Das Niedere Selbst des Menschen in den west-östlichen Traditionen

von S. Levent Oezkan

In der esoterischen Philosophie ist die Rede von einem niederen Selbst - einem Teil der Seele, der unseren Körper am Leben hält. Auch Tieren zu eigen, nennt man ihn darum manchmal Animalseele. Sie strebt allein nach ihrem Wohlergehen: Essen, Geld und Körperbefriedigung kennzeichnen die Wünsche dieses Seelenanteils. Dieses niedere Selbst ist für den Lebenden aber auch das, was sich nach Sicherheit sehnt - selbst, wenn dieses Streben illusorisch bleibt. Denn gibt es Sicherheit überhaupt?

Unser niederes Selbst sorgt dafür, dass wir in unserem Körper am Leben bleiben. Darum ist es auch für die Heilung des Körpers verantwortlich. Es wäre also falsch, diesen niederen Anteil unseres Seins, wegen seiner animalischen Natur, einfach nur zu verteufeln. Allerdings wird das niedere Selbst diese wichtigen Aufgaben nur erfüllen können, wenn ein Mensch sich seinem höheren Selbst hingibt. Denn darüber ist er empfänglich für alles Himmlisch-Geistige.

Das niedere Selbst aber kümmert nur wenig, was über ihm ist. Es interessiert sich darum auch nicht für Erleuchtung oder Ähnliches. Eher stellt es sich gegen alles, was mit Erkenntnis des Selbst zu tun haben könnte, würde das seine Existenz ja in Frage stellen. Daran lässt sich darum auch erkennen, welcher Art Menschen das niedere Selbst genügt: einem Egoisten.

Symbol für das Niedere Selbst ist, je nach Tradition, mal der Ochse oder der Stier, wie etwa im Taoismus; bei den Sufis symbolisiert diesen niederen Anteil des Seins der Esel. Ochse und Esel stehen synonym für die instinktiven, tierartigen Eigenschaften des niederen Selbst, sind sie doch mal störrisch, mal plump. Nehmen wir uns aber nicht in Acht und verlieren die Kontrolle über unser niederes Selbst, werden wir von ihm kontrolliert, statt es selbst im Griff zu haben. Schlimmstenfalls überrennt es uns wie ein triebgesteuerter, wilder Stier.

Das Niedere Selbst eines Menschen ähnelt also einem wilden Tier - doch eins, das ganz anders geartet ist, als alle anderen Tiere. Es gilt diesen tierischen Anteil in uns zu kontrollieren. Dazu heißt es in den alt-ägyptischen Pyramidentexten:

Weiche, blökender Ochse. Dein Kopf hält Horus (Lichtgott); deinen Schwanz hält Isis (Muttergöttin).

In der christlichen Tradition heißt es, dass, so lange die Seele sich ihrer göttlichen Natur widersetzt, da sie körperliche Begierden an sie fesseln und die Seele sich an den Dornen wilder Begierden verletzt, der Körper allmählich zu einer Wohnstatt grässlicher Wesen mutiert. Wem sein höheres Selbst also abhanden kommt, da er sich nur um die primitiven Instinkte seines Egos kümmert, dem wird nicht mehr bleiben, als nur Schmerzen und Leid.

Das kabbalistische Buch Sohar rät:

Der Mensch wurde geschaffen in zweifacher Natur: aus dem niederen Tierselbst und dem höheren Geistselbst. Und das geschah aus dem Grund, da ersteres notwendig ist, letzteres zu entwickeln.

Feuer braucht Brennstoff, damit es brennt. Dieser Vorgang des Verbrennens durch Feuer, ist ein brauchbares Symbol um zu zeigen, wie durch spirituelle Arbeit, die dunklen Aspekte des Niederen Selbst, erst in Flammen aufgehen müssen, damit im Licht dieses Feuers, der wahre Geist des Höheren Selbst zum Vorschein kommt.

 

 

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