Was den Menschen wirklich glücklich macht

von Lisa Samata

Fast alles was wir Menschen tun, ist dadurch motiviert, entweder einen negativen Gefühlszustand zu vermeiden oder einen langanhaltenden positiven Gefühlszustand zu finden. Diese Suche nach dem Glück nimmt aber je nach Kultur und Zeitalter ganz andere Erscheinungsformen an.

In den letzten Jahrtausenden haben oft die Religionen, die damit verbundenen Glaubenssätze und organisierten zwischenmenschlichen Interaktionen, das Erreichen eines Zustands von Glück angestrebt. Manche religiösen Institutionen sind aber auch von ihrer ursprünglichen spirituellen Basis abgekommen und haben teilweise sogar neues Leid in die Welt gebracht.

In der westlichen Welt ist, spätestens mit dem Beginn der wissenschaftlichen Psychologie im 19. Jahrhundert, die Frage nach objektiven und glaubensunabhängigen Faktoren aufgekommen, die einen positiven Einfluss auf das menschliche Erleben und Verhalten haben. Traditionell hat sich vor allem die Psychotherapie mit den Faktoren beschäftigt, die "psychische Krankheit" lindern und damit einen positiven Einfluss auf die gesunde Funktionsfähigkeit der menschlichen Psyche und das Wohlbefinden hat. Aktuell entstehen auch immer mehr präventive Maßnahmen, die zu mehr Wohlbefinden führen können, auch im Rahmen von Gesundheitspsychologie und Glücksforschung.

In der Psychologie und Psychotherapie besteht aber nach wie vor große Uneinigkeit darüber, was Menschen glücklich macht und wie dieser Zustand am besten herbei zu führen ist. Trotz tausender empirischer Theorien und Jahrzehnte langer Forschung sind die effektivsten Interventionen zum Teil diejenigen, die gar nicht aus der westlichen Wissenschaft entstanden sind sondern ihren Ursprung in östlichen spirituellen Praktiken haben. So werden inspiriert von Yoga, Meditation und Achtsamkeit Programme erstellt, die von religiösen Ritualen bereinigt und neu strukturiert werden, aber ansonsten auf die Mechanismen zurückgreifen, die schon lange vor Entstehung der westlichen Wissenschaft existiert haben und von dieser bis heute nicht vollständig verstanden werden.

Dennoch gibt es auch in der westlichen Welt einige faszinierende und wirkungsvolle Ansätze, die im Rahmen der Psychotherapiepraxis entstanden, aber in der aktuellen Forschung und Anwendung, vielleicht zu Unrecht, noch immer eher eine Randerscheinung darstellen.

Der nachfolgende Text befasst sich mit den faszinierendsten Aspekten

  • der Gesprächspsychotherapie,
  • Focusing (einer Selbsthilfetechnik zur Lösung persönlicher Probleme) und
  • dem zugrunde liegenden Menschenbild der Humanistischen Psychologie.

Humanistische Psychologie und Selbstverwirklichung

Das humanistische Menschenbild geht davon aus, dass jeder Mensch absolut einzigartig und von Grund auf gut und konstruktiv ist. Der Mensch strebt folglich danach zu wachsen und sein volles Potential zu entfalten - eine innewohnende Tendenz, die als "Selbstaktualisierung" oder "Selbstverwirklichung" bezeichnet wird.

Eine konstruktive zwischenmenschliche Beziehung voller Wertschätzung, Verständnis und vor allem Echtheit, die auch in der Gesprächspsychotherapie angestrebt wird, unterstützt diesen Entfaltungsprozess, die Selbstaktualisierungstendenz.

Abraham Maslow, einer der Mitbegründer der humanistischen Psychologie, hat anhand einer Untersuchung von bekannten und bedeutenden Persönlichkeiten (z.B. Albert Einstein, Goethe, Abraham Lincoln, Albert Schweitzer) Merkmale abgeleitet, die für ihn ein sich selbstverwirklichendes Individuum charakterisiert.

Diese Merkmale umfassen unter anderem

  • eine hohe Akzeptanz der eigenen Person, anderer Menschen und der Natur im Allgemeinen,
  • Natürlichkeit, Spontaneität und Einfachheit,
  • Gemeinschaftsgefühl und Akzeptanz demokratischer Werte,
  • gleichzeitig eine Unabhängigkeit von der jeweiligen sozialen Umwelt,
  • und Resistenz gegenüber kulturellem Konformitätsdruck,
  • ein starkes ethisches Bewusstsein,
  • unverbrauchte Wertschätzung,
  • mystische oder Grenzerfahrungen,
  • enge, tiefe persönliche Beziehungen zu wenigen ausgewählten Menschen,
  • philosophischer Humor,
  • und Kreativität.

Maslow stellt das menschliche Potential der Selbstaktualisierung an die Spitze seiner Bedürfnispyramide. Dies macht es zu einem Bedürfnis, was erst nach der vollständigen Erfüllung aller anderen menschlichen Bedürfnisse (Physiologische Bedürfnisse, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe, und Achtung) im Vordergrund steht.

Es geht bei der Selbstverwirklichung im psychologischen Sinne also darum, sein volles Potential als Mensch zu entfalten, während Selbstrealisation in östlicher spiritueller Tradition die Identifikation mit der unsterblichen Seele meint, etwas das jenseits der Beschränkung der menschlichen Perspektive existiert. Interessanterweise haben die von Maslow formulierten Merkmale eines selbstverwirklichenden Individuums zum Teil dennoch große Übereinstimmung mit den Beschreibungen eines spirituell selbstrealisierten Menschen.

Die großen Psychotherapieverfahren und ihr Menschenbild

Die derzeit verbreitetsten Richtungen der Psychotherapie sind die Psychoanalyse und ihre tiefenpsychologischen Weiterentwicklungen und die Verhaltenstherapie. Davon unterscheidet sich die humanistische Psychologie in ihren grundlegenden Annahmen über den Menschen deutlich und stellt damit die "Dritte Richtung" dar.

Die psychoanalytischen Verfahren, die auf Sigmund Freud zurückzuführen sind, gehen von einem triebgesteuerten, tendenziell destruktiven Menschen aus, dessen verschlüsselte Botschaften des unbewussten Geschehens durch Deutung vom Therapeuten zu enträtseln sind. Diese Einsichten dienen dann der Umstrukturierung der Persönlichkeit, insbesondere den Bereichen, die zu Leid geführt haben.

Der Behaviorismus von John B. Watson und die daraus entstandenen Verhaltenstherapien gehen davon aus, dass der Mensch lediglich ein Resultat seiner bisherigen, von der Umwelt gelernten Verhaltensweisen ist und folglich durch das Trainieren gewünschter Verhaltensweisen und Abschwächen unerwünschten Verhaltens, Besserung erfährt.

Praxis der Humanistischen Psychologie

Gesprächspsychotherapie

Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie wurde in den 1940ern von Carl Rogers in den USA in engem Kontakt mit der empirischen Psychologie entwickelt. Sie spricht anders als die vorherigen Therapieformen jedem Menschen die intrinsische Fähigkeit zu, sich auf konstruktive und sozial verbindende Weise zu entfalten. Die Therapie stellt hierbei einen Rahmen, in der günstige Bedingungen vorliegen, um dieses selbstaktualisierende Potential wirksam werden zu lassen.

Der Schwerpunkt liegt auf dem Hier und Jetzt der therapeutischen Situation und der realen Beziehung zwischen Therapeuten und Klient.

Der "Klient" bleibt hier in einer selbstverantwortlichen Rolle, in der er eigene Entdeckungen macht und selbstständige Entscheidungen trifft. Rogers erkannte in den Klienten im Verlauf der Therapie eine zunehmende Fähigkeit voll im unmittelbaren Augenblick zu leben, ihre Gefühle und persönlichen Bedeutungsinhalte zu äußern und Beziehungen besser zu gestalten. Zudem kamen Klienten zu der Erkenntnis, dass sie selbst Schöpfer ihrer subjektiven Realität sind.

Focusing

Focusing ist ein Prozess, der mit einer Haltung von innerer Achtsamkeit Zugang zu der Intelligenz des Unbewussten eröffnet.

Das Wahrnehmen des ganzheitlichen Körpererlebens aus einer Haltung von Neugier, Geduld und wohlwollender Freundlichkeit heraus, löst innere Barrieren und eröffnet den Zugang zu der innenliegenden Weisheit, der Intelligenz des Körpers, der inneren Bilder und Empfindungen.

Focusing ist eine wissenschaftlich fundierte Methode, die die subjektiven Anteile der menschlichen Psyche exploriert und sie ohne einen Anspruch auf Objektivierbarkeit nutzt, um gewünschte Heilung oder Veränderung hervorzubringen.

Focusing kann eigenständig, als Selbsthilfemethode geübt werden. Dazu helfen Fragen, die statt mit dem Verstand alleine an das ganze Körpererleben gerichtet werden.

  • Wie fühle ich mich?
    Was ist da, wenn ich frage, wie mein Leben läuft, was gerade das Hauptthema ist?
    Antworte nicht, lass das was in deinem Körper passiert antworten. Lass Raum zwischen dir und dem Erleben.
  • Wähle ein Problem aus und betrachte, fühle die Ganzheit von ihm (mind. 30 sec). Gehe nicht in das Problem hinein, sondern stehe zurück und fühle wie es dich in deinem Körper fühlen lässt, wenn du es als Ganzes betrachtest (meistens sehr vages Gefühl).
    Du hast das Gefühl, du bist es nicht. Nimm an, was immer du fühlst.
  • Welche Qualitäten hat diese Wahrnehmung? (Worte, Bilder)
    Wenn eine Qualität auftaucht, spüre nochmal ob sie wirklich passt. Wenn ja bleibe für einen Moment dabei.
  • Was ist es (von dem ganzen Problem), das diese Qualität macht? Stelle die Frage erneut an das gesamte Körpererleben.
    Frage, was es braucht. Was jetzt gut wäre. Verzichte darauf eine rationale Erklärung zu finden, lass die Antwort auftauchen.
    Nimm wertschätzend an, was sich auftut. Nimm dir Zeit die gefühlte Veränderung wahrzunehmen.

Eine zweite Person, die den Prozess durch aktives Zuhören begleiten kann, erleichtert dem Fokussierenden enorm seine Konzentration zu bündeln und Neues zu erfassen. Durch die wohlwollende Aufmerksamkeit und Präsenz dieser zweiten Person kann der innere Prozess immens unterstützt werden.