Geschichten von Schlüsseln, Wegen und Brücken (2)

von Ljiljana Strbac

Aus der Brückenperspektive haben wir einen erweiterten Blick, ein Panorama, wir sehen beide Ufer und den Fluss oder die Schlucht aus einer ungewohnten, aber sicheren und einmaligen Perspektive.

So wie die Brücken und Wege Zeichen und Spuren der Anwesenheit von Menschen sind und Zeugen seiner Suche und Wanderungen, so sind auch Zeichen und Zahlen und Symbole und Bilder seit alters her die Begleiter und Zeugen des Menschen, die er sich selbst erschafft, um von seiner Anwesenheit zu berichten, um sich manchmal ihrer zu vergewissern, sich anderen Menschen mitzuteilen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Die Zeichen, Zahlen und Bilder erzählen, was wir auf unserem Weg erlebt, überlebt, gesehen und entdeckt haben und welche Wege wir beschritten und welche Brücken wir überquert haben.

Mit den Menschen wanderten auch manchmal ihre Aufzeichnungen, andere Aufzeichnungen warteten still irgendwo darauf, wurden von Wanderern, die auch aus ganz fernen Ländern kamen manchmal, aus anderen Ländern, auf ihrer Reise entdeckt. Der wechselseitige Prozess des Mitteilens, Kommunizierens, Teilhabens und Teilens mit unseren Mitmenschen überall auf dieser Welt ist die einzige Art, sich nicht zu verirren in unserem Leben und auf unserem Lebensweg zu uns selbst zu finden, indem wir uns in anderen wiederfinden und andere sich in uns wiederfinden lassen. Um uns gegenseitig zu finden, helfen Wege, Brücken und Zeichen als Transportmittel und Mittler von Information.

In derartigen Prozessen und deren Verarbeitung entstehen Geschichten über die Wege der wandernden Zeichen und Wanderer, über die Erfindung, Entdeckung und den Austausch von Zeichen.

Die hier von mir hinzugefügte Geschichte ist sicherlich von ihrem Inhalt sehr alt und jedem Reisenden, Wanderer und Sucher vertraut.

Ich versuche, sie hier nun noch einmal zu erzählen, auf jene Art, wie sie mich damals fand, mich immer wieder findet, und wie mir die Geschichte übertragen wurde von einem Meistererzähler und Magier der Erzählkunst …

[… Die] Geschichte eines Jünglings, der sich, irrend durch die Welt und suchend nach seinem Glück, auf einen gefährlichen Weg begab, von dem er nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Um sich nicht zu verirren, schlug der Jüngling mit einer Axt in die Baumstämme am Wegesrand Zeichen, die ihm später den Weg zurück weisen würden. Dieser Jüngling ist die Verkörperung des allgemeinen und ewigen menschlichen Schicksals: einerseits der ungewisse und gefährliche Weg, andererseits das grosse menschliche Bedürfnis, sich dabei nicht zu verlieren, sich zurechtfinden, eine Spur hinterlassen. Zeichen, die wir hinterlassen, Vergänglichkeit und Vergessen. Vielleicht werden sie ganz unbemerkt bleiben? Vielleicht wird niemand sie durchdringen? Und dennoch, sie sind notwendig, so wie es natürlich und notwendig ist, dass wir Menschen uns einander mitteilen und uns gegenseitig entdecken. Wenn uns auch diese kurzen und geheimnisvollen Zeichen nicht retten können vor Irrungen und Versuchungen, so können sie uns doch die Irrungen und Versuchungen erleichtern, uns eine Hilfe sein, indem sie uns wenigstens davon Zeugnis ablegen, dass wir in Allem, was uns widerfährt, weder die Einzigen, Ersten noch die Letzten sind.“ Erzählungen als Sprachbilder und Zeichen und Zahlen als Schriftbilder sind materiell wahrnehmbare Schlüssel und Codes des menschlichen Geistes und seines Erlebens und Lebens und Überlebens, die uns helfen, uns selbst zu erschließen, anderenetwas zu erschließen und Tore zu neuen Formen des Seins aufzuschließen in unserer bunten Vielfalt einer vielfältig bunten Welt, voller neuer und alter, entschlüsselter und noch unentschlüsselter Zeichen, Zahlen, Buchstaben und Bilder, „[…] denn alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn […].

– Ivo Andrić

Erzählungen als Sprachbilder und Zeichen und Zahlen als Schriftbilder sind materiell wahrnehmbare Schlüssel und Codes des menschlichen Geistes und seines Erlebens und Lebens und Überlebens, die uns helfen, uns selbst zu erschließen, anderenetwas zu erschließen und Tore zu neuen Formen des Seins aufzuschließen in unserer bunten Vielfalt einer vielfältig bunten Welt, voller neuer und alter, entschlüsselter und noch unentschlüsselter Zeichen, Zahlen, Buchstaben und Bilder, ...

[…] denn alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn […].