Kloster St. Kathrin

Sinai! Sinai! Ein Reisetagebuch

Dahab, Sinai, Tag 1

Soeben habe ich meine Wohnung in Dahab betreten, für die mir mein Freund Salem die Schlüssel überlassen hat.

Der Flug hat ewig gedauert. Doch es war eigentlich ein Vorteil, denn ich habe im Flugzeug Suhelya kennengelernt, eine hübsche, westlich orientierte Ägypterin (Wow!) mit der ich den ganzen Flug über gesprochen habe. Sie erzählte mit über ihr Land, was sie an ihrer Heimatstadt Kairo liebt und wie sie über Deutschland denkt und was sie an den Deutschen schätzt.

Die Ägypter sind sehr stolz auf ihr Land. Besonders die Menschen in Kairo - leben sie doch gleich neben den weltberühmten Pyramiden von Gizeh. Wie kaum ein anderes Land, strahlen die alten Stätten der Pharaonen noch heute, tausende Jahre nach ihrer Herrschaft, auf Menschen in aller Welt eine magnetisierende Faszination aus. Aus dem Sudan kommen die edlen Kamele die dann auf dem Markt in Assuan (Südägypten) gehandelt werden und von dort mit den Beduinen in Karawanen nach Nordwesten und nach Asien gebracht und dort weiterverkauft werden. Ein gutes Kamel wird teilweise für einige 10.000 EUR gehandelt!
Ägypten ist eines der wenigen Länder der Erde, dessen Staatsgrenzen auf zwei verschiedenen Kontinenten verlaufen: Afrika und Asien. Damit hat Ägypten in der arabischen Welt eine politische Sonderrolle. Bereits zu biblischer Zeit war Ägypten Begegnungsstätte der Völker und Dreh- und Angelpunkt damaliger Kulturwelt. Die mediterane Küstenstadt Alexandria im Norden Ägyptens, in der Antike größte Stadt neben Rom, war für die große Bildung ihrer Bewohner weltberühmt. Dort traf sich die Créme de la Créme der antiken Gelehrtenwelt die in der sagenumwobenen Bibliothek von Alexandria lehrten, studierten und ein Konglomerat der hohen Wissenschaften und der Magie formten. Alexandria war in der Antike neben Rom die größte Stadt der damals bekannten Welt.
Ägypten war seit jeher ein kultureller Schmelztiegel gewesen und auch der ägyptische Dialekt ist maßgebend für die gesamte arabische Sprachwelt. Ägyptisch bildet heute die Hochsprache der gesamten arabischen Welt, da aus Kairo - dem afrikanischen Hollywood - die meisten arabischen Filme kommen. Kairo ist auch ein religiöser Schmelztiegel in dem Muslime, Christen, Juden, Hindus und Bahai leben.

Als ich in Kairo das Flugzeug nach Sharm El-Sheikh wechselte, stieg mit uns ein Brautpaar ins Flugzeug. Er trug einen schwarzen Hochzeitsanzug und sie ein Brautkleid - ein seltsam ungewöhnliches Bild als die beiden durch den Checkin traten. Der Metalldetektor hätte auch das Segnungskreuz des Pfarrers sein können. Bestimmt waren die beiden koptische Christen die ihre Hochzeitsnacht oder die Flitterwochen auf einer Nilkreuzfahrt oder in einem Kairoer Hotel verbracht haben könnten.



Dahab, Sinai, Tag 2

Es ist bereits seit über einer Stunde dunkel. Doch die Temperatur scheint nicht nachzulassen: draußen brütet die dicke, feuchte Meeresluft bei 32 °C und die Lampen flackern in leichtem Rhythmus. Der Tag heute war etwas verwirrend für mich. Dieses Land ist einfach ganz anders, mal langsam, dann wieder hektisch, sonderbar - etwas ganz Besonderes. In seiner gesamten Energie ein wundersamer Ort dieses Dahab. Seine alte Geschichte - doch auch dass was hier gegenwärtig abläuft ist bestimmend für die Zukunft des Landes.
Aber ehrlichgesagt habe ich den Eindruck, dass das nicht nur ein ägyptische Phänomen ist, sondern die ganze Welt sich im Wandel befindet - in Europa, und auf den anderen Kontinenten ... die Menschen lernen sich besser kennen!


Dahab, Sinai, Tag 3

»Amma, Ammaaaa ...« ruft das Kleinkind in der Nachbarschaft. Irgendwie ulkig, zumal die Menschen hier ihre Schriftsprache, also das Arabische, von rechts nach links lesen. Würden sie das deutsche Wort »Mama«, welches die gleiche Bedeutung hat, auf diese Weise lesen, so riefe das einen ähnlicher Laut hervor.

Mal abgesehen von der vielen Sonne und der andauernden Hitze und dem Tourismus, wird hier das Leben vom Glauben an Allah bestimmt.
Die islamische Religion ist 627 Jahr jünger als das Christentum. Es gab nie eine Glaubensreformation - dadurch auch nie eine Aufklärung, wie sie die europäischen Juden und Christen erfahren haben.
Das bisher noch keine solche "Bewegung" den muslimischen Glauben mit modernen Ideen beeinflusste, mag vielleicht auch daran liegen, dass manche Muslime glauben, insbesondere die Sufi-Mystiker, dass der Koran ein in sich abgeschlossenes System ist und dadurch auch keine Ergänzungen erfahren kann, was ja nicht gleichermaßen für die vielen kanonischen und apokryohen Übersetzungen der Bibel der Fall war - denn die Bibel wurde abrogiert - zu deutsch: abgeändert.
In der Tat, bringt die arabische Sprache (ebenso das hebräische) interessante Aspekte der Wortbildung, die teilweise schon etwas Magisches an sich hat.
Durch jeden gelesenen Satz, so glauben manche, befördern Worte nicht nur Informationen, sondern durch ihren Rhythmus, ihre Melodie und die hinter den Buchstaben verborgenen Zahlenschwingungen (Abjad oder Gematrie), geht für den Gläubigen von der koranischen Sprache, eine geheimnisvolle Kraft aus. Und da man Sprache auf drei Ebenen intellektuell, emotional, und durch die Aussendung subtiler Vibrationen auch physisch wahrnehmen kann, wussten die alten jüdischen Kabbaliste, die keltischen Druiden und später die christlichen Rosenkreuzer, dass durch die Logik und Form der Sprache Materie direkt zu beeinflussen war.
Manchmal kommt es mir vor, als hätten die Beduinen im Sinai all das irgendwie verinnerlicht - auch wenn sie sich nicht intellektuell mit diesem Geheimnis beschäftigen, leben sie dieses Wissen in ihren rituellen Waschungen und beim Verrichten der fünf täglichen Gebete.

 

Dahab, Sinai, Tag 4

Gestern traf ich am Ufer in Dahab-Assala Maram. Mit diesem Namen hat sie sich mir vorgestellt. Sie betreibt eine kleine Bäckerei in ihrem Häuschen am Meer und bietet sogar "deutsches Brot" an. Ich bestellte bei ihr ein Brot.

Als ich heute nachmittag dann zu ihr kam, um mein Brot abzuholen, traf ich bei ihr Ray, ein Australier der mit ihr und ein paar anderen Leuten das Haus am Strand bewohnt. Ray praktiziert jeden Morgen Sun-Gazing, eine Technik, mit der man das Sonnenlicht kurz nach Sonnenaufgang als Energiequelle nutzt. Er erklärt mir, dass durch das Sonnenschauen eine Aktivierung der Zirbeldrüse bewirkt wird, da diese über den Hypothalamus mit den Augen verbunden ist. Davon hatte ich bereits gehört und freute mich sehr über die Gelegenheit, nun auf jemanden zu treffen, der diese uralte Technik anwendet.

In der hinduistischen Chakrenlehre wird die Zirbeldrüse als die Drüse des dritten Auges gesehen. Das dritte Auge steht für Wahrnehmung, Intuition und Erkenntnis. Die geheimnisumwobene Gehirndrüse lässt sich auch als das Wahrnehmungsorgan zur Betrachtung des Göttlichen bezeichnen.

Ray berichtete mir auch von Menschen, die ihre gesamte Energie und Flüssigkeitsversorgung nur durch das Schauen des Sonnenlichts beziehen. Da fiel mir der Sonnenyogi ein, von dem ich letzt las, dass er seit Jahren nicht mehr gegessen habe, sondern seine Körperfunktionen einzig und alleine mit dem Licht der Morgen- und Abendsonne aufrechterhalten könne. Man hört immer wieder von Menschen, die dazu in der Lage sind. Einen Österreicher, der ebenfalls das Sonnenyoga praktiziert, haben sie in eine Klinik „eingesperrt“, um herauszufinden ob der Mann nicht schwindelt – und ja, er lebte tatsächlich einige Wochen ohne feste Nahrung, angeblich hat er nichteinmal getrunken. Er nahm allerdings etwas ab, was wohl auch an der schlechten Krankenhausatmosphäre gelegen haben mag, zumal er ja auch komplett verkabelt war.

Ray erwähnte auch „Inlightment“, abgeleitet von dem englischen Wort für Erleuchtung „Enlightment“: die Zirbeldrüse fängt an zu „leuchten“, wenn Sonnenlicht ins Auge trifft, vergleichbar mit einer kleinen Glühlampe, die dort unterhalb des Limbischen Systems, einem Teil des Gehirns, angeschaltet wird.

Kurz: die Zirbeldrüse wird durch das morgendliche Sonnenlicht aktiviert. Natürlich empfehle ich niemandem, für längere Zeit direkt in die Sonne zu sehen! Ray wagt das Sun-Gazing in den ersten 5 Minuten nach Sonnenaufgang, vorausgesetzt, die Sonne geht direkt über dem Meeresspiegel auf. Natürlich wollte auch ich diese uralte Praktik austesten und verabredete mich mit Ray für den nächsten Morgen.

 


Dahab, Sinai, Tag 5

Heute morgen habe ich zum ersten mal gezielt direkt in die »glühend rote Scheibe« geschaut und mindestens 5 Minuten das Morgenlicht in meine Augen scheinen lassen. Es fühlte sich an, als würde mein ganzer Körper geflutet – unglaublich! Mir kamen bei diesem „Experiment“ Gedanken darüber, ob die Sonne nicht als ein lebendiges Wesen gesehen werde könne. Es war eine bemerkenswerte Erfahrung: als würde die Sonne durch ihre Farben und Formen zu mir sprechen. Damit meine ich keine gesprochenen Sätze, keine Worte – es wurde mir eine Art energetische Klarheit vermittelt.

Als ich dann die Augen schloss, betrachtete ich noch eine Weile das innere grüne Licht, dass als Fleck allmählich verschwand. Angeblich praktizierten die alten Griechen in den eleusinischen Mysterien eine ähnliche Technik, die man das „innere Licht schauen“ nannte. Auf wundersame Weise konnten sie mittels dieser Technik sich komplizierte Dinge besser merken.

In Indien bezeichnet man diese Übung als Surya-Yoga (aus dem Sanskritwort für »Sonne«, Surya, abgeleitet). Die fortgeschrittenen Yogis sind dazu in der Lage über ihre Augen die vom Körper benötigte Lichtenergie der Sonne nutzbar zu machen. Ein indischer Yogi namens Prahlad Jani (heute 83 Jahre alt) ist einer dieser Wundermenschen, die angeblich seit Jahrzehnten (in seinem Fall sind es 70 Jahre!) ohne Essen und Trinken alleine von Sonnenlicht leben können. Er lebt seit 40 Jahren in einer Höhle im indischen Bundesstaat Gujarat und braucht wie er meint nichts mehr zu essen oder zu trinken, da er durch die Sonne von der göttlichen Mutter Segnungen bekommt. Damit kann er sich aus sich selbst heraus ernähren.

Für mich ist durchaus vorstellbar, dass sich diese Art der Sonnenmeditation noch weiter steigern lässt, und bewusster gemacht werden kann; auf Essen verzichten möchte ich aber nicht, denn schließlich ist ja Essen nicht nur zur Ernährung gut, sondern auch Genuss und eine schöne Möglichkeit mit anderen zusammen zu kommen.

 


Dahab / Sharm El Sheik, Sinai, Tag 6

Süß. So möchte ich den heutigen Tag beschreiben. Unglaublich, wie viel Zucker ich zu mir genommen habe. Die Teegläser sind hier kleiner, die Zuckermengen dafür umso größer.

Ich war mit Salem unterwegs. Wir hatten die zentrale Wasserstelle bzw. den Brunnen des südlichen Sinai besucht. Von dort beziehen alle Beduinen ihr kostbares Trinkwasser.

Etwas später dann sind wir nach Sharm-El Sheik gefahren, wo Salemaußerhalb der Stadt sein Zelt aufgestellt hat, auf einem großen Gelände, mit Raum für mindestens 400 Gäste. An einem langen Thresen standen viele Köche und Kellner, alle im Beduinen-Dress, und bereiteten das Essen für die geladenen Gäste vor. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit kamen Touristen, die einen „Beduinenabend“ erleben wollten.

Melonen, Gegrilltes und frischer Tee wurde serviert. Als ich gerade am Essen war, begann auf einer Bühne das Programm. Ein Derwisch drehte sich mit ausgebreiteten Armen, bis die Farben seines Rockes und die Gestalt des Mannes zu einem bunten Kreisel verschmolzen. Mehr als 20 Minuten ununterbrochenes Drehen um die eigene Achse. Wurde dem Mann denn gar nicht schwindlig? Vermutlich fokussierte er sich auf seine Hand und verlor dadurch nicht das Gleichgewicht. So tun es zumindest die Mevlana Derwische. Ihr Drehen symbolisiert die kosmische Drehung aller Dinge im Universum: der Galaxis, der Sonne und der Erde.

Dann tanzten ägyptische Frauen und Männer einen traditionellen Tanz. Die obligatorische Bauchtänzerin, die dann die Bühne betrat, hatte mit Beduinentraditionen nicht besonders viel gemein, wie mir Salem bestätigte. Erotisch bewegte Körperrundungen - wohl eher eine "Köstlichkeit" aus Kairo, zur Befriedigung touristischer Klischees. Inmitten des Trubels fing ich an, mich nach der Stille des bevorstehenden Wüstenritts zu sehnen, Reisende und begleitende Beduinen im Dialog am allabendlichen Lagerfeuer.

 

Sinai Wüste, Tag 7

Das Kamel ist ein kluges Tier. Zwar gehorcht es auf bestimmte Kommandos, aber zuweilen beharrt es stur auf seinen Willen. Starrt man ihm dann ins Gesicht, brummt es einem mit einem kurzen Anheben des Kopfes ins Gesicht. Kamel-Charaktere – sehr amüsant -  der den Tieren anhaftende Ruf, eher dümmlich zu sein, erweist sich als Vorurteil. 
Nach ca. 1 ½ Stunden Kamelritt waren wir trotz unseres relativ späten Starts weit vorangekommen: Im »Wadi Jineh« wurde nun unser erstes Lager aufgeschlagen. Unser Guide Amjad und die den Treck als Helfer begleitenden Beduinen Abu Lahum und Saadet breiteten Decken aus. Dann begannen sie mit dem Zubereiten eines köstlich einfachen Abendessens mit Suppe und frisch gebackenem Brot. Der Teig: Mehl, Wasser und Salz, vermengt, geknetet und dann zum Fladen geformt, wurde in der Glut des Lagerfeuers vergraben. Nach ein paar Minuten wurde das duftende Brot aus der Asche gehoben, sorgfältig ausgeklopft und dunkle Stellen mit dem Messer abgekratzt. Der Geschmack! Vergleichbar mit Brot aus einem Steinofen.
Die nächtliche Wüstenlandschaft war hell erleuchtet vom silbernen Mondlicht; Felsformationen in der Umgebung deutlich erkennbar. Der Vollmond kündigte sich an. Wie mir einer der Beduinenfreunde versicherte, wird diese Nacht dann so hell sein wie der Tag. Plötzlich kam mir ein lang vergessener Song von Mike Oldfield in den Sinn:
“I watched your vision forming, carried away by a moonlight shadow, Star was glowin’ in a silvery night, far away on the other side, Will you come to talk to me this night ...”.

 

Sinai Wüste, Tag 8

Aufgrund der ungewöhnlichen Stille, die uns umgibt, scheint sich die Zeit auszudehnen. Nur wenige Geräusche sind zu hören und die Gedanken kommen zur Ruhe. Die Sinne sind weit geöffnet, da nichts Störendes eindringen will. Was für ein Kontrast zu dem Leben in Europa, das uns ständig zwingt maschinellen Zyklen zu folgen - Computer, Verkehrsmittel, Fernseher und Handys.

Es gibt in der Wüste keinen Lärm, niemand drängt sich einem auf: keine schrillen Werbetafeln, nirgendwo blinkt und blitzt etwas, kein Tatütata, nichts versucht durch Aussendung von Reizen Aufmerksamkeit zu erzwingen. Nur die Landschaft selbst fordert sanft auf, den Blick schweifen zu lassen.
Als wir gegen Mittag das Jineh-Tal verlassen, kommen wir an einen kleinen Brunnen. Dort haben wir Gelegenheit uns zu waschen. Und das ist in der trockenen Hitze der Wüste, durch die das Körpersalz auf die Hautoberfläche befördert wird, natürlich etwas ganz Besonderes. Wie kostbar Wasser doch eigentlich ist. Der Brunnen wird genau so wie schon vor 2000 Jahren mittels eines kleinen Flaschenzugs bedient. In einem kleinen Eimer, der an einem Seil befestigt ist, wird das Wasser aus der Tiefe heraufgezogen.
Natürlich führen nicht alle Brunnen das ganze Jahr über Wasser. Die Beduinen kennen aber die Stellen, die, der Jahreszeit entsprechend, mit Wasser gefüllt sind, denn dort tränken sie ihre Kamele. Man muss hier nicht mit dem Auto in der Schlange warten, und nach dem Tanken an der Kasse bezahlen. Die Wüste bestimmt, was es heute gibt, und danach müssen wir uns richten – doch alles ist kostenlos. Über diesen Gedanken sinne ich noch etwas nach.
Das Bild des Brunnens in der Einöde, das sich mir hier einprägt, ist eine Wahrheit auf einer tieferen, essentiellen Ebene.
Nach unserer Rast am Brunnen, ritten wir noch ungefähr eine Stunde weiter, bis wir hinter einer Felsengruppe Schutz im Schatten vor der sengenden Mittagssonne fanden. Dort, im Bargar-Tal, rasteten wir dann für einige Stunden und durften wieder einmal das köstliche Essen der Beduinen genießen.

 

Sinai Wüste, Tag 8

Kamele sind wirklich bemerkenswerte Tiere. Das muss auch nach mehreren Tagen in der Wüste noch einmal betont werden, denn unsere Reittiere tragen zur humorvollen Grundstimmung der Reise bei: sie fressen fast alles, sogar mein Sonnenhut aus Stroh wäre ihnen zum Opfer gefallen, wenn mir nicht eine der Mitreisenden rechtzeitig lachend zugerufen hätte, dass meine Kopfbedeckung in Gefahr ist.

Die Tiere bewegen ununterbrochen ihren Mund. Entweder blökend, fressend oder wiederkäuend. Aufgrund des Wassermangels in der Wüste, halten

Kamele ihre Flüssigkeitsreserven durch das in Pflanzen enthaltene Wasser aufrecht. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, speichern Kamele Wasser nicht in ihren Höckern, sondern im Vormagen, wo es für vier Wochen verfügbar bleibt. Zusätzlich können Kamele ihre Nüstern verschließen, sodass nur wenig Feuchtigkeit beim Atmen verloren geht. Besonders ungewöhnlich finde ich aber, dass diese bemerkenswerten Tiere sogar Salzwasser trinken können, um ihren Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten!
Kamele: Überlebenskünstler in der brütenden Wüstenhitze - bestens ausgestattet, um  hier viele Tage ohne Nahrung und Wasser auszukommen. Irgendwie sind Kamele für mich eine »Kombination« aus Kuh und Pferd, weil sie viele der typischen Eigenschaften dieser beiden Tierarten in sich vereinen: sie sind Wiederkäuer, die Stuten geben Milch und Kamele sind Reit- und Transporttiere mit langer Ausdauer.
Ob das Tier wohl auch Gefallen findet an der wunderbaren Landschaft? Für einen Menschen ist eine Wüstenreise etwas sehr Besonderes – ohne Zweifel! Wir durchqueren große Ebenen, durchzogen von Sanddünen im Wechsel mit bizarren Felsen. Wind und Sonneneinstrahlung erschufen Steinformationen, die uns staunen lassen. Die Wüste malt mit Ocker, Rot, Violett und Gelb - gelegentlich auch mit ein wenig Grün und Felsen die durch schwarze Gesteinsschichten getrennt werden - ein wundervolles Bild.

Und während ich so auf dem Kamel reite, höre ich unserem Beduinenguide Abu Lahum zu, der ständig in Reimen spricht. Der Mann ist ein Poet: »Al Wadi Katadi, wa Wadi wa katati«. Teils Gebet, teils Segnung – oft aber einfach nur eine zur Situation passende Wortspielerei wie heute morgen beim Frühstück - »Good morning, good morning – morning, morning, morning«.

 

Sinai Wüste, Tag 9

Das Leben ist eine fließende Bewegung. Krankheit ist Arretierung und Zersetzung. Atmung ist Expansion und Kontraktion. Und was auf den Menschen zutrifft, gilt erst recht für das Leben generell. Natürlich wird auch die Wüste von den Prozessen des Wachstums und der Zersetzung bestimmt. Die Extreme der Wüste, die Kälte der Nächte und die Hitze am Tage, „zermürben“ über endlos erscheinende Zeiträume hinweg ganze Gebirgszüge. Sie verwandeln sich allmählich in Sand. Ich finde, das ist eine schöne Allegorie auf unsere tagtäglichen Probleme: Die besonders harten Brocken in unserem Leben lassen sich nur mit unendlicher Geduld und innerem „Sonnenschein“ mürbe machen.

Geduld, ja Geduld haben – ein großer Widerspruch zu unserem Leben in einer von hohem Tempo bestimmten Welt. Im Sinai ist alles so viel langsamer als in Europa. Die Bewegungen der Menschen, wie sie laufen, wie sie arbeiten. Vielleicht gibt es dort deshalb auch mehr Zeit für das Gebet.

Für die Beduinen ist das Gebet so selbstverständlich wie die täglichen Mahlzeiten. Und da das Gebet im Islam eine rituelle Reinheit voraussetzt, waschen sich Beduinen mehrmals täglich nach einer bestimmten Abfolge Hände, Gesicht, Mund, Nase, Ohren, Arme und Füße. Eigentlich beginnt das Gebet bereits mit der Waschung.
Vielleicht ist es etwas weit hergeholt, wenn ich nun auf den Parawissenschaftler Masaru Emoto verweise, der gezeigt hat, dass Wasser seine Kristallstruktur ordnet, wenn es bestimmten positiven oder heiligen Silben ausgesetzt wird. Fast wäre ich versucht zu behaupten, dass die rituelle Waschung im Islam das Wasser „in Form“ bringt.

Ein bewusst gesprochenes Gebet ist kein Herunterleiern irgendwelcher internalisierter Sätze, sondern der Mensch erinnert sich mit dem Gebet an seinen Ursprung  – ganz gleich welches Gebet oder Mantra das auch sein mag. Das Gebet im Islam wird mit Verbeugungen, mehrmaligem Niederwerfen und der Rezitation von Koran-Suren verrichtet. Die Gebetszeiten richten sich nach den Sonnenstationen des Tages. Zum ersten Mal wird während der Morgendämmerung gebetet, einmal mittags, einmal nachmittags (Sonne im Winkel zwischen Zenit und Horizont), nach Sonnenuntergang und schließlich kurz nachdem die Abenddämmerung endet. Die fünf Gebete im Zusammenhang mit dem Sonnenstand, sind auch eine  Anlehnung an die fünf Säulen des Islam: armen Menschen zu helfen, das fünfmalige Gebet zu verrichten, Bekenntnis zum Glauben, die Pilgerfahrt nach Mekka und das Fasten im Monat Ramadan.

Körperliche Reinheit, Meditation, Rückbesinnung auf die Weisheit der Suren und damit das Göttliche, kann man auch als „Behandlung“ der Chakren betrachten, denn in den Gebetspositionen werden die Hände auf bestimmte Körperregionen (3. Auge, Herz und Nabel) gerichtet.

Im islamischen Gebet drückt man in der Niederwerfung die Stirn auf den Boden - eine Gebetshaltung, die man in allen Religionen der Welt findet. Die Niederwerfung gleicht einer Übung in Demut. Manchmal scheint es mir, als ob wir verlernt haben, Demut zu empfinden. Besonders dann, wenn wir fordernd vor dem Computer sitzen, im Bann unserer Bedürfnissen nach Konsum und Unterhaltung.

 

Sinai Wüste + Mosesberg, Tag 10

Wie verschieden wir Menschen doch sind. Jeder erfährt die Welt auf seine ganz persönliche Weise - natürlich umfasst das gute und schlechte Erfahrungen. Aufgrund unserer subjektiven Wahrnehmung siedeln wir Stimmungen eher oben oder weiter unten auf der Skala an. Selbst wenn Erscheinungen ganz klare Formen annehmen, muss das nicht gleichzeitig heißen, dass die Empfindungen, die wir dadurch bekommen, auch der Wirklichkeit entsprechen. Oft sind eigene Lebensauffassungen und moralische Vorstellungen schwer mit der äußeren Wirklichkeit zu vereinbaren, insbesondere dann, wenn wir uns auf Reisen durch ein fremdes Land befinden.

Ich möchte hervorheben, dass unabhängig davon, wie „gekonnt“ wir -  aufgrund unseres über Jahre angesammelten Wissens - einen Vorfall interpretieren, unsere Wahrnehmung der Realität, noch lange nicht den äußeren Fakten entsprechen muss. Viel Leiden könnte vermieden werden, wenn wir uns so oft wie möglich darüber bewusst wären, dass „schlechte“ Erfahrungen, die wir im Leben machen, eigentlich eine Projektion unserer Innenwelt auf das „Außen“ sind. Wie wir uns innerlich fühlen, bestimmt die Wahrnehmung der Vorgänge um uns herum, ganz besonders die Handlungen oder Bemerkungen eines anderen Menschen. Das gilt für die ganze Vielfalt von Meinungen und Standpunkten, die um uns herum auftauchen, und unser Denken gegenseitig interferieren. Aber - je harmonischer und unvoreingenommen mein Inneres ist, desto weniger wird mein „Bewusstseinsfeld“ durch „Einstreuungen“ von außen verwirrt.

Das „Loslassen“ verfestigter Standpunkte, die fast immer durch die geistige Übernahme von Meinungen und Sichtweisen anderer Menschen gekennzeichnet sind - man könnte auch von der Notwendigkeit einer Umdeutung der eigenen Lebensgeschichte sprechen – wird es uns ermöglicht, Prägungen zu „korrigieren“ und zu sehen, wie die Dinge in Wahrheit sind. So werden wir zum „Klezmer“, zum Gefäß für Neuigkeiten. Das ist ein wahrhafter Lernprozess. Dazu gehört aber, das wir die persönliche Geschichte als tatsächlich „vergangen“ ansehen, da sie ja faktisch nicht existent ist - sie gehört der Vergangenheit an, ist nicht mehr zu verändern und deshalb unnötig für das Handeln im Jetzt.
Besonders wichtig erscheint es mir, die Beschäftigung mit der persönlichen Geschichte hinter sich zu lassen, und sich stärker mit der Geschichte aller Menschen auseinanderzusetzen: der Weltgeschichte, Staatengeschichte, Menschheitsgeschichte, Religions- und Wissenschaftsgeschichte. Vielleicht benutzen wir unsere gedachte und gesprochene Sprache auch nicht adäquat, um solch ein, durch die Vergangenheit geprägtes Denken zu eliminieren, um das „Kind beim rechten Namen nennen“ zu können.

„Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder“ Matthäus 18,3.

In der semitischen Sprache (hebräisch, arabisch, aramäisch) gibt es eine seltsame Gleichzeitigkeit von Zukunft und Gegenwart.
Ein Beispiel: Als einst der Prophet Moses den brennenden Dornbusch am Fuße des Mosesberges fand (der Ort, an dem heute das Kloster St. Kathrin steht), verkündete ihm Gott seinen wahren Namen und prophezeite ihm, dass er dereinst das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft befreien werde. Auf seine Bedenken hin fragte Moses, wen er als Auftraggeber nennen solle, und Gott antwortete „Eh-yeh Ascher Eh-yeh“: „Ich bin, der ich bin“. Gleichzeitig bedeutet dies auch „Ich werde sein, der ich sein werde“.

Im übertragenen Sinne könnte man diese sehr interessante sprachliche Übereinstimmung von Gegenwart und Zukunft auch als die ewig gültige Wahrheit Gottes auffassen – als das, was im Hinduismus als „Brahman“ bezeichnet wird. Und da, um diesen Gedankengang weiterzuführen, sich aus diesem Brahman, der Weltseele, das Atman, unser Selbst, entwickelte (wir also ein Teil dessen sind), ließe sich „Eh-yeh Ascher Eh-yeh“ auch mit „Ich werde sein, was ich jetzt bin“ übersetzen: es geht darum - jetzt - im gelebten Moment, das Gefühl dafür zu entwickeln, dass der Zustand, den ich in mir ersehne, bereits Wirklichkeit geworden ist. „Ich bin, was ich sein werde“.

 

Mosesberg und Kloster St. Kathrin, Tag 11

Eine Pilgerstätte - Hunderte von Menschen, manchmal sogar Tausende, haben in einem relativ kurzen Zeitabschnitt dasselbe Ziel: einen bestimmten Ort zu erreichen. All die Seelen, die dort zusammenkommen – ist das reiner Zufall? Viele der sich im Kloster St. Kathrin und seiner Umgebung, dem Mosesberg, einfindenden Menschen würden von sich aus wohl eher sagen, dass sie sich auf einer »Sightseeing Tour« befinden und das Kloster einer jener Orte ist, die man im Leben gesehen haben müsste. Für die Angestellten und Betreiber des Klosterhofes sind diese Menschen trotzdem Pilger, also Menschen, die an diesen Ort kommen, weil sie sich davon Seelenheil versprechen und auf Gleichgesinnte treffen wollen.

Das Besondere an St. Kathrin ist, dass hierher aber nicht nur Menschen eines Glaubens pilgern, wie es auf Pilgereisen oft die Regel ist. Als Mekka-Pilger ist man verpflichtet, Muslim zu sein, damit man Zugang zur Kaaba bekommt. Allerdings sind auf dem Camino de Santiago, dem Jakobsweg, bestimmt auch schon Menschen gewandert, die vielleicht noch nicht einmal getauft sind.

Da die Figur Moses aber sowohl für Juden (in der Thora) und Christen (Pentateuch des alten Testaments), als auch bei den Muslimen (Moses – „Musa“ wird im Koran erwähnt) eine wichtige Rolle spielt, begeben sich Angehöriger aller drei Religionen an diesen heiligen Ort. Dies ist vielleicht vergleichbar mit Jerusalem, jedoch mit einem großen Unterschied: alle laufen zusammen den Weg auf den Gipfel des Sinaiberges, um dort dann gemeinsam den Sonnenaufgang zu bestaunen.

Am Fuße des Berges, auf ca. 1.500 m Höhe, befindet sich das Kloster St. Kathrin. An dieser Stelle soll dem Propheten Moses einst ein brennender Dornbusch erschienen sein, aus dessen Flammen Gott zu ihm sprach und ihm seinen wahren Namen offenbarte: »Ich bin, der ich sein werde«. Dieser Dornbusch wächst bis heute an einer Stelle im Klosterhof und ist nur aber über einen Zaun hinweg zu bewundern. Unter dem Busch steht ein Feuerlöscher - falls er noch einmal brennen sollte - ein wundervoller Widerspruch in sich, denn würde man ihn dann löschen oder brennen lassen?

Neben dem Dornbusch befindet sich die Klosterkirche, und direkt neben diesem Gebäude steht eine Moschee. Ja, eine Moschee innerhalb der Mauern eines griechisch-orthodoxen Klosters! Die Moschee ist zwar kein Gebetshaus mehr im eigentlichen Sinne, wurde aber als solches im 11. Jahrhundert erbaut, als der damalige Kalif Al-Hakim versuchte, das Kloster einzunehmen. Die Mönche luden den Kalifen - zu seinem höchsten Erstaunen -  ein, in ihrer Moschee zu beten, woraufhin er diesen Ort verschonte und unter seinen Schutz stellte. Interessant, wie man mit Demut Gewalt in Frieden verwandeln kann!
Die im Kloster arbeitenden Beduinen, verrichten ihre fünf täglichen Gebete innerhalb der Klostermauern an einem dafür vorgesehenen Ort. Sie sind für den gesamten Klosterbetrieb zuständig. Es sind eigentlich zwei Familien, die den Klosterbetrieb am Laufen halten: eine Beduinenfamilie, eine Familie koptischer Christen und deren befreundete Helfer. Alle anderen scheinen Gäste zu sein.

 

Dahab, Tag 12

Stehende Hitze, 40°C im Schatten, extrem schwül und alles läuft sehr, sehr langsam. Heute war einer dieser Tage, die man Urlaub nennen kann: nichts tun, „abhängen“, faul sein. Dabei leitet sich das Wort „Urlaub“ etymologisch gesehen von „Erlaubnis“ ab, die man sich einholen muss, um mal Pause zu machen. „Ich habe Urlaub“, „ich mache Urlaub“ - man mache sich mal bewusst, was das eigentlich bedeutet: jemand anderen fragen zu müssen, ob es möglich sei, Zeit für sich selbst zu nehmen. Ich schreibe hier viel strenger, als ich es natürlich meine. Denn eine „Erlaubnis“ braucht man ja nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch als Selbstständiger, der seine Mitarbeiter um ihre Hilfe bitten sollte, wenn er sich denn mal eine Auszeit gönnen möchte. Die meisten Selbstständigen machen nie Urlaub, aus Angst ihre Kunden um Erlaubnis bitten zu müssen. Gibt es noch eine andere Erwerbsvariante als die des Beamten, Angestellten oder Selbstständigen?

So etwas wie Urlaub gibt es vermutlich erst, seitdem es Lohnarbeit gibt. Reisen im heutigen Sinne war in früheren Zeiten nur dem Adel, dem Klerus oder reichen Geschäftsleuten vorbehalten. Von einem „Urlaub“ konnte man aber eigentlich nicht sprechen, denn jede Reise hatte einen Zweck. Eine Reise wurde aus diplomatischen Interessen angetreten, eine aus missionarischen, die andere Reise war eine Pilgerfahrt. Oder man musste Heimatort und Land verlassen, weil es nichts mehr zu essen gab. Oder weil sich andere auf eine Reise gemacht hatten, die nur ein Ziel hatte: nämlich das Land der „Anderen“ mit einem Feldzug einzunehmen. So ist Reise zum einen Flucht, zum anderen Abstand zum Dagewesenen. Heutzutage fliehen die Menschen vor dem „Alltag“, dem bereits Dagewesenen, in den Urlaub. Viel Action und Vergnügen. Und schon wieder so eine Verschiebung der eigenen Bedürfnisse: „Ver-Genügen“.

In der Bibel steht, dass Gott am siebten Tag ruhte, nachdem er sein Sechstagewerk vollbracht hatte. Laut Kabbalah zog sich der Schöpfer in sich zurück, nachdem er in die sechs Richtungen „gefahren“ war, wieder zurück in seine Mitte: die „7. Richtung“.
Dieser Tag ist bei den Muslimen der Dschumah, der Freitag, bei den Juden der Schabbat, der Samstag, und bei den Christen der Sonntag.
Und ich sitze hier und schreibe das alles an einem Montag, an dem ich dann einfach nur tue was ich will: NICHTS!