Licht Symbole und Buchstaben, wie sie uns aus Kunst und Sprache bekannt sind, wie ebenso die oralen Überlieferungen der Weisen von einst und heute: Durch Sie werden auf uns Wissen und Erkenntnis übertragen.
Hieraus entstanden die kanonischen Gebete ebenso wie die in der spirituellen Kunst verwendeten Sinnbilder, die in uns ein Bedürfnis auslösen können, sich über sie mit dem zu verbinden. was der deutsche Psychologe Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) das „Überweltliche Sein“ nannte.
Es bildet sich daraus eine Schnittmenge zwischen dem, was wir intuitiv und durch direktes Erfahren, von Kindesbeinen an durch das Erleben der kosmischen Zyklen im Tag, im Monat und im Jahr erfahren haben sowie Erfahrungen die Teil unseres Erlebnisraumes wurden durch individuelle spirituelle Initiationen.
Wo Wörter eher nüchterne Synonyme für die Wirklichkeit formen, wird diese Wirklichkeit in Symbolen eigentlich spürbar.
Das Sonnenrad-Symbol als Speicher eines kosmischen Gedächtnisses
Das gleichschenklige Kreuz im Kreis zählt zu den ältesten Symbolen der Menschheit. Man nennt es das Sonnenrad. Aus ihm tritt in Erscheinung ein Gesetz, das wir schon seit frühester Kindheit im Außen unserer Welt intuitiv erlernten und dem wir als Kinder unbewusst nachzufühlen begannen.
Allmählich erinnerten wir uns an die vier, sich zyklisch wiederholenden Phasen der großen Himmelslichter: Die Jahres- und Tageszeiten. Im Sonnenrad markieren sie, von Kreuzungspunkten unterteilt, zwei polare Gegensätze und teilen dabei den selben zentralen Pol. Was sich uns hieraus als Symbol zeigt, bildet unsere Fähigkeit eines „kosmischen Nachempfindens“ ab: der Überkreuzung einer vertikalen Polarität eines Überweltlichen Seins und unseres weltlichen Daseins – sowie einer Horizontalen, deren Achse die Pole von Raum, Zeit und Natur verbindet.
Steht dieses Kreuz im Kreis als Symbol zyklischer Wiederkehr, so ergeben sich diese Stationen aus der Drehbewegung um den besagten, jedoch nur aus einer Geozentrik heraus erkennbaren Pol (als großes universelles Sinnbild des Laufs unseres Lebens). Und das erfahren wir ja auch aus dem zweiten Axiom der Tabula Smaragdina: alles im Makrokosmos hat seine ideelle Entsprechung im Mikrokosmos – und auch umgekehrt.
Was uns die platomische Ideenwelt damit zur Verfügung stellt, ist eine universale Kreisbewegung, von der sich alle anderen kosmischen Zyklen verstehen lassen:
-
- Die Balance, die sich in ein Zunehmen erübrigt,
- der Hochpunkt und sein Gegensatz,
- die Balance, aufgelöst durch ein abnehmendes Prinzip und
- der Tiefpunkt und sein Gegenteil.
Durch diese Beschreibung lassen sich die Sonnenstationen des Tages und des Jahres darstellen sowie die Mondphasen im klassischen Monat.
Tageszeiten, Jahreszeiten erlernten wir intuitiv, wie wohl ebenso die Mondphasen. Und die dabei gemachten Erfahrungen bilden für uns alle, unverrückbare Wahrheiten. Sobald uns Wissende (vielleicht unsere Eltern) begannen uns das rational zu erklären, verstanden wir das dann, wenn wir auch schon sprechen konnten.
Doch wo sind die bildhaft vermittelten Lehren geblieben? Sie wirken nur noch als scheinbare Reliquien einer fern zurückliegenden Vergangenheit.
Wir können uns aber auch heute jederzeit wieder auf unser ursprüngliches Erfahren all dessen einlassen. Dann kristallisieren sich in unserem Gedächtnis dazu entsprechende innere Bedeutungen. Sie finden statt in einem „Erinnerungsraum“, einem Raum in dem Bewusstsein und kollektive Erfahrungen über das Universum gespeichert sind: Ein durch Mündlichkeit und Schriftlichkeit überliefertes Wissen.
Die Speicherung universalen Wissens in unserer Menschheitskultur.
In Alter Zeit erkannten Menschen die hier beschriebenen Stationen der Himmelslichter in ihrer zyklischen Funktion. Um die darin gefundenen Wahrheiten im Gedächtnis ihrer Kultur zu bewahren, begannen schon in prähistorischer Zeit Künstler, diese zyklischen Vorgänge der Sonne in Felsen zu ritzen – und verankerten dieses Wissen über Jahrtausende hinweg in ihrer lebendigen Symbolwelt. Damit überlieferten sie, was sie schon damals über die solare Tradition erkannt hatten.
Besonders der Weg der Sonne in der Nacht, ist für die inneren Traditionen schon immer wichtig gewesen. Sei es das „Schauen der Sonne um Mitternacht“, wovon die Rede in antiken Initiationsriten ist, oder das berühmte Gleichnis von der „Nachtmeerfahrt der Sonne“, die das mythologische Motiv der solaren Reise durch die Dunkelheit der Nacht beschreibt, wie sie der Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938) in seinem Buch „Das Zeitalter des Sonnengottes“ beschreibt: Im Westen versinkt die Sonne im Meer und wird von einem gewaltigen Walfischdrachen verschlungen. In dessen Bauch reist sie in absoluter Finsternis durch die gefährliche Unterwelt von West nach Ost, entfacht dort ein inneres Feuer, besiegt das Ungeheuer und bricht am Morgen im Osten strahlend und neugeboren hervor.
Dieses Motiv erzählt die Reise der Seele von Tod und Wiedergeburt, was sich exakt am tiefsten Mitternachtspunkt des Sonnenrades ereignet – dem Ort, an dem die größte Dunkelheit in neues Leben umschlägt.

Für den Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung (1875–1961) war diese Reise mehr als nur Mythos: Er nutzte das Bild der Nachtmeerfahrt als zentrale Metapher für die menschliche Suche nach dem innersten Wesenskern. Der Sonnenuntergang symbolisiert dabei den oft schmerzhaften Abstieg des Ich-Bewusstseins in die dunklen Tiefen des kollektiven Unbewussten. Wer sich dann am Mitternachtspunkt – so wie die Sonne – sich dort auftauchenden, inneren Schattenwesen stellt, kann mit einer neuen psychischen Reife und Lebenskraft an die Oberfläche des Alltagslebens zurückkehren.
Was uns durch Frobenius und Jung damit an Erkenntnissen überreicht wurde aber sind esoterische Wahrheiten, die schon vor 2.000 Jahren auch ihren Weg in die christliche Erlösungssymbolik fanden. Die Kirchen aber haben dieses solare Ursymbol damit keineswegs gelöscht, sondern vielmehr umbenannt. So etwa finden wir die Symbolik des Sonnenrades im sogenannten Nimbuskreuz (von nimbus = Wolke), dem Heiligenschein Christi. Auch das Weihekreuz an Kirchenwänden trägt in sich diese ursprüngliche, solare Symbolik.
Aus diesem Zusammenhang angeschaut wird dann auch klar, wieso man im christlichen Rom den Christus, die „Unbesiegte Sonne“ nannte – Sol Invictus.
File:Christus Ravenna.jpg – Wikimedia Commons
Ich bin das Licht der Welt.
– Johannes 8:12
Über seine direkten Manifestationen in der Sonne und seine indirekten Reflexionen durch den Mond, schreiben sich die Formen, die dieses Licht symbolhaft zeichnet, tief in das Gedächtnis eines jeden Menschen. Daraus formt sich unser kollektiver, kosmischer Erinnerungsraum – und so bildet dieses „Licht der Welt“ die grundlegende Identität einer religiösen Gemeinschaft, in der das Individuum lernen kann, sich intuitiv mit dem großen Ganzen zu verbinden.
Der Eintritt in den Erinnerungsraum
Lassen Sie uns an dieser Stelle aber noch einmal die zuvor besprochene Angelegenheit beschauen, wo es um die Erfahrung des Kindes mit dem solaren und lunaren Zyklus ging.
Ein Kind findet intuitiv Zugang zu diesen kosmischen Wahrheiten, da es noch über ein natürliches Zeitempfinden verfügt. All die besagten Stationen der Sonne auf ihrem Jahres- und Tageslauf, sowie die Phasen des Mondes erfährt ein junger Mensch als Phänomene, wo die Welt noch nicht linear wahrgenommen wird. Uhrzeiten oder Termine spielen keine Rolle, sind unbekannt. Nur das Erfahrene, wie etwa das spätsommerliche Licht der Abenddämmerung, die Kraft des Vollmonds oder der Beginn des Frühlings, bilden in einem jungen Menschen einen geheimnisvollen, durch die Natur geschaffenen Raum, woraus ein natürlich empfundenes „kosmisches Gewahrsein“ in ihm wächst.
Und da das für alle Menschen gleichermaßen gilt, sind die vier wichtigsten Stationen in einem kosmischen Zyklus, wie sie das Sonnenrad abbildet, Teil des Kollektiven Unbewussten. Daher ist das Sonnenrad ein Symbol, in dem dieses erlebte Wissen in einem Menschen eine feine Resonanz auslöst, ihm eine Vertrautheit vermittelt, die er zuerst im Lauf der Sonne über den südlichen Horizont mehr als tausendmal erlebte, bis er durch das Erlernen der Sprache sich von diesem direkten Bezug zu lösen beginnt.
Auch ein heute noch erhaltenes natürliches Gewahrsein dieser kosmischen Bewegungen dürfte den Erfahrenen kaum verwundern, da schon im 4. Jahrhundert der Sonntag („Tag der Sonne“), der dem Frühlings-Vollmond nach der Tagundnachtgleiche folgt, seither das Datum der Wiederauferstehung Christi bildet.
Der Frühlingspunkt (21. März) markiert ja die Zeit, wo Sonnenstunden und Nachtstunden noch gleich lang sind. Der österliche Vollmond aber geht dann direkt nach dem Untergang der Sonne auf, so als würden sich die beiden großen Himmelskörper das „Licht der Welt“ übergeben. Denn dann begleitet ja das lebendige Licht des Feuers in der Osternacht die Christusseele, jedes Jahr aufs Neue zu einem Durchbrechen des Lichts aus der Finsternis in einen neuen Tag des morgendlichen Wiederaufscheinens – wenn nach dem Equinox zu Frühlingsanfang die Stunden des Lichts, die Stunden der Finsternis zu überwiegen beginnen und die Natur aus der dunklen Erde wieder zum Vorschein kommt.
In meinem Versuch das hier Gesagte auch einmal aus Perspektive der Kirchengeschichte zu betrachten, finde ich bemerkenswert, dass man das Osterdatum in dem tausendjährigen Zeitraum schriftlich festgelegt hatte, den das 20. Kapitel der Offenbarung beschreibt. Denn diesem langen Zeitraum schien dann ja im 11. Jahrhundert eine „Ära finsterer Irrtümer“ zu folgen, deren Nachwirkungen sogar tiefe Spuren bis in die westlichen Gesellschaften der Gegenwart gegraben haben. Denn solche Auffassungen über das Sein unserer Seelen in der kosmischen Raumzeit, versinken leider immer mehr im scharfen Bezweifeln spiritueller Wahrheiten, die man ebensowenig kennt, wie die Ursachen für all das was in der langen Geschichte der Religionen einfach als gefährlicher Unfug gebranntmarkt wurde.
Es scheinen die beschriebenen esoterischen Geheimnisse darunter begraben zu liegen, in vermeintlich schriftsprachlich konstruierten Gedankengebäuden eines Vergessens, in unserem aufgeklärten, naturwissenschaftlich verhärteten Gesellschaftssystem, wo zunehmend Automaten die Rolle intuitiv erfahrbarer Erkenntnisräume ersetzen.

Der religiös-spirituelle Ritus
Das Erlernen von Sprache und die darin gefundenen Gesetzmäßigkeiten, entfremdeten uns schon in früher Kindheit von dem was wir als Kleinkinder unbewusst erlebten. Mit dem Sprechen begann eine Unsicherheit und wir verloren den natürlichen Zugang zu diesem kosmischen Erlebnisraum und dem Bewusstsein, dass sich darin ein geistig-spirituelles Feld aufspannt.
Jedoch genau hier hilft uns der heilige Ritus dabei diese früh eingeleitete Entfremmdung zu überbrücken; vorausgesetzt wir folgen einem rituellen Weg, der in unserer Kultur verankert ist und hieraus auch seine Authentizität erhält. Der Ritus führt dieses Wissen aus dem kollektiven Unbewussten in unser aktives Gedächtnis, aus dem heraus wir, was sonst nur Symbol oder abstrakte Idee geblieben wäre, lebendig werden lassen können, um uns davon führen zu lassen und es im Dan anzuwenden.
Das Tor zum kollektiven Gedächtnis
Wenn Menschen die Jahreskreisfeste feiern – ob nun zum Beispiel die christlichen oder keltischen – dann wird, sinnbildlich gesprochen, das diffuse Licht des kosmischen Raumes durch die „Linse des Ritus“ gebündelt und dabei auf den inneren, beweglichen Punkt ausgerichtet, wo der Kern unseres seelischen Selbst an unserem Astralleib befestigt ist.
Wer solch einen Ritus jährlich wiederholt, lernt allmählich, sich immer einfacher in ein jahrtausendealtes, kollektives Bewusstseinsfeld zu begeben, und wird mehr und mehr zu dessen Bewohner – ohne sich von der Realität des Alltags zu entfremden. Andere hingegen bleiben von dem Bewusstseinsfeld unerkannt, weil sie in ihm keine Resonanz auslösen; sie bleiben für dieses Feld unsichtbar, denn sie gehen einfach daran vorbei.
Wer sich also auf dieses Bewusstseinsfeld einzulassen vermag, wird lernen, sein Erleben der Zeit als lineares Maß,zunehmend einem zyklischen Zeitempfinden unterzuordnen. Denn dann kann er damit beginnen mit solchen lebendigen Bewusstseinsfeldern in Resonanz zu gehen, womit astrale Sakralhandlungen, entsprechend ordnend wirken, auch auf sein psychisches Empfinden, seinen Biorhythmus und damit auch auf den Rhythmus der Frequenzen seiner Gehirnwellen.
Es ist darum naheliegend davon ausgehen zu wollen, dass ein Mensch hiermit dann auch zu einem Kanal wird für jene Seinswirkungen, die ihn in seinem irdischen Dasein seinem wahren Wesen näher bringen. Dann nämlich kann er dabei seinen eigentlichen Lebensauftrag kennenlernen – und sich vertraut machen mit seiner überweltlichen Entsprechung (etwas das die Numerologie und Astrologie theoretisch abzubilden suchen).
Nun war die Rede von den Erinnerungsräumen, die man auch als Formen der Wandlung eines kulturellen Bewusstseins bezeichnen könnte. Dieses Konzept entwickelte die deutsche Ägyptologin Aleida Assmann (* 1947) und untersuchte darin, wie eine Kultur ein eigenes „Gedächtnis“ bildet und bewahrt.
Verbindet man nun damit das, was wir oben als die Erfahrung des wesentlichen Seins eines Menschen bemerkten, ergibt sich eine eigene, sehr interessante Dynamik. Denn durch Symbole lassen sich im Erinnerungsraum einer Kultur bestimmte Orte erreichen. Das Sonnenrad-Symbol etwa, bildet dann ein Tor zum kollektiv gespeicherten Gedächtnis, dessen man sich, durchschreitet man diese Pforte, darin alles dessen bewusst wird, was mit diesem Symbol resoniert. Dieses lebendige Gedächtnis erklärt einem Menschen dann, wie sich eine Kultur der zeitlichen Kreisläufe gewahr wird. Und damit kann ein Mensch seinen Geist reinigen.
Wer in dieses Bewusstseinsfeld eintritt, wird vertraut mit der inneren Architektur des geistigen Systems einer Kultur und kann dabei eine eigene geistige Form für sich erfahrbar machen. Solch eine Form ist das Sonnenrad-Symbol. Der verinnerlichte solare Ritus ist transparent geworden und lässt das Sonnenrad zu einer spirituellen Form der Übertragung werden.
Was da nun bewusst wird spielt sich nicht mehr auf einer waagrechten Form eines Zeitempfindens von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab, sondern wird als „vertikales Jetzt“ bewusst, in dem es nur das „Jetzt eines Überalls“ gibt, das „Jetzt eines universalen Zentrums“, dass sowohl in Gott und der Natur gleichzeitig gegenwärtig bewusst wird. Das ereignet sich meiner Erfahrung nach dann, wenn das polare, das rein lineare Bewusstsein unterworfen hat. Ein Mensch verliert damit aber keineswegs sein Handeln in der Linearität des Alltags. Vielmehr beginnt er es erst damit richtig zu vervollkommnen.

Aus der Magie des Jetzt
In seinem Buch „Das unbekannte Afrika“, beschreibt Leo Frobenius eine Episode, die er mit Angehörigen afro-indigener Jäger im Kongo erlebte, die ich hier kurz wiedergeben möchte.
Bevor die Jäger aufbrachen, zeichneten sie im Morgengrauen eine Antilope in den Sand. Sobald der erste Sonnenstrahl das Bild traf, schossen sie einen Pfeil mitten in die gezeichnete Kehle des Tieres. Danach brachen sie auf, zur eigentlichen Jagd. Wenige Zeit später kehrten sie mit einer erlegten Antilope zurück. Sie hatte den Pfeil an genau der selben Stelle getroffen, den die Jäger zuvor in das Sandbild gemalt hatten. Nach ihrer Rückkehr mit dem Beutetier aber vollzogen sie einen Opferritus, beseitigten die Sandzeichnung und kehrten in ihr Lager zurück, während sie das Tier, Frobenius und seinen Mitarbeitern überließen. Er nämlich hatte die Jäger darum gebeten, trotz ihres eigentlichen Unbehagens bei dem Auftrag, ihm Fleisch zum Verzehr zu bringen.
Diese Episode zitierte auch der deutsch-schweizerische Philosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem wichtigsten Buch „Ursprung und Gegenwart“, in dem Kapitel, über das von ihm so genannte „Magische Bewusstsein“.
Gebser kommentiert darin, dass das Bewusstsein der Indigenen einem Zustand entspringt, in dem man noch ein vollkommen direktes Erleben erfährt, ohne zu analysieren oder zu assoziieren. Diese „Magischen Menschen“, wie ich sie hier einmal nennen möchte, leben in einem raum-zeitlosen Jetzt, das sie als Augenblick in der Ewigkeit erleben. auf deren unendlichen Strom sie sich einlassen. Für die Indigenen in der Geschichte, war die Sandzeichnung nicht bloß ein Abbild, sondern war bereits identisch mit der Beute selbst; der Akt des Zeichnens und das Erlegen des Tieres bildete für sie quasi die selbe Wahrheit. Jede Handlung dieser magischen Menschen erschaftt eine unmittelbare, kosmische Realität (war es doch ein Strahl der Sonne der die Sandzeichnung treffen musste, damit der Pfeilschuss dann auch das physische Ereignis real werden ließ).
Bedeutet der Weg in ein neues Bewusstsein das Ende der profanen Sprache?
Wenn wir uns auf die zuvor beschriebenen Erfahrungswelten wieder einzustimmen versuchen, sollten wir uns allmählich von dem Wunsch lösen, uns über Profanes austauschen zu wollen. Denn letztendlich geht es dabei oft nur um ein Beziehungsgeplänkel, das Reden über den Erfolg der Anderen, den man im stillen Grübeln beneidet, oder über deren bedauerliche Fehltritte und Leiden. Auch ich war Teil des Ganzen, bis es mir gelang, das schwere Kleid solcher „Unterhaltungen“ abzuwerfen. Denn dieses profane Gerede setzte ich in mir mit selbst gestalteten Phantomen der Menschen fort, die ich kenne. Und das fraß Unmengen an Energie – Energie, die ich eigentlich hätte einsetzen können, um mich viel intensiver mit den Wahrheiten der heiligen Schriften zu beschäftigen und mein emotionales Empfinden sowie meinen Körper in optimalem Gleichgewicht zu halten.
Dieser Abkehr vom Profanen und die Ausrichtung auf ein inneres Gleichgewicht begegnen wir auch in der zentralen Weisheit des Alevitentums:
Eline, diline, beline sahip ol! (türkisch)
Beherrsche deine Hände, deine Zunge und deine Lende!
Doch es geht da nicht um „asketische Unterdrückung“, sondern um die Beherrschung der eigenen Handlungen, Sprache und Leidenschaften, um die eigene Energie rein zu halten und nicht im weltlichen Gerede zu vergeuden.
Jenseits der Automaten
Was wird bleiben, wenn viele unserer alltäglichen und beruflichen Aufgaben zunehmend Automaten übernehmen?
Niemandem natürlich hilft allein ein „Amen“, um etwa die Abläufe in einem Unternehmen oder einer Organisation harmonisch zu lenken. Doch ich bin davon überzeugt, dass viele von uns einfach nicht ahnen, welchen Einfluss das Lesen, Erkennen und Aussprechen sakraler Sprache auf das äußere Leben tatsächlich hat.“
Die Sprache aber, die wir in unserer frühen Kindheit erlernten, entfremdete die meisten von uns (mich selbst eingeschlossen) von dem, was wir zuvor hier besprachen.
Ein intellektuelles Begreifen und eine daraus resultierende Anwendbarkeit, Ein ganzheitlich und achtsam geführtes Leben, das durch das Erkennen kosmischer Zyklen aus uns selbst geborgen werden kann, ist etwas, dessen die meisten von uns auch heute noch immer entbehren.
Es erscheint der einen oder dem anderen, die das hier lesen, vielleicht gar all zu romantisch oder gar irrtümlich. Doch das liegt dann wohl einfach an der Tatsache, dass man esoterische Wahrheiten nicht nur vergessen hat, sondern sie sogar ablehnt. Und das eben ist ein Resultat alltäglicher Wiederholungsschleifen, von denen man glaubt, dass die darin kullernden Profanitäten einem zum Wohlergehen gereichen.
Ist das also vielleicht der Grund, dass unser Erlernen von Sprache in unserer Kindheit eine tiefe, existenzielle Verunsicherung in uns zurückließ?
„
Ich denke diese Frage beantwortet ein klares Ja. Denn erst wenn wir das rein begriffliche Denken hinter uns lassen, weicht diese tief in uns liegende Verunsicherung nach und nach einer Klarheit – vorausgesetzt wir handeln in unserem Leben und erfahren uns darin, im Ausüben der Riten einer spirituellen Tradition; einer Urtradition, aus deren festem Stamm sich die verschiedenen religiösen, spirituellen oder philosophischen Äste unserer Weltkultur in die Gemeinschaften der Menschheit verzweigen.
Indem wir Ursymbole wie das Sonnenrad wieder in ihrer universalen Bedeutung verstehen, finden wir zurück zu einer heiligen Matrix in uns – dorthin zurück, wo das Wissen des Kosmos schon immer gespeichert ist. Denn darin offenbart sich auch die Wahrheit des zweiten hermetischen Axioms, das wir sinngemäß auf unser Dasein übertragen können, in der Form:
Wie innen, so außen; wie oben, so unten.
Wo aber finden sich die Schlüssel zu den Toren, die uns dieses universale Bewusstseinsfeld wieder öffnen?
Einen wichtigen Schlüssel finden wir sicherlich in der bewussten Anwendung sakraler Sprache, da sie nicht nur etwas beschreibt, sondern man durch das Aussprechen selbst schon eine Handlung vollzieht. Und darin liegt auch eine Ähnlichkeit zu dem, was Frobenius über sein Erlebnis mit den magischen Menschen schilderte.
Sakrale Namen und Verse bilden eben die Sprache des Ritus, der Symbole und der heiligen Handlungen, die nicht mehr bloß nüchtern etwas beschreiben, sondern – genau wie im magischen Bewusstsein – Wirklichkeit unmittelbar erfahrbar machen.
Das schreibe ich hier nicht, da ich es wo anders gelesen habe, sondern ich es als Derwisch einer spirituellen Bruderschaft hunderte Male erlebte, beim Ausüben des sogenannten „Dhikr“, wo heilige Namen und Verse repetitiv (in gleichzeitig innerer Kontemplation) gesungen werden (in etwa zu vergleichen mit den orthodox-christlichen Kirchengesängen oder auch mit den Mantra-Gesängen der indischen Yogis).
Nicht zufällig sitzen wir dabei in einem Kreis, während sich in unserer Mitte Gläser mit Wasser befinden, aus denen wir nach der heiligen Zeremonie trinken. Denn die im Dhikr ertönenden akustischen Schwingungen, übertragen sich ordnend auf physikalische Vorstufen kristalliner Molekülstrukturen im Wasser.
Diese spirituelle Praxis der Derwische ist mehr als 1.400 Jahre alt und ist aus etwas hervorgegangen, dass über viele Generationen jeweils immer veredelt und daraufhin weitergegeben wurde. Es ist eine echte Spiritualität, die aus ewigen Wahrheiten gereift ist, die man auch in der Gegenwart lebt.
Die zeitlose Urweisheit
Wenn es nun aber um ein neues Bewusstsein für sakrale Sprache ging, muss das nicht bedeuten, dass sich nun jeder eine eigene, willkürliche Pseudo-Spiritualität „zusammenkleben“ soll. Ein solcher spiritueller Eklektizismus nämlich führt nicht zur Erleuchtung, sondern gerät schnell in die Nähe jener „vielen falschen Propheten der Endzeit“, vor denen uns bereits die biblische Offenbarung des Johannes warnt.
Wenn ich hier die Fäden verschiedener Traditionen zusammenführe, geschieht dies jedoch keineswegs aus einem modernen Synkretismus heraus, sondern weil ich diese Wissensgebiete als lebendige Zeugnisse der einen, universalen Sophia Perennis begreife – der zeitlosen Urweisheit, die ich selbst nicht bloß intellektuell betrachte, sondern als Derwisch auf einem traditionellen Einweihungsweg erfahre.
Wer aber vorgibt, als Erleuchteter Wissen weiterzugeben, der gleicht einer Kerze, die schon bald erlischt, weil es ihr an nährendem Wachs fehlt. Was hier stattdessen gefordert ist, ist eine, ich will sagen „nachhaltige Spiritualität“, die einer traditionellen Überlieferung entstammt und nicht einer egoistischen Willkür.
Nun bleibt jedoch sicher eine Frage offen: Könnte es sein, dass die profane, rein rationale Sprache in der Zukunft gänzlich verschwinden wird?
Ich stelle diese Frage hier, da ich immer mehr den Eindruck bekomme, dass sich die Automaten der künstlichen Intelligenz zunehmend in ein technologisches Abseits unseres kulturellen Zusammenlebens begeben werden.
Während sich ein Großteil der heutigen, technoaffinen Gesellschaft mit auf diesen rein künstlichen und linearen Weg begeben dürfte, werden sich einige wenige Menschen, wie ich glaube, bewusst davon lösen. Die neue Existenz, die daraus erbaut werden könnte, würde nicht in algorithmischen Abstraktionen umherirren, sondern auf der Rückkehr zu einem rein präsenten, kosmischen Gewahrsein basieren und damit auf der Wiederentdeckung jener sakralen inspirierenden Verbindung des Menschen zu seinem überweltlichen Sein.
Die Erbauung einer solchen Existenz ist kein theoretisches Konstrukt, sondern eine tägliche, gelebte Praxis. Als Derwisch, der diesen Weg seit vielen Jahren im Kreis einer Bruderschaft geht, weiß ich, dass die Tore zu dieser inneren Matrix für jeden offenstehen, der bereit ist, den Lärm der profanen Welt hinter sich zu lassen.
Wer die Sehnsucht verspürt, diese sakrale Verbindung nicht nur intellektuell zu erfassen, sondern sie auch im eigenen Leben zu verankern, benötigt einen erfahrenen Wegbegleiter, der das Tor für diesen Übergang offenhält. Es ist die Einladung, den Schritt vom suchenden Verstand zum schöpfenden Selbst zu wagen.