Sorglosigkeit: eine andere Form des Schlafs?

von S. Levent Oezkan

Am Besten alles bleibt so wie es war. Ich habe mich in meinem Leben ganz praktisch eingerichtet, habe was mir gefällt und woran ich mich schlicht gewöhnt habe.

Erzählt aus der Perspektive eines Sorglosen

Wenn das Gebilde schon Staub ansetzt oder Risse bekommt, wird es in Stand gesetzt, poliert und aufgemöbelt. Ich will von Sorgen einfach nichts wissen.

Vielleicht befindet sich mein Leben gerade an einem falschen Ort oder in einer weniger geeigneten Verfassung. Nur, was soll's, wenn ich mich schon daran gewöhnt habe? Auf keinen Fall will ich irgend etwas ändern.

Ob beruflich, in der Beziehung oder - was das neue Rumoren, an jener verdächtigen Körperstelle ausmacht: es lief bisher ganz gut und so soll es bitte schön auch weiter bleiben. Wenn nötig trinke ich ab und zu ein Glas Wein, lasse mir Schlafmittel verschreiben oder finde sonst einen Grund es mit elektronischen Betäubungsmitteln zu probieren. Es ist meine Sache.

Das ich mich nicht sorgen brauche, dafür gibt es schließlich Gründe: alles soll so bleiben wie es ist. Die Gewohnheit lässt mich die Dinge automatisch ausführen und ich muss mir nicht all zu viel Mühe geben, denn ich weiß ja schon wie es geht. Jeder meiner Handgriffe sitzt, meine Antworten habe ich ebenso parat, wie den Wecker auf meinem Nachttisch.

In dieser Mentalität will ich auch in Zukunft bleiben. So lebe ich und so liebe ich auch.

Diese Haltung in Liebesangelegenheiten ist mir zur Gewohnheit geworden und schon so stark ausgeprägt. Kann sein, dass ich mich manchmal nicht mehr so recht spüre. Doch es gibt doch dies und das, die mich in meinem Körper aufreizt. Und je mehr ich davon bekomme, desto einfallsreicher muss ich werden. Manchmal fühle ich eine leichte Müdigkeit. Ist das nicht normal?

Man spricht aus Erfahrung

Ich erlaube mir das alles zu schreiben, da ich selbst lange Zeit ein »Opfer der Umstände« gewesen bin und mich nur nicht aus meinem gewohnten Wohlfühl-Pavillon herausbewegen wollte. Dann aber krachte es und das Luftschloss zerfiel in Stücke. Mir stand der Atem still und ich dachte: »Das ist das Ende!«

Für den einen ist's eine Krankheit die sozusagen plötzlich ausbricht. Ein anderer Mensch wird aus heiterem Himmel von seiner Partnerin verlassen. Oder sie hat plötzlich mit dem Gerichtsvollzieher zu tun – und so weiter.

Die Gewohnheit ließ sie alle aufschieben, vertagen und das aller Wichtigste erst einmal auf Eis legen.

Nur leider ist das Erwachen dann manchmal sogar so schlimm, dass man es einfach nicht akzeptieren kann oder einen das kommende Unglück beinahe überrollt.

Viel mehr kommt aber nicht, als das hier: Wir alle – jeder Mensch auf diesem Planeten hat Sorgen und Probleme. Wer von so etwas nichts weiß, ist echt in Gefahr. Er oder sie sollte sich über die Normalität und Sorglosigkeit seines Alltags wirklich wundern.

Soll das aber etwa heißen, dass Probleme zu etwas gut sind? Warum kann das Leben nicht ohne Umstände ablaufen? Ein interessantes Stichwort: Umstände. In Umständen sind Schwangere. Wenn eine Mensch zur Welt kommen soll, müssen beide, Mutter und Kind dafür kämpfend »Sorge zu tragen«, das große Unbehagen des Geburtsvorgangs zu überwinden. Dabei sind beide voll und ganz da. Erst danach schlafen sie ein und wollen »ver-sorgt« sein, von »für-sorg-lichen« Mitmenschen.

Wer aber jemanden umsorgt, Sorge trägt: ist so jemand nicht ganz und gar lebendig, aufmerksam und wach?

Erwachen und das Sorgen liegen doch näher bei einander, als man es als sorgloser Mensch nur zu leicht verschlafen könnte.

 

 

 

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