Visionen zur Erfüllung unserer Wünsche

von S. Levent Oezkan

Jeden Tag sehen, lesen, hören und erfahren wir erfreuliche und weniger erfreuliche Dinge. Wir finden sie in unserem persönlichen Umfeld, auf der Straße oder lesen davon in Zeitungen ebenso wie sie sich uns im Fernsehen oder im Internet zeigen.

Alle geben Anlass uns eine Meinung zu bilden, ein Urteil zu fällen. Denn das brauchen wir, um Nachrichten und unsere damit verbundenen Empfindungen einordnen zu können.

Kluge Urteile aber basieren meist auf gemachten Erfahrungen und basieren nicht auf einer Einordnung durch Begriffe und Konzepte, die man irgendwann einmal lernte.

Ein Kleinkind im Babysessel, dass noch nicht sprechen kann, sieht alles wie es ist, ohne darüber nachzudenken. Egal was sich ihm zeigt, es ist immer sprachlos und behält immer seinen staunenden Gesichtsausdruck. Und diesen Gesichtsausdruck nehmen auch Erwachsene an, vor denen sich etwas Unerwartetes ereignet, was sie ebenso sprachlos macht. Denken ist was Anderes; direktes Wahrnehmen: darum geht's.

Gedanken setzten Sprache voraus und sind verbunden mit dem Ich-Bewusstsein. Wenn das Kind zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat seinen Namen zu sagen beginnt, fängt auch das Nach-Denken an. Denn in der damit beginnenden Individuation, setzt sich das gegenwärtige Ich durch die Sprache, in Bezug zu der sich in der Welt ereignenden Dinge. Das Kind fängt an von sich zu sprechen.

Diese Dinge aber, werden vom Ich ja natürlich erst nachträglich überdacht, sind sie ja stets Erinnerungen, stammen also aus der Vergangenheit.

Und doch weiß jeder, dass unsere Erinnerungen manchmal nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Die Bilder die wir mit Ereignissen verbinden, sind eingefärbt von anderen, unbewussten Gedanken und Empfindungen. So ist Denken manchmal leider nur ein Dünken in Ungewissheit.

Sich Gedanken machen

Denken ist immer an Sprache gebunden. Wer sich über etwas sprichwörtlich den »Kopf zerbricht«, versucht die Bruchstücke aus Ereignissen und Erinnerungen – und es sind eben immer nur Ausschnitte – in Begriffe und Gedanken zu ordnen, von Gutem und Schlechtem, in Gewohntes und Ungewohntes. Alle wahrgenommenen Einzelheiten werden gedanklich also be-ur-teilt, eingeordnet und mental mit Begriffen versehen.

Wenn wir nun ein Urteil fällen: wovon eigentlich? Oder ist es als Ur-Teil gar kein Teil? Fest steht, dass es in unseren Erinnerungen landet, und etwas ist, das wir als bestimmte Erfahrungen und Bilder durch Worte festlegten. Doch damit eigentlich ist das Beschriebene beendet und dem Geist entstorben.

Sobald sie eine Erfahrung benennen, wenn auch »nur« in Gedanken, ist sie verloren und sie müssen sich erneut auf sie einlassen.

»Oh, was für ein schöner Sonnenuntergang.«

Das Urteil ist zugleich das Ende des Beschriebenen und der Anfang der folgenden Zeitperiode, bis zur Fällung eines kommenden Urteils. Es scheint eben in der Natur der meisten Menschen zu liegen, ununterbrochen alles zu kommentieren und in Positives und Negatives zu ordnen. So aber hindert einen die Natur der Widersprüche zurück, die eigentliche Einheit in Allem zu erkennen, denn was uns ähnelt, wenn auch unbewusst, ziehen wir magisch an.

Versuchen Sie mal, wenn Ihnen etwas gefällt oder missfällt, ihre Erlebnisse nicht durch einen urteilenden Gedankengang zu unterbrechen. Kann sein, dass Ihnen das sehr schwer fällt. Wir alle sind eben so konditioniert, alles zu beurteilen, oft gar zu verurteilen. Mag darum sein, dass es schier unmöglich ist, ohne Urteil die Welt zu betrachten. Doch man könnte sich den Wunsch abgewöhnen, jenem ersten, weitere Urteile folgen zu lassen. Jedes Urteil nämlich ist geknüpft an eine positive oder an eine negative Emotion. Und Emotionen sind Energie.

Wenn sie einige Zeit üben, werden sie bemerken, wieviel Energie sich durchs Vermeiden von Urteilen langsam aufspeichert – und das ist nützlich für all jene Lebensphasen, die uns besonders viel von dieser Energie abringen wollen.

Polare Gebilde unseres Geistes

Urteile sind Angelpunkte, um die sich sämtliche Beschreibungen drehen, wie auch alle Korrekturen des beurteilten Sachverhalts. Damit ist jedes gefällte, persönliche Urteil, ein vom Ich gesetzter Pol, der über gedachte Beschreibungen, mit dem Gegenpol des Bewerteten verbunden ist. Die Beschreibungen jedoch, fallen manchmal recht unterschiedlich aus und sind individuell verschieden.

Was aber, geht dann eigentlich vor sich, wenn sich die verwendeten Worte ändern, die jene beschriebenen Pole in unseren Gedanken, in Bezug zu einander setzen? Die Tatsachen blieben auf jeden Fall bestehen: Das Ich bliebe das Ich und das beurteilte Ding bliebe das beurteilte Ding.

Sicher lohnt sich als Mensch ein Urteilsvermögen zu besitzen, und zwar dann, wenn jene beschriebenen Pole, sehr weit auseinander liegen, dass heißt: ein Problem vorliegt. Und was heißt Problem? Dieses alltäglich verwendete Wort besteht aus zwei griechischen Silben: pro, vor, hin – und blema – der Wurf. Etwas wird dem Ich also hingeworfen, etwas taucht, vielleicht unerwartet auf, womit sich das Ich auf einmal beschäftigen muss. Wo dann aber kein Urteil einsetzt, da gibt es auch kein Problem. Dann zählt allein die Handlung.

Kraft der Vision

Denken wir wieder an das Kleinkind, als es noch sprachlos dasaß: es vermochte noch kein Urteil zu fällen, sondern nahm alles entgegen, was sich ihm darbot. Was das Kind vom Erwachsenen jedoch unterscheidet, ist seine Hilflosigkeit.

Was aber wäre im Umkehrschluss, wenn man anstatt den Unterschied, oder den Weg zwischen Ich und Ding, nicht durch Worte beschriebe, sondern sich in Bildern ausmalte? Dann nämlich spielten die Erinnerungen doch eine eher untergeordnete Rolle, da aus ihnen keine Beschreibungen geborgt werden müssten, um den Abstand zwischen Erfahrung und entsprechender Handlung zu überbrücken. Was dann erfolgte, wäre eine direkte Vision, für die Lösung eines Problems.

Diese Art der Herangehensweise an besondere Umstände und Fragestellungen, lässt sich auch auf noch nicht existierende Dinge anwenden. Und das könnten zum Beispiel all jene sein, die wir uns im Leben wünschen. Denn es kann sich eben die Beschreibung des Weges zwischen Ich und Ding ändern oder entspricht manchmal sogar der Schilderung einer Falschannahme.

Fallen nun also alle Beschreibungen weg, wäre die Schlussfolgerung, dass das Ich nicht über die Irrtümer und Komplikationen von den Beschreibungen eines Dings getrennt, sondern direkt mit ihm verbunden ist.

Das heißt, in der urteilsfreien, reinen Vision eines erwünschten Zustands, liegt bereits seine eigentliche Existenz. Was sich also ein Mensch im Leben wünscht, wäre bereits mit der exakten Vision des gewünschten Dinges präsent.

Alles was ein Mensch dann tun müsste, wäre seine Wunsch-Vision geduldig aufrecht zu erhalten und immer weiter zu konkretisieren. Langsam wird er einen Weg finden, der ihn an den richtigen Ort zur richtigen Zeit führt, wo er schließlich das Ergebnis seiner Vision entgegennehmen kann.

Je präziser unsere vorgestellten Ziele – positiv wie negativ! – desto konkreter werden sie sich in unserem Leben manifestieren.

 

Titelfoto: von Joshua Earle

 

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