Sendschreiben der Lauteren Brüder und Treuen Freunde

Es gab eine Stadt auf dem Gipfel eines Berges, auf einer grünen Insel im Meer. Die Luft dort war mild, das Wasser süß und ihre Erde von gesegneter Fruchtbarkeit. Schöne Teiche gab es dort, die Fruchtbäume waren reich behangen und allerhand Tiere lebten auf dieser Insel, ganz entsprechen dem Land, Klima und Wasser.

Ihre Bewohner lebten in Brüderlichkeit, waren sie doch die Sprösslinge eines Mannes größter Glückseligkeit. Zwischen ihnen herrschte Liebe, Milde und Güte, wo keiner den Anderen hasste oder ihn um etwas beneidete. So gab es dort also keine Feindschaft ode sonstige Übel. Man stritt hier nicht über verschiedene Ansichten oder tat üble Dinge mit sich oder anderen. Keine der Sünden die den Charakter eines Menschen eintrübten, beging man hier.

Die Insel der Affen 

Nun bestieg einst eine Gruppe von den Leuten dieser Stadt ein Schiff. Sie aber erlitten Schiffbruch und eine Meereswoge warf sie auf eine andere Insel, auf der es Berge und Bäume gab. Diese Bäume aber hatten keine guten Früchte, aus den Quellen der Insel rann trübes Wasser. Es gab dort auch finstere Höhlen worin wilde Raubtiere hausten. Die Bewohner der Insel aber waren Affen.

Nun gab es auf einer der Inseln dieses Meeres einen riesigen, mächtigen Vogel. Jeden Tag und jede Nacht kam er und nahm sich einen dieser Affen und eins der wilden Tiere als Beute.

Die Schiffbrüchigen aber zerstreuten sich auf dieser Insel, in die Täler der Berge und suchten nach essbaren Früchten, da sie hungrig waren. Sie tranken aus den Quellen und umhüllten sich mit den Blättern dieser Bäume. In der Nacht kehrten sie in die Schluchten und Höhlen zurück, wo sie sich vor Hitze und Kälte zu schützen suchten.

Bald aber pflegten die Menschen mit den Affen gewohnten Umgang. Sie paarten sich mit den Affen und vermehrten sich und es wurden ihrer viele. Lange Zeit ging nun dahin. Dieses Geschlecht bewohnte die Insel, hielt sich in ihren Bergen auf und gewöhnte sich daran, was dort geschah. Sie vergaßen ihre eigentliche Heimat mit den lieblichen Annehmlichkeiten und ihren alten Verwandten. Sie brachen Steine in den Gebrigen und bauten sich daraus Häuser und begannen darin zu leben und horteten darin die Früchte dieser Insel.

Die Leute aber begehrten immer mehr die Weibchen der Affen und waren sehr zufrieden mit ihren Verhältnissen und wünschten sich ewig zu bleiben. Doch nach und nach entstand zwischen ihnen und den Affen Streit und es entbrannten Kriege.

Der Traum von der eigentlichen Heimat

Einer von den Männer hatte einmal einen Traum. Darin sah er sich in sein Land zurückkehren, aus dem er gekommen war. Als die Leute seiner Stadt hörten, dass er käme, kamen sie ihm schon außerhalb der Stadtmauern entgegen. Sie sahen aber, wie ihn die Reise und seine lange Abwesenheit in der Fremde verändert hatten, drum wollten sie nicht, dass er in diesem unwürdigen Zustand die Stadt beträte. Also wuschen sie ihn in der Quelle vor dem Tor, glätteten sein Haar, schnitten ihm die Nägel und bekleideten ihn mit neuen Gewändern. Sie salbten und schmückten ihn und setzten ihn auf ein Reittier, auf dem sie ihn in die Stadt führten. Alle freuten sich über seine Rückkehr und man begann ihn nach dem Schicksal seiner Gefährten zu befragen. Sie setzten ihn dann vor das Rathaus der Stadt, sammelten sich um ihn und staunten über ihn und seine Rückkehr, nachdem sie längst daran gezweifelt hatten. Er war aber froh darüber, dass ihn Gott erlöst hatte von jener Fremde, dem Untergang der Gemeinschaft mit den Affen und jenem hässlichen Leben.

Rückkehr in die traurige Realität

Der Mann glaubte aber, dass er dies Alles im Wachzustand gesehen hätte. Als er aber erwachte, fand er sich wieder auf der anderen Insel unter dem Geschlecht der Affen. Da wurde er traurig und zog sich gebrochenen Herzens zurück. In Gedanken versunken und bekümmert grübelte er in voller Sehnsucht nach seiner wahren Heimat. Dann erzählte er seinen Traum einem seiner Genossen und erinnerte ihn an das, was die Zeit ihn hatte vergessen lassen: jene Stadt, die Bewohner, die Verwandten und ihre Lieblichkeit. Sie beratschlagten unter sich, überlegten und fragten einander, wie man dorthin zurückkehren und von hier entrinnen könne. So kamen sie darauf einen Pakt zu schließen. Sie begannen also auf der Insel Holz zu sammeln und wollten nicht faul sein und ein Schiff bauen, um damit in ihre Stadt heimzukehren. Daraufhin dachten sie, dass es sicherlich hülfe und leichter für sie wäre, wenn noch ein Anderer mit ihnen wäre. Dann wären sie sich sicherer, was das Gelingen ihres Vorhabens anbelangt und die damit erzielte Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. So erinnerten sie ihre Genossen an ihre Heimatstadt und riefen in ihnen die Sehnsucht wach nach der Rückkehr in ihr Vaterland. Sie sonderten sich von den anderen ab, bis eine Gruppe zusammengekommen war.

Der todbringende Raubvogel als Retter

Sie begannen also ihr Schiff zu bauen, damit sie es eines Tages bestiegen und damit heimkehrten. Doch siehe, da kam der riesige Vogel, welcher die Affen zu greifen pflegte und riss den einen Mann an sich. Als er mit ihm weit davon geflogen war, betrachtete der Vogel was er da hatte und siehe, es war kein Affe, wie gewöhnlich. Er flog nun mit ihm über jene Stadt, aus der der Mann gekommen war und warf ihn auf das Dach seines Hauses. Dort ließ er ihn. Der Mann aber schaute wo er sich befand und siehe, es war seine Heimstatt, sein Haus, wo seine lieben Verwandten lebten. Da wünschte er, wenn doch täglich der Vogel von jenen einen ergriffe und ihn in die Stadt zurückbrächte.

Jene Männer aber, aus deren Zahl der Vogel ihn fortgeführt hatte, weinten und waren sehr traurig über ihn. Denn sie wussten ja nicht, was der Vogel mit ihm gemacht hatte. Hätten sie es gewusst, hegten sie den selben Wunsch, als wie vor ihnen ihr Bruder.

Vom verborgenen Sinn in diesem Märchen

So sollte nun auch der Glaubem der Lauteren Brüder sein, der vor seinem Mitbruder vom Tode ereilt wird. Denn die diesseitige Welt gleicht jener Insel, ihre Bewohner aber, die Menschen, gleichen den Affen. Jener Vogel ist gleichsam der Tod. Die Schiffbrüchigen entsprechen den Heiligen Gottes und das Jenseits ist jene Heimatstadt, von wo sie ausgingen. 

Dies also ist unser Glaube unserer Brüder über den gegenseitigen Beistand, welche schon der Tod ereilte.

 

 

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