Sufismus

Die Sufis: Bewahrer der Essenz aller Religionen

von S. Levent Oezkan

Ein Sufi kann sich überall und jeder Form des Umgangs anpassen. Auch wenn die Sufis vor allem in islamischen Ländern leben, sind nicht alle Sufis Muslime. Sufismus braucht sich keiner Religion anzupassen. Doch durch seine tolerante Art kann der Sufismus dazu beitragen, dass sich Menschen verschiedener Religionen näher kommen.

Wie unzählige andere Texte über Sufismus, ist auch dieser Text ein Augenzwinkern, um den Suchenden anzulocken und zu führen an den Ort, wo ein jeder Sufi-Weg beginnt. Eigentlich lässt sich nicht wirklich über Sufismus schreiben. Man kann nur ein Sufi sein, denn Sufismus ist lebendig und steht für sich. Er braucht nicht Koran, Bibel oder andere heilige Büchern wortgetreu erfüllen. Im Gegenteil macht das Sufitum aus der toten Schrift etwas Lebendiges.

Einst fragte einer den Sufi Al-Hasan Al-Basri: "Was ist Islam und was sind die Muslime?" Er antwortete: "Islam steht in den Büchern und die Muslime sind in den Gräbern."

Es waren vor allem Sufis die die Religionen in Ost und West in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder belebten. Zum regen Austausch zwischen Orient und Okzident trugen die wandernden Sufi-Derwische bei. Sie sprachen mit Menschen verschiedenen Glaubens und erkannten dabei, dass es eine Ewige Weisheit (Sophia Perennis) gibt, die hinter allen Glaubensrichtungen und Religionen steht. Wahrscheinlich waren die Ordnesgründer neuerer Religionen, wie z. B. des indischen Sikhismus oder des Jesidentums, selbst Sufis.

Der Kern des Sufismus

Ein Sufi sieht sich mit dem allumfassenden Gott in einer Liebesaffäre, in einer Liebe zur Ganzheit allen Seins. So ist ein Sufi dazu bereit sich der Ganzheit Gottes zu ergeben und sie in sein Herz aufzunehmen. An sich besitzt der Sufismus kein Dogma, keine Formalitäten oder Glaubensbekenntnisse. Sufi sein bedeutet nicht in erster Linie einer Institution, einer organisierte Glaubensgemeinschaft oder einer Kirche anzugehören. Einzige Vorbilder eines wahren Sufis sind die Gottgesandten und Erleuchteten der großen Religionen: Mohammed, Jesus Christus, Moses, Zarathustra, der Mani, der Krishna oder der Buddha.

Es sind nur verschiedene Namen die die Religionen besitzen, doch gemeinsam ist ihnen die innigliche Beziehung zu Gott. Doch diese Beziehung birgt eine Gefahr: je näher man dem Göttlichen kommt, desto mehr beginnt sich das Ich zu erübrigen. Mit Gott eins zu werden, dass bedeutet für den Sufi zu sterben. Nur so glaubt er wirklich leben zu können. Für den Sufi beginnt das wahre Leben nach dem irdischen Leben, wenn der Körper aus Fleisch und Blut gestorben ist. Unser irdisches Leben ist für den Sufi nur ein Zwischenstadium. Verglichen mit dem kommenden Leben in Gott, ist das irdische Leben für ihn nur recht mittelmäßig. Es ist das Leben in einem sterblichen Körper der leidet. Der Körper bildet das Gemäuer eines finsteren Kerkers worin sich unsere Seele eingeschlossen befindet. So ist die Seele alles andere als von göttlicher Extase erfüllt. Der Körper der Leidenschaften, den das Ich repräsentiert, steht der Verbindung zwischen Seele und Gott im Weg. Die Sufis sehen die Sehnsüchte und Leidenschaften ihres Körpers als Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Für sie trennt die "Schale des Körper" das Ich vom Du. Auch das universale Ganze ist durch den Körper getrennt: in ein Jenseits und ein Diesseits.

Der Weg des Sufi

Wer bereit ist den Weg des Sufi zu gehen, tritt diese Reise an in seinem Herzen. So wie sich eine Rose entfaltet und ihren Duft verströmt, so muss sich das Herz des Suchenden öffnen, muss sich danach sehnen zu suchen - so wie die Blüte sich nach der Biene sehnt, um von ihr bestäubt zu werden.

Wer sich auf den Sufi-Pfad begibt hat sich dazu entschlossen aus dem Schlaf des Alltags zu erwachen. Er will sein Herz erwecken, dass so lange in seiner Brust unbewusst schlummerte. Das ist die Beschreibung dessen, was mit dem Suchenden geschehen muss.

Sufismus ist etwas zauberhaftes, das nur vom Meister an den Schüler weitergegeben werden kann. Bei dieser Übertragung der Sufi-Tradition berufen sich die Murshids (Meister) auf die Silsila (arab. سلسلة), die spirituelle Kette eines Sufi-Ordens. Sie verbindet alle Generationen von Murshids und Sheikhs miteinander und geht zurück bis auf den Propheten Mohammed. Die so übertragene Tradition zeigt dem Murid (Schüler) den spirituellen Weg: das ist die Tariqa (arab. طريقة), der Pfad den ein Sufi beschreitet. Vom Herzen des Murshids (Sufi-Meister) einer Tariqa (Sufi-Orden) wird das Wesen und die Essenz des Sufismus, auf das Herz des Murid (Sufi-Schüler) übertragen. Es ist eine sehr geheimnisvolle Sache, die nicht ohne einen Murshid (bzw. Sheikh) erfahren werden kann. Selbst wenn man alle Bücher über Sufismus auswendig lernte, würde man sich nur in einem Dschungel aus Wörtern verirren. Aus diesem Wald der Unwissenheit soll der Meister einen Novizen führen, heraus aus den Verirrungen des Intellekts, hin zur Weisheit Gottes.

Im Sufismus gilt: wer keinen Sufi-Meister hat, ihn nicht liebt und verehrt, der wird nicht auf den wahren Geschmack des Sufismus kommen. Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass man als Sufi alle anderen Wege als unwichtig oder gar falsch abtun soll – auch wenn das immer wieder ein Problem in manchen Ordensgemeinschaften ist. Ein wahrer Sheikh zeigt seinen Schülern wie sie den Weg selbst finden und worauf sie bei dieser Suche achten müssen. Wie falsch wäre es also, ein Meister machte seinen Schüler von sich abhängig. Dann wäre er nicht mehr als eine Glucke, die ihre Jungen erdrückt.

Einst ging ein Sufi-Meister zusammen mit einem seiner Schüler auf der Straße, als sie ein wilder Hund anbellte. Wutentbrannt schrie ihn der Schüler an: „Wie kannst Du es wagen dich meinem Meister gegenüber so zu verhalten?“ Verwundert bliebt sein Meister stehen und sagte: „Er ist konsequenter als Du es bist.  Er bellt wenigstens alle an, ganz nach seiner Gewohnheit und Neigung; während Du mich als Deinen Meister betrachtrest und gänzlich unempfänglich für die Verdienste all der Erleuchteten bist, denen wir auf unserer kleinen Reise bereits begegnet sind. Du hast sie einfach ignoriert!“

Den Weg des Sufis beschreiten muss jeder selbst. Niemand kann das für ihn übernehmen. Die Welt der Wahrheit ist ein Land ohne Wege. Man kann sich der Wahrheit auf keinem bestimmten Pfad nähern. Jeder muss sie selbst finden. Ein Sufi-Meister stellt seinen Schülern dazu lediglich die Mittel zur Verfügung und führt sie an die Schwellen dieses Landes der Wahrheit, von wo aus sie alleine ihren Weg finden müssen.

Der Schildkröten-Dompteur - ewigeweisheit.de

Der Schildkrötenerzieher - Gemälde von Osman Hamdi Bey (1842-1910). Drei der fünf Schildkröten haben sich vor einem Derwisch aufgestellt, zwei krabbeln hinzu. Hinter seinem Rücken hält er eine Nay-Flöte - das typische Musikinstrument der türkischen Derwische. Über seiner Schulter hängt eine Trommel mit Schlägel.

Absurde Ehrfurcht

Seit vielen Jahrhunderten wird religiösen Menschen eingeblöst sie sollen Gott fürchten. Bis heute scheint sich daran nichts geändert zu haben. Doch ist es nicht diese Grundhaltung, die aus einem Menschen einen Angsthasen macht – einen "Hoffenden", der zittert aus Angst vor Bestrafung für seine Sünden? Eine Liebe zu Gott zu entwickeln ist für so jemand gänzlich unmöglich. Wo Angst herrscht, da verschwindet alle Liebe, da überkommt die Menschen Wut und Hass. Vor wem man sich fürchtet, den kann man ganz einfach hassen. Wenn man Gott aber nur fürchtet und nicht lieben kann, wen sonst soll man da noch lieben können? Wer Angst hat vor Gott, ihn fürchtet - wohin führt ihn sein Weg?

Was Menschen lange fürchten, das wollen sie am liebsten vergessen. Wie lange auch soll man etwas tolerieren, von dem einem beigebracht wurde, dass man es fürchten soll? Um sich von dieser Angst also zu befreien haben viele Menschen gegenüber Gott eine Ignoranz entwickelt. Friedrich Nietzsches berühmtes Zitat "Gott ist tot" scheint sich heute mehr denn je zu bewahrheiten.

Freiheit ist nur möglich wenn man gänzlich frei ist von Angst. Angst ist Enge. Sie verschließt das Herz des Liebenden. Eben genau darum wollen die Sufis Gott lieben. Denn die Liebe lässt überhaupt keine Angst zu. Liebe zerstreut alle Ängste. Nur mit Liebe ist es möglich die Reise zu Gott anzutreten.

Die Sufis sind Suchende auf dem Weg das innerste Wesen Gottes zu erfahren. Sie wollen Gott begegnen, sich ihm ergeben. Wer aber sich Gott ergeben will, der muss sich zuerst einem Sufi-Meister ergeben können. Hier stellt sich unser Ego in den Weg. Die Bewältigung des Egos, als Hindernis auf dem Weg zu Gott, stand darum in allen Schulen des Sufismus schon immer an erster Stelle. Novizen lässt man die einfachsten Arbeiten verrichten, um so ihr Ego zu brechen. Sie müssen Toiletten reinigen, den Boden schrubben. Erst dort, ganz unten, ganz nah an den niedrigsten Bedürfnissen die ein Mensch hat, nämlich sich von Last und Schmutz zu befreien, dort finden die ersten Schritte der langen Reise statt!

Die Bedeutung des Wortes „Sufi“

Der Ursprung des Wortes "Sufi" ist umstritten. Für manche Sprachwissenschaftler besitzt es überhaupt keine Etymologie. Dennoch versuchte man immer wieder das Wort Sufi auf verschiedene Arten zu erklären. Das es keine stichhaltige Erklärung des Wortes gibt mag auch daran liegen, dass der Begriff Sufismus nicht von seinen Anhängern eingeführt wurde. Auch wenn es Sufis schon lange vor dem Aufkommen des Islams gab, ist das Wort "Sufismus" eine relativ junge Wortschöpfung, die zuerst 1821 in Deutschland auftaucht. Das Wort Sufismus wurde von Personen außerhalb der Sufi-Bewegung verwendet, um seine Anhänger zu bezeichnen, denn ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als Sufi. Eher würde er über sich selbst sagen, ein Mensch zu sein der die Wahrheit sucht.

Das Sufi-Phänomen ist grundsätzlich nicht definierbar. Und doch ist es voller Bedeutung für den Einzelnen, ja für die gesamte Menschheit. Es gibt eigentlich kein anderes Wort, um das Wesen des Sufismus zu erklären als das Wort Sufi an sich; es gibt kein Synonym. Man kann als Sufi leben und man kann die Sufis kennen. Doch der Begriff Sufi ist intelektuell nicht greifbar. Zu wissen was es heißt ein Sufi zu sein, bedeutet das man ein Sufi werden, ein Sufi sein muss! Darum ist es zwecklos die Bedeutung des Begriffs in Lexika ausfindig machen zu wollen. Man muss das Wesen des Sufismus schmecken, bevor man erkennt was Sufismus ist.

Ein Sufi zu sein bedeutet alles was sich im Kopf befindet beiseite zu stellen – eingebildete Wahrheiten, Vorstellungen und Konditionierungen – und sich dem zu stellen was einem widerfährt.

- Abu Said

Die Frage ist also nicht, was Sufismus bedeutet, sondern was darüber gesagt und gelehrt werden kann. Und zwar so, dass es auch jeder nach seinem Grad der Bildung versteht. Einfach nur Fakten zu verabreichen ist nutzlos; ja es kann manchmal sogar schädlich sein.

Wenn man erst einmal vom Wesen des Sufismus gekostet hat, wird man durstiger nach mehr und wird ein großes Verlangen nach Gott bekommen.

Das Wort "Sufi" weist in viele Richtungen. Manche Menschen gehen in die eine, andere Menschen gehen in die andere Richtung. Jeder dieser Wege ist für sich einzigartig und schön. Das Wesen des Sufismus bleibt aber eine Realität ohne Namen und ein Name ohne Realität! Der Sufismus existierte als Realität schon lange bevor er einen Namen erhielt. In dieser Realität fanden alle Gott-Gesandten (Propheten, Messiasse), Heiligen und Sucher der Weisheit den Sinn dessen, was auch ein Sufi ersinnt.

Sheikh der Rifāʿī-Derwische, unbekannter griechischer Maler, 1809 - ewigeweisheit.de

Sufi-Sheikh der Rifai-Derwische - Gemälde eines unbekannten griechischen Malers aus dem Jahre 1809.

Wolle als Symbol der Unschuld

Früher pflegten die Sufis Wollgewänder zu tragen. In manchen Sufi-Orden hat sich dieser Brauch bis heute erhalten. Daher versuchen manche das Wort Sufi herzuleiten aus der arabischen Wortwurzel "suf" (arab. صُوف), "Wolle". Wieso aber soll ausgrechnet Wolle ein Symbol für Sufismus sein?

Als der Prophet Moses Gott auf dem Sinai begegnete, trug er ein Gewand aus Schafwolle. Er war ja ein Hirte. Sufis der Shia (das sind die Nachkommen des Kalifen Ali) schrieben über Jesus, dass er während seiner Himmelfahrt ein Hemd aus Wolle trug. Wieso aber ist Wolle von so hohem Symbolchakarakter? Der Grund ist einfach: die Wollgewänder der Sufis sind ein Sinnbild der Unschuld, denn Wolle ist das Kleid der Lämmer. Der Sufi muss unschuldig werden wie ein Lamm. Im Islam wird Jesus von Nazareth als Prophet der Liebe gesehen, weshalb man ihn auch den Propheten der Sufis nennt. Das Neue Testament nennt Jesus nun das Lamm Gottes, das nach seinem unschuldigen Leiden und Tod, erhöht und verherrlicht wird. So soll sich auch der wahre Sufi über alle Erniedrigungen und Leiden erheben, über sich ergehen lassen. Alle Normen sollen von ihm abfallen, alle Konditionierungen, alles Kulturelle auf ein bestimmtes Volk bezogene Verhalten soll er ablegen. Vor diesem Hintergrund erhellt sich das Mysterium vom Symbol des Wollgewands. Zum Lamm, also zum Tier zu werden, ist in diesem Fall kein Rückschritt. Es ist hingegen ein Aufstieg. Ein Mensch der in diesem Sinne wieder ein Tier wird, wird nicht nur ein gewöhnliches Tier. Vielmehr verwandelt er sich in einen Heiligen, denn durch seine Läuterung wirft er alle menschlichen Eitelkeiten und Konditionierungen ab. Dann ist er weder ein Muslim, noch ein Christ, noch ein Hindu, noch ein Buddhist. Er ist im Einklang mit seiner Existenz, so wie auch jedes Tier mit sich im Einklang ist. Alle philosophischen Konzepte fallen von ihm ab und er verliert seine Meinungen über die Welt. Er lebt nicht mehr in seinen Gedanken: Er ist.

Das ist die Bedeutung des Wollgewandes der Sufis: ein unschuldiges Lamm zu sein, das nicht weiß was Gut und was Böse ist. So kann das höchste Gut in ihm aufsteigen. Wie die Sufis aber sagen, benötigt er hierzu ein Vorbild durch das er ein wahrer Mensch wird. Ohne Leitbild, ohne Führer bleibt er ein Tier.

Das Lamm Gottes - ewigeweisheit.de

Das Lamm auf dem Berge Zion, aus einer Illustration der Bamberger Apokalypse, um 1000.

Das Gute, das Normale oder das Böse

Solange man zwischen Gut und Böse unterscheidet, ist man mit sich noch nicht eins. Wo es kein Auswählen mehr gibt da wird gehandelt: nur die Tat zählt! Wer weiß was er zu tun hat, der ist ein wahrer Künstler. Wo man wählt zwischen dem Einen und dem Anderen, da wird man immer dazu geneigt sein etwas zu unterdrücken. Wer entscheiden muss zwischen Gut und Böse, der behält immer auch den bösen Teil in sich, da er ihn kennt und unterdrückt. Doch wie alles was lange unterdrückt wird, wird sich auch das unterdrückte Böse irgendwann durchsetzen und rächen. Sobald das geschieht, verliert ein Mensch seinen Verstand.

Unsere heutige Zivilisation scheint sich schon ziemlich nah an einem Abgrund des Wahnsinns zu befinden. Das sieht man vorallem in den großen Städten. Dort "lauern" überall Reklametafeln auf denen Menschen mit verzerrten Gesichtern zu sehen sind, die erschrecken oder die verführen wollen. Wer daran keinen Anstoß nimmt, so jemanden nennt die Masse einen "normalen Menschen". Doch manche dieser "normalen Menschen" scheinen nicht weit davon entfernt, bald den Verstand zu verlieren. Der Unterschied zwischen dem Leser (und auch Verfasser) dieses Textes und einem Wahnsinnigen ist nicht qualitativ, sondern quantitativ. Das heißt: der Normale unterscheidet sich vom Verrückten nur dem Grade nach. Der Irre hat die Grenze bereits überschritten, während sich der "Normale" ganz nahe an der Grenze zur Verrücktheit befindet. Jeden Moment aber kann sich etwas ereignen, dass einen normalen Menschen zu einem Psychopathen, zu einem Ver-rückten macht. Irgendetwas Unerwartetes – ein Unfall, ein Todesfall, eine Entlassung oder eine Trennung von einem geliebten Menschen, kann dazu beitragen das sich plötzlich alles drastisch verändert. Normalität ist trügerisch!

Wenn Sie sich einmal umschauen: sehen Sie, was um sie passiert? Sehen Sie vor allem aber was dabei in Ihrem Inneren vor sich geht? Da sind unzählige Dinge im Leben in die sie sich verstrickt haben. Dinge die sie gerne bearbeitet hätten, um sie endlich zu vergessen. Es ist eben sehr angsteinflößend und unheimlich, doch es ist da - egal ob Sie es wollen oder nicht. Was Sie unterdrücken wird stärker und wächst in Ihnen heran, zu etwas noch viel unangenehmerem. Seine Schlagkraft wächst ständig, so dass der Wahn jeden Augenblick in Ihnen zum Ausbruch kommen kann. Der Glaube man sei ganz und gar ein normaler Bürger, ist doch ein Hinweis darauf, dass man sich wirklich am Abgrund des eigenen Selbstbewusstseins befindet. Jedes noch so kleine Ereignis kann eine Verwirrung auslösen. Sobald die vermeintliche Normalität im Lebens einen Schock erfährt kippt der Schalter.

Wer sich also für die "Freiheit der Wahl" als Lebensmotto entscheidet, der muss bestimmte Dinge im Leben wollen und andere Dinge im Leben verdrängen – eben all das, was er nicht in seinem Leben haben möchte. Und davon gibt es doch unendlich viel – nicht wahr? Ein unschuldiges Lämmlein aber entscheidet nicht. Vielleicht weigert es sich, doch was auch immer sein mag: für das Tier ist es so wie es ist. Es nimmt das Leben so wie es kommt, ohne sich zu fragen was es eher und was es weniger will. Auszuwählen zwischen Gut und Böse ist dem Tier gänzlich fremd. So sollte auch ein Sufi sein: er muss sich nicht entscheiden. Er kennt keinen "Plan-B", sondern ist sich vollbewusst ohne entscheiden zu müssen was besser für ihn ist. Was auch immer kommen mag, er wird es als eine Gabe Gottes akzeptieren. Er vertraut nicht seinem Verstand, sondern dem universalen Geist der in seinem Herzen gegenwärtig ist. Das bringt ihm inneren Frieden und Freiheit. Wie ein Tier zu werden ist darum keine Enteignung gegen die menschliche Würde. Im Gegensatz zum Menschen, ordnet sich das Tier der Natur unter.

Wegen seiner Freiheit der Wahl ist der Mensch in seinem Denken künstlich und formbar. Ständig muss er sich entscheiden, wie er auf äußere Eindrücke reagieren soll. Wahnhaft versucht er diese Eigenschaft auch auf Tiere zu übertragen. Die Zuschauer im Zirkus klatschen Beifall wenn ein Löwe durch einen Feuerreifen springt. Dieser Beifall gilt aber nicht etwa dem Löwen, sondern dem Dresseur. Gleicht das nicht einem großen Schwindel? Wie sehr gleichen doch die meisten Menschen den armen Tieren im Zirkus. Schlimmer noch: Sie wissen ja das Zirkus das lateinische Wort für den Kreis ist – die geometrische Form, entlang sich auch die Insassen eines Gefängnisses bewegen. So drehen wir, mehr oder weniger, alle unsere Kreise, in den von uns selbst geschaffenen Eingrenzungen, die aus all den verhärteten Meinungen und Ansichten gemauert sind.

Die Runde der Gefangenen - ewigeweisheit.de

Die Runde der Gefangenen - Gemälde von Vincent van Gogh (1853–1890).

Wir alle tragen unsere individuellen Masken: das ist unsere Persönlichkeit (lat. persona: die Maske). Selbst Liebende verstecken sich in ihren Rolle hinter einer Maske. Vor Gott aber fallen alle Masken. Aller Schwindel hat vor Gott ein Ende. In dieser urtümlichen Unschuld, die hier bereits ausführlich beschrieben wurde, kommen wir Gott näher.

Auch die Religionen bieten den sogenannten Gläubigen allerhand Maskerade, worin sie sich hüllen und womit sie sich von anderen Religionsangehörigen unterscheiden sollen. Ist der Glaube an Gott dann aber nicht viel mehr als nur eine Vermutung? Muss jemand der wirklich gläubig ist einem anderen Menschen vorgeben dass er an Gott glaubt, nur indem er besondere Verhaltensweisen simuliert? Selbst wenn er sich in das Kostüm eines Muslims, eines Juden oder eines Buddhisten wirft, steht er in seinem Glauben und Unglauben vor Gott als nackter Mensch. Doch er meint dies und das zu wissen, sagt zu seinen "Glaubensbrüdern" das eine, zu vermeintlichen "Ungläubigen" was anderes. Er ist im ewigen Widerstreit zwischen dem was er glaubt und dem was man ihm aufgibt glauben zu müssen. Daher die Misere – man ist geteilt und die maskierten Teile der Persönlichkeit gehen in verschiedene Richtungen. Der eine sucht das Gute, der andere wendet sich ab vom Bösen. Leider ist aber manchmal das Gute das Böse der einen und ein andermal das Böse das Gute der anderen. So sind wir dies und das und doch niemand. Ist da nicht ein Tier gesegnet, da es eben nicht unterscheidet!? Ein Tier das in der Natur lebt, sehnt sich nicht nach einem großes Haus in dem es leben kann, braucht keinen Fernseher, kein Smartphone, keine teuren Kleider. Es besitzt einfach garnichts - doch ist dabei voller Frieden und Freude.

Wie das Tier also ist der wahre Sufi jemand der nicht auszuwählen braucht. Wer auswählen muss, wer abwägen muss zwischen diesem und jenem, der täuscht sich über sein wahres Selbst hinweg. Alles wogegen man sich entscheidet, alles was man ablehnt gewinnt an Bedeutung. Der Teufel hat sich dem Höchsten verweigert und wurde vom Himmel gestürzt – so die Bibellegende. Er "fiel zu tiefster Grube" (Jesaja 14:15), war ein Deprimierter und Herabgesetzter. So ist es auch mit den Dingen die wir aus unserem Leben verdrängen: sie gewinnen an Bedeutung je stärker wir sie unterdrücken. Zwar kann der Heuchler eine Zeitlang seine Maske aufbehalten, doch wie uns das Leben zeigt, müssen irgendwann auch die schönsten Masken abgelegt werden.

Es geht darum, so wie das unschuldige Lamm, ein ganz einfaches Leben zu führen, ohne unbedingt wissen zu müssen, was gut und was böse ist. Der Sufi versucht nur zu erfahren was Gott ist. Er handelt nicht um seiner selbst willen. Was immer passieren mag: das Schicksal wird als Gabe Gottes akzeptiert.

Safā: Die Reinheit

Andere wollen das Wort Sufi vom arabischen Al-Safā الصفا ableiten: die Reinheit. Das meint nicht unbedingt eine äußere Reinheit. Vielmehr ist die Reinheit des Herzens gemeint. Wenn man ein Leben lebt, ohne auswählen zu müssen zwischen Passendem und Unpassendem, zwischen Gutem und Bösem, kann die Seele sich auf natürliche Weise selbst reinigen und befreien von allen Ängsten, Hass und Furcht. Wenn hier aber von Reinheit die Rede ist, meint das nicht das moralisch Gute. Es ist ein Hinweis auf göttliche Reinheit. Reinheit bedeutet in diesem Zusammenhang ein Übersteigen aller Vorurteile oder Vorstellungen. Es geht um Transzendenz. Es geht um eine Reinheit, die nur von jemandem erfahren wird der ein tiefes Vertrauen in sein Leben hat. So erübrigen sich bestimmte Überzeugungen und Standpunkte.
Solange für Meinungen und Ansichten Platz in unserem Denken ist, erzeugen sie Unreinheit - so die Lehre der Sufis. Zuweilen schaden uns unsere Meinungen. Wenn wir sie äußern verletzen sie manchmal sogar andere. Zuviele Ansichten und Vorstellungen beschmutzen unsere Gedanken. Wie soll sich damit ein Sufi ein Bild von Gott machen können? Er versucht eher zu vermeiden, viele Ansichten zu sammeln über sich, die Welt und seine Mitmenschen. Er versucht sich nicht in seinen Gedanken Gott und die Engel auszumalen. Nur so bleibt er ein Mensch der tatsächlich in der Realität lebt. Der Sufi weiß dass da nicht einer irgendwo auf dem Thron im Himmel auf uns niederschaut. Nein – er weiß vom hier und jetzt und dass Gott überall zur gleichen Zeit ist, in allen Facetten, Formen, Farben und Erscheinungen, als liebender, zorniger, heilender, strafender, zeugender, tötender Gott – doch gleichzeitig ist Gott nichts von alledem! Wie um Himmels Willen soll man sich Gott dann vorstellen? Welche Ansichten soll man darüber sammeln? Und wenn in jedem von uns die Flamme Gottes flackert: gilt das Selbe dann nicht auch für jeden Menschen? Mit den Augen sehen wir ja nur die Körper unserer Mitmenschen. Sie tragen ihre persönliche Geschichte. Davon bleibt der "göttliche Funke" in ihnen jedoch unberührt, da er unsterblich ist. Doch diesen göttlichen Funken in unseren Mitmenschen zu suchen und zu erkennen: das ist das Ziel. In diesem reinen Seelenlicht erkennen wir nämlich, was der Name "Allah" bezeichnet: die Gesamtheit aller Existenz.

Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens und sagte: Wer bist du? Er antwortete: Du.

- Mansur Al-Halladsch

Mit dem Begriff "Reinheit" sollte man vorsichtig sein. Wenn man das Wort "Sufi" nun tatsächlich von "Safā", Reinheit, ableiten will, dann meint das nicht einen Sufi, der ein Menschen mit einem "gutem Charakter" ist oder ein Frommer, der die zehn Gebote erfüllt. Ebensowenig steht das Wort "Safā" für jemanden, der eine hohe Stellung in der Gesellschaft hat. In Wirklichkeit ist ein Sufi das blanke Gegenteil von alle dem. Sufis waren immer Menschen die man der Respektlosigkeit bezichtigte. Bis heute werden sie darum verfolgt, denn mit ihren universellen Sichtweisen stießen sie Menschen immer wieder vor den Kopf. Sufis machen durch ihre Art andere auf ihre Fehler aufmerksam. Sie entblössen all die Künsteleien der Heuchler. Sie demaskieren und drängen die Leute ihre Masken abzulegen und ein wahrer Mensch zu werden. Damit bleiben die Sufis den Obersten der Gesellschaften immer ein Dorn im Auge.

Einer fragte einmal den Sufi Mansur Al-Halladsch: 'Was ist die letztendliche Erfahrung zu der ein Sufi gelangt?' Darauf antwortete er: 'Komm morgen wieder! Morgen wirst Du der letztendlichen Sufi-Erfahrung gewahr.' Da aber weder der Frager noch einer seiner Begleiter wussten, was morgen geschehen wird, fragte der Mann erneut: 'Wieso nicht heute?' worauf Al-Halladsch antwortete: 'Du musst einfach nur warten. Es wird sich morgen ereignen – das was man das Endziel des Sufismus nennt.' Am nächsten Tag wurde Al-Halladsch gekreuzigt – und dort am Kreuz hängend schrie er laut für seinen Freund der ihm gestern die Frage stellte: 'Wo bist Du, der Du Dich in der Menge versteckst? Los komm her und schau was das Endziel der Sufis ist: das hier! Das hier!'

Al-Halladsch (auch: Al-Hallaj, persischer Sufi, 857-922) wurde die Behauptung "Ana al-haqq", "Ich bin die Wahrheit", zum Verhängnis, da Al-haqq einer der 99 Namen Allahs ist. Im Sinne der Sufi-Tradition könnte diese Behauptung aber als die Eins-Werdung mit Gott interpretiert werden. Doch in der Gesellschaft scheint die Wahrheit unakzeptabel zu sein. Sie ist eben von Scheinheiligkeit und Heuchelei durchdrungen, ist eine Scheinwahrheit. Muss die Wahrheit also erst gekreuzigt werden, bevor man sie als solche erkennt?

Mit all dem Gesagten scheint ein wahrhaft Gottliebender für die Gesellschaft inakzeptabel zu sein. Die Kirche als Institution und ihre Oberhäupter zu lieben geht anscheinend immer in Ordnung. Wer in seiner Gemeinde aber laut äußert dass er Jesus Christus oder Gott liebt, der wird um sich die Augen rollen sehen. Wer sogar wagt zu behaupten er stünde mit Gott in Verbindung oder höre die Stimme Gottes zu sich sprechen, den wird man schnell in die "Obhut" eines Psychiaters geben.

Einst betete der Sufi Abu Yazid. Man sagt damals hätte Gott zu ihm gesprochen: 'nun bist Du Yazid einer meiner Auserwählten. Soll ich es in der Welt verkünden?' Abu Yazid musste lachen und sagte, 'Ja das kannst Du – wenn Du mich am Kreuz hängen sehen willst, verkünde!'

Safā, das „rein sein“ – ist eine Reinheit die besagt, dass der Geist bar jeden Inhalts ist, frei von Konzepten, frei von Gedanken, bar jeder Vernunft. Das ist ein Zustand absoluten Verstehens – was man im Zen das "Satori" nennt.

Die Hinrichtung von Mansur Al-Halladsch - ewigeweisheit.de

Die Hinrichtung des Sufis Mansur Al-Halladsch. Miniatur eines unbekannten Künstlers, um 1600.

Ziel des Sufismus

Zwar haben die Sufis immer ihre Schwierigkeiten mit den Oberhäuptern der verschiedenen Religionen gehabt. Doch durch ihr Streben, Gott in allem zu erkennen, war es für sie auch sehr leicht auch die Wahrheiten in anderen Traditonen zu sehen. Nur so konnten sie sich zwischen den spirituellen Traditionen bewegen und den Kern aller Religionen finden.

Bis heute versuchen die Sufis religiöses Gedankengut aus Ost und West zu verbinden. Man kann nicht von einer direkten Absicht sprechen, da Sufis niemanden durch bestimmte Glaubensvorstellungen oder Dogmas überzeugen wollen. Eher ist es ihr Wunsch den wahren Kern aller spirituellen Traditionen als gemeinsame Einheit in allen Religionen zu finden und mit ihren Lehren zu verschmelzen. Sicher tragen viele Sufis zu diesem Vorgang ganz unbewusst bei. Doch es waren die Sufis, die die Berührungspunkte zwischen den Weisheitslehren fanden und dieses Wissen, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, in Rede und Schrift mit ihren Mitmenschen teilten.

Nur das gegenseitige Verstehen ermöglicht eine Rückkehr zum wahren Ursprung aller Religionen. Diese ursprüngliche Einheit zu finden und zu beweisen, war und ist Ziel des Sufitums. Bis dieses Ziel erreicht ist werden sich aber noch viele Sufis als Nomaden Gottes auf diesem Planeten auf den Weg machen - im Austausch mit anderen, auf der Suche nach Wahrheit.

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Der Sufi-Mystiker Mevlana Rumi - Derwisch und Dichter

von S. Levent Oezkan

Mevlana Rumi - ewigeweisheit.de

In den USA am meisten zitiert: der Sufi-Poet Mevlana Rumi – Verfasser des berühmten Mathnawi. Das 25.000 Verse mächtige Meisterwerk ist ein Gebetbuch der drehenden Derwische und ein Werk persischer Dichtkunst, von unübertroffener Schönheit. Rumi verehrend pilgern jährlich riesige Scharen seiner Bewunderer an sein Mausoleum im türkischen Konya.

Dschallaladin Rumi wurde am 30. September 1207 in der heute afghanischen Stadt Balkh geboren. Sein Vater Bahaudin war ein Mann großer Gelehrsamkeit. Er machte sich aber unbeliebt, da er öffentlich die Erneuerungen des damals amtierenden Königs in Frage stellte, was Folgen hatte. Schon bald sah sich Bahaudin und seine Familie in Balkh nicht mehr sicher. 
Sie flohen also nach Nishapur im heutigen Iran, wo dereinst Dschallaladin dem großen Sufi-Mystiker Fareduddin Attar begegnen sollte - dem Dichter des berühmten Mantiq ut-tair - "Das Parlaments der Vögel".

Dschallaladin und seine Familie zogen später nach Ikonium, einst eine römische Provinz, heute eine Stadt in der südlichen Türkei: Konya. Dort erhielt Dschallaladin seinen besonderen Namen: Rumi - "der Römer".

Nach dem Tod seines Vaters war Rumi bereits ein anerkannter Gelehrter, der an der konyaer Madrassa (Universität) den Lehrstuhl für Philosophie inne hatte.

Komm! Komm! Du bist die Seele, die liebe Seele, die sich unentwegt dreht!
Komm! Komm! Du bist die Zeder, der Speer aus Zedernholz, der sich unentwegt dreht!
Oh komm doch! Brunnen des Lichts sprudelnder Quellen.
Und Morgensterne frohlocken, in reiner Freude drehen sie sich unentwegt.

Rumis Mystik war aber auch von anderen großen Dichtern seiner Zeit beeinflusst. Darunter Attar und Mystiker wie Sanai, Saadi und Nizami.

Zentrale Figur in Rumis Leben war sein geliebter Freund Shamsuddin Tabrizi. Dieser mysteriöse Weise tauchte plötzlich auf und übte einen großen Einfluss auf Rumi aus. Sie verbrachten Tag und Nacht an einsamen Orten, diskutierten das Sein der Dinge und die Liebesmystik all dessen, was die menschliche Seele im Austausch mit ihrem Geliebten, d. h. mit Gott, zu dem machte was sie für den Menschen ist.

Sufi Derwische Drehtanz (Sema)

Sema: Der Drehtanz der Sufi Derwische

Doch sein enger Kontakt zu dem sagenhaften Schamsuddin beäugten Rumis Schüler mit Argwohn. Sie hielten Schamsuddin für einen gefährlichen Verführer den es auszutilgen galt. So kam es dass Schamsuddin nach Tabriz floh, da es sonst wohl zu Tätlichkeiten gekommen wäre. Viele seiner Verse schrieb Rumi als er von Schamsuddin getrennt war. Die erste Trennung von seinem geliebten Lehrer sollte aber nur vorübergehend sein. Dschallaladin folgte ihm nach und brachte ihn schließlich zurück nach Konya.
Damit waren seine Anhänger, insbesondere seine Sohn, überhaupt nicht einverstanden. Schamsuddin floh erneut. Diesmal wohl nach Damaskus. Man kann nicht sagen ob sein Leben ein gewaltsames Ende nahm, sicher aber sah ihn Rumi niemals wieder.

Das Angesicht von Shamsuddin, der Glanz von Tabriz, seine Sonne,
in deren Spuren sich wolkengleiche Herzen bewegen.
Oh Schamsuddin Tabrizi, Schönheit und Glanz des Horizonts,
Welch König ist mit Herz und Seele Dein Bettler?

Es heißt Rumi schrieb am Mathnawi mehr als 43 Jahre. Oft saß er ohne zu schlafen auch Nachts, um neue Verse zu komponieren. Er rezitierte oder sang sie und sein Freund "der schöne Hasan" schrieb sie nieder.

Rumi und Schamsuddin begegnen sich

Rumi (zu Pferde) und Schamsuddin (in schwarzem Gewand)  begegnen sich

Die Verse des Mathnawi sind von tiefgründiger Mystik. Es ist darum auch kein Zufall das das Mathnawi zu den wichtigsten Werken im Studium des Sufismus gehört. Viele der Zeilen sind einzig und allein der Fähigkeit zur Einsicht des Lesers überlassen. Liebe, so Rumi, ist still.

Nur in der Stille können wir uns die Wahrheit über das große Mysterium der Liebe vergegenwärtigen. Immer wieder taucht in Rumis Versen das Sehnen der menschlichen Seele auf. Ein Sehnen nach der Vereinigung mit Gott.

Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
Von einem Herzen zum andern;
Doch wo es keine Mauer gibt,
Wo soll dann eine Türe sein?

Ohne die Liebe
ist jedes Opfer Last,
jede Musik nur Geräusch,
und jeder Tanz macht Mühe.

Ihr sagt, er scheint verrückt zu sein -
Das kommt daher, weil die Musik,
zu der er tanzt,
für eure Ohren nicht geschaffen ist.

Mevlana Rumi erkannte in allen menschlichen Aktivitäten einen ständigen Aufstieg zu immer höheren Ebenen, wo der Suchende seinen Seelenführern begegnet. Das Prinzip dieses Aufstiegs ist die universelle Liebe und Grundlage aller kosmischen Ereignisse. Er wusste, dass Freude in Zeiten des Kummers nur im Herzen gefunden werden konnte.

Wenn die Nacht der Sinne
Von der Sonne der göttlichen Liebe erleuchtet wird,
Was braucht man noch den Wächter?
In diesem Moment wird der Verstand verschwinden
Wie die Kerze vor der Sonne;
Denn wenn man versucht ihn an Gottes Tor zu bringen,
Ist der Verstand niedriger als Staub.

Intellekt ist manchmal wie ein einsamer, stinkender Esel der einen Stapel Bücher auf seinem Rücken trägt. Was nützt ihm all das Wissen ohne einen Gefährten auf Erden?

Leibliche Freuden waren für Mevlana Rumi nur der Wunsch der körperlichen Hülle der Seele und darum ohne tiefere Bedeutung. Die Triebseele, die eng mit den Wünschen des Körpers in Verbindung steht, die Nafs (entspr. Nefesh, Triebseele in der Kabbala) sollte man erziehen, denn sie war der Seelenteil, der den Menschen zu niederen und bösen Handlungen veranlasst. Zwar ist der Verstand eine lehrende Kraft im Leben und absolut notwendig, um die triebhaften Wünsche der Nafs zu überwinden, verliert vor der Liebe aber völlig an Bedeutung.

Wie für seine Vorgänger war für Rumi die weltliche Liebe nur eine Vorstufe für die wirkliche, himmlische Liebe. Deshalb beschreiben die Sufis die Liebe der Menschen auf Erden auch als die "metaphorische" Liebe. Das bedeutet, dass derjenige welcher mit Gott in Liebe ist, sich in der höchsten Stufe des Seins befindet.

Abdul-Hassan Sumnun, ein bekannter Mystiker des 9. Jhd. aus Bagdad, sagte einmal:

Man kann ein Ding nur beschreiben,
Das subtiler als das betreffende Ding ist.
Nun gibt es aber nichts, dass subtiler als die Liebe ist.
Wie also sollte man sie beschreiben?

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Ewige Weisheit aus Kabbala und Vedanta

Sieh in allen Dingen nur eines, denn das Zweite führt dich in die Irre.

- Kabir

Unsere Seele ist im Wesentlichen etwas, das mit der Wirklichkeit des Göttlichen identisch ist. Eine Bestimmung des menschlichen Lebens dabei mag sein, dies auch zu erkennen und zu würdigen. Alles was in dieser Welt und in der unsichtbaren, jenseitigen Welt existiert, besitzt ein Zentrum und ist doch zugleich grenzenlos. Gott transzendiert alles Menschsein und ist ihm doch immanent.

Je mehr Er in den Dingen ist, desto mehr ist Er außerhalb von ihnen; je mehr Er im Inneren ist, desto mehr ist Er draußen.

- Meister Eckhart

Immer wieder ließe sich über solch anscheinenden Widerspruch nachdenken. Wie nämlich kann etwas das Sein überflügeln und zugleich in ihm lebendig sein? Nach dem Verständnis der Sophia Perennis liegt der Grund für diese Paradoxie allein am Urteil und dem Wunsch des Menschen zu unterscheiden.

Das Studium der Sophia Perennis kann ganz gleich aus welcher Richtung begonnen werden. Manche finden zur Sophia Perennis über die praktischen Wege, über Moralvorstellungen wie sie uns etwa Bibel, Koran oder auch die Veden liefern. Das ist der Zugang der sich dem Suchenden von oben her öffnet - der vordergründige und oberflächliche Weg. Der Zugang "von unten" ist der Weg der Philosophen. Das sind jene, die dazu berufen sind über Gott, den Menschen und die Welt nachzusinnen. Den mittleren Weg gehen nur die Mystiker. Es ist der Weg, der den Suchenden zur wahren Erkenntnis der Ewigen Weisheit führt.

Sufis, Kabbalisten, Rosenkreuzer, die Yogis des Vedanta, die Sant (indische Heilige), die Zen-Buddhisten und viele andere Geistesschulen, üben sich in kontemplativer Praxis, um ihre Aufmerksamkeit auf den Kernpunkt ihres wahren Selbst zu richten. Es geht ihnen nicht nur um das wissenschaftliche, psychologische Verstehen des Ich, sondern um die Erkenntnis des ewigen Selbst, das ein Teil des göttlichen Urgrunds, ja mit ihm sogar identisch ist.

Diese Suche nach Selbsterkenntis in der Sophia Perennis, kommt am treffendsten mit dem Satz "Das bist Du" zum Ausdruck - auf Sanskrit "tat twam asi".
Das ewige, immanente Selbst des Menschen, das im Sanskrit als Atman bezeichnet wird, ist eins mit dem Brahman, dem göttlichen Selbst. Diese geheime Tatsache zu entdecken, ist wohl eine Bestimmung aller Mystiker.

Die Erkenntis wer der Mensch und was das Selbst eigentlich ist, erübrigt alle Dogmen, moralische Regelwerke und Gebote. Denn derjenige der weiß, dass sein Wesenskern ebenso ein Teil der universalen Einheit des Göttlichen ist, für den wäre es absurd zu glauben, dass er getrennt von seinem Nächsten sei.
Er erkennt in allen Dingen jenes übernatürliche Wesen, das mit seiner großen, unbeschreiblichen transzendenten Mächtigkeit alles durchdringt.

Über das Empfangen der Geheimlehren

Moses empfing die Tora am Sinai und übergab sie Joshua, Joshua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Versammlung

- Aus der Mischna, Sprüche der Väter

In den Geheimlehren des Westens, steht das Wort Kabbala (קבל) für dieses »Empfangen«. Es ist die älteste philosophische Schulrichtung der Buchreligionen des Westens.

Vedanta (वेदान्त) ist ein Wort im Sanskrit und bezeichnet die bekannteste Schulrichtung der indischen Philosophie. Wörtlich übersetzt bedeutet es »Erweiterung zum Wissen« und bildet ein Appendix zu den heiligen Veden (von sanskr. »Veda«, Wissen). Es handelt sich dabei um geheimwissenschaftliche Abhandlungen, deren Texte die Belehrungen eines religiösen Meisters, eines Gurus schildern.

In beiden philosophisch-religiösen Schulen, der Kabbala im Westen und dem Vedanta im Osten, wurzeln die Weisheiten des Judentums, Christentums, des Islams, des Hinduismus und auch des Buddhismus. Kabbala und Vedanta verweisen auf einen weiten Bedeutungshorizont, aus dem, für einen Eingeweihten, geheime und mystische Überlieferungen aufsteigen. In eigentlich allen geheimwissenschaftlichen Schulrichtungen finden wir viele Berührungspunkte zwischen diesen beiden Urtraditionen, aus denen sich durchaus ableiten ließe, dass eigentlich allen Religionen, Philosophien und spirituellen Traditionen, ganz wesentliche Gemeinsamkeiten zu Grunde liegen.

Menschen in der Tradition der Sophia Perennis wissen, dass es unzählige Analogien religiös-esoterischer Überlieferungen der Kulturen in West und Ost gibt. Sie versuchen die in allen Traditionen unseres Globus existierende ewige, innere Weisheit zu betonen, die sich als kulturelle Urtradition bis in unsere heutige Zeit hinein erhalten hat und auch in Zukunft fortbesteht. Die Sophia Perennis fasst in sich die unveränderlichen Wahrheiten, Formen und Prinzipien zusammen, die wir in Philosophie, Religion, Mystik und Metaphysik als universale Weisheitsdoktrin finden.

Von solch absoluter Wahrhaftigkeit erfüllt ist es Agia Sophias Glück, sich an allen spirituell-esoterischen Weisheiten zu erfreuen, seien sie aus dem Christentum, Islam oder Judentum, Hinduismus, Sikhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Paganismus, Druidentum oder Schamanismus. Die Ewige Weisheit gleicht, sinnbildlich gesprochen, der Süße jener Äpfel, die auf den mythischen Bäumen aller spirituellen Weisheiten reiften, und uns bis heute in den Kulturen der Menschheit erhalten geblieben sind. Agia Sophia führt uns in diesen heiligen Apfelhain und will dort ihre Früchte mit uns teilen.

Wie Anfangs angedeutet geht wahre Spiritualität aus von einem gleichzeitig immanenten und transzendenten Geist. Indem sich der Mensch auf eine innere Suche begibt, gelangt er durch diesen Geist auf den Pfad zur Freiheit, der aus der Dualität der Gegensätze in die Einheit (zurück)führt. Auf diese Weise kann das Individuum diesen ewigen Geist (Gott, Brahman, Tao, Allah, Elohim, Manitu, usw.) in seinem Innern empfinden und sich allmählich aus den Verstrickungen des Leids befreien. So wird einer zu einem mitfühlenden Menschen, der zum Wohle aller Lebewesen auf unserem Planeten Erde denkt, spricht und handelt.

Die Derwische und die Sonne

Alles in der Welt dreht und bewegt sich, von den Atomen bis zum Sonnensystem und dem Blut im Körper. Sema, die Tanz- bzw. Kulturübung der Mevlana-Derwische ist eine Reise des Menschen ins Innerste der Seele. Diese Seele reift dadurch und gelangt damit zu einer Einheit mit Gott. Ein konzentriert auf die Göttlichkeit ausgerichtetes Bewusstsein wird so geschaffen.

Dies wird durch den Verzicht auf Begierden und Leidenschaften, durch das Hören der Musik gesucht, indem sich der Körper in sich wiederholenden Kreisen dreht. Dies ist eine symbolische Nachahmung und stellt die Bewegung der Himmelskörper dar. Ganz so wie die Sterne und die Planeten um die Sonne kreisen, drehen sich die Derwische gegen den Uhrzeigersinn, sowohl um sich selbst und um den Kreis.
Der Tanz der Derwische wurde von Dschellaladin Rumi, einem persischen Dichter als Meditationstanz entdeckt. Seine Schüler drehten sich hingebungsvoll um ihre eigene Achse und sanken so in den Raum der Wachsamkeit.
Auch heute noch wird der Tanz der Derwische praktiziert. Dabei dreht sich der Sufitänzer zunächst mit gekreuzten Armen, dann allmählich öffnet er seine Arme und hält dabei die rechte Hand nach oben und den linken Arm nach unten.

Eine Hand ist zum Himmel hin geöffnet, die andere zur Erde. Während des Drehens sehen die Augen des Tänzers auf die Finger seiner rechten Hand. Durch das Drehen wird ein Zustand innerer Ruhe durch die Bewegung im Außen gefunden. Damit offenbart sich dem Derwisch das Leben als ein Leben des Herzens. Er lernt loszulassen statt gedanklich an etwas festzuhalten, ganz einfach, indem man sich dreht. So wird sein Ego geläutert und er wird zu einem transparenten Gefäß, welches sich mit dem göttlichen Licht der Spiritualität füllt. Über diese Meditation, werden die göttlichen Segnungen ausgesendet und durchdringen so als Schwingungen den Weltraum im Gedenken an die allumfassenden, göttlichen Emanationen. Durch die stillen Gesänge der 99 heiligen Namen Gottes, Allahs, werden die Herzen aller beim Tanz Anwesenden angerufen. Es ist wie das Eintauchen in einen Fluss der göttlichen Liebe, der zu einem Strom anschwillt und das Herz in Freude wiegt. Das Herz wird so zum Zentrum der Liebe zur Welt. Es wird das Herz der Liebe im eigenen Dasein.

Die Entschleierung des Herzens

Aus dem Feuer der Leidenschaft entsteht das Licht der Seele, das es zu transformieren gilt, denn der Ausgangspunkt ist das Ego, was als die Triebseele verstanden werden kann, die Nafs. Es bildet den Ausgangsstoff für die Alchemie des Herzens. Um dies zu verdeutlichen verwenden die Sufis folgendes Bild: Aus dem Feuermeer, dem Bachrun Nar bildet sich das Lichtmeer Bachrun Nur. Dieses aus dem Feuer geborene Licht ist die Ausgangssubstanz, aus der sich dann die Lataif bilden.

Durch die Verwirbelung des Lichts werden die fünf Elemente geschaffen. Gereinigt und ausgeglichen bilden sie nun die Substanz aus denen feinstoffliche Organe farbigen Lichts geschaffen werden. Vom Energiewirbel der Herzensliebe ausgelöst, werden die Elemente gemischt und allmählich so verfeinert, bis sie schließlich in Erscheinung treten. Aus etwas einst undefinierten bilden sich hernach die fünf Lataif. Alle zusammen formen im transformierten Zustand das Bachrun Qadr – das Meer der Macht.

Die feinstofflichen Körper – Lataif

Die LataifZunächst wollen wir uns einen Überblick über die Lataif verschaffen.

Der Mensch besitzt einen göttlichen Geist. Dieser Geist bildet einen feinstofflichen Körper, der mit dem physischen Körper verbunden ist. Es ist nun so, dass dieser feinstoffliche Körper eine psychische Struktur bzw. Anatomie besitzt, gleich dem physischen Körper. Wenn der Sufi vom Herzen spricht, dann spricht er vom Herzen das sowohl den feinstofflichen als auch der grobstofflichen Körper regiert. Das feinstoffliche Herz ist das Zentrum des spirituellen Körpers. Die Lataif sind Organe des Lichts, die den Organismus sowohl des physischen als auch des psychischen Körpers bewegen und mit spiritueller Energie versorgen. Dieser Vorgang ließe sich zum Beispiel mit verschiedenen Farben imaginieren.

Prophet Mohammed (A.s.) erwähnt in einem Hadith hierzu wie folgt: »Im Menschen gibt es ein Organ, das Herz. Ist das Herz des Menschen gesund, so ist der ganze Mensch gesund. Ist das Herz krank, ist der ganze Mensch krank.«. Weiter sagt er im Hadith Al Qudsi: »Denn Du musst wissen, dass es ein (physisches) Herz in jedem menschlichen Körper gibt. Doch gibt es darin auch noch ein spirituelles Herz, das Fouad. Darin befindet sich wiederum ein verborgenes Geheimnis. Und in diesem Geheimnis gibt es abermals etwas das sich darin verbirgt. Und dieses Verborgene umgibt zuletzt, das meist verborgene Geheimnis: Und das bin ich (Mohammed)«.
Es gibt also fünf Kammern im Herzen, von der jede eines der fünf Herzen enthält.

Nun wollen wir uns den Lataif im Detail widmen.

1. Qalb – Das Herz

Das erste Lataif heißt Qalb und ist die Station des Wissens im Menschen.

Hierin verwirklichen sich sechs Kräfte: Hakikatu l'Jasbah, die Anziehungskraft, Hakikatu l'Fadjd, der Heilige Geistfluss, Hakikatu t'Tawajiuh, die Konzentration, Hakikatu t'Tawassul, die Fürsprache und das Bittgebet, Hakikatu l'Irshad, die Göttliche Führung und Hakikatu t'Tayy, die spiralförmige Verwirbelung der Materie, die zum göttlichen Licht hinaufstrebt (wie z.B. auch beim Sema).

Qalb steht für die erste Säule des Islam, das Glaubensbekenntnis und die Einheit in Gott – die Schahada.

Da Allah dem Menschen durch den Propheten Adam seine größte Ehre erwiesen hat, steht er für dieses Lataif. Adam steht für den Naturmenschen. Er ist das Siegel Gottes (Kalifa, Stellvertreter Gottes) mit dem Allah alle Dinge im Universum bezeichnet, um damit den Anspruch auf den »universellen Schatz« geltend zu machen. Im Hadith Al Qudsi heißt es: »Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, also erschuf ich Himmel und Erde«. Adam ist also nicht nur Mensch, sondern Stellvertreter Gottes. So wie die Sonne das Zentrum des Makrokosmos, ist Qalb das Zentrum im physischen und feinstofflichen Körper – hierfür steht die Station Ilmiya, das Wissen. Durch das Hören wird das Tor zur Seele geöffnet. Durch äußeres Wissen kommt man zur inneren Gewissheit, dem Ilm Ulyakin.

Übung: »Ya Sayed«: 200 mal täglich nach dem Abendgebet rezitieren

2. Sir – Das Geheimnis

In diesem Geheimnis, ist das Zeugnis beschlossen, in dem die Wirklichkeit durch Hören und Sehen wahrgenommen wird. Die zweite Säule des Islam ist das Gebet – Salat. Beten heißt im Islam, so zu beten als würde man vor Allahs Angesicht stehen. In Zusammenhang mit dem Lataif Sir steht der Prophet Noah. Er ist der Zeuge des menschlichen Lichtkörpers. Er baute die Arche, um die Menschheit vor der Sündflut und den Einzelnen vor seinen eigenen Fehltritten zu bewahren. Hierfür steht Ayn Ulyakin, womit durch innere Visionen Gewissheit erlangt wird.

Noah steht also für das innere Wissen, während Adam für das äußere Wissen steht. Ihm ist der Planet Mars zugeordnet und damit verkörpert seine Person alles das in Zusammenhang steht mit Eisen, Werkzeugen, Technologie und der äußeren Herrschaft über die Kräfte der Natur, denn Noah hatte die Gabe zu abstrahieren. Also ist mit ihm der Geist des Menschen erwacht: die Ruhaniya – die Station der Spiritualität.

Übung: »Ya Sahib«: 200 mal täglich nach dem Nachtgebet rezitieren

3. Sir as-Sir – Das Geheimnis des Geheimnisses

Abraham, als Freund Gottes, war bereit ins Feuer zu springen. Moses hingegen sah in einer Vision Gott im brennenden Dornbusch, und konnte mit ihm sprechen. Für dieses Lataif steht die dritte Säule des Islam – Sakkat, die Armenspende. Man gibt das Weltliche hin, um am Jenseitigen teilhaftig zu werden. Durch die Vervollkommnung der Seele zu einem ausgeglichenen Wesen, erlangt man die Fähigkeit in der materiellen Welt Perfektion zu erreichen. Hierfür steht Haq Ulyakin, durch das man durch die Körperempfindungen von der Wirklichkeit zur Gewissheit gelangt. Auf der Ebene des Mondes erreichen wir die Herrschaft über alle Vitalkräfte der Erde, so wie Moses mit seinem Stab über die natürlichen Kräfte verfügte. Wir können Moses sowie Abraham als wahre Herrscher der Erde bezeichnen, denn sie stehen stellvertretend für alle Kalifen, Gottesfreunde und Heilige, da sie Zugang zur Welt der Symbole und Gleichnisse haben, der Mithaliya.

Übung: »Ya Sadiq«: 200 mal täglich nach dem Mittagsgebet rezitieren

4. Khafa – Das Verborgene

Khafa ist das Lataif des Geruchsinns, die Fähigkeit durch die der Atem des heilige Geistes wahrgenommen wird. Es ist das feinstoffliche Zentrum zur Bewahrung von verborgenem Wissen. Hier ist die Rede von feinstofflichen Körperhüllen, die der Mensch durch die Erfahrung des Geheimwissens zur Perfektion bringen soll. Dies wird repräsentiert durch Jesus, der auf allen grob- und feinstofflichen Körperebenen höchstes spirituelles Bewusstsein erreicht hat. Wegen seines asketischen Lebens, steht der Prophet Jesus im Zusammenhang mit der vierten Säule des Islam: Dem Fasten – Zaum Ramadan.

In einem Hadith heißt es: »Nähere Dich Deinem Herrn, bis Du das Ohr wirst mit dem er hört, das Auge wirst mit dem er sieht, der Mund wirst mit dem er spricht, die mächtige Hand mit der er greift und der Fuß der Dich tragend (Himma) zu ihm führt«. Sobald dies errungen wurde, wird man wie Jesus, der durch die Kraft des heiligen Geistes, Tote zu neuem Leben erweckte, Kranke heilte und dessen Schöpferkraft in der Welt unbegrenzt zum Ausdruck gebracht werden konnte. So braucht er nur zu einem Ding zu sagen »Sei« und es ist – Kun faya kun. Diese Eigenschaft wird durch die verborgene Station Jismiya bezeichnet, unter der man den vollkommenen Menschen versteht, den Insan Kamil, als Abbild des letzten Gesandten Allahs: Mohammed (A.s.).

Übung: »Ya Rasul«: 200 mal täglich nach dem Nachmittagsgebet rezitieren

5. Akhafa – Das am meisten Verborgene

Dieses Lataif steht für das Wesen oder die Essenz Gottes: Dhaat. Darum ist der Prophet der diesem Lataif zugeordnet ist Mohammed (A.s.). Mit der fünften Säule des Islam, der Hadsh, wird die Pilgerfahrt zum Herrn der Macht unternommen, wodurch die Fähigkeit erreicht wird die göttliche Gegenwart zu erfahren – eine Reise zum letztendlich Unsichtbaren, dem Verborgensten aller Geheimnisse. Aus dem göttlichen Funken im Herzen formt sich das Reittier (Burak, der Lichtkörper) mit dem der vervollkommnete Mensch über die sieben Himmel zum Thron Gottes und darüber hinaus direkt in die göttliche Gegenwart gelangen kann. Nur durch die gelebte, lebendige Erfahrung, was die Sufis das »Schmecken« nennen, wird er zu jemandem der die Vorgänge im Himmel wahrhaftig bezeugen kann. Schließlich gelangt der Reisende mit der Lataif Akhafa zur Essenz Gottes, der Dhaatiyya.

Übung: »Ya Allah«: 200 mal täglich nach dem Morgengebet rezitieren.

Die Vereinigung mit dem göttlichen Urlicht

Das von allen Eintrübungen gereinigte und von Schleiern befreite Herz, ist wie ein Hohlspiegel, der die farbigen Lichter der Lataif zu einem dunkelblauen Strahl bündelt, und diesen in den Bereich des dritten Auges reflektiert. So wie die göttliche Offenbarung des Koran, durch die Sure Fatiha eröffnet wird, erwacht das sprechende, reflektierte Ich, Nafsi Natika, als das große Bewusstsein des kosmischen Menschen, Insan Kabir.

Mit diesem Bewusstsein schafft unsere Seele die Rückbindung, was wörtlich mit dem Begriff Religion gemeint ist, zum göttlichen Urlicht, um auf dieser Ebene ein Gefäß für das Ganze (Qalib), das göttliche Licht zu bilden. So kehren wir von der Vielheit zurück in die Einheit, um uns auf unsere göttliche Herkunft zurückzubesinnen – denn dort können wir uns mit Allah, unserem Nächsten und unserem wahres Selbst wieder vereinen.

Interview mit Hamdi Alkonavi vom Naqshbandi-Sufi-Orden

Tel.: +49 (0)176 - 542 19736

Jeden Freitag ab 20:00 Uhr Sufi-Meditation (Sikr), danach Lesung aus dem Masnavi von Jalal al-Din Rumi.

Adresse: Hamdi Alkonavi, Eylauer Str. 14, 10965 Berlin

Der Sufi-Weg des Naqshibandi-Ordens soll den Suchenden zu Selbsterkenntnis und höherem Bewusstsein führen. Im 14. Jahrhundert wurde dieser Orden (Tariqa) von dem ehrenwerten Bahauddin Naqshband von Buchara (Usbekistan) gegründet.

Es scheint jedoch auch ein innerer Kreis von Weisheitslehrern mit der Naqshbandiyya in Verbindung zu stehen, der sich in verborgenen, sehr schwer zugänglichen Regionen Zentralasiens befindet. Im 20. Jahrhundert suchte nach diesen Orten der griechisch-armenischer Esoteriker Georges Gurdjieff.

Mit dem Sufi Hamdi Alkonavi spreche ich über diese verborgenen Orte und wie jene dort lebenden Weisheitslehrer auf die Geschicke der Menschheit Einfluss nahmen und welche Bedeutung das für unsere heutige Zeit hat.

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