Apollonios von Tyana und die Tradition der Pythagoreer

von S. Levent Oezkan

Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Im ersten Jahrhundert nach Christus lebte in Südanatolien ein Wundertäter und Philosoph, über dessen Leben, Wirken und Lehren es zu allen Zeiten größte Meinungsverschiedenheiten gab: Apollonios von Tyana.

Er war jedoch kein Philosoph im eigentlichen, heutigen Sinne des reinen Theoretikers: einer der die Weisheit zwar liebt, doch nicht lebt. Vielmehr bewegte sich Apollonios durch die Welt auf den Pfaden der alten Weisheitstradition der Pythagoreer. Ihr Ziel nämlich war es die Geheimnisse der Natur praktisch zu erforschen, als nur darüber nachzugrübeln.

Auf den Pfaden dieser alten pythagoreischen Tradition bewegte sich auch Apollonios von Tyana, der die Naturerfahrungen selbst erlebte und nicht etwa nur darüber las oder lediglich davon gehört hatte. Der Weg des Philosophen bestand für ihn in einem Leben, durch das der Mensch selbst zum Werkzeug der Erkenntnis wurde.

Was über Apollonios zu dieser Zeit bekannt war, stammte aus der Feder des Damis, einem seiner Schüler aus der mesopotamischen Stadt Ninive.

Etwa hundert Jahre nach dem legendenumwobenen Erscheinen Apollonios' im Süden Kleinasiens, sollte über ihn und sein Leben als Heiler, Magier und Wundertäter, im Auftrag der römischen Kaisergattin Julia Domna (160-217 n. Chr.) eine Lebensgeschichte geschrieben werden. In ihrer Gunst stand damals der griechische Gelehrte Flavius Philostratos (165-249 n. Chr.), dem Domna die in ihrem Besitz befindlichen Memoiren des Apollonios übergab. Sie bat Philostratos daraus eine romanhafte Biografie zu verfassen, worin Apollonios als Weiser mit übernatürlichen Fähigkeiten verherrlicht werden sollte. Domna war eben so fasziniert von dem was sie über diesen Wundermann wusste, dass sie ihn und seine Lehren, mit der Hilfe von Philostratos Schreibkünsten, im alten Rom zu Popularität verhelfen wollte.

Philostratos verwendete aber nicht allein was er von Julia Domna bekam, sondern begab sich selbst nach Tyana (heute im Süden der Türkei), wo er einen Tempel besuchte, der eben dem Kult des Apollonios geweiht war. Doch er begab sich auch an andere Orte der Alten Welt, wo man jenen Weisen hoch verehrte. Das waren zumeist Orte an denen man ihm sogar Tempel und heilige Schreine errichtet hatte.

Im Tempel des Heilergottes Asklepios

Die Geburt des heiligen Apollonios war begleitet von Wundern, wie wir aus Philostratos Biographie erfahren (deutscher Titel: »Das Leben des Apollonios von Tyana«). Er soll, so die Überlieferung, wie auch Jesus Christus von einer Jungfrau geboren worden sein und bereits als kleines Kind besaß Apollonios außergewöhnliche geistige Fähigkeiten.

Im Alter von 14 Jahren schickte ihn sein Vater in die Stadt Tarsus (heutige Türkei, Geburtsstadt des Heiligen Paulus), wo sich damals ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit befand. Nach zweijähriger Ausbildung dort kam er mit 16 Jahren ins etwa 70 km östlich davon gelegene, kilikische Aegeae, wo sich das Tempelheiligtum des Asklepios (griechischer Gott der Heilkunst) befand. Bald schon war er vertraut mit der Priesterschaft des Tempels. Dort sollte man ihn schließlich in die Mysterien der alten Weisheitstradition der Pythagoreer einweihen (die Schule der Pythagoreer entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. im italienischen Samos).

Zumal die Götter alles wissen, glaube ich, dass jemand, der mit einem guten Gewissen den Tempel betritt, beten sollte: ‚Gebt mir, ihr Götter, was mir zusteht!‘

- Apollonios Predigten 1:11

Der Tempel des Asklepios in Aegae bildete auch eines der vielen Krankenhäuser im alten Griechenland. Was man damals dort jedoch als Heilkunst praktizierte, war etwas gänzlich Anderes als das, was man an Heilmethoden heute verwendet.

Pythagoras erklärte die Heilkunst zum Göttlichsten das wir haben. Wenn aber das Göttlichste die Heilkunst ist, müssen wir uns sowohl um die Seele als auch um den Körper kümmern. Denn sicherlich: Kein Lebewesen kann gesund sein, wenn es in Sachen seines höchsten Grundbestandteils krank ist.

- Apollonios 23. Brief: An Critton

Schon bald galt Apollonios in Aegae als bekannter Heiler, wo viele kranke Hilfesuchende zu ihm kamen, in der Hoffnung auf Genesung. Das sollte sich schnell herumsprechen und man hielt den jungen Mann damals für einen Heiligen, ja manche glaubten gar in Apollonios selbst dem Gott Asklepios begegnet zu sein.

Alle Kranken die sich in den Asklepios-Tempel begaben, um dort Hilfe und Gesundung zu finden, wurden durch die Priestersachaft zuerst besonderen Reinigungsritualen unterzogen. Daraufhin verbrachten sie die Nacht im Heiligtum, wo man ihnen in einem Tempelschlaf, Instruktionen für ihre Heilung  gab. Was der Kranke dann in seinen Träumen sah, wurde vom Priester gedeutet und dementsprechend durch seine Heilkünste zur Anwendung gebracht.

Dieser heilsame Tempelschlaf lag der Tatsache zugrunde, dass die Priester eben wussten, dass Weisheit und Heilkunst in innigem Zusammenhang mit der Gesundheit stehen. Dem heutigen Durchschnittsmenschen scheinen solche Erfahrungen anscheinend abhanden gekommen zu sein. Schließlich berühren seinen Geist nur immer neue Informationen, wovon auch nur wenige ihn zu echtem, brauchbarem und nachhaltigem Wissen führen – von Weisheit ganz zu schweigen. Es fehlt den meisten unter uns heute schlicht die Zeit, sich auf Wege zu begeben, die zur Weisheit führen. Und doch plagt viele Langeweile, wenn sie einmal Zeit haben und sie keinen »Zeit-Vertreib« finden.

Das Leben ist (zu) kurz für den Menschen dem es gut geht, doch für den Unglücklichen ist es (unerträglich) lang.

- Apollonios 95. Brief: An Cornelianus

Asketentum und Wanderschaft

Nach dieser Zeit in Aegeae entschied Apollonios für sich eine Zeit des Schweigens, strenger Askese und Enthaltsamkeit. Über fünf Jahre durchquerte er ganz Anatolien und begab sich da an sehr viele wichtige Orte, wo man einst Menschen in die uralten Weisheiten eingeweiht hatte.

Die ganze Welt ist mein und sie wurde mir überlassen, um sie zu durchreisen

- Apollonios Predigten 1:21

Sein damaliges Üben in Abstinenz vom Weltlichen, geschah ganz im Sinne der alten Schule des Pythagoras. Nämlich auch die Pythagoreer enthielten sich dem Genuss von Wein, blieben unverheiratet, und aßen kein Fleisch. Wie sie verurteilte auch Apollonios die Opferung von Tieren im Namen der Gottheit. Für die armen Menschen von damals aber, waren die Opferungen die Zeitpunkte, wo sie überhaupt Fleisch aßen. Die Priester der Dörfer waren damals darum immer auch Fleischer und die Fleischer immer auch Priester gewesen.

Apollonios kleidete sich in ein einfaches Leinengewand und lief Barfuß. Wenn er Schuhe trug, dann niemals aus Tierhäuten, sondern aus Baumrinde. Er hatte langes Haar und trug einen Bart – ganz im Sinne dessen, wie es die Pythagoreer vor ihm hielten.

Der Zyklus der Wiedergeburten

Wenn wir seinem Biografen Philostratos Glauben schenken, erinnerte sich Apollonios an seine frühere Inkarnation. Wie auch die alten Pythagoreer, glaubte er an die Wiederkehr der Seele, die von einer in die nächste menschliche Verkörperung überwechselte. Gleichzeitig aber war ihm immer bewusst, dass das was jemand an seinen Tod denkend fürchtet, ebenso nur Schein ist, wie ebenso die Geburt seiner Seele, an die man sich in Gedanken ja nicht erinnern kann.

Nun gab es da einen seiner Schüler, Decimus Valerius Asiaticus Saturninus, der am frühen Tod seines Sohnes beinahe verzweifelt war. In einem Trostbrief schrieb er an Valerius:

Denn wenn sich der Übergang einer Sache aus der Wesensessenz in die Natur ereignet, so halten wir es für eine Geburt oder ein Werden, und ebenso glauben wir vom Tod, er sei das, was aus der Natur in die Essenz des Wesentlichen übergeht; obwohl in Wahrheit eine Sache weder entsteht noch vernichtet wird. Doch sie ist nur einmal sichtbar und nachher unsichtbar – erstere wegen ihrer stofflichen Dichte, letztere wegen der Leichtigkeit oder Flüchtigkeit ihres Wesens, das aber immer dasselbe bleibt und allein den Unterschieden von Bewegung und Zustand unterliegt.

- Apollonios 58. Brief: An Valerius

Für Apollonios gab es nichts, dass tatsächlich entsteht, um zu existieren oder zugrunde geht, um sich aufzulösen. Und ebenso verhielt es sich für ihn mit der Seele: Was nämlich während der Inkarnation in ein körperliches Menschsein eintrat und sich mit dem Tod wieder daraus (er)löste, galt ihm lediglich als ein Wechsel von Sichtbarwerden und Unsichtbarwerden.

Was ist, das war für Apollonios unentstanden und dabei gleichzeitig auch unvergänglich. Seiner Auffassung nach wird auch ein Kind nicht etwa von seinen Eltern geschaffen, sondern die Eltern sind bloß ein erforderliches Mittel, damit das Kind auf die Welt kommt. Der Tod aber sei nur ein Wechsel des Aufenthaltsortes der Seele. Aus diesem Grund sollte der Tod eben auch nicht beklagt, sondern geehrt werden.

Apollonios und die Religion

Durch die vielen Wunder, die Apollonios zu Lebzeiten vollbrachte, wie insbesondere seine Fähigkeit böse Geister zu bändigen, wurde er zu einer zentralen Gestalt der Bewunderung für jene, die seinerzeit die alt-paganen Kulte pflegten. Ihnen galt Apollonios damals gar als einer, den sie zum Rivalen des Weltlehrers Jesus Christus machten. Der nämlich wurde nicht von allen Gelehrten jener Zeit als solcher akzeptiert.

Bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. hinein, kam es gar zu Konkurrenzkämpfen unter den Angehörigen und Vorstehern jener alten, damals gepflegten Religionstraditionen mit den Mitgliedern der noch jungen Christenheit. Wenn hier aber die Rede ist von »Religion«, ging es damals nicht mehr um ein esoterisches Wissen über die Geheimnisse der geistigen Welt, als eher ein angeordneter Glaube über das, was die jeweilige religiöse Autorität als solchen für richtig hielt. Nur wenig scheint sich daran bis heute geändert zu haben.

Für Apollonios war Religion nicht allein nur Glaube, sondern eine Wissenschaft. Alles erschien ihm in einem ständigen Wechsel der Dinge: Kulte und Riten, Religionen und Glauben waren für ihn eins, vorausgesetzt in ihnen wirkte ein rechtschaffener Geist des Wahren.

Es sollten sich in dieser Zeit gewaltige Kräfte im römischen Reich auch gegen das noch junge Christentum stellen. Kaum verwunderlich, wenn sich erste christliche Gemeinden in die Höhlen Kappadokiens vor ihren Verfolgern verbargen (etwa um das 1. Jahrhundert n. Chr.).

Zu jenen, die das damals noch junge Christentum nicht als Religion akzeptieren wollten, zählte auchg der Neuplatoniker Porphyrios (233-305). Ihm galt Apollonios als weitaus größerer Wundertäter als Jesus. Nicht etwa sah er Apollonios als einen auf Erden verkörperter Gott, wie die Christen den Jesus, sondern für ihn war er ein Mensch, der den Göttern jedoch lieb und teuer war. Er argumentierte darum gegen die Einzigartigkeit Jesu Christi als Weltlehrer und wies dabei hin auf Apollonios von Tyana. Auch andere versuchten Apollonios, als eine dem Jesus Christus überlegene Persönlichkeit darzustellen, wie etwa der römische Aristokrat Sossianus Hierokles (lebte um 300 n. Chr.). Dieser zählte sogar zu den größten und gefährlichsten Kritikern der Christen und machte damals Apollonios zur Leitgestalt für alle Gegner der Christenheit. Als Antwort darauf, fühlte sich der christliche Kirchenvater Eusebius von Caesarea (260-340 n. Chr.) dazu veranlasst, die außergewöhnlichen Taten Apollonios’ auf die Einwirkung dämonischer Mächte zurückzuführen.

Schon aber zu Lebzeiten Apollonios’ begannen einige damit, seine ganze Erscheinung in Frage zu stellen. Man verunglimpfte ihn als Scharlatan oder als einen, von Dämonen besessenen Schwarzmagier, wie etwa der Stoiker Euphrates von Tyros (35-118 n. Chr.). Apollonios’ Reaktion darauf aber:

Selbst der allweise Pythagoras zählte zur Klasse der Daimonen (Gottwesenheiten); du aber scheinst mir noch immer ganz fern zu sein von Philosophie und wahrer Wissenschaft, sonst nämlich würdest du den Namen dieses großartigen Menschen weder missbrauchen, noch jene hassen die zu seinen Anhängern zählen.

- Apollonios 50. Brief: An Euphrates

Solche und andere Unterstellungen und Anschuldigungen, die als Erinnerungen in den Köpfen der Menschen über Apollonios in den ersten Jahrhunderte nach seiner Zeit schwirrten, versuchte Philostratos mit seiner Apollonios-Biografie aus dem Weg zu räumen. Für ihn war dieser alte Weise von einst, ein von Gott inspirierter Prophet, der im Mittelpunkt stehen sollte dessen, was man heute als die Neupythagoreische Tradition bezeichnet. Apollonios nämlich versuchte die Lehren des Pythagoras zu erneuern, mit eben jenen Erfahrungen, die er während seiner Reisen nach Ägypten, Babylon und Indien zu neuen religiösen Sichtweisen untereinander verband und hierdurch den Pythagoreismus zu eben einer neuen Theosophie umbildete.

Epigramm zu Apollonios von Tyana - ewigeweisheit.de

Inschrift über Apollonios von Tyana (heute Adana-Museum Türkei, Foto: Quelle Wikimedia CC0).

In der Tat scheint Apollonios von Tyana, mit all dem was wir heute über ihn und sein Wirken wissen, kein gewöhnlicher Mensch gewesen zu sein. Wie sonst auch hätten ihm seine Verehrer Tempel und Schreine errichtet wollen?

Dieser Mann, nach (dem Lichtgott) Apollo benannt,
(einst) Aus Tyana hervorscheinte,
Löschte die Makel der Menschen aus.

Die Gruft Tyanas (empfing) seinen Leib,
In Wahrheit aber nahm ihn der Himmel auf,
Damit er (von dort aus) die Leiden der Menschen vertreibe.

 

 

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

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