Ein indischer Weiser der Philosophia Perennis

Als einer der einflussreichsten indischen Mystiker des 19. Jahrhunderts gilt der indische Heilige Sri Ramakrishna (1836-1886). Seine Weisheitslehren zeichnen sich aus, durch bedingungslose Offenheit gegenüber den verschiedenen Religionen.

Auch deshalb, galt ihm die eigene Ausübung religiöser Praktiken als heilig. Denn er hatte verstanden und verinnerlicht, das im Kern alle Weltreligionen, nach dem selben Ziel streben: Im eigenen Denken, Fühlen und Handeln Heiligkeit zu erlangen, um sich dabei Gott zu nähern und schließlich das eigene seelische Sein in die Welt des Göttlichen eingehen zu lassen.

Dabei stützte Ramakrishna seine rituell-religiöse Praxis nicht auf theoretischen Studien aus Büchern, sondern auf seine eigenen, intensiven spirituellen Praktiken innerhalb und außerhalb des Hinduismus.

Es lag ihm viel daran, sowohl die Dualität im Vishnuismus (einer der spirituellen Hauptströmungen im Hinduismus) zu vergegenwärtigen, die Methoden des Tantra sowie den ganz unverwechselbaren Non-Dualismus des Advaita-Vedanta (der ältesten hinduistischen Vorstellung von der „Nicht-Zweiheit“) zu praktizieren.

Um seine daraus erkannten Wahrheiten zu untermauern, durchlief er jedoch auch Phasen im seinem Leben, wo er sich mit der tiefgehenden Mystik und Magie des Sufi-Islam beschäftigte, sowie das Wesen des Christentums erforschte. Dabei erlebte er in diesen beiden spirituellen Traditionen außergewöhnliche Visionen. Was er darin schaute, mündete in eine Verschmelzung seines Bewusstseins mit der formlosen Wesentlichkeit Gottes.

Was ihm in diesen Erfahrungen als eigentliche Wirklichkeit aller spirituellen Traditionen bewusst geworden war, musste er mit seiner sozial-kulturellen Mitwelt seiner Zeit teilen. Und hierfür entwickelte er ein System aus traditionellen Erzählungen, wie man sie aus dem ländlichen Bengalen kannte (einer nord-östlichen Region des indischen Subkontinents, in der Ramakrishna seinen Lebensweg begann)..

Damit erreichte er sowohl die breite Masse, wie aber auch Kreise Intellektueller. So etwa erklärte er die Einheit der Religionen im sogenannten „Wasser-Gleichnis“, wo Gott wie das Wasser eines Sees sei. Die Hindus sprachen von diesem Wasser als „Jal“, im Urdu der Muslime (Nationalsprache Pakistans) nennt man es „Pani“ und die Christen auf Englisch „Water“. So also bilden nur Sprache und Kultur die Unterschiede. Doch das Wasser bleibt immer die selbe Substanz.

Ramakrishna betonte in seinen Lehren, dass der Versuch, sich dem Göttlichen über verschiedene Wege gleichzeitig anzunähern, eigentlich dem Ziel aller Religionen widerspricht. In seinem „Dach-Gleichnis“ betonte er, dass ein Mensch das Dach eines Hauses zwar über eine Steintreppe, eine Leiter, ein Seil oder eine Bambusstange erreichen kann. Doch es bliebe unmöglich aufzusteigen, wenn man ständig von einem Pfad zum anderen springe.

Man kann das Dach nicht erreichen, ohne die Stufen der Treppe nacheinander zu erklimmen. Wer ständig neue Brunnen gräbt, anstatt an einer Stelle in die Tiefe zu gehen, wird niemals Wasser finden.
– Aus „The Gospel of Sri Ramakrishna“, 11. Kapitel

Man muss einem Weg mit aller Entschlossenheit folgen, auch wenn man seine Offenheit anderen spirituellen Wegen gegenüber bewahrt und in seinem einigen Aufstieg sich doch auch allen anderen Pfaden nähert. Sie alle münden doch in den selben göttlichen Ursprung.

Brahman, Shakti und die Natur der Realität

Für Ramakrishna galt die im Advaita-Vedanta übliche Vorstellung einer Trennung des unpersönlichen Gottes „Nirguna Brahman“ und eines persönlichen Gottes „Saguna Brahman“ beziehungsweise „Ishvara“, nicht als Gegensätze, sondern waren für ihn eins und unzertrennlich wie „Milch und ihre weiße Farbe“, wie ein „Diamant und sein Glanz“ oder so wie das Feuer, das nicht ohne seine Hitze existieren kann, und die Hitze nicht ohne das Feuer.

Im Advayta-Vedanta geht es außerdem um die sogenannte „Maya“, die kosmische Illusion, die unsere Wahrnehmung verschleiert, sodass wir die materielle Welt als getrennt und absolut real erleben.

Damit wird dieser Weisheitslehre gemäß das Bewusstsein nach unten gezogen und verstrickt sich dabei in der oben angedeuteten Dualität, woraus Egoismus, Gier, Verlangen, Hass und Anhaftung resultieren, da Maya die Identifikation mit dem Körper und dem Geist verstärkt.

Ramakrishnas Sicht darauf jedoch war differenzierter. da er von einer „Vidya-Maya“ sprach, der „befreienden Illusion“, die der eben dargestellten Maya entgegengesetzt ist und die das menschliche Bewusstsein „nach Oben“ ausrichtet. Durch spirituelle Praxis werden die Verhaftungen in der materiellen Welt wieder aufgelöst.

Diese Form der Maya nutzt die Werkzeuge der relativen Welt, um das Ego zu transzendieren. Dadurch wird es einem spirituell erwachenden Menschen möglich echte Unterscheidungskraft (Viveka) zu entwickeln sowie Verzicht (Vairagya), Liebe und Mitgefühl.

Das Lebensziel und die Überwindung der Hindernisse

Für Ramakrishna existierte nur ein einziges, legitimes Lebensziel: Die direkte, ungefilterte Verwirklichung Gottes. Darum war für ihn das bloße Studium der Schriften oder rein intellektuelle Gelehrsamkeit, ganz wertlos, wenn sie nicht zu direkter Erfahrung führten.

Als die zwei größten Barrieren auf dem spirituellen Weg aber nannte er die Konzepte „Kamini“ und „Kanchana“: List und Gier. Sie bilden für ihn symbolisch die inneren psychologischen Feinde des Geistes. Sie lassen den Sucher nach weltlichem Erfolg und physischer Befriedigung streben, was ebenso sinnlos für ihn war wie das zuvor Gesagte.

So also wies er seine Schüler an, die Lust im eigenen Geist zu überwinden, und warnte gleichermaßen vor den Verlockungen von Besitz und rein materieller Anziehungen.

Samadhi: Der höchste meditative Zustand

Zeit seines Lebens erlebte Ramakrishna tranceartige Zustände tiefer Ekstase. In einer der dabei gemachten Erfahrungen, erhielt er laut Überlieferung den Befehl, im Zustand höchster Bewusstheit („Bhavamukha“) zu verbleiben, um frei wie ein Kind mit persönlicher Hingabe mit der Welt und den Menschen zu interagieren.

Dabei lehnte er bloßes Mitleid ab und forderte von seinen Schülern stattdessen einen uneigennützigen Dienst am Mitmenschen, ausgeführt im Bewusstsein, dass man damit direkt Gott selbst dient.

Ramakrishnas wichtigste Schüler

Der Mönch Vivekananda war ein intellektuell brillianter und einflussreicher Anhänger des heiligen Ramakrishna. Aus den vorgetragenen Lehren seines Meisters, gründete eine neue, eigene Bewegung, die die Lehren Ramakrishnas in die Welt brachte, als eine philosophische und sozialreformerische Bewegung.

Er war ein rationaler, westlich gebildeter Student, als er Ramakrishna zum ersten Mal traf. Nach anfänglicher Skepsis und dem Verlangen nach Beweisen faszinierte ihn die spirituelle Direktheit des Meisters. In den letzten Tagen vor Ramakrishnas Tod übertrug er ihm laut traditionellen Berichten seine gesamten spirituellen Kräfte und ernannte ihn dabei formell zum Anführer der jungen Klosterbruderschaft und gab ihm den Auftrag, seine Schüler zu lehren und dabei als Gemeinschaft zusammenzuhalten.

Vivekananda systematisierte das Erbe seines Meisters und präsentierte dessen visionäre Praktiken mit der Philosophie der indischen Upanishaden – einer der interessantesten Schriften des vedischen Hinduismus. Er schuf somit eine Synthese, die universell verständlich war und den Vedanta zu einer lebendigen, praktischen Lebensphilosophie mitten im Alltag machte, ganz im Sinne Ramakrishnas.

Das Parlament der Weltreligionen

Am 11. September 1893, war Swami Vivekananda nach Chicago gereist, um dort auf dem Parlament der Weltreligionen seine berühmte Rede zu halten, durch die er den Hinduismus der westlichen Welt bekannt machte. In dieser legendären Rede, die bekanntermaßen mit den Worten „Schwester und Brüder Amerikas“ begann, setzte er sich für universelle Toleranz undreligiöse Akzeptanz ein.

Wir wollen nicht bloß Toleranz, wir glauben an die universelle Akzeptanz. Wir akzeptieren alle Religionen als wahr.
– Aus der Ansprache zur Eröffnung des Weltparlaments der Religionen

Diese Rede machte ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten für den interreligiösen Dialog. So übergab er Sri Ramakrishnas Botschaft der religiösen Toleranz und Harmonie an die internationalen Teilnehmer dieses Weltkongresses von wo aus sich seine bis heute so wichtige Lehre in weiten Kreisen vieler Länder verbreiten konnte..

Um den spirituellen Impuls seines Meisters dauerhaft zu verankern, gründete Vivekananda im Jahr 1897 in Belur Math (bei Kalkutta) den „Orden der Ramakrishna-Mission“, für eine Arbeit zur Befreiung und für das Wohl der Welt.

Dieses organisierte Wohlfahrtskonvent leitete sich direkt aus Ramakrishnas Lehre des Dienstes am Menschen ab. Vivekananda lenkte die Energie der Mönche weg von passiver Kontemplation hin zu aktiver, praktischer Nächstenliebe. Hieraus wuchs ein riesiges Netzwerk für Katastrophenhilfe, die Errichtung medizinischer Versorgungszentren sowie die Etablierung von Schulen für die ärmeren Mitglieder der Bevölkerung Indiens.

 

Wichtigster Schüler Sri Ramakrishnas: Der Mönch Swami Vivekananda (1863-1902), der dessen Lehren 1893 beim Parlament der Weltreligionen im Westen bekannt machte.

Die Lehren Ramakrishnas: Eine Grundlage für unsere spirituelle Lebenspraxis

Was uns durch Swami Vivekananda von seinem meister Sri Ramakrishna überliefert wurde, lässt sich in konkrete, alltagstaugliche Prinzipien übersetzen, die wir praktisch in unserem Leben anwenden können.

Die so oft starr gewordenen Dogmen in vielen Religionen, versuchte Ramakrishna durch seine spirituelle Praxis auf dem Weg der Toleranz zu lockern, um sie einem Sucher zugänglich zu machen. So nämlich gelingt es auch uns, die Lehren und Riten anderer religiöser Wege zu erfahren, um unseren eigenen spirituellen Pfad aus verschiedenen Perspektiven klarer zu erkennen und damit schließlich ans Ziel zu gelangen.

Auf unseren Alttag übertragn bedeutet das, , die Meinungen, Lebensentwürfe und Glaubensweisen anderer Menschen nicht zu verurteilen. Wir sollten besser nach den Gemeinsamkeiten suchen, anstatt uns an äußeren Namen oder Formen zu stören.

Auch wenn nun viele Wege ans Ziel führen, mahnte Ramakrishna, sollte man sich für einen Pfad entscheiden und diesen mit Ausdauer verfolgen. Sein Schüler Vivekananda sagte dazu einmal:

Nimm eine Idee an. Mach diese eine Idee zu deinem Leben – denke an sie, träume von ihr, lebe von dieser Idee. Lass Dein Gehirn, die Muskeln, die Nerven, jeden Teil Deines Körpers erfüllt sein von dieser Idee und lass jede andere Idee einfach links liegen. Das ist der Weg zum Erfolg.
– Aus Vivekanandas Vortrag „Das Geheimnis der Arbeit“.

Wer ständig die Richtung wechselt – und das gilt auch für unser gesundheitliches Wohlergehen sowie auch für unseren Beruf –, erreicht, wie wir in obigem Gleichnis sahen, niemals das Dach des Hauses.

Was das hier aussagt steht in direktem Zusammenhang mit all unseren Lebensaufgaben die sich uns im Alltag stellen. Die Ereignisse, die wir in unserer Umwelt und mit unseren Mitmenschen jeden Tag erleben, könnten wir darum als spirituelle Praxis erkennen.

So also ließe sich unsere tägliche Arbeit in der materiellen Welt nicht mehr als Last oder Illusion erfahren, sondern als Ausdruck einer dynamischen Lebenskraft!

Arbeite um der Arbeit willen, nicht wegen der Früchte, die sie trägt. Wenn du arbeiten kannst, ohne an das Ergebnis zu denken, wird die Arbeit selbst zu einer Quelle unendlicher Kraft und Freude.
– Aus „The Complete Works of Swami Vivekananda“, 1. Band

Wir sollten damit versuchen in einem nächsten Schritt in unserem Umfeld die positiven, erhebenden Kräfte zu stärken. Negative Einflüsse, wie Wut, Neid, Gier, Eifersucht, Selbstmitleid oder Pessimismus: sie sollten wir bewusst versuchen zu minimieren.

Sehr oft resultiert Negativität aus reiner Unwissenheit und dem Glauben an das, was einem von außen an angsterregenden oder Selbstmitleid erzeugenden Fehlannahmen eingeredet wurde. Und das diente meist dazu uns besser zu kontrollieren und den irren Wunsch zu befördern, durch Weitergabe solcher Fehlannahmen, auch andere Menschen, die uns nahe stehen, durch Negativität kontrollieren zu wollen.

Wir sollten darum unbedingt den Fokus auf unsere eigene Erfahrung legen und Dinge nicht glauben, nur, weil sie irgendwo geschrieben stehen, gezeigt werden oder uns andere erzählt haben. Ramakrishna betonte daher, dass nur die eigene, direkte Erfahrung echten Wert hat. Wir sollten darum in Allem was wir tun nach praktischer Verwirklichung und Erkenntnis suchen.

Achten Sie also darauf, wo Ihren Geist nur Leibeslüste oder emotionale Abhängigkeiten fesseln. Es geht nicht darum, andere Menschen zu begehren und noch weniger die Welt und andere Menschen zu hassen. Unkontrollierte Begehrlichkeiten sollten wir durch eine spontan erzeugte Ordnung im eigenen Verstand zähmen, um dabei innere Freiheit zu gewinnen (was in eigentlich allen religiösen Traditionen durch Gebete und stilles Rezitieren heiliger Verse und Namen praktiziert wird).

Als höchste Haltung nannte Ramakrishna den Dienst am Nächsten. Dieser beginnt damit, anderen Menschen nicht mit Herablassung oder bloßem Mitleid zu begegnen. Stattdessen soll man versuchen im Gegenüber das Höchste, ja sogar das Göttliche zu finden. Jede gute Tat, jede Hilfe im Alltag wird dadurch zu einer Handlung, womit wir uns selbst und den Anderen, ein Gefühl des Wohlergehens schenke.

 

 

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