Der Fluss

von Jens Thiele

Ich war einst in einen großen Fluss geworfen, von einem, den ich meinen Meister nannte. Doch schwimmen konnte ich noch nicht. Das musste ich erst lernen.

Heute, Jahre später, kann ich mich mühsam über Wasser halten. Das ruhige und gleichmäßige Atmen fällt mir noch schwer, aber ich schwimme, bin immer noch in dem Fluss und kann nicht aus ihm heraustreten. Ich kann auch nicht in denselben Fluss noch einmal eintreten. Es ist wie es ist.

Das Dahinfließen im Fluss wurde zu meiner Heimat, wissend, dass es kein Zurück mehr gibt. So bin ich ständig umgeben vom Ursprung, der Quelle. Alles um mich herum, alles Wasser, was ich in dem Fluss wahrnehme, war einst an der Quelle, ist dort entsprungen, nahm dort seinen Anfang.

Und die Reise führt mich zum großen Ozean, dort wo alle Flüsse ineinander fließen. Bin ich erst einmal dort angekommen, werde ich auch ein perfekter Schwimmer sein, andere Schwimmer treffen, die durch andere Flüsse den Weg in den großen Ozean gefunden haben. Jeder dieser Flüsse ist einzigartig und doch fließt in allen dasselbe Wasser.

So bleibe ich im Vertrauen und diene dem Wasser so gut ich kann. Ich will es sauber halten, glasklar, auf dass ich immer den Grund vor Augen habe. Würde ich im Trüben schwimmen, verlöre ich die Zuversicht, dass der große Ozean lichtdurchflutet ist.