Prophet

Visionen eines deutschen Propheten

von S. Levent Oezkan

Jakob Böhme - ewigeweisheit.de

Zu den größten Mystikern der Neuzeit zählt sicherlich Jakob Böhme, verbanden sich in seinem Werk doch Prophetie, Vision und eine bis dahin nicht dagewesene Theosophie und Metaphysik. Die Einflüsse der mystischen Betrachtungen aus seinen Visionen, sind auch heute noch über die Grenzen Deutschlands hinaus, in den Kreisen spirituell Gesinnter gegenwärtig.

Im Ausland nannte man ihn den »Philosophus Teutonicus«. Doch er war ein einfacher Mann, der bekanntlich in Görlitz eine Schusterei unterhielt. Karl Marx sagte einmal über ihn:

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Doch auch wenn Böhme ein recht unscheinbarer Mensch gewesen sein mag, war er doch von großer Geistesmacht erfüllt. Seine Philosophie bestand vor allem in einer »Göttlichen Weisheit«, war eine Theosophie, also etwas, dass weniger aus dem Weltgeist, als eher aus einem Geist des Göttlichen, durch Erkenntnis erlangt werden will. Böhme hatte die göttlichen Offenbarung aus der Bibel, intuitiv, als Vision. Doch gleichermaßen seine Empfindung von Naturereignissen.

Das ihn heute sowohl Theosophen, Rosenkreuzer und Philosophen verehren, bedeutet gar nicht, dass das immer so war. Denn zu Böhmes Lebzeiten durfte er mit solch hohen Ehren nicht immer rechnen. Zwar hatte er einen großen Schülerkreis, doch es gab auch Menschen, die seine Lehren als Irrglauben verwerfen wollten und sich ganz und gar gegen sein weiteres Wirken stellten.

Kein Mystiker kommt schon fertig auf die Welt. Jeder muss seine vornehmen Fähigkeiten auch auf weltlicher Ebene begründen lernen. Jakob Böhme aber sollte in die Geschichte eingehen, als einer der außergewöhnlichsten Weisen der europäischen Geistesgeschichte. Niemals hatte er ein Studium an einer Universität genossen oder gar eine theologische oder wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auf spirituell suchende Menschen, üben seine religiös-esoterischen Schriften eine inspirierende Wirkung aus, ganz unabhängig welche Bildung sie genossen haben oder welcher religiösen Weltanschauung sie folgen. Seit mehr als vier Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert. Wer darum meint, dass seine Schriften nur auf Laien Einfluss ausübten irrt! Unter seinen Lesern befanden sich auch einflussreiche Philosophen, darunter etwa so Größen wie Leibniz, Hegel, Schelling, Novalis oder Ernst Bloch. Hegel nannte Jakob Böhme den ersten deutschen Philosophen.

Seine philosophischen Einschätzungen basierten allein auf Glauben und Gottesfurcht. Es muss eben seine ungewöhnliche Hellsicht gewesen sein, oder nennen wir es, sein »Visionsvermögen«, dass ihn zu dem befähigte, was er in seiner relativ kurzen Lebenszeit vollbracht hatte.

Wer Jakob Böhmes Schriften ließt, merkt bald, dass ihnen etwas an Form abgeht. Manchmal bewegt man sich beim Lesen der Werke Böhmes, wie durch ein Labyrinth. Nach und nach bemerkt man, dass sich durch den Text ein roter Faden zieht, dessen Ende geknüpft zu sein scheint an die Wirkungen höchster Erkenntnis.

Dennoch aber nimmt Jakob Böhme als Religionsphilosoph eine Sonderrolle ein, da er nicht etwa aus einer Weisheitstradition heraus schrieb und lehrte, sondern alles aus seinem visionären Eingedenken kam. Was er dabei fand, sollte ihn wohl zu einem der einflussreichsten Gestalten der frühen europäischen Neuzeit machen.

Ein praktisches Christentum

Auch wenn Jakob Böhme schon als junger Mann die Heilige Schrift studierte und ein disziplinierter Kirchengänger gewesen ist, gewann er seine weisen Einsichten dennoch in außergewöhnlichen Gottesvisionen.

Das reguläre evangelische Christentum, in seiner rein wörtlichen und intellektuellen Form, erschien ihm erstarrt. Drum versuchte er ein praktischeres Christentum zu entwickeln, das sich über die reine Textkunde des Bibellesens erhob. Doch niemals strebte er an, eine neue christliche Sekte zu gründen. Zeit seines Lebens blieb er Lutheranischer Christ, denn eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen war etwas, das ihm ganz und gar nicht entsprach. Und trotzdem: wie wohl kaum einer nach ihm, lebte er den Satz:

Denn in ihm leben, weben und sind wir

- Apostelgeschichte 17:28

was die Zeilen des großen Angelus Silesius bestätigen:

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament.
Der Salamander muss im Feuer erhalten werden:
Und Gottes Herz ist Jakob Böhme's Element.

Herz-Symbol Böhmes - ewigeweisheit.de

Das Böhme'sche Herz: Dieses Symbol enthält in seiner Mitte ein weißes Dreieck, worin sich 1 + 2 + 3 + 4 = 10 Positionen zur sogenannten »Tetraktys« formen. Darin lassen sich verschiedene Zeichen unterbringen. In diesem Fall sind es die Buchstaben des Heiligen Namen JHVH, hebräisch יהוה (das sogenannte »Tetragrammaton«; was dieses heilige Symbol im Einzelnen bedeutet, wird beschrieben im Buch: Lehrbuch der Mystischen Kabbala). Da nun in der Mystik Jakob Böhmes, das alchemistische Feuer eine zentrale Rolle spielt (siehe unten), fügte er das Schin, hebräisch ש, in diesen hebräischen Namen ein: das geheime Symbol für das Feuer in der Kabbala. Dieser Buchstabe eingefügt, in der Mitte zwischen den vier Buchstaben des Tetragrammaton יהוה, ergibt den hebräischen Namen יהשוה Jehoschua (hebräisch für »JHVH ist Hilfe«), die hebräische Fassung des latinisierten Namen »Jesus«. Den Kreis umringen die Buchstaben des Namen »Christus« und in den Flammen lassen sich außerdem die Namen »Iesus« (lateinische Schreibweise von »Jesus«) und »Immanuel« (hebräisch für »Gott ist mit uns«) entziffern, wobei die Endsilbe dieses Namens, »El«, ein anderes hebräisches Wort ist für »Gott« und im unteren Bereich dieses Symbol bewusst alleinstehend platziert ist. So entsteht also aus der Vierheit des wichtigsten Namen יהוה im jüdischen Glauben, mit dem geheimen Zeichen für das Feuer, ש (Schin), ein fünfbuchstabiger, hebräischer Name, der in diesem Symbol Böhmes, mit den anderen Namen  ein mystisches Emblem bildet: »Immanuel Jesus Christus«.

Der Teutonische Prophet aus Görlitz

Jakob Böhme kam 1575 in Alt-Seidenberg zur Welt, einem kleinen Ort nahe der Stadt Görlitz in der Oberlausitz. Seine Eltern waren Bauern in ganz einfachen Verhältnissen. Für den jungen Böhme gab es darum nur eine ganz einfache religiöse Schulausbildung, wo er auch Lesen und Schreiben lernte.

Als kleiner Junge musste er als Hirte arbeiten und war ein stilles, ein introvertiertes Kind mit einem leicht verträumten Blick. Doch schon als Kind besaß er die Fähigkeit zur Vision, die er selbst jedoch als natürlich-real empfand.

Einst hütete der junge Jakob Böhme Vieh, zusammen mit anderen Hirtenknaben. Doch er entfernte sich von der Gesellschaft der anderen Jungen und bestieg die Landskrone, einen kleinen Berg in der Nähe seines Heimatortes. Es war Mittag als er dort ein Eingangstor aus vier roten Steinen in den Felsen entdeckte. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, worin sich reines Gold befand. Nicht aber griff er danach, sondern rannte vor lauter Panik davon, als wäre das, was er dort vorfand, nichts als Teufelswerk. Was er aber damals gesehen hatte blieb ihm als tiefer Eindruck in Erinnerung. In Begleitung seiner Freunde suchte er den Ort erneut auf, doch er war verschwunden. Hatte er das alles nur am helllichten Tag geträumt, in einem Wachtraum in dem er nicht ganz bei sich war?

Es schien, als wäre ganz tief in seiner Seele damals etwas wachgerüttelt worden, was er sonst nicht erfahren hätte. Etwas wurde sozusagen »psychisch aus ihm herausgelöst«. Der junge Böhme war eben jemand, der dazu befähigt war tiefer in die Versenkungen seiner Seelenwelt hinabzusteigen.

In seinen späteren Lehrjahren zum Schuster, hatte er eine weitere überirdische Erscheinung: da kam ein Mann, der ihm Schuhe abkaufen wollte. Doch da er als Lehrling zum Verkauf noch keine Befugnis besaß, ging er auf die Frage erst nach langem Zögern ein. Der Interessent wandte sich erst ab, doch rief dann plötzlich mit lauter Stimme:

Jakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dir verwundern wird. Darum sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort. Insbesondere ließ gerne in der Heiligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Armut, Not und Verfolgung erleiden müssen, denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig.

Nach diesem Erlebnis wurde Böhme nur noch unsicherer und ernster. Sein ganzes Leben richtete er danach auf Moral, Gebet und Meditation. Er neigte dazu auch andere zu christlicher Frömmigkeit zu ermahnen, wozu natürlich auch Besucher der Schusterei seiner Lehrjahre gehörten. Als ihn aber sein Meister dabei erlebte, ermahnte er ihn »keinen Hauspropheten« zu brauchen. Das nächste Mal das er ihn dabei ertappte, führte das zu Böhmes Entlassung.

Darauf begab sich der junge Böhme als Geselle auf Wanderschaft. In jener Zeit lernte er, dass sich seine Umwelt in einem großen theologischen Konflikt befand, wo sich die verschiedenen Parteien der Evangelischen Kirche in den Haaren lagen. Es kam ihm vor, als befände sich die noch junge christliche Konfession in einer Art Babylon, wo jeder seiner Überzeugung nach in fremder Sprache die anderen beeindrucken und bekehren wollte.

In dieser Zeit las er viel in der Bibel und studierte auch astrologische Schriften. Böhme war eben ein sehr frommer Mensch, der viel betete und über die erfahrenen Gottesworte meditierte. Es war während dieser Zeit, als er sieben Tage lang in eine Ekstase geriet. Es war, als er gerade Handarbeit ausführte, wo ihm sein spiritueller Meister wie aus dem Nichts begegnete. Da schien er aufzusteigen, seinen »Seelen-Sabbath« erfahrend, einer Phase spiritueller Entrückung. Wie von göttlichem Licht umfangen, sah er sich selbst in einer Welt größter Stille und Freude. Doch es war ein rein innerliches Erleben, denn um ihn blieb alles so wie es war. Danach aber fühlte er sich wie von den Toten erwacht.

Solche Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, gewährten ihm Einblicke in eine Welt, wie sie vor ihm wohl nur die Propheten der Bibel erlebt hatten.

Morgenröte im Aufgang

1594 kehrte Jakob Böhme zurück nach Görlitz. Ab 1599 eröffnete er dort eine Schusterei und heiratete im selben Jahr die Tochter eines Fleischers, die ihm zwischen 1600 und 1606 vier Söhne gebar. In dieser Zeit erlebte Böhme weitere mystische Visionen. Doch er schwieg darüber. Er wollte sie für sich behalten, um erst zu verstehen, was er dabei eigentlich erfuhr.

Als er eines Tages in seiner Schusterei saß, fiel sein Blick auf einen polierten Zinnbecher der vor ihm auf seinem Arbeitstisch stand. Die Sonnenstrahlen, die sich darin reflektierten, erzeugten eine wundersame Lichterscheinung, die seine Wahrnehmung derart absorbierte, dass er in eine Art ekstatischen Zustand verfiel. Was er da erlebte war einzigartig, denn er fühlte sich wie aus dieser, in eine andere Realität entrückt, worin sich ihm die tiefsten Geheimnisse der Dinge offenbarten und er die ihnen innewohnenden Prinzipien erkannte.

Diese Erfahrung war so eindrucksvoll, dass er nicht länger darüber nachdenken wollte. Vielmehr suchte er Ablenkung und begab sich ins Grüne. Er wollte nicht so recht wahrhaben, was er da erlebt hatte und redete sich ein, dass diese Vision auf einer Einbildung basiert haben müsse. Nur gelang ihm das nicht, denn als er dort im Grünen stand, vermochte er auf einmal ins Innerste der Dinge zu schauen, die um ihn herum zu sehen waren. Alle Pflanzen und Gräser dort, waren in Harmonie damit, was er von innen heraus in seiner Vision vernommen hatte. Doch er wusste genau, dass er darüber mit niemandem sprechen konnte. So dankte er Gott für diese Erfahrung und behielt sie im Geheimen für sich.

Ein spirituelles Tagebuch

In den folgenden Jahren arbeitete Böhme als Schuster in seiner Schuhbank, wie man damals die Schustereien nannte. Er ging gewissenhaft seiner Arbeit nach und hatte mit allen Menschen einen guten Umgang.

Im Jahr 1610 erlebte er erneut etwas, dass er nicht durch seine alltägliche Erfahrung erklären konnte. Die prophetisch-visionären Eindrücke, die er als Junge vernahm, erschienen ihm jetzt als recht chaotisch und nur bruchstückhaft. Er empfand sie nur als Momentaufnahmen. Jetzt aber sah er vor seinem inneren Auge eine ganz deutliche Vision. Er vernahm darin die Wirkungen eines Teils von etwas viel Größerem, empfand ihn in vollkommener Klarheit als Element einer allumfassenden Ganzheit.

Was er erlebte, schrieb er auf. Doch es war nicht seine Absicht diese Schriften zu veröffentlichen, da er sich als Schuster einem Dasein als Literat nicht gewachsen fühlte. So blieb das was er schrieb ähnlich einem Tagebuch, ein Notizheft, um sich an die gemachten Erfahrungen besser erinnern zu können. Denn es kam vor, dass ihm seine Visionen entglitten.

Jeden Morgen bevor er sich zur Arbeit begab, schrieb er darum auf, was er gesehen und erlebt hatte. Die Zeilen, die aus dieser Schreibtätigkeit entstanden, wurden zu seinem Erstlingswerk: Die »Morgenröte im Aufgang«, dem man später den lateinischen Titel Aurora hinzugefügte. Den ursprünglichen Titel gab er dieser Schriftensammlung wohl auch wegen der Tageszeit, in denen er sie verfasste.

Für einen einfachen Schuhmacher, der keinerlei akademische Vorkenntnisse besaß, war dieses Werk eine erstaunliche Leistung. Doch wie er meinte, schrieb er die Texte nicht allein. Wie ein heftiger Schauer kamen ihm Erkenntnisse und was er dabei zu Papier brachte, schien wie in einem Fluss aus seiner Hand, recht ungeordnet auf dem Papier (jeder der sich schon mit Böhmes Aurora befasste, vermag das wohl auch nachzuvollziehen).

In der Aurora kommen die Lehren der Alchemisten und Theosophen zur Sprache. Was genau er darin aber veröffentlichte, gab er nur seinen engsten Freunden zu lesen. Viele Ärzte und Adlige waren unter Böhmes Freunden. Wegen der Tragweite, der darin getroffenen Aussagen über seine Erlebnisse, schienen sich die darin enthaltenen Texte, fast schon danach zu sehnen, von einer größeren Leserschaft gelesen zu werden. So kam es tatsächlich dazu, das ohne Böhmes Wissen, ein adeliger Bekannter unter seinen Freunden, tatsächlich Abschriften von seiner Aurora verbreitete.

Böhmes Werk las auch ein Schüler des berühmten Paracelsus. Es war der Arzt und Alchemist Balthasar Walther (1558-1631), der Leiter eines »Geheimen chymischen Laboratoriums« in Dresden. Walther war ein viel bereister Mann, der sich nach Syrien, Arabien und Ägypten begab, um dort nach den wahren Quellen der alten Kabbala und Magie zu forschen. Was er aber in Jakob Böhmes Aurora fand, erkannte er als tiefste Weisheit und jenseits dessen, wovon er bisher erfuhr.

Wegen seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit aber, verkaufte er seine Schuhmacherei schon 14 Jahre nach ihrer Eröffnung – ein Zeitraum der uns heute echt lange vorkommt, doch in damaliger Zeit empfanden die Menschen das anders. Von da an auf jeden Fall lebte er von der Unterstützung seiner Freunde. Damit aber kam er immer wieder in große finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich hatte er seine Kinder zu ernähren und ein Wohnhaus abzubezahlen, dass er 1599 in Görlitz gekauft hatte.

Jakob-Böhme-Denkmal Görlitz - ewigeweisheit.de

Jakob-Böhme-Denkmal im Görlitzer Park des Friedens (Foto: Ausschnitt aus dem Original von Südstädter; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Aufbegehren eines Görlitzer Pfarrers

Die Kopien der Aurora, die sein Freund Carl von Endern anfertigen ließ, verbreiteten sich schnell. Eine davon fiel in die Hände des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter (1560-1624). Wenn man ihn heute als aufgeblasenen Besserwisser bezeichnen würde, träfe das wohl recht gut zu auf den Charakter dieses Kirchenmannes. Was Jakob Böhme geschaffen hatte, war Richter einfach nicht geläufig und vermutlich fehlte ihm das nötige Erkenntnisvermögen, um die Aurora überhaupt zu verstehen. Er aber, als Pastor primarius, fand in Böhme nichts als einen Widersacher, der ihm als Pfarrer nur Konkurrenz machen könnte.

In einer seiner Sonntagspredigten beschuldigte er Jakob Böhme, sich zu brüsten als neuer Prophet – was dieser aber niemals tat. Doch in Wirklichkeit schien er vielleicht tatsächlich ein solcher gewesen zu sein.

An jenem Tag war Böhme selbst unter den Kirchenbesuchern. Nach der Predigt wartete Böhme auf Gregorius Richter am Eingang der Kirche, um von ihm freundlich in Erfahrung zu bringen, worin sein Vergehen eigentlich lag. Doch Richter drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht sofort aus seiner Gegenwart entferne. Am nächsten Morgen erhielt er vom Amtsgericht der Stadt Görlitz eine Ausweisung aus der Stadt, die aber kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Man verbot Jakob Böhme von da an aber die weitere Veröffentlichung des Buches Aurora. Auch seine schriftstellerischen Tätigkeiten durfte er nicht weiter ausüben.

Anders als von Gregorius Richter erhofft, kam aber durch dieses Ereignis die Aurora Böhmes erst noch größere Aufmerksamkeit und verbreitete sich schneller, als sich der Oberpfarrer Richter in seinen schlimmsten Alpträumen auszumalen vermochte. Es sprach sich herum, dass dort in Görlitz ein wahres Genie zu Hause sei, dass man aufsuchen solle. Und so wollten bald möglichst viele unter der damaligen, deutschen Bildungsbürgerschicht wie auch aus Kreisen des Adels, den Meister Jakob Böhme persönlich treffen.

 

Über fünf Jahre befolgte Jakob Böhme das Diktat der Amtsrichter. In dieser Zeit schrieb er nur für sich. Es blieb ihm aber unbegreiflich, dass er nun nicht dem Gebot seiner göttlichen Vision folgend schrieb, sondern dem Zwang der Kirche gehorchen musste.

Drei Göttliche Prinzipien

Nach einer langen Zeit des Schweigens aber, überredeten ihn im Jahr 1618 Freunde dazu, erneut seiner Berufung nachzugehen und was ihm in seinen Visionen erschien auch aufzuschreiben. Doch in seinem Wirken als Schriftsteller, blieb Böhme stets eine eigene, individuelle Erscheinung in der Geschichte der Mystik. Zwar schienen viele philosophische Strömungen in seinem Werk zusammenzulaufen, doch sie verschmolzen gleichsam im alchemistischen Ofen seines inneren, esoterischen Empfindens. Insbesondere die Zahl Drei nahm in seiner mystischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. 1619 erschien in diesem Kontext sein zweites Werk: De tribus principii – »Die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens«.

Für Jakob Böhme bildete das Universum seinem Wesen nach drei Welten. Aus ihnen entstand alles Sein. Die transzendente Einheit Gottes aber wies dessen Weg, zu seinem Selbstausdruck in der Welt.

Gott ist von Ewigkeit Alles alleine; sein Wesen teilet sich in drei ewige Unterschiede. Einer ist die Feuer-Welt; der Andere die Finstere Welt; und der dritte die Licht-Welt. Und ist doch nur Ein Wesen in einander, aber keines ist das Andere.

[…]

Das rechte Leben stehet im Feuer; dort ist der Angel (die Befestigung) zu Licht und Finsternis. Der Angel ist die Begierde: womit sich die füllet, dessen Feuer ist die Begierde, und dessen Licht scheinet aus dem Feuer; dasselbige Licht ist der Gestalt oder desselben Lebens Sehen, und das eingeführte Wesen in die Begierde ist des Feuers Holz, daraus das Feuer brennet, es sei herbe oder sanft, und das ist auch sein Himmel-oder-Höllen-Reich.

Das menschliche Leben ist der Angel zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennet es. Gibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Gewiss ist das eine Trinität, der man auch in der Alchemie begegnet. Diese Geheimwissenschaft aber verwendet andere Namen für diese Dreiheit (nämlich Sulphur, Mercurius und Sal). Was aber der daraus bereitete »Weiße Stein« den Alchemisten galt, war für Jakob Böhme jene universale Dreifaltigkeit der göttlichen und sinnlich-wahrnehmbaren Schöpfung, worin wir als Menschen leben und handeln.

Mit der Welt des Feuers bezeichnete Böhme den unbegrenzten Willen Gottes, den er während seiner Schöpfung konzentrierte auf die natürliche Welt, als Inspiration zu werden. Was auch immer werden soll, braucht Feuer. Und aus diesem Urfeuer der göttlichen Schöpfung entstand ein Paar von Gegensätzen:

  • Eine finstere Welt der Konflikte, der Übel, was man als die ewige Natur des Materiellen bezeichnen könnte, und
  • eine lichtvolle Welt, erfüllt von Weisheit und Liebe. Das ist der ewige Geist, der Nous, wie ihn Platon nannte.

Die dunkle Welt ist das Widerspenstige im Leben, alles was den Gegensatz zum Göttlichen bildet – die Welt des Unverbesserlichen, kurz: die Probleme – das was uns in unserem Leben Kopfzebrechen bereitet. Die Reiche des Lichts aber bildet die Welt des Guten. Es leuchtet aus dem Herzen Gottes, durch sein Wort, dem Logos, der sich jedoch vom feurigen Prinzip seines Willens unterscheidet.

Fest steht, die Finsternis bleibt die Voraussetzung für das Licht, denn alles was in der Welt entsteht, benötigt einen Gegensatz, durch den es sich ja überhaupt als kontrastierendes Abbild manifestieren kann. Gewissermaßen ließe sich dieses Axiom auch in der Geschichte von Böhmes Wirken sehen, als prophetischer Schriftsteller. Auch andere Autoren die mit ihren Veröffentlichungen in Konflikt gerieten mit der etablierten Geisteselite, hatten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen. Erst nämlich durch die Problematik, die sich aus diesen widerstrebenden, verneinenden Kräften ergab, fand eine neue Lehre das notwendige Licht, um sich aus dem Dunkel überkommener Sichtweisen zu erheben.

Das erkannte Böhme sehr wohl. Für ihn war die äußere, alltägliche Welt sowohl gut und böse zugleich, sowohl grauenhaft wie entzückend, worin Liebe und Zorn gemeinsam bestehen. Doch das nur, als die Bestandteile eines selben Ursprungs, die Böhme eben durch seine Definition des Feuers beschreibt. Und in diesem Feuer streben das natürliche und das geistige Leben zum Licht. Ziel aber sollte dem Menschen sein, das Licht aus seinem feurigen Ursprung hervorzubringen, denn was sonst bleibt zurück vom Feuer, als nur Asche und schwarzer Ruß. Hier sprach Jakob Böhme allegorisch vom »Blühen der Lilie«, die für ihn die Neugeburt des Christus symbolisierte. Wieso? Für Böhme befand sich das Universum scheinbar in einem riesigen alchemistischen Prozess, wo in einem allegorischen Kochtopf (Feuer), unablässig das Unedle (Finsternis) in lauteres Gold (Licht) destilliert wird. Und so wie sich dieser Veredelungsvorgang im Makrokosmos der Welt vollzieht, so auch im Mikrokosmos des Menschen. Auch der Mensch als Erscheinung seiner Spezies, befindet sich in einem Zustand des Werdens. Es ist darum gar nicht zu vermeiden, dass in diesem Werden, sich in dieser Veränderung zu etwas Neuem, durchaus Konflikte ergeben, wo sich eben Licht- und Finsterniskräfte empfindlich berühren. Übertragen auf das Leben eines Menschen, sind das die Probleme, die sich in unserem Dasein ergeben und bewältigt werden wollen.

Was die Hermetiker als das »Große Werk« anstreben, darauf soll auch der Mensch hinarbeiten. Der nämlich muss sein weltliches Leid ertragen lernen, um die in ihm wirkenden Gegensätze von Feuer und Licht zu überwinden.

Um dereinst zu den Himmlischen zu zählen, muss sich ein Mensch gegen die finsteren Anteile des Feuers wehren, um dabei das Licht daraus zu erlösen, was natürlich nicht immer einfach ist. Das weiß jeder, der schon ein paar Jahre auf unserer lieben Erde wandelt. Da der Mensch aber alle drei Aspekte der dreifaltigen Welt in sich trägt – Feuer, Licht und Finsternis –, ist, wenn er diesen unausweichlichen Kampf mit seinen Problemen austrägt, ein Sieg über seine Leiden durchaus gewiss.

[...] wenn einer einen rechten Menschen stehen sieht, mag er sagen: Hier sehe ich drei Welten stehen […]

- Aus Jakob Böhmes »Von sechs theosophischen Punkten«, Erster Punkt, 2. Kapitel

Das menschliche Leben ist der Angel (die Befestigung) zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennt es. Begibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Unzählige Abenteuer vermag ein Mensch in jenem Urfeuer zu erleben. Seine Flammen schlagen eben aus den Tiefen der Hölle bis in die höchsten Höhen aller Himmel. Feuer ist wie das Leben: Kummer, Mühen und Konflikte ereignen sich unausweichlich. Da sich die Flamme dieses Feuers jedoch zur dunklen wie zur lichten Seite hin ausbreitet, kann man wählen zwischen:

  • dem finsteren Egozentrismus der Sünde oder
  • einem selbstlosen Dasein auf dem lichtvollen Weg zu göttlicher Vervollkommnung.

Alle spirituellen Traditionen lehren uns den Strudel der Egoismen versiegen zu lassen. Man muss die Energie eben so einsetzten, damit was vollbracht wurde, auch zu zu Liebe führt. Dunkle Teile in der Welt und in den Menschen lassen sich so zu Licht transmutieren (symbolisch also zu Gold). Und dabei wird die Furche zwischen den Dingen in der Natur und des Geistes geschlossen.

Böhmes gesamtes Schriftwerk dreht sich allein darum, danach zu streben das Licht Gottes in einem selbst zu entzünden, als eine allumfassende, alles durchdringenden Realität. Wir sind eben das, was wir aus unserem Leben machen.

Himmel und Hölle sind überall

Alles was zählt, ist sich zu entscheiden, zwischen dem Weg zu göttlicher Liebe oder einem Weg hin zum Untergang (wobei letztere Entscheidung eigentlich keine ist, da sie jemanden aus reiner Unwissenheit und Ignoranz, ganz unbewusst dorthin führt. Wer ununterbrochen, lebenshungrig und voller Ungeduld, an der Grenze zwischen kosmischem und menschlichem Leben schlittert, der wird niemals das »Rad des Schicksals« verlassen können. Er verfehlt das alchemistische Werk, zielen seine Begierden doch nur auf den dunklen Teil des Urfeuers.

Böhme schreibt, dass so jemand einen Zustand der turba erzeugt, eines »lärmenden Getümmels« das nirgendwo sonst zu hören ist, als aus den Tiefen der Hölle. Drum dürfte die Aufforderung plausibel erscheinen, wenn es heißt, man solle sich dem hellen Teil des Urfeuers zuwenden, um darin die Impulse göttlichen Lichts zu empfangen – einem Licht, dass all-ein-sam in der Stille der Ewigkeit brennt.

Geduld, Mut, Liebe und Hingabe lassen den Suchenden allmählich erkennen, dass auch seine Seele Teil einer göttlichen Wirklichkeit ist. All die Heiligen und Mystiker bewiesen durch ihre Biografien, dass dies auch tatsächlich als entsprechende Wahrheit vernommen werden kann.

Christ zu sein bedeutete für Jakob Böhme aber nicht, allein »nur an Gott zu glauben«. Es war für ihn ein lebendiger Vorgang echter Arbeit, den nicht etwa Christus am Kreuz der Menschheit abnahm, sondern in seiner Symbolik einen Hinweis auf eben jenes alchemistische Werk der Vergoldung gibt, in der sich das eigene Dasein in dieser Welt, auf einen Weg führen lässt, hin zur Erlösung und der Ankunft unter den Himmlischen.

Das wahre Christentum war für Böhme also nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern ein inneres Erfahren der Manifestationen dessen, was die Evangelien in ihren Lehren für die Menschen vorbereitet hatten.

Eine Frage der Auslegung

Was Jakob Böhme wohl sicherlich beabsichtigt hatte, war gewiss nicht bloß sein Schriftwerk zu lesen oder gar nur zu zitieren, als vielmehr sein Werk, mit einem gewissen Grad selbst erwogener Freiheit, auf individuelle Weise wiederzugeben. Doch genau da liegt auch der Widerspruch: denn wie soll man die Kernaussagen Jakob Böhmes vermitteln, wenn sie individuelle Auslegungen einfärben? Das lässt sich nicht vermeiden, doch ist wohl ebenso gut. Denn je mehr Eindrücke durch verschiedene Interpretationen beim Dritten entstehen, desto wahrscheinlicher zeichnet sich ein tatsächliches Bild dessen ab, was in diesem Falle Jakob Böhme durch sein Schriftwerk der Nachwelt überbringen wollte.

Es wäre also falsch, von einer Auslegung ausgehend zu sagen, dass ihr an Objektivität mangelt. Nur jeder kann für sich selbst eine Sichtweise entwickeln. Denn wenn er verstehen will was er ließt, bei Böhme, aber auch anderswo, ist er gezwungen es nach seinem eigenen Ermessen und Verstehen wiederzugeben, ganz im Sinne des Apostels Paulus, wenn er sagt:

Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.

- 1. Thessalonicher 5:20f

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Ritterlichkeit als höchstes Ideal im Sufitum

von S. Levent Oezkan

Hazret Ali

Wie im Westen gibt es auch im islamischen Orient eine ritterliche Tradition. Sie beruht auf drei Grundpfeilern: Rücksichtnahme, Selbsthingabe und Ergebenheit. Danach richtet ein junger Ritter sein rechtschaffenes Leben, als Helfer der Schutzlosen und Unglücklichen. Er lässt Güte walten gegenüber allen Geschöpfen - im Dienste des Allmächtigen.

Das Wort zu halten gehört ebenso zu seinem Ehrencodex wie Selbst-Zurückhaltung. Damit identifiziert er die noblen Qualitäten perfekten Menschenseins, wie sie auch die Sufis anstreben. Ein arabischer Begriff fasst dieses recht edle Lebensbedürfnis zusammen: Al-Futuwwa (arab. الفتوة).

In ihrer Grundbedeutung bezeichnet Futuwwa die edlen Eigenschaften eines jungen Menschen guter Gesinnung. Fatā nennt man einen tugendhaften, jungen Menschen, der der Tradition der Futuwwa folgt. Als verantwortungsbewusster Mann geht er einem Ideal nach, das moderner Weltanschauung vielleicht fremd erscheinen mag. Doch ein Fatā ist ein Nobelmann der alles gibt, um jemandem großzügige Gastfreundschaft zu erbringen. Auch wenn er für sich nichts weiter hätte, gäbe er trotzdem, wenn nötig auch das, was ihm am liebsten ist - konsequenterweise sein Leben.

So ähnelt der arabische Begriff Futuwwa in mancher Hinsicht jenen Grundwerten der Ritter des europäischen Mittelalters. Futuwwa ist das Idealbild eines Edelmanns, der sich durch Treue, Tugendhaftigkeit und Tapferkeit auszeichnet - eben jene Qualitäten, wie man sie auch in der Artus-Legende findet.

Die jungen Männer der Futuwwa sehen in ihrer Tradition eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zu Gott. Das Rittertum der Futuwwa, ist ihnen damit gewiss heilig. Aus diesem Bewusstsein heraus, handelt ein Fatā. In seinem Altruismus sähe er am liebsten alle Menschen froh und zufrieden. Der Ethos der Futuwwa ist ein wichtiges Maß guter Führung und ein ganz wesentlicher Aspekt der Menschlichkeit.

[...] Sie waren Jünglinge (Fitjan, Plural von Fatā), die an ihren Herrn glaubten und denen wir zunehmend Rechtleitung zukommen ließen. Und wir stärkten ihre Herzen, als sie aufstanden und sagten: Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Wir werden außer ihm keinen anderen Gott anrufen, sonst würden wir ja etwas Unsinniges aussprechen.

- Sure 18:13-14

Die Futuwwa-Bewegung entwickelte sich im Mittelalter aus dem Sufismus und war von seinen Ideen durchdrungen. In den Futuwwa-Gruppen pflegte man einen besonderen Ehrencodex. Der folgte dem Vorbild der koranischen Propheten.

Futuwwa ist das ernsthafte Bestreben auf dem Weg zu vollkommener Gottesdienerschaft. Gleichzeitig aber definiert sich Futuwwa auch als Rebellion gegen das Böse. Wobei hier natürlich die Verantwortung des Handelnden eine ganz wesentliche Rolle spielt. Schließlich muss der Begriff des Bösen erst als moralisch falsch definiert sein, bevor man gegen etwas vermeintlich Böses vorgeht. Ein wahrer Fatā kann nur aus den moralischen Überzeugungen seiner ritterlichen Ethik handeln. Doch dabei beruft er sich stets auf sein muslimisches Erbe, das ihn zurück verbindet auf die Propheten Abraham, Ismail, Mohammed und die Kalifen Abu Bakr und Ali.

Der Schutzpatron der Sufis

Muslimische Ritter suchten nach dem Wort Fatā im Koran, wo sie es mehrfach in der Bedeutung als Jüngling, Knabe, als Diener oder Helfer geschrieben fanden - so etwa in Sure 21:60:

Wir hörten sie von einem Jüngling (Fatā) sprechen; man nennt ihn Abraham.

Dieser Vers deutet hin auf den Propheten Abraham (arab. Ibrahim). Er hatte in seiner Gemeinschaft die Futuwwa vollendet. Stets versuchte er sein Volk zur Wahrheit zu führen. Muslimen gilt Abraham als wichtigster Prophet der hebräischen Bibel. Allah selbst soll Abraham initiiert haben - vermutlich bei der Segnung durch den Priesterkönig Melchisedek im Tal von Joschafat.

Gemäß islamischer Überlieferung, erhielt Abraham vom Erzengel Gabriel jenen geheimnisvollen Stein, den später sein Sohn Ismail, im Bau der heiligen Kaaba zu Mekka integrierte. So zumindest will es die von Ali ibn Abi Talib (600-661) überlieferte Tradition, die Ismail als Vorfahren des Propheten Mohammed (as) nennt. Jener Ali ibn Abi Talib sollte später zum Vorbild der islamischen Ritter und Sufis werden. Der legendären Überlieferung nach, war Ali der einzige Mensch, der innerhalb der Kaaba in Mekka geboren wurde - in jenem schwarzen Quader also, dem zentralen Heiligtum des Islam.

Ali war Vetter und Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed (as) und gehörte neben Abu Bakr, Umar und Uthman, zu den vier "Rechtgeleiteten Kalifen".

Ali ibn Abi Talib war ein gefürchteter Krieger, der mehr als einmal sein Leben zum Wohle des Propheten Mohammed (as) aufs Spiel gesetzt hatte. So verkörpert er für viele Gläubige das Idealbild für Güte und Tapferkeit. Darum fügt man seinem Namen den Ehrentitel Hazrat (heilige Gegenwart) oder Iman (spiritueller Führer) bei.

Hazrat Ali galt Edelmut bei weitem mehr, als nur im Dienste seines Herrn, die Tugenden eines Kämpfers zu wahren. Als solch tugendhafter Beschützer des Islam und edler Ritter der Futuwwa, wurde Hazrat Ali für jeden Fatā zur Leitfigur.

In einem Gefecht zwischen Alis Heer und den Ungläubigen, hastete ein junger Krieger auf seinem Pferd dem Kalifen entgegen und war wild entschlossen Ali zu töten. Hazrat Alis Herz aber war erfüllt von Mitleid mit dem jungen Mann, der aus recht eigennütziger Motivation seinem Pferd die Sporen gab. Da rief er ihm entgegen: "Oh junger Mann, weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Ali der Unbesiegbare. Keiner kann meinem Schwert entkommen. Rette dich vor mir!" Doch der junge Krieger ließ sich nicht davon abhalten, weiter auf Ali, zornig mit schwingendem Säbel zuzureiten. "Wieso reitest du weiter", sagte Ali, "Willst Du wirklich sterben?" Da antwortete der Junge, während sich sein Pferd unter ihm aufbäumte: "Ich liebe ein Mädchen, die mir schwor mein zu sein, wenn ich dich töte." "Was aber wenn du stirbst?", fragte Ali. "Was ist besser als zu sterben für jene, die ich liebe?", antwortete der Junge und fügte hinzu "Würde ich schlimmstenfalls nicht von den Qualen der Liebe befreit werden?" Als Ali das hörte, ließ er sein Schwert fallen, nahm den Helm ab und lichtete seinen Nacken, wie den eines Opferlamms. Konfrontiert mit einer so ungewöhnlichen Tat, verwandelte sich die Liebe des jungen Mannes in Liebe für Hazrat Ali, und für jenen den Ali liebte: den allmächtigen Allah.

Hazrat Ali handelte immer im Namen des Allmächtigen. Nicht der Wunsch nach Ruhm oder Macht trieben ihn, sondern allein der himmlische Auftrag, den er in sich verspürend zu erfüllen suchte. 

Als Gefährte des heiligen Propheten Mohammed (as) befand sich Hazrat Ali auf einem Schlachtfeld, wo er gegen einen Krieger der Feinde des Islam kämpfte. Er war drauf und dran seinen Gegner mit seinem Säbel zu richten. Doch als Hazrat Ali sein doppelspitziges Schwert gegen seinen Feind erhob, spuckte ihm dieser ins Gesicht. Zur größten Verwunderung des Übeltäters aber, ließ Ali sofort den Arm sinken und führte seine Schwertklinge zurück in die Scheide. Er drehte sich, und ließ seinen Gegner unbeschadet auf dem Schlachtfeld zurück. Der Mann aber lief ihm nach und rief: "Was ist los mit Dir, dass Du nicht zugeschlagen hast?", worauf Hazrat Ali antwortete "Weil, bevor Du mich anspucktest, kämpfte ich im Namen des Allmächtigen Allah. Doch weil du mich angespuckt hast", sagte Ali, "durfte ich dich nicht aus Wut richten. Ein Muslim kann nur im Namen Gottes kämpfen, niemals aber zur Befriedigung seiner eigenen Nafs (Teil der Seele, der zum Übel aneifert)." Da erkannte sein Gegner die Vornehmheit und Wahrhaftigkeit der Worte Hazrat Alis. Sofort öffnete sich sein Herz, sich zu ergeben dem Glauben an den Allmächtigen Allah.

Silsila - die spirituelle Kette der Sufi-Sheikhs

Hazrat Ali empfing vom Propheten Mohammed (as) eine besondere Waffe: das doppelspitzige "Schwert der Wahrheit" - Dhu Al-Fiqar (arab. ذوالفقار). Dieser Name sollte Teil des Leitspruches der Futuwwa werden:

Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar.

Wer in diesem Sinne sein Schwert führte, so die Ritter der Futuwwa, war ein Rechtschaffener. Er wusste moralisch Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden und konnte damit Entscheidungen fällen, die sein Handeln rechtfertigten.

Als Empfänger des Schwertes Dhu Al-Fiqar, wurde Hazrat Ali zum spirituellen Erben der Rechtschaffenen. Darauf berufen sich alle Sufis. Sie sehen sich als die spirituellen Nachkommen Hazrat Alis. Die Sheikhs der Sufi-Orden, sehen sich als Glieder einer goldenen Kette der Kraftübertragung: der Silsila (arab. سلسلة). Über diese spirituelle Kette, ist der Sheikh eines Sufi-Orden (Tariqa) über frühere Generationen von Weisheitslehrern, verbunden mit Hazrat Ali und dem Propheten Mohammed (as). Das selbe gilt für die islamischen Ritter der Futuwwa, die ihren Schutzpatron verehren in Hazrat Ali. Eine Ausnahme bildet der im usbekischen Buchara gegründete Orden der Naqschbandiyya, der sich auf den Kalifen Abu Bakr beruft. In dieser Tradition der Silsila auf jeden Fall, erhielten alle kommenden Generationen die islamischen Ritterwürden der Futuwwa.

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali – ewigeweisheit.de

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali. Über dem Schwert ist zu lesen "Ali ist der Freund Gottes (wali allah)". Auf der Klinge ließt man "Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar (la fatā illa ali, la saif illa dhu al-fiqar)."

Die Initiation

Eine besondere Einweihungstradition machte aus den Fitjan (Ritter der Futuwwa) Menschen, die sich von herkömmlichen Gläubigen unterschieden. Nur Männer aus ehrenwerten Familien und mit ordentlichen Berufen wurden aufgenommen - eben so, wie man es ja auch in christlichen Ritterbünden handhabte. Da die Futuwwa-Bünde mit den Handwerker-Gilden verbunden waren, ähnelten sie damit gewiss auch den Freimaurer-Bruderschaften.

Bei der Initiation in die Futuwwa wurden besondere Zeichen und Symbole übertragen. Wer diese Geheimnisse der Bruderschaft erfahren hatte, den gürtete (shadd) man und bekleidete ihn mit einer besonderen Hose: der Sarawil Al-Futuwwa. Diese Tradition hat ihren Ursprung vermutlich im alten Persien, wo man in der Initiation, die Feuerpriester mit dem Band des Zarathustra gürtete.

Im Anlegen der sakralen Kleidung lag natürlich eine tiefe Bedeutung. Die Hose verhüllte die Scham des Initianden, wo sich ja der Bereich stärkster menschlicher Begierden befindet. Wenn diese nun bedeckt wurde, durch das, wodurch man das ritterliche Gelübde ablegt, hütete man sich, sie in einer Versündigung vor Gott zu entblößen. Die Sarawil Al-Futuwwa war damit auch ein Symbol für die Abkehr von unmoralischen Taten. Auch die Sufi-Orden pflegen in ihren Initiationen ein Bekleidungsritual, wo man den erwählten Nachfolger des Sufi-Sheikhs in dessen Mantel hüllt. 

Nachdem der ritterliche Initiand also bekleidet wurde, reichte man ihm einen Becher mit gesalzenem Wasser (Ka's Al-Futuwwa). Das Trinken aus diesem Becher galt als Zeichen der Loyalität des neu eingeweihten Fatā.

Man muss natürlich von der besonderen Bedeutung des Wassers wissen. Es ist das, woraus alles Leben entsteht, das sich in der "Mondsphäre" befindet und von dort den lebenspendenden Regen auf die Erde bringt. Aus dem Wasser, dem Ursprung allen Lebens, entstehen Pflanzen, Tiere und Mineralien. Im Koran heißt es, der Mensch wurde geschaffen aus "ausgegossenem Wasser" (Sure 86:6).

Und wir machten aus dem Wasser alles Lebendige.

- Sure 21:30

Darüber hinaus ist Wasser natürlich das wichtigste Mittel zur Reinigung.

Und wir senden reines Wasser aus den Wolken nieder, auf dass wir damit ein totes Land lebendig machen und es unserer Schöpfung zu trinken geben - dem Vieh und den Menschen in großer Zahl. Und wir haben das Wasser unter ihnen verteilt, um sie zu ermahnen.

- Sure 25:48-50

Der 21. Vers der Sure 76 sagt außerdem:

Ihr Herr hat sie getränkt mit dem reinigenden Trunk.

Das Salz das im Wasser dieses reinigenden Initiationstrunks gelöst ist, steht für die Beförderung der Wahrheit, die sich damit auch im ganzen Körper verteilt. Die Einnahme des salzigen Trunks beförderte den Eid, den der Initiand durch den Vertag mit seinem Orden abgab. Auch sah man im Salzwasser ein Mittel zur Abwendung des Bösen, bewirkt doch das im Blut und in den Körpersäften gelöste Salz, dass die Stoffe in die Körperteile hindurchbefördert und damit dämonische Kräfte ausgetrieben werden. Für den Initianden galt das als Hinweis darauf, dass ein Fatā gegenüber Widerwärtigkeiten und schädigenden Wirkungen geduldig bleiben muss. Selbst wenn er sich vor den Heimsuchungen Gottes bedroht fühlt, soll er stets für seine anderen Wohltaten danken und in jener "Weite seiner momentanen Enge" geduldig ausharren.

In allen Sufi-Orden spricht man vom "Schmecken" der Geheimnisse. Darum spielt bei den Sufis die Austeilung von Speise eine wichtige Rolle. Die Sufis des Naqshbandiyya-Ordens, reichen den Schülern nach der Unterredung (Sohbet) mit dem Sufi-Scheich, eine Prise Salz zu kosten, bevor man gemeinsam isst.

Im muslimischen Sprachgebrauch sagt man über das Salz:

Der bewahrt das Salz, dass die Freundschaft erhält, und der lässt das Salz verlorengehen, der sie nicht erhält.

Ritterlichkeit und der spirituelle Weg

Mit diesen Einweihungsriten, verbreitete sich die Futuwwa im islamischen Mittelalter. Im 10. und 11. Jhd. wurde sie sogar zum Ideal der persischen Fürsten.

Was den Fatā von anderen Menschen unterscheidet, ist seine Aufopferung und Hilfsbereitschaft für andere. Der Universalgelehrte Al-Biruni (972-1048) schrieb in einem seiner Bücher über die Ritterschaft der Futuwwa:

Die Muruwwa (Tugenden) beschränkt sich auf den Menschen, und zwar in Bezug auf sich selbst, seine Familie und seine Lage. Die Futuwwa hingegen, geht über ihn und diese Muruwwa hinaus zu anderen Dingen.

Muruwwa steht für das innere Tun des Guten - Futuwwa für das entsprechend äußere Tun und die Enthaltung vom Schlechten. Die Sufis entwickelten hieraus den Begriff der Futuwwa weiter. Das Wesen der Futuwwa basierte für sie auf einem allgemeinen Altruismus (Itar), wo man seinen Mitmenschen in allem den Vorzug vor sich selbst gibt. Der ritterlich gesinnte Sufi gibt überhaupt immer, nimmt nie und stellt sich selbst vor dem Feind zurück (wir erinnern uns an die oben geschilderten Episoden über Hazrat Ali). Damit wurde Futuwwa für die Sufis, als Freunde Gottes, ein ganz einzigartiger Ehrencodex.

Im Glauben eines wahren Sufi, hatte Gott den Menschen für sich geschaffen, als sein höchstes und schönstes Geschöpf. Ein Sufi versucht darum alle unangemessenen Einstellungen abzulegen - gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Daher versucht er mit all seiner Macht, immer und unter allen Umständen, sich anderen Menschen gegenüber angemessen zu verhalten.

Die noblen Qualitäten der Ritter der Futuwwa

Zwischen dem 10. und 11. Jhd. entstand eine in Sufi-Kreisen wichtige Schrift: das Kitab al Futuwwa (Buch der Ritterlichkeit). Es geht zurück auf den Sufigelehrten As-Sulami (942-1021), die vielen Sufi-Bruderschaften als Grundlagenwerk galt. Diese mittelalterlichen Abhandlungen über die Futuwwa hatten keinen literarisch hohen Anspruch, sondern dienten eher praktischen Unterweisungen, die organisatorische Zwecke erfüllten und die Bedingungen für die Sufi-Initiation beschrieben. Auch viele andere Sufis widmeten in ihren Büchern, häufig ein ganzes Kapitel der Futuwwa. So auch die "Sendschrift an die Sufi-Genossenschaften", die Mitte des 11. Jhd. Al-Qusairi (986-1072) verfasste. Es ist eine Zusammenstellung von Futuwwa-Sprüchen großer Sufis - unter ihnen der weise Ibn Arabi (1165-1240), der in seinen "Mekkanischen Eröffnungen", ausführlich über die Futuwwa schrieb.

Die Essenz der Futuwwa, ist eigentlich eins mit der Tradition des heiligen Propheten Mohammed (as). Wer darum an dieser Tradition festhält, und sie in seinem alltäglichen Leben zu integrieren weiß, der kann sich getrost als Fatā bezeichnen.

Was aber zeichnet einen Fatā aus? Dazu seien einige Zeilen aus einem Buch Al-Qusairis wiedergegeben, der darin die Großen seiner Zeit zu Wort kommen lässt. Über die Bedeutung des Rittertums bei den Sufis schrieb er:

Fatā ist derjenige, der keinen Widersacher hat und der für niemanden Widersacher ist.

Futuwwa besteht darin, dass du ein Widersacher zugunsten deines Herrn wider dich selbst bist.

Futuwwa besteht darin, dass es dir gleich ist, ob einer ständig bei dir wohnt oder dich plötzlich besucht.

Futuwwa besteht darin, dass man nicht flieht, wenn ein Bettler naht.

Futuwwa besteht darin, dass man keinen Unterschied macht, ob ein Heiliger bei einem isst oder ein Ungläubiger. So gibt es die Legende, dass einst ein Zoroastrier den Propheten Abraham um Gastfreundschaft bat. Da sagte dieser zu ihm: "Ja, unter der Bedingung das du Muslim wirst." Da ging der Zoroastrier weg. Dann offenbarte Gott dem Abraham: "Seit fünfzig Jahren ernähren wir ihn trotz seines Unglaubens; hättest du ihm doch einen Bissen gereicht, ohne von ihm eine Änderung seiner Religion zu verlangen!" Da ging ihm Abraham nach, bis er ihn einholte und entschuldigte sich bei dem Mann. Darauf befragte der Zoroastrier Abraham über den Grund seiner Umkehr, worauf ihm Abraham antwortete was er von Gott erfuhr. Da nahm der Zoroastrier die Religion des Islam an.

Letztendlich ist Futuwwa ein Name, der sich auf verschiedene Arten und Weisen definieren lässt. Nie würde ein wahrer Fatā einen armen Menschen verachten oder im Gegensatz dazu, sich durch Reiche und deren Reichtümer verführen lassen. Ein Fatā ist ein gerecht handelnder Mann, der allen Menschen respektvoll begegnet - ohne aber selbst Gerechtigkeit von seinem Gegenüber zu verlangen. Stets pflegt er rücksichtsvoll den Umgang mit seinen Mitmenschen. Er lebt sein Leben als schonungsloser Gegner des eigenen fleischlichen Selbst. In seiner Ritterlichkeit hat er sich losgesagt aus den Fängen fleischlichen Verlangens und lebt ein reines, spirituelles Leben. Einer aber, der größtenteils den Versuchungen des fleischlichen Selbst unterliegt und den Begierden und Gelüsten nach weltlichem Vergnügen, wird den Gipfel der Futuwwa nie erklimmen.

Ein Fatā-Ritter ist seinem Gott, dem allmächtigen Allah treu ergeben. Stets sucht er Allah durch seine guten Taten, Gedanken und Gefühlen zu erfreuen. Reue plagt ihn, wenn er auch nur die kleinste Sünde begeht. Stets aber schaut er über die Fehler seiner Mitmenschen hinweg - ganz gleich wie schlimm sie auch gewesen sein mögen.

Komm, komm wer auch immer du bist.
Wanderer, Verehrer, Freund des Verlassens. 
Es ist ganz gleich.
Wir müssen uns nicht der Karawane der Zweifel anschließen.
Komm, selbst wenn du deine Eide tausendmal gebrochen hast.
Auch dann komme wieder, komm nur, komm.

- Maulana Dschelaladdin Rumi

Sufi oder Fatā: beide sehen sich als demütige Diener, während sie stets in anderen das Heilige zu entdecken suchen. Ein Fatā verurteilt niemanden, doch hält selbst zu denen weiterhin Verbindung, die ihn verurteilen.

Der Fatā bleibt freundlich auch dann, wenn ihn einer verletzt. Als erstes dient er Allah und den Menschen, bevor er irgend sonst etwas tut oder daran denkt sich selbst zu helfen. Auch wenn das auf den ersten Blick ganz unmöglich oder sogar schönmalerisch erscheint: der Fatā hat sich diese Tugenden mühsam, über sehr lange Zeit durch ungeheuerliche Disziplin angeeignet. Die fünf täglichen Pflichtgebete (arab. Salāt, "Verbeugung") verrichtet er konsequent.

Ein wahrer Fatā setzt andere stets an erste Stelle, selbst wenn es Zeit ist die eigenen Verdienste belohnt zu bekommen.

 

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Wer war der Prophet Mani?

von Johan von Kirschner

Der Prophet Mani - ewigeweisheit.de

Die Religion der Manichäer beanspruchte für sich, eine abschließende Offenbarung zu sein. Ihr Prophet Mani verkündete in seiner dualistischen Gnosis die Lehre einer kosmischen Koexistenz von Gutem und Bösem. In mythenreicher Sprache verbreitete Mani eine Weisheitslehre, die gleichermaßen von Bedeutung war für Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten.

Der junge Mani

Wie Buddha oder Christus, so ist Mani der Ehrentitel für einen Menschen, der durch den "Hohen Geist" erleuchtet wurde. Die Person auf die sich dieser Erleuchtungsgeist senkte, hieß nach abendländischen Quellen "Curbicius". Er kam zur Welt am 14. April 216 in der Nähe von Ktesiphon am Tigris (im Reich Babylon, heute Irak), der damaligen Residenz der Perserkönige. Er stammte aus vornehmem Hause. Seine Mutter war von fürstlicher Abkunft (Arsakidin) und bevor sie den Mani zur Welt brachte, offenbarte sich ihr im Traum, die große Bedeutung ihres zukünftigen Sohnes für die Menschheit. Sein Vater Patig (Pattikios) war ein vornehmer Perser aus dem Stamm der Chaskanier, der sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigte. Er war Angehöriger einer gnostischen Täufersekte - den "Elchesaitan". In diesem Umfeld wurde Mani erzogen. Schon im zarten Alter wurde er dort von seinem Vater in die Lehren und Bräuche jener religiösen Gemeinschaft eingeführt. Er sollte sich von einem erst schwächlichen jungen Mann, in den unermüdlichen Apostel einer neuen Erlösungsreligion verwandeln.

Dann trat ich, Mani, in die Glaubensgemeinschaft der Täufer ein, wo man mich großzog. Als mein Leib jung war, wurde ich durch die Kraft der Lichtengel und die so überaus starken Mächte beschützt, die von Jesus beauftragt waren, zu meinem Schutz.

- Aus dem Kölner Mani-Kodex

Es war eine ungemein spirituelle Zeit in die der Mani hineingeboren wurde. Sein Denken wurde in diesem Umfeld schon früh in religiöse Bahnen gelenkt. Schon als Junge soll Mani wie ein Weiser gesprochen haben. Seine religiöse Berufung äußerte sich jedoch in Opposition zur christlichen Theologie, wich vom christlichen Ritus ab. Dennoch bezeichnete sich Mani, als Apostel Christi, denn er räumte Jesus eine hervorragende Rolle ein. Später wandte er sich von den judenchristlichen Gnostikern, bei denen er aufwuchs, ab. Seine eigentliche Sendung erkannte er in zwei Offenbarungen: im Alter von zwölf und 24 Jahren.

Manichäischer Jesus - ewigeweisheit.de

Jesus Christus als manichäischer Prophet. Bildnis aus der Yüen-Dynastie (14. Jhd.). Auf dem Bild kann man den Christus identifizieren, da er ein kleines Goldkreuz in Händen hält.

Die Sendung

Als der Mani zwölf Jahre alt war, teilte ihm ein Engel - der "Taum" (= Gott-Genosse) - eine Botschaft aus dem Lichtreich mit. Er gebot ihm die Gemeinschaft seines Vaters zu verlassen (vergl. Jesus als zwölfjähriger im Tempel, Lukas 2:41f):

Verlasse diesen Kult, denn du bist keiner seiner Anhänger. Dir sind auferlegt Reinheit zu halten und von körperlichen Lüsten Abstand zu nehmen. Noch ist die Zeit aber nicht reif, dass du an die Öffentlichkeit trittst.

In den folgenden 12 Jahren beschäftigte sich Mani mit Philosophie, dem altorientalischen Religionssystem "nach der Tradition der Gelehrten Babylons" und mit den Lehren, der in Südbabylon lebenden Christen. Auch mit den Morallehren des Buddhismus machte er sich in dieser Zeit vertraut. Ferner eignete er sich Sprachkenntnisse an in Persisch, Aramäisch und Griechisch. Als er sein 24. Lebensjahr vollendet hatte, erschien ihm erneut der Taum.

Zu dem Zeitpunkt also, als mein Leib die Vollendung ganz erreicht hatte, flog so gleich jenes höchst wohlgestaltete und machtvolle Spiegelbild meiner Gestalt herab und erschien vor mir [...] 'Friede sei mit dir, o Mani, von mir und vom Herrn (König des Lichtparadieses) der mich zu dir sandte. Er erwählte dich für seine Mission, und gebot dir in deiner Berufung, das Evangelium der Wahrheit zu verkünden, eines aus seiner Gegenwart, und fortzufahren auf dieser Mission mit all deiner Ausdauer.'

An anderer Stelle heißt es:

Nun ist die Zeit für dich gekommen, dich öffentlich kundzutun und laut deine Lehre zu verkünden.

Ausbreitung des Manichäismus

Mani begann sein öffentliches Wirken im damaligen Reich von Belutschistan (Hochland, dass sich heute über den Osten Irans, den Süden Afghanistans und den Südwesten Pakistans ersteckt). Dort gewann er seine ersten Anhänger. Die Mission die er einleitete, stützte sich auf hohe Beziehungen zum Adel und verfügte darum über bedeutende Mittel und besondere Befugnisse.

Manis Hoffnung richtete sich sowohl auf den Westen, wie auf den Osten. Es sollte sich auch tatsächlich erfüllen - wenn auch erst nach seinem Tod - das sich von Fernoast, entlang der Seidenstraße, bis nach Westeuropa, die Religion Manis verbreitete. Mani sollte seine neue Kirche bis an die äußersten Grenzen des einstigen Reiches der alten Perser verbreiten. Solch missionarisches Streben war ein charakteristisches Symptom der ersten Jahrhunderte nach Christus. Auf Grund des inhaltlichen Gewichts seiner Botschaft, versammelte sich rasch eine sehr große Ökumene um Mani. Trotz dass heute kaum ein Mensch davon weiß, erlangte die Religion Manis, wegen der Vielzahl ihrer Anhänger in Europa, Nord-Afrika und Asien, tatsächlich die Bedeutung einer Weltreligion. Viele seiner Jünger lebten in Mesopotamien, Baktrien, Syrien, Ägypten, Karthago, ebenso in Spanien und Südgallien. Die Länder die er selbst bereiste wurden von Mani in seinen "Kephalaia", den "Kapiteln", niedergeschrieben. Die schnelle Ausbreitung dieser Religion stellte aber für die junge christliche Kirche des 4. Jhd. eine ernste Bedrohung dar. So wurde eine Verfolgung der Manichäer durch staatliche Organe geführt und eine Abwehrbewegung eingeleitet. Seit 382 n. Chr. stand im Westen die Todesstrafe für all jene, die sich zum Manichäismus bekannten! Während der islamischen Dynastie der Ummayaden (611-750) hingegen, wurde der Manichäismus in Mesopotamien gedultet und erfreute sich dort sogar einer großen Blüte.

Im 8. Jhd. war die Religion in ganz Zentralasien verbreitet, wie später auch im Reich der Uiguren und in China. 762 wurde unter Bögü Khan der Manichäismus sogar Staatsreligion der Uiguren (heute die größte turksprachige Ethnie in China, im Autonomen Gebiet Xinjiang) und genoss damit Schutz am chinesischen Kaiserhof. Doch ab Mitte des 9. Jhd. wurden die Manichäer auch in China verfolgt, konnten sich dort aber dennoch bis zum 14. Jhd. halten. Erst das Mongolenreich brachte seine endgültige Verdrängung.

Ausbreitung des Manichäismus - ewigeweisheit.de

Schaubild: Ausbreitung des Manichäismus.
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Eine universale Religion

Bis heute sind die großen missionarischen Erfolge des Manichäismus nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich trug die große Anpassungsfähigkeit der Manichäer, an die lokalen Bräuche und Gegebenheiten in Ost und West, dazu bei, dass sich diese Religion mehr als tausend Jahre erhalten hat. Mani hatte eine religiöse Sprache entwickelt, die ebenso den westlichen wie den östlichen Regionen der damaligen Welt vertraut war. Den Wortschatz seiner Lehre war im Osten dem Buddhismus, im Westen dem Christentum angepasst. Immer aber blieb der charakteristische Gehalt und die religiöse Identität seiner Weisheitslehre erhalten. Trotz dieser eher heterogenen religiösen Elemente, bot der Manichäismus eine innere Einheitlichkeit. Es war eine echte Religion, in deren Zentrum eine kraftvolle Weisheitslehre stand.

Wiederum sprach er zu seinen Jünger, als er in der Mitte der Versammlung saß: Wie die Sonne, der große Erleuchter, wenn sie kommt in ihrem Aufgang, zur Zeit, da sie in die Welt strahlt, ihre Strahlen ausbreitet auf der ganzen Erde [...] die Gerechten, die mir in jedem Lande sind, sind gleich den Strahlen der Sonne.

- Aus den Kephalaia

Von 240 bis 243 n. Chr. unternahm Mani seine erste Missionsreise nach Indien. Doch sein Kontakt mit einigen Repräsentanten der indischen Spiritualität sollte Konsequenzen haben: sowohl für für Indien, wie auch für Mani selbst.

Die letzten Tage Manis

Ardashir (Artaxerxes), der Begründer der Sassaniden-Dynastie, war gestorben. Sein Nachfolger war sein Sohn Shapur I. (Regierungszeit 240–270 n. Chr.). Am Tage seiner Krönung, dem 20. März 242, entschied sich Mani für sein öffentliches Auftreten. Begleitet von seinem Vater Patig, predigte er in seiner Geburtsstadt Ktesiphon, dem zu den Feierlichkeiten, zahlreich erschienenen Volk.

Von Äon zu Äon brachten die Apostel Gottes, unaufhörlich die Weisheit und die Werke in die Welt. So kamen sie in einem Zeitalter in die indischen Lande durch den Apostel namens Buddha; in einem anderen Zeitalter kamen sie ins Land der Perser durch Zarathustra; in einem anderen ins Land des Westens durch Jesus. Danach, in diesem letzten Zeitalter, kam die Offenbarung hernieder und die Prophetie kam durch mich selbst - Mani, den Apostel des wahren Gottes, ins Land von Babylon.

- Aus dem Buch Shapur

Shapur erkannte in Mani den Führer einer neuen Religion. Mani und seinen Predigern räumte Shapur in seinem Reich, offizielle Missionsfreiheit ein. Sie sollten im gesamten Sassanidenreich ihre Lehren verbreiten. Nach dem Tod Shapurs übernahm sein Sohn Hormizd die Nachfolge. Doch kaum ein Jahr später verstarb auch er. Damit fiel der Thron an seinen Bruder Bahram. Der war dem Mani weniger gut gesinnt und veranlasste seine Vorladung in den Königspalast. Im Gegensatz zu der günstigen Begegnung mit Shapur, wurde er sofort nach seiner Ankunft, vom Magier Mobed Karter, unter Anklage gestellt. Er wurde beschuldigt die Anhänger des Zarathustra, durch seine Lehren, ihrer wahren Religion abspenstig zu machen. Auch Bahram war ihm weniger zugeneigt, als einst dessen Vater. Er fuhr ihn an:

Wieso wurde die Offenbarung dir gegeben und nicht uns, die wir die Herren dieses Landes sind?

Mani antwortete:

So ist es Gottes Wille.

Mani verteidigte seine Lehre leidenschaftlich und führte sie auf göttliche Offenbarung zurück. Dem König gegenüber betonte er die Übereinstimmung seiner Lehre mit einer viel älteren, jedoch zeitweilig in Vergessenheit geratenen Wahrheit. Davon war Bahram jedoch wenig beeindruckt. Man verurteilte den Mani, legte ihn in Ketten und warf ihn in einen Kerker, wo er aufrecht an den Wänden in Form des Kreuzes gespannt wurde. Darum sprach sein Jüngerkreis, der ihn in seiner Kerkerhaft besuchte, von einer Ähnlichkeit mit der Passion Jesu. Nach langen schrecklichen Leiden, starb Mani am 26. Februar 277 im Alter von 60 Jahren. Man zerstückelte seinen Körper. Sein Kopf wurde am Haupttor der Stadt Gundeshapur ausgestellt, während man die Reste den Hunden zum Fraß vorwarf.

Es kann nicht abschließend gesagt werden, wieso sich Manis Religion nicht bis zum heutigen Tage erhalten konnte. Vielleicht war sie zu kontemplativ, zu ruhebedürftig, um den Kampf aufzunehmen mit dem Profanen. Sie zielte eben nicht in erster Linie auf die Lösung der weltlichen Schicksale der Menschen.

Wir, die wir zur Rasse der Lichtsöhne gezählt werden, lasst und Mani unsere Blüten schenken. Der geliebte Sohn Jesus Christus, legt dir, Mani, voll Freude die Krone aufs Haupt. Denn sein Bau der geschändet wurde, ihn hast du wieder aufgebaut. Seinen Weg der im Verborgenen war, hast Du wieder beleuchtet. Seine Lehre die verdunkelt war, hast du wieder in die Klarheit gebracht. Seine verborgene Weisheit hast du erklärt.

- Aus einem manichäischen Textfragment

Die Lehre des Manichäismus

An der Spitze der göttlichen Himmels-Hierarchie, steht in der Religion Manis der "König des Lichtparadieses". Von dort kam der Taum, Manis himmlischer Zwilling, von dem er seinen prophetischen Auftrag empfing. Der Zwilling ist in etwa das, was im Christentum der Heilige Geist vermittelt. Im Buddhismus steht dafür der Buddha Maitreya - der in Zukunft kommende, messianische Weltlehrer.

Ab dem Zeitpunkt, da dem Mani der himmlische Zwilling als sein "Licht-Selbst" begegnete, fielen alle Beschränkungen von ihm ab, die einen Normalsterblichen im Leben behindern. Von da an war er als engelhaftes Wesen auf Erden gegenwärtig. Von da an war Mani ein Apostel des Lichts.

Ich, Mani, wurde durch die Kraft der Engel und der heiligen Mächte beschützt, die mit meinem Schutz betraut waren. Sie bereicherten mich durch Visionen und Zeichen, die sie mir zeigten, die nur klein und sehr kurz waren, so wie ich sie ertragen konnte. [...]

- Ausspruch des Mani

Mit der zweiten Offenbarung wurde er zum "Mani hajja", dem "lebendigen Mani", der nun im Stande war sein erlösendes Wissen an seine Mitmenschen weiterzugeben.

In Manis Erlösungslehre verschmolzen verschiedene religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Mani bekannte sich offen, zu dem von ihm verbreiteten Synkretismus. Er wurde aus dem Lichtreich von seinem himmlischen Zwilling entsandt, um das Erbe von Buddha, Zarathustra, Jesus Christus und all ihren Vorgängern zu verwirklichen. Mani sah sich als das "Siegel aller gekommenen Propheten" (ein Begriff der im Übrigen auch von den Muslimen für den Propheten Mohammed a. s. beansprucht wird). Er sah die Lehre seiner prophetischen Sendung nicht nur endgültig: Sie war für ihn universal.

von Zeit zu Zeit (sind) Boten Gottes gekommen mit der Weisheit und den frommen Werken.

- Ausspruch des Mani

Früher verkündete Religionen waren, nach Manis Dafürhalten, spätestens nach dem Tode ihrer Meister verderbt. Er sah den Grund dafür im Fehlen direkter, schriftlicher Aufzeichungen, seitens der Religionsstifter. Im Gegensatz zu Zarathustra, Buddha oder Jesus, schrieb Mani seine Lehren nieder. So sicherte er sie vor Umdeutungen seiner Lehre und verfälschenden Zufügungen oder Auslassungen. Damit wurde der Manichäismus als ausgesprochene Buchreligion begründet. Mani verfasste sieben Traktate, die den Kanon des Manichäismus darstellen:

  1. Das lebendige Evangelium,
  2. der Schatz des Lebens,
  3. die Pragmateia (= der Traktat),
  4. die Geheimnisse,
  5. das Buch der Gigangten,
  6. die Briefe (Episteln) und
  7. die Psalmen und Gebete.

Die Lehre des Mani und seiner Missionare war für alle Zuhörer, gleich ob Christen, Zoroastrier oder Buddhisten, unmittelbar zu verstehen. Auch wenn er versuchte seine Lehre den Begriffen anderer Religionen anzupassen, nahm sie davon keinen Schaden.

Auch wenn man den Manichäismus als Teil der gnostischen Bewegung bezeichnen kann, ging es seinem Religionsstifter jedoch darum, die Lehren allen zugänglich zu machen. Damit unterschied sich der Manichäismus von anderen gnostische Sekten, deren Lehren ausschließlich Initiierten vorbehalten waren. So war es für die Manichäer selbstverständlich auch zu missionieren.

Der Prediger muss unablässig in der Welt umherirren, indem er die Lehre predigt und die Menschen in die Wahrheit führt.

- Ausspruch des Mani

Der Manichäismus war ein Seelendienst, der sich, wie andere Religionen auch, auf die Erlösung der Seele verschrieb. Jedoch glaubten die Manichäer, dass durch die Erlösung der Seele, der Gott des Lichtreichs selbst, aus den Widerwärtigkeiten der Finsterniswelt erlöst würde. Jesus Christus war für sie das einzig großartige Bild, für die Verdichtung des göttlichen Lichts, wie es in einem menschlichen Körper in der stofflichen Welt, den Menschen als Erlöser erschien (vergl. Johannes 12:46, "Licht der Welt"). Was der erste Korintherbrief in 15:45 als "lebendige Seele" erwähnt, das galt den Manichäern als das "in der Welt leidende Licht Gottes". Dieses Licht findet sich nicht nur im Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Minerale enthalten es. Der "Essende", so die Manichäer, nimmt deshalb eine große Verantwortung auf sich, da das Licht, das durch die Nahrung aufgenommen wird, ein Teil des göttlichen Lebens ist. Es liegt also nahe, dass die Manichäer besondere Speisegebote befolgen mussten. Natürlich bereiteten solche Auffassungen über Licht und Leben der Wesen, den Grund für Spott und Verachtung, von seitens christlicher Kleriker (Augustin). Sie sagten über die Manichäer, sie glaubten Gott "mit dem Gaumen" finden zu können. Man suchte einfach nach Gründen gegen den Manichäismus vorzugehen.

Mani erklärte alle Erscheinungen des Geistes und alle Ideen, als stoffliche Dinge großer Feinheit. Sie alle waren Teil der "Lichtsubstanz". Die existierende Materie war eine Einmischung der Finsterniskräfte ins Lichtreich. Im Makrokosmos waren die Elemente der Lichtwelt in die geschaffene Welt eingegangen und an ihrem Aufbau beteiligt. Von der himmlischen Welt herab, bis hinunter zum Menschen, leben die Seelenglieder aber in Gefangenschaft, was bestätigt, dass Gott selbst in den Kampf gezogen ist und sich immer wieder selbst, durch die von ihm geschaffenen Wesen, zu erlösen versucht. So eine Vorstellung erfordert das dualistisches Weltbild, wo Gut und Böse nebeneinander existieren.

Die Materie in ihrer Gesamtheit, also auch das, was am Menschen der Stofflichkeit angehört, ist nach Manis Lehre leidenschaftlich, leidvoll und darum ungöttlich. Wie aber bereits angedeutet, trägt nach Manis Lehre der Mensch den göttlichen Funken in sich, als Teilchen des göttlichen Lichts. Diesen Funken kann er zur Flamme entfachen, indem er ein "richtiges Denken" entzündet. Dieses richtige Denken besteht darin, das er Klarheit über sein wahres Wesen gewinnt. Der Mensch muss seine Gespaltenheit zwischen Licht und Finsternis, zwischen göttlichem Geist und "teuflischem" Stoff erkennen. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer das Offenbarungswort hört und auch annimmt, das Gott bereits an Adam hat gelangen lassen. Immer wieder wurde es durch die Gesandten und Avataras, wie Buddha, Zarathustra oder Jesus in die Welt gesandt. So sah auch Mani seine göttliche Sendung.

Manichäische Priester - ewigeweisheit.de

Manichäischer Priester beim Schreiben. Gemälde in einem Buch aus Gaochang (Nordchina, Xinjiang) aus dem 8. oder 9. Jhd. n. Chr.

Der dualistische Urzustand

Wie die Lehre Zarathustras, lehrt der Manichäismus eine uranfängliche Existenz, zweier, einander entgegengesetzter Welten: das lichterfüllte Gottesreich und das materielle Reich der Finsternis. Sie äußern sich in der Natur als die Mächte von Gutem und Bösem. Beide existieren parallel, grenzen sich aber haarscharf von einander ab. Diese beiden Welten - die eine entstanden aus dem Urlicht, die andere aus der Urfinsternis - sind unbegrenzt, verhalten sich aber zueinander wie zwei unendlich große Halbkugeln, deren obere die Lichtwelt und deren untere die Welt der Finsternis ist. Den Rahmen der unendlichen Lichthalbkugel bildet der "Vater der Herrlichkeit". Er ist das übersinnliche Urbild, was man sich als das Himmelsgewölbe der Erde denken kann. Ebenso ewig wie der Vater der Herrlichkeit, ist der Lichtäther das Urbild des irdischen Luftraums, und die Lichterde, das übersinnliche Urbild der Erdscheibe. Sie bilden gemeinsam mit dem Vater der Herrlichkeit eine Dreiheit, die rein geistiger Natur, übersinnlich und ewig ist. Diese drei Teile besitzen besondere Attribute:

  • Das Geistige Leben des Vaters der Herrlichkeit ist gekennzeichnet durch Sanftmut, Wissen, Verstand, Geheimnis und Einsicht. Die Attribute seines reinen Geistes sind Liebe, Glaube, Treue, Altruismus und Weisheit.
  • Die Attribute des Lichtäthers sind identisch mit dem geistigen Leben des Vaters der Herrlichkeit.
  • Die Attribute der Lichterde sind der Lufthauch, Windeswehen, Licht, Licht-Wasser und das Himmelsfeuer.

Die Lichterde entspricht dem übersinnlichen Lichtpararadies, dem ein ewiger Lichtgott vorsteht. Er ist von 12 Wesen umgeben - Urbildern der 12 Tierkreiszeichen.

Entsprechend der Dreiheit des Lichtreichs, existiert eine Dreiheit der Finsternis. Darin steht dem Vater der Herrlichkeit gegenüber der "König der Finsternis": Cheschucha.

Der König des Rauches der herausgekommen ist aus der Tiefe der Finsternis, der welcher er ist, der Anführer der gesamten Schlechtigkeit und der Bosheit. Der Anfang der Anzettelung des Krieges geschah durch ihn; alle Kämpfe, die Schlachten, die Gefahren, die Niederlagen, die Ringkämpfe. Jener erregt Gefahren und Kriege zusammen mit seinen Welten und seinen Kräften. Alsdann kämpfte er mit dem Licht.

- Aus dem Kephalaia

Gegenstück zum Lichtreich bildet die Geistesmacht der Finsternis - Humama. Diese Macht ist in etwa vergleichbar mit der babylonischen Tiamat - dem Ungeheuer das aus dem finsteren Urmeer des Chaos entstand.
Schließlich entspricht der Lichterde in der Dunkelwelt, die "Erde der Finsternis" - die "kosmische Hölle". Auch diese Dreiheit hat ihre Attribute:

  • Der König der Finsternis besteht aus Gifthauch, Glutwind, Dunkel, Nebel und Höllenfeuer.
  • Die Attribute der Geistesmacht der Finsternis entsprechen den Attributen ihres Königs.
  • In der Erde der Finsternis brodeln giftige Quellen, dort wehen Rauchwolken und an finsteren Abgründen sind Sümpfe und dort lodern Flammensäulen.

Aus diesen Elementen der Finsternis ging nun als "Urteufel" der Satan hervor.

Was den Archonten, den Führer aller Mächte der Finsternis anbetrifft, so befinden sich fünf Gestalten an seinem Körper entsprechend der Gestalt der Merkmale der fünf Geschöpfe, die sich in den fünf Welten der Finsternis befinden. Sein Kopf hat das Gesicht eines Löwen, der aus der Welt des Feuers entstanden ist, Seine Flügel und seine Schultern haben ein Adlergesicht entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Seine Hände und seine Füße sind Dämonen entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Sein Bauch und sein Gesicht eines Drachen entsprechend, der Gestalt der Söhne der Welt der Finsternis. Sein Schwanz hat die Gestalt des Fisches, der gehört zu der Welt der Söhne des Wassers. Diese fünf Gestalten befinden sich an ihm, die, welche entstanden sind aus den fünf Geschöpfen, der fünf Welten der Finsternis.

- Aus dem Kephalaia

Der Satan wagte es bis zu den finstern Lichtbezirken vorzudringen, was zur Erschütterung der Lichterde führte. So sah sich der König des Lichtparadieses veranlasst einen neuen Äon hervorzubringen: die Mutter des Lebens. Unter dem Einfluss der fünf geistigen Attribute (siehe oben) und den 12 Herrlichkeiten, kam durch sie der "Urmensch" in die Welt (der entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala). Er wurde zum Kampf gegen den König der Finsternis ausgestattet, mit den fünf Elementen der Lichterde. Nun traf er an der Grenze zwischen Lichtreich und dem Reich der Finsternis, auf den Satan, begleitet von den 12 Archonten (Dämonen). Doch der Satan und die Archonten besiegten ihn, und raubten ihm einen Teil seines Lichts. Doch auf ein siebenmaliges Stoßgebet, sendete ihm der Vater des Lichtreichs die "Lichtfreunde", mit denen gemeinsam er letztlich den Satan besiegte und die Archonten gefangennahm.

Die Söhne des Lichts führten fünf Kriege mit den Söhnen der Finsternis. Die Söhne des Lichts bezwangen die Söhne der Finsternis in ihnen allen. Der erste Krieg ist der des Urmenschen, des Lebendigen, den er geführt hat mit dem König des Reiches der Finsternis und allen Archonten, die aus den fünf Welten hervorgekommen waren. Er stellte ihnen nach mit seinem (Fischer)Netz, welches die Lebendige Seele ist. Er schloss sie ein wie Fische (mit einem Netz).

- Aus dem Kephalaia

Der Demiurg Satan

Die Entstehung der Welt im Manichäismus

Die "Drei Söhne des Lebensgeistes" (Freunde der Lichter) töteten die 12 Archonten. Aus ihren astralen Häuten formte die Mutter des Lebens das Himmelsgewölbe über der Erde, was die 12 Sternbilder wurden. Je mehr Licht einer der Archonten dem Urmenschen entzogen hatte, desto heller leuchten die Sterne, die dem Himmelbereich seiner Haut entsprechen.

Im Kampf vermischten sich nun die fünf Licht-Attribute mit den fünf Attributen des finsteren Satans. Hieraus entstanden fünf materielle Elemente:

  • Lufthauch und Gifthauch ergaben die irdische Luft,
  • Windeswehen und Glutwind den irdischen Wind,
  • Licht und Dunkel zusammen die Metalle,
  • Licht-Wasser und Nebel bildeten das irdische Wasser und
  • Himmelsfeuer und Höllenfeuer vermischten sich zum irdischen Feuer.

Aus ihnen entstanden die nützlichen, wie auch die schädlichen Wirkungen von Himmlischem und Höllischem, von Gutem und Bösem, von Lichtem und Dunklem.

Nun befahl der König des Lichtreichs einem Engel - dem Demiurgen - die Erde zu bilden. Das Licht, das in dieser Welt an die Materie gebunden ist, nannte Mani die "Lichtseele". Sie entspricht dem Leiden unterworfenen Jesus.

Der Ort an den sich die Lichtseele und das Gebet begeben

Zweck des gesamten Weltprozesses ist es nun, das in die Materie eingeschlossene Licht zu befreien. Diesem erhabenen Zweck dienen Gott, die Sonne, der Mond und die 12 Sternbilder. Alle anderen Himmelskörper waren für die Manichäer Dämonen.

Die Lichtseelen, die sich aus der Körperlichkeit entrungen haben, wie auch die Gebete die über die Lippen gesprochen wurden, kehren zu ihrem Ursprung zurück. Den Sternbilderkreis nannte man das "Schöpfrad mit den 12 Eimern", woraus die im Lichtmeer befindlichen Seelen und Gebete, gemäß dem Schicksal ihrer Besitzer, "geschöpft" werden. Diese noch nicht völlig von ihrer Materialität befreiten Licht-Elemente, werden durch die 12 Sternbilder dann zunächst zum Mond gebracht - dem Ort der Lichtjungfrau - der Mutter des Lebens (siehe oben). Vom Mond gelangen diese Elemente zur Sonne - dem Wohnsitz des Lebensgeistes, des Urmenschen und seiner Lichtfreunde. Schließlich werden die Lichtseelen und die gesprochenen Gebete, zum höchsten Licht gebracht (vergl. Zentralsonne). Dort werden die Lichtelemente abgesondert und absorbiert, und die "materiellen Schlacken", werden in den tiefen, um die Welt gezogenen Graben, hinabgeworfen.

Mani sagte, dass es der oben erwähnte Urmensch sei, dem die Haupttätigkeit in diesen Vorgängen zufällt. Er ist der "Vollender der Entsündigung", weshalb ihn die abendländischen Manichäer den "Jesus impatibilis" nannten: den "leidensbaren Jesus". Jesus wird im Übrigen ja auch der "wahre Adam" genannt, womit ein Hinweis auf diesen Ur-Menschen gegeben ist.

Was aber geschieht mit den übrigen Archonten, die sich außerhalb der 12 Tierkreiszeichen befinden? Schließlich raubten auch sie dem Urmenschen das Licht. Hierzu, so Mani, erschien ihnen eine Lichtgöttin, die die Lichtfunken befreite. Das freigelassene Licht konnte nunmehr geläutert werden. Zum gleichen Zweck erschien den weiblichen Archonten ein männlicher Lichtgott.

Die Rolle des Menschen

Die Archonten strebten danach, ihr geraubtes Sternenlicht, das ihnen Einfluss auf die Erdenwelt gab, aber mit allen Mitteln für sich selbst zu behalten. Einer der Archonten - Sindid, der "Gewaltige" - kam zu der Erkenntnis, dass, wenn möglichst viel von diesem Sternenlicht in einem Individuum aufgespeichert sei, man ihm dieses Licht entziehen könnte. Das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er sich mit fünf anderen Archonten - der Brunst, der Hast, der Habgier, der Lust und der Sünde - vereinigte, woraus Kinder geboren wurden, die er alsdann verschlang (wie der griechische Kronos). Denn diese Kinder hatten den Archonten eine große Menge Lichts entzogen. Danach paarte er sich mit seiner Frau und es kam ein Wesen zur Welt, das alle Eigenschaften dieser sieben Hauptarchonten in gesteigertem Maße besaß: Adam - der erste Erdenmensch. Sein materieller Körper, von den Elementen der Finsternis stammend, gehört zum Reich der Finsternis. Seine Seele aber gehört dem oberen Lichtreich an - denn sie wurde dem Urmenschen (vergl. Adam Kadmon) einst geraubt. Darum stehen auch im Menschen Licht und Finsternis in absolutem Gegensatz. Der erste Mensch Adam erhielt den größten Teil dieses spirituellen Lichts. Bei ihm überwog der lichte Anteil gegenüber seiner finsteren Körperlichkeit. Das Selbe gilt für das zweite Wesen, das Sindid zeugte: Chawa (Eva). Zwei Archonten wurden von Sindid dafür vorgesehen, dieses erste Menschenpaar zu bewachen.

Die fünf lichten Schutzengel der Erdenwelt sahen nun, dass in den beiden neuen Lebewesen das geistige Licht durch die "Finsternis des Körpers" begrenzt wurde. Sie baten daher die Mächte des Lichtreichs (darunter der Lebensgeist, die Mutter des Lebens), dem in den Banden der Sinnlichkeit schmachtenden Menschenpaar einen Erlöser zu senden. So wurde der Äon Isa gesendet, der die beiden Wächter fesselte und dann den Menschen zeigte, aus was ihr Leib zusammengesetzt ist: Licht und Finsternis. Isa zeigte ihnen wie sie das an ihren Körper gebundene Licht erlösen konnten. Chawa näherte sich ihr Erzeuger Sindid und sie gebar ihm den Kain (diese Überlieferung ähnelt der Tempellegende der Freimaurer), mit dem sie wiederum den lichten Abel und zwei Mädchen zeugte: die "Weltweise" und die "Tochter der Habgier". Letztere wurde selbst zur Frau ihres Vaters Kain, die erstere bekam den Bruder Abel. Sie aber wurde nicht von Abel geschwängert sondern von einem Engel, und gebar die beiden Töchter "Kommzuhilfe" und "Bringehilfe". Als nun Abel den Kain für den Vater der Kinder hielt und dafür kritisierte, tötete ihn Kain und heiratete dann auch noch seine Tochter "Weltweise".

Dieses Inzestmotiv ist alt-orientalischen und vorchristlichen Ursprungs, denn es taucht ebenso auf im jüdischen Midrasch Bereshit Rabba, wo Kain seinen Bruder erschlägt, wegen ihrer beiden Schwester Naëmah.

Die manichäische Erzählung fährt nun damit fort, dass die Chawa mittels eines von Sindid gelernten Zaubers, die Zuneigung Adams gewinnt und ihm den Schathil (= Seth, vergl. Genesis 4:25, dritter Sohn von Adam und Eva) gebiert. Er besitzt mehr Lichtelemente als es von Sindid und Chawa eigentlich geplant war. Sie versuchten darum das Kind zu töten. Adam rettete es aber mit Hilfe eines, aus einem Gebet niedergesanden Licht-Äon. Später trennte sich Adam von Chawa und begab sich mit seinem Sohn Seth in den Osten - "der Welt wo Licht und Weisheit sind". Dort starb er und gelangte alsdann zum Paradies der Lichterde (zwischen diesem Ort und der Erde, soll sich angeblich der Priesterkönig Melchisedek von Salem befinden, als Hüter des vom Guten und Bösen des MakrokosmosAdamgrabes).

Der Mensch steht im Weltprozess auf dem Kampfplatz der Dämonen der Finsternis und den Engeln des Lichtreiches. Manis Lehre zielte hin auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen, paradiesischen Zustandes, wo dann das "Böse Prinzip" dem Guten machtlos gegenüberstehen wird. Bei diesem kosmischen Erlösungprozess, kommt dem Menschen eine große Rolle zu: durch seine Vernunft hat er, in einem Erkenntnisakt, die Verstrickungen der Lichtkräfte im finsteren Reich der Materie (Hyle) zu durchschauen. So ist der Mensch beteiligt als Mikrokosmos, im Kampf von Gutem und Bösem im Makrokosmos. Es ist des Menschen Aufgabe dabei die in der Materie eingeschlossenen "Lichtteile" zu befreien. Was dabei erlöst wird ist nach Ansicht der Manichäer Gott selbst, denn für sie war die menschliche Seele substantiell mit Gott gleich und damit ein Teil seines göttlichen Lebenslichtes. Es ist hiermit der himmlische Lichtfunke gemeint, der den menschlichen Körper bewohnt.

Ihr Geheiligten, sorgt euch nicht, so ihr in Einklang seid mit Mani, unserem Vater, dem Paraklet (der "Tröster"). Alle göttlichen Wesen ruhen konzentrisch ineinander, ihr Himmelsmenschen. So achtet darauf, dass ihr keinen Zweifel pflanzt in euer Denken, sondern einzig Friede in eure Tat. Ihr Geheiligten, die ihr dem Gesetz Gottes nahe seid, achtet darauf - in drei Dingen ruht Vollkommenheit: im heiligen Gesetz, in der Weisheit und in der Liebe. In diesen dreien sind alle Menschen, die aus Gott sind, vollkommen.

- Ausspruch des Mani

Gebote und Verbote der Gläubigen

Um diese göttlichen Lichtfunken aus der stofflichen Welt zu erlösen, dafür musste sich ein Angehöriger der Religion Manis verantworten. Sein Handeln in dieser Welt zog besondere Konsequenzen nach sich. So war ihm geboten bestimmte Dinge zu unterlassen, was letztendlich den asketischen Charakter der manichäischen Religion unterstreicht.

Den Manichäern war zwar die Mission der Verbreitung ihres Glaubes eine Pflicht, doch es kam ihnen nicht so sehr darauf an wie viele Anhänger die gewinnen konnten, sondern wie viele gute Gemeindemitglieder sie zählten. Unter ihnen gab es die "Vollkommenen" und die "Hörer". Die Vollkommenen hatten Gebote zu befolgen, die als die "drei Siegel" zusammengefasst sind:

  • Das Siegel des Mundes gebot zur Enthaltung von Fleisch, Blut und Alkohol und untersagte das Fluchen.
  • Das Siegel der Hände verbot jedes gegen die göttliche Lichtwelt gerichtete Handeln.
  • Das Siegel des Busens forderte geschlechtliche Enthaltsamkeit.

Die strikte Befolgung solcher Gebote war natürlich nur als ein Mönch unter den Vollkommenen möglich. Darum gab es neben diesen strengen Geboten auch etwas abgeschwächtere zehn Pflichten, die für die Hörer galten:

  • Verbot des Götzendienstes,
  • Verbot des Lüge,
  • Verbot des Habsucht,
  • Verbot jeglichen Tötens,
  • Verbot der Unzucht,
  • Verbot des Stehlens,
  • Verbot des Betrügens und der Verleitung dazu,
  • Verbot der Zauberei,
  • Verbot der Heuchelei,
  • Verbot religiöser Gleichgültigkeit.

Anders als den Vollkommenen, war den Hörern der Genuß von Fleisch und Wein gestattet. Sie durften Kinder zeugen, Handel und Gewerbe treiben und öffentliche Ämter bekleiden. Man riet ihnen jedoch keine Häuser zu bauen und auch keine Bäume zu pflanzen, weil solches Handeln sie zu sehr an diese Welt und ihr Treiben fesseln würde.


Der Manichäismus lieferte seinen Gläubigen nicht nur Gebot und Moral, sondern auch, und vor allem, ein absolutes Wissen, dass ihnen half totale Erkenntnis (Gnosis) zu erlangen. Dieses Wissen führt, so die Manichäer, unvermeidlich zum Heil eines Gläubigen. Es gleicht einer Bestandsaufnahme und einer Erfragung aller wichtigen Einzelheiten, zur Rolle des Menschen und des in seinem Körper eingeschlossenen göttlichen Lichtfunken. Der Eingeweihte erkennt sein wahres Selbst als diesen göttlichen Lichtfunken - als Lichtteilchen des Allgottes im Lichtreich. So sind Gott und Seele also vom selben Licht. Nur die Unwissenden kennen diese Wahrheit nicht. Darum bleibt bei ihnen dieses Licht im Körper gefangen.

Im religiösen System Manis wurde das Drama der Seele und ihr Aufstieg zum universalen Leben, eingehend und plausibel erklärt. Auch die damals lebenden Menschen konnten es verstehen. Niemand musste ihnen geheimnisvolle Gleichnisse erklären, sondern verstanden die Vorgänge im Kosmos direkt. Sie sahen ihre Absichten, wie auch die der rein geistigen Wesen, als Teil eines großen göttlichen Plans - eines höheren Gesetzes, zu dessen Erfüllung sie beitragen konnten.

Die Freude ist gekommen, der Sommer gibt seinen Duft von sich. Öffnet die Tore, entzündet die Lampen. Das Schiff hat angelegt. Das Schiff ist das Gebot. Lade ein dein Gut. Segle mit frischem Wind. Wir haschen nach jedem Augenblick, doch wir vergeuden jeden Tag, denn wir wissen nicht den Augenblick wo alles still wird. Wo sind nur alle Menschen? Sie haben Abschied genommen. Sie sind fort gegangen. O dieses große Wunder, dieses Staunen, das den Menschen erfasst hat. Sie rennen, sie stürmen voran, doch sie eilen umsonst. Viele von ihnen starren in die Ferne, doch vor uns, in uns, liegt ein allgegnwärtiger Tag. Die Wunder sind gekommen und ziehen vorüber. Die Zeichen erfüllen sich. Lasst die weiße Taube in ihr Leben und setz ihr nicht die Schlange vor. Das Königreich ist Liebe - die weiße Taube.

- Ausspruch des Mani

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