Der Transformationsprozess in den Mysterien

von Jens Thiele

Der Einfluss von Mysterienschulen auf die Kulturen und Völker der Vergangenheit und Gegenwart ist kaum abzuschätzen, handelt es sich dabei ja weniger um theoretische Spekulationen, als vielmehr um existenziell bedeutsame Erfahrungen, die auf der ganzen Welt gemacht wurden und auch heute noch gemacht werden. Angefangen bei den alten Ägyptern, dann später bei den Pythagoreern, bei den Urchristen und den Gnostikern, den Katharern und Rosenkreuzern u.a. gab es die Mysterieneinweihungen. Auch heute noch gibt es Mysterienschulen, die diesen Weg lehren. Das Sterben der eigenen Identität und das Integrieren des wahren Selbst, ist eine wesentliche Erfahrung, die der Mysterienschüler macht.

Diese Art von Transformation bedeutet das Sterben und Loslassen der Vergangenheit, es ist ein Prozess. Tiefe Erkenntnis kann nur entstehen, wenn das alte Weltbild aufgegeben wird. Es bedarf einer Bereitschaft im Leben zu sterben, einer Bereitschaft das zurückzulassen, was die vollkommene Transformation behindert.

Die Sehnsucht nach Erlösung muss einen gewissen Leidensdruck erzeugen, um sich solch einem Prozess hingeben zu wollen. Jedoch sollten die wahren Beweggründe nicht darin liegen, ein Leben aufgeben zu wollen, das einen überfordert, oder dem man nicht gewachsen ist. Vielmehr geht es darum, alles was einen ausmacht, in Liebe anzunehmen. Solange nicht der Frieden zum eigenen Selbst vorhanden ist und auf allen Ebenen eine Aussöhnung stattgefunden hat, macht Transformation wenig Sinn. Es würde einer Flucht vor den eigenen ungelösten Problemen gleichkommen. Selbsterkenntnis und eine Persönlichkeit, die stabil im Leben steht, ist die Grundvoraussetzung zur wahren Transformation.

Oft ist es die Sehnsucht nach dem wahren Selbst, der Wunsch, das niedere Selbst zu überwinden, oder einer inneren Bestimmung zu folgen, die zu der Pforte der Transformation führt. Dieser Selbstentfaltungsdrang und die Erkenntnis der eigenen Ichbezogenheit, bringt die Bereitschaft mit, um nach Höherem zu streben.

Durch das Absterben der alten Identität erwächst aus dem wahren Selbst eine neue Identität, die sich an der seelisch geistigen Welt orientiert und nicht wie vorher an der Sinneswelt. Dieses Absterben der Identität wird als Tod erfahren. Alles was vorher an geistigen Sicherheiten vorhanden war wird zerstört. Da der Mensch ohne Ego nicht existieren kann, bedingt der Tod des einen die Auferstehung des anderen. Neue Strukturen des Denkens, Fühlens und Wollens entstehen.

Doch die alten Strukturen werden nicht kampflos aufgeben. Transformation beinhaltet auch innere Prüfungen, die stets alleine ausgefochten werden müssen. In einer Gemeinschaft kann das Erleben thematisiert werden, jedoch steht das Bewusstsein alleine vor der Aufgabe, diese Prüfungen zu meistern. Das niedere Selbst und die Welt der Sinne verlangen nach Aufmerksamkeit. Bis das wahre Selbst sich etabliert hat, wird es innere Kämpfe geben. In dieser Phase der Prüfungen kommt es zur spirituellen Krise. So kann es passieren, dass die von Sinnesgelüsten geprägte Alltagswelt verteufelt wird, und es zu einer Idealisierung der lichtvollen spirituellen Kräfte kommt. Diese inneren Spannungen können bis hin zu einem psychotischen Erleben führen. Auch besteht die Gefahr, dass sich das Bewusstsein in einer verkappten Ichbezogenheit verliert. Es kann dann als großer Wohltäter, Magier, Heiler o. ä. auftreten. Erst wenn es dem Bewusstsein gelingt, sein altes Weltbild zu überwinden, kann sich das wahre Selbst voll entfalten.

Das eigentliche Ziel des ganzen Prozesses ist die Bewusstwerdung und Umwandlung von ungewollten Mustern und von niederen Impulsen, die das spirituelle Selbstbild in Frage stellen. Dabei ist es weder notwendig noch möglich, diese Verhaltensmuster gänzlich zu besiegen. Vielmehr geht es darum, eine neue Sichtweise auf sie zu bekommen und gleichzeitig eine größere Bewusstheit zu erlangen. Dies führt zu einer größeren Entscheidungsfreiheit. Durch mehr Flexibilität in den Reaktionen und Handlungen kann besser auf die eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen eingegangen werden. Es ist die Heimkehr zur Einheit. Die Ichbezogenheit und das Gefühl des Getrenntseins weichen einem tiefen Mitgefühl und einem Verbundensein mit allem was ist.