Sufismus

Ein Leben als Sufi

Ein Leben als Sufi

Mit 14 Jahren begann mein Interesse für Spiritualität. Am Anfang dessen stand der legendäre chinesische Philosoph Laotze. Das war auch die Zeit in der ich begann Zen-Meditation zu praktizieren. Erst viel später, gegen Ende 20, las ich die Bücher Genesis und Exodus. Die Prophetenbücher König Davids und König Salomons folgten: die Psalmen, die salomonischen Weisheits-Bücher, wie auch das Hohelied. Seitdem ich selbst schreibe, zitierte ich immer wieder auch aus den christlichen Evangelien oder aus den Briefen Pauli.

Von teils überwirklichen Erfahrungen bewegt, leitete mich meine Wissbegierde schließlich auch zum Koran. Dieses Buch wirkte auf mich anfangs sehr irritierend. Die Religion des Islam erschien mir zweifelhaft. Doch die Deutlichkeit des Koran, die bisweilen heftig ausfällt, scheint dem Leser jeden Zweifel abgewöhnen zu wollen, so dass er jene Verse nobelster Weisheit in Dankbarkeit empfängt.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb über dieses Buch:

Der Stil des Korans ist, seinem Inhalt und Zweck gemäß, streng, groß, furchtbar, stellenweis wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den andern, und darf sich über die große Wirksamkeit des Buches niemand verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.

- Aus Goethes Mahomet

Die Beschäftigung mit dem Koran und der damit offenbarten Religion, verlangte mir ebenso viel ab, wie mein Ringen um meine wahre Identität: ich denke deutsch, habe einen türkischen Namen, meine Familie ist weder richtig deutsch, noch richtig türkisch.

Die wirkliche Bedeutung des Wortes Islam: Hingabe

Ein anderer Gesichtspunkt, der mich zuerst zögern ließ, mich selbst dem Islam zu nähern, war das, was seit Anfang des neuen Jahrtausends bewusst eingeführt worden zu sein scheint: der sogenannte Islamismus – wohl eher eine üble Farce, die jenen hilft, sich noch leichter bereichern zu können.

Dieses politische Phänomen trübt die Sicht auf den Islam, vieler Menschen im Westen. Viel zu leicht schließt man da doch von einer sehr, sehr kleinen Minderheit krimineller Fanatiker, auf die gesamte muslimische Weltbevölkerung von insgesamt 1,6 Milliarden Gläubigen. Hinzu kommt, dass der kranke Eifer solch radikaler Glaubensverfechter, hauptsächlich von politischen und gesellschaftlichen Problemen angetrieben wird und nicht etwa von Glaubensthemen.
Es ist meines Erachtens darum einfach falsch, von den durch die Medien verbreiteten Bildern, Rückschlüsse zu ziehen auf eine Religion an sich, sei es Christentum, Judentum, Islam oder ein anderer Glaube.

Man denke etwa an das Gesicht des buddhistischen Terrors in Burma, der gezielt blutige Greueltaten gegen muslimische Menschen verübte. Oder die Gewalt in Nord-Irland, wo sich Katholiken und Protestanten bekriegten.

Sicher hielte man jemanden für ungebildet, der wegen solcher Berichte behauptete, alle Buddhisten oder Christen seien gewalttätig. Der Wunsch, den Islam und andere Religionen partout gleichsetzen zu wollen mit Gewalt, basiert auf Unwissen. Doch es scheint als würde diese Religion als solche instrumentalisiert.

Al Buraq - ewigeweisheit.de

Al Buraq: Das legendäre Reittier des Propheten Mohammed (as), auf dem er in seiner Nachtfahrt von der Erde in den Himmel reiste (Illustration: S. Levent Oezkan).

Muslim auf dem mittleren Weg

Auch der Islam verehrt die Propheten Adam, Noah, Abraham, Moses oder den Friedensfürsten König Salomon, wie natürlich auch Jesus Christus. Auch der Koran berichtet, dass er der Sohn einer Heiligen Jungfrau war, weshalb man ihn »Isa ibn Maryam« nennt: Jesus, Sohn der Maria.

Fragte mich einer nach meinem Glauben, erhielte er die Antwort: »Ich bin Muslim«. Doch das ist alles etwas komplizierter.

Ich fühle mich sowohl den Sunnis wie auch den Schiiten verbunden. Und das wäre aus Sicht orthodoxer Muslime gänzlich unmöglich. Auch hätte ich wohl kaum zum Islam gefunden, besäße nicht auch diese Religion, so wie die mosaische Tradition die Kabbala, und die christliche Tradition die Gnosis, eine mystische Dimension: den Sufismus.

Man muss grundsätzlich unterscheiden, zwischen dem eher orthodoxen Islam der Sunniten und dem, was sich im 11. Jahrhundert aus dem Schiitischen Islam durch die Mutazila herausbildete: einer stark von der griechischen Philosophie beeinflusste islamische Strömung. Sie nämlich stellt, wie auch ich, die Willensfreiheit des Menschen in den Vordergrund und geht nicht aus von einer, nur von Gott vorherbestimmten Welt. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass sich jeder Mensch für sein Handeln stets verantworten muss, auch wenn er darin einen gewissen Spielraum hat. Wahrscheinlich brachten mich zu dieser Ansicht auch die Lehren des Buddha, der einen »Mittleren Weg« predigte.

Ob diese Vorstellung von Gott und dem Menschen in der Welt sich auf diese Weise für mich tatsächlich bewahrheitet hat, das weiß ich erst am Ende meines Lebens.

Trotz also dass meine Vorfahren Sunniten waren, fühle ich mich als Sufi eng verbunden mit dem Islam der Perser, das heißt dem Schiismus, dem Alevitentum und dem Ismailismus. Es liegt an meiner besonderen Verehrung für Hazret Ali, dem Schwiegersohn und ersten männlichen Anhänger des Propheten Mohammed. Besonders im Glauben der Aleviten, ist Ali von zentraler Bedeutung.

Meine starke Affinitiät zum Christentum und zum Jüdischen Glauben

Würde ich behaupten, allein dem Islam oder Sufismus etwas abgewinnen zu können, würde mir das wohl kaum jemand glauben, allein schon darum nicht, da ich diese Webseite betreibe und zu verschiedensten Themen der Spiritualität Bücher schreibe, auch unter dem Pseudonym Johan von Kirschner.

Es ist einfach so, dass ich großen Respekt verspüre, besonders für die Tradition der Juden. Jene Gläubigen nämlich hielte über all die Jahrtausende der Verfolgung und Diaspora, an ihrer religiösen Praxis fest. Dieses Festhalten an alten Sitten und Gebräuchen ist etwas, dass unserer heutigen, modernen Kultur einfach fehlt. Fraglos also, wenn ich auch viele jüdische Freunde habe. Manche senden mir im heiligen Monat Ramadan die besten Grüße. Ein befreundeter Biologe aus Haifa (Israel), nahm mich am Schabbat (Samstag) mit zum Gottesdienst in seine Synagoge. Auf dieser zweiten Israel-Reise betete ich auch im Felsendom gen Mekka, kniete in der Grabeskirche in Jerusalem am Grab Jesu. Das mag manchen Muslimen, Christen oder Juden wohl absurd erscheinen. Doch das ist mein Weg. Diese Offenheit und Toleranz wurde mir in meiner Familie vermittelt:

Mache keinen Unterschied zwischen Herkunft, Hautfarbe oder religiöser Gesinnung eines Menschen.

Meine Eltern lebten mir vor, dass sich glücklich schätzen kann, wer Gäste hat und sie auch als Menschen verschiedener Herkunft, zum Wohle aller zusammenbringt.

Drum ist es mir ein Anliegen, durch meinen Umgang mit Menschen verschiedenen Glaubens, zu zeigen, dass es durchaus möglich ist, den Kern eigener, religiöser Werte auch in einem diesen Traditionen fremden Umfeld zu leben.

Nicht die Kenntnis der Unterschiede stärken den Glauben eines Menschen, sondern das Wissen von der Relevanz der Ursprünge seiner Tradition und den darin begründeten Gemeinsamkeiten. Sie nämlich ziehen sich als kontinuierlicher Strang der Weisheit, durch die theosophisch-religiösen Strömungen in West und Ost, und entfalteten sich über die Jahrtausende, aus dem lebendigen Wachstum eines gemeinsamen Ursprungs.

 

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Der Weiße Lotus

Der Weiße Lotus

Stern Sirius (Foto: Mellostrom, Lizenz: CC BY-SA 3.0) - ewigeweisheit.de

Der Sirius - Hellster Stern am Nachthimmel (Foto: Mellostrom; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0)

Ein Weißer Lotus wächst aus dunkel-schlammigem Grund empor, doch öffnet seine weiße Blüte keusch den Sonnenstrahlen. So schwarz wie der nährend-fruchtbare Schlamm in dem er schwimmt, so makellos rein öffnet er seine Blätter. An seinen Blütenblättern perlt jedes Tröpfchen ab. Nichts benetzt ihn als nur das Licht.

Der Lotus wurzelt aber nicht etwa fest in der Erde, sondern ist ungebunden und verändert schwimmend, allmählich seine Lage und Form. Für mich steht er darum als Symbol der Ewigen Weisheit, die weder westlich noch östlich und an keinen bestimmten Ort gebunden ist, doch sich in ihrer Reinheit zum Licht des Göttlichen hin öffnet.

Gott ist das Licht des Himmels und der Erde, das Gleichnis seines Lichtes ist wie eine Nische, in welcher eine Lampe steht, die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist wie ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum. Einem Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich, dessen Öl leuchtet beinahe, ohne dass es das Feuer berührt hätte. Licht über Licht. Gott leitet zu Seinem Licht wen Er will.

- Sure 24:35

Funkelndes Licht des Sirius

Natürlich ist der Lotus eines der markantesten Symbole der Spiritualität überhaupt. Im Koran repräsentiert er den Gipfelpunkt göttlicher Offenbarung. In der Sure »Der Stern« heißt es:

Und tatsächlich hat er ihn gesehen, bei einer anderen Begegnung beim Lotusbaum am äußersten Ende, wo das Paradies der Zuflucht liegt. Dabei überflutete (Licht) den Lotusbaum, was (ihn) überflutete. Da wankte nicht der Blick, noch schweifte er ab. Wahrlich, er hatte gesehen eines der größten Zeichen seines Herrn.

- Sure 53:13-18

Die selbe Sure nennt an anderer Stelle Allah ganz klar und unmissverständlich, den Herrn des Sirius – jenen Stern der in den Isis-Mysterien des Alten Ägypten, doch von so hoher Wichtigkeit war. Denn mit seinem heliakischen Aufgang setzt die Nilflut ein, wenn sein weißes Licht die rötliche Morgendämmerung durchstrahlt, die den schwarzen, fruchtbaren Schlamm über die Äcker flutet.

Es heißt, die Urform des Lotus brachte Isis vom Sirius auf die Erde. Nicht zufällig gehörten Lotus und Sirius, zu den wichtigsten Symbolen der heiligen Stätten Alt-Ägyptens.

Leuchtendes Juwel

Sufi Orden des Weißen Lotus - S. O. W. L. - ewigeweisheit.de

Auch im Osten umgibt den Lotus, als Symbol der Unberührtheit, ein besonderer Glanz. Darauf deutet ein buddhistisches Mantra hin: »Om mani padme hum« – Om, Juwel im Lotus. Im tibetischen Buddhismus denkt man sich diese Silben als Ausdruck vollkommenen Mitgefühls. Das Leuchten jenes Juwels, dass die reinen Blätter des weißen Lotus hüllen, schaut dann, ein zu vollem Bewusstsein Erwachter.

So steht der Lotus für eine Haltung, die geprägt ist von der Achtung der Würde des Menschen und damit die Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu finden.

Die Dimension völliger Reinheit der Lotus-Blüte, ist inhaltlich auch verbunden mit dem arabischen Wort safā – dem Reinsein – der Wortwurzel des Wortes Sufi. So erscheinen die Namen Sufi und Lotus in unversehrtem Licht.

Dieses rein werden aber, war und ist für mich ein langer Weg. Denn es bedeutet, sich zuerst für die tagtäglichen Handlungen im Umgang mit Anderen zu reinigen, die Sätze die aus meinem Mund kommen von negativen Worten zu säubern und schließlich, mein nicht willentlich beeinflussbares, irdisches Sein, durch richtiges Denken zu kontrollieren. Der große Sufi-Mystiker Hadschi Bektasch Veli nannte das die Reinheit von Zunge, Hand und Lenden.

Im Zentrum des freien Sufi Ordens des Weißen Lotus, stehen die Ikhwan As-Safa, die Brüder der Reinheit.

 

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Die Derwische und die Sonne

Alles in der Welt dreht und bewegt sich, von den Atomen bis zum Sonnensystem und dem Blut im Körper. Sema, die Tanz- bzw. Kulturübung der Mevlana-Derwische ist eine Reise des Menschen ins Innerste der Seele. Diese Seele reift dadurch und gelangt damit zu einer Einheit mit Gott. Ein konzentriert auf die Göttlichkeit ausgerichtetes Bewusstsein wird so geschaffen.

Dies wird durch den Verzicht auf Begierden und Leidenschaften, durch das Hören der Musik gesucht, indem sich der Körper in sich wiederholenden Kreisen dreht. Dies ist eine symbolische Nachahmung und stellt die Bewegung der Himmelskörper dar. Ganz so wie die Sterne und die Planeten um die Sonne kreisen, drehen sich die Derwische gegen den Uhrzeigersinn, sowohl um sich selbst und um den Kreis.
Der Tanz der Derwische wurde von Dschellaladin Rumi, einem persischen Dichter als Meditationstanz entdeckt. Seine Schüler drehten sich hingebungsvoll um ihre eigene Achse und sanken so in den Raum der Wachsamkeit.
Auch heute noch wird der Tanz der Derwische praktiziert. Dabei dreht sich der Sufitänzer zunächst mit gekreuzten Armen, dann allmählich öffnet er seine Arme und hält dabei die rechte Hand nach oben und den linken Arm nach unten.

Eine Hand ist zum Himmel hin geöffnet, die andere zur Erde. Während des Drehens sehen die Augen des Tänzers auf die Finger seiner rechten Hand. Durch das Drehen wird ein Zustand innerer Ruhe durch die Bewegung im Außen gefunden. Damit offenbart sich dem Derwisch das Leben als ein Leben des Herzens. Er lernt loszulassen statt gedanklich an etwas festzuhalten, ganz einfach, indem man sich dreht. So wird sein Ego geläutert und er wird zu einem transparenten Gefäß, welches sich mit dem göttlichen Licht der Spiritualität füllt. Über diese Meditation, werden die göttlichen Segnungen ausgesendet und durchdringen so als Schwingungen den Weltraum im Gedenken an die allumfassenden, göttlichen Emanationen. Durch die stillen Gesänge der 99 heiligen Namen Gottes, Allahs, werden die Herzen aller beim Tanz Anwesenden angerufen. Es ist wie das Eintauchen in einen Fluss der göttlichen Liebe, der zu einem Strom anschwillt und das Herz in Freude wiegt. Das Herz wird so zum Zentrum der Liebe zur Welt. Es wird das Herz der Liebe im eigenen Dasein.

Die Entschleierung des Herzens

Aus dem Feuer der Leidenschaft entsteht das Licht der Seele, das es zu transformieren gilt, denn der Ausgangspunkt ist das Ego, was als die Triebseele verstanden werden kann, die Nafs. Es bildet den Ausgangsstoff für die Alchemie des Herzens. Um dies zu verdeutlichen verwenden die Sufis folgendes Bild: Aus dem Feuermeer, dem Bachrun Nar bildet sich das Lichtmeer Bachrun Nur. Dieses aus dem Feuer geborene Licht ist die Ausgangssubstanz, aus der sich dann die Lataif bilden.

Durch die Verwirbelung des Lichts werden die fünf Elemente geschaffen. Gereinigt und ausgeglichen bilden sie nun die Substanz aus denen feinstoffliche Organe farbigen Lichts geschaffen werden. Vom Energiewirbel der Herzensliebe ausgelöst, werden die Elemente gemischt und allmählich so verfeinert, bis sie schließlich in Erscheinung treten. Aus etwas einst undefinierten bilden sich hernach die fünf Lataif. Alle zusammen formen im transformierten Zustand das Bachrun Qadr – das Meer der Macht.

Die feinstofflichen Körper – Lataif

Die LataifZunächst wollen wir uns einen Überblick über die Lataif verschaffen.

Der Mensch besitzt einen göttlichen Geist. Dieser Geist bildet einen feinstofflichen Körper, der mit dem physischen Körper verbunden ist. Es ist nun so, dass dieser feinstoffliche Körper eine psychische Struktur bzw. Anatomie besitzt, gleich dem physischen Körper. Wenn der Sufi vom Herzen spricht, dann spricht er vom Herzen das sowohl den feinstofflichen als auch der grobstofflichen Körper regiert. Das feinstoffliche Herz ist das Zentrum des spirituellen Körpers. Die Lataif sind Organe des Lichts, die den Organismus sowohl des physischen als auch des psychischen Körpers bewegen und mit spiritueller Energie versorgen. Dieser Vorgang ließe sich zum Beispiel mit verschiedenen Farben imaginieren.

Prophet Mohammed (A.s.) erwähnt in einem Hadith hierzu wie folgt: »Im Menschen gibt es ein Organ, das Herz. Ist das Herz des Menschen gesund, so ist der ganze Mensch gesund. Ist das Herz krank, ist der ganze Mensch krank.«. Weiter sagt er im Hadith Al Qudsi: »Denn Du musst wissen, dass es ein (physisches) Herz in jedem menschlichen Körper gibt. Doch gibt es darin auch noch ein spirituelles Herz, das Fouad. Darin befindet sich wiederum ein verborgenes Geheimnis. Und in diesem Geheimnis gibt es abermals etwas das sich darin verbirgt. Und dieses Verborgene umgibt zuletzt, das meist verborgene Geheimnis: Und das bin ich (Mohammed)«.
Es gibt also fünf Kammern im Herzen, von der jede eines der fünf Herzen enthält.

Nun wollen wir uns den Lataif im Detail widmen.

1. Qalb – Das Herz

Das erste Lataif heißt Qalb und ist die Station des Wissens im Menschen.

Hierin verwirklichen sich sechs Kräfte: Hakikatu l'Jasbah, die Anziehungskraft, Hakikatu l'Fadjd, der Heilige Geistfluss, Hakikatu t'Tawajiuh, die Konzentration, Hakikatu t'Tawassul, die Fürsprache und das Bittgebet, Hakikatu l'Irshad, die Göttliche Führung und Hakikatu t'Tayy, die spiralförmige Verwirbelung der Materie, die zum göttlichen Licht hinaufstrebt (wie z.B. auch beim Sema).

Qalb steht für die erste Säule des Islam, das Glaubensbekenntnis und die Einheit in Gott – die Schahada.

Da Allah dem Menschen durch den Propheten Adam seine größte Ehre erwiesen hat, steht er für dieses Lataif. Adam steht für den Naturmenschen. Er ist das Siegel Gottes (Kalifa, Stellvertreter Gottes) mit dem Allah alle Dinge im Universum bezeichnet, um damit den Anspruch auf den »universellen Schatz« geltend zu machen. Im Hadith Al Qudsi heißt es: »Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, also erschuf ich Himmel und Erde«. Adam ist also nicht nur Mensch, sondern Stellvertreter Gottes. So wie die Sonne das Zentrum des Makrokosmos, ist Qalb das Zentrum im physischen und feinstofflichen Körper – hierfür steht die Station Ilmiya, das Wissen. Durch das Hören wird das Tor zur Seele geöffnet. Durch äußeres Wissen kommt man zur inneren Gewissheit, dem Ilm Ulyakin.

Übung: »Ya Sayed«: 200 mal täglich nach dem Abendgebet rezitieren

2. Sir – Das Geheimnis

In diesem Geheimnis, ist das Zeugnis beschlossen, in dem die Wirklichkeit durch Hören und Sehen wahrgenommen wird. Die zweite Säule des Islam ist das Gebet – Salat. Beten heißt im Islam, so zu beten als würde man vor Allahs Angesicht stehen. In Zusammenhang mit dem Lataif Sir steht der Prophet Noah. Er ist der Zeuge des menschlichen Lichtkörpers. Er baute die Arche, um die Menschheit vor der Sündflut und den Einzelnen vor seinen eigenen Fehltritten zu bewahren. Hierfür steht Ayn Ulyakin, womit durch innere Visionen Gewissheit erlangt wird.

Noah steht also für das innere Wissen, während Adam für das äußere Wissen steht. Ihm ist der Planet Mars zugeordnet und damit verkörpert seine Person alles das in Zusammenhang steht mit Eisen, Werkzeugen, Technologie und der äußeren Herrschaft über die Kräfte der Natur, denn Noah hatte die Gabe zu abstrahieren. Also ist mit ihm der Geist des Menschen erwacht: die Ruhaniya – die Station der Spiritualität.

Übung: »Ya Sahib«: 200 mal täglich nach dem Nachtgebet rezitieren

3. Sir as-Sir – Das Geheimnis des Geheimnisses

Abraham, als Freund Gottes, war bereit ins Feuer zu springen. Moses hingegen sah in einer Vision Gott im brennenden Dornbusch, und konnte mit ihm sprechen. Für dieses Lataif steht die dritte Säule des Islam – Sakkat, die Armenspende. Man gibt das Weltliche hin, um am Jenseitigen teilhaftig zu werden. Durch die Vervollkommnung der Seele zu einem ausgeglichenen Wesen, erlangt man die Fähigkeit in der materiellen Welt Perfektion zu erreichen. Hierfür steht Haq Ulyakin, durch das man durch die Körperempfindungen von der Wirklichkeit zur Gewissheit gelangt. Auf der Ebene des Mondes erreichen wir die Herrschaft über alle Vitalkräfte der Erde, so wie Moses mit seinem Stab über die natürlichen Kräfte verfügte. Wir können Moses sowie Abraham als wahre Herrscher der Erde bezeichnen, denn sie stehen stellvertretend für alle Kalifen, Gottesfreunde und Heilige, da sie Zugang zur Welt der Symbole und Gleichnisse haben, der Mithaliya.

Übung: »Ya Sadiq«: 200 mal täglich nach dem Mittagsgebet rezitieren

4. Khafa – Das Verborgene

Khafa ist das Lataif des Geruchsinns, die Fähigkeit durch die der Atem des heilige Geistes wahrgenommen wird. Es ist das feinstoffliche Zentrum zur Bewahrung von verborgenem Wissen. Hier ist die Rede von feinstofflichen Körperhüllen, die der Mensch durch die Erfahrung des Geheimwissens zur Perfektion bringen soll. Dies wird repräsentiert durch Jesus, der auf allen grob- und feinstofflichen Körperebenen höchstes spirituelles Bewusstsein erreicht hat. Wegen seines asketischen Lebens, steht der Prophet Jesus im Zusammenhang mit der vierten Säule des Islam: Dem Fasten – Zaum Ramadan.

In einem Hadith heißt es: »Nähere Dich Deinem Herrn, bis Du das Ohr wirst mit dem er hört, das Auge wirst mit dem er sieht, der Mund wirst mit dem er spricht, die mächtige Hand mit der er greift und der Fuß der Dich tragend (Himma) zu ihm führt«. Sobald dies errungen wurde, wird man wie Jesus, der durch die Kraft des heiligen Geistes, Tote zu neuem Leben erweckte, Kranke heilte und dessen Schöpferkraft in der Welt unbegrenzt zum Ausdruck gebracht werden konnte. So braucht er nur zu einem Ding zu sagen »Sei« und es ist – Kun faya kun. Diese Eigenschaft wird durch die verborgene Station Jismiya bezeichnet, unter der man den vollkommenen Menschen versteht, den Insan Kamil, als Abbild des letzten Gesandten Allahs: Mohammed (A.s.).

Übung: »Ya Rasul«: 200 mal täglich nach dem Nachmittagsgebet rezitieren

5. Akhafa – Das am meisten Verborgene

Dieses Lataif steht für das Wesen oder die Essenz Gottes: Dhaat. Darum ist der Prophet der diesem Lataif zugeordnet ist Mohammed (A.s.). Mit der fünften Säule des Islam, der Hadsh, wird die Pilgerfahrt zum Herrn der Macht unternommen, wodurch die Fähigkeit erreicht wird die göttliche Gegenwart zu erfahren – eine Reise zum letztendlich Unsichtbaren, dem Verborgensten aller Geheimnisse. Aus dem göttlichen Funken im Herzen formt sich das Reittier (Burak, der Lichtkörper) mit dem der vervollkommnete Mensch über die sieben Himmel zum Thron Gottes und darüber hinaus direkt in die göttliche Gegenwart gelangen kann. Nur durch die gelebte, lebendige Erfahrung, was die Sufis das »Schmecken« nennen, wird er zu jemandem der die Vorgänge im Himmel wahrhaftig bezeugen kann. Schließlich gelangt der Reisende mit der Lataif Akhafa zur Essenz Gottes, der Dhaatiyya.

Übung: »Ya Allah«: 200 mal täglich nach dem Morgengebet rezitieren.

Die Vereinigung mit dem göttlichen Urlicht

Das von allen Eintrübungen gereinigte und von Schleiern befreite Herz, ist wie ein Hohlspiegel, der die farbigen Lichter der Lataif zu einem dunkelblauen Strahl bündelt, und diesen in den Bereich des dritten Auges reflektiert. So wie die göttliche Offenbarung des Koran, durch die Sure Fatiha eröffnet wird, erwacht das sprechende, reflektierte Ich, Nafsi Natika, als das große Bewusstsein des kosmischen Menschen, Insan Kabir.

Mit diesem Bewusstsein schafft unsere Seele die Rückbindung, was wörtlich mit dem Begriff Religion gemeint ist, zum göttlichen Urlicht, um auf dieser Ebene ein Gefäß für das Ganze (Qalib), das göttliche Licht zu bilden. So kehren wir von der Vielheit zurück in die Einheit, um uns auf unsere göttliche Herkunft zurückzubesinnen – denn dort können wir uns mit Allah, unserem Nächsten und unserem wahres Selbst wieder vereinen.

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