koran

Die Suren des Koran bergen eine ganz wesentliche Kraft, deren Verse an Dichtkunst und Aussagekraft weit über dem stehen, was jemals in arabischer Sprache hervorgebracht wurde. Wenn es außerdem heißt, dass der Prophet Mohammed ein Analphabet war, dürfte sich einer noch mehr über die in den Suren enthaltenden Phänomene wundern.

Ob Reim, ob Wortwahl oder Stil: Der Originaltext des Korans gilt als sprachliches Wunder. Auch wenn es heute verschiedene Übersetzungen ins Deutsche gibt, bleiben es dennoch nur Übersetzungen. Wer aber des Arabischen mächtig ist – oder auch nur Kenntnis besitzt über die Inhalte und den Klang der Rezitation der bekanntesten Suren – den soll das heilige Buch der Muslime wahrlich bezaubern.

Sprich: Wenn sich die Menschen und die Dschinnen vereinigten, um etwas zu erschaffen, was diesem Koran ähnlich ist, so werden sie es nicht können, selbst wenn sie einander eifrig dabei unterstützen würden.

– Sure 17:88

Dieser, folgender und andere Verse belegen im Koran die Einzigartigkeit dieser heiligen Schrift:

Oder wollen sie etwa behaupten: »Er hat ihn erdichtet?« Sprich: »Dann bringt doch eine Sure bei, die ihm ähnlich ist, und ruft, wenn ihr die Wahrheit sagt, an, wen immer ihr außer Allah zu Hilfe nehmen könnt!«

– Sure 10:38

Zwar vollbrachte Mohammed als Prophet keine Wunder, wenn aber Moses die Teilung des Meeres vollbrachte, Jesus Christus Wunderheilungen und Totenerweckungen, so war das Wunder des Propheten des Islam (as), die Übermittlung des Koran. Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass zur Mohammeds Zeiten nur wenige Versuche unternommen wurden, die Verse des Koran zu imitieren oder gar zu parodieren. Alle Nachahmer schienen frustriert aufgegeben zu haben, da ihnen einfach nicht gelang, sowohl die Aussagekraft wie auch den Stil der Reime und Prosa in gemeinsamer Wirkkraft nachzuahmen. Vielen Übersetzern gilt das heilige Buch der Muslime darum als unübersetzbar, wo die Reime die Suren doch auf ganz einzigartige Weise gliedern, worin einzelne Namen und Wörter zu einem besonderen Rhythmus bei der Rezitation der Sätze führen. Kein Wunder, dass man etwa auch als deutschsprachiger Muslim, darum allein die arabischen Suren auswendig zitieren lernen muss, um sie im Pflichtgebet (Salaat) und bei der Anrufung Gottes (Dua) aufzusagen. Des Korans arabischer Wortlaut ist also für die Gläubigen von fundamentaler Bedeutung.

Die Zahl 19 im Koran

Laut des ägyptischen Forschers Rashad Khalifa (1935-1990) bildet die Zahl 19 einen geheimen Schlüssel im heiligen Buch des Islam. Ausgehend von folgendem Vers, untersuchte er den Koran und fand zu sehr vielen Erscheinungen dieser eigenartigen Zahl:

Neunzehn (Engel) sind (als Hüter) über sie gesetzt.

– Sure 74:30

Tatsächlich kam Khalifa zu bemerkenswerten Ergebnissen in seinen Untersuchungen, von denen hier nur einige wenige (von wahrscheinlich mehr als vierzig weiteren) aufgeführt werden sollen:

Der Vers »Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes« (arab. بسم الله الرحمن الرحيم ) besteht aus 19 Buchstaben und steht als Eröffnung vor jeder der insgesamt 114 koranischen Suren (= 6 x 19 Suren). Die von Mohammed zuerst geoffenbarte Sure (96) beginnt mit 19 Wörtern und auch die letzte offenbarte Sure (110) besteht aus 19 Wörtern, wie auch deren erster Vers aus 19 Buchstaben besteht.

Koranische Prophezeiungen und ihre Erfüllung

An vielen Stellen des heiligen Buchs der Muslime werden zukünftige Ereignisse verlautbart. Zwar gelten die meisten davon als Metaphern, während andere buchstäblich das meinen, was man da liest. In der vierten Koran-Sure heißt es etwa:

[...] Ich (Satan) will wahrlich von Deinen Dienern einen bestimmten Teil nehmen; [...] (und) will sie aufreizen, und sie werden Allahs Schöpfung verunstalten. [...]

– Sure 4:118f

Das ließe sich wohl deuten als die gegenwärtige Genmanipulation, die in der Pflanzen und Tierwelt schon Gang und Gäbe ist, was gegenwärtig auch schon teilweise mit dem menschlichen Genom getan wird.

Ein weiteres Beispiel könnte der Hinweis auf die persischen Sassaniden sein, die im Jahre 613 in der Schlacht von Antioch das byzantinische Heer schlugen. Da die Muslime jedoch mit dem christlichen Byzanz sympathisierten, waren sie darüber äußerst bestürzt. Doch Byzanz sollte zu einer Revanche ausziehen und die Perser dabei schlagen. Darauf verwies der Koran hin in Sure 30:2ff:

Besiegt sind die Byzantiner im nahegelegenen Land. Aber sie werden, nachdem sie besiegt worden sind, siegen in wenigen Jahren. Allahs ist die Herrschaft vorher und nachher – und an jenem Tage werden die Gläubigen frohlocken.

So erfüllte sich die Koran-Prophezeiung im Jahre 627.

Zu den wichtigeren Zitaten die in die Zukunft weisen, zählen sicher aber jene die auf das Fortbestehen des Koran hinweisen. Aus ihnen wird deutlich, dass das heilige Buch der Muslime Bestand hat, wie etwa in der 98. Sure mit dem Titel »Der klare Beweis«, worauf wir an anderer Stelle eingehen wollen.

 

Die Wohlverwahrte Tafel

Die Wohlverwahrte Tafel

Die Kosmologie der man in Al-Ghazalis Werk begegnet, basiert auf der Vorstellung der Existenz dreier Welten. Was darin jeweils geboren wurde, wird seine entsprechende Welt mit dem Tod wieder verlassen.

In der ersten Welt, Al-Mulk, dem Königreich, befinden sich alle die mit ihren fünf Sinnen die irdische Welt bewusst wahrnehmen, aus der sie mit ihrem Tod einen verstorbenen Leib zurücklassend scheiden.

Die esoterische, geistige Welt, heißt Al-Malakut. Sie liegt über dieser, physisch manifestierten Welt. Darin halten sich die Dschinn und die Engel auf. Diese Welt ließe sich in etwa vergleichen mit der von Platon formulierten Welt der Ideen, mit Urbildern also, die in die geschaffene Welt projiziert, dort Strukturen bilden, die der Mensch dann auch wahrzunehmen vermag.

Unter den Engeln aber befinden sich Auserwählte, die sich nun in der dritten Welt von Al-Dschabarut aufhalten. Diese Welt bildet das Zentrum inmitten der beiden anderen Welten, wo die Welt von Al-Mulk, die Welt von Al-Malakut umgibt. Laut Al-Ghazali ist das die Welt der Cherubim, die den Thron Gottes tragen, vielleicht zu vergleichen mit dem, was die jüdische Mystik die Merkaba nennt, dem Reich des göttlichen Angesichts. Wenn hier die Rede ist von einem Thron der getragen wird, so impliziert das ja eine Bewegung. Was sich da bewegt ist ein Wort, indem wiederum das Wort »Weg« enthalten ist, was entsprechend auf das arabische Wort »Dschabarut« verweist, das wörtlich übersetzt »Brücke« bedeutet. Über diese Brücke von Al-Dschabarut nämlich gelangen die Befehle aus dem göttlichen Logos (arabisch »Al-Amr«) in die Welt.

Licht des göttlichen Logos

Was wir eben mit Al-Dschabarut als das Zentrum der materiellen und der geistigen Welt einführten, von dort aus strahlt der göttliche Logos in die manifestierte Welt. Sie ist der Aufenthaltsort dessen, was der Islam die »Wohlverwahrte Tafel« nennt: »Al-Lahul Al-Mahfudh«:

Vielmehr ist es ein ruhmvoller Koran auf einer Wohlverwahrten Tafel.

- Sure 85:21f

Wie sich diesem Vers entnehmen lässt, existierte seit aller Ewigkeit ein nicht-manifester Koran. Prophet Mohammed (as) empfing die göttliche Offenbarung, in den Versen des irdischen Koran, als Abbild der Al-Lahul Al-Mahfudh, der Wohlverwahrten Tafel. Dazu schrieb Al-Ghazali in seinem ethischen Werk »Die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion«, arabisch »Ihya Ulum Ad-Din«:

Alles das Gott vom Anfang bis zum Ende der Welt verordnet hat, ist in einem der von ihm geschaffenen Dinge unveränderlich festgehalten, was manchmal bezeichnet wird als »Die Tafel«, manchmal als »Das Deutliche Buch«, manchmal als »Die Deutliche Richtschnur«, wie es der Koran bekundet im 79. Vers der 15. Sure: 'Beide sind eine klare Richtschnur.'

Das der Islam offenbar eine Prädestination allen Seins voraussetzt, darauf könnte folgender Vers hindeuten:

Wir erwecken die Toten zum Leben und schreiben auf, was sie getan haben und was sie hinterlassen haben; alles haben wir in einem deutlichen Buch aufgezählt.

- Sure 36:12

Was in solch »deutlichem Buch« von den Engeln notiert wird, ist jedoch nicht gleichbedeutend mit den Ereignissen eines starren Lebenslaufs, der jedem Menschen vorgezeichnet ist. Eher meint das eine Bestimmung im Leben, die eben nicht jedem deutlich vor Augen steht. Stattdessen hüllen zahlreiche Irrtümer ihr wahres Wesen. Und was da die mystische Sicht auf den eigentlichen Lebensweg verhüllt, sind falsche Grundannahmen, die sich als Angst, Zorn, Neid und weitere solcher schlechten Eigenschaften äußern. Doch das verhüllt den eigentlichen Lebensweg eines Menschen.

In Al-Ghazalis Ihya Ulum Ad-Din heißt es dazu:

Glaube nicht, dass diese Tafel aus Holz, aus Eisen oder aus Knochen ist, oder die Seiten dieses Buches aus Papier oder Pergament sind. Allerdings du musst ein für alle Mal verstehen, das diese Tafel keiner stofflichen Tafel gleicht und dieses Buch keinem stofflichen Buch gleicht, eben so, wie sein (Gott) Wesen und seine Eigenschaften nicht dem Wesen und den Eigenschaften erschaffener Lebewesen gleichen. […] Die Art und Weise wie die (göttlichen) Gebote in der Tafel festgelegt sind, gleichen auswendig gelernten Worten und Zeichen des Koran, die jemand aus seinem Verstand zu erinnern vermag. Es ist in seinem Verstand so verzeichnet, als würde es beim Rezitieren vor ihm sichtbar erscheinen. Und doch: solltest du seinen Verstand ganz genau durchsehen (können), würdest du darin nicht ein einziges Zeichen der Schrift (Koran) finden. Auf eben diese Weise musst du verstehen, dass alles was Gott entschieden und verordnet hat, diese Tafel darstellt.

Al-Ghazali vergleicht die Wohlverwahrte Tafel mit einem Spiegel, der die Formen reflektiert. Stellte man diesem, jedoch noch ein anderer Spiegel gegenüber, würden auch dessen Form darin reflektiert, es sei denn, ein Schleier dazwischen verhüllte ihn. Damit klingt das an, was wir oben sagten über die menschlichen Verfehlungen, die als Irrtümer das überdecken, was den eigentlichen, den wahren Lebensweg eines Menschen erkennen ließe.

Tabula Smaragdina – ewigeweisheit.de

Die Tabula Smaragdina (Smaragdtafel) des Ur-Alchemisten Hermes Trismegistos (alt-ägyptischer Gott Thoth) wurde immer wieder mit der im Koran besprochenen »Wohlverwahrten Tafel« gleichgesetzt (Suren 22:70, 57:22, 85:21-22). Auch mit dem, was die Anthroposophie als »Akasha-Chronik« bezeichnet, scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Das Herz, einem Spiegel gleich

Auch das spirituelle Herz (Qalb), von dem an anderer Stelle bereits die Rede war, besitzt die Eigenschaften eines solchen Spiegels. Sofern das Herz rein ist und unbefleckt, da sich sein Träger in seinem Handeln nicht wider seine eigenen guten Absichten und vor Allem nicht gegen Gott stellte, vermag sich darin esoterisches, göttliches Wissen zu reflektieren. So jemand kann hernach in seinem Intellekt (Aql) von eben jener »Wohlverwahrten Tafel« entsprechende Erkenntnisse empfangen.

Wenn das Herz (aber) befangen ist mit Lüsten und sinnlichem Verlangen, fällt da ein Schleier, der die Sicht auf die Tafel schützt, welche ja in die Welt von Al-Malakut gehört. Lüftet diesen Schleier aber eine (sprichwörtliche) Brise, blitzt da im Spiegel des Herzens ein Funkeln auf, aus der Welt von Al-Malakut.

- Aus Al-Ghazalis »Ihya Ulum Ad-Din«

Und dieses »Funkeln« gleicht einem flüchtigen Blick in die geistige Welt Al-Malakuts. Das ist ein Moment besonderen Erkennens, das jemand in seinem Herzen, als tatsächlich richtungsweisend erleben dürfte. Es gleicht dieser spirituelle Vorgang einem Gewahrwerden des göttlichen Logos (arabisch »Amr«), durch den in der geschaffenen, materiellen Welt, jene Abbilder zum Widerschein gebracht werden, die als göttliche Archetypen verzeichnet sind, auf eben dieser Wohlverwahrten Tafel, Al-Lahul Al-Mahfudh. Auch der Mensch, der solcher Art Einsicht bekommt, sieht als Reflexion alle auf der Wohlverwahrten Tafel verzeichneten Urbilder schimmern. Sein geistiges Herz (Qalb) vermag darum die wahre Essenz des Seins zu erkennen. Und diese Erkenntnis steuern drei Faktoren:

  • Der Intellekt bildet den Spiegel des Herzens, der das Wesen der Dinge reflektiert,
  • das Verstehen entspricht dem Spiegelbild dieser Dinge und schließlich
  • die Intelligenz: sie entspricht dem eigentlichen Vorgang der Reflexion in diesem Spiegel.

Der Geist verhält sich wie der Spiegel, der Intellekt wie seine Politur. Je weniger persönliche Makel den Intellekt eines Menschen beflecken, desto eher reflektieren sich in seinem Herzen die Symbole, Zeichen und Begriffe, die von jener Tafel als heilige Offenbarungen ausgehen. Solange das spirituelle Herz aber unfähig bleibt wahres Wissen zu erlangen, kann sich darin auch nichts widerspiegeln. Und das rührt her von der Unentschlossenheit eines Menschen, sich etwas höher Geistigem hinzugeben und seien es schlicht Zweifel an der Existenz der geistigen Welt.

Sind wir Menschen aber nicht in diese Welt geboren worden, um uns dieser Fähigkeit zur spirituellen Reflexion bewusst zu werden? Sollte das der Fall sein, ließen sich da wohl auch jene Wegweiser enthüllen, an denen wir den eigentlichen Sinn unseres Daseins auf Erden angedeutet fänden.

Alchemie des Glücklichseins

Um die Voraussetzungen für eine solche Klärung des geistigen Herzens zu schaffen, entwickelte Al-Ghazali eine praktische Vorgehensweise. Sie beschreibt er in seinem Buch »Kimiya As-Saada« – »Das Elixier der Glückseligkeit«. Er leitet den Leser darin an, in seinem menschlichen Werdeprozess auf einen Weg zur Erkenntnis seines wahren Selbst zu gelangen. Letztendliches Ziel auf diesem Wege ist die Gotterkenntnis:

Wer sich selbst erkennt, erkennt Allah.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, ja doch genau zu wissen wer man ist. Man weiß ja in der Regel wo und wann man geboren wurde, welchen Namen man trägt, welche Vorlieben man hat und so weiter. Da das aber alles äußerliche Eigenschaften sind, meinen sie nicht das Selbe, was auf die Frage nach dem eigenen Dasein und der darin zu erfüllenden Rolle, beantwortet werden muss. Es empfiehlt sich darum zu erkennen, über welche Wege man geschaffen wurde, und sei es zuerst einmal in der Kenntnis über die eigenen Ahnen. Hierüber vielleicht ließe sich herausfinden, wenn auch nicht sofort ganz eindeutig, wofür man auf dieser Erde wandelt und welche Ziele man auf seiner Lebensreise ansteuern kann.

Wer sich aber schon auf diese Reise begeben hat, der beginnt vielleicht zu empfinden, auf welche Art sich ein damit verbundenes, den eigenen Wünschen entsprechendes Glück äußert und in dieser Wahrnehmung könnte man sich fragen:

Womit kann ich sicherstellen, auf diesem Weg zu wahrer Freude zu finden, für mich und zum Wohle anderer?

Was beklage ich im Leben, worunter leide ich und wie kann ich weiteren Kummer vermeiden?

Was sind meine größten Schwächen?

Welche negativen Eigenschaften drängen mich zu unüberlegtem Handeln oder lassen mich Wichtiges vernachlässigen?

Hierzu muss man natürlich ganz und gar ehrlich zu sich sein und das ist nicht immer einfach. Jede der dabei aber anklingenden Besonderheiten, ganz gleich ob Stärken oder Schwächen, lassen sich immer aus zwei Blickwinkeln betrachten, so dass manche Stärken Schwachpunkte aufweisen können, doch ebenso aus jeder Schwäche eine ihr innewohnende Kraft hervorgebracht werden kann. Sicher spannen diese Fragen mitunter riesige Bewusstseinsbereiche auf, worin man sich mit jeder Antwort erst einmal vertraut machen muss. Al-Ghazali aber beschreibt ganz passend dazu vier Bereiche, in die sich jene Antworten zu diesen Fragen einordnen lassen. Zu diesen Bereichen aber bringt ein Mensch, vielleicht schon seinen natürlichen Veranlagungen gemäß, besondere Eigenschaften und Fähigkeiten mit:

Tierische Eigenschaften drängen den Menschen Tag und Nacht dazu für sein Essen und sein Trinken zu sorgen.

Jeder Mensch hat in sich auch die eine oder andere Form von grausamen Eigenschaften (bei manchen mehr, bei anderen kaum), die ihn in bestimmten Situationen wahrlich wild auftreten lassen, und er anderen dann auch wirklichen Schaden zufügen kann.

Wenn man bei Al-Ghazali dann über die »Dämonischen Eigenschaften« eines Menschen ließt, könnte man das leider missverstehen. Denn sicher ist da wohl eher das gemeint, was der griechische Philosoph Sokrates meinte, wenn er von seinem »Daimonion« sprach. Es sind damit Wirkungen verbunden, die den Astralleib bilden – einen feinstofflichen Teil des Körpers, der durch die astrologischen Voraussetzungen einen Menschen, ihm schon mit der Geburt spezielle Begabungen verleiht. Wenn die Seele aus der geistigen Welt in den irdischen Bereich von Werden und Vergehen hinabsteigt, hüllt sie sich bereits im himmlischen Bereich des Astralen, in dieses unsichtbar-sternartige »Fahrzeug«, dessen Formen sich auch der physische Körper im Mutterleib angleicht. Bis ans Ende der Pubertät dann ist dieser Vorgang der Anpassung abgeschlossen. Bei manchen aber nun, so Al-Ghazali, kann die Präsenz dieses geisterhaften, dämonischen Körpers im Vordergrund stehen, so dass sie auf ihren Träger manipulative oder gar schwindlerische Eigenschaften übertragen. Doch durch die dabei unweigerlich gemachten Erkenntnisse, kann ein Mensch letztendlich doch auf den Weg zur Vollendung finden.

Ist man zu guter Letzt mit engelgleichen Fähigkeiten ausgestattet – was sicher nur die wenigsten zugeben werden – erscheint man als wahrer Gottesverehrer, der Tag und Nacht beflissentlich versucht, dass Angesicht Gottes zu schauen. Doch dann nicht aus Selbstgenügsamkeit, sondern als wissender Adept, der nichts anderes will, als nur auch anderen zur Erleuchtung zu verhelfen.

 

Mit dem Herzen zu erkennen

Mit dem Herzen zu erkennen

Wie auch immer diese Körperlichkeit eines Menschen geartet sein mag, ist unser Leib doch letztendlich eine ganz und gar individuelle Erscheinung, in der aber dennoch ein Gemüt wohnt, eine Seele, der der Körper als Fahrzeug dient. Dieses Fahrzeug aber hilft ihm sich zu bewegen in der Welt, auf unserem Planeten Erde, seinem zeitweiligen Aufenthaltsort.

Je nachdem aber wie dieses Fahrzeug geartet ist, werden damit entsprechend die Saaten des Glücks gesät, die den Weg zieren, auf dem sich die Seele begeben wird, nach dem Tod des Körpers, bei ihrer Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. Drum sollte Ziel der Seele sein, sich von aller Materie abzuwenden, den Körper als reines Mittel zu betrachten, damit sie sich der wahren Gotterkenntnis und Gottesliebe zuwenden kann.

Wenn Du, oh Suchender auf dem Weg, deine eigene Seele kennenlernen willst, so wisse, dass dich der heilige und wunderbare Gott aus zwei Dingen geschaffen hat: ein sichtbarer Körper ist das eine. Und das andere ist etwas Inneres, das man Gemüt oder Herz nennt, dass nur die Seele wahrzunehmen vermag. Doch wenn wir hier vom Herzen sprechen, meinen wir nicht das Stück Fleisch, dass sich in der linken menschlichen Brust befindet […] Dieses Herz, dass ausdrücklich als Gemüt bezeichnet wird, ist nicht von dieser Welt. Und auch wenn es in diese Welt kam, kam es nur um sie wieder zu verlassen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dieses geistige Herz gilt Al-Ghazali als Herrscher über den menschlichen Leib. So gleicht unser physischer Leib durchaus einem Königreich, wo die äußeren und inneren Organe diesem Herrscher dienen. Wenn das Herz einem Organ befehligt seine Funktion zu erfüllen – dem Ohr zu Hören, dem Auge zu sehen, der Hand zu greifen oder Ähnliches zu tun erfolgt das ad hoc. Das sind die Aufgaben des geistigen Herzens, die es mit dem Körper auf Erden erfüllt, doch nur um sich dabei immer wieder seiner wichtigsten Aufgabe zuzuwenden: der Erkenntnis Gottes.

Wisse sodann, dass die Existenz des Gemüts offenkundig und nicht in Zweifel getaucht ist. […] Wenn ein Mensch mit weit geöffneten Augen die Welt und seinen eigenen Körper anschaut, doch dann auf einmal seine Augen schließt, wird sich seinem Blick alles entziehen, so dass er auch nicht mehr seinen eigenen Körper sieht. Gleichzeitig aber wird sich sein Gemüt seinem (inneren) Blick nicht entziehen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Das geistige Herz, das Al-Ghazali hier wieder als Gemüt bezeichnet, repräsentiert eine eigenständige Einheit im Körper. Dabei gilt zu unterscheiden zwischen dem Teilbaren und dem Unteilbaren. Der Körper setzt sich aus Bestandteilen zusammen, die mit dem Tod zerfallen. Wegen ihrer Geisthaftigkeit lässt sich die Seele jedoch nicht teilen. Sie ist eine Einheit und bleibt als solche auch nach dem Tod bestehen. Und diese Seele ist gleichzusetzen mit dem, was wir zuvor als das Herz einführten. Ihr sind die Eigenschaften der Engel inhärent.

Wisse, du Sucher der göttlichen Geheimnisse, dass die großartigen Tätigkeiten des Herzens unbegrenzt sind. Denn, um mit dem Gesagten fortzufahren, ist die Würde des Herzens zweifältig: einerseits ist es tätig mittels Wissen, andererseits wirkt es in seiner Beherrschung göttlicher Energie. Seine durch Wissen erreichte Erhabenheit ist ebenfalls zweifältig: Erstere besteht in äußerem Wissen, was jeder zu verstehen vermag, während die zweite Art (von Wissen) verborgen ist und nicht von allen verstanden werden kann, doch von höchstem Wert ist. […] und auch wenn das Herz etwas ist, dass sich nicht aufgliedern lässt, ist dennoch alles Wissen der Welt in ihm gegenwärtig. Wahrlich: im Vergleich mit ihm (dem Herzen) ist die ganze Welt wie ein Korn verglichen mit der Sonne oder mit einem Tropfen im Meer.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Al-Ghazali führt diese Vergleiche ein, um zu zeigen, dass das was allgemein als Wirklichkeit vorausgesetzt wird, sich außerhalb dessen abspielt, was er unter seinem Konzept des geistigen Herzens versteht. Der Mensch neigt eben dazu allein die gegenwärtig sichtbare, fühlbare, materielle Welt als wahre Realität anzuerkennen. Seine Bewusstheit ist häufig rein sinnesbezogenen, weshalb er die materielle Welt für die einzig wahre hält. Das aber zeugt doch von einer recht oberflächlichen und begrenzten Auffassungsgabe.

Aus seinem geistigen Herzen aber, so Al-Ghazali, lässt sich ein verborgenes Fenster öffnen, von wo aus der Mensch eine Welt zu überschauen vermag, die dem physischen Auge verschlossen bleibt. Ihr Licht zeigt sich dem Auge des Herzens, im Sinne einer spirituellen Einsicht, womit dieses mystische Auge für die Erkenntnis steht. Das Herz von dem wir hier sprechen aber steht für das Gemüt, für ein gefühltes Bewusstsein dessen, was man als Liebe bezeichnet. Erst durch kann letztendlich vollkommene Erkenntnis erlangt werden, denn was man nicht kennt, das kann man auch nicht lieben: seien es Dinge, Tiere, Menschen, Freunde oder sei eben es Allah.

Es gibt da aber noch ein weiteres Fenster (oder Auge) im Herzen, von wo aus es die Gegenstände des Geistes zu betrachten vermag. Während wir schlafen bleibt dieses geheime Fenster geöffnet und wir können da die Vorgänge und Erscheinungen wahrnehmen, die sich einem aus der unsichtbaren Welt zeigen. Auch offenbarte Visionen gehören dazu, die sich dann, aus dem vorherbestimmenden Urwissen von Al-Lahul Al-Mahfudh, der »Wohlverwahrten Tafel«, dem Auge des Herzens als Offenbarung zeigen. Auch was sich dem Schlafenden in seinen Träumen an Archetypen zeigt, kann in die geöffneten Fenster des Herzens einströmen, sofern es rein ist und bar jeder tadelswerten Neigungen. Und da sich nun dieses innere Sehen des Herzens, nicht vergleichen lässt mit dem alltäglichen Sehen der Dinge im Außen, sondern sich als Vorstellung der inneren Wirklichkeit äußert, kann einer, der in seinem alltäglichen Leben zu sehr von den Genüssen der sinnlichen Welt vereinnahmt ist, auch Nachts nur Phantome dessen sehen, was sich ihm da eigentlich zu zeigen versucht.

Mit dem Tod schließlich, wenn sich die körperliche Hülle mit all ihrer Sinnlichkeit von diesem geistigen Herzen getrennt hat, kann es in Beschaulichkeit all die verborgenen Geheimnisse jener unsichtbaren, spirituellen Welt von Al-Malakut betrachten. Wäre es aber nicht bedauernswert, ja sogar armselig, man käme erst dann in den Genuss, dieser durch und durch wohltuenden, innersten Geheimnisse?

Denke nicht, oh Sucher nach den göttlichen Geheimnissen, dass sich das Fenster des Herzens niemals öffnet, außer im Schlaf und nach dem Tod. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn ein Mensch seine Übungen durch heilige, asketische Hingabe perfektioniert und damit sein Herz reinigt, von den Befleckungen ausgelebter Neigungen, die ja eigentlich tadelswert sind, und sodann einen zurückgezogenen Ort aufsucht, um sich von äußeren Sinneseindrücken zurückgezogen in Meditation zu begeben, und dabei pausenlos ausruft »Ya Allah, Ya Allah« (deutsch: »O Gott, O Gott«), wird sein Herz zu Übereinstimmung gelangen mit dem, was man die unsichtbare Welt nennt. Da wird er sich nicht länger Gedanken hingeben an die materielle Welt, als sich in seinem Herzen an nichts anderes zu erinnern, als nur an Allah.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Durch diese Form der Meditation (Dhikr) offenbaren sich einem Übenden Eindrücke aus der unsichtbaren Welt, die wir bereits mehrfach als Al-Malakut bezeichneten. Da öffnen sich die Fenster dieses mystischen Herzens, damit, über die geheimnisvolle Überführung von Al-Dschabarut, sich dem Meditierenden das zeigt, was andere nur im Traumschlaf erfahren. Er aber sieht da die Welt in ihrer vollkommenen Wahrheit, wo er in Austausch zu treten vermag mit den aufgestiegenen Seelen der Engel und Propheten.

Die verborgenen Dinge der Erde und des Himmels enthüllen sich ihm dabei. Und wem immer sich diese Dinge zeigen, der schaut großmächtige, unbeschreibliche Wunder.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Ist das Herz also bar jeden weltlichen Verlangens, frei von weltlichen Eindrücken, als auch von Feindseligkeiten gegenüber anderer Menschen, ist das möglich, was man die »Göttliche Schau« nennt: zu sehen mit dem mystischen Auge des Herzens. Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, so Al-Ghazali, dass diese Gabe erst wachgerufen werden muss, nämlich durch tatsächliches Üben und eine gewisse Entsagung, wenn nicht gar Askese. Wer dazu nicht bereit ist, kann die zuvor geschilderten Offenbarungen nicht erleben. Es sei denn, so fügt Al-Ghazali überraschender Weise hinzu, dass einer der Gnade Gottes empfänglich wurde. Das aber soll nur sehr selten vorkommen.

Fest steht, dass diesen Weg des Herzens nur beschreiten kann, wer auch bereit ist Schwierigkeiten zu bewältigen. Das zeigen uns all die unzähligen Beispiele von Biografien solcher, die man als erleuchtete Meister bezeichnet – allen voran dieser, den der Islam »Isa ibn Maryam« nennt: Jesus Christus. Sein Leidensweg sollte ja zum wichtigsten Symbol einer der großen Weltreligionen werden.

Engelhafte und dämonische Aspekte des Herzens

Wie man geistlichen Schriften vieler Religionen entnehmen kann, fehlt den Tieren das worüber der Mensch verfügt: eine spirituelle Kraft, die er in seinem Herzen zu konzentrieren vermag. So wie nach islamischer, wie auch christlicher oder jüdischer Auffassung, die Aufgabe der Engel darin besteht, Wind und Regen zu lenken, Junge auf die Welt zu bringen, sie entsprechend ihrem Schicksal zu formen, die Saaten in der Erde aufgehen zu lassen, wie auch die Pflanzen zum Wachsen zu bringen und Früchte tragen zu lassen, so soll auch das mystische Herz im Menschen auf die materielle Welt Einfluss ausüben können – zuerst in seinem eigenen Innern, dann aber auch über sein Außen durch sein Handeln, vorausgesetzt, es ist rein und frei von negativen Einflüssen.

[…] wenn das Herz nicht trübe werden soll durch den Rost der Aufruhr, und es nicht animalische und bösartige Eigenschaften bestimmen sollen, wäre es in der Lage dazu, im Namen der in ihm gegenwärtigen engelhaften Eigenschaften, die selbe Wirkung auch auf andere Körper auszuüben.

Wenn es (das Herz) ernsthaft einen Löwen oder Tiger betrachtete, würden sie in ihrer Art erweichen und sich ihm fügen. Betrachtete es jemanden der krank ist mit Güte, so würden sich dessen Gebrechen in Gesundheit verwandeln. Betrachtete es einen Kraftprotz, ganz erhaben, so finge dieser zu schwächeln an.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dass das, was Al-Ghazali hier beschreibt, nicht allein Hirngespinste sind, meint er vernünftig belegen zu können, allein aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Er erwähnt etwa das, was über diese Augen des Herzens auch an »Zauberei« möglich ist: Wenn ein hämischer Charakter einen schwachen Menschen mit Neid betrachte und diesem übel wolle, und während er ihn so anstarrt, ihm sogar dessen Zerstörung in den Sinn käme, ließe sich dieser Einfluss bei dem Betroffenen sofort erkennen und man sähe nicht all zu lange danach den angerichteten Schaden. Solch Einfluss kann nur durch den Missbrauch der eigentlich heiligen Eigenschaften des Herzens erfolgen, was aber letztendlich nur auf den zurückfällt, der versuchte über sein Gemüt Macht auszuüben, um seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen.

Gesicht – Gewalt – Gewissen

Der Einfluss des Herzens erfolgt über drei Wege:

Ein Sehen im Außen, wozu jeder Mensch fähig ist. Auch den Propheten und Heiligen offenbaren sich die Mysterien im Außen.

Dann auch mit der Beherrschung des eigenen Körpers, etwas wozu ebenfalls jeder Mensch fähig ist. Propheten und Heilige aber haben, zum Wohle der Gemeinschaft, die Fähigkeit diese Herrschaft auch über die Körper anderer auszuüben.

Der Dritte Weg wird durch das Vernehmen besonderen Wissens gegangen, über den das Herz Macht auszuüben vermag. Jeder kann solches Wissen erlangen, indem er lernt und damit ausgebildet wird. Propheten und Heiligen aber wird dieses Wissen direkt durch Gott vermittelt.

Letztere Art der Erlangung von Wissen ist allgemein bekannt als das, was man »Erleuchtung« nennt: ein Wissen das einstrahlt aus der spirituellen Welt in den Geist des Menschen. Wenn folgender Koranvers von »uns« und »wir« spricht, ist das eine Aussageweise um die dabei wirkende, spirituelle Kraft Allahs nachdrücklich zu betonen:

Da fanden sie einen unserer Diener, dem wir unsere Barmherzigkeit zukommen ließen, und den wir Wissen von uns gelehrt hatten.

- Sure 18:65

Jene zuvor beschriebenen drei Formen, über die durch das Herz Einfluss genommen werden kann, davon stehen manchen Menschen alle drei, anderen zwei oder auch nur eine zu. Wer aber über alle drei Fähigkeiten verfügt, schreibt Al-Ghazali, der bewegt sich in den Rängen der Heiligen.

Das Herz ist dazu befähigt, äußeres Einwirken in seinem Innern aufzunehmen und darin in Form besonderer Kräfte zu speichern. Die drei eben beschriebenen Arten erfolgen jedoch in bewusster Form. Doch durch das alltägliche Leben können auch andere Kräfte auf dieses Herz-Bewusstsein Einfluss nehmen. Auf fünf Arten wirken diese auf das Herz ein, in Form der Erscheinungen der Außenwelt. Als solche Sinnes-Ströme strahlen sie in das Herz ein und können von ihm auch gespeichert werden.

Sind diese Einflüsse klar und von Licht erfüllt, so erfolgt das natürlich zum Wohle des Herzens. Die Wirkungen unserer Sinneseindrücke bringen aber auch Eintrübungen mit sich, die sich, allegorisch gesprochen, im Herzen allmählich ansammeln und darin ablagern, wie Schlamm der sich mit der Zeit in einem Wasserbehälter am Boden sammelt. Es scheint darum nur logisch, dass einer, der diese innerlichen Störfaktoren in seinem Herzen beseitigen und sich des darin angesammelten, geistigen Unrats entledigen will, solche äußeren Einflüsse aufstauen muss, damit ihm durch rechtes Denken und Fühlen gelingt diesen Schlamm negativer Gedanken und Emotionen regelrecht aufzurühren und dabei aus seinem Herzen, mit den geläuterten Wassern des Geistes auszuspülen. Ist das aber erfolgt, so können diese Wasser nachströmen, bis sich jene mystischen Herzkammern damit angefüllt haben, worauf man allen weiteren Zustrom stoppt.

Wenn wir zu Anfangs sagten, dass es fünf Kraftströme sind, die auf das Herz Einfluss ausüben, hängen diese natürlich mit den fünf äußeren Sinnen zusammen. Mit ihrer »Strömung« aber werden auch alle möglichen Arten von wertlosem Wissen, unnützen Gedankengängen und Vorurteilen »angespült«, die sich, wie gesagt, über längere Zeit in uns ansammeln, in den Tiefen der Seele (das heißt also, des Herzens) ablagern und jene zuvor erwähnten Fenster (oder »Lichttore«) im Herzen verschmutzen und sie dabei allmählich ganz verkrusten. Wenn Al-Ghazali also von einem »Aufstauen« spricht, meint er damit, sich zuerst aller negativen Sinneseindrücke zu entledigen, sie dann durch positive, wertvolle Eindrücke zu ersetzen, um letztendlich damit die beiden Fenster des Herzens gereinigt zu haben. Dann aber kann sich der Seele ein wahrlich erhellendes Wissen offenbaren, wo sich einem Menschen die Wirklichkeit des Göttlichen enthüllt.

Das Auge erfreut sich an rechten Bildern und seinem Sehen angemessener Figuren. Das Ohr erfreut sich an harmonisch stimmenden Klängen. In gleicher Weise erfreut sich das Herz, da es angewiesen ist auf eine Beschäftigung mit Dingen, die der Aufgabe seines Daseins entsprechen: nämlich alles zu erfahren in seiner Wirklichkeit und Wahrheit. Ein jeder Mensch findet darum großes Gefallen an dem was er weiß, selbst wenn die Sache (in Wirklichkeit) auch nur von geringer Relevanz ist.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Die Quintessenz aller Hochgefühle

Viele von uns suchen nach Antworten auf Lebensfragen im Außen. Mit dem hier Beschriebenen aber scheint es eine mindestens ebenso große, ja wahrscheinlich noch viel größere Welt in unserem Innern zu geben. Und wie es auch in der alltäglichen Welt bestimmte Helfer gibt, so gibt es diese auch in uns. Wie sich aus den hier beschriebenen Wirkungen aus der Welt des Göttlichen ableiten lässt, ereignet sich das Werk dieser Helfer außerhalb unseres Verständnisses von Raum und Zeit. Da sie eben keine physischen, sondern geistige Wesen sind, führen sie dem Herzen eines Gläubigen geistige Kräfte zu, die ihm zur Verwirklichung seiner Selbst auf Erden, ununterbrochen zur Verfügung stehen. Das zumindest versuchte Al-Ghazali dem Leser nahezulegen, in seinem hier vorgestellten Werk: Das Elixier der Glückseligkeit.

Am Ende des ersten Kapitels dieses Buches, fordert er den Lesen dazu auf, sich vor seinem inneren Auge auszumalen, was sinngemäß im Folgenden wiedergegeben werden soll:

Stellen Sie sich vor, dass es da mal einen Diener gab, der ihnen sein ganzes Leben treu ergeben war und auf dessen Hilfe sie keinesfalls verzichten konnten, während er aber jederzeit hätte einen anderen Meister finden können. Wäre er nur einen Tag lang nicht auf ihre Wünsche eingegangen: Wären sie darüber erbost gewesen?

Wenn da aber nun eine höchste, unbegrenzte, geistige Macht (das heißt also Gott) veranlasste, dass ein Teil von ihr, als Seele in einen menschlichen Körper einzog: War es ihr dann wirklich wichtig, genau jenen oder einen anderen Körper, als Bewohner eben jenes mystischen Herzens seiner selbst auszuerkiesen?

Und wenn nein: Wie kann es da sein, dass ein Mensch allein zum Diener seiner körperlichen Leidenschaften wurde und dabei völlig vergaß, wo das ewige, innere und tiefste Wesen seines Selbst seinen Ursprung nahm, das mit dem Ziel in diese Welt kam, sich zu verwirklichen, zum eigenen Behagen, zum Wohl der Anderen und zur Freude seines Schöpfers?


Der menschliche Körper unterscheidet sich, rein biologisch und physiologisch gesehen, grundsätzlich nicht von dem des Tieres. Ja in gewisser Hinsicht steht er manchen Tieren darin sogar nach. Was jedoch seinen Verstand anbelangt, unterscheidet sich der Mensch vom Tier, ist ihm darin überlegen – doch ebenso zur Verantwortung verpflichtet. Wer sich dann aber seines geistigen Herzens bewusst geworden ist, kann jene mit dem Gesagten beschriebene reinste Substanz als vollendeten Verstand aus seiner Geistigkeit herauslösen und die Quintessenz dessen erschaffen, woraus sich jenes geistige Herz im Wesentlichen zusammensetzt. In diesem Vermögen kann jedem Menschen gelingen, dieses Elixier der Glückseligkeit, von dem hier immer wieder die Rede war, auf geistiger Ebene auszudrücken. Wem das gelingt, dem wird der Körper zum lieben Gefährt, worin er sein Herz zu wahrer Gotterkenntnis führen wird.

Die Würde eines Dinges ist abhängig davon, was es an und für sich ist. Wenn ein Mensch sich darum nicht auf seine eigene Körperlichkeit, sein Herz und seine Seele einzufühlen vermag, doch Anspruch auf Gotterkenntnis erhebt, ähnelt er einem Mittellosen, der, obwohl er nichts für sich zu essen hat, dennoch ein Festessen für die Armen der Stadt veranstalten wollte. Kurzum: ein Mensch sollte alles daran geben Gotterkenntnis zu erlangen, da Gotterkenntnis Gottesliebe bedingt.

[…]

Da du, oh Forscher nach den göttlichen Geheimnissen, die Würde und die edle Gesinnung des (mystischen) Herzens kennengelernt hast, wisse auch, dass dir dieses kostbare Juwel in ein Tuch gehüllt anvertraut wurde, damit es nicht in Kontakt mit der Welt (des Alltags) gerate, und damit du es zur Vollendung seinem Ruhepol zuführst, ihn in den Genuss reinen Glücks kommen lässt, in den Palästen der Ewigkeit.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Weisheit der Sufis

Weisheit der Sufis

Wie die meisten gebildeten Muslime seiner Zeit, war auch Al-Ghazali jemand der mit der Philosophie Aristoteles' vertraut war. Zwar hielt man all die griechischen Philosophen für Ungläubige, machte sich aber deren Logik und Prinzipien der Philosophie zu Nutze. Es war ein Kompromiss, denn in ihrer Arbeit versuchten sie so weit wie möglich die Dogmen des Koran beizubehalten.

Al-Ghazali war in seinem Denken jedoch eher einer platonischen Philosophie zugeneigt. Außerdem schloss er sich später den Sufis an, die durch das »Wadschad« – die Ekstase – ihre Art von Offenbarung empfingen. Und doch wäre es falsch Al-Ghazali seinem Wesen nach nur als Sufi zu kennzeichnen. Er wuchs in einer Gemeinde auf, zu der viele Arier gehörten. Und so war sein Werk wohl auch stark beeinflusst vom Zoroastrismus, doch ebenso von dem, was er von buddhistischen Missionaren aus dem Osten gelernt hatte.

In Al-Ghazalis Werk laufen die philosophischen und spirituellen Lehren aus West und Ost zusammen. Er führte bei den Sufis die Konzepte der Philosophie Plotinus' ein, wie auch die der Neuplatoniker, die dereinst sogar einen festen Bestandteil in den Lehren der muslimischen Gemeinden seiner Zeit werden sollten.

Viele sehen in Al-Ghazali eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte des Islam, ja gar auf selber Stufe wie die vier großen Imame. Diese Ansicht scheint sich jedoch eher in heutiger Zeit zu erfüllen, wo sich der Islam in einer Art Wandlungsprozess befindet. Darum, so glauben manche, würden durch ein erneutes Studium seines Werks, Al-Ghazalis Lehren zu neuem Leben erweckt.

Was der Mensch in Wahrheit alles vermag

Womöglich ließ sich Al-Ghazali durch die Schriften von Platon und Aristoteles inspirieren. Denn seiner Ansicht nach, musste jemand am Anfang eines geistigen, eines spirituellen Weges, zuerst einmal sein Herzen von allen Dingen reinigen, die nicht zum Göttlichen gehören, in einer Art »Katharsis des Herzens«. Durch symbolische Handlungen sollte einer jene Belastungen des Herzens eliminieren. Aggressive Gefühle mussten da in fiktiver, scheinbarer Form, negative Emotionen reduzieren, wo sich der Betroffene ihrer, durch symbolische Handlungen entledigt. Dies etwa kann erfolgen durch den Ausschrei des Satzes »Gott ist großartig«, auf arabisch: »Allahu Akbar«. In einem weiteren Schritt erreicht der Übende einen Zustand in dem sich sein Geist vollkommen auflöst in Gott, in einem willentlichen Akt. Nicht aber ist das bereits der Zustand höchster Vervollkommnung, sondern sogar noch die erste Stufe auf dem Weg zu einem Leben innerer Einkehr. Es ist quasi der Vorhof durch den die Eingeweihten eintreten.

Das Herz ist das Zentrum aller subtilen Gemütsformen im Menschen. Doch nicht etwa das physische Herz. Es ist ein geistiges Herz, dass dem Propheten Mohammed (as) offenbart wurde. Er empfand in diesem geistigen Herzen die Welt. Was er darin erblickte schaute er mit dem mystischen Auge des Herzens an. Im Koran heißt es hierzu:

Wer immer Gabriels Feind ist – denn er ist es, der es auf Geheiß Allahs hat herabkommen lassen auf dein Herz, Erfüllung dessen, was vordem war, und Führung und frohe Botschaft den Gläubigen […]

Und siehe, dies ist eine Herabsendung (Offenbarung) vom Herrn der Welten. Hinab kam mit ihm (dem Koran) der getreue Geist auf dein Herz, dass du einer der Warner seiest, in deutlicher arabischer Sprache.

- Suren 2:97, 26:192ff

Was andere dann durch Mohammeds (as) mündliche Überlieferung aufschrieben, sollte den logisch zu schlussfolgernden Teil dieser Offenbarung bilden, während in ihm selbst, auf die eben angedeutete Weise, religiöse Erkenntnis inspiriert wurde. Aus dieser Trennung von logischem Erfassen und religiöser Erleuchtung, kam es im Islam zu zwei einer Trennung in zwei geistige Strömungen: den Rationalisten, die quasi den wortwörtlich überlieferten Islam predigen, und den Mystikern, was auch heute noch die Sufis sind. Die meiste Zeit in der Geschichte der islamischen Religion, bestanden diese beiden Geisteswege in Frieden nebeneinander.

Die sogenannten »Mutakallimun« gründeten eine systematisierte Theologie, die man in den exoterischen Medressen lehrte und wo man über das Wesen des Andersseins Gottes mutmaßte. Die Sufis jedoch trafen sich in davon gesonderten Logen, den sogenannten »Tekken« (auch: »Dhargas«). Dort praktizierte man in Meditation und religiösem Ritual, den »Dhikr«. In dieser besonderen ekstatischen Praxis wird sich der Übende, Gottes absoluter Erhabenheit und Vollkommenheit bewusst, was da insbesondere durch den sogenannten »Tasbih« erfolgt, den Lobpreis der Formel »Subhan Allah«: »Gott ist über allem erhaben«.

Heilig ist Er und hoch erhaben über all das, was sie behaupten.

- Sure 17:44

Den Sufis geht es jedoch nicht darum, in ihrer Rezitation dieses »Subhan Allah«, damit ein intellektuelles Verstehen seiner Bedeutung zu suggerieren, sondern vielmehr darum, sich eine gleichnishafte Darstellung dessen zu vergegenwärtigen, was man als vollkommenste Struktur allen Seins bezeichnen könnte. Solcher Art Bewusstwerdung im Dhikr, erfolgt also nicht im Intellekt, sondern in dem, was wir oben als das »Geistige Herz« einführten. Was damit gemeint ist, damit wollen wir uns im Folgenden eingehender beschäftigen.

Das Herzen als Sitz spiritueller Geheimnisse

Wir hatten zuvor gesagt, dass die göttliche Offenbarung an den Propheten Mohammed (as) nicht seinem denkenden Geist, sondern seinem Herzen enthüllt wurde (siehe oben Suren 2:97, 26:192ff). Für die Sufis war dieses Herz der Sitz geistiger Geheimnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht überraschend, dass der Begriff des Herzens auch eine wichtige Rolle spielt im Vokabular religiöser Gelehrter des Islam. Oft wird dieser Begriff synonym für das verwendet, was man die Seele nennt, jedoch als Sitz dessen, was man als intellektuelle und emotionale Instanz darin sehen könnte. Das heißt, dass all jene unter diesen Gelehrten, einerseits von den esoterischen Lehren Aristoteles' beeinflusst waren und damit auch von dem, was wir zuvor, als die Schule des Neuplatonismus andeuteten. Da galt jenes, »geistige Herz«, als Sitz der edelsten Gefühle eines Menschen.

Für Al-Ghazali jedoch war das Herz jedoch nicht allein das, was wir uns vielleicht unter dieser Beschreibung vorstellen. Er versuchte die Wesensbeschaffenheit dieses Herzens als etwas viel universaleres darzustellen. Vier esoterische Konzepte sollten ihm bei der Beschreibung dessen helfen, was durch die arabische Begriffe »Qalb«, »Ruh«, »Nafs« und »Aql« definiert ist. In folgendem Zitat aus seinem Buch »Wunder des Herzens« schreibt er:

[…] dem Begriff »Herz« (arabisch »Qalb«), dem zwei Bedeutungen zu Grunde liegen. Eine davon ist das kegelförmige Körperorgan aus Fleisch, dass sich in der linken Seite der Brust befindet. Es ist ein besonderer Muskel, indem sich eine Höhlung befindet, und in dieser Höhlung befindet sich schwarzes Blut, das die Quelle und der Sitz des Geistes ist (arabisch »Ruh«). […] Die zweite Bedeutung des Wortes »Herz« beschreibt eine subtile, feinstoffliche Substanz ätherisch-geistiger Art, die mit dem physischen Herzen verbunden ist. Die subtile, feinstoffliche Substanz aber ist die wahre Essenz des Menschen. Das Herz ist der Teil des Menschen, der empfindet und weiß und erfährt […] Der zweite Begriff ist »Geist« (arabisch »Ruh«), der für unsere Zwecke ebenfalls auf zwei Arten erklärt, verwendet wird. Eine davon ist ein feinstofflicher Körper, der einer Höhlung des physischen Herzens entspringt und der durch die pulsierenden Arterien in allen Körperteilen verbreitet wird. […] Die zweite Bedeutung (des »Ruh«) ist, wie bereits erwähnt, die einer subtilen, feinstofflichen Substanz, die den wirklichen Menschen ausmacht: Es ist des Menschen Seele und seine Essenz.

Es geht hier um das, was bei den alten Griechen als »Pneuma« bezeichnet wurde und da als universales Mittel der Sinneswahrnehmung verstanden wird. Der Begriff der »Seele«, arabisch »Nafs«, steht für den lebensspendenden Teil der im Menschen zu Lebzeiten wirkt, seine Lebenskräfte bildet. Man spricht hier auch von der Triebseele oder Tierseele, was wohl möglicherweise ebenso aus dem griechischen Konzept der Epithymia abgeleitet ist, was man schlicht mit dem deutschen Wort »Lust« übersetzen könnte. Hier wirken also Kräfte im Menschen, die ihn dem Tier näher sein lassen, als dem was er eigentlich erzielen sollte: nämlich dem Göttlichen zuzustreben. Andere Bedeutung dessen, was Al-Ghazali als die »Nafs« anführt, bildet wiederum die feinstoffliche Substanz, eben wie auch der Sinngehalt der Namen »Qalb« und »Ruh«:

Die Seele verdient entsprechend dieser zweiten Definition Anerkennung, entspricht sie doch dem Selbst des Menschen beziehungsweise seinem wahren Wesen, seiner wahren Natur, die, sich Gott bewusst seiend, mit allen anderen erkennbaren Dingen vertraut ist.

- Aus Al-Ghazailis »Wunder des Herzens«

Nun bleibt schließlich der Begriff des »Aql«, dem was man als die »menschliche Intelligenz« oder besser noch, als seine »Vernunft« bezeichnen könnte. Lange zuvor schon lässt sich den Schriften Aristoteles' entnehmen, was auch die Neuplatoniker »Nous« nannten. Das ist im Altgriechischen sowohl mit der Bezeichnung der Wahrnehmung, mit der Gefühlswelt, dem Herzen, der Seele und dem Willen verwandt, wie auch gleichzeitig mit dem Denken und dem was einer beabsichtigt. Durch »Aql« aber versucht der Mensch über das wahre Wesen der Dinge Verständnis, wie auch über seine besonderen Kräfte Wissen zu erlangen, was doch ganz und gar zu den herausragendsten Fähigkeiten allen Menschseins gehört.

Wie es aber auch bei den anderen drei Begriffen (Qalb, Ruh, Nafs), die mit dem spirituellen Herzen Al-Ghazalis zusammenhängen, eine feinstoffliche Variante gibt, trifft das auch zu auf den eben beschriebenen Aql: Es ist die Substanz, oder das Mittel, worüber Gott vom Menschen erkannt werden kann.

 

Auf der Suche nach dem Elixier des Glücks

von S. Levent Oezkan

Elixier - ewigeweisheit.de

Einst gab es einen persischen Sufi der sich als jemanden betrachtete, dessen Mystik auch einen praktischen Zweck erfüllen wollte. Seine Mitmenschen gedachte er zu wahrer Erkenntnis Gottes zu führen, jenseits allen theoretischen Vermutens und landläufiger Glaubensbekenntnisse. Selbsterkenntnis war für ihn die wichtigste Voraussetzung zur Erkenntnis des Göttlichen.

In dem gigantischen Schriftwerk das er der Nachwelt hinterließ, wies er darum immer wieder hin auf die berühmte Aussage des islamischen Propheten Mohammed (as):

Wer sich selbst erkennt, erkennt Gott.

Dieser Mann war Abu Hamid Mohammed Ibn Mohammed Al-Ghazali. Er kam im Jahre 1058 im alten Chorasan zur Welt, dem »Land der aufgehenden Sonne«, in der Stadt Tus, die sich heute im nordöstlichen Iran befindet.

Der frühe Tod seines Vaters sollte seinen außergewöhnlichen Lebensweg zeichnen, denn er starb als er noch ein Junge war. Über seine Mutter ist kaum etwas bekannt. Sie dürfte ihren Ehemann jedoch überlebt haben und hatte ihren Sohn wohl so gut wie möglich großgezogen. Es war jedoch kaum Geld da für eine angemessene Erziehung.

Al-Ghazali sollte schließlich den Rahmen des Vertrauten verlassen. Man gab ihn in die Obhut eines Sufi, dessen Einfluss seine spätere Laufbahn jedoch ganz maßgeblich beeinflussen sollte.

Wegen seiner herausragenden Gelehrsamkeit und Begabung, empfahl man später den noch jungen Al-Ghazali dem berühmten Seldschukensultan Nizam Al-Mulk. Begeistert von dem Wissen dieses Mannes, berief ihn im Jahre 1091 an die Nizamiyya-Medresse in Bagdad, wo er zum Professor der Theologie ernannt, unterrichten sollte. Die großartigen Erfolge die er dort als Lehrer erzielte, machten ihn in der gesamten islamischen Welt berühmt. Da nämlich nannte man ihn einst »Hujjat Al-Islam«, den »Beweis des Islam« – eine nicht gerade beiläufige Betitelung für einen muslimischen Gelehrten.

Seine Bewunderer also waren entsprechend zahlreich, die sein Werk als die wichtigste Sammlung der Islamwissenschaften ansehen sollten. Bis heute zählt Al-Ghazali in der islamischen Welt, neben Averroes (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina), zu den wichtigsten Verfassern religiöser und mystischer Schriften. Er war aber immer auch ein Skeptiker, was seinem Werk jedoch gut tat. Seine Philosophie und Theologie beruhten auf gesundem Menschenverstand und ließen damit in ihrer authentischen Wahrheit erkennen, was das Wesen des Glaubens eigentlich ausmacht – besonders bei einem, der sich als Sufi bezeichnet, sich einen Mystiker des Islam nennt.

Al-Ghazali – ewigeweisheit.de

Al-Ghazali - Zeichnung: Khalil Gibran

Jenseits von Logik und Vernunft

Auf seiner Suche nach Wahrheit fand Al-Ghazali zu der Erkenntnis, dass unter seinen Zeitgenossen drei Hauptgruppen von Geisteswissenschaftlern zusammenkamen, die sich durch Studien den spirituellen, mentalen und seelischen Einflüssen der Geisteswelt zu nähern versuchten.

Da waren zunächst die Scholastiker. Sie suchten durch logisches Schlussfolgern, vermittels der Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles, nach Erkenntnissen, nach Wahrheiten die mit ihrer Vernunft vereinbar schienen. Beim Suchen nach Antworten auf theologische oder philosophische Fragen, versuchte man ungenau definierte Sachverhalte mittels Beweisführung und Argumentation zu klären.

Die andere Gruppe bildeten die Philosophen, die, mittels Logik und Veranschaulichung, Wege zur Erkenntnis des Geistigen finden wollten, wo das, was man als Weisheit bezeichnet, jedoch nicht eigentlich besessen wird. Was jedoch das Besondere des Philosophierens ist, erkennt man etwa im Vergleich eines wahrhaft Liebenden, der jemanden liebt, doch keine Erwiderung dafür erwartet, und eben darin den Kern allen Liebens erkennt. Da geht es also darum Weisheit zu erwägen, doch nicht sein Eigen zu nennen – weniger also eine Liebe der, als eine Liebe zur Weisheit.

Anders als diese beiden ersten Gruppen aber galten Al-Ghazali die Sufis. Ein Sufi findet zur Weisheit durch seine Intuition. Weder will so einer durch Schlussfolgerungen zur Erkenntnis kommen, noch wünscht er sich besondere Geistes- beziehungsweise Gemütszustände zu erlangen. Er trachtet danach die Wahrheit als eigentliche, echte Manifestationen zu erleben, als eine »empfundene Weisheit«, was jenseits allen Mutmaßens und Liebelns geschieht.

Al-Ghazali aber wollte nun die Schulen der Theologen und die Gemeinschaften der Philosophen alle aufgesucht und die Systematik ihrer Lehren studiert haben, auch wenn mit all dem so gewonnenen Wissen, dennoch unzählige Fragen unbeantwortet blieben. Denn sowohl Scholastiker wie auch Philosophen konnten weder durch Vernunft noch durch Logik die großen Fragen der Menschheit beantworten, noch Al-Ghazalis damit verbundene Zweifel zerstreuen. Sein forschender Geist aber sollte ihn in noch tiefere Zweifel drängen. Diese Lebenseinstellung aber hielt ihn jedoch stets auf dem Grund der Tatsachen. Erst damit nämlich sollte er wahres Wissen erlangen können. Das aber sollte dazu führen, dass ihm seine Stellung als Gelehrter an der Medresse in Bagdad nicht mehr angemessen erschien.

Hernach fühlte ich den Drang nun die heilige Pilgerschaft zu vollziehen, im Wunsch dass sich die Gnade über mich ergieße, wenn ich Mekka, Medina und das Grab des Propheten besuche. Nachdem ich den Schrein des Gottesfreundes (Abraham) besucht hatte, begab ich mich nach Hedschas.

- Aus Al-Munqidh min Ad-Dalal (»Der Erreter aus dem Irrtum«) von Al-Ghazali

Darauf besuchte Al-Ghazali Damaskus in Syrien, wo er in Abgeschiedenheit elf Jahre lang meditierte und sich dem Studium der Heiligen Schriften widmete.

Ich dachte nur an Selbstvervollkommnung und Disziplin und an die Läuterung des Herzens durch Beten, indem ich verschiedene Formen der Andacht hielt, die mir die Sufis gelehrt hatten. Einsam lebte ich in der Moschee von Damaskus und pflegte meine Tage auf der Minarett zu verbringen, während ich die Tür hinter mir zuzog.

- Aus Al-Munqidh min Ad-Dalal (»Der Erreter aus dem Irrtum«) von Al-Ghazali

Doch nach so langer Zeit der Abwesenheit vermissten ihn seine Kinder und seine Frau. Sie baten ihn doch zurückzukehren, worauf er schließlich einging. Im Juni des Jahres 1097 kam er zunächst nach Bagdad, um von dort aus seine Reise fortzusetzen in seine khorasanische Heimat Tus.

 

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Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Ikhwan As-Safa: Die Brüder der Reinheit und Treuen Freunde

von S. Levent Oezkan

Brüder der Reinheit - ewigeweisheit.de

Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert, wirkte im irakischen Basra eine Bruderschaft muslimischer Eingeweihter. Basra war damals eine Stadt höchster Gelehrsamkeit, die die gesamte, damalige westliche Welt beeinflussen sollte. Die Mitglieder dieser aus dem Verborgenen wirkenden Bruderschaft aber, waren Asketen, die eine umfassende Enzyklopädie der Esoterik schufen, die nicht nur auf die Geheimbünde Europas ganz wesentlichen Einfluss ausüben sollte.

Die Angehörigen dieser Bruderschaft, bildeten eine Art Freimaurerloge, denn man war darum bemüht, das im inneren Kreis besprochene Wissen stets geheimzuhalten. Auch die in Deutschland entstandenen Rosenkreuzer-Logen, müssen in diesem Zusammenhang genannt werden, soll ihr legendärer Bruder C. R. ja mit eben genau dieser muslimischen Bruderschaft in Verbindung gestanden sein.

Im Kreise treu ergebener Gefährten

Der arabische Name dieser Bruderschaft lautet "Ikhwan As-Safa wa Khullan Al-Wafa wa Ahl Al-Damd wa Abna Al-Majd", was frei übersetzt soviel bedeutet wie "Brüder der Reinheit und treuen Freunde, Menschen, die des Lobes wert sind, Söhne der Herrlichkeit". Man nennt sie heute kurz die "Brüder der Reinheit", einem Namen, der einer alten Legende entstammt.

Es ist die persische Dichtung "Kalilah wa Dimnah", deren Titel sich aus den Namen der beiden Schakale zusammensetzt, Kalilah und Dimnah, die die Rahmenhandlung dieser Fabelsammlung bilden. Ihren Ursprung aber haben diese Fabeln eigentlich in der alten indischen Dichtung Panchatantra (wörtlich "Fünf Prinzipien") aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die aus der Feder des indischen Gelehrten Vishnu Sharma stammen. Sehr wahrscheinlich aber wurden diese Dichtungen aus einer mündlichen Tradition überliefert, die noch weit älter ist.

In der indischen Urfassung werden die beiden Schakale "Karataka und Damanaka" genannt: der "entsetzlich Heulende und der Sieger", die darin wohl für die menschlichen Eigenschaften von Pessimismus, Opferrolle und Zweifel auf der einen, sowie Optimismus, Vertrauen und Gelassenheit auf der anderen Seite stehen.

Die jüngere, arabische Version, die im 8. Jahrhundert in Basra, von dem persischen Autor Ibn al-Muqaffa (724-759) verfasst wurde, diente aber, wie auch die ursprünglich indische Fassung, nicht nur der Unterhaltung. Es waren vielmehr Lehrgedichte, die dem Zuhörer die fünf Prinzipien vom weisen Umgang mit anderen Menschen nahelegten: Über den Verlust von Freunden, das Gewinnen neuer Freunde, die Ursachen des Streits, die Trennung und schließlich die Vereinigung in Freundschaft.

Kalilah wa Dimnah

Im zweiten Abschnitt dieser Sammlung von Fabeln, die über das Gewinnen neuer Freunde spricht, ist die Rede von einer Taube, die mit ihren Freunden dem Netz eines Jägers entkommt. Diese Tiere nennt Ibn al-Muqaffa "Ikhwan As-Safa": Die treuen Freunde. Und es war die Maus die ihnen half zu enfliehen. Sie nämlich war so gnädig an den Maschen des Jägernetzes so lange zu nagen, bis sich ihre Tierfreunde daraus befreien konnten. Von dieser Selbstlosigkeit der Maus war einer der treuen Freunde, eine Krähe, nun so beeindruckt, dass sie bald Freundin der Maus wurde. Ihr schlossen sich bald auch eine Schildkröte und eine Gazelle an, die zu jenen treuen Freunden der Taube gehörten. Die Gazelle aber wurde erneut eingefangen. Doch es dauerte nicht lange, bis ihr die Freunde zu Hilfe kamen und sie durch sie wieder befreit wurde. Wegen ihrer Langsamkeit nun aber wurde nun die Schildkröte gefangen. Die Gazelle aber bot sich dem Jäger als Köder an, damit die anderen treuen Freunde die Schildkröte wieder befreien konnten. Am Ende aber waren alle Tiere in Sicherheit.

Aus dieser Fabel also ging der Name "Ikwhan al-Safa" hervor, da die Gruppe von Tieren, sich so eindrucksvoll umeinander kümmerten, frei von Selbstbezogenheit und Egoismus und daher eben "rein".

König Dabshalim besucht den Brahmanen Bidpay – ewigeweisheit.de

Auf dieser persischen Miniatur sieht man den indischen Radscha Dabschalim (links), der den brahmanischen Eremiten Bidpay in seiner Höhle aufsucht, um von ihm das wahre Geheimnis hinter der Fabelsammlung Kalilah wa Dimnah zu erfahren. Jener Eremit aber zitiert dabei auch aus den islamischen Überlieferungen des Koran.

Heilige Zeremonien, ausgerichtet nach den Sternen

Jene Bruderschaft, die sich also nach dieser Fabel den Namen "Brüder der Reinheit und Treuen Freunde" gab, trafen sich regelmäßig, an drei Nächten im Monat:

  • In der ersten Nacht, zu Anfang des Monats, hielt man gemeinsam Oratorien und gab persönlich Reden;
  • die zweite Nacht, die in der Mitte des Monats abgehalten wurde, beinhaltete Lesungen astronomischer und astrologischer Texte, unter freiem Sternenhimmel, wobei sich die Teilnehmer dem Polarstern zuwandten;
  • in der dritten Nacht schließlich betete man philosophische, metaphysische Hymnen (darunter das "Gebet von Platon", das "Flehen von Idris" oder die "geheimen Psalmen des Aristoteles").

Wahrscheinlich aber feierten sie auch drei Jahresfeste:

  • zum Eintritt der Sonne in den Widder (Frühlingstagundnachtgleiche),
  • in den Krebs (Sommersonnenwende) und
  • den Eintritt der Sonne in die Waage (Herbsttagundnachtgleiche).

All das ereignete sich wohl ganz im Sinne der Weisen von Harran, jener Stadt in Mesopotamien (heute Türkei), die im 7. Jahrhundert Zentrum der Alchemie und Astronomie gewesen war.

Einweihungsgrade der Brüder der Reinheit

Die Bruderschaft gliederte sich in vier Grade (oder Klassen), die sich aus ihrem "Seelenstand", dass heißt, aus ihrer moralischen Entwicklung und ihrem Alter ergaben:

  • Der "Handwerker" begann mit frühestens 15 Jahren dem Orden beizutreten. Er sollte sich da in Frömmigkeit und Mitgefühl üben.
  • Der "politische Führer" war jemand, der mindestens 30 Jahre alt sein musste, um so hohen Erfordernissen wie Großmut, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit gerecht zu werden. Sie nannte man auch die "Guten und Ausgezeichneten".
  • Jene die man die "Könige" nannte, waren mindestens 40 Jahre alt und waren gewissermaßen Juristen, die sich in der Gesetzgebung auskannten und stets der Wahrheit gemäß handelnd, als "Ausgezeichnete und Edle" bezeichnet wurden.
  • Alle die das 50. Lebensjahr vollendet hatten, durften den Kreis der "Propheten und Philosophen" betreten, dem letzten und höchsten Rang der Brüder der Reinheit. Den Titel dieses Kreises trugen sie, da man von ihnen so hohe Maßstäbe verlangte, die sie zu Koryphäen machten und die, hätten sie in der Zeit von Sokrates, Jesus oder Muhammad gelebt, mit diesen wohl auch hätten verkehren dürfen.

Rasail Ikhwan As-Safa: Die Enzyklopädie der Brüder der Reinheit

Berühmt sind die Brüder der Reinheit heute vor allem für das gigantische Schriftwerk, dass sie hinterließen. In 52 Briefen geht es da um so Themen wie Mathematik, Musik, Magie, Naturwissenschaften, Psychologie und Religion, wie darin auch ganz alltägliche und gesellschaftliche Themen besprochen werden. Die Brüder der Reinheit versuchten darin die Kenntnisse der Muslime zu vereinigen, mit dem damaligen Kenntnisstand der westlichen Philosophie und Wissenschaften. So erhielt die islamische Kultur, von innen heraus (esoterisch), eine ganz neue intellektuelle Dimension.

In diesen Briefen, die in der Geschichte der arabischen Literatur einen hohen Rang einnehmen, konzentriert sich das Wissen sufischen Denkens, denn es heißt darin zum Beispiel:

Wisse, oh Bruder, dass deine Seele möglicherweise ein Engel ist und in Wirklichkeit Eins werden kann, wenn du dem Weg der Propheten und der Meister der göttlichen Gesetze folgst.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch

Die gesamte Schöpfung wird letztendlich zu Ihm (Allah) zurückkehren, da Er die Quelle ihrer Existenz, Substanz, Unsterblichkeit und Vollkommenheit ist.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 3. Buch

Im ersten Buch jener "Briefe der Brüder der Reinheit", das sich mit der Mathematik befasst, sind vierzehn Briefe enthalten. Diese Schriften sind Abhandlungen in Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Geographie und Musik, wie auch Traktate über Logik und Analysis.

Das zweite Buch befasst sich mit Naturwissenschaften und enthält siebzehn Briefe über das Wesen von Materie und Form, über Erzeugung und Vernichtung der Dinge, über Metallurgie, Meteorologie, sowie Untersuchungen über das Wesen der Natur, worin Pflanzen und Tiere klassifiziert werden. Auch Fabeln werden darin besprochen.

Mit Psychologie befasst sich das dritte Buch dieser Enzyklopädie. Es umfasst zehn Briefe über die Wissenschaften der Seele und des Intellekts. Es geht darin um die Natur des Intellekts und des Verstandes, die Symbolik zeitlicher Zyklen, die Essenz dessen was Liebe ist, Auferstehung, Hermetik von Ursache und Wirkung.

Im vierten Buch geht es um die Theologie. Darin wird in elf Briefen die Vielfalt religiöser Sekten besprochen, die Eigenschaften echten Glaubens, die Natur göttlicher Gesetze, Politisches, doch auch das Wesen der Magie.

Identität der Brüder der Reinheit

Eine Reihe von Theorien kreist um die Autoren dieser vier Bücher. Einige Mitglieder der Ikhwan As-Safa sind heute jedoch bekannt. Zu ihnen zählte etwa der arabische Freidenker und Dichter Abul Ala Al-Maarri (973-1057). Er war jedoch jemand, der die Dogmen der Religionen seiner Zeit (Islam, Judentum, Christentum und Zoroastrismus) vehement ablehnte, ja sogar scharfe Kritik daran übte. Al-Maarri pflegte einen asketischen Lebensstil und war strikter Veganer. Wenn wir zuvor sagten, dass Ziel der Brüder der Reinheit eine intellektuelle Vereinigung des Wissens im Westen, mit den Weisheiten des Islam gewesen ist, so trifft das wohl zu auf Al-Maarri, dessen bekanntestes Werk "Sendschreiben über die Vergebung" oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen wurde.

Auch der islamische Theologe Ibn Ar-Rawandi (825–910) zählte zu den Mitgliedern der Ikhwan As-Safa. Man zählt ihn heute aber zu jenen, die man vielleicht als Gegener des Islam bezeichnen könnte. Und solch Betitelung hatte er sicherlich entsprochen, war die Vehemenz, mit der er gegen die Buchreligionen wetterte, doch wahrhaft ausgeprägt. Er prangerte Aberglauben und religiösen Dogmatismus gleichermaßen an, die stattdessen durch ein Recht auf Vernunft, gegen Traditionen, Gebräuche und Autorität, ersetzt werden sollten.

Wahrscheinlich war auch der berühmte persisch-islamische Theologe, Philosoph und Mystiker Al-Ghazali (1058-1111) von den Brüdern der Reinheit beeinflusst.

Offen bleibt jedoch, wer die anderen Mitglieder dieser Bruderschaft waren und wie viele ihr tatsächlich angehörten. Über sich selbst schrieben die Ikhwan As-Safa als  "Schläfer in der Höhle" (Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch) – Wissende also, die sich in die Verborgengeut zurück gezogen hatten. Ihr Verheimlichen hatte wohl seine guten Gründe, denn sie waren sich durchaus bewusst, dass ihre esoterischen Lehren hätten zu Unruhen führen können. Sie wussten um das große Unglück der Nachfolger des Propheten Mohammed (as), hatten also guten Grund aus dem Verborgenen heraus zu wirken und unerkannt zu bleiben – ein Bewusstsein das sogenannten "Esoterikern" heute abhanden gekommen zu sein scheint.

 

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