Aus dem Fluss der Zeit: Gedanken zur Symbolik der Menschenfischer

In allen Geistestraditionen unserer Welt war Wasser schon immer das wichtigste Lebenssymbol und damit auch der Fisch als solcher oder als Mischwesen. Der indische Gott des Seins in der Zeit Vishnu, der auf den Wassern ruht, bis seine Welt Shiva zerstört, um dann von Brahma neu erschaffen zu werden.

Vishnu, dessen erster Avatar inkarnierte als Matsya, der Mannfisch, der die Arche des Manu über die Wasser der großen Sintflut führte. Matsya aber war auch der, der die heilige Schrift der Veden dem Schöpfergott Brahma übergab.

Bewegen wir uns im Alten Orient weiter nach Westen, begegnen wir Beschreibungen, wie sie in ungefähr 5.000 Jahre alten Keilschriften verzeichnet sind, die von Ea (auch: Enki) berichten, dem Gott der Weisheit und der unterirdischen Gewässer. Aus dem Kreise der sieben weisen Apkallu entsandte er Uanna, den Menschenfisch, den die alten Griechen „Oannes“ nannten, der den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch lehrte, der verblüffende Ähnlichkeit mit den ersten Kapiteln der biblischen Genesis aufweist.

Manchmal wird Uanna auch als Sohn Gottes bezeichnet (Sohn des Ea). Uanna lehrte den Menschen die Kulturtechniken, darunter die Technik der Landwirtschaft (in etwa zu vergleichen mit den Kindern des Adamsohnes Kain, der laut Freimaurerlegenden im Innern der Erde fortlebt).

Die hohe Symbolkraft des Fisches spielt also anscheinend schon sehr lange eine wichtige Rolle in der Sprache der Mysterien, wie auch die Symbole für alles, was mit dem Wasser unserer Welt zu tun hat. Das jedoch ist kaum Zufall, kamen Wirbeltiere ja aus dem Meer, von denen die Säuger ja zu unseren biologischen Vorfahren zählen.

Dabei spielt sicherlich die Schlange eine ganz zentrale Rolle in den esoterischen Traditionen als Symbol höherer Einweihung – die ja, wie etwa als geistige Kundalini-Schlange, entlang der Wirbelsäule auch im Menschen aufsteigt, wo er dabei zur vollen Bewusstwerdung seines irdischen Daseins als hoher Geist die Welt und sich erkennt. Oder eben als die Eden-Schlange, die den Menschen in die Fähigkeit leitet, zu entscheiden zwischen Gut und Böse, und damit den Willen, den Geist und die Seele loszulassen (Erkenntnis und Tod als Synonym).

Die Fische- und Wassersymbolik trat immer wieder in Erscheinung, wenn es um die Bewusstmachung astraler Einflüsse auf das menschliche Leben des Einzelnen ging. Auch im Christentum. Mit der Geburt Jesu begann das Zeitalter der Fische (als die Sonne am Frühlingsequinoktium das Sternbild Widder verließ, worauf sie eben dann in diesem Sternbild aufstieg).

Das Symbol für das besagte Sternbild sind die beiden Fische, die meist auf verschiedenen Ebenen, aber immer in verschiedene Richtungen schwimmen, wo der eine Fisch unter Wasser (dunkles Westmeer) und der andere in der Luft (Licht des Ostens) aufsteigt als der Wechsel des Zeitzyklus der Tage und Nächte. Es ist dieser Tausch vom Dunkel durchs Helle, wie ein Wechsel von der ahnungslosen Resignation des Wachschlafs ins weise Erkennen des Ichs im Überbewussten. Es sind damit die beiden Fische dieses Symbols keine Schwarmtiere, was Fische aber ja gewöhnlich sind.

Eben auch kam als erster „Fisch“ des Fischezeitalters Jesus zur Welt, wo ihn seine Apostel fanden, damit er sie zu „Menschenfischern“ machte, sie aus den dunklen Wassern ihrer Unbewusstheit zog, auf die Lichtseite des ewig Himmlischen. Symbolisch gesehen ist der Christus (irdische Inkarnation Gottes, vergleichbar mit dem oben genannten Avatar) der Köder am Haken der Angelrute Gottes.

 

Matsya-Avatar (die Fisch-Inkarnation Vishnus im Kampf gegen den Veden-Dämon Hayagriva); indische Miniaturmalerei, Pahari-Stil (Kangra-Schule), um 1740.

Der Fisch: Ältestes Einweihungssymbol der Menschheit

Die verborgene Bedeutung des Gesagten erkennt der Okkultist, sobald man ihm sagt, dass der Fischmensch Oannes es gewohnt war, tagsüber unter den Menschen zu weilen und zu lehren und nach Sonnenuntergang wieder zurück ins Meer zu ziehen, um die Nacht in den wässrigen Tiefen zu verbringen. Oannes war amphibisch. Er gehörte zwei Ebenen an: der geistigen und der physischen. Das Wort „Amphibios“ heißt ja auch: „Leben auf zwei Ebenen“.

Dieser Oannes lehrte der Menschheit vor sehr langer Zeit die Urtradition, wie wir oben ja gesagt hatten. Auch in der keltischen Sagenwelt der alten Iren taucht der Fisch als solch Menschheitslehrer auf.

In einem von christlichen Mönchen im 12. Jahrhundert anonym verfassten Schriftwerk, dem „Buch der Landnahmen“ (Lebor Gabála), ist die Rede von Fischen und Gewässern, die darin oft als älteste Zeugen der Schöpfung bezeichnet werden, da sie das Wissen vergangener Zeitalter bis heute bewahren.

Die „Jugendtaten Fionns“ (Macgnímartha Finn) aus dem 12. Jahrhundert beschreiben detailliert, wie der legendäre Held und Seher Fionn mac Cumhaill durch einen Lachs, den An Bradán Feasa, zu seiner prophetischen Gabe gelangte.

Es scheint damit doch, als wäre der Fisch als initiatisches Symbol schon lange zuvor, quasi als Astralprojektion, in die himmlische Sternenwelt geschrieben worden, um dann, als die Zeit erfüllt war, im Fische-Aeon in der Inkarnation des Christus Jesus erneut aufzuscheinen.

Somit scheinen die keltischen und christlichen Elemente der Fischsymbolik Fragmente einer umfassenderen Sichtweise zu sein, was uns auch zur Symbolik des Fischerkönigs der Gralslegende führt: Amfortas, der heilige Fischer und Vater des Artus-Ritters Parcival. In der keltischen Sagenwelt is es der Gral, der die vielen Menschen speiste, so wie die zwei Fische in den christlichen Evangelien, die die Tausenden speiste.

Auch Salomon, der biblische König der Weisheit, steht mit dem Gral in Verbindung, wo er in der Geschichte über seine Suche eines goldenen Rings erwähnt wird. In den Ring ist ein magischer Stein gefasst mit dem Charakter eines Feuers, dessen Licht das Menschenreich erfüllt, so wie das Licht des Grals. Doch Salomon verliert diesen Ring, den ihm einer stahl und ins Meer geworfen hatte. Als Salomon angelt, findet er den Ring aber wieder im Bauch eines Fisches. Ein Ring, der bekannte „Fischerring“, ist ja auch eines der päpstlichen Insignien.

 

Der Fischgott Oannes: Eine Tafel aus dem Buch „A second series of the monuments of Nineveh: including as-reliefs from the Palace of Sennacherib and bronzes from the ruins of Nimroud; from drawings made on the spot, during a second expedition to Assyria“; nach Zeichnungen, die vor Ort während einer zweiten Expedition nach Assyrien angefertigt wurden – London, 1853.

Die Initiation des Wassermanns

Auch wenn kein direkter etymologischer Zusammenhang dafür existiert, ist dennoch verblüffend, wie ähnlich der Name des Täufers Johannes, auf Griechisch „Ioannes“, dem Namen des Menschenfisches „Oannes“ ähnelt. Der Name des christlichen Taufbeckens verdeutlich den Zusammenhang sogar, zumal man es auch den „Fischteich“ (griech. „Piscina“) nennt.

Der Name des Propheten Jona spielt bei dieser Betrachtung eine nicht unbedeutende Rolle. Seine hebräische Wortbedeutung ist die Taube, die in der Kabbala die Seele symbolisiert. Die kabbalistische Bedeutung des Buchstaben „n“ (hebr. „Nun“) ist eine Hieroglyphe für den Fisch. Und in eben einem solchen war der Prophet ja gefangen. Doch er wird durch den Herrn (hebr. JHVH) dazu gebracht Jona an Land auszuspeihen, worauf er wieder untertaucht ins tiefe Meer. Zwischen den Zeilen verbirgt sich eine Allegorie auf die im menschlichen Körper (Fisch) im Schlaf gefangene Seele (Jona), wo das Austreten Jonas aus dem Fisch gewiss als Bild der Initiation gelesen werden kann – was im Laufe der folgenden Ausführungen noch deutlich werden wird.

Dann gewiss wäre unsere Inkarnation an sich bereits Initiation, nicht wahr?

Fisch, Wasser und Taufe oder auch das Untertauchen im Becken der Mitglieder des Geheimordens der Essener: Sie alle sind Taufen mit dem Heiligen Geist. Auch die rituelle Reinigung der Körperglieder des Muslims zum Gebet hat diese Funktion, zumal er bei der Waschung jedes Leibesgliedes einen heiligen Lobpreis spricht.

Immer steht hinter solch ritueller Praxis das, von dem wir oben bereits sprachen, nämlich der Initiation und Übergabe sakralen Wissens des Mitglieds einer Priesterschaft (ganz gleich in welcher religiösen Tradition), die seit alter Zeit der Wasserträger Oannes verkörpert, aus dem irgendwann die Bezeichnung „Wassermann“ hervorging. Auf einem Bas-Relief aus der assyrischen Stadt Niniveh (siehe Abb.) sieht man Oannes, der einen Wasserkrug trägt. Das Wissen, das die Hohepriester dieser alt-orientalischen Religion besaßen, war, was man auch die „Aquarius-Initiation“ nennt, eine Einweihung also in die beschriebenen Mysterien von Fisch und Wasser, die so alt sind wie die Menschheit selbst.

Was Prophet Johannes bei der Taufe war, war, ihren Körper zu initiieren mit diesen Kräften des Heiligen Geistes, die dem Getauften zufließen, in ihn hineinfließen. Hierdurch sollte der Mensch lernen, sich in eine andere, in eine geistige Welt einzufühlen, um darin seine geistige Lebendigkeit zu erfahren, wie der Fisch aus dem Wasser an Land gebracht (gefischt) wird und sich damit in die Luft bewegt, zu einem „Amphibium“ geworden ist.

Der Mensch bewegt sich also von einer sinnlichen Anschauung der Welt und einer Identifikation mit ihr so in eine geistige Anschauung der Welt und seine Seele, damit er damit befähigt wird, gewisse Kräfte in einem anderen Element zu gebrauchen, dem alchemistischen Element des Geistes.

Das Wort Amphibios wurde in der Antike oft auf jene Menschen angewendet, die, obwohl sie noch einen menschlichen Körper trugen, sich durch Wissen fast göttlich gemacht hatten und entsprechend in den geistigen, übersinnlichen Regionen ebenso bewusst lebten wie auf der Erde der Sinnendinge.

Oannes stieg jeden Tag aus dem Persischen Golf auf und begab sich an Land, um den Menschen Weisheit, Künste und Wissenschaften und Landwirtschaft zu lehren.

ÜBERSCHRIFT

Was nun aber spielte sich da vielleicht in den Menschenseelen ab, als sie von den erwähnten Weisheitslehrern unterrichtet wurden?

Antworten auf diese Frage nähern wir uns, wenn wir in die christlichen Evangelien schauen, worin immer wieder ein bestimmtes Wort auftaucht, wie auch hier, als Jesus zu seinen Aposteln sprach:

Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
– Markus 1:17

Was hat das zu heißen?

Wenn er dabei ja wohl an die Erlösung dachte, dann müsste das so verstanden werden, dass „gefischte Menschen“ erlöst werden. Aber nicht sind sie dann einmal gefischt und kehren nicht wieder ins Wasser zurück. Sie sind gleichzeitig zweierlei, sind amphibisch (im okkulten Sinne), sind gefischte und sind Fische, so wie man als gläubiger Mensch ja auch immer wieder zweifelt am höheren Sinn dahinter, besonders wenn die schwere Not drängt.

Es gibt da auf jeden Fall den Schwarm im dunklen Wasser und es gibt den Fisch als einzelnes Wesen, das gelernt hat, an Land und an die Luft zu gehen, der also im christlichen Sinne „gefischt“ wurde und dabei das Himmlische kennenlernte und im Geistigen zu atmen lernte. Der Christus Jesus war der erste dieser Fische und er konnte seine Seele damit wachbewusst erheben auf die Ebene des Weltgeistes, auf den sich auch alle anderen Menschenseelen erheben werden. So konnte er am See Genezareth die 5.000 Menschen mit den zwei Fischen speisen.

 

Illustration des Sternbildes Fische von Johannes Regiomontanus (1512). Die typische Darstellung der beiden Fische, die über ein Sternenband in den Mäulern miteinander verbunden sind. Interessant hier jedoch ist auch, dass es einen Fisch im Wasser (christlicher Gläubiger) und einen darüber schwebenden Fisch (Jesus Christus) gibt.

Im Gefährt des Ewigen

Als es aber Abend wurde, gingen seine Jünger hinab an den See und stiegen in ein Boot und fuhren über den See nach Kafarnaum. Und es war schon finster geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Und der See wurde aufgewühlt von einem großen Wind. Als sie nun gerudert hatten etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien, sahen sie Jesus auf dem See gehen und nahe an das Boot kommen; und sie fürchteten sich. Er aber sprach zu ihnen: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! Da wollten sie ihn ins Boot nehmen; und sogleich war das Boot am Land, an das sie fahren wollten.
– Johannes 6:16-21

Wie war das möglich? Es war sicherlich als Allegorie gemeint, was man hier geschrieben findet, und gleichzeitig auch eine vollkommene Wahrheit. Denn die Strecke, den die Jünger über den See ruderten, bis ihnen Jesus auf dem Wasser entgegenkam, war ihre Initiation. Sie wurden darin erhoben aus den Wassern der Dunkelheit. Das Schwimmen von 25 bis 30 Stadien ist eine Weglänge ihrer Lebenszeit und das Boot das Gefährt ihrer Einweihung in die Wahrheit des Ewigen, worin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer sind und alles gleichzeitig ist, da nichts das Ewige begrenzt. Denn trotz dass sie noch auf dem Genezareth schwammen, waren sie im selben Augenblick bereits am Ufer angekommen – eine Ereignisqualität, die uns aus unseren Träumen bekannt ist als die plötzlichen Wechsel darin, wenn wir versuchen, uns an sie in der Zeit zu erinnern. Genezareth aber ist der Name des „fürstlichen Gartens“ – ein Eden vor dem Fall?

Jesus ging auf dem Wasser dieses Sees und ging damit quasi auf der Zeit, er hob sich über das Zeitliche und damit über das Räumliche. Er war Herr dieser Zeit.

In dieser Symbolik reflektiert sich eine Wirklichkeit des Einen und des Anderen jenseits dieser Zeit. Beide sind verbunden und erheben sich in dieser Verbindung über den Horizont unseres Erlebens, unseres Verstehens, in eine andere Wirklichkeit, die uns widerspiegelt und dabei hilft und immer helfen möchte, wenn wir sie anrufen und ihr sagen: Bitte komm doch und hilf!

Langsam sollte das Bild der Menschenfischer, zu denen Jesus seine Jünger machen möchte, sich in seiner Wirklichkeit zu zeigen beginnen. Denn so ist da mehr als das, was einer erlebt, wenn er in großer Not ist und in dem Moment gerade erlebt. Wer sich aus den Wassern erhebt, so wie Jesus, als er über das Wasser ging, sowie die Jünger, die darüber im Boot fuhren, kann sich auch aus den schrecklichen Momenten erheben, da er weiß, dass jetzt auch schon alles wieder vorbei ist und gut. Es sind zwei Wirklichkeiten und nicht nur die eine, die uns gerade Sorgen macht.

Beide Wirklichkeiten sind miteinander verbunden, wie auch die zwei Fische, die das Sternbild der Fische symbolisieren und in ihren Mündern ein Band tragen, als die zwei Fische, aus denen Jesus die fünftausend speiste, und nicht zuerst in dieser einen Wirklichkeit, sondern zuerst in der anderen, zuerst in dem himmlischen Ideal, von der auch alles Weitere in dieser Welt ein Abbild ist.

In diese zweite Wirklichkeit können wir uns aus unserem Wachschlaf selbst erwecken, können darin Luft schnappen. In den Lebensschwierigkeiten, in denen wir stecken, wovor wir als der unbewusste Fisch ja nie seine Augen verschließen kann (da ihm einfach die Lider fehlen), in dieser Unterwasserwelt der schlimmen Ungeheuer, des Leviathan. Daraus aufzusteigen ist das Bemerken, dass da ja Licht ist, dass da ja Wirklichkeit ist, und man vielleicht nur geschlafen hat und vor sich hingeträumt hat bisher. Auf einmal sieht man erschaudert das Ganze.

Es ist ein Erwachen aus der Zeit in die Ewigkeit, die über der Zeit verläuft, auf der Lichtseite, auf der Seite, die auch der eine Geflohene aus der Höhle in Platons berühmtem Gleichnis nach oben ins Licht fand.

Der Christus Jesus ermöglichte durch seine Apostel und ihre Gleichnisse, der Menschheit im Fischezeitalter das uralte Mysterienwissen zu übergeben, das in den griechischen Mysterien noch geheim gehalten wurde (auch in Eleusis nahmen die Initianden ein Taufbad im Meer, bevor sie der Hierophant einweihte).

Fische und Wasser symbolisieren die Zeit, worin sie beide zusammengehören, denn das Wasser fließt wie die Zeit. Es gibt darin Ursachen und Wirkungen, die die Momente einer Reihenfolge bilden. In der einen Welt des unbewussten Dunkels findet darin das Denken statt, das die Erinnerung an den gestrigen Tag erzwingt, der ja zu heute führte und der ja, vom Morgen gefolgt, den Strom der Zeit bedingt, in dem wir uns befinden. So wird unser Denken vom Fluss der Zeit bedingt, worin man stets Ausschau hält nach Ursachen und ihren Wirkungen, nach dem, was war, um einzuschätzen, was sein wird. Das geht weiter mit einer neuen Ursache und einer neuen Wirkung und geht im Maß unserer Lebenszeit immer weiter und weiter und weiter – Millionen Momente, die die Zeit verdunkeln, in den Tiefen des Unbewussten. Als Mensch sind wir darin unwichtig wie der Sand auf dem Meeresgrund.

Das Leben hat aber keinen Sinn, wenn wir uns über den Zeitfluss erst mit dem Tod erheben. Sollen wir darum also abwarten, bis es so weit ist, um dann weiterzusehen? Auf die nächste Ursache warten in Befürchtung oder dem Erhoffen ihrer Wirkung?

In allen echten Einweihungen geht es eben um das Sterben vor dem eigenen Tod. Das Symbol des Christus-Fisches, dem Ichthys, in seinem Sterben und Wiederauferstehen bedeutet für uns dasselbe: Wir bestimmen die Ursache mit unserem Sterben und Wiederauferstehen. Wir verschieben das Datum unseres Todes nicht in unbestimmte Zukunft, sondern erleben sein Wesen immer, sodass wir immer auferstehen, uns erheben aus der Zeit in die Ewigkeit.

 

„Gang übers Wasser“: Gemälde von Ivan Aivazovsky (1890).

Das Janushaupt

Vielleicht kommt jetzt einer und sagt: Schön und gut, das war damals so, am See Genezareth, doch heute leben wir in der Moderne, haben Politik und Wirtschaft und Probleme im Leben. Solche Fragen stellen sich dann, wenn jemand an die Grenze der Intellektualität gerät. Da geht es ihm wie dem Fisch. Wenn er an die Oberfläche des Wassers gerät und beim Hinausschnappen das fremde Element der Luft spürt, dann reagiert er darauf mit dem Drang, besonders tief ins Wasser zurückzutauchen.

Dabei ginge es um ein Erkennen der Überintellektualität, die allem, was war und was sein wird, erhaben ist und nicht weiter dem Zwang kausaler Zusammenhänge folgt. Die ewige Haltung eines Entweder-Oder löst sich auf, denn man erhob sich aus dem illusorischen Schlaf, als Mensch in den Sequenzen zwischen Ursache und Wirkung gefangen zu sein, wo man sich in der raumzeitlichen Waagrechten bewegt, um darin stolz die im Leben zurückgelegten Wegstrecken abzumessen, die man schon gegangen ist.

Wer auftaucht, sich aus dem Fluss der Zeit hat fischen und erheben lassen, für den ist alles gleichzeitig, ist alles immer da, Positives und Negatives. Man braucht sich dann nicht mehr zu entscheiden. Dafür steht das Janushaupt als Symbol für die Beherrschung der Zeit, symbolisiert in den beiden Sonnenwenden, die in der Freimaurerei von zentraler Bedeutung sind. In den Johannes-Graden – benannt nach Johannes dem Täufer. Das besagte Sterben vor dem Sterben, von dem zuvor die Rede war, führt den Initianden in ein Bewusstsein dafür, dass er allein im Jetzt lebt. Immer. Und das gilt für jeden von uns.

Das eine Gesicht des Janus blickt in die Vergangenheit, aus der wir lernen müssen, um unsere Zukunft zu gestalten – wo wir uns immer im Jetzt zwischen Reflexion und Vision befinden. Kein Abwarten mehr und keine Ängste, sondern Handeln im Jetzt.

Wieder also taucht hier der Name Johannes des Täufers auf, der in esoterischen Zirkeln den prophetischen Vorboten für das eigene und das kollektive spirituelle Erwachen bildet. Das findet im gegenwärtig anbrechenden Wassermann-Zeitalter statt, in dem das „Wasser des Wissens“ über die Menschheit ausgegossen wird.

Auf dem Wege, den wir uns damit vorgenommen haben, werden wir empfindsamer für das, was in der Welt tatsächlich geschieht. Damit aber werden auch das, was die Anthroposophie die ahrimanischen Wirkungen nennt, intensiver empfunden. Es wäre jedoch unsinnig zu versuchen, dem zu entfliehen mit den gleichen Mitteln, die einen an diesen Punkt gebracht haben.

Wer heute aber in einer passiven Haltung verharrt, wird gestellt von dem, was in dem besagten Übergang auf uns an technologischen Veränderungen zukommt.
Derjenige aber, der zu einem Wissenden geworden ist, einem, der ganz ohne Sprache aus den in ihm visualisierten Bildern geduldig und in vollkommener kontemplativer Wachheit seine Wahrheit auf die Außenwelt zu projizieren weiß, wird für seine körperliche Inkarnation die Umstände schaffen, dass er diesem großen Wandel unseres menschlichen Daseins gewachsen bleiben kann und die scharfen Eingriffe in die menschliche Existenz in seinem natürlichen Leib überlebt.

 

Janus: Holzschnitt aus dem Buch „Der Olymp oder die Mythologie der Griechen und Römer“, herausgegeben von August Heinrich Petiscus im Verlag C. F. Amelang, Leipzig (1878).
Der römische Gott Janus als Hüter der Schwelle: Der Schlüssel symbolisiert das Auf- und Zuschließen von Toren und Lebensabschnitten, während der Wächterstab für Autorität, Schutz und Führung beim Übergang in das Neue steht.

DIe Zeit der Offenbarung im neuen Aeon

Der initiatorische Bewusstseinsraum, der durch den Avatara Matsya oder sich später durch den Oannes erneut auf der Erde öffnete, führte die Menschen in die Kulturtechniken ein. Das war, was über Jahrtausende dann zu den Jahres-Equinoktien in den Mysterien gefeiert wurde. Die darin weitergegebenen Geheimnisse waren aber nur auserwählten Adepten zugänglich.

Im Zeitalter der Fische, das vor etwa 2.000 Jahren begann, trat dieses uralte Einweihungswissen aus geheimen Tiefen mystischer Ozeane dann immer weiter auf. Das bedeutendste Schriftwerk dafür bildet sicherlich die Johanneische Offenbarung.

Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus verschwanden die heiligen Mysterienfeiern. Doch ihre Wahrheiten blieben bestehen, in der gleichen Symbolik von Fisch, Amphibie, Mischwesen, die alle auch im Wasser leben.

Im Zeitalter des Wassermanns, in das wir uns gerade bewegen, werden alle Geheimnisse offenbar und können von allen erfahren werden. Bis es aber von allen Individuen der Menschheit als erfahrenes natürliches Wissen integriert wurde, werden vielleicht weitere zweitausend Jahre vergehen, bis es im Aeon des Steinbocks alle Menschen bewusst in sich tragen.

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