Theosophie

Die Hüter der spirituellen Hierarchie

von S. Levent Oezkan

In den sogenannten Mahatma-Briefen, die Ende des 19. Jahrhunderts in den Kreisen um die Theosophin Helena P. Blavatsky auftauchten, traf man auf ein recht ungewöhnliches Wort: "Chohan". Damit beschrieb Blavatsky einen Meister, dessen Wirken sich jenseits allgemeiner Vorstellungen dieses Begriffes entfaltet. Und solch Chohan bezeichnet einen Adepten.

Sehr wahrscheinlich spielte Blavatsky damit auf etwas an, dass in Fernost als so Titel wie "Khagan", "Kahan" oder "Kağan" verwendet wird, um einen hoch erhabenen Würdenträger zu bezeichnen, der vielleicht auch als eine Art Kaisertitel Verwendung fand (man denke etwa an den Namen des "Dschinghis Khan"). Im Mongolischen und den alten Turksprachen gibt es einen Laut, der im modernen Türkisch heute als ğ geschrieben und fast nicht hörbar als Gleitlaut ausgesprochen wird, so dass aus dem oben angeführten "Kağan" ein "Ka'an", und woraus letztendlich ein "Kaan" oder "Khan" wurde.

Viele Briefe der Mahatmas richteten sich auf jeden Fall in dieser Zeit an verschiedene Theosophen. Im 18. Brief findet sich das Wort als "Cho-Khan", dass sich vermutlich aus zwei anderen Begriffen zusammensetzt, nämlich dem tibetischen "chos", das ins Sanskrit übersetzt "Dharma" heißt: Die "Lehre" oder das "Gesetz". So wurde das mongolische "Khan" zu dem, was im Wort "Chohan" mitanklingt, so dass aus letzterem sich die Bedeutung eines "Herrn des Dharma" übersetzen ließe, der, im Kontext der Theosophie, als Vorgesetzter der Meister (Maharmas) der Großen Weißen Loge gilt, die bis heute aus dem verborgenen Reich von Shambhala auf die Geschicke der Menschheit Einfluss nehmen soll.

Solch ein Adept der Großen Weißen Loge aber ist jemand, der in seinem evolutionären Zustand, dem des Menschen übergeordnet handelt, doch allerdings zum Nutzen aller auf Erden lebenden Wesen. In den Mahatma-Briefen lesen wir dazu:

Es gibt Männer, die zu solch mächtigen Wesen werden, es gibt Männer unter uns, die während der restlichen Runden unsterblich werden und dann ihren festgelegten Platz unter den höchsten Chohans, den planetarisch bewussten 'Ego-Geistern', einnehmen.

- Mahatma-Briefe Nr. 70c, S. 12

Man spricht bei den Chohans auch von Adepten, die sehr erhabene Ämter in der spirituellen Hierarchie innehaben.

Die Maha-Chohans und der Solare Logos

Der britische Priester und Theosoph Charles Webster Leadbeater (1847-1934) war es, der als Erster versuchte die durch verschiedene Medien empfangenen und auch in traditionellen Überlieferungen gefundenen Anhaltspunkte über jene Chohans hierarchisch zu gliedern, wie etwa in seinem 1925 erschienen Buch "Die Meister und der Pfad" (Originaltitel "The Masters and the Path").

Leadbeater erwähnt da zunächst den Solaren Logos, der sich in drei Aspekten erkennen lässt: Dem universalen Willen, der universalen Weisheit und dem universellen Tun.

Universaler Wille

Laut Leadbeater verkörpert den Willen des solaren Logos der, den man den "Herrn der Erde" nennt (andere, wie etwa der französische Traditionalist René Guènon, sprechen vom "König der Welt"), namens Sanat Kumara, wie auch der Manu (der Stammvater der Menschheit), Sohn des Sonnengottes Vivasvat und Bruder des Totengottes Yama. In einer Linie mit diesen beiden Chohans steht auch der "Mahatma Morya" der Theosophen.

Universale Weisheit

Aus dem solaren Logos strömt der Aspekt der Weisheit als Verkörperung des Siddharta Gautama, des allbekannten Buddha. Ein anderer Weltlehrer, der aber erst wiederkehren soll, nennt die Theosophie "Maitreya". In seiner Linie steht auch ein anderer wichtiger Meister, der ebenso wie Morya von Bedeutung war, im Werk Helena P. Blavatskys: "Mahatma Kuthumi".

Universales Tun

Vom dritten Aspekt des solaren Logos, dem Tun, wird auf unser Handeln auf Erden Einfluss geübt und dem Leadbeater die sogenannten "Maha Chohans" zuordnete, darunter Serapis Bey, Hilarion, Jesus und Saint-Germain.

Das erste Wort "Maha" ist aus dem indischen Sanskrit und bedeutet soviel wie "groß", im Sinne einer bedeutenden Sache. Maha Chohan ist damit der Hinweis auf einen mächtigen Chohan, einen, der schon seit Urgedenken der Menschheit als höheres Wesen seine Dienste erweist, einer der durch seine Großtaten auf die Geschicke unserer Erd-Zivilisation Einfluss nimmt.

Wenn wir an anderer Stelle sprachen von den Mahatmas Morya oder Kuthumi, ist ein Maha Chohan auch diesen überlegen, ist das Oberhaupt einer ganzen spirituellen Hierarchie der Geheimnisse. In einem der Mahatma-Briefe an den Mitbegründer der Theosophischen Gesellschaft, Henry Steel Olcott (1832-1907), bezeichnete Kuthumi den Maha Chohan als einen Meister, dem, so wörtlich

die Zukunft wie eine offene Seite liegt

- Aus C. Jinarajadasa, 16. Brief der Meister der Weisheit

In Kreisen moderner Theosophen heißt es außerdem, dass der Maha Chohan einen tatsächlichen Einfluss darauf hatte, das es überhaupt zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft durch Helena P. Blavatsky kam. In seinem Auftrag nämlich kommunizierte Meister Kuthumi mit den Theosophen Allan Octavian Hume (1829-1912) und Alfred Percy Sinnet (1840-1921). Sinnet erhielt viele Briefe von den beiden Meistern Kuthumi und Morya, die zusammen, in dem für die Theosophie bis heute so wichtigen Werk "Die Mahatma-Briefe an A. P. Sinnett", im Jahre 1926 in London veröffentlicht wurden.

Der Brief des Maha Chohans

Wie es aber scheint, gibt es viele Chohans, die sich voneinander nur unterscheiden nach dem Grad ihrer Einweihung. Sie alle aber sind Teil einer esoterischen Bruderschaft die auf der Erde aus dem Verborgenen heraus wirkt. Es heißt, sie hielten sich im Transhimalaya auf, einer Gebirgskette im südlichen Tibet. Es ist das wohl auch die Region, wo manche das Königreich von Shambhala vermuten. Es heißt über manche dieser Chohans, sie hätten bereits vor 2.500 Jahren in Nordindien gelebt, als direkte Jünger des erleuchteten Buddha Siddhartha Gautama.

Der Maha-Chohan aber war, wie oben bereits erläutert, Teil des großen hiearchischen Dreiecks des solaren Logos, wo er Seite and Seite mit dem Manu und dem Christus auf das spirituelle Geschehen der Erde wirkt. Das erfolgte etwa durch einen um 1881 entstandenen Brief, den A. P. Sinnet über Mahatma Kuthumi empfing. Es handelt sich dabei um eine Zusammenfassung Kuthumis dessen, was er mit dem Maha Chohan, in einer Art Interview besprach. Fragt sich natürlich, wieso sich der Maha Chohan über Mahatma Kuthumi ausgerechnet an Sinnet und Hume gerichtet hatte? Denn beiden Herren waren weder Geisteswissenschaftler, noch hatten sie Besonderes für die philosophische Geisteswelt getan. Alfred Percy Sinnet war Journalist und Allan Octavian Hume ein Beamter in Britisch Indien. Der einzige Grund, dass der Maha Chohan ausgerechnet diese beiden für ihr außergewöhnliches Amt erwählte, beruhte wohl auf der Tatsache, dass sich beide in Indien aufhielten und die westliche Welt weit besser kannten, als die Mahatmas selbst. Erst durch ihr Wirken nämlich sollte zu uns das gelangen, was den meisten heute fast selbstverständlich erscheinen mag: Die Wissenschaft der inneren Geheimnisse unserer Welt, kurz, die "Esoterik", kam über sie zuerst nach Europa und in die Vereinigten Staaten.

Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft erfolgte also nicht aus reiner Eitelkeit, sondern war von den Meistern der Weisheit, den Mahatmas, den Chohans beabsichtigt. Was sie den Menschen vermitteln wollten, war das Bewusstsein für eine Bruderschaft, die sich jenseits alles Religiösen befindet.

Ein spirituelles Erwachen

Bis heute scheint das, was die Mahatmas beabsichtigt hatten, sich zu etwas entwickelt zu haben, dass dem wissenschaftlich geprägten Beobachter vorkommen mag, als sei es nicht viel mehr als nur "Okkultismus-Ramsch". Doch selbst das würde seinen Zweck erfüllen, denn wie bereits zu allen Zeiten in unserer Zivilisation des Kali-Yuga (dem "Dunklen Zeitalter"), hatten nur Eingeweihte Zugang zu esoterischem Wissen. Gut möglich darum, dass sich die Welt des Profanen darum, wenn ihre Mitglieder mit der Welt der Esoterik in Berührung kommen, an Wahrsagerinnen, Buddha-Schlüsselanhänger oder Räucherstäbchen erinnert, als für den wahren Kern okkulter Lehren empfänglich zu sein.

Wieso auch sollte jemand die Kraft, die im Wirken der Theosophischen Gesellschaft damals lag, einfach an Unwissende verschwenden? Die Lehren der Adepten des Transhimalaya hätten ihren Nutzen verfehlt und wären auf europäischem Boden einfach versickert. Das wohl war der Beweggrund, dass der Maha Chohan wissentlich Sinnet und Hume erwählte, da sie das von ihm empfangene Wissen keineswegs wissenschaftlich einschätzen würden, bevor sie es in irgendeiner Form hätten auswerten können. Ihr wahres Werk, war das eines Theosophen, der das spirituelle Erwachen fördert. Nicht nur wurden sie von den Chohans in ihrem Werk unterwiesen, sondern leiteten, wegen ihrer Kenntnis des Weltlichen, ihrerseits die Chohans dabei an, ihren Wunsch zum Erfolg zu bringen: Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft, im Dienste der Menschheit.

Dem Maha Chohan jedoch war der von Sinnet und Hume dabei entwickelte Enthusiasmus, der manchmal gar einem Aktionismus glich, ab einem gewissen Grad wohl auch eigenartig erschienen. So nämlich kam es, dass Mahatma Morya in seinem Namen an A. P. Sinnet schrieb:

Einige Tage bevor Mahatma Kuthumi sich von uns verabschiedete, sprach er von Ihnen, in dem Wortlaut "Es machen mich diese niemals enden wollenden Diskussionen müde, ermatten mich. Je mehr ich beiden von ihnen zu erklären versuche, die Umstände denen wir ausgesetzt sind und die sich zwischen uns stellen, so viele Hindernisse im freien Umgang, desto weniger verstehen sie mich! Selbst unter den besten Voraussetzungen, bleibt dieser Schriftkontakt immer unbefriedigend, manchmal sogar ärgerlich."

- The Mahatma Letters to A. P. Sinnett, Letter XXIX.

Was der Maha Chohan die andere Seite wissen ließ, war die grundsätzliche Schwäche jener Akteure, die sich für die wahren "Diener der Menschheit" hielten. Zu ihrem Wirken entwickelte sich eine gewisse Selbstsucht, mit der sie versuchten ihre Handlungen zur Erreichung ihrer Plämne auszuführen, während sie dabei dachten unheimlich altruistisch daher zu kommen. Was der Maha Chohan in solch Auftreten von Sinnet oder Hume aber diagnostizierte war die Tatsache, dass:

Wir alle unser Ego ablegen müssen, dass sich anscheinend versucht als unser Selbst auszugeben, um unser wahres Selbst in einem transzendentalen göttlichen Leben zu erkennen. Wären wir hingegen nicht so in uns selbst vernarrt, müssten wir uns darum bemühen diese Wahrheit zu erkennen, damit auch sie die Wirklichkeit ihres transzendentalen Selbst erkennen können: Dem Buddha(-Bewusstsein), dem Christus(-Bewusstsein) oder den Gott eines jeden Predigers.

Dieses Selbst aber, das jeder Mensch in sich trägt, hat Risse und Sprünge, die ihm im Kreisen des Rad ihres Karma zugefügt wurden. Sobald wir die Vorstellung von unserem Selbst aus unseren Träumen und unserem Wirken entlassen, und damit beginnen dem Großen Selbst zu dienen - ganz gleich ob man es nun als Gott oder mit der Menschheit identifiziert -, ohne dafür einen Lohn in dieser oder "der kommenden Welt" zu erwarten, schaffen wir es unser Bewusstsein zu erheben, in die Ränge der oben erwähnten Dreiheit des solaren Logos. Erst wenn man die hochmütige Haltung in seinem Dienen aufgelöst hat, wird man tatsächlich so weit gekommen sein.

Gibt es eine großherzigere Haltung, ein ehrlicheres Bekenntnis, als ein solches, dass sich aus unserem Karma erhebt, um die Gelegenheit zu ergreifen, unser Ich fallen zu lassen, in dieser Arbeit an der Menschheit, in diesem Wirken im Namen der höchsten göttlichen Hierarchien?

 

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Marsianische Einflüsse im Eisernen Zeitalter

von S. Levent Oezkan

Marsoberfläche - ewigeweisheit.de

Lange bevor man Uranus, Neptun und Pluto als Planeten identifizierte, war unser roter Himmelsnachbar einer von fünf Planeten, die mit Sonne und Mond, zu den sieben klassischen Himmelskörpern zählen. Diese astrale Siebenheit korrespondiert zudem mit sieben Zahlen und sieben klassischen Metallen.

Die Sechs der Sonne strahlt golden, die Neun des Mondes glänzt silbern, die Fünf des Mars rötelt eisern, Merkurs Acht ist quecksilbrig, Jupiters Vier zinnern, und die Drei des trägen Saturn ist schwer wie Blei. Der Mars also entspricht der Fünf und befindet sich tatsächlich als fünfter Globus am Rande des inneren Asteroidengürtels unseres Sonnensystems.

Dass außerdem das Metall Eisen mit dem Planeten Mars zu tun hat, liegt auf der Hand: die grenzenlosen, roten Wüsten, die seine Oberfläche unter sich begraben, bestehen hauptsächlich aus Eisenoxid (siehe Titelfoto). Damit ist der Mars ein buchstäblich "rostiger Planet", denn das rote Eisenoxid seines Gesteins, ist die gleiche Substanz, die auch beim natürlichen Zerfall von Eisen oder Stahl auf der Erde entsteht. Bis auf das Eisen, sind alle anderen klassischen Metalle entweder zu edel um zu oxidieren (wie Gold, Silber, Quecksilber) oder bilden einen dünnen Schutzfilm, der sie vor weiterer Korrosion bewahrt (wie bei Kupfer, Zinn, Blei). Eisen fehlen solche Eigenschaften und es scheint sich regelrecht danach zu sehnen, in Stücke zu gehen.

Trotz der charakteristischen Unbeständigkeit des Eisens, ist es dennoch das härteste aller klassischen Metalle. Oberflächlich betrachtet ein Widerspruch. In Wirklichkeit aber verbirgt sich darin ein tiefes Geheimnis, das den ewigen Kreislauf allen Werdens und Vergehens im Universum bedingt.

Mundöffnungsritual – ewigeweisheit.de

Das alt-ägyptische Mundöffnungsritual, Darstellung aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. im Papyrus Hunnefer. Unten links im Bild die sogenannte "Mundöffnungsdeichsel" aus Himmelseisen.

Heiliges Metall aus dem All

Seit dem Altertum diente Eisen wegen seiner Härte der Herstellung von Waffen. Bevor man ab etwa dem 5. Jahrhundert v. Chr. begann Eisenerz zu verhütten, also aus Eisen Stahl herzustellen, verwendete man außerirdisches Eisen.

Sowohl im alten Tibet, in Mesopotamien, wie auch im alten Ägypten, wussten kluge Schmiede, wie sie aus niedergegangenen Meteoriten ein Metall isolierten, dass sie das "Himmelseisen" nannten – einer besonderen Eisenlegierung. Von diesem außerirdischen Metall spricht auch der Koran in der Sure Al-Chadid - "Das Eisen":

Und wir haben das Eisen herabkommen lassen, das viel Kraft in sich birgt und für die Menschen auch von Nutzen ist.

- Sure 57:25

Auch den Alten Ägyptern galt dieses Himmelsmetall als etwas Heiliges. Schon vor über 3.300 Jahren ließ sich der berühmte Pharao Tutanchamun daraus einen Dolch fertigen, der aber weniger eine kriegerische Waffe war, als er vielmehr ein Symbol seiner gottgleichen Macht darstellte. Schließlich war er aus himmlischem Stahl gemacht. Im Ägyptischen Totenbuch ist dieses außerirdische Metall ebenfalls von Bedeutung. Daraus nämlich ließen die ägyptischen Hohepriester ein besonderes Werkzeug schmieden: Die Mundöffnungs-Deichsel. In einem heiligen Ritual öffneten man damit symbolisch den Mund der Mumie des Pharao, um einen Teil des Seelenleibes aus dem dahingeschiedenen Körper zu erlösen.

Zwar indirekt, doch auch hier wieder war Eisernes an einem Degenerationsprozess beteiligt. Gewiss könnte man darum behaupten: Nicht nur seinem physikalisch-chemischen Wesen nach versinnbildlicht Eisen den Wechsel zwischen Strukturierung und Verfall. Aus roter Erde gewonnen lässt es sich im Feuer zu härtestem Stahl schmieden, womit in unserer materiellen Welt Wichtiges gebaut, doch damit auch immer wieder zerstört wird, wie etwa durch stählerne Waffen von Panzern, Kanonen und anderem Kriegsgerät. Doch selbst die sanftesten der vier Elemente, Wasser und Luft, korrodieren das harte Eisen über die Zeit hinweg zu rotem Rost.

Stahlarbeiter – ewigeweisheit.de

Ein Stahl-Arbeiter in der Hochofenanlage des Stahlwerks Thyssen in Duisburg (Foto: Deutsches Bundesarchiv; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Die Geburt des Patriarchats

Wie Eingangs erwähnt, wirkt im Eisen der Erde ein marsianischer Kräftestrom. Als die Sonne vor 4.200 Jahren zu Frühling im Sternzeichen Widder aufging, überwog der Einfluss des Mars. Er nämlich ist der planetarische Regent des astrologischen Widders.

Die damalige Weltkultur stand unter dem Einfluss dieser marsianischen Regentschaft, die seitdem an Bedeutung sogar zunahm. Auch wenn heute viel grausamere Kriege geführt werden, sind sie jedoch nur Nachzügler dessen, was damals das astrale Bewusstsein unseres Planeten prägte: der Archetyp des Patriarchats.

Am Ende des Widder-Zeitalters strebte diese martialische Kultur auf ihren Höhepunkt zu. Alexander der Große eroberte weite Teile der damals bekannten Welt. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Römer ihr großes Weltreich. Das war aber auch die Zeit, als man Begann Waffen aus norischem Eisen zu schmieden.

An der Bedeutung des Eisens aber, hat sich für die Menschheitskultur nichts geändert. Wir verwenden dieses "ambivalente Metall" überall: in Stahlbewährungen in Häusern, Strommasten, Bahngleisen, Fahrzeugen, Maschinen, Waffen, Smartphones, Computern, Telefonen, Essbesteck und in allen nur erdenklichen Werkzeugen. Alle samt werden aus oder mit Eisen- beziehungsweise Stahlteilen hergestellt.

Das Planetarische Gedächtnis des Mars

In dieser Hochphase der Eisennutzung, scheint sich jedoch das esoterische Wesen jenes alten Planetengeistes, im maskulinen Archetypus Mars allgegenwärtig zu manifestieren. Unser Nachbarplanet selbst aber, befindet sich gegenwärtig in einer Ruheperiode. Seine Oberfläche ist tiefgefroren – fast tot.

Gab es vielleicht einst aber Leben auf unserem Nachbarplaneten?

Im Jahr 1888 schrieb die russische Theosophin Helena P. Blavatsky dazu in ihrem Buch "Die Geheimlehre":

Über die aryanische Menschheit und ihre Ursprünge weiß die Wissenschaft ebenso wenig, als über die Menschen von anderen Planeten. Mit Ausnahme von Flammarion und ein paar Mystikern unter den Astronomen, leugnet man zumeist sogar die Bewohnbarkeit anderer Planeten. Hingegen waren die Gelehrten der frühesten Gesellschaften des aryanischen Stammes solch große Adept-Astronomen, dass sie weit mehr über die Gattungen auf dem Mars gewusst zu haben scheinen, als der moderne Anthropologe von jenen der frühen Stadien der Erde weiß.

Es wäre meines Erachtens nach jedoch unsinnig Überlegungen anzustellen, wie solche Wesen einer Marskultur wohl ausgesehen haben könnten. Denn sicher unterschieden sie sich von unserem Leben ganz und gar - innerlich wie äußerlich. Doch das Leben auf dem Mars bestanden haben könnte, ist durchaus anzunehmen. Denn wie man seit Längerem weiß, besteht die Mars-Atmosphäre zu 95% aus Kohlendioxid. Und da Kohlenstoff, wie auch Wasser, Voraussetzungen für biologisches Leben sind, könnte es vielleicht sein, das einst eine verheerende Katastrophe, alles Leben auf dem Mars auslöschte.

Man sagt das Leben auf der Erde kam aus dem Meer. Umso faszinierender darum, dass sich am Südpol des Mars ein riesiger Salzwasser-See befindet. Ist er der Überrest eines einstigen Meeres das vielleicht sogar große Teile des Planeten bedeckte?

Planet Mars – ewigeweisheit.de

Bläulich-weiße Wassereiswolken über den marsianischen Vulkanen von Tharsis.

Übergang in eine neue Zeit

Was wir über den Mars, seine Geologie und Atmosphäre wissen, ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen in den vergangenen 50 Jahren mehrere Dutzend Raumsonden auf den Weg zu unserem eisernen Himmelsnachbarn sandten. Als sich die erste Raumsonde 1962 auf den Weg dorthin machte, gab es in Deutschland weder Farbfernsehen, noch Home-Computer, geschweige denn Mobil-Telefonie. Nicht einmal den Geheimdiensten stand das zur Verfügung, was heute jeder in seinem Leben als Internetzugang voraussetzt.

Vor genau 3 Monaten nun, startete eine weitere Marsmission: die NASA-Raumsonde InSight, landete Ende 2018 auf dem Mars, um das Innere des Planeten zu inspizieren, doch auch Wetterdaten auf dem Mars auf die Erde zu senden. All das sind Vorbereitungen auf eine für 2030 geplante bemannte Mars-Mission.

Wenn sich unsere Erde als eigenes planetarisches Bewusstsein denken lässt (Gaia), ließe sich solche Vorstellung ebenso auf unseren Nachbarn Mars anwenden. Man könnte darum sagen, dass wir in unserer Verbindung zum Mars, den Fluss eines Kräftestroms in Gang gesetzt haben, dessen Auswirkungen wir bisher noch nicht kennen, meiner Meinung nach aber bereits deutlich spüren.

Es treibt uns Menschen die Neugier, selbst in die kosmischen Überwelten einzugreifen, um mehr über ihr inneres Wesen zu erfahren. Auch die vom mythischen Schmied Hephaistos erschaffene Pandora, war nur zu neugierig. Ihr Wissensdurst aber brachte nur Sorgen und Leid über die Welt. Scheinbar jedoch hat die menschliche Entdeckerfreude für den Mars, einen unsichtbaren Kraftstrom angezapft, dessen martialische Einwirkungen vielleicht stärker als denn je auf unseren Planeten Erde zurückwirken.

Das Eiserne Geschlecht

In diesem Augenblick wohl schauen Sie in den Bildschirm eines Computers oder Smartphones. Doch was Sie da vielleicht in Händen halten, wäre inexistent, wären die Vorgängermodelle seiner Bestandteile, nicht ursprünglich zu militärischen Zwecken entwickelt worden.

Der englische Mathematiker Alan Turing entschlüsselte mit riesigen Rechenmaschinen den Enigma-Code der Nazis, was einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg markierte. Er war einer der Urväter des heute allgegenwärtigen Internets, dass aber erst nach dem Ende des Kalten Krieges für die Zivil-Gesellschaft freigegeben wurde. Heute befriedigt es menschliche Neugierde mehr denn je.

Relation Erde / Mars – ewigeweisheit.de

Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

- Heraklit

Vor 2.700 Jahren entwickelte der griechische Dichter Hesiod eine Anti-Utopie von einer finsteren Zukunft. In seinem monumentalen Gedicht "Werke und Tage", nannte er fünf Menschheitszeitalter, von denen das Eiserne das letzte ist:

Denn jetzt hauset ein eisern Geschlecht, das weder am Tage ausruhen wird von Mühen und Leid, noch während der Nachtzeit, völlig verderbt; auch senden die Götter noch lastende Sorgen. Trotzdem wird auch ihnen zum Bösen sich Herrliches mischen. Doch auch dieses Geschlecht hinfälliger Menschen vertilgt Zeus, wenn gleich nach der Geburt an den Schläfen die Kinder ergraut sind. Einig sind nicht mit dem Vater die Kinder, nicht dieser mit jenen; nicht mit dem Wirte der Gast, der Gefährte nicht mit dem Gefährten; nicht wird teuer der Bruder noch sein, wie einst er's gewesen ist.

Was Hesiod darin präsentiert, passt recht gut auf die Verfassung der Gegenwart. Auch wenn manche sich nach einem Ende dieser Welt sehnen oder gar als Hiobsbotschafter den Jüngsten Tag heraufbeschwören, scheint zumindest die Welt, wie sie unsere Urgroßeltern kannten, sich grundlegend zu verändern.

Neben der menschlichen Intelligenz, wächst gerade eine neue, global umspannende digitale Intelligenz, die schon in wenigen Jahren gescheiter sein wird, als die gesamte Menschheit. Bleibt zu hoffen, dass sie auch eine Schläue entwickelt, die hilft, aus unserem Planeten Erde, für alle Menschen einen besseren Ort zu machen.

Bei all den Endzeiterwartungen vieler Esoteriker steht fest: Nichts endet, ohne dass ihm ein Neuanfang folgt. Zeit ist zyklisch und nicht linear. Manches wiederholt sich zwar, doch immer auf neue Art. Der indische Weise Sri Yukteschwar schrieb hierüber von einem großen Zyklus von ungefähr 24.000 Jahren, an dessen Tiefpunkt wir uns gerade befinden: dem Kali-Yuga – dem "Zeitalter des Streits". Dieser dunklen Weltperiode aber wird wieder ein lichtvolles, goldenes Zeitalter folgen.

Matriarchat – Patriarchat – Lumenarchat

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre mit dem polnischen Philosophen Henryk Skolimowski (1930-2018) eine Unterhaltung über den Zustand unserer Weltgesellschaft zu führen. Skolimowski schilderte dazu eine sehr interessante Perspektive:

Wenn wir zurückblicken in die ferne Vergangenheit vor 7.000 Jahren, standen die Menschen unter dem Einfluss einer göttlichen Ordnung, wo Gerechtigkeit und Mitgefühl herrschten. Leider aber drängten manche Menschen in patriarchal geprägten Gesellschaften, die ursprüngliche Ordnung auf unserem Planeten zu missachten. Im Matriarchat galt ein "Leben und Leben lassen", was aber anscheinend dem patriarchalen Gedanken eines "Lebenmüssens" weichen sollte. Die patriarchal geprägte Weltgesellschaft aber hat uns Menschen offensichtlich die Voraussetzungen genommen, weiterhin ein gutes Leben zu führen. Doch ebenso unmöglich lässt sich das alte Matriarchat wieder einführen. Wohin also bewegen wir uns?

Vielleicht kann die Menschheit Matriarchat, Patriarchat und Anarchie transzendieren, um Licht als große kosmische Mutter zu vermitteln – als Quelle aller Energie und Nahrung. Das wäre die Geburt des Lumenarchats: dem Zeitalter des Lichts.

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Die Universelle Weiße Bruderschaft: Spirituelle Gemeinschaft im Zeitalter des Wassermanns

von S. Levent Oezkan

Universelle Weiße Bruderschaft - ewigeweisheit.de

Schon immer war die Balkanhalbinsel ein Gebiet der Begegnung, zwischen den spirituellen Weisheits-Kulturen des Abendlandes und des Morgenlandes. Im Osten des Balkan siedelte einst das Volk der Thraker, über das seinerzeit König Oiagros herrschte: Vater des mythischen Sängers Orpheus. Homer nannte Thrakien »das goldene Reich des Orpheus«, wo der legendäre Sänger seine Tradition zu Wege brachte.

Die orphische Tradition nämlich sollte dereinst den Kern einer neuen Kultur bilden. Und da man auch Apollon zu Ehren, dem Gott des Lichts, der Weissagung, der Heilung und der Künste, hier vor mehr als 3000 Jahren heilige Riten abhielt, wird Thrakien auch ein »Land des Lichts« genannt. Damit sollte in Thrakien eine der ältesten Kulturlandschaften Europas entstehen.

Es ist bei alle dem aber nicht allein Mythologie, denn im Balkan des südlichen Bulgarien, wo sich die thrakische Tiefebene erstreckt, fanden Archäologen die Reste einer uralten Hochkultur, die dort ihren Königen Megalith-Bauten (Dolmen) und Hügelgräber errichteten. Nahe des bulgarischen Dorfes Tatul erhebt sich ein thrakisches Felsengrab, das heute gar als Ruhestätte Orpheus' gilt. Es gehört zu einem riesigen Komplex anderer Megalith-Bauten, in denen man erst heidnische, später auch christliche Kulthandlungen durchführte.

Der griechische Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria verglich den Orpheus sogar mit Jesus, dessen Abstieg in die Unterwelt, gewiss dem Abstieg Christi in die Totenwelt entspricht.

Orpheus also ein mythischer Vorgänger Jesu Christi?

Zumindest scheint diese Symbolik möglicherweise die Theologie der Bogomilen mit inspiriert zu haben. Auch sie nämlich kamen vom bulgarischen Balkan und waren eine christliche Sekte die sich ab dem 10. Jahrhundert hier gegründet hatte. Sie nannten sich die »Gottesfreunde« (von slaw. bog, »Gott“ und mil, »lieb«) und waren eine asketisch lebende Gemeinschaft, in der man an eine dualistisch geprägte Weltordnung glaubte und man alles Materielle dem Bösen, alles Geistige dem Guten zuschrieb. Wie auch die Katharer Südfrankreichs, hielten die Bogomilen ihren Glauben für die wahre Lehre Christi.

Durchaus besaßen ihre Lehren einen universellen Charakter, der dem Glauben der Katharer sogar sehr ähnelte. Ihre Religion verkündete ein ganz einfaches, reines und heiliges Leben, dass auf Liebe, Gemeinschaft und Gleichheit basierte. Dabei aber sahen sie sich als die Überbringer vollkommen neuer Vorstellungen über die Bedeutung eines wahren Christentums.

Beinsa Douno - ewigeweisheit.de

Gründer der Universellen Weißen Bruderschaft: Petar Danow – »Beinsa Douno«.

Ein Bulgarischer Weiser

Anfang des 20. Jahrhunderts sollte sich in diesem alten Land der Bogomilen erneut eine okkultistisch-religiöse Bewegung gründen: Die Universelle Weiße Bruderschaft.

Gründer dieser Gruppe war der Theologe, Philosoph und spirituelle Lehrer Petar Konstantinow Danow (1864-1944; andere Versionen des Nachnamens: Deunov, Dănov). Er studierte Ende des 19. Jahrhunderts Theologie in den Vereinigten Staaten. Während dieser Zeit stand er in Kontakt mit dort ansässigen Vertretern der Theosophischen Gesellschaft und der modernen Rosenkreuzer-Bewegung.

1896 erschien sein erstes Buch mit dem Titel »Wissenschaft und Erziehung«. Im Jahr darauf erfuhr er seine mystische Initiation und nannte sich seitdem »Beinsa Douno«.

Nach seiner Rückkehr nach Bulgarien wirkte er dort ab 1897 als spiritueller Lehrer und gründete eine Gesellschaft, die sich der Erhebung des religiösen Geistes des bulgarischen Volkes verschrieben hatte. Er sprach da von den Zusammenkünften der »Synarchischen Kette«, an denen drei seiner ersten Schüler teilnahmen: Penio Kirov, Todor Stoimenov und Dr. Georgi Mirkovic. Seit 1900 hielt er im Rahmen dieser Gesellschaft Treffen ab. »Synarchisch« wohl darum, da der Glaube dieser von ihm geführten Gemeinschaft (griech. »archia«, Führung) in sich verschiedene spirituelle Systeme zu einem neuen Glauben synthetisierte.

Schon damals begann er Material zusammenzustellen, womit er dann, im Jahr der Gründung seiner Bruderschaft, seinen Schülern eine umfassende Einführung in den Okkultismus zur Verfügung stellen konnte. In seinem Werk – darunter die Titel »Sieben Gespräche mit dem Geist Gottes« und »Die Drei Dinge« – waren Erkenntnisse enthalten, die er in Meditation empfing.

Im Jahr 1922 ging aus der »Synarchischen Kette« dann die Universelle Weiße Bruderschaft hervor. Danow wollte durch die Gründung dieser Bruderschaft eine Mission erfüllen: Ein neues spirituelles Zeitalter sollte von ihm eingeleitet werden, zur Verkündigung der Wahrheiten des Wassermanns. Es heißt, dass Danow versuchte den uralten und unvergänglichen Weisheiten der Menschheit, damit zu einer neuen Geburt zu verhelfen.

Der Anker des Wassermanns

Im Emblem der Universellen Weißen Bruderschaft kommt dieses Ansinnen zum Ausdruck. Es zeigt einen Anker, der für einen Glauben steht, der an solaren, hohen Idealen festhält, was auf die Bedeutung der Sonne für unseren Planeten anspielt, deren Licht ja die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Der Anker galt Danow daher als Symbol aller, die den Ozean des Lebens bereisen und sich bei jedem Ankerwurf mit der Welt des Göttlichen zu verbinden hoffen.

Die Symbolik des Wassers platzierte er in besagtem Emblem als Sinnbild der Quelle des Klaren und Reinen, als ein Brunnen unerschöpflicher Kraft, etwas das notwendig ist damit Leben überhaupt entstehen kann.

Die Hände, die sinnbildlich das Wasser aus der Mündung dieser Quelle führen, gehören Aquarius, dem Wassermann, dessen Zeitalter bei der Gründung der Universellen Weißen Bruderschaft aufdämmerte. Da Aquarius aber astrologisch ein Luft-Zeichen ist, wird damit ein Wasser feinstofflicher, ätherischer Beschaffenheit angedeutet, etwas, von dem man in alter Zeit glaubte, dass daraus der Heilige Geist beschaffen sei. Im Evangelium des Johannes steht diese Symbolik von Wasser und Geist für die Wiedergeburt eines Menschen in ein neues Leben, was natürlich ein Hinweis ist darauf, dass ein Mensch die geistige Fähigkeit besitzt, immer aus seinem bisherigen, in ein neues Leben hervorzutreten.

Es sei denn dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. […] was vom Geist geboren wird, das ist Geist.

- Johannes 3:5f

In diesem Sinne wollte auch Petar Danow seine Schüler zur Erkenntnis führen und dabei ihre Herzen erheben. Das sollte geschehen, damit einer diese eben definierte Gnade des Heiligen Geistes, dereinst in sich erfahren und das vollkommene Licht der Wahrheit empfangen solle. Danows Schüler aber wussten dabei immer, dass man über diese Themen viel sagen und noch mehr darüber schreiben kann. Das hier Angedeutete jedoch muss von jedem Einzelnen selbst erfahren und gelebt werden, so dass einer in seinem Erleben Liebe und Weisheit erlange.

Und dieses Erleben versuchte er, durch sein Vermitteln der ursprünglichen Weisheitslehren Jesu Christi, in jedem seiner Schüler zu inspirieren, eben genau so, wie es wahrscheinlich vor 2000 Jahren vermittelt wurde.

Die Schüler der Universellen Weißen Bruderschaft sahen in Danow den Verkünder einer wahren, einzigartigen Philosophie, die sich direkt im Leben anwenden lässt, um einen Menschen zu befähigen in Gott zu weilen. Er wusste »das lebendige Wort« auf eine verständliche, vielleicht sogar empfindsame Weise zu vermitteln. In Kreisen der Universellen Weißen Bruderschaft heißt es sogar, dass Papst Johannes XXIII. (1881-1963) Petar Danow »den größten auf Erden lebenden Philosophen« nannte.

Ziele der Universellen Weißen Bruderschaft

Für die von ihm gegründete Bruderschaft synthetisierte Danow Ideen und Philosophien anderer religiöser Weisheitssysteme zu einem neuen Weltbild. Die Gemeinschaft seiner Anhänger lernten aus Danows Vorträgen, Gebeten und Liedern aber insbesondere die esoterischen Lehren aus der jüdisch-christlichen Tradition, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen mit den Schulen der Rosenkreuzer und der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Es ging Danow aber auch darum die Kreativität seiner Schüler zu fördern. Alle Menschen galten ihm von Natur aus als Künstler. Weniger aber versuchte er direkt ein Kunstschaffen zu vermitteln, als seinen Anhängern beizubringen dass Kunst etwas sei, das allein vom Göttlichen her stamme und auch durch Gotteserfahrung direkt dem Menschen zur Verfügung stehe.

Jeder sei vollkommen ausgestattet mit der Fähigkeit zu erschaffen. Davon war Danow fest überzeugt. Was manchen jedoch fehlte, war seiner Meinung nach der Zugang zu diesem Bereich des Seins. Danow wollte seinen Schülern darum durch sein Wirken behilflich sein, durch seine inspirierenden Reden und seine Musik, diesen inneren Teil in ihnen anzuregen, so dass ihn aber jeder durch sein eigenes Wirken entfalten konnte.

Solche inneren Prozesse anzuregen, sollte der Schüler erreichen, durch eine besondere Ernährung, durch Atemübungen, Meditation und bestimmte Gebete.

Er wollte dass die Mitglieder der Bruderschaft erkannten, dass es nicht allein helfe sich nur um sein eigenes Leben zu kümmern. Vielmehr wollte Danow mit seiner Bewegung erreichen, dass sich die Menschen, als Kinder eines einzigen Schöpfers zusammentun, um damit die Probleme der Menschheit zu lösen.

Zugegebenermaßen mögen solch erhabene Ziele dem einen oder anderen recht romantisierend, ja gar sentimental erscheinen. Eigentlich aber ist es doch genau das, was die gegenwärtige Zivilisation unseres Planeten so nötig hat.

Herr, unser Gott, unser freundlicher himmlischer Vater,
Der uns ein Leben schenkte und Gesundheit,
Um in Dir zu frohlocken, drum beten wir zu Dir.

Sende uns Deinen Geist,
Bewahre und beschütze uns vor dem Bösen
Und vor trügerischen Gedanken.

Lehre uns Deinem Willen nach zu handeln,
Deinen Namen heilig zu halten
Und Dich immer zu ehren.

Segne unseren Seelen,
Erleuchte unsere Herzen und unseren Geist,
Auf dass wir Deine Gebote und Regeln einhalten.

Inspiriere in uns mit Deiner Gegenwart,
Deinen reinen Gedanken,
Und führe uns Dir mit Freuden zu dienen.

Unser Leben, dass wir Dir widmen,
Dem Guten für unsere Brüder und Nachbarn willen –
Wir preisen Dich Herr.

Hilf uns und unterstütze uns,
Damit wir wachsen in Wissen und Weisheit allseits,
Von Deinem Wort zu lernen und in Deiner Wahrheit zu verweilen.

Führe uns in allem was wir denken
Und in Deinem Namen tun,
Im siegreichen Heil Deines Reiches auf Erden bestehend.

Nähre unsere Seelen mit Deinem himmlischen Brot,
Und stärke uns mit Deiner Kraft,
So dass wir in unserem Leben vorankommen.

Wie Du uns all Deinen Segen verleihst,
So vermehre in uns Deine Liebe,
Um uns ein ewiges Gesetz zu bleiben.

Denn Dir ist das Königreich
Und die Macht und die Herrlichkeit
Für immer und in Ewigkeit.

Amen.

- Petar Danow, Gebet der Güte

Lichtsymbolik und Sonnengeheimnis

Herr des Lichts vollkommener Fülle und Güte,
Der über den mein Lehrer zu mir sprach,
Offenbare Dich mir wie es Dir gefällt.

Ich bin darauf vorbereitet Deinen Willen zu erfüllen,
Ohne zu zögern, entschlossen
Und ohne von Deinem Willen abzuweichen.

Ich will Dir Herr treu und ehrlich dienen,
Eben so wie Du auch treu und ehrlich bist,
Im Namen meines Lehrer, durch den Du zu mir sprachst.

Und lass mich, oh Herr, sein wie die kleinen Kinder Deines Königreichs –
Gehorsam, gewissenhaft, geduldig, fest und zufrieden in Deiner grenzenlosen Liebe,
Die sich aus Dir allen Schwachen und Müden offenbart,
Die den von Deinem Licht erfüllten Pfad suchen, worin Du weilst.

Ich bete zu Dir Herr,
Dass Du mich erleuchten mögest
Und sich Dein Geist nicht entferne
Von meiner Seele, von meinem Herzen, von meinem Geiste, von meinem Willen.

Lass mich, Herr, ein Überbringer Deines Wortes sein,
Ein Botschafter Deiner Wahrheit
Und ein Diener Deiner Rechtschaffenheit;
Möge Dein Geist in meiner Seele inkarnieren und lass mich frohlocken in der Gegenwart Deines Wortes, im Namen meines Lehrers, durch den Du der Welt bekannt wurdest.

Amen.

- Petar Danow, Lichtgebet

So wie auch in anderen esoterischen Traditionen, spielt in diesem Gebet Petar Danows, eine zentrale Rolle das Licht. Es ist das, womit die Welt zu sein begann – sowohl aus wissenschaftlicher wie auch aus religiöser Sicht. Die berühmten Zitate aus der biblischen Schöpfungsgeschichte und dem Johannes-Evangelium deuten das an:

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:3f

In ihm (im Wort Gottes, aus dem alles geworden ist) war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen.

- Johannes 1:4f

Besonders im hier erwähnten Zitat aus dem Johannes-Evangelium, ist das Licht im »Wort Gottes«, ist im »Logos«, dem Wort, das an dieser Stelle, im alt-griechischen Original des Evangeliums verwendet wird. Logos ist allerdings ein Wort mit einem ausgesprochen weiten Bedeutungsspielraum. Bei Johannes steht es aber für das Wort im Sinne einer Existenz des Lichts. Vielleicht aber zunächst weniger jenes Lichts das die Augen sehen, als einem Licht etwas kraftvoll Seiendem, das als Vorstufe aller sinnlich wahrnehmbaren Elemente auch in diesem Augenblick aus dem Verborgenen her wirkt.

und der Logos (das Wort) war bei Gott, und Gott war der Logos (das Wort).

- Johannes 1:1

Aus diesem Logos, aus diesem besonderen Wort, das vielleicht schon immer vorhanden war, als Synonym eines ordnenden, formgebenden Prinzips, entstand das Manifeste, wobei Licht eine Zwischenstufe bildet. Das Licht steht über der Finsternis der manifestierten Welt. Denn was wäre diese, würde kein Licht auf sie fallen: Sie bliebe unsichtbar und kein Leben könnte sich je daraus entfalten.

Auf unserem Planeten Erde aber ist dieses Licht im Zentralgestirn Sonne allgegenwärtig.

St. Michael

Wie uns die Lehren der modernen Theosophie und auch der Anthroposophie wissen lassen, manifestiert sich der solare Logos, das lichthafte Wort der Sonne, in der Erscheinung des Erzengels Michael – der Name jenes größten Erzengels dessen Name die Frage stellt »Wer ist wie Gott?«

Auch im Lebensbaum der Kabbala, wo die sechste Sefirah Tiphereth mit dem Gestirn Sonne assoziiert wird, daraus wirkt die Kraft des Erzengels Michael. Dieser Erzengel ist also ein Geist der in der Sonne lebte. Michael war auch der Engel der den Baum des Lebens bewachte und der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, da sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Von diesem Baum aber schnitt St. Michael einen Zweig und reichte ihn Seth, dem dritten Sohn Adams.

Nun schrieb später der Prophet Daniel über diesen Erzengel Michael:

Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelsfürst, der für dein Volk einsteht.

- Daniel 12:1

Wenn er hier sagt »Zu jener Zeit«, deutet er damit auf ein zukünftiges Ereignis hin. Da nämlich soll der Siegesengel und Beschützer der Menschheit in Erscheinung treten. Im Osten, wo die Sonne jeden Morgen aufsteigt, soll Michael seine himmlischen Heerscharen vor dem Thron Gottes versammeln und von dort aus kommen, um dereinst den Teufel und seine Dämonen vom Himmel zu stürzen (Offenbarung 12:7-9). Sie werden dann, von seinem überirdischen Licht geblendet in die Hölle stürzen.

In unserer heutigen Zeit aber scheint sich etwas zu bilden, worauf das hindeutet, was eben Johannes' Offenbarung prophezeit. Wir werden später erneut darauf zu sprechen kommen, wenn es um die »große Zeitenwende« geht, wo also die hohen Fürsten des Himmels in Erscheinung treten sollen.

Omraam Mikhaël Aïvanhov - ewigeweisheit.de

Omraam Mikhaël Aïvanhov (Bildquelle: Prosveta)

Omraam Mikhaël Aïvanhov

Im Jahr 1919 kam in den Kreis um Petar Danow der junge Mikhaël Aïvanhov (1900-1986). Schon als Teenager war der junge Mann ein begeisterter Leser spiritueller Literatur, begann schon sehr früh zu meditieren, machte besondere Atemübungen und fastete regelmäßig.

Später beschrieb Aïvanhov in seinem Buch »Die Neue Religion« ein Erlebnis, das er als Sechzehnjähriger hatte. Es war eine Erfahrung die alles veränderte und letztendlich sein spirituelles Erwachen bewirken sollte:

Die Sphärenmusik, die ich gehört habe, war der Gipfel all meiner Forschungen, all meiner Arbeiten, all meiner Übungen, bei denen ich aus meinem Körper ausgetreten bin. Sie ist seither in mir geblieben als Kriterium, als Muster, als Modell, ein Anhaltspunkt, um alles zu verstehen und alles einzuordnen.

- Aus »Die Neue Religion« von Omraam Mikhaël Aïvanhov

Doch die Zeit aus der Aïvanhov hier berichtet, verbrachte er in bitterer Armut. Auch als er sich der Bruderschaft Danows angeschlossen hatte, sollte sich daran zunächst nicht viel ändern. Immer aber widmete er sich dem Studium der okkulten Wissenschaften und nahm an den Meditationsübungen seines Meisters teil.

Als sein Meister Petar Danow, nach einer etwa einjährigen Exilhaft, im Jahr 1919 entlassen wurde und in den Kreis seiner Anhänger zurückkehrte, faszinierte ihn insbesondere der junge Aïvanhov. Der wurde sein wahrscheinlich ergebenster Schüler. Als Danow mit seiner Bruderschaft später in die bulgarische Hauptstadt Sophia umzog, folgte ihm Aïvanhov nach.

Durch seinen Meister angeregt schrieb sich Aïvanhov dann an der Universität von Sophia ein, um dort zwischen 1923 und 1931 Naturwissenschaften zu studieren. In dieser Zeit besuchte er auch Kurse in Philosophie und Psychologie. Ab 1932 arbeitete Aïvanhov als Lehrer an einer Schule, von der er später auch Direktor wurde.

Der französische Zweig der Weißen Bruderschaft

Als kurz vor dem Zweiten Weltkriegs unruhige Zeiten aufdämmerten, beauftrage Petar Danow den damals 37-jährigen Aïvanhov damit, einen Zweig seiner okkulten Schule in Frankreich zu gründen, wo er die Lehren der bulgarischen Bruderschaft bekanntmachen sollte.

1937 reiste Mikhaël Aïvanhov mit einem einfachen Touristenvisum nach Paris, wo er Kontakt aufnahm zu Menschen, die mit der Universellen Weißen Bruderschaft sympathisierten. Unter ihnen befand sich Stella Bellemin, eine Frau in ihren Fünfzigern, die eine der treuesten Schülerinnen Aïvanhovs werden sollte. Sie hatte Bulgarien bereist, wo sie auch Petar Danow begegnet war. Mit ihrer Hilfe perfektionierte Aïvanhov sein Französisch und begann schon im Jahr darauf erste Vorlesung an der Sarbonne in Paris zu halten. In dieser Zeit schlossen sich ihm immer mehr Menschen an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Aïvanhovs Bruderschaft ein Haus in einem Vorort von Paris, in Sèvres. Nachdem dort notwendige Renovierungsarbeiten abgeschlossen waren, gründeten er und seine Anhänger Ende 1947 einen Verein mit dem Titel »Fraternité blanche universelle« (deutsch: »Universelle Weiße Bruderschaft«) die dann Anfang 1948 offiziell in das französische Vereinsregister eingetragen wurde. 1953 dann entstand ein weiteres internationales Zentrum der Bruderschaft in der Nähe des südfranzösischen Fréjus, dem sie den Namen gaben »Le Bonfin«.

Begegnungen mit einem indischen Guru

Aïvanhovs reiste 1959 nach Indien und traf dort den Hindu-Guru Neem Karoli Baba (1900-1973) – den seine Schüler »Babaji« nannten, »Verehrter Vater«. Dieser Babaji war ein Meister des Bhakti-Yoga, einem spiritueller Weg im Hinduismus, der sich der Entwicklung liebender Hingabe an Gott widmet. Neem Karoli Baba war auch der Lehrer des amerikanischen Gurus Ram Dass.

Von diesem Guru Neem Karoli Baba auf jeden Fall, erhielt Aïvanhov den Titel »Omraam«, ein Name der sich zusammensetzt aus zwei Sanskrit-Mantras: Om und Ram. »Om« natürlich ist das heiligste Mantra der Hindus, dass für das absolut Göttliche steht. Die Silbe »Ram« steht für das heilige Feuerelement.

Wie es zu dieser Namensgebung kam, versuchte Aïvanhov seinen Schüler durch folgende Allegorie zu veranschaulichen: »Omraam« entsprach dem alchemistischen »solve et coagula« (deutsch: »löse und binde«), wo das »Om« als »solve« alle Dinge auflöst und dabei verfeinert, um sie im »Ram«, dem »coagula«, neu zu materialisieren, wo eine gewonnene Vorstellung quasi zu einer konkreten Tatsache »gerinnt«. Sein neuer Titel stand damit natürlich für das, was er seinen Schülern durch seine Arbeit geben wollte: Hilfe bei der allegorischen Transmutation, bei der Verwandlung ihres bisherigen, in ein höheres, edleres Dasein.

Vor seiner Reise nach Indien hatte sich Aïvanhov, den seine Anhänger »Bruder Michael« nannten, bis dahin immer geweigert, dass man ihn als »Meister« ansprach. Schließlich sah er sich mit ihnen, als Mitschüler seines Lehrers Petar Danow. Doch nach seiner Reise nach Indien und seiner dortigen Begegnung mit dem Guru Babaji, sollte sich jetzt alles ändern.

Was einen Guru ausmacht

Ein Mensch den andere als ihren spirituellen Meister oder Guru bezeichnen, ist jemand der über seine Handlungen, seine Gefühle und über seine Gedanken vollkommene Kontrolle erlangt hat. Meister zu sein bedeutet darum zuerst Meisterschaft über sich selbst zu erlangen. Wer das erreicht und die wesentlichen Probleme des Lebens im Griff hat, der ist frei, besitzt einen äußerst starken Willen und ist jemand der gleichzeitig erfüllt ist von Milde, Liebe und Freundlichkeit.

Es bedeutet wirklichen Aufwand und bedarf beharrlicher Ausdauer, um Meisterschaft über das Selbst zu erlangen. Wem das jedoch gelingt, der ist jemand, der alle Widersprüche in sich aufgelöst hat und bei dem all sein Handeln, Fühlen und Denken mit seiner Lebensphilosophie in Einklang sind. Das macht ihn zum lebendigen Beispiel für das was er anderen mitteilen möchte.

Den Zustand eines sanften und gleichzeitig entschlossenen Bewusstseins zu erreichen, dafür übte einer, den andere dann einen Guru nennen, diszipliniert unter Anwendung besonderer Methoden. Aber auch ein Wissen über die grobstoffliche und feinstoffliche Konstitution des Menschen ist hierbei von Nöten, sowie ihre Wechselwirkung mit den Reichen der Natur und den höheren esoterischen Zusammenhägen im Kosmos.

Wem gelingt, so einer zu werden, der wird eine Quelle der Weisheit und des Lebens, die auf andere Menschen einen Magnetismus ausübt, ohne dabei selbst aktiv auf sie zugehen zu müssen. Man erkennt einen spirituellen Meister deshalb daran, dass er umgeben ist von Jüngern.

So kam es, dass auch Aïvanhovs Jünger wünschten, ihm nach 22 Jahren, in ihrer Anrede gebührenden Respekt zu zollen. Schließlich akzeptierte er als ihr Meister angesprochen zu werden. Seine Begabung mit seinen Schülern eine brüderliche Beziehung zu führen aber änderte sich nie.

Der Melchisedek-Orden

Aïvanhov lud jeden seiner Schüler dazu ein, einen noch größeren Meister wiederzufinden: Melchisedek – König von Salem, Meister aller Meister. Seinem Orden gehörten der Prophet Abraham, später König David und schließlich auch Jesus Christus an. Sie alle nämlich hatten in sich die Prinzipien des Sonnenlogos verwirklicht. Von diesem Orden beziehungsweise einer »Ordnung« des Melchisedeks kündet die Bibel:

Du ist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.

- Psalm 110:4

Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

- Hebräer 5:6

Dieser Melchisedek wird auch »König der Gerechtigkeit« und »Priester des höchsten Gottes« genannt, wobei der Zusatz »Salem« in seinem Namen, aus ihm auch einen Friedensfürsten macht, einer Eigenschaft die der biblische König Salomon nach ihm verwirklichen sollte, als Erbauer des ersten Tempels auf dem Zionsberg in Jerusalem.

Die gnostische Schrift Pistis Sophia nennt Melchisedek den großen Empfänger des Lichts, der die Seelen in ihrem Aufstieg besiegelt und sie, so wörtlich, »zum Lichtschatze« führt. Dieser Priesterkönig Melchisedek ist der Anführer der Paralemptoren, der Empfänger des göttlichen Lichts. Als solcher aber ist er auch der, der die großen Eingeweihten leitete, wie etwa den Hermes Trismegistos, den Orpheus, den Propheten Moses, Zarathustra, König Salomon und Jesus den Christus. Sie alle hatten nur ein wahres Bedürfnis: im Licht Gottes zu handeln, von ihm erfüllt für das Licht Gottes zu arbeiten, damit es sich in der Welt und in jedem Menschen manifestiere.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

- Johannes 8:12

Yoga des Lichts

Aus diesen und anderen Geheimlehren hatte Aïvanhov seine universelle Lichtmetaphorik entwickelt, auf deren Grundlage er die Mitglieder seiner Gemeinschaft in einen Yoga der Sonne initiierte: den Surya-Yoga. Er leitete sie an, zwischen den Frühlings- und Herbstäquinoktien, immer während des Sonnenaufgangs zu meditieren. Dieses morgendliche Ereignis nämlich bildet jeden Tag eine Zeit, wo sich das Sein des Menschen wieder aufbaut, wo die Sonnenstrahlen dazu beitragen den Meditierenden zu verwandeln und zu erneuern.

In dieser Meditation konzentriert der Praktizierende seine Gedanken auf die Sonne, was die Verbindung zu seinem Geist stärkt. Jeder Mensch nämlich trägt auch in sich ein solares Zentrum, so dass sich der Meditierende damit verbinden kann, wenn er auf die Sonne als Zentrum unseres Planetensystems meditiert. Auf diese Weise stellt der Praktizierende eine Verbindung her zu seinem höheren Selbst.

Ein Symbol für den Sieg über das Niedere Selbst

In seinem Buch »Die Früchte des Lebensbaums« beschreibt Omraam Mikhaël Aïvanhov die besondere Rolle des Erzengels Michael für unsere Erde und alles was auf ihr lebt. Dieser Engel ist die Wesenheit, die die Erde durch ihren himmlischen Geist reinigt. Das heißt, im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte, bis heute, überschwemmten dämonische Kräfte unseren Planeten. In ihrer zerstörerischen Gesamtheit fügten sie sich zu dem zusammen, was Aïvanhov als den allegorischen Drachen beschrieb, der auf Erden sein Unwesen treibt und den dereinst St. Michael stürzen soll.

Wie obiges Zitat aus dem Buch Daniel andeutete, bleibt das in unserer Zeit aber ein zukünftiges Ereignis. Gegenwärtig drängt das Finstere der Welt, das Lichtvolle immer weiter zurück. Es gab aber immer Menschen die im Kampf gegen das Finstere all ihre Kräfte aufboten, um das was im biblischen Kontext das Symbol des Drachen widerspiegelt, zu überwinden. Keinem von ihnen aber gelang bisher, diesen üblen Egregor, diesen dämonischen Gruppengeist zu stürzen. Er nämlich giert nach allem das Furcht einflösst, labt sich am Hass und der Verwirrung aller Menschen, was sich zu eben jenem Geist verdichtete, dessen Seelengefährt jener siebenköpfige Drache aus der Offenbarung des Johannes sein wird.

Und ich sah ein anderes Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner gleichwie ein Lamm und redete wie ein Drache.

- Offenbarung 13:11

Erzengel Michael - ewigeweisheit.de

Der Erzengel Michael dargestellt auf einer byzantinischen Ikone eines unbekannten Meisters (um 1390).

Auf dem Weg in ein neues Goldenes Zeitalter

In dieser Symbolik kommt auch zum Vorschein das, was im Hinduismus als unsere Gegenwart im Eisernen Zeitalter beschrieben wird: das Kali-Yuga – das Zeitalter des Streites und des Niedergangs, mit dem ein großer Zyklus enden wird. Am Ende des Kali-Yuga aber soll auf Erden erscheinen, entsprechend dem Erzengel Michael der abrahamitischen Tradition, der zukünftige Buddha Maitreya oder der Kalki-Avatar der Hindus. Sie alle scheinen die selben Prinzipien zu verkörpern eines göttlichen Erretters, der das Böse der Finsternis vernichten und ein neues Goldenes Zeitalter einleiten wird.

So verkörpern der Avatar Kalki, wie auch der Erzengel Michael, ein Prinzip der Hoffnung und der Zuversicht, dass das Licht über die Finsternis in der Welt dereinst obsiege.

Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satanas heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

- Offenbarung 12:7

Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. Und er war angetan mit einem Gewand, das mit Blut getränkt war [...]

- Offenbarung 19:11ff

Und so wie die Offenbarung Johanni jenen Erretter als auf einem weißen Pfern reitend das Böse vernichten wird, so wird auch in einer heiligen Schrift der Hindus, den Bhagavatapuranas, das Erscheinen des Kalki Avatars beschrieben:

Im Dorfe Shambhala wird der Gott Kalki erscheinen in der Heimat der großen Seele, der gerühmten Herrlichkeit des Gottes Vishnu. Sein schnelles weißes Pferd Devadatta besteigend, wird der Herr des Universums, mit Schwerte ausgestattet, mit überirdischen Fähigkeiten und acht Siddhis (übernatürlichen Kräften), die Verkommenen unterwerfen. Geschwind auf seinem Pferd über die Erde laufend, wird er mit unübertroffener Herrlichkeit die als Könige verkleideten Diebe niedermetzeln.

- Bhagavatapurana 12:2:18ff

Es ist also nur der Name, der in den Kulturen in West und Ost verschieden ist. Die Himmelsgesandten aber übernehmen immer die selbe Rolle. Mal auch als Maitreya oder Imam Mahdi. Das Wesen aber, der zuvor beschriebene Egregor, der in sich alles Leid konzentriert, ja eigentlich die Essenz alles Abscheulichen ist, den nennen die Geheimlehren den Grund für alles Übel auf Erden.

Nur jener himmlische, göttliche Avatara, jener auf Erden erscheinende Abgesandte Vishnus oder Gottes, kann dieses Monster stürzen und dabei die wegen ihm bestehenden Probleme der Menschen beenden und endlich auflösen. Wenn die Zeit dafür reif ist, wird er auf unserem Planeten erscheinen, den Drachen Satan stürzen, damit schließlich in unserer Welt ein neues irdisches Paradies erblühe. Das ist eine religiöse Hoffnung von der alle spirituellen Traditionen künden.

Dann werden St. Michaels Heerscharen die Gebete der Menschen beantworten, die sie seit Jahrhunderten an den Herrn der Welten richteten. Aus diesem Grund legte Aïvanhov seinen Anhängern nahe, solle man sich eben diesem Erzengel Michael zuwenden, sich mit ihm verbinden.

Wer so tut, der solle ihn um Schutz bitten, damit sich jeder Einzelne in diesem Sinne mit seinen Gefährten auf diesem Weg verbinde, einem Weg auf dem St. Michael dereinst mit seinem Licht, die Kräfte der Finsternis zerstreuen wird. So steht es geschrieben im Buch der Offenbarung.

Lohnt es sich deshalb nicht, einen Teil von unserem eigenen Licht, diesem erhabenen Ansinnen zuströmen zu lassen?

Willst Du leben, wahrhaftig leben? Gib Deinem höheren Selbst die Mittel, um über Dein niederes Selbst zu obsiegen.
Aus Perspektive der Einweihungslehren finden Gedanken, Gefühle und Machenschaften, die das höhere Selbst nicht begeistern, einfach nur den Tod, da sie von der Seele und dem höheren Geist nicht berührt wurden.

Dennoch solltest Du nicht versuchen Dein niederes Gemüt zu zerstören. Denn einerseits wirst Du damit erfolglos bleiben – denn Du selbst wirst zerstört, denn es ist ja sehr mächtig, da es ein Teil von Dir ist.
Drum sollte Dein Ziel sein es beherrschen zu lernen, es gefügsam zu machen, damit Dir seine eigentliche Lebendigkeit und Fülle zugutekomme.

Das hier Beschriebene wurde auch in der Offenbarung des Johannes veranschaulicht, wo Erzengel Michael den Drachen niederstreckt. Der Erzengel aber tötet den Drachen nicht; er überwältigt ihn.
Auf diese Weise sollen auch die Schüler den Drachen ihres niederen Selbst überwältigen. Das Symbol des Drachen zu durchschauen, schwächt ihn bereits (und entsprechend das niedere Selbst). Meditiere über dieses Bild und Du wirst vom Tod ins Leben schreiten, aus der Finsternis ins Licht, aus den Begrenzungen in die Grenzenlosigkeit, aus der Sklaverei in die Freiheit, aus dem Chaos in die Harmonie.

- Meditation nach Omraam Mikhaël Aïvanhov

Sein, Entwerden und Werden

Wie andere vor ihnen, versuchten Omraam Mikhaël Aïvanhov und Petar Danow den Menschen in ihrem Umfeld, ein Bewusstsein für den Kern ihres wahren Seins zu vermitteln. Wichtigstes Sinnbild für dieses Bewusstsein war immer das Licht, wie es der Erzengel Michael als Logos der Sonne verkörpert oder das Gestirn selbst, wo die Sonne doch schließlich die Quelle allen Lebens auf Erden ist. Denn durch ihre Wärme und ihr Licht entstanden all die unzähligen Lebensformen auf unserem Planeten.

Auf seinem Einweihungsweg muss der spirituell Suchende sich als Ziel setzen die Sonne zu erreichen, das heißt, er muss sich der mit ihr zusammenhängenden Symbolik nähern und nach dem Kern ihres Wesens streben. Die Sonne wird symbolisch zu seiner höchsten Gottheit, da er durch sie zu neuem Leben gelangt. Auf dem Sonnenwagen fahrend begibt er sich als Initiant, auf diese Weise zur Unsterblichkeit.

Wer diesen Sonnenwagen aber besteigen will, wird lernen müssen in seinem gegenwärtigen Leben zu sterben. Denn wie es die Alten sahen, versank ja auch die Sonne bei Sonnenuntergang ins Reich der Toten, in die Finsternis der Unterwelt. Wer sich darum mit einem solaren Bewusstsein durchs Leben bewegen möchte, sollte sich vertraut machen mit diesem Sein, Entwerden und Werden, dem ewigen Wechsel von solve et coagula, vom Lösen des Alten und neuer Zusammenfügung, von Loslassen und neu inspiriertem Handeln. All das zeigt ihm die Sonne Tag für Tag, in ihrem Gehen und ihrer Wiederkehr, als Licht der Welt.

 

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Wege zu einer modernen Kabbala

von Johan von Kirschner

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienten als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzen muss, sozusagen also die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

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Ischvara: Die Göttliche Persönlichkeit

Ischvara: Die Göttliche Persönlichkeit

Der Sanskritt-Begriff des Ischvara besitzt mehrere Bedeutungen, die im Hinduismus, je nach Zeitepoche für verschiedene Dinge stand. Immer aber war Ischvara der Name für eine Sache edelster Vollkommenheit und damit mal die Bezeichnung für den Obersten Gott, einen Gottkönig, aber gleichzeitig auch das Edelste im menschlichen Dasein, das was man einen persönlichen Gott nennen könnte.

Im klassischen Yoga des Patanjali steht Ischvara für eine spirituelle Inspiration, die jemand direkt und für sich von Gott empfängt. Damit ist die geistige Kraft des Absoluten gemeint, durch die das Selbst des Menschen mit Gott und allen anderen Selbsten verbunden ist. In Patanjalis Yogasutras taucht der Begriff Ischvara in elf Versen auf, worin er, könnte man sagen, aus verschiedenen Perspektiven seine Bedeutung hergeleitet (in den Kapiteln I und II). 

Seiner Herkunft nach setzt sich das Wort Ischvara zusammen aus "ish", was auf eine übergeordnete, herrschende und vollkommene Eigenschaft hindeutet, während der zweite Teil des Namens, "vara", für das Gesegnete steht, etwas dass man allem anderen vorzieht, etwa wegen seiner Schönheit und dem Sehnen danach für was es steht.

Alte Sanskrit-Texte bezeichnen Ischvara mit Wörtern wie "Gott vollkommener Weisheit", "Höchstes Wesen" oder "Höchste Seele". Es ist sozusagen ein spiritueller Hoheitstitel, der den Veden aber noch nicht bekannt war. Gelehrte des Hinduismus versuchten den Begriff also verschieden zu deuten.

Manchmal ist, wie etwa bei Patanjali, bei der Definition des Wortes Ischvara auch ein "persönlicher Gott" oder ein "spezielles Selbst" des Menschen gemeint, womit all das bezeichnet wird, was für ein Individuum eine spirituelle Bedeutung hat.

Rudolf Steiners Vision

Rudolf Steiners Vision

Im Jahr 1899 veröffentlichte Rudolf Steiner in einem Magazin für Literatur einen Artikel mit dem Titel »Goethes geheime Offenbarung«. Hierin ging er ein auf die esoterische Bedeutung von Goethes »Mährchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie«. Wegen seiner Auslegung dieses recht außergewöhnlichen Kunstmärchens erhielt er eine Einladung des Theosophen und späteren Anthroposophen Cay Lorenz Graf von Brockdorff.

Rudolf Steiner mit Annie Besant - ewigeweisheit.de

Rudolf Steiner mit Annie Besant im Jahr 1907, während der Münchener Konferenz der Theosophischen Gesellschaft Adyar.

Im Hause seines Gastgebers sollte er vor einer Versammlung von Theosophen einen Vortrag zum Thema Friedrich Nietzsche halten.

In Folge dieser Veranstaltung durfte er sich über weitere Einladungen freuen, in denen er, wenn man so will, seine ersten »Esoterischen Vorlesungen« hielt, die sich, wiederum auf einer okkulten Ebene, mit dem gerade erwähntem Märchen Goethes befassten. Trotz das Rudolf Steiner bis dahin der Theosophischen Gesellschaft eher ablehnend gegenübergestanden hatte, hielt er seit dieser Zeit wiederholt vor ihren Mitglieder Vorträge. Dieser Kreis von Zuhörern sollte sogar sein wichtigstes Publikum werden. Mit dieser Vortragstätigkeit konnte er sogar einen Lebensunterhalt bestreiten.

Schließlich wählte man Rudolf Steiner 1902 zum Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar. In den kommenden Jahren wuchs die Deutsche Sektion ganz rapide an, was die Gesellschaft der Vortragstätigkeit Steiners zu verdanken hatte. Gemeinsam mit seiner Frau Marie von Sievers-Steiner gründete er in Berlin dann das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft, einem Ort der zum wichtigsten Zentrum der Theosophie im damaligen Deutschen Reich werden sollte.

Ab 1904 ernannte die englische Theosophin Annie Besant (1847-1933) Rudolf Steiner zum Vorsitzenden der Esoterischen Schule der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und Österreich. Steiner jedoch bestand darauf in seiner Arbeit und dem Wirken der Schule, sich insbesondere auf eine westliche Spiritualität zu konzentrieren.

1907 verstarb der ehemalige Gründer und damalige Präsident der Theosophischen Gesellschaft Adyar, Henry Steel Olcott. Ihm sollte dann Annie Besant in ihrer Rolle als neue internationale Präsidentin der Gesellschaft folgen. Nachdem sie aber noch im selben Jahr am internationalen Kongress der Theosophischen Gesellschaft in München teilnahm, die Rudolf Steiner mit seiner Frau veranstaltet hatten, kam es allmählich zu Differenzen zwischen Steiner und Besant. Dafür gab es einige Gründe. Einer dafür war die von Steiners Frau Marie für die Konferenz choreografierte Inszenierung und Aufführung eines modernen Mysteriendramas nach Eduard Schuré. Diese Neuorientierung störte viele der Teilnehmer.

Ein großer Teil der alten Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft aus England, Frankreich, namentlich aus Holland waren innerlich unzufrieden mit den Erneuerungen, die ihnen mit dem Münchner Kongress gebracht worden sind. — Was gut gewesen wäre, zu verstehen, was aber damals von den wenigsten ins Auge gefasst wurde, war, dass mit der anthroposophischen Strömung etwas von einer ganz andern inneren Haltung gegeben war, als sie die bisherige Theosophische Gesellschaft hatte. In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund, warum die anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der theosophischen weiterbestehen konnte. Die meisten legten aber den Hauptwert auf die Absurditäten, die im Laufe der Zeit in der Theosophischen Gesellschaft sich herausgebildet haben und die zu endlosen Zänkereien geführt haben.

- Rudolf Steiner in seiner Autobiografie »Mein Lebensgang«, über den Kongress der Theosophischen Gesellschaft 1907 in München

Unabhängig von diesen Meinungsverschiedenheiten aber weitete sich Rudolf Steiners Popularität in Kreisen der Theosophen immer weiter aus, was bald weit über die Grenzen Deutschlands reichte. Annie Besant schien das weniger zu gefallen. Bangte sie womöglich um ihre Position als Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft?

Die damals entstandenen Zänkereien in der Theosophischen Gesellschaft ließen auf jeden Fall nicht nach. Insbesondere als der junge, jedoch außergewöhnliche Inder Jiddu Krishnamurti unverschuldet in die Kampfzone zwischen Steiner und Besant geriet, schien das Fass endgültig überzulaufen. Gemeinsam mit ihrem Vertrauten, dem Okkultisten und Theosophen Charles Webster Leadbeater (1854-1934) – einer recht umstrittenen Figur in der Geschichte der Gesellschaft –, schrieben sie Krishnamurti eine messianische Erscheinung zu und wollten in ihm gar die Inkarnation des Maitreya oder den Nachfolger Jesu Christi erkannt haben. Rudolf Steiner und ein Großteil der deutschsprachigen Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft empörten sich über diese Entwicklung in Adyar. Er und andere kehrten von da ab der Theosophischen Gesellschaft Adyar den Rücken. Es soll dabei aber nicht unbemerkt bleiben, dass Besants Ernennung Krishnamurtis als neuen Weltlehrer, auch die Gemüter vieler anderer Theosophen erhitzte. Später sollte Krishnamurti den um ihn gegründeten Sternorden (eigentlich »Order of the Star in the East«) selbst auflösen, was die Theosophische Gesellschaft Adyar in eine weitere Krise stürzte.

Im weiteren Verlauf kam es schließlich zur Loslösung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft. 800 Steiner-Anhänger trafen sich im August 1911, um über eine eigene Gesellschaft zu beraten, worauf man ab Dezember des selben Jahren eine Trennung von Adyar in Erwägung zog. Nach weiteren, teils absurden Streitereien um den kommenden Weltlehrer, schloss Annie Besant die Anhänger Rudolf Steiners im März 1913 aus der Theosophischen Gesellschaft Adyar aus. Damit war die faktische Trennung vollzogen, worauf sich die Deutsche Theosophische Gesellschaft umbenannte in Anthroposophische Gesellschaft.

Die Christus-Thematik in Steiners Werk

Auch wenn man das Wort Anthroposophie heute noch mit Rudolf Steiner assoziiert, begann diese Richtung der Geisteswissenschaften keineswegs erst mit ihm. Bereits in der frühen Neuzeit stand das Wort Anthroposophie für die Erkenntnisfähigkeit der menschlichen Natur. Man fasste den Begriff als eine Fähigkeit des Menschen auf, der in sich, in einem mystischen Vorgang, zu Gott und Welt durch geistige Einsicht fand.

Steiner verwendete den Begriff 1902 in einer Vortragsserie mit dem Titel: »Von Zarathustra bis Nietzsche – Entwicklungsgeschichte der Menschheit anhand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie«. Die Bezeichnung Anthroposophie als eine erweiterte Sinneslehre, benutzte Steiner erst 1909.

Besonders an Steiners Anthroposophie, ist seine Konzentration auf die christliche Mystik und das Rosenkreuzertum. Nicht ohne Grund kam es durch Rudolf Steiner während der Abspaltung von Adyar, zur Gründung eines Bundes zur Pflege rosenkreuzerischer Geisteswissenschaft, wo eine Christus-Symbolik im Zentrum stand.

Jiddu Krishnamurti - ewigeweisheit.de

Der junge Jiddu Krishnamurti (1895-1986): Der später durch die Theosophin Annie Besant ausgerufene »Neue Weltlehrer und Nachfolger Christi«.

Ein esoterisches Christentum

Wie bereits erwähnt war der junge Steiner durchaus als Freigeist hervorgetreten, der sich in seinen Arbeiten auch nicht scheute auf solch skandalumwobene Philosophen wie Friedrich Nietzsche einzugehen. Wohl von Nietzsches Buch »Der Antichrist« inspiriert, erschien ihm das zeitgenössische Christentum einfach nur als pathologisch veränderte Religion. Damit meinte er insbesondere die kirchlichen Dogmen der katholischen Scholastiker, die das Christentum auf wissenschaftliche Weise analysierten und in ebenso grotesker Weise zu erklären versuchten.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert aber vollzog Steiner einen radikalen Wandel. Seine ursprüngliche Ablehnung schien sich vollkommen zu verkehren. Von da an fand er in den Lehren des Christus Jesus eine universale Mystik, die sogar zum zentralen Thema seiner zukünftigen Arbeit werden sollte. Für ihn war das Auftreten dieses Messias mit einem grundsätzlichen Wandel für die gesamte Menschheit verbunden. Mit dem Erscheinen Christi auf Erden begann für Steiner eine universale Evolution des Geistes. Für ihn war Christus außerdem bereits in einem geistigen Kraftfeld anwesend, bevor er sich auf Erden verkörperte als Jesus von Nazareth.

In einem Vortrag Steiners über Christus, aus dem Jahr 1909, kam er zu sprechen auf die Hohepriester in Atlantischer Zeit. Sie kündeten angeblich von einem solaren Geist, der sich einst als der Christus auf Erden verkörpern sollte. Steiner setzte ihn in die Linie der großen in der Welt erschienenen Sonneneingeweihten, worauf zuvor auch der persische Zarathustra oder der alt-ägyptischen Hermes (Trismegistos) erschienen.

Aber auch schon in unserer jetzigen Menschheitszivilisation (Nachatlantische Menschheit) sprach man schon lange vor seinem Erscheinen, vom kommenden Christus, was jedoch nur jene wissen konnten, die die Fähigkeit der »geistigen Sicht« bereits entwickelt hatten. So zumindest versuchte es Rudolf Steiner zu erklären. Jene aber wussten schon immer dass Christus dereinst der große Weltlehrer sein werde.

Drüben geschah es nun weltgeschichtlich, dass jenes hohe Sonnenwesen, das man nachher als den Christus bezeichnete, die Sonne verließ. Das war eine Art Sterben für den Christus. Christus ging fort von der Sonne, wie wir Menschen im Sterben fortgehen von der Erde. Also Christus ging fort von der Sonne, wie ein Mensch, der stirbt, fortgeht von der Erde. Und wie bei einem Menschen, der stirbt, indem er von der Erde fortgeht, für den okkulten Beschauer der ätherische Leib schaubar ist, den er nach drei Tagen ablegt und er den physischen Leib zurücklässt, so ließ Christus in der Sonne zurück dasjenige, was Sie in meiner »Theosophie« beschrieben finden am Menschen als den Geistesmenschen, als das siebente Glied der menschlichen Wesenheit.

- Aus Rudolf Steiners Vortragsreihe »Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge«

Das traf auf alle Kulturepochen zu: von der urindischen Kultur bis in die Wende zur griechisch-lateinischen Zeit. Immer schon ahnten die Weisen dass der Christus aus der Sonnensphäre herabsteigen würde, um sich auf Erden zu verkörpern.

Eigen in Rudolf Steiners Christus-Lehre aber ist, dass er über ihn als Geistesmenschen schrieb, der von der Sonne auf die Erde kam. In der solaren Sphäre starb er, um auf der terrestrischen Sphäre unseres Planeten geboren zu werden. Dabei gingen sein »Ich« und sein »Geistselbst«, wie es Steiner nannte, in den irdischen Leib des Jesus von Nazareth ein, der dann auf Golgatha, der Menschheit geopfert, jenem solaren Urgeist verhelfen sollte sich über dem Erdball auszubreiten und dabei die Religion des Christentums quasi zu bewirken.

So also stand im Mittelpunkt des Erfahrens von Rudolf Steiner eine christliche Realität, die in seinem Leben, Wirken und Lehren eine zentrale Rolle einnehmen sollte. Insbesondere seine Arbeiten über die Mysterien der Rosenkreuzer, die teils eng mit dieser Christus-Realität verbunden sind, geben einen tieferen Aufschluss darüber, was einen wichtigen Beitrag zur europäischen Geisteskultur der Gegenwart liefern sollte.

Im Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Kritik

Ab dem Jahr 1911 wandte sich Steiner immer stärker den Künsten zu. Er pflegte Kontakte zu dem russischen Maler Wassily Kandinsky (1866-1944) oder auch zu dem deutschen Dichter Christian Morgenstern (1871-1914), der damals über ihn schrieb:

Die eigentliche, im höchsten Menschensinne schöpferische Tätigkeit Rudolf Steiners wird erst der Historiker enthüllen, der die Geschichte dieses erhabenen Lebens zu schreiben berufen sein wird. Dann wird mit Erstaunen wahrgenommen werden, was da in der Stille für den Menschen als solchen überhaupt geschieht und geschehen ist, und welchen unersetzlichen Rückhalt und Stützpunkt ihm die Lebensarbeit dieses Geistes gegeben hat. während das Jahrhundert noch immer weiter in die furchtbare Wüste des Materialismus hineineilt.

Besonders für den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) sollte Rudolf Steiner später einmal zum wichtigsten Impulsgeber werden. In seiner Arbeit zu den schönen Künsten, zur Dichtkunst und den Theaterwissenschaften, wies Steiner nämlich hin auf das was er als »Spirituelle Visionen« bezeichnete, etwas woraus der Künstler für sich immer wieder neue Inspirationen beziehen könne.

Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sich Steiner ganz und gar mit der praktischen Anwendung seiner spirituellen Arbeit der vergangenen Jahre. Er versuchte zu veranschaulichen, wie sich, aus seinen Erkenntnissen über das Wesen des Menschen, direkte Handlungsbezüge ableiten ließen. Daraus sollten sich sehr fruchtbare Beobachtungen ergeben, aus denen er verschiedene Konzepte entwarf, die dann zu dem wurden was sich aus einer praktischen Anthroposophie direkt für ein ganzheitliches Handeln ableiten lässt – sowohl für die Erziehungswissenschaften, für die landwirtschaftliche Praxis, doch sich ebenso im Feld der Medizin und der Therapie einsetzen lässt.

Auch seine Arbeiten zu einer organischen Architektur sollten für zukünftige Bauwerke eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Erste Ideen für einen solchen Bau im Umfeld der späteren Anthroposophischen Gesellschaft wurden bereits im Jahr 1907 entworfen. Zwischen 1908 und 1909 arbeitete der spätere Waldorflehrer Ernst August Karl Stockmeyer einen Vorentwurf aus, nach dem das Tagungsgebäude der Anthroposophischen Gesellschaft erbaut werden sollte: das Goetheanum – für Steiner sicherlich so etwas wie der »Bau des Neuen Tempels«. 1913 schließlich begannen im schweizerischen Dornach die Bauarbeiten. Doch noch bevor der Bau vollends abgeschlossen war, wurde das Goethenaum 1922 durch Brandstiftung zerstört. Wer dafür verantwortlich war konnte niemals geklärt werden. Dieses Unglück in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft kommentierte Rudolf Steiner 1923 in einem Vortrag wie folgt:

Gerade gelegentlich des schrecklichen Brandunglücks kam es wiederum zutage, welche abenteuerlichen Vorstellungen sich in der Welt knüpfen an alles das, was mit diesem Goetheanum in Dornach gemeint war, und was in ihm getrieben werden sollte. Es wird gesprochen von dem schrecklichsten Aberglauben, der dort verbreitet werden soll.

Schon zu seinen Lebzeiten hatte Steiner mit schwerwiegenden Anfeindungen zu tun. Diese Haltung mancher scheint auch bis heute, nicht nur aus Sicht eher wissenschaftlich orientierter Menschen, weiterhin zu bestehen. Was Steiner aber in den letzten Jahren seines Lebens an Feindseligkeit ertragen musste, war ganz und gar wider seine Absichten. Adolf Hitler etwa bezichtigte ihn ein Werkzeug der Juden zu sein. Daher vermuten heute manche dass der Brand des Goethenaums erste Nazigruppierungen gelegt hätten.

Dessen ungeachtet ließ sich Steiner durch seine Gegner nicht einschüchtern und versuchte sich auch nicht auf irgendwelche Schuldzuweisungen einzulassen, sondern betrachtete all das Vorgehen gegen ihn und seine Unterstützer als ein Resultat ihres gemeinsamen Karmas. Aus heutiger Sicht wirkt so eine Darstellung wohl recht sonderbar, versucht man sich jedoch die Vehemenz deutlich zu machen, mit der gegen Steiner und seine Anthroposophie vorgegangen wurde, verhielt er sich in dieser drastischen Situation wahrhaft erhaben, vielleicht auch eben genau deshalb, da er dazu fähig war die Situation auf spiritueller Ebene zu relativieren.

Gewiss könnte man Steiner nachsagen dass er ab einem gewissen Punkt in seinem Leben etwas zu verbissen gewesen war, in seinem Streben eine universale Lehre zu entwerfen. Schien ihm in der Tat doch daran gelegen zu sein, esoterische Erkenntnisse als Gesetze für alle Bereiche des Lebens formulieren zu wollen. Auch sein Wunsch und seine anscheinenden Fähigkeiten karmische Vorgänge in seinem und dem Leben anderer, sehen zu können, dürfte bei manchen nur ein Lächeln bemühen. Hermann Hesse schrieb einmal über Rudolf Steiner:

Anthroposophische, Steinersche Quellen habe ich nie benützt, sie sind für mich ungenießbar, die Welt und Literatur ist reich an echten, sauberen, guten und authentischen Quellen, es bedarf für den, der Mut und Geduld hat, selber zu suchen, der ‚okkulten‘ und dabei meist elend getrübten Quellen nicht. Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil.

Das zweite Goetheanum in Dornach.jpg - ewigeweisheit.de

Das zweite Goethenaum im schweizerischen Dornach (Foto: Wladyslaw; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Antworten auf die Menschheitsfragen der Gegenwart

Seit der Ereignisse im schweizerischen Dornach erhöhte Rudolf Steiner die Frequenz seines öffentlichen Auftretens. Er gab mehrmals täglich Ansprachen und hielt oft bis zu vier Vorträge am Tag. Meist widmete er seine Reden thematisch der Waldorfpädagogik. Doch auch andere praktische Anwendungen anthroposophischer Weisheiten waren Thema.

Schob ab dem Jahr 1919 warb Rudolf Steiner für die Dreigliederung eines »sozialen Organismus«, einem Leitbild für eine gesellschaftliche Ordnung und Weiterentwicklung. Ziel war ihm dabei eine Grundstruktur zu liefern, wo die Koordination der Vorgänge einer Gesellschaft nicht zentral von einer staatlichen Führung erfolgen sollte, sondern wo sich Geistesleben, Jura und Politik, wie auch die Wirtschaft, autonom selbst verwalten sollten. Hiermit versuchte er eine wirksame Alternative zu schaffen zu dem (auch heute noch bestehenden) vollkommen archaischen, zentral verwalteten System des Einheitsstaates. Er sah die Zukunft in einem von Menschen geschaffenen Organismus, wo Verantwortliche aus den drei eigenständigen Bereichen Wirtschaft, Recht und Politik, und Geistesleben, ohne übergeordnete Instanz zusammenarbeiten konnten. Er versuchte damit eine Parallele zu ziehen zum dreifältigen System Mensch.

Die Vermächtnisse eines Idealisten

Nach Rudolf Steiners Tod im Jahr 1925 breiteten sich seine Lehren und die Nachwirkungen seiner Vorträge und Vorstellungen weiter aus. Sicher wäre es nicht dazu gekommen, hätte Steiner seinen Kritikern von einst nachgegeben. In dieser Entschiedenheit lag wohl Steiners große Vorbildfunktion, die seine Verehrer anscheinend so sehr motivieren sollte, dass direkt nach seinem Tod der Neubau eines zweiten Goethenaums begann. Um die hundert Menschen wirkten an der Errichtung des neuen Bauwerkes mit. Doch es wurden noch mehr, die sich beim Bau einbringen wollten.

Durch diesen Enthusiasmus gefördert entstanden ab 1939 insgesamt sieben anthroposophische Schulen in Deutschland und weitere in der Schweiz, in England, in Ungarn, in Norwegen und in den Vereinigten Staaten. Zwar verboten die Nazis im Dritten Reich alle Anthroposophischen Schulen, doch bald nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie wieder eröffnet. Seit damals gewann auch die Waldorfpädagogik Steiners weiter an Bedeutung. Bis ins Jahr 2000 entstanden überall auf der Welt mehr als 700 Waldorfschulen.

Gedanken werden Dinge

Rudolf Steiner war ein Verfechter der Vorstellung, dass jeder menschliche Gedanke eine spirituelle Kraft sei. Der Grund dass das hier noch einmal hervorgehoben werden soll ist einfach: denn was einer heute denkt wird seine Realität von morgen. In jedem Gedanken liegt eine Triebkraft, durch die sogar auch die Weiterentwicklung der Gemeinschaft vorangetrieben werden kann. Steiner sah in dieser recht einfachen Feststellung eine Chance zur Fortsetzung seines Werks durch andere. Er wollte Menschen bei ihrer Befreiung helfen und sie damit letztendlich auch heilen. Dabei lag ihm viel daran zu betonen, wie wichtig Meditation und richtiges, kreatives Denken ist. Kreativität braucht Raum, damit sich darin Grundideen und Vorstellungen ausbreiten und auch künstlerisch entfalten können.

Zu Steiners Lebzeiten aber war es noch nicht wirklich möglich seine Herangehensweisen und Bestrebungen einem entsprechenden Publikum dauerhaft zu vermitteln. Es bestand eben noch nicht das dazu nötige Bewusstsein, dass sich anscheinend erst nach seinem Tod zu dem entfalten konnte, was es heute ist. Als er im Rahmen seiner neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft jedoch erste Schüler gewinnen konnte, sollten unter jenen dann doch auch manche den Weg zu einer praktischen Anwendung theosophischer Weisheit finden. Das gelang Steiner zuerst durch die Einführung der schönen Künste in die Praxis seiner modernen Anthroposophie. An sich aber blieb das eine Wissenschaft, die aus seinem Talent für die Beobachtung der Welt und des Menschen entstand. Diese Wissenschaft ging hervor aus der Erforschung vom inneren Wesen der Dinge – sowohl auf esoterischer Betrachtungen des Diesseits, wie auch des Jenseits: eine innere Erforschung der wahren Gründe für die Vorgänge im Menschen, auf der Erde und in der Ganzheit des gesamten Kosmos.

Rudolf Steiner legte die Wegmarken für eine ganzheitliche Arbeit am Menschen und an der Gesellschaft. Er schuf neue Möglichkeiten, sich in der Welt auf allen Ebenen der Existenz fortzubewegen und sich dabei gleichzeitig auf eine Weise zu entwickeln, die insbesondere dem Nutzen der Gemeinschaft zugute kommen sollte.

 

Der Anthroposophische Schulungsweg

Der Anthroposophische Schulungsweg

Durch ihren Praxis-Aspekt unterscheidet sich die Anthroposophie Rudolf Steiners von der Theosophie Helena P. Blavatskys. Zwar erforschen auch die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft Phänomene der geistigen und materiellen Welt, doch man verzichtete lange Zeit auf eine tatsächlich praktische Anwendung daraus gewonnener Erkenntnisse. Aber auch wenn die moderne Theosophie viele Jahre nur Geisteswissenschaft blieb, erfüllte auch das seinen Zweck.

Schließlich baute Rudolf Steiners Anthroposophie auf das auf, was sich über eine gewisse Zeit hinweg erst einmal zu dieser modernen Theosophie entwickeln musste. Dazu später mehr.

In seinem Werk versuchte er auf jeden Fall von solch höherem Wissen direkte Verwendungen abzuleiten. Und wie sich seiner Biografie entnehmen lässt gelang ihm das anscheinend auch in einem weiten Spektrum. Schließlich finden sich Ansätze der Anthroposophie Steiners sowohl in der Kunst, in der Erziehung des Menschen, aber auch in der Landwirtschaft, der Medizin und der Architektur, um einige Anwendungsgebiete genannt zu haben.

Aus Rudolf Steiners Bestreben theosophisches Wissen einem Nutzen zuzuführen, entstand auch seine reformierte Pädagogik. Hieraus gründeten sich die freien Waldorfschulen. Die Zentrale Zielsetzung in Steiners Waldorfpädagogik bestand darin einem Kind in seiner Entwicklung bis ins Erwachsenenalter, eine ganzheitliche Weltsicht zu vermitteln. In diesem Zusammenhang soll auch die anthroposophische Heilpädagogik erwähnt werden, wo eben der ganze Mensch betrachtet wird, mit all seinen Fähigkeiten, Problemen, seinem sozialen Umfeld und den ihm zur Verfügung stehenden, ins Leben mitgebrachten Hilfsmitteln. All das wird mit einbezogen bei der Bearbeitung und Lösung von Problemstellungen in der anthroposophischen Heilkunde. Aus dieser neuen Form des Heilens gründete Rudolf Steiner mit seiner damaligen Geliebten Ita Wegman 1920 in Dornach die Futuram AG, aus der später die Weleda AG hervorgehen sollte, einem internationalen Unternehmen das heute Naturkosmetik und anthroposophische Arzneimittel produziert.

Anders als in älteren Systemen, wie etwa der Magie oder Theurgie, versucht die praktische Anthroposophie allein durch indirekte, geistig-basierte Handlungsweisen Resultate zu erwirken. Es geht wie gesagt darum die Erkenntnisse höherer Wirklichkeiten in eine zweckmäßige Arbeit einfließen zu lassen. Aus der Existenz astraler Einflüsse (aus Gestirnen und Planeten) schlussfolgerte Rudolf Steiner auch, wie sich besondere, darauf bezogene Handlungsabläufe, im landwirtschaftlichen Jahr praktisch einsetzen ließen. Darnach sollte das entstehen was heute bekannt ist als biologisch-dynamische Landwirtschaft. Rudolf Steiner stellte 1924 seine Ideen dazu vor in einer besonderen Vortragsreihe. Darauf basierend gründeten anthroposophisch arbeitende Landwirte im Jahr 1927 die Verwertungsgesellschaft Demeter, deren Namen sich von der griechischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ableitet und eng verbunden ist mit den alt-griechischen Mysterien.

Als eine weitere Form der Verwendung spirituellen Wissens, entwickelte Rudolf Steiner, in Verbindung mit seiner zweiten Ehefrau, der Theosophin und Anthroposophin Marie von Sivers (1867-1948), was heute bekannt ist als »Eurythmie«. Es ist eine Bewegungskunstform, die wirksame Gesetzmäßigkeiten in Sprache und Musik miteinander in Beziehung bringt und durch menschliche Bewegung sichtbar machen will. Die aus der Eurythmie gewonnenen Erkenntnisse sollten später auch einen Teil der alternativen Heilkunde Rudolf Steiners bilden, als bewegungstherapeutische Form anthroposophischer Medizin und Psychotherapie.

Anton Josef Trčka Eurythmische Tänzerinnen – ewigeweisheit.de

Eurythmische Tänzerinnen - Foto aus dem Jahr 1926 von Anton Josef Trčka.

Lebenssinn und Spiritualität

Wir sind nun dem Begriff der Anthroposophie bereits in verschiedenen Zusammenhängen begegnet. Gewiss wird das Wort heute verwendet, um die spirituelle und esoterische Weltanschauung Rudolf Steiners einordnen zu können. Er setzte im Prinzip das fort, was im Westen als Rosenkreuzertum und später als die moderne Theosophie (Blavatsky) entstanden war. In diesem geheimwissenschaftlichen Kontext versuchte Steiner die Urform einer neuen Geisteswissenschaft zu entwickeln, in deren Reifung seine Schüler beteiligt wurden, damit sie Mensch und Welt verstehen lernen, als ein voneinander abhängiges, ineinandergreifendes und einheitliches Wesen. Daraus entstanden die Grundzüge von Rudolf Steiners Anthroposophie, einem besonderen Erkenntnisweg, der sich eben mit der Weisheit (griech. »Sophia«) des Menschen (griech. »Anthropos«) befasst.

In dieser vollkommen neuen Schulrichtung flossen Elemente aus dem deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, Wissen aus Gnosis und Mystik, aber auch die Weisheiten fernöstlicher Lehren mit zeitgenössischen Beobachtungen aus den Naturwissenschaften zusammen, so dass daraus in verschiedenen Belangen ein tatsächlicher Nutzen zur Anwendung gebracht werden konnte.

Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer bloßen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen.

- Aus Rudolf Steiners Aufsatzsammlung »Philosophie und Anthroposophie«

Die Entstehung anthroposophischen Gedankenguts

In seinen Vorträgen und Aufsätzen griff Rudolf Steiner teils auf das zurück was er aus den Lehren seiner Vorläufer zusammensetzte. Während seiner Berliner Jahre brachte er eine Zeitschrift heraus, mit dem Titel »Lucifer-Gnosis«. Der obskure Name dieser Zeitschrift meinte aber nicht den Teufel des Christentums, sondern einen durch das lateinische Wort »Luzifer« beschriebenen »Bringer des Lichts« oder »Bringer der Erleuchtung«. Nur sollte dieses wichtige Detail kaum wahrgenommen werden und schnell war Steiner als Satanist stigmatisiert.

Es ging ihm aber in dieser und seinen anderen Schriften vielmehr darum den Menschen in seiner Bewusstwerdung zu helfen, ihm im wahrsten Sinne des Wortes Erleuchtung zu bringen. Nicht allein auf religiöser Ebene, sondern auch sonst auf geistiger und auch körperlicher Ebene, wollte er seinen Zeitgenossen nicht nur besonderes Wissen sondern auch die Fähigkeit zur Erkenntnis vermitteln. Aus Abhandlungen über den indischen Yoga-Weg oder fernöstliche Meditationstechniken, versuchte er dieses wertvolle Wissen dem europäischen Gemüt zugänglich zu machen, was vor ihm ja auch Helena P. Blavatsky Anliegen gewesen war.

Wenn aber in der modernen Theosophie das Göttliche im Mittelpunkt stand, so hob Rudolf Steiner die Wichtigkeit des Menschseins hervor. Immer befand sich der Mensch im Zentrum der Betrachtungen Steiners. Das zeigen seine beiden Grundlagenwerke »Theosophie« (1904) und »Die Geheimwissenschaft im Umriss« (1910). In beiden Büchern geht er zuerst auf die Natur des Menschen ein, bevor man darin über die kosmische Welt en gros erfährt. Nicht aber so wie es ihm aus der Naturwissenschaft und Biologie, mit der rein quantitativen Einschätzung geläufig war, als vielmehr mit dem Versuch durch seine Werke den Menschen die Qualitäten und das Heilige in der Natur überhaupt bewusst zu machen.

Er versuchte jedoch immer die Erkenntnissysteme in seinem Werk nicht aus fernöstlichen Lehren zu übernehmen, sondern sie auf Grundlage deutschsprachiger Ansätze des Geisteslebens zu entwerfen. Aus diesem Grund tauchen in den Schriften Rudolf Steiners viele Denkweisen auf, die er im Werk Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) fand.

Steiners Jugend- und Studienjahre

Rudolf Steiner kam am 27. Februar 1861 zu Welt. Seine familiäre Vergangenheit lässt nicht direkt auf seine spätere Entwicklung schließen. Anders als etwa Helena Blavatsky, wurde Steiner in eher bescheidene Verhältnisse geboren. Sein Vater war Bahnbeamter und Rudolf Steiner lebte mit seinem gehörlosen Bruder, der immer auf Hilfe angewiesen war, und seiner Schwester, die zeitlebens bei seinen Eltern wohnte, zuerst in einem kleinen Haus in Donji Kraljevec im Norden des heutigen Kroatien, damals Teil des Königreichs Ungarn.

Schon in seiner Kindheit interessierte sich Rudolf Steiner für Spiritualität. Damals soll er bereits eine besondere Hellsichtigkeit besessen haben. Im Alter von sieben Jahren erschien ihm in einer Vision der Geist seiner Tante, von der damals niemand wusste dass sie Selbstmord begangen hatte. Von dieser und anderen eher beklemmenden Visionserfahrungen erschreckt, zog er sich als Junge zurück, wusste er doch nicht mit wem er über seine eigenartigen Erlebnisse sprechen sollte. In dieser Zeit begann auch sein Interesse für Esoterik und Philosophie.

Bis Anfang der 1880er Jahre studierte er an der Technischen Hochschule Wien Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig aber war er häufig anwesend in Vorlesungen zu Literatur, Philosophie und Geschichte. Später siedelte er über in den Norden Ostdeutschlands und promovierte dort dann 1891 zum Dr. phil. an der Universität Rostock.

Wie oben bereits angemerkt sollten in Steiners Leben und Werk die Arbeiten Goethes eine zentrale Rolle einnehmen. Als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Werke Goethes machte er sich einen Namen. Manche Rezensionen dieser Arbeit wurden außerordentlich gelobt und man kann sagen, dass erst durch Rudolf Steiners Beitrag die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden. Bis dahin hatte man Goethe nur als Dichter wahrgenommen.

In Steiners Wiener Zeit, zwischen 1879 und 1890, pflegte er eine Freundschaft mit dem Theosophen Friedrich Eckstein. Über ihn sollte Rudolf Steiner schließlich auch in Kontakt kommen mit Helena P. Blavatsky.

Befreiung aus dem Körper reiner Sinnlichkeit

1893 publizierte Steiner eines seiner für ihn wichtigsten Werke: »Die Philosophie der Freiheit« – einem Buch dem er bis zu seinem Lebensende größte Bedeutung zumaß. Darin stellte er die Frage ob das Individuum letztendlich nur etwas Allgemeines sei, wo die vielen Persönlichkeitsaspekte der Menschen doch quasi ein gemeinsames Bewusstsein mit anderen Individuen teilten. Sie hatten also eher teil an einem Alltagsdenken, aus dem aber eine tatsächliche Befreiung sich durchaus schwieriger gestaltete, da das allgemeine Welterleben nicht im Einzelnen sondern im Kollektiv lediglich miterlebt wurde. Grundsätzlich ein Zustand der nach wie vor allgegenwärtig zu sein scheint.

Für Rudolf Steiner war es das sinnlichkeitsbezogene Denken der Menschen, dass seinen Geist soweit eintrübt, dass ihm ein Begreifen der Freiheit eigentlich verwehrt bleibt. Nur wer die positive Wirklichkeit eines sinnlichkeitsfreien Denkens erkennt, der sollte laut Steiner sofort zu einem Verstehen gelangen, mit dem er eine individuelle Freiheit verwirklichen kann. Als solch erkennendes Subjekt sollte es einem Menschen gelingen, sein Denken tatsächlich zu beobachten. Wobei das Steiner sogar als allerwichtigste Wahrnehmungsleistung überhaupt galt.

Gut möglich dass ihn zu solchen Auffassungen radikale Denker wie etwa Friedrich Nietzsche (1844-1900) inspirierten, die Steiner wegen seiner wahrheitskritischen Haltung bewunderte.

Der wirklich 'freie Geist' geht noch weiter. Er fragt: 'Was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?' Wozu Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, dass der Mensch über die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken über die Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der Schöpfer der Wahrheit. Der 'freie Geist' kommt zum Bewusstsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.

- Aus Rudolf Steiners »Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit«

Nietzsches berühmte Erklärung »Gott ist tot!« bedeutete für Steiner wohl auch, dass was heute noch viele Menschen empfinden: der Gott wie ihn das Christentum Jahrhunderte lang deutete, hat seine kulturprägende Kraft in unserem Zeitalter verloren. Der Mensch hatte Gott als Konzept stets außerhalb seiner irdischen Existenz, in den Himmel projiziert und anscheind einem allein von dort herab wirkenden Willen gehorcht.

Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.

- Aus Rudolf Steiners »Essentielle Schriften«, Band 2

Esoterische Wissenschaften als Mittel und Erfahrung

von Johan von Kirschner

Rudolf Steiner - ewigeweisheit.de

Die Lehre von der Siebenfältigkeit des Menschen ist alt. Im 19. Jahrhundert kamen Theosophen aber zu dem Schluss, dass das Individuum sein Bewusstsein in diesem Spektrum, je nach Entwicklungsstadium, sogar selbst gestalten kann. Doch das gelänge nur jenen die erkannt hätten, dass Bewusstsein nur die Bilder des Seins enthalten kann und darum das Sein zuerst erfahren werden muss.

Wie aber soll so eine Vergegenwärtigung menschlichen Seins erfolgen?

Diese Frage stellte sich auch Rudolf Steiner, der Begründer der Schule der Anthroposophie. Er suchte nach Möglichkeiten, um aus den Weisheitstraditionen und den esoterischen Wissenschaften einen praktischen Nutzen zu vermitteln. Ihm galt es als unmöglich sich dem wahren menschlichen Sein im Kosmos zu nähern, nur allein durch eine Bewusstwerdung, ohne auch eine praktische Anwendung dafür im Leben zu realisieren.

Die alten Menschheitsfragen nach dem Wesen des Seins, seinem Ursprung und seiner Entwicklung: darauf versuchte Rudolf Steiner Antworten zu geben.

Schon früh war er sich darüber im Klaren, dass die Herangehensweise mancher Philosophen, das Wesen des Seins ergründen zu wollen einfach scheitern musste. Immer nämlich fungiert unser Bewusstsein nur als Spiegelbild der Wirklichkeit. Das Sein ist die einzig wirkliche Realität. Natürlich kann man sagen dass Bewusstsein aus unserem Gehirn hervorgebracht wird. Doch selbst wenn es anders entstünde und man dann auch den Grund dafür wüsste, gäbe es doch letztendlich keine eindeutige Antwort darauf, was Bewusstsein letztendlich ist. Vorausgesetzt aber unser Denken ist eine Gehirntätigkeit, wäre es dennoch schwer herauszufinden wie sich unser Bewusstsein einfügt in die natürliche Ordnung der Welt.

Solchen philosophischen Herausforderungen stellte sich Rudolf Steiner. Durch seinen theosophisch geprägten Hintergrund aber verfügte er über eine universalere Sichtweise, anders als etwa die Philosophen der frühen Aufklärung, wie zum Beispiel Immanuel Kant (1724-1804). Er versuchte nämlich die Welt als kosmische Ganzheit zu erkennen, bevor er Fragen nach dem Bewusstsein eines auf Erden lebenden Menschen stellte. Denn für Steiner befand sich unser gegenwärtiges, menschliches Wachbewusstsein, lediglich auf einer bestimmten Bewusstseinsstufe, die sich erst über sehr lange Zeit zu dem entwickelte, was sie heute ist.

Hier nun kommt der anthroposophische Begriff der Weltentwicklungsstufen ins Spiel. Denn laut Steiner gibt es sieben große Phasen einer Evolutionskette, deren Glieder mit der Entwicklung des planetarischen Kosmos zusammenhängen.

Über den Fortgang der Menschheitsentwicklung

Jede planetarische Entwicklungsphase, wie sie Rudolf Steiner beschrieb, verläuft innerhalb eines besonderen Weltzeitalters. Zuerst verdichtete sich aus einer geistigen die physische Welt, konzentrierte sich als äußere Erscheinung zu dichter Materie. Man kann sagen dass der Begriff der Inkarnation, im Sinne einer Verkörperung, nicht nur für uns Menschen als Einzelwesen gilt, sondern auch für ganze Welten. Laut Rudolf Steiner verkörperte sich auch unser Sonnensystem nach und nach über sieben planetarische Phasen einer kosmischen Entwicklung. Dafür erfand Steiner eigene Name, die er für diese sieben interplanetare Entwicklungsphasen gebrauchte:

  1. Der »alte Saturn«,
  2. die »alte Sonne«,
  3. der »alte Mond«,
  4. die Erde,
  5. der »neue Jupiter«,
  6. die »neue Venus« und
  7. die letzte Verkörperung unseres Planetensystems nannte er »Vulkan«.

In Visionen will Steiner die Erkenntnis über diese planetarischen Verkörperungen empfangen haben. Wer aber mit diesen Betitelungen zum ersten Mal in Berührung kommt ist vielleicht irritiert. Doch wenn hier die Rede ist vom alten Saturn, so meinte Steiner damit keineswegs den eigentlichen Planeten Saturn. Vielmehr glaubte Steiner in die Ferne Vergangenheit blicken zu können, als sich unser Planetensystem (Sonnensystem) noch in einer gänzlich anderen Entwicklungsphase befand. Es muss hier dazugesagt werden, dass seine Visionen hierzu vielleicht etwas sehr fantastisch anmuten, gleichzeitig aber weiß man aus Erkenntnissen der modernen Kosmologie, dass sich unser Planetensystem, in sehr ferner Vergangenheit, tatsächlich noch in einem ganz anderen Zustand befand als heute. Erst später verdichteten sich die Planeten zu dem was sie heute sind.

Steiners »alter Saturn« bezeichnete also weniger den bekannten Gasplaneten mit den Ringen, der er heute ist. Für ihn bestand dieser Urplanet aus einer gigantischen, glühenden Sphäre, die sich aus dem Bereich der heutigen Sonne bis in die Umlaufbahn des heutigen Saturn erstreckte. Damit war der alte Saturn also weniger ein Planet, als vielmehr eine sphärische Entwicklungsphase unseres Sonnensystems, was jedoch über ungeheuere Ausmaße hinweg geschah.

In obiger Aufzählung (alter Saturn, alte Sonne, alter Mond, Erde, neuer Jupiter, neue Venus und Vulkan) sah Steiner darum keine nebeneinander existierenden Himmelskörper, sondern gleichsam kosmische Perioden aus denen sich unser heutiges Sonnensystem über sehr lange Zeiträume hinweg entfaltete.

All das nun begann, laut Steiner, mit der gigantischen Wärmesphäre des alten Saturn. Die Betitelung dieser planetarischen Entwicklungsstufen, leitete Rudolf Steiner wahrscheinlich ab von den Gottheiten alter Mythologie, nach denen die Planeten unseres Sonnensystems benannt sind. Auch »Vulkan«, über den Steiner schrieb, bezeichnet keinen eigentlichen, bisher unbekannten Planeten, sondern steht, wie bereits angedeutet, für die letzte Phase der Entwicklung unseres Planetensystems in sehr ferner Zukunft.

Ein Protoplanet - ewigeweisheit.de

Künstlerische Darstellung unseres Sonnensystems bevor es seine heutige Form annahm (Quelle: NASA).

Sieben Entwicklungsstufen

Wie gesagt bildeten für Rudolf Steiner die oben aufgelisteten sieben Stufen eine kosmisch-planetarische Evolution. Darüber hinaus aber leitete er aus dieser spirituellen Grundlage auch die Phasen ab, aus der sich jede andere makro- und mikrokosmische Entwicklung ergab.

Wer sich mit der Theosophie Helena P. Blavatskys beschäftigte, dem dürften diese Konzepte teilweise bekannt vorkommen. Nur erweiterte Rudolf Steiner diese siebenfältige Entwicklung des Kosmos, um die eben dargestellten planetarischen Entwicklungsebenen.

Über die Entwicklung und Entfaltung menschlichen Bewusstseins

Für Rudolf Steiner bestand der Mensch schon lange bevor unser heutiges Sonnensystem existierte. Natürlich nicht als das anatomische Wesen, dass wir etwa aus den Beschreibungen der modernen Biologie oder Physiologie kennen. Unabhängig davon hat sich die Definition des Wortes »Mensch« im Laufe der Jahrhunderte ohnehin immer wieder verändert. Steiner meinte vielmehr eine an sich bestehende Form des Bewusstseins, die uns heute lebenden Menschen in anderer Gestalt weitergegeben wurde.

Das Wort »Mensch« aber kommt aus dem sanskritischen »Manushya«, das seiner Bedeutung nach eigentlich die »Menschheit« an sich meint. Gemäß der alten Puranas (wichtigen heiligen Schriften im Hinduismus) steht Manushya für das körperliche Sein in Leid und Leidenschaft, durch das es als Mensch Erkenntnis und schließlich Weisheit erlangt. Menschsein bedeutet also Erfahrungen zu machen, als fleischgewordenes Wesen. Bevor wir Menschen aber mit unseren biologischen Verwandten, den Tieren, auf diesem festen Planeten Erde inkarnierten, gab es lange vor der Existenz unseres Heimatplaneten, in diesem Sonnensystem bereits eine geistig überlegene Absicht, wegen der sich menschliches Sein zuerst als »höheres Bewusstsein« entwickeln sollte, bevor er dereinst in fleischlichen Körpern inkarnierte.

Die erste Phase dieser Entwicklung beschrieb Rudolf Steiner als das Trancebewusstsein. Das existierte schon als sich noch der alte Saturn weit über das Feld unseres heutigen Sonnensystems ausgebreitet hatte. In der Zeit der alten Sonne entstand des Menschen Tiefschlafbewusstsein, was sich in der darauffolgenden Entwicklungsphase des alten Mondes in ein Bilderbewusstsein transformierte. Erst damit entstand zur Zeit der Erdentwicklungsphase ein Wachbewusstsein, mit dem heute jeder von uns ausgestattet ist.

Wenn Steiner nun fortfährt mit dem neuen Jupiter, ist das ein Hinweis auf die gegenwärtige Herausforderung menschlicher Wahrnehmung, wo wir ein psychisches Bewusstsein entwickeln werden, dass sich über das alltägliche Wahrnehmungsbewusstsein im Wachzustand erhebt. Ein überpsychisches Bewusstsein aber wird in ferner Zukunft mit der neuen Venus entstehen und schließlich mit einem spirituellen Allbewusstsein, während der Entwicklungsphase des Vulkan, schließlich zu seiner Vervollkommnung finden.

Die Gestaltung der elementarischen Reiche

Und so wie diese Bewusstseinsentwicklung des Menschen einher geht mit einer Entwicklung auf planetarisch-makrokosmischer Ebene, verkörpert sich immer zugleich auf mikrokosmischer Ebene das was, auf sieben Stufen, etwa auch zur Entwicklung unseres menschlichen Leibes führte:

  1. Im ersten Elementarreich war die Welt noch formlos, worin jedoch »Gedankenkeime« die Veranlagungen zur Formbildung lieferten.
  2. Im zweiten Elementarreich wurden Töne und Klänge (Schwingungen) durch die Gesetze der Numerologie geordnet.
  3. Das dritte Elementarreich war der Ursprung des Feuers und des Lichts (Farben).
  4. Das Mineralreich bildete dann kristalline Substanzen aus, sowohl in Form chemischer Elemente wie Diamant (Kohlenstoff-Modifikation), Gold, Silber, Schwefel, Silicium, etc., als auch natürlicher Mineralien wie Quarzen, Feldspaten und anderen Kristallen.
  5. Im Pflanzenreich entstanden daraus alle Lebensformen der Flora.
  6. Das Tierreich brachte die Lebensformen der Fauna hervor.
  7. Und schließlich formte sich im Menschenreich die Welt unserer Spezies.

Diese letzte Stufe des Menschseins in der Welt, enthält wiederum eine siebenfältig gegliederte Evolutionskette, worin sich der Mensch in ferner Vergangenheit auf der Erde, aus einem vollkommen geistigen Wesen zu dem heutigen Menschen entwickelte. Doch die Evolution ist damit keineswegs abgeschlossen, sondern wird sich, gemäß anthroposophischer Lehren, noch in höherer Form weiterentwickeln.

Entwicklungsphasen menschlicher Existenz

Auf sieben Ebenen menschlicher Evolution entstanden während verschiedener Zeitabschnitte der Erdentwicklung verschiedene Formen menschlicher Existenz auf unserem Planeten. In der sogenannten Polarischen Zeit lebten die Menschen als noch gänzlich körperlose, astralische Wesen. Das war ein Zustand der gewiss auf etwas hindeutet, worüber vor sehr langer Zeit bereits die Priester des alten Chaldäa hinwiesen. Jener Mensch war noch nicht das, wofür das Wort zu seiner Bezeichnung heute verwendet wird. Doch im theosophischen Gebrauch wird das Konzept vom Menschsein eben viel weiter gefasst, als das, wie es etwa die moderne Biologie in ihrer uns allen bekannten Weise darstellt.

Der Polarischen folgte die Hyperboräische Zeit. Da verdichtete sich der Körper des ursprünglich rein geistigen Menschen, in eine ätherische Form, in einen »Lebensleib« der wie aus Fasern feinster elektrischer Ladungen zusammengesetzt war, jedoch noch ohne Geschlecht war.

In der Lemurischen Zeit begannen die Menschenseelen dann in irdischen Körpern zu inkarnieren, die durch die in vorheriger Zeit gebildeten, ätherischen Körper belebt wurden, doch außerdem mit einer Blutzirkulation ausgestattet waren. Es war jene Entwicklungsphase der Menschen, als sie begannen ihren nächsten Verwandten auf der Erde, den Affen, zu ähneln (vergleiche etwa das lateinische Wort »Lemures«, das eine biologische Teilordnung der Primaten bezeichnet). Allerdings unterschieden sie sich von jenen, wegen ihres aufrechten Ganges. Damals aber verfügten Menschen noch nicht über ein Bewusstsein für Sprache. Man kommunizierte aber bereits durch gegenseitigem Gedankenaustausch.

Dann schließlich, in der Atlantischen Zeit, begannen die Menschen sich miteinander durch Worte zu verständigen. Im Gegensatz zu heute verfügte diese alte Menschenrasse aber noch über ein natürliches Hellsehen. Der Körper war noch weich und knorpelig und der Äther-Körper strahlte noch weit über die Grenzen des physischen Leibes hinaus.

Heute leben wir laut Anthroposophie in der sogenannten Nachatlantischen Zeit (eine Formulierung die Steiner natürlich aus der Theosophie Blavatskys übernommen hatte). Wir Menschen haben jetzt durch die Entwicklung unserer Sprache und unseren vielfältigen Umgang mit der irdischen, materiellen Welt, unsere vorerst dichteste Körperlichkeit entwickelt. Da ist unsere Seele ganz fest von einem Leib umgeben. Ein Bewusstsein für die Existenz einer Seele zu entwickeln, fällt den meisten Menschen darum schwer.

In der zukünftigen, sogenannten »sechsten Wurzelrasse«, werden sich die Geister der Menschen scheiden, in eine gute und eine böse Menschheit, wo, in einem Krieg aller gegen alle, die nachatlantische Epoche, das heißt also unsere jetzige Welt, zu Grunde gehen wird. In der Offenbarung des Johannes (Neues Testament) ist die Rede vom »Sechsten Siegel«, wo der »Himmel auf die Erde stürzt«, laut Steiner sich die Erde wieder mit dem Mond vereinigt und sich die Menschheit aus ihrem körperlichen in einen ätherischen Zustand zurückentwickelt. Hier muss hinzugefügt werden, dass Steiners Sicht auf diesen sechsten Zustand der Menschheitsentwicklung gewiss recht eigen ist, doch, mit seinem Bezug auf die neutestamentarische Offenbarung Johanni, gewiss einen interessanten, vor seiner Zeit nicht dagewesenen Aspekt beleuchtet.

Mit der siebten Wurzelrasse dann soll schließlich auch unsere Welt ein Ende finden, wo nämlich die Erde (wieder) in die Sonne eintritt und sich damit die Existenz irgendgearteter Menschenkörper auflöst.

Wie bereits angedeutet hatte Rudolf Steiner seine ganz eigene Version dieser Entwicklungsstufen und besprach sie auf einer viel weiteren Ebene, als etwa die Moderne Theosophie. Es geht bei ihm auch um den engen Zusammenhang mit dem planetarischen Wandel unseres Sonnensystems, der, wie eben dargestellt, mit der Entwicklung des Menschen eng verwoben ist. Zwar gibt es bei Steiner eine genauere Zeitliche Einordnung, wo bereits im Jahr 7893 n. Chr. der Mond in die Erde eintreten soll, was aus gegenwärtig astronomischer Einschätzung aber wohl gänzlich unsinnig erscheinen dürfte.

Es sollte darum in Steiners System der Menschheitsentwicklung wohl auch ein ausgeprägt symbolischer Faktor mit in Erwägung gezogen werden. Auch die noch feinere zeitliche Gliederung der Menschheit in sieben Kulturepochen (Urindisch, Urpersisch, Äyptisch-Chaldäisch, Griechisch-Lateinisch, Germanisch-Angelsächsisch, Slawisch, Amerikanisch), ist ein intellektuelles Gebilde Rudolf Steiners Anthroposophie, das anscheinend ein Schema liefern sollte für eine chronologische Abfolge kosmischer Entwicklungsstadien, was er auch auf die menschliche Kulturentwicklung übertragen wollte.

Wesensglieder des Menschen - ewigeweisheit.de

Die Wesensglieder des Menschen (Bild: Quelle Anthrowiki, Lizenz CC BY-SA 3.0).

Praktische Anwendung esoterischen Wissens

Es scheint als hätte Rudolf Steiner mit seinen ausführlichen Systemen, wie den eben dargestellten, versucht eine universale Organisationsstruktur für sowohl eine Esoterik des Makrokosmos als auch des Mikrokosmos zu liefern. Und auf solch einem zusammenhängenden Gebilde errichtete er die praktische Anwendung seiner anthroposophischen Lehren, die aber bis heute noch ihren besonderen Zweck wirksam erfüllen. Was das bedeutet, dazu später mehr.

Wenn auch im übertragenen Sinne war für Rudolf Steiner eine gesunde, organische Entwicklung des Menschen nur dann möglich, wenn er in seinen Wunsch, die Welt rein intellektuell-wissenschaftlich zu verstehen, noch die emotionale Ebene, die »Herz-Ebene« integrierte. Nur so würde laut Rudolf Steiner eine Grundlage gegeben, aus der sich eine für die Menschheit positive Zukunft entwickeln kann.

In der Anthroposophie geht es jedoch nicht wie in der Philosophie, allein nur um die geistige Fortentwicklung. Rudolf Steiner versuchte aus dieser Entwicklung außerdem einen praktischen Nutzen abzuleiten, der der Menschheit tatsächlich zu ihrem Wohlbefinden in der Zukunft verhelfen sollte.

Was durch die Arbeit der Theosophischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert vorbereitet wurde, sollte die Praxis der Anthroposophie auch einem praktischen Zweck zuführen. Nur so, glaubte Steiner, wäre esoterisches Wissen tatsächlich für den Einzelnen von Vorteil. Damit allein hätte er die Möglichkeit sich und sein Leben in der Welt frei und unabhängig zu gestalten.

Entwicklung höherer Seelenfähigkeiten

In diesem Streben aber setzte Rudolf Steiner seinen Lesern und Schülern nicht etwa nur Behauptungen vor, die er, einem Seher gleich, in Visionen als absolute Wahrheiten vorsetzte. Eher wollte er seinen Mitmenschen bei der Entwicklung dieser Fähigkeit auch behilflich sein, das heißt Anleitungen liefern, anhand derer esoterisches, inneres Wissen praktisch im äußeren Leben wirksam integriert werden kann.

Er setzte voraus dass jeder Mensch dazu in der Lage sei auch selbst eine »übersinnliche Welterkenntnis« zu entwickeln und damit auch den Grund dafür erkennen, wer er ist und wozu er sein Leben weiterentwickeln muss, damit er dem eigentlichen Seelenauftrag seiner Inkarnation auf Erden gerecht werde. Ein vielleicht etwas überdimensioniertes Ziel, sicher aber mit dem Nebeneffekt manche bereits höher entwickelte Geistesschüler in ihrer spirituellen Entfaltung zu unterstützen.

Ab 1904 begann er seine Lehre ausführlich für seine Leser darzulegen. Steiner setzte dabei voraus, dass jeder Mensch die Fähigkeit besäße, über das normale physiologisch-biologisch veranlagte Sinnesbewusstsein auch »höhere Sinne« zu entwickeln, über die er selbst die Seelenwelt und die Welt der Spiritualität, schauend wahrnehmen und erforschen könne.

Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Der Zuhörer darf sich in jedem Augenblicke sagen: wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich gewisse Kräfte in mir entwickele, die heute noch in mir schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man es anzufangen hat, um solche Fähigkeiten in sich zu entwickeln.

- Aus Rudolf Steiners Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

Eine Anleitung hierzu entwickelte Rudolf Steiner 1905 in seinem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«. In dieser Sammlung anthroposophischer Aufsätze führt er den Leser in praktische Übungen ein, womit ihm die Ausbildung höherer Sinneswerkzeuge gelingen soll.

In einer vorbereitenden Phase soll der Geistesschüler dabei ein Gewahrsein entwickeln, eine Achtsamkeit, für das was um ihn geschieht. In einer weiteren Phase dann soll er das Selbe tun für jene Erscheinungen, die sich ihm aus seiner inneren Seelen- und Gedankenwelt zu erkennen geben. Doch Rudolf Steiner weist auch ausdrücklich darauf hin, dass es nicht darum geht sich endlos in Details zu versenken und dabei dem Wesentlichen verlustig zu gehen.

Zu betonen ist, dass der Geheimforscher sich nicht in ein Nachsinnen verlieren soll, was dieses oder jenes Ding bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur von dem rechten Wege ab. Er soll frisch, mit gesundem Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt sehen und dann sich seinen Gefühlen überlassen.

- Aus dem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

Mit diesen Anleitungen wollte er dem Individuum helfen das Wesen der esoterischen Wissenschaften praktisch zu erfahren. Seine Leser sollten lernen auf ihre Gedanken und Gefühle ebenso zu achten, wie sie das eben intuitiv auch als Kleinkinder taten, als sie die ersten Schritte über den Boden unserer irdischen Welt zum ersten Mal alleine wagten.

So wie der Mensch als Kind die Gesetze der physischen Welt erlernt, so wird der Schüler der Geheimwissenschaft den höheren Welten näher gebracht, um sich darin ebenso frei bewegen zu können, wie sich sein Körper in der physischen Welt zu bewegen vermag.

In seiner Arbeit ging es Rudolf Steiner eben darum, die Menschen an ihr innerstes Wesen heranzuführen, damit sie bemerken, dass in ihnen besondere Veranlagungen schlummern, die sich regelrecht danach sehnen endlich erweckt zu werden. Das sind Teile der menschlichen Existenz als Ganzes, und nicht nur das, wovon die Wissenschaft ausgeht, in ihrer Zweiteilung in Geistiges und Körperliches. Eher erlangt jemand, der die Meisterschaft dieser Entwicklung vollbringt, auch Fähigkeiten höher geartete Anteile seines Seins, wie auch niedrigere Wesensanteile zu erkennen und dann auch aus dieser Bewusstwerdung heraus befähigt in die Welt zu schauen.

Wichtig bei solchen Übungen aber bleibt, eine gewisse Vorsicht einzuhalten. Auch darauf verwies Rudolf Steiner ganz deutlich. Viel zu oft nämlich eröffnen sich dem Anfänger auf dem geistigen Pfad zugleich viele Wege, die ihn dazu verleiten alles auf einmal auf sich einwirken lassen zu wollen. Das die Geheimlehren aber stets nur im Verborgenen besprochen wurden, das hat einen Grund:

Es ist notwendig, dass der Mensch, der Geheimschüler wird, nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter und für alles physisch Wirkliche empfänglicher Mensch. Er muss im Gegenteile seine moralische Kraft, seine innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe während der Geheimschülerschaft fortwährend steigern. Um ein Einzelnes zu erwähnen: Während der elementaren Erleuchtungsübungen muss der Geheimschüler dafür sorgen, dass er sein Mitgefühl für die Menschen- und Tierwelt, seinen Sinn für Schönheit der Natur immerfort vergrößere. Sorgt er nicht dafür, so stumpfen sich jenes Gefühl und dieser Sinn durch solche Übungen fortwährend ab. Das Herz würde hart, der Sinn stumpf. Und das müsste zu gefährlichen Ergebnissen führen.

- Aus dem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«

 

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Das Buch des Dzyan

Das Buch des Dzyan

Vor sehr langer Zeit entstand im alten Tibet ein Dichtung aus acht Stanzen (Strophen). Sie bildeten die Grundlage für Helena P. Blavatskys Hautwerk »Die Geheimlehre«, dass sie als Kommentar zu dem uralten »Buch des Dzyan« verfasste. »Dzyan« ist ein Wort aus dem Sanskrit und eine andere Form des Begriffes »Dhyana«: einer Meditation, um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Leider ist nicht endgültig geklärt wo sich dieses Buch als Original heute befindet oder ob es überhaupt (noch) existiert. Laut der Theosophischen Gesellschaft fand Blavatsky diese Schrift aus grauer Vorzeit, auf einer weiteren Reise nach Tibet, die sie 1868 in Begleitung von Mahatma Morya unternahm.

Eine okkulte Bruderschaft verwahrte die Texte anscheinend im Geheimen, um sie vor nicht-eingeweihten Augen zu schützen. Des Weiteren ist außergewöhnlich an diesem Buch des Dzyan, dass es in einer heiligen Sprache verfasst wurde, die in keinem Verzeichnis als Sprache oder Dialekt geführt wird , noch irgend ein Philologe davon wüsste: Senzar - eine Mysteriensprache, die nur den eingeweihten Adepten auf unserem Planeten geläufig ist.

In ihrem Buch »Entschleierte Isis« beschreibt Blavatsky das Senzar als antike Form des Sanskrit. Und doch auch sollen Wurzeln dieser eigentümlichen Sprache in Ägypten zu finden sein, sowie an anderen Orten. Immer wieder wies Helena Blavatsky darauf hin, dass Mysterienwissen niemals an die Öffentlichkeit gelangen darf. Und so also sollte auch der Ursprung des Senzar ein Geheimnis bleiben, auch wenn sie dieser Sprache öffentlich zugestand, wie auch anderen Geheimnissen, das sie aus einer gemeinsamen Wurzel aller Dinge auf Erden entstand.

Die erste Überlieferung esoterischer Glaubenslehren basiert auf Stanzen (Strophen) eines Volkes, das der ethnologischen Wissenschaft unbekannt ist. Es wird behauptet, dass sie (die Stanzen) in einer Sprache geschrieben wurden, für die keine philologische Fachbezeichnung bekannt ist. Es heißt über sie, sie würden einer Quelle entspringen, deren Existenz die Wissenschaft leugnet. Schließlich wird jene Instanz durch die sie (die Stanzen des Buches des Dzyan) uns geboten wurden, in unserer Welt unablässig in schlechten Ruf gebracht, von all jenen die unliebsame Wahrheiten hassen [...]. Aus diesem Grund muss mit der Ablehnung dieser Lehren gerechnet und das darum im Vorhinein auch akzeptiert werden. Da sich niemand selbst als »Gelehrten« bezeichnet, ganz gleich aus welchem Wissenschaftszweig, soll darum ebenso gestattet sein das diese Lehren ernst genommen werden.

- Aus der Geheimlehre, Teil 1

Das Tibetische Kiu-Te

Das Buch des Dzyan wurde als erster Band einer Kommentare-Sammlung des Buches »Kiu-Te« verfasst, einem Sammelband von sieben geheimen Pergamenten.

Es gibt fünfunddreißig Bände des Kiu-te, die für exoterische Zwecke und für Laien verfasst wurden und in Besitz tibetischer Gelugpa-Lamas sind (Gelugpa ist die eine der vier Hauptschulen des tibetischen Diamantweg-Buddhismus sind, des Vajrayana). Man findet sie in den Bibliotheken eines jeden Klosters. Und es gibt darüber hinaus auch vierzehn Bände mit Kommentaren und Anmerkungen von eingeweihten Lehrern, die über das selbe Thema schrieben.

Strenggenommen könnte man diese fünfundreißig Bücher als »Popularausgabe« der Geheimlehre (Blavatskys Hauptwerk) werten, mit all ihren Mythen, Umschreibungen und Irrtümern. Andererseits enthalten die (anderen) vierzehn Kommentar-Bände – mit ihren Übertragungen, Anmerkungen und ihrem umfangreichen Glossar okkulter Begriffe, die aus einem kleinen, sehr alten Pergament stammen, dem Buch der Geheimen Weisheit der Welt – eine Übersicht über alle okkulten Wissenschaften.

Anscheinend werden diese (vierzehn Bände) für sich im Geheimen aufbewahrt und sind in der Obhut des Taschi-Lama von Shigatse (in Tibet). Die Bücher des Kiu-Te stammen aus vergleichsweise jüngerer Zeit. Sie wurden innerhalb des letzten Jahrtausends bearbeitet, obgleich seine frühesten Kommentar-Bände unsagbar alt sein dürften.

- Aus Blavatskys Gesammelten Schriftwerken, Band XIV

Das Kiu-Te wird von anderen Gelehrten heute auch »Rgyud-Dse« genannt, das Teil einer riesigen Schriftsammlung Buddhistischer Tantra-Lehren ist. Doch bei alle dem bisher Gesagten, driften die Meinungen über den Ursprung des Buches des Dzyan weit außeinander, spreizen sich die Vermutungen über seine Herkunft doch von Fernost bis nach Europa und werden dem chinesischen Tao ebenso zugeschrieben wie der jüdischen Kabbala.

Was Blavatsky dort in Tibet auch gefunden haben mag erinnert an das, was in anderen Zusammenhängen etwa als »Akasha-Chronik«, die »Tabula Smaragdina« oder anderswo als die »Wohlverwahrte Tafel« bezeichnet wurde.

Auszug aus dem Buch des Dzyan

1. Strophe

1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert.
2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer.
3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.
4. Die sieben Wege zur Seligkeit existierten nicht. Die großen Ursachen des Leidens waren nicht vorhanden, denn es war niemand da, sie hervorzubringen oder in sie verstrickt zu werden.
5. Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All, denn Vater, Mutter und Sohn waren wieder einmal Eins, und der Sohn war noch nicht erwacht für das neue Rad und seine Wohnung auf demselben.
6. Die sieben erhabenen Beherrscher und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein. Und das Weltall, der Sohn der Notwendigkeit, war in Paranishpanna untergetaucht, um wieder ausgeatmet zu werden von dem, das ist und dennoch nicht ist. Nichts war.
7. Die Ursachen des Daseins waren beseitigt, »das Sichtbare, das war, und das Unsichtbare, das ist, ruhten in dem großen Nichtsein, - dem Einen Sein«.

 

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