Wie kann man die Angst vor dem Tod verlieren?

von S. Levent Oezkan

Der Tod - ewigeweisheit.de

Jetzt leben Sie – doch eines Tages nicht mehr. Ihr Ableben ist unumgänglich. Und davor fürchten sich die meisten so sehr, dass sie diesen Tag in zeitlich weite Ferne verdrängen, in ein ewiges Irgendwann. Dabei können wir jeden Augenblick sterben.

Wer keine Angst hat vor dem Tod, sollte besser nicht weiterlesen.

Lebte man sehr viel länger als der Durschnitt, gäbe es da nicht so viel mehr, das man tun könnte? Ich meine, wenn wir versuchen würden, das durchschnittliche Sterbealter auf, sagen wir, 1.000 Jahre zu verlängern: Würden wir uns dann aber nicht sehr darüber ärgern, was wir alles nicht erfahren können, da auch diese Zeit »nur« begrenzt ist?

Jeder der viel erfuhr kommt bald schon zu dem Schluss, dass das wovon er lernte und dabei erlebte, doch nur ein winziger Ausschnitt des Ganzen bleibt.

Lebensverlängernde Maßnahmen aber scheinen in unserer Kultur Gang und Gäbe zu sein. So versuchen sich viele Menschen durch Tragen besonderer Moden und Ähnlichem, darüber hinweg zu täuschen, dass es eben einmal zu Ende geht. Auch wer ewig jung bleiben will, wird dennoch irgendwann sterben.

Der Tod: Unser ständiger Weggefährte

Dereinst kommt die erste Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Sie mündet in ein völlig unvorhergesehenes Bewusstwerden eines ganz eiskalten Gefühls, dass das Leben eben endlich ist. Auslöser kann der Tod eines nahestehenden oder geliebten Menschen sein oder sinnbildlich gesprochen, ein nur schmaler Grat, auf dem man sich befand, wo man dem Tod gerade noch aus den Fängen glitt.

Ganz gleich also wie viele Ziele wir uns stecken und erreichen oder eben nicht erreichen: Der Tod ist ein ganz sicheres Ziel. Und diese Tatsache mag den einen echt nachdenklich stimmen, während einem anderen ein leiser, kühler Schauer über den Rücken läuft, bei dem Gedanken: »Was, wenn es morgen schon mit mir zu Ende wäre?«

In unserem materialistisch geprägten Zeitalter – wo es unserem Ego eine Wonne ist, über all das Begehrliche im Außen zu staunen und wir es darum besitzen wollen – haben Gedanken an das eigene Ableben einfach nichts zu suchen. Dabei ist es ja genau der Körper der stirbt, dessen feinste Wunschinstanz – das Ego – auch selbst dann nicht mehr sein wird. Der Tod ist für die meisten von uns darum etwas, dass sie ganz und gar nicht selbst betrifft, sondern immer nur außerhalb des eigenen Körpers stattfindet, als etwas, das sich beobachten lässt und vielleicht Bedauern für die Betroffenen auslöst.

Wie aber kann das Angehen, wenn unser Leben doch auch mit dem Tod endet? Ist zu sterben nicht sogar das wichtigste Ereignis in unserem Leben? Auch unsere Geburt war ein Sterben. Ja, richtig verstanden! Denn als wir den Bauch unserer Mutter verließen, ging da ein Paradies für uns verloren, ein Ort vollkommenen Friedens, der nach der Entbindung mit nichts in der Welt wieder hergestellt werden konnte. Denn wieso wurden wir geboren? Da dieses vermeintliche Paradies uns einengte, denn der Mensch ist da um zu wachsen.

Doch wie geht das einher mit einem Ja-Sagen, zu dem was doch unvermeidlich bleibt? Man schaut einfach mal seine Hände an, jetzt, und sage sich, dass sie nicht mehr sein werden. Nur jetzt, in diesem Augenblick können Sie damit handeln. Ob das auch morgen noch der Fall sein wird weiß kein Mensch. Schauen Sie einmal um sich: Alles und wirklich alles, was da in der Welt jetzt existiert, wird sich dereinst vollständig aufgelöst haben. Wenn auch erst nach sehr langer Zeit, wird es dennoch aus seiner Existenz verschwinden. Gut möglich dass da wieder etwas nachwächst. Doch wie auch bei der Blume auf der Wiese, die dann im Jahr zu welken beginnt, wird die Wiederkehr einer anderen Blume doch niemals die selbe sein.

Vom Wunsch im Gedächtnis zu bleiben

Alles was von uns in Erinnerung bleibt, bewegt sich im Geiste der Menschen, die uns kannten und vielleicht sogar liebten. Doch auch sie segnen irgendwann das Zeitliche – manchmal sogar noch bevor wir selbst gestorben sind.

Leben Sie recht wohl. Der Zufall, über welchen Sie mir Beileid bezeugt haben, liegt mir noch in den Gliedern. Bei Gott lieber Claudius, Freund Hein fängt auch unter meinen Freunden an, die Oberstelle zu gewinnen.

- Gotthold Ephraim Lessing in einem Brief an einen Freund im Jahre 1778; Freund Hein (auch »Gevatter Hein«) ist im Deutschen eine allegorische Bezeichnung für den Tod.

Die Vorstellung darüber, dass die eigene Existenz dereinst einfach vergessen sein könnte, ist für die meisten Menschen kaum zu ertragen. Nur ab und zu nämlich erinnern wir uns an jene, die vor langer Zeit verstorben sind, selbst dann wenn sie uns nahe standen. Aber auch wenn einer das Vermögen hätte und das Recht, überall unzählige Statuen von sich in der Stadt aufstellen zu lassen, was hätte das für einen Einfluss auf die anderen Menschen? Bestes Beispiel ist doch, was uns die Politik da zeigt: Da bewirkte vielleicht einmal einer Gutes und ein andermal wohl auch viel Schlechtes und nach seinem Tod stellte man zu seinem Gedenken Statuen auf. Doch wie sollte es um ihn stehen in 50, in 500 und wie in 5.000 Jahren?

Nach Ihrer Beerdigung beweint man die Toten. Am Tag darauf aber werden auch die Liebsten der Verstorbenen aller Voraussicht nach morgens aufwachen und versuchen ihren täglichen Bedürfnissen nachzukommen. Mit der Zeit wird auch der Schmerz den der Tod den Hinterbliebenen zufügte, irgendwann nur noch als blasse Erinnerung in ihren Herzen glimmen.

Der unerträgliche Gedanke an den eigenen Tod

Zu Sterben ist etwas, dass das Leben der Menschen immer schon beunruhigte. Wenn Gedanken an den eigenen Tod aber unerträglich erscheinen, sollte man die Angst davor überwinden lernen. Stets wollte und will man, insbesondere heute, den Tod auf ewig hinauszuzögern, durch entsprechendes Verhalten, durch Ernährung, durch besondere Medizin oder gar durch Eingriffe in die genetische Lebensstruktur des Menschen. Nicht zufällig wurden darum unzählige Erfindungen gemacht, um mit dem eigenen Ende Zeit zu gewinnen, weshalb die Todesangst wohl zum mächtigsten Antrieb des Menschen gehört.

Wir wollen leben!

Der Triumph des Todes – ewigeweisheit.de

Der Triumph des Todes - Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren  (1526–1569).  Vergrößern +

Angst vor dem Lebensende kann uns darum am Weiterkommen hindern. Da ist vielleicht etwas, dass wir schon längst hätten ändern wollen, wenn damit nicht diese Ungewissheit einherginge. Und was hält einen davon ab, als die Furcht, dass etwas schief gehen könnte? Schlimmstenfalls bringen wir uns in Gefahr. Solche Gedanken steigen da schnell in einem auf und es wäre besser, man hätte dann keine Angst mehr, sondern käme ins Tun, um sich für das, was da ansteht, auch richtig zu entscheiden.

Stellt sich darum nicht die Frage: Wenn es keine deutlichere Furcht gibt, als die vor dem Tod, was wäre uns schon alles gelungen, hätten wir sie überwunden?

Unsere Lebenszeit als Kreislauf

Eine der wohl wichtigsten Vorgehensweisen die Angst vor dem eigenen Tod zu überwinden, ist die Vorstellung, dass wir nach dem Tod eine Welt betreten, in der sich ein unsterblicher Teil von uns glücklich fühlen wird. Auch darum sind Vorstellungen von einer Wiederauferstehung beliebt. Wenn da nur nicht, die uns allen eingebläute Vorstellung von einer Linearität der Zeit wäre.

Was heißt das?

Heute gleichen, für den sogenannten »aufgeklärten Menschen«, Vorstellungen von dem was Zeit ist, etwas dass sich mittels eines Maßstabs bestimmen lässt. Da denkt man sich die Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate und Jahre, nur als geradlinig messbare Einheiten, worauf sich das, was über die  Menschheitsgeschichte bekannt ist, verzeichnet steht. Auf Höhe des Geburtsjahres ist das eigene Zurweltkommen verzeichnet und dann etwas weiter rechts davon was sonst noch so alles passierte. Und das Todesjahr?

Nun stelle man sich diese Achse jedoch nicht als geraden Strahl, sondern als Spirale vor. Dann wird Zeit etwas Zyklisches. Und was in Zyklen vor sich geht, darin wiederholt sich auch schon einmal was, wenn auch jedesmal ein wenig anders. Auch der Tod ließe sich dann, wie ferner die Geburt, als »nur« ein Zwischenspiel erkennen, in der es zu einer Metamorphose kommt. Aus unserer alten Existenz entpuppen wir uns dann, so wie ein Schmetterling in ein ganz anders geartetes Dasein. Und wie der Kokon des Falters, bleibt da unsere körperliche Hülle zurück, während wir himmlischeren Sphären entgegenstreben. Ist da nicht interessant, dass das griechische Wort für den Schmetterling, »Psyche« heißt?

Was man gegen Todesängste tun kann

Sicher wollen alle Menschen sich wohl fühlen, wenn das, was man darunter versteht, auch stark differieren mag. Wer dabei aber versucht sein Glück durch ein Nicht-Wahrhaben-Wollen zu erzielen – etwa durch ein Konsumverhalten hinsichtlich erotischer Genüsse, Rauschmitteln, Überessen oder anderen Ausflüchten – wird eines Tages dafür teuer bezahlen, was manchmal gar sein abruptes Ende, seinen Tod bedeuten kann.

Aller Exzess ist eben kontraproduktiv und schädlich: nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Aus Warte fernöstlicher Weisheitslehren führt das dann zu einer Vermehrung von Karma, dass die Seele dann mit sich herumschleppt und damit ihr irdisches Leben (und die kommende Inkarnation) vielleicht sogar schwer belastet.

Solchen Schwierigkeiten entgeht, der lernt Maß zu halten – ganz gleich wobei auch immer. Auch am Rechner zu sitzen oder ständig über Büchern zu brüten, kann auch seine Folgen haben, die auf lange Sicht ein Problem darstellen. Ein gutes Leben darum führt, wer sich in Mäßigkeit übt.

Wer die Furcht vor dem größten Übel überwinden will, der sollte erst einmal damit beginnen, die üblen Launen des Lebens als solche ertragen zu lernen, ohne jeder Schwierigkeit eine Ausflucht vorzuziehen. Und jeder der schon ein paar Jahre auf unserer Erde gelebt hat, weiß, dass es die Schwierigkeiten waren, die ihn weiser machten und in Zukunft klüger handeln ließen – vorausgesetzt er erkannte sie als Chance. Denn wer sich durch bedrückende Lebensprobleme drängte und diese erfolgreich gelöst hinter sich ließ, wird sicher mit Momenten waren Glücks belohnt. Und da hat Glück ganz und gar nichts mit sinnlichen Freuden oder mehr Vermögen im Außen zu tun. Eher erblüht solch Güte aus unserem Innern, jenseits aller Zeitlichkeit.

Wenn man der Orgasmus auch als »kleiner Tod« bezeichnet wird, dann glaube ich deshalb, da er uns für einen Augenblick lang über die Grenzen des Körperlichen in eine vollkommene Zeitlosigkeit erhebt. Und ebenso ließe sich auch der Todesmoment erfühlen lernen, da das Sterben an sich ja keineswegs mit Schmerzen verbunden sein muss, trotz dass diese Vorstellung in unserem Denken eingraviert zu sein scheint.

Lebensfreude und Trennungsschmerz

Auch wenn wenn die Trennung von einem geliebten Menschen sehr weh tut, heißt das nicht, dass die Trennung unserer Seele vom Körper, ebenso schmerzlich erfahren wird, als vielleicht eher freudig – vorausgesetzt natürlich wir glauben an diesen mystischen Funken in uns, der nach unserem Tode fortlebt.

Alles was unser Leben martert, ist letztendlich die Furcht vor dem Tod. Das aber hindert unseren Lebensgenuss, denn diese Angst bleibt unbegründet, zumal wir alle dereinst sterben werden. Ohne Sie aber, könnten wir eigentlich die Bedeutung unseres irdischen Daseins entdecken und auch genießen!

Wir sollten uns darum vielleicht einmal fragen, was es de facto bedeuten würde tot zu sein? Mal ganz abgesehen, ob Sie nun an eine Wiedergeburt oder die Auferstehung glauben: Stellen sie sich doch einmal selbst vor, wie sie leblos im Sarg liegen oder sie sich bereits unter der Erde zersetzen.

Entweder sie haben nach diesem Satz aufgehört weiterzulesen oder wenn sie noch dran sind: Spüren sie da nicht eine recht eigensinnige Widersprüchlichkeit, wenn mit dieser Vorstellung ein unterschwelliger Genuss einhergeht?

Und selbst wenn Sie dem ganz und gar widersprechen würden, steht dennoch fest, dass man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann, was es hieße tot zu sein. Wie auch, ist der Tod doch eben die Abwesenheit aller Existenz und Vorstellung! Alle Geistesbilder vom Tod sind gänzlich überflüssig, da tot zu sein jenseits allen Erfahrens bleibt.

Drehen wir die Sache aber einmal um: Stellen sie sich vor wie es war, bevor Sie geboren wurden – aber eben nicht unsere Welt von damals, sondern wie sich ihr Leben vor der Geburt anfühlte.

Unmöglich! Ihr Leben findet nun mal jenseits allem Vorgeburtlichen und allem Nachtödlichen statt und das auch nur in diesem Augenblick, wenn sie diese Zeile lesen. Punkt.

Geburt, Tod und dann?

Da es unmöglich ist den Geburtszeitpunkt zu befürchten: Erscheint es da nicht ebenso unwirklich sich vorm Sterben zu ängstigen? Und doch markieren sie die beiden Enden unseres Lebens, das wie von einem Lichtstrahl beleuchtet, auf einer weltlichen Bühne stattfindet. Davor und danach umhüllt die Szene nichts als leere Dunkelheit. Wieso also sollte man sich davor ängstigen? Kann man sich fürchten vor etwas das nicht lebt? Welchen Grund gibt es darum sich vor dem Tod zu fürchten?

Natürlich soll diese Frage nicht Anlass geben unvorsichtig zu sein und Ihr Leben unnötigen Schwierigkeiten oder gar Gefahren auszusetzen. Ihr Leben ist eine einzigartige Gabe. Darum fürchtet sich ein Mensch von Natur aus sein Leben zu verlieren und versucht es darum zu schützen und dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Und diese Haltung geht auch einher mit einer Achtsamkeit hinsichtlich der globalen Entwicklungen in unserer Umwelt.

Doch der Tod an sich – den wir nicht mit dem Todesakt verwechseln dürfen – ist eigentlich nichts, wovor man sich fürchten braucht, ja praktisch auch nicht fürchten kann. Denn der Tod des Körpers ist eben ein Ende, auf das nichts sinnlich Erfahrbares mehr folgt, weshalb der Tod auch nicht weh tut, unangenehm ist oder Schmerzen verursacht. Ohne lebenden Körper kein Schmerz, ohne leibliche Hülle keine Beschränkungen.

Tod zu sein bedeutet das Zeitliche zu segnen, wo sich alles zeitliche Empfinden auflöst. Ganz gleich ob wir wiedergeboren werden oder in eine andere Welt übergehen: Was Zeitlosigkeit bedeutet weiß nur, was nach dem Tod als Geisteskern unserer Seele fortlebt. Wenn wir also selbst sterben, gibt es eigentlich keinen Grund davor Angst zu haben.

Anders sieht das vielleicht aus, wenn wir um den Tod eines geliebten oder nahestehenden Menschen bangen. Die Angst vor dem eigenen Ende in dieser Welt, lässt sich aber, wie wir mit dem Gesagten suggerieren wollten, als solche ganz wertfrei annehmen. Alleinige Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, die Furcht zu sterben quasi zu intellektualisieren und die Sache damit mit einer gewissen Logik zu verbinden.

Es geht darum das Dunkel der Angst vor dem Sterben, durch die geschilderten Vorstellungen, ein wenig auszuleuchten. Und wer mit mehr Klarheit sehen kann, wird auch sein Leben mehr genießen. Es ist ja eben das Leben, dass dem Grund für unserem irdisches Dasein einen großen Sinn verleiht.

 

 

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

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