Gnosis

Christus und das Sternbild der Fische

von S. Levent Oezkan

Ausschnitt aus der Sternkarte Planisphæri cœleste von Frederik de Wit

In den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, entstand, wie es scheint, im ägyptischen Alexandria das christliche Symbol des Fisches, das zu den ältesten Allegorien des Christentums zählt. Vermutlich ergab sich dieses Gleichnis aus den Anfangsbuchstaben des heiligen Anagramm »Ichthys«.

Es bildet sich aus dem griechischen Titel ησοῦς Χριστός Θεοῦ Υἱός Σωτήρ, in lateinischer Umschrift geschrieben: Iesous Christos Theou Yios Soter, das eben bedeutet »Jesus Christus Gottes Sohn Erretter«. Das griechische Wort »Ichthys« steht für den Fisch im Wasser, wie aber auch für das Sternzeichen der Fische, das die Römer »Pisces« nannten. Doch es liegt nahe, dass im christlichen Fische-Symbol, sich eine noch weit vielfältigere Bedeutung verbirgt. Denn obige Wortfolge, aus der sich das fünfbuchstabige Anagramm zusammensetzt, wählte man in dieser Reihenfolge vermutlich absichtlich.
Sollte das Sinnbild des Fisches, in diesem Zusammenhang, vielleicht eine verborgene Symbolik mit dem Namen des Christus Jesus verknüpfen? Es scheint als gäbe es auf diese Frage verschiedene Antworten.

Da wäre zum einen das damalige Taufbad, dass die Römer schon früh als »Piscina« bezeichneten: den »Fischteich«. Taufte man einen darin, wurde er als Christ selbst zum »gläubigen Fisch«. Es scheint, als verweise darauf auch das Neue Testament, wenn darin Jesus dem Petrus, dem Andreas und an anderer Stelle dem Simon versichert:

Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.

- Matthäus 4:19

Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach.

- Lukas 5:10

Insbesondere Petrus, der bekanntlich ein Fischer war, sollte ja dereinst eine zentrale Rolle im Christentum spielen, denn kaum ein Zufall, dass der Dom im Vatikan seinen Namen trägt. Jesus Christus hatte Fischer zu Jüngern und wollte sie zu Menschenfischern machen. Tausende speiste der Heiland mit Fischen, dessen getaufte Anhänger selbst zu »christlichen Fischen« geworden waren.

Was aber ist da der Grund, das ausgerechnet das Symbol des Fisches für den Christus gewählt wurde? Hätte es nicht auch die Schale eines Sämanns sein können?

Magier aus dem Orient

Zu Beginn des 2. Kapitels im Matthäus-Evangelium, ist die Rede von den »Magoi«, den Magiern aus dem Morgenland. Sie hatten eine markante Konstellation am Nachthimmel entdeckt, die sie als deutliches Zeichen für die Geburt eines gotterwählten Kindes deuteten. Diese auch in der Bibel überlieferte Episode, sollte wohl dazu führen, dass man schon zu Zeiten als die Evangelien entstanden, das Wesen des Christus auch auf astrologische Gesichspunkte hin beleuchtete. Hieraus entwickelte man das, was heute in der Astrotheologie das »Fischezeitalter« genannt wird und sich über eine Dauer von ungefähr zwei Jahrtausenden erstreckt.

Dieser Zeitraum bemisst das, was man in der Astronomie die »Präzession der Erde« nennt. Damit wird auf ein astronomisches Phänomen hingewiesen, aus dem sich die ganz allmähliche Richtungsänderung der Erdachse ablesen lässt, die diese über einen Zeitraum von etwa 26.000 Jahren vollzieht. Man nennt die Dauer dieses Zyklus auch das »Platonische Jahr«. Über diese lange Zeit hinweg, ereignet sich der Sonnenaufgang zur Frühlingstagundnachtgleiche, in jedem Winkel des gesamten Tierkreises, wobei sich die Position dieses Frühlingspunktes, nicht wie im astrologischen Jahreskreis gegen, sondern im Uhrzeigersinn bewegt. Hieraus ergibt sich der sogenannte »Platonische Monat« von etwa 2.160 Jahren (≈ 26.000 Jahre : 12).

Heute ereignet sich der Sonnenaufgang zu Frühlingsanfangs in etwa zwischen den Sternbildern Fische und Wassermann, warum manche auch vom Anbruch des Wassermann-Zeitalters sprechen, den manche im Jahr 1997 vermuteten, wieder andere im Jahr 2012 oder auch erst im Jahr 2154, sowie an noch einigen anderen Jahreszahlen. Zu Zeiten Jesu aber, ereignete sich da der Übergang vom Zeitalter des Widders, in das der Fische.

Das sich die ersten Christen damals selbst als Fische bezeichneten, war nicht allein Mittel zur Ehrerbietung ihres Messias, sondern wohl bestimmt auch eine Möglichkeit inkognito zu bleiben, zumal man Angehörige des jungen Christentums verfolgt hatte. Wenn die Wahl dieses Symbols nun aber nicht zufällig erfolgte, stellt man sich vielleicht die Frage, ob nicht auch andere Symbole den selben Zweck erfüllt hätten, was anscheinend zuerst auch der Fall war, wo der Christus mal als Löwe, mal als Adler und eben auch als Fisch symbolisiert wurde.

Wie aber bereits angedeutet, scheint der astrotheologische Bezug relevant gewesen zu sein, denn schon damals besaßen Gelehrte präzise Kenntnisse über die Sternbewegungen. Neben dem Fische-Symbol, kommt hier noch die Symbolik des Lammes ins Spiel, als das der Christus ja der Menschheit geopfert wurde. Der alte Brauch des Opferlammes stammte damals (und auch heute noch) vom jüdischen Pessachfest. Jedem Astrologie-Kundigem war damals klar, dass Jesus als erster Fisch des Fischezeitalters wiederauferstehen sollte, während er als letztes Lamm, als quasi letztes Kind des abtretenden Widder-Zeitalters, am Kreuze sterben musste. Wieso diese Symbolik so bemerkenswert ist, dürfte zumindest den Astrologie-Kenner bereits aufmerken lassen: beide Sternzeichen, Fische und Widder, liegen ja direkt nebeneinander, wie auch die christliche Symbolik vom Osterlamm, die im Kirchenjahr von Bedeutung ist, wo sich die Sonne durch das Tierkreiszeichen Widder bewegt.

Planisphaeri Coeleste von Frederik de Wit - ewigeweisheit.de

»Planisphaeri Coeleste« von Frederik de Wit: Eine Himmelskarte der Sternbilder.
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Sternbild Pisces: Die Fische im Zodiak

Wenn wir uns nach der Symbolik erkundigen, die man in jener Zeit findet, als der Christus Jesus in Erscheinung trat, so dürfen wir dabei nicht ignorieren, dass damit auch eine Schatten-Thematik einherging. Wenn der Christus sich als »Licht der Welt« (Johannes 8:12) personifizierte, so klingt in dieser Botschaft auch eine polare Gegensätzlichkeit mit an, zumal ja »das Licht (nur) scheinet in der Finsternis« (Johannes 1:5). Man braucht darum nicht zu erschrecken, wenn manche Namen und Symbole, beide Seiten miteinander teilen: die Welt des Lichts und die der Finsternis. Dabei spielt eine negative oder positive Wertung zunächst einmal gar keine Rolle, auch wenn im letzten Satz auf die doppeldeutige Gestalt Lucifers angespielt wurde. Denn jenen Titel verwendeten die Römer zur Bezeichnung des Morgensterns, so dass sie in den ersten Jahrunderten n. Chr. diesen, als Herold des Tages, zu Christus in Beziehung setzten. Diese Doppeldeutigkeit aber hat noch eine weitere Lesart, die auf einen tieferen Zusammenhang anspielt, den wir uns im Folgenden genauer ansehen wollen.

Horus und Jesus

Schauen wir hierzu zunächst einmal weit in die mythische Vergangenheit des Alten Ägypten. Da begegnen wir dem Lichtgott Horus, der auf die Menschenwelt schaute, mit seinen göttlichen Augen: Sonne und Mond. Als Sohn der lunaren Göttin Isis, teilt er Attribute die man auch bei Jesus wiederfindet. Mit der christlichen Mutter Maria teilt Isis nämlich das Attribut einer lunar Erleuchteten, zumal letztere in katholischer Ikonografie oft auf einer Mondsichel stehend abgebildet wird. Rudolf Steiner (1861-1925) brachte gekonnt auf den Punkt, worauf unsere Aussage hier anspielt:

die hervorbringende Frau, die Frau mit dem Kinde, die da jungfräulich ist, die Göttin, die in jener lemurischen Zeit eine Genossin der Menschen war, und die mittlerweile dem Blick der Menschheit entschwunden ist. Die nannte man die heilige Isis im alten Ägypten.

Sie bringt den Horus nicht durch Empfängnis zur Welt, sondern es kommt zur »unbefleckten Geburt« des Gottes, durch einen Lichtstrahl, der sie berührt, aufscheinend von ihrem verstorbenen Gatten Osiris. Horus aber, sollte laut mancher Mythen einen rätselhaften Brudergenossen haben: Seth – den finsteren Gott, der zum einen den Tod, doch in alt-ägyptischer Mythologie ebenso das Böse selbst symbolisierte. In alter Hieroglyphenschrift wird Seth da oft als Mensch mit Eselskopf dargestellt. Es ist eine Symbolik, die auch in Zusammenhang steht mit dem »schwarzen Stern« Saturn. Dieser Planet, der in alter Astrologie den äußersten der siebenfältigen Wandelsterne bildete, galt der mittelalterlichen Astrologie als Sitz des Teufels. Das lässt sich zum Beispiel entnehmen, dem 1899 in Paris erschienen Buch »L’astrologie grecque« (deutsch: »Griechische Astrologie«), einem Werk des französischen Religionshistorikers Auguste Bouché-Leclercq (1842-1923). Darin heißt es:

Drachen, Schlangen, Skorpione, Vipern, Füchse, Katzen und Mäuse, nachtaktive Vögel und andere verschlagene Brut sind das Los des Saturn.

Diese Attribute Saturns ähneln also jenen des finsteren Seth, wohl auch in seiner Rolle als Widersacher alles Lichtvollen. Auch sein Name scheint das anzudeuten, scheinen die Namen Seth, Saturn oder Satan doch eine etymologische Wurzel zu teilen (set oder sat). Auch die Tatsache, dass man im Altertum Saturn, als den äußersten und letzten Planeten des Sonnensystems wahrnahm, scheint hier eine weitere Parallele zu geben zur griechischen Mythologie, wo der Lichtgott Horus, wie die Sonne im Zentrum stand, während Seth abgedrängt, sich an die Peripherie aufhielt, wie eben verkörpert durch den Planeten Saturn.

Zwillingssymbolik in der christlichen Gnosis

Wenden wir unseren Blick nun einmal auf die judeo-christlichen Ursprünge des Gnostizismus, der ersten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung. Dem im ägyptischen Alexandria geborenen Valentinus (100-160 n. Chr.), schreibt man die Autorenschaft zu, einer in der christlichen Gnosis wichtigen Handschrift: die Legende der »Pistis Sophia«. Daraus lässt sich etwas entnehmen, was in gewisser Weise mit dem zuvor beschriebenen Doppelaspekt einer Symbolik von Licht und Finsternis (Horus und Seth) in Erscheinung tritt. Es wird in der Pistis Sophia ein Dialog wiedergegeben, zwischen der Mutter Maria und Jesus:

Da Du klein warst, bevor der Geist über Dich gekommen war, kam, während Du Dich mit Joseph in einem Weingarten befandest, der Geist aus der Höhe und kam zu mir in mein Haus, Dir gleichend, und nicht hatte ich ihn erkannt, und ich dachte, dass Du es wärest. Und es sprach zu mir der Geist: »Wo ist Jesus, mein Bruder, damit ich ihm begegne?« Und als er mir dieses gesagt hatte, war ich in Verlegenheit und dachte, es wäre ein Gespenst, um mich zu versuchen. Ich nahm ihn aber und band ihn an den Fuß des Bettes, das in meinem Hause, bis dass ich zu euch, zu Dir und Joseph, auf das Feld hinausginge und euch im Weinberge fände, indem Joseph den Weinberg bepfählte. Es geschah nun, als Du mich das Wort zu Joseph sprechen hörtest, begriffst Du das Wort, freutest Dich und sprachst: »Wo ist er, auf dass ich ihn sehe, sonst erwarte ich ihn an diesem Orte.« Es geschah aber, als Joseph Dich diese Worte hatte sagen hören, wurde er bestürzt, und wir gingen zugleich hinauf, traten in das Haus und fanden den Geist an das Bett gebunden. Und wir schauten Dich und ihn an und fanden Dich ihm gleichend; und es wurde der an das Bett Gebundene befreit, er umarmte Dich und küsste Dich, und auch Du küsstest ihn, und ihr wurdet eins.

Einer Symbolik von eins gewordenen Zwillingsbrüdern, begegnet man auch im Symbol des Fische-Sternzeichens, wo ja zwei Fische, die sich gegenübersehen, ein Band im Schnabel miteinander verbindet (daher ja auch das astrologische Symbol    – wobei der verbindende, horizontale Strich auf das schmale Band kleiner Sterne hinweist, dass die am Nachthimmel erscheinenden Sternbilder des nördlichen und des südlichen Fisches miteinander verbindet). So scheint also Jesus bei den christlichen Gnostikern, als eine Doppelpersönlichkeit aufgefasst worden zu sein, die zum einen Teil aus dem Heiligen Geist (dem Pneuma) auf Erden inkarnierte und anderenteils aus der stofflichen Welt (der Hyle) emporsprießte, die die Figur des »Zwillingserlösers« formen.

welches das Zwillings-Mysterium ist vom Einzigen, Unaussprechlichen […] und indem Ich König bin über das Kind der Kinder, dem Zwillingserlöser […] dann werden alle Menschen, die die Mysterien vom Unaussprechlichen empfangen, mit Mir Mitkönige sein und zu meiner Rechten und zu meiner Linken in meinem Reich sitzen.

- Aus der Pistis Sophia

Christus und Bar Abbas

Für die Astrologen unter den Gnostikern, muss dieser mythische Doppelaspekt (»zu meiner Rechten und zu meiner Linken«) eines Christus-Antichristus plausibel erschienen sein, wenn sie die Symbolik der zwei Fische, im gleichnamigen Tierkreiszeichen betrachteten und dabei einem Aufdämmern des Fischezeitalters entgegen sahen. Ist es da nicht bezeichnend, wenn die evangelischen Berichte jene Episode beschreiben, wo ein Pontius Pilatus dem versammelten Volke die Wahl lässt zu entscheiden, zwischen einem berüchtigten Gefängnisinsassen namens Jesus Barabbas – und eben dem Jesus Christus:

Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?

- Matthäus 27:16f

Wenn sich der Name »Barabbas« nun ableitet, vom hebräischen »bar abbas«, was übersetzt heißt »Sohn unseres Herrn« und der Eingangs erwähnte »Jesus Christus Gottes Sohn« ist, ergibt sich hier eine regelrecht »psychologische Anspannung«. Schaut man sich nämlich die Symbolik der beiden Fische an, wie sie etwa in der Sternkarte von Frederik de Wit (1610-1698) dargestellt sind (siehe Abbildung): dann sieht man darauf die beiden Sternsymbole der Fische nicht am Schnabel, sondern am Schwanz mit einem roten Band verbunden. Der erste Fisch (links) schaut darin zum Nordpol hin, während der zweite seinen Kopf nach Westen neigt, in Richtung Sonnenuntergang also, zur Nacht hin. Die Darstellung der Himmelskonstellation Fische bei de Wit, entspricht dabei der natürlichen Position der Sterne dieses Tierkreiszeichens, die als nördlicher und südlicher Fisch, fast rechtwinklig zueinander, ein Kreuz bilden.

Vorausahnung eines christlichen Fische-Zeitalters

Es ist bei dem Gesagten also durchaus angebracht, dass diese »in den Himmel geschriebene« Projektion, schon längst sichtbar gewesen war, als mit dem Auftreten des christlichen Erlösers, dieses neue Weltalter eingeleitet wurde. Die Wassersymbolik des Fisches aber, ist ja auch gegeben durch die Jahreszeit, während der er auch schon vor mehr als 2.000 Jahren gegenwärtigen Regenzeit Palästinas.

Kommen wir in diesem Zusammenhang aber noch einmal zu sprechen auf die gnostische Pistis Sophia. Dort heißt es im 21. Kapitel:

Es antwortete aber Jesus und sprach zu Maria: »Wenn die Nativitätssteller (Astrologen oder Weise, die den Stand der Gestirne bei der Geburt eines Menschen bestimmen) die Heimarmene (Schicksal) und die Sphaera (Kreisbahn der Plneten) nach links gewendet finden, gemäß ihrer ersten Ausbreitung, so treffen ihre Worte ein, und sie werden das sagen, was geschehen muss. Wenn sie die Heimarmene oder die Sphaera nach rechts gewendet begegnen, pflegen sie nichts Wahres zu sagen, weil ich ihre Einflüsse und ihre Vierecke und ihre Dreiecke und ihre Achtfigur gewendet habe […]

In gewissen Kreisen unter den christlichen Gnostikern schien die Astrologie eine gängige Sache gewesen zu sein, wenn sie, wie hier in der Pistis Sophia, selbst Jesus über jene »Nativitätssteller« reden lässt. So scheint die Fische-Symbolik des Neuen Testaments, eine gewisse Vorausahnung anzudeuten. Dabei steht der Christus Jesus als einer der beiden, als der vertikal nach Norden gerichtete Fisch, was einer zeitunabhängigen, ewigen und hierarchischen Sinnbildlichkeit entspricht; assoziiert man andererseits Vorstellungen von einem Damals und Morgen, einem Vergehen und Werden, mit dem, was durch den Ausschnitt einer Horizontalen gegeben ist, deren beiden Enden (oder Pole) sich vor diesem Hintergrund mit der Entscheidung zwischen Gut und Böse assoziieren ließen, könnte man daraus die Erwartungshaltung deuten, gegenüber eines Erscheinens des Antichristen in der Endzeit.

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Sieben Formen des menschlichen Geistes

Sieben Formen des menschlichen Geistes

Die Leute: Was ist der sogenannte Geist? Cleobulus: Was man so Geist gewöhnlich heißt, antwortet, aber fragt nicht.

- Johann Wolfgang von Goethe, Goethe, Gedichte: Die Weisen und die Leute

Geistiges - ewigeweisheit.de

Unser Bewusstsein beschränkt sich generell auf Gefühle, Intuitionen, Emotionen und unser Denken. Letzteres aber bildet sich aus mehreren Formen der Geistigkeit, über die der eine verfügt, die dem anderen aber fehlen. Grundsätzlich aber ließen sich die sieben folgenden Geistesformen des Menschen von jedem unter uns entwickeln.

Das Wort Geist nun wird recht uneinheitlich verwendet und bevor wir uns im Folgenden seiner genannten Formen zuwenden, wäre wichtig zuerst einmal festzulegen, wie wir das Wort verwenden wollen. Denn wenn man von "Geist" spricht, kann damit ja auch einfach ein nicht-körperliches Leben bezeichnet werden, was man im alten Griechenland einen Daimon, später auch als Dämon bezeichnete.

Wenn es hingegen im theologischen Kontext verwendet wird, als etwa der "Geist Gottes" oder der "Heilige Geist", ist damit ein Agens gemeint, eine wirkende Kraft oder ein treibendes, wirkendes Prinzip, dass eher den Zweck eines Boten erfüllt.

Damit wären wir dem, was wir im weiteren Verlauf definieren wollen, aber schon ein ganzes Stück näher gekommen. Denn hier ist es eben der Geist des Menschen, der ja eine ähnliche Rolle übernimmt: Er ist Mittler für das was sich zwischen Wahrnehmen und Handlung bewegt.

Allgemein sind beim Menschen mit Geist die kognitiven Fähigkeiten gemeint, die neben dem Bewusstsein auch auf seine Fähigkeit zu lernen, sich zu erinnern, zu imaginieren, zu überlegen und zu bewerten hinweisen. Wobei sich hier wohl auch noch verschiedene andere Begriffe anfügen ließen, die auf des Menschen geistige Fähigkeiten anspielen, uns aber nicht weiter interessieren.

Es lassen sich die geistigen Formen, die der Mensch in seinem Leben verwendet, grundsätzlich auf sieben verschiedenen Stufen des Bewusstseins erklären.

Paradigma

Hier geht es um eine grundsätzliche Denkweise, die sich an eine existierende, sozusagen "vorgedachte" Form angleicht. Es ist ein Denken das gezeigt oder quasi "geführt" wird von einem Vordenker (griech. paradeigma, aus "para", "neben" und "deiknymi", "zeigen").

Im Kontext einer Gesellschaft etwa ist das das Befolgen von Denkweisen, die durch ein Vorbild geprägt sind, das heißt also durch jemanden der durch seine Weltanschauung ein "gutes Beispiel" für die Sicht auf das Leben und die Dinge liefert. Darunter fällt etwa auch die Meinung von Lehrern, wie Dinge zu verstehen seien, damit also einen Standard oder ein Muster für Denkweisen vorgibt.

Damit ist ein Paradigma die Grundlage allen Vergleichens und Beurteilens, ohne selbst die dazu vielleicht aber notwendige Erfahrung selbst gemacht zu haben. Vielmehr ist es ein Pol, an dem sich das Denken eines Menschen ausrichtet und von dem ausgehend er sich in seinen Meinungen und Absichten orientiert.

Techne

Wie der Name bereits vermuten lässt, geht es hierbei um das, was in heutiger Zeit auch "Technik" genannt wird. Und dabei ist der Begriff sehr weitläufig interpretierbar, da er sich in eigentlich allen Lebensbereichen anwenden lässt. Aber eben die Anwendung ist das, was alle diese Bereiche, als deren Essenz zusammenfasst. Damit ist also jene Form des Geistes gemeint, die einen praktischen Nutzen zur Verfügung stellt, mittels dem geschulten Geist sich komplexe Handlungsmuster durchführen lassen, die durch Übung und Schulung zur Perfektion gebracht werden können.

So also steht Techne für ein Verständnis oder einen Sachverstand, der sowohl einem Künstler, einem Wissenschaftler oder einem Handwerker als explizites Wissen zur Verfügung stehen.

Episteme

Es geht hierbei um die Erfassung des Richtigen. Das heißt, einer Unterscheidung zwischen dem was dem Menschen an Gegebenheiten zur Verfügung stehen, aber auch anhaften, und dem was jemand in Form des Erkennens einer höheren Wirklichkeit ist, das also, was sich abspielt jenseits allen wahrnehmbaren oder greifbaren Erkennens.

Gewissermaßen ließe sich die Episteme als eine höhere Form eines Paradigmas erklären, wo sich die Schemata der Wahrnehmung, kulturellen oder sprachlichen Voraussetzungen angleichen (müssen). Spricht man zum Beispiel eine Fremdsprache perfekt, bewegt man sich automatisch auch in einem anderen kulturellen Feld, was das eigene Denken in die Erkenntniswege eines damit verbundenen Wertesystem überführt.

Phronesis

In seinem Leben entwickelt ein Mensch die Fähigkeit, durch sein Wissen und seine gemachten Erfahrungen, zu einem angemessenen Verhalten und Handeln zu kommen. Man nennt das auch die Vernunft eines Menschen. Während die Episteme sich noch auf das Allgemeine richtet, richtet sich Phronesis auf den einen konkreten Fall. Man könnte auch sprechen von Klugheit, dass dem moralisch Guten oder ethisch Angemessenen entspricht, dass ein Mensch jenem Wertesystem der Episteme entnahm.

Wenn man außerdem Phronesis mit dem Wort der menschlichen Vernunft gleichsetzt, so bestimmt sie als Wissen auch ein daraus besonnenes, vielleicht tapferes oder gerechtes Handeln eines Menschen, wenn es um das eigentliche Tun geht, um sich in einer ganz realen Angelegenheit richtig zu verhalten.

Nous

Dieses griechische Wort ließe sich etwa als "Ahnung" beschreiben, doch ebenso als ein mit Sinneswahrnehmungen vor sich gehendes Denken, ein "Wittern" etwa. Platon grenzte Nous als einen Bereich von allem sinnlich Wahrnehmbaren ab, da hiermit gemeint ist was sich allein durch den menschlichen Geist erfassen lässt, ein höherer Intellekt also, der das unmittelbare Erfassen eines ganz deutlichen Sachverhalts, allein durch Denken, oder vielmehr einen "Geistesblitz" feststellt.

Aristoteles unterschied zwischen einem Nous der tatsächlich erkennt, doch ebenso falsche Annahmen als richtig erfassen will. Darin wird das Denken selbst zu dem was es denkt. Was oben als Wittern angedeutet wurde, ist damit der erste Ansatz etwas Formartigen, im eigentlich Formlosen des Geistes, der aber durch den Verstand als etwas Beschreibares und Erklärbares entsteht. So wird aus der geistigen Möglichkeit zu sein, eine denkbare Wirklichkeit des Geistes.

Metis

Eigentlich ist Metis eine Okeanide aus der griechischen Mythologie, die die erste Geliebte des himmlischen Göttervater Zeus ist, mit der er eine Tochter zeugte: Die Weisheitsgöttin Athene. Nicht aber brachte sie Metis zur Welt: Athene war eine "Kopfgeburt" des Zeus.

Metis Name bedeutet wörtlich "kluger Rat", steht aber vor Allem für den Scharfsinn eines Menschen und damit sein praktisches, implizites Wissen. Man nennt sie auch die Bewirkerin aller rechten Dinge. Sie steht für eine geistige Gewissheit die jemand in sich aufzusteigen verspürt und er demnach, allem Zweifel erhaben, so handelt, dass selbst die unmöglichste und vermeintlich schwierigste oder gefährlichste Situation ihn zu dem bringt, dass er ganz gleich welche Widerstände sich auch vor ihm auftuen mögen, dennoch sein Ziel erreicht – vollkommen einfach und ohne Schwierigkeiten.

Sophia

Für die Gnostiker steht der griechische Name Sophia für die göttliche Weisheit. Sie ist die Gefährtin des Christus, ist sein weibliches Gegenstück. Sophia und Logos bilden die zwei geistigen Pole von Weisheit und Vernunft.

Sophia ist gewissermaßen die höhere Form der Phronesis, da sie nicht über erlerntes Wissen verfügt, sondern die Wahrheit der Dinge in ihnen selbst erkennt und damit keiner Beschreibung bedarf, die ihr erst erklären müssten. Was ihr Wesen und Sein bedeuten erkennt sie ohne Lehre. Man könnte im Übertragenen Sinne auch von einem "Erdulden" der Wirklichkeit sprechen, was in Sophias Wirkung eben ein Wissen hinterlässt, das dem Handwerk eines Steinmetzes ähnelt, der geduldig eine Statue behaut und sie damit allmählich ihre erwünschte Form erhält. Sophia ist damit also ein reales Wissen durch Eingebung.

In der christlichen Mystik erhielt die Sophia außerdem das Attribut der vierten Person, die außerhalb der göttlichen Trinität (Vater, Sohn und Heiliger Geist) wirkt, im Geiste der Theotokos, der Gottgebärerin Mutter Maria.

 

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Wer war der Prophet Mani?

von Johan von Kirschner

Der Prophet Mani - ewigeweisheit.de

Die Religion der Manichäer beanspruchte für sich, eine abschließende Offenbarung zu sein. Ihr Prophet Mani verkündete in seiner dualistischen Gnosis die Lehre einer kosmischen Koexistenz von Gutem und Bösem. In mythenreicher Sprache verbreitete Mani eine Weisheitslehre, die gleichermaßen von Bedeutung war für Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten.

Der junge Mani

Wie Buddha oder Christus, so ist Mani der Ehrentitel für einen Menschen, der durch den "Hohen Geist" erleuchtet wurde. Die Person auf die sich dieser Erleuchtungsgeist senkte, hieß nach abendländischen Quellen "Curbicius". Er kam zur Welt am 14. April 216 in der Nähe von Ktesiphon am Tigris (im Reich Babylon, heute Irak), der damaligen Residenz der Perserkönige. Er stammte aus vornehmem Hause. Seine Mutter war von fürstlicher Abkunft (Arsakidin) und bevor sie den Mani zur Welt brachte, offenbarte sich ihr im Traum, die große Bedeutung ihres zukünftigen Sohnes für die Menschheit. Sein Vater Patig (Pattikios) war ein vornehmer Perser aus dem Stamm der Chaskanier, der sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigte. Er war Angehöriger einer gnostischen Täufersekte - den "Elchesaitan". In diesem Umfeld wurde Mani erzogen. Schon im zarten Alter wurde er dort von seinem Vater in die Lehren und Bräuche jener religiösen Gemeinschaft eingeführt. Er sollte sich von einem erst schwächlichen jungen Mann, in den unermüdlichen Apostel einer neuen Erlösungsreligion verwandeln.

Dann trat ich, Mani, in die Glaubensgemeinschaft der Täufer ein, wo man mich großzog. Als mein Leib jung war, wurde ich durch die Kraft der Lichtengel und die so überaus starken Mächte beschützt, die von Jesus beauftragt waren, zu meinem Schutz.

- Aus dem Kölner Mani-Kodex

Es war eine ungemein spirituelle Zeit in die der Mani hineingeboren wurde. Sein Denken wurde in diesem Umfeld schon früh in religiöse Bahnen gelenkt. Schon als Junge soll Mani wie ein Weiser gesprochen haben. Seine religiöse Berufung äußerte sich jedoch in Opposition zur christlichen Theologie, wich vom christlichen Ritus ab. Dennoch bezeichnete sich Mani, als Apostel Christi, denn er räumte Jesus eine hervorragende Rolle ein. Später wandte er sich von den judenchristlichen Gnostikern, bei denen er aufwuchs, ab. Seine eigentliche Sendung erkannte er in zwei Offenbarungen: im Alter von zwölf und 24 Jahren.

Manichäischer Jesus - ewigeweisheit.de

Jesus Christus als manichäischer Prophet. Bildnis aus der Yüen-Dynastie (14. Jhd.). Auf dem Bild kann man den Christus identifizieren, da er ein kleines Goldkreuz in Händen hält.

Die Sendung

Als der Mani zwölf Jahre alt war, teilte ihm ein Engel - der "Taum" (= Gott-Genosse) - eine Botschaft aus dem Lichtreich mit. Er gebot ihm die Gemeinschaft seines Vaters zu verlassen (vergl. Jesus als zwölfjähriger im Tempel, Lukas 2:41f):

Verlasse diesen Kult, denn du bist keiner seiner Anhänger. Dir sind auferlegt Reinheit zu halten und von körperlichen Lüsten Abstand zu nehmen. Noch ist die Zeit aber nicht reif, dass du an die Öffentlichkeit trittst.

In den folgenden 12 Jahren beschäftigte sich Mani mit Philosophie, dem altorientalischen Religionssystem "nach der Tradition der Gelehrten Babylons" und mit den Lehren, der in Südbabylon lebenden Christen. Auch mit den Morallehren des Buddhismus machte er sich in dieser Zeit vertraut. Ferner eignete er sich Sprachkenntnisse an in Persisch, Aramäisch und Griechisch. Als er sein 24. Lebensjahr vollendet hatte, erschien ihm erneut der Taum.

Zu dem Zeitpunkt also, als mein Leib die Vollendung ganz erreicht hatte, flog so gleich jenes höchst wohlgestaltete und machtvolle Spiegelbild meiner Gestalt herab und erschien vor mir [...] 'Friede sei mit dir, o Mani, von mir und vom Herrn (König des Lichtparadieses) der mich zu dir sandte. Er erwählte dich für seine Mission, und gebot dir in deiner Berufung, das Evangelium der Wahrheit zu verkünden, eines aus seiner Gegenwart, und fortzufahren auf dieser Mission mit all deiner Ausdauer.'

An anderer Stelle heißt es:

Nun ist die Zeit für dich gekommen, dich öffentlich kundzutun und laut deine Lehre zu verkünden.

Ausbreitung des Manichäismus

Mani begann sein öffentliches Wirken im damaligen Reich von Belutschistan (Hochland, dass sich heute über den Osten Irans, den Süden Afghanistans und den Südwesten Pakistans ersteckt). Dort gewann er seine ersten Anhänger. Die Mission die er einleitete, stützte sich auf hohe Beziehungen zum Adel und verfügte darum über bedeutende Mittel und besondere Befugnisse.

Manis Hoffnung richtete sich sowohl auf den Westen, wie auf den Osten. Es sollte sich auch tatsächlich erfüllen - wenn auch erst nach seinem Tod - das sich von Fernoast, entlang der Seidenstraße, bis nach Westeuropa, die Religion Manis verbreitete. Mani sollte seine neue Kirche bis an die äußersten Grenzen des einstigen Reiches der alten Perser verbreiten. Solch missionarisches Streben war ein charakteristisches Symptom der ersten Jahrhunderte nach Christus. Auf Grund des inhaltlichen Gewichts seiner Botschaft, versammelte sich rasch eine sehr große Ökumene um Mani. Trotz dass heute kaum ein Mensch davon weiß, erlangte die Religion Manis, wegen der Vielzahl ihrer Anhänger in Europa, Nord-Afrika und Asien, tatsächlich die Bedeutung einer Weltreligion. Viele seiner Jünger lebten in Mesopotamien, Baktrien, Syrien, Ägypten, Karthago, ebenso in Spanien und Südgallien. Die Länder die er selbst bereiste wurden von Mani in seinen "Kephalaia", den "Kapiteln", niedergeschrieben. Die schnelle Ausbreitung dieser Religion stellte aber für die junge christliche Kirche des 4. Jhd. eine ernste Bedrohung dar. So wurde eine Verfolgung der Manichäer durch staatliche Organe geführt und eine Abwehrbewegung eingeleitet. Seit 382 n. Chr. stand im Westen die Todesstrafe für all jene, die sich zum Manichäismus bekannten! Während der islamischen Dynastie der Ummayaden (611-750) hingegen, wurde der Manichäismus in Mesopotamien gedultet und erfreute sich dort sogar einer großen Blüte.

Im 8. Jhd. war die Religion in ganz Zentralasien verbreitet, wie später auch im Reich der Uiguren und in China. 762 wurde unter Bögü Khan der Manichäismus sogar Staatsreligion der Uiguren (heute die größte turksprachige Ethnie in China, im Autonomen Gebiet Xinjiang) und genoss damit Schutz am chinesischen Kaiserhof. Doch ab Mitte des 9. Jhd. wurden die Manichäer auch in China verfolgt, konnten sich dort aber dennoch bis zum 14. Jhd. halten. Erst das Mongolenreich brachte seine endgültige Verdrängung.

Ausbreitung des Manichäismus - ewigeweisheit.de

Schaubild: Ausbreitung des Manichäismus.
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Eine universale Religion

Bis heute sind die großen missionarischen Erfolge des Manichäismus nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich trug die große Anpassungsfähigkeit der Manichäer, an die lokalen Bräuche und Gegebenheiten in Ost und West, dazu bei, dass sich diese Religion mehr als tausend Jahre erhalten hat. Mani hatte eine religiöse Sprache entwickelt, die ebenso den westlichen wie den östlichen Regionen der damaligen Welt vertraut war. Den Wortschatz seiner Lehre war im Osten dem Buddhismus, im Westen dem Christentum angepasst. Immer aber blieb der charakteristische Gehalt und die religiöse Identität seiner Weisheitslehre erhalten. Trotz dieser eher heterogenen religiösen Elemente, bot der Manichäismus eine innere Einheitlichkeit. Es war eine echte Religion, in deren Zentrum eine kraftvolle Weisheitslehre stand.

Wiederum sprach er zu seinen Jünger, als er in der Mitte der Versammlung saß: Wie die Sonne, der große Erleuchter, wenn sie kommt in ihrem Aufgang, zur Zeit, da sie in die Welt strahlt, ihre Strahlen ausbreitet auf der ganzen Erde [...] die Gerechten, die mir in jedem Lande sind, sind gleich den Strahlen der Sonne.

- Aus den Kephalaia

Von 240 bis 243 n. Chr. unternahm Mani seine erste Missionsreise nach Indien. Doch sein Kontakt mit einigen Repräsentanten der indischen Spiritualität sollte Konsequenzen haben: sowohl für für Indien, wie auch für Mani selbst.

Die letzten Tage Manis

Ardashir (Artaxerxes), der Begründer der Sassaniden-Dynastie, war gestorben. Sein Nachfolger war sein Sohn Shapur I. (Regierungszeit 240–270 n. Chr.). Am Tage seiner Krönung, dem 20. März 242, entschied sich Mani für sein öffentliches Auftreten. Begleitet von seinem Vater Patig, predigte er in seiner Geburtsstadt Ktesiphon, dem zu den Feierlichkeiten, zahlreich erschienenen Volk.

Von Äon zu Äon brachten die Apostel Gottes, unaufhörlich die Weisheit und die Werke in die Welt. So kamen sie in einem Zeitalter in die indischen Lande durch den Apostel namens Buddha; in einem anderen Zeitalter kamen sie ins Land der Perser durch Zarathustra; in einem anderen ins Land des Westens durch Jesus. Danach, in diesem letzten Zeitalter, kam die Offenbarung hernieder und die Prophetie kam durch mich selbst - Mani, den Apostel des wahren Gottes, ins Land von Babylon.

- Aus dem Buch Shapur

Shapur erkannte in Mani den Führer einer neuen Religion. Mani und seinen Predigern räumte Shapur in seinem Reich, offizielle Missionsfreiheit ein. Sie sollten im gesamten Sassanidenreich ihre Lehren verbreiten. Nach dem Tod Shapurs übernahm sein Sohn Hormizd die Nachfolge. Doch kaum ein Jahr später verstarb auch er. Damit fiel der Thron an seinen Bruder Bahram. Der war dem Mani weniger gut gesinnt und veranlasste seine Vorladung in den Königspalast. Im Gegensatz zu der günstigen Begegnung mit Shapur, wurde er sofort nach seiner Ankunft, vom Magier Mobed Karter, unter Anklage gestellt. Er wurde beschuldigt die Anhänger des Zarathustra, durch seine Lehren, ihrer wahren Religion abspenstig zu machen. Auch Bahram war ihm weniger zugeneigt, als einst dessen Vater. Er fuhr ihn an:

Wieso wurde die Offenbarung dir gegeben und nicht uns, die wir die Herren dieses Landes sind?

Mani antwortete:

So ist es Gottes Wille.

Mani verteidigte seine Lehre leidenschaftlich und führte sie auf göttliche Offenbarung zurück. Dem König gegenüber betonte er die Übereinstimmung seiner Lehre mit einer viel älteren, jedoch zeitweilig in Vergessenheit geratenen Wahrheit. Davon war Bahram jedoch wenig beeindruckt. Man verurteilte den Mani, legte ihn in Ketten und warf ihn in einen Kerker, wo er aufrecht an den Wänden in Form des Kreuzes gespannt wurde. Darum sprach sein Jüngerkreis, der ihn in seiner Kerkerhaft besuchte, von einer Ähnlichkeit mit der Passion Jesu. Nach langen schrecklichen Leiden, starb Mani am 26. Februar 277 im Alter von 60 Jahren. Man zerstückelte seinen Körper. Sein Kopf wurde am Haupttor der Stadt Gundeshapur ausgestellt, während man die Reste den Hunden zum Fraß vorwarf.

Es kann nicht abschließend gesagt werden, wieso sich Manis Religion nicht bis zum heutigen Tage erhalten konnte. Vielleicht war sie zu kontemplativ, zu ruhebedürftig, um den Kampf aufzunehmen mit dem Profanen. Sie zielte eben nicht in erster Linie auf die Lösung der weltlichen Schicksale der Menschen.

Wir, die wir zur Rasse der Lichtsöhne gezählt werden, lasst und Mani unsere Blüten schenken. Der geliebte Sohn Jesus Christus, legt dir, Mani, voll Freude die Krone aufs Haupt. Denn sein Bau der geschändet wurde, ihn hast du wieder aufgebaut. Seinen Weg der im Verborgenen war, hast Du wieder beleuchtet. Seine Lehre die verdunkelt war, hast du wieder in die Klarheit gebracht. Seine verborgene Weisheit hast du erklärt.

- Aus einem manichäischen Textfragment

Die Lehre des Manichäismus

An der Spitze der göttlichen Himmels-Hierarchie, steht in der Religion Manis der "König des Lichtparadieses". Von dort kam der Taum, Manis himmlischer Zwilling, von dem er seinen prophetischen Auftrag empfing. Der Zwilling ist in etwa das, was im Christentum der Heilige Geist vermittelt. Im Buddhismus steht dafür der Buddha Maitreya - der in Zukunft kommende, messianische Weltlehrer.

Ab dem Zeitpunkt, da dem Mani der himmlische Zwilling als sein "Licht-Selbst" begegnete, fielen alle Beschränkungen von ihm ab, die einen Normalsterblichen im Leben behindern. Von da an war er als engelhaftes Wesen auf Erden gegenwärtig. Von da an war Mani ein Apostel des Lichts.

Ich, Mani, wurde durch die Kraft der Engel und der heiligen Mächte beschützt, die mit meinem Schutz betraut waren. Sie bereicherten mich durch Visionen und Zeichen, die sie mir zeigten, die nur klein und sehr kurz waren, so wie ich sie ertragen konnte. [...]

- Ausspruch des Mani

Mit der zweiten Offenbarung wurde er zum "Mani hajja", dem "lebendigen Mani", der nun im Stande war sein erlösendes Wissen an seine Mitmenschen weiterzugeben.

In Manis Erlösungslehre verschmolzen verschiedene religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Mani bekannte sich offen, zu dem von ihm verbreiteten Synkretismus. Er wurde aus dem Lichtreich von seinem himmlischen Zwilling entsandt, um das Erbe von Buddha, Zarathustra, Jesus Christus und all ihren Vorgängern zu verwirklichen. Mani sah sich als das "Siegel aller gekommenen Propheten" (ein Begriff der im Übrigen auch von den Muslimen für den Propheten Mohammed a. s. beansprucht wird). Er sah die Lehre seiner prophetischen Sendung nicht nur endgültig: Sie war für ihn universal.

von Zeit zu Zeit (sind) Boten Gottes gekommen mit der Weisheit und den frommen Werken.

- Ausspruch des Mani

Früher verkündete Religionen waren, nach Manis Dafürhalten, spätestens nach dem Tode ihrer Meister verderbt. Er sah den Grund dafür im Fehlen direkter, schriftlicher Aufzeichungen, seitens der Religionsstifter. Im Gegensatz zu Zarathustra, Buddha oder Jesus, schrieb Mani seine Lehren nieder. So sicherte er sie vor Umdeutungen seiner Lehre und verfälschenden Zufügungen oder Auslassungen. Damit wurde der Manichäismus als ausgesprochene Buchreligion begründet. Mani verfasste sieben Traktate, die den Kanon des Manichäismus darstellen:

  1. Das lebendige Evangelium,
  2. der Schatz des Lebens,
  3. die Pragmateia (= der Traktat),
  4. die Geheimnisse,
  5. das Buch der Gigangten,
  6. die Briefe (Episteln) und
  7. die Psalmen und Gebete.

Die Lehre des Mani und seiner Missionare war für alle Zuhörer, gleich ob Christen, Zoroastrier oder Buddhisten, unmittelbar zu verstehen. Auch wenn er versuchte seine Lehre den Begriffen anderer Religionen anzupassen, nahm sie davon keinen Schaden.

Auch wenn man den Manichäismus als Teil der gnostischen Bewegung bezeichnen kann, ging es seinem Religionsstifter jedoch darum, die Lehren allen zugänglich zu machen. Damit unterschied sich der Manichäismus von anderen gnostische Sekten, deren Lehren ausschließlich Initiierten vorbehalten waren. So war es für die Manichäer selbstverständlich auch zu missionieren.

Der Prediger muss unablässig in der Welt umherirren, indem er die Lehre predigt und die Menschen in die Wahrheit führt.

- Ausspruch des Mani

Der Manichäismus war ein Seelendienst, der sich, wie andere Religionen auch, auf die Erlösung der Seele verschrieb. Jedoch glaubten die Manichäer, dass durch die Erlösung der Seele, der Gott des Lichtreichs selbst, aus den Widerwärtigkeiten der Finsterniswelt erlöst würde. Jesus Christus war für sie das einzig großartige Bild, für die Verdichtung des göttlichen Lichts, wie es in einem menschlichen Körper in der stofflichen Welt, den Menschen als Erlöser erschien (vergl. Johannes 12:46, "Licht der Welt"). Was der erste Korintherbrief in 15:45 als "lebendige Seele" erwähnt, das galt den Manichäern als das "in der Welt leidende Licht Gottes". Dieses Licht findet sich nicht nur im Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Minerale enthalten es. Der "Essende", so die Manichäer, nimmt deshalb eine große Verantwortung auf sich, da das Licht, das durch die Nahrung aufgenommen wird, ein Teil des göttlichen Lebens ist. Es liegt also nahe, dass die Manichäer besondere Speisegebote befolgen mussten. Natürlich bereiteten solche Auffassungen über Licht und Leben der Wesen, den Grund für Spott und Verachtung, von seitens christlicher Kleriker (Augustin). Sie sagten über die Manichäer, sie glaubten Gott "mit dem Gaumen" finden zu können. Man suchte einfach nach Gründen gegen den Manichäismus vorzugehen.

Mani erklärte alle Erscheinungen des Geistes und alle Ideen, als stoffliche Dinge großer Feinheit. Sie alle waren Teil der "Lichtsubstanz". Die existierende Materie war eine Einmischung der Finsterniskräfte ins Lichtreich. Im Makrokosmos waren die Elemente der Lichtwelt in die geschaffene Welt eingegangen und an ihrem Aufbau beteiligt. Von der himmlischen Welt herab, bis hinunter zum Menschen, leben die Seelenglieder aber in Gefangenschaft, was bestätigt, dass Gott selbst in den Kampf gezogen ist und sich immer wieder selbst, durch die von ihm geschaffenen Wesen, zu erlösen versucht. So eine Vorstellung erfordert das dualistisches Weltbild, wo Gut und Böse nebeneinander existieren.

Die Materie in ihrer Gesamtheit, also auch das, was am Menschen der Stofflichkeit angehört, ist nach Manis Lehre leidenschaftlich, leidvoll und darum ungöttlich. Wie aber bereits angedeutet, trägt nach Manis Lehre der Mensch den göttlichen Funken in sich, als Teilchen des göttlichen Lichts. Diesen Funken kann er zur Flamme entfachen, indem er ein "richtiges Denken" entzündet. Dieses richtige Denken besteht darin, das er Klarheit über sein wahres Wesen gewinnt. Der Mensch muss seine Gespaltenheit zwischen Licht und Finsternis, zwischen göttlichem Geist und "teuflischem" Stoff erkennen. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer das Offenbarungswort hört und auch annimmt, das Gott bereits an Adam hat gelangen lassen. Immer wieder wurde es durch die Gesandten und Avataras, wie Buddha, Zarathustra oder Jesus in die Welt gesandt. So sah auch Mani seine göttliche Sendung.

Manichäische Priester - ewigeweisheit.de

Manichäischer Priester beim Schreiben. Gemälde in einem Buch aus Gaochang (Nordchina, Xinjiang) aus dem 8. oder 9. Jhd. n. Chr.

Der dualistische Urzustand

Wie die Lehre Zarathustras, lehrt der Manichäismus eine uranfängliche Existenz, zweier, einander entgegengesetzter Welten: das lichterfüllte Gottesreich und das materielle Reich der Finsternis. Sie äußern sich in der Natur als die Mächte von Gutem und Bösem. Beide existieren parallel, grenzen sich aber haarscharf von einander ab. Diese beiden Welten - die eine entstanden aus dem Urlicht, die andere aus der Urfinsternis - sind unbegrenzt, verhalten sich aber zueinander wie zwei unendlich große Halbkugeln, deren obere die Lichtwelt und deren untere die Welt der Finsternis ist. Den Rahmen der unendlichen Lichthalbkugel bildet der "Vater der Herrlichkeit". Er ist das übersinnliche Urbild, was man sich als das Himmelsgewölbe der Erde denken kann. Ebenso ewig wie der Vater der Herrlichkeit, ist der Lichtäther das Urbild des irdischen Luftraums, und die Lichterde, das übersinnliche Urbild der Erdscheibe. Sie bilden gemeinsam mit dem Vater der Herrlichkeit eine Dreiheit, die rein geistiger Natur, übersinnlich und ewig ist. Diese drei Teile besitzen besondere Attribute:

  • Das Geistige Leben des Vaters der Herrlichkeit ist gekennzeichnet durch Sanftmut, Wissen, Verstand, Geheimnis und Einsicht. Die Attribute seines reinen Geistes sind Liebe, Glaube, Treue, Altruismus und Weisheit.
  • Die Attribute des Lichtäthers sind identisch mit dem geistigen Leben des Vaters der Herrlichkeit.
  • Die Attribute der Lichterde sind der Lufthauch, Windeswehen, Licht, Licht-Wasser und das Himmelsfeuer.

Die Lichterde entspricht dem übersinnlichen Lichtpararadies, dem ein ewiger Lichtgott vorsteht. Er ist von 12 Wesen umgeben - Urbildern der 12 Tierkreiszeichen.

Entsprechend der Dreiheit des Lichtreichs, existiert eine Dreiheit der Finsternis. Darin steht dem Vater der Herrlichkeit gegenüber der "König der Finsternis": Cheschucha.

Der König des Rauches der herausgekommen ist aus der Tiefe der Finsternis, der welcher er ist, der Anführer der gesamten Schlechtigkeit und der Bosheit. Der Anfang der Anzettelung des Krieges geschah durch ihn; alle Kämpfe, die Schlachten, die Gefahren, die Niederlagen, die Ringkämpfe. Jener erregt Gefahren und Kriege zusammen mit seinen Welten und seinen Kräften. Alsdann kämpfte er mit dem Licht.

- Aus dem Kephalaia

Gegenstück zum Lichtreich bildet die Geistesmacht der Finsternis - Humama. Diese Macht ist in etwa vergleichbar mit der babylonischen Tiamat - dem Ungeheuer das aus dem finsteren Urmeer des Chaos entstand.
Schließlich entspricht der Lichterde in der Dunkelwelt, die "Erde der Finsternis" - die "kosmische Hölle". Auch diese Dreiheit hat ihre Attribute:

  • Der König der Finsternis besteht aus Gifthauch, Glutwind, Dunkel, Nebel und Höllenfeuer.
  • Die Attribute der Geistesmacht der Finsternis entsprechen den Attributen ihres Königs.
  • In der Erde der Finsternis brodeln giftige Quellen, dort wehen Rauchwolken und an finsteren Abgründen sind Sümpfe und dort lodern Flammensäulen.

Aus diesen Elementen der Finsternis ging nun als "Urteufel" der Satan hervor.

Was den Archonten, den Führer aller Mächte der Finsternis anbetrifft, so befinden sich fünf Gestalten an seinem Körper entsprechend der Gestalt der Merkmale der fünf Geschöpfe, die sich in den fünf Welten der Finsternis befinden. Sein Kopf hat das Gesicht eines Löwen, der aus der Welt des Feuers entstanden ist, Seine Flügel und seine Schultern haben ein Adlergesicht entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Seine Hände und seine Füße sind Dämonen entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Sein Bauch und sein Gesicht eines Drachen entsprechend, der Gestalt der Söhne der Welt der Finsternis. Sein Schwanz hat die Gestalt des Fisches, der gehört zu der Welt der Söhne des Wassers. Diese fünf Gestalten befinden sich an ihm, die, welche entstanden sind aus den fünf Geschöpfen, der fünf Welten der Finsternis.

- Aus dem Kephalaia

Der Satan wagte es bis zu den finstern Lichtbezirken vorzudringen, was zur Erschütterung der Lichterde führte. So sah sich der König des Lichtparadieses veranlasst einen neuen Äon hervorzubringen: die Mutter des Lebens. Unter dem Einfluss der fünf geistigen Attribute (siehe oben) und den 12 Herrlichkeiten, kam durch sie der "Urmensch" in die Welt (der entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala). Er wurde zum Kampf gegen den König der Finsternis ausgestattet, mit den fünf Elementen der Lichterde. Nun traf er an der Grenze zwischen Lichtreich und dem Reich der Finsternis, auf den Satan, begleitet von den 12 Archonten (Dämonen). Doch der Satan und die Archonten besiegten ihn, und raubten ihm einen Teil seines Lichts. Doch auf ein siebenmaliges Stoßgebet, sendete ihm der Vater des Lichtreichs die "Lichtfreunde", mit denen gemeinsam er letztlich den Satan besiegte und die Archonten gefangennahm.

Die Söhne des Lichts führten fünf Kriege mit den Söhnen der Finsternis. Die Söhne des Lichts bezwangen die Söhne der Finsternis in ihnen allen. Der erste Krieg ist der des Urmenschen, des Lebendigen, den er geführt hat mit dem König des Reiches der Finsternis und allen Archonten, die aus den fünf Welten hervorgekommen waren. Er stellte ihnen nach mit seinem (Fischer)Netz, welches die Lebendige Seele ist. Er schloss sie ein wie Fische (mit einem Netz).

- Aus dem Kephalaia

Der Demiurg Satan

Die Entstehung der Welt im Manichäismus

Die "Drei Söhne des Lebensgeistes" (Freunde der Lichter) töteten die 12 Archonten. Aus ihren astralen Häuten formte die Mutter des Lebens das Himmelsgewölbe über der Erde, was die 12 Sternbilder wurden. Je mehr Licht einer der Archonten dem Urmenschen entzogen hatte, desto heller leuchten die Sterne, die dem Himmelbereich seiner Haut entsprechen.

Im Kampf vermischten sich nun die fünf Licht-Attribute mit den fünf Attributen des finsteren Satans. Hieraus entstanden fünf materielle Elemente:

  • Lufthauch und Gifthauch ergaben die irdische Luft,
  • Windeswehen und Glutwind den irdischen Wind,
  • Licht und Dunkel zusammen die Metalle,
  • Licht-Wasser und Nebel bildeten das irdische Wasser und
  • Himmelsfeuer und Höllenfeuer vermischten sich zum irdischen Feuer.

Aus ihnen entstanden die nützlichen, wie auch die schädlichen Wirkungen von Himmlischem und Höllischem, von Gutem und Bösem, von Lichtem und Dunklem.

Nun befahl der König des Lichtreichs einem Engel - dem Demiurgen - die Erde zu bilden. Das Licht, das in dieser Welt an die Materie gebunden ist, nannte Mani die "Lichtseele". Sie entspricht dem Leiden unterworfenen Jesus.

Der Ort an den sich die Lichtseele und das Gebet begeben

Zweck des gesamten Weltprozesses ist es nun, das in die Materie eingeschlossene Licht zu befreien. Diesem erhabenen Zweck dienen Gott, die Sonne, der Mond und die 12 Sternbilder. Alle anderen Himmelskörper waren für die Manichäer Dämonen.

Die Lichtseelen, die sich aus der Körperlichkeit entrungen haben, wie auch die Gebete die über die Lippen gesprochen wurden, kehren zu ihrem Ursprung zurück. Den Sternbilderkreis nannte man das "Schöpfrad mit den 12 Eimern", woraus die im Lichtmeer befindlichen Seelen und Gebete, gemäß dem Schicksal ihrer Besitzer, "geschöpft" werden. Diese noch nicht völlig von ihrer Materialität befreiten Licht-Elemente, werden durch die 12 Sternbilder dann zunächst zum Mond gebracht - dem Ort der Lichtjungfrau - der Mutter des Lebens (siehe oben). Vom Mond gelangen diese Elemente zur Sonne - dem Wohnsitz des Lebensgeistes, des Urmenschen und seiner Lichtfreunde. Schließlich werden die Lichtseelen und die gesprochenen Gebete, zum höchsten Licht gebracht (vergl. Zentralsonne). Dort werden die Lichtelemente abgesondert und absorbiert, und die "materiellen Schlacken", werden in den tiefen, um die Welt gezogenen Graben, hinabgeworfen.

Mani sagte, dass es der oben erwähnte Urmensch sei, dem die Haupttätigkeit in diesen Vorgängen zufällt. Er ist der "Vollender der Entsündigung", weshalb ihn die abendländischen Manichäer den "Jesus impatibilis" nannten: den "leidensbaren Jesus". Jesus wird im Übrigen ja auch der "wahre Adam" genannt, womit ein Hinweis auf diesen Ur-Menschen gegeben ist.

Was aber geschieht mit den übrigen Archonten, die sich außerhalb der 12 Tierkreiszeichen befinden? Schließlich raubten auch sie dem Urmenschen das Licht. Hierzu, so Mani, erschien ihnen eine Lichtgöttin, die die Lichtfunken befreite. Das freigelassene Licht konnte nunmehr geläutert werden. Zum gleichen Zweck erschien den weiblichen Archonten ein männlicher Lichtgott.

Die Rolle des Menschen

Die Archonten strebten danach, ihr geraubtes Sternenlicht, das ihnen Einfluss auf die Erdenwelt gab, aber mit allen Mitteln für sich selbst zu behalten. Einer der Archonten - Sindid, der "Gewaltige" - kam zu der Erkenntnis, dass, wenn möglichst viel von diesem Sternenlicht in einem Individuum aufgespeichert sei, man ihm dieses Licht entziehen könnte. Das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er sich mit fünf anderen Archonten - der Brunst, der Hast, der Habgier, der Lust und der Sünde - vereinigte, woraus Kinder geboren wurden, die er alsdann verschlang (wie der griechische Kronos). Denn diese Kinder hatten den Archonten eine große Menge Lichts entzogen. Danach paarte er sich mit seiner Frau und es kam ein Wesen zur Welt, das alle Eigenschaften dieser sieben Hauptarchonten in gesteigertem Maße besaß: Adam - der erste Erdenmensch. Sein materieller Körper, von den Elementen der Finsternis stammend, gehört zum Reich der Finsternis. Seine Seele aber gehört dem oberen Lichtreich an - denn sie wurde dem Urmenschen (vergl. Adam Kadmon) einst geraubt. Darum stehen auch im Menschen Licht und Finsternis in absolutem Gegensatz. Der erste Mensch Adam erhielt den größten Teil dieses spirituellen Lichts. Bei ihm überwog der lichte Anteil gegenüber seiner finsteren Körperlichkeit. Das Selbe gilt für das zweite Wesen, das Sindid zeugte: Chawa (Eva). Zwei Archonten wurden von Sindid dafür vorgesehen, dieses erste Menschenpaar zu bewachen.

Die fünf lichten Schutzengel der Erdenwelt sahen nun, dass in den beiden neuen Lebewesen das geistige Licht durch die "Finsternis des Körpers" begrenzt wurde. Sie baten daher die Mächte des Lichtreichs (darunter der Lebensgeist, die Mutter des Lebens), dem in den Banden der Sinnlichkeit schmachtenden Menschenpaar einen Erlöser zu senden. So wurde der Äon Isa gesendet, der die beiden Wächter fesselte und dann den Menschen zeigte, aus was ihr Leib zusammengesetzt ist: Licht und Finsternis. Isa zeigte ihnen wie sie das an ihren Körper gebundene Licht erlösen konnten. Chawa näherte sich ihr Erzeuger Sindid und sie gebar ihm den Kain (diese Überlieferung ähnelt der Tempellegende der Freimaurer), mit dem sie wiederum den lichten Abel und zwei Mädchen zeugte: die "Weltweise" und die "Tochter der Habgier". Letztere wurde selbst zur Frau ihres Vaters Kain, die erstere bekam den Bruder Abel. Sie aber wurde nicht von Abel geschwängert sondern von einem Engel, und gebar die beiden Töchter "Kommzuhilfe" und "Bringehilfe". Als nun Abel den Kain für den Vater der Kinder hielt und dafür kritisierte, tötete ihn Kain und heiratete dann auch noch seine Tochter "Weltweise".

Dieses Inzestmotiv ist alt-orientalischen und vorchristlichen Ursprungs, denn es taucht ebenso auf im jüdischen Midrasch Bereshit Rabba, wo Kain seinen Bruder erschlägt, wegen ihrer beiden Schwester Naëmah.

Die manichäische Erzählung fährt nun damit fort, dass die Chawa mittels eines von Sindid gelernten Zaubers, die Zuneigung Adams gewinnt und ihm den Schathil (= Seth, vergl. Genesis 4:25, dritter Sohn von Adam und Eva) gebiert. Er besitzt mehr Lichtelemente als es von Sindid und Chawa eigentlich geplant war. Sie versuchten darum das Kind zu töten. Adam rettete es aber mit Hilfe eines, aus einem Gebet niedergesanden Licht-Äon. Später trennte sich Adam von Chawa und begab sich mit seinem Sohn Seth in den Osten - "der Welt wo Licht und Weisheit sind". Dort starb er und gelangte alsdann zum Paradies der Lichterde (zwischen diesem Ort und der Erde, soll sich angeblich der Priesterkönig Melchisedek von Salem befinden, als Hüter des vom Guten und Bösen des MakrokosmosAdamgrabes).

Der Mensch steht im Weltprozess auf dem Kampfplatz der Dämonen der Finsternis und den Engeln des Lichtreiches. Manis Lehre zielte hin auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen, paradiesischen Zustandes, wo dann das "Böse Prinzip" dem Guten machtlos gegenüberstehen wird. Bei diesem kosmischen Erlösungprozess, kommt dem Menschen eine große Rolle zu: durch seine Vernunft hat er, in einem Erkenntnisakt, die Verstrickungen der Lichtkräfte im finsteren Reich der Materie (Hyle) zu durchschauen. So ist der Mensch beteiligt als Mikrokosmos, im Kampf von Gutem und Bösem im Makrokosmos. Es ist des Menschen Aufgabe dabei die in der Materie eingeschlossenen "Lichtteile" zu befreien. Was dabei erlöst wird ist nach Ansicht der Manichäer Gott selbst, denn für sie war die menschliche Seele substantiell mit Gott gleich und damit ein Teil seines göttlichen Lebenslichtes. Es ist hiermit der himmlische Lichtfunke gemeint, der den menschlichen Körper bewohnt.

Ihr Geheiligten, sorgt euch nicht, so ihr in Einklang seid mit Mani, unserem Vater, dem Paraklet (der "Tröster"). Alle göttlichen Wesen ruhen konzentrisch ineinander, ihr Himmelsmenschen. So achtet darauf, dass ihr keinen Zweifel pflanzt in euer Denken, sondern einzig Friede in eure Tat. Ihr Geheiligten, die ihr dem Gesetz Gottes nahe seid, achtet darauf - in drei Dingen ruht Vollkommenheit: im heiligen Gesetz, in der Weisheit und in der Liebe. In diesen dreien sind alle Menschen, die aus Gott sind, vollkommen.

- Ausspruch des Mani

Gebote und Verbote der Gläubigen

Um diese göttlichen Lichtfunken aus der stofflichen Welt zu erlösen, dafür musste sich ein Angehöriger der Religion Manis verantworten. Sein Handeln in dieser Welt zog besondere Konsequenzen nach sich. So war ihm geboten bestimmte Dinge zu unterlassen, was letztendlich den asketischen Charakter der manichäischen Religion unterstreicht.

Den Manichäern war zwar die Mission der Verbreitung ihres Glaubes eine Pflicht, doch es kam ihnen nicht so sehr darauf an wie viele Anhänger die gewinnen konnten, sondern wie viele gute Gemeindemitglieder sie zählten. Unter ihnen gab es die "Vollkommenen" und die "Hörer". Die Vollkommenen hatten Gebote zu befolgen, die als die "drei Siegel" zusammengefasst sind:

  • Das Siegel des Mundes gebot zur Enthaltung von Fleisch, Blut und Alkohol und untersagte das Fluchen.
  • Das Siegel der Hände verbot jedes gegen die göttliche Lichtwelt gerichtete Handeln.
  • Das Siegel des Busens forderte geschlechtliche Enthaltsamkeit.

Die strikte Befolgung solcher Gebote war natürlich nur als ein Mönch unter den Vollkommenen möglich. Darum gab es neben diesen strengen Geboten auch etwas abgeschwächtere zehn Pflichten, die für die Hörer galten:

  • Verbot des Götzendienstes,
  • Verbot des Lüge,
  • Verbot des Habsucht,
  • Verbot jeglichen Tötens,
  • Verbot der Unzucht,
  • Verbot des Stehlens,
  • Verbot des Betrügens und der Verleitung dazu,
  • Verbot der Zauberei,
  • Verbot der Heuchelei,
  • Verbot religiöser Gleichgültigkeit.

Anders als den Vollkommenen, war den Hörern der Genuß von Fleisch und Wein gestattet. Sie durften Kinder zeugen, Handel und Gewerbe treiben und öffentliche Ämter bekleiden. Man riet ihnen jedoch keine Häuser zu bauen und auch keine Bäume zu pflanzen, weil solches Handeln sie zu sehr an diese Welt und ihr Treiben fesseln würde.


Der Manichäismus lieferte seinen Gläubigen nicht nur Gebot und Moral, sondern auch, und vor allem, ein absolutes Wissen, dass ihnen half totale Erkenntnis (Gnosis) zu erlangen. Dieses Wissen führt, so die Manichäer, unvermeidlich zum Heil eines Gläubigen. Es gleicht einer Bestandsaufnahme und einer Erfragung aller wichtigen Einzelheiten, zur Rolle des Menschen und des in seinem Körper eingeschlossenen göttlichen Lichtfunken. Der Eingeweihte erkennt sein wahres Selbst als diesen göttlichen Lichtfunken - als Lichtteilchen des Allgottes im Lichtreich. So sind Gott und Seele also vom selben Licht. Nur die Unwissenden kennen diese Wahrheit nicht. Darum bleibt bei ihnen dieses Licht im Körper gefangen.

Im religiösen System Manis wurde das Drama der Seele und ihr Aufstieg zum universalen Leben, eingehend und plausibel erklärt. Auch die damals lebenden Menschen konnten es verstehen. Niemand musste ihnen geheimnisvolle Gleichnisse erklären, sondern verstanden die Vorgänge im Kosmos direkt. Sie sahen ihre Absichten, wie auch die der rein geistigen Wesen, als Teil eines großen göttlichen Plans - eines höheren Gesetzes, zu dessen Erfüllung sie beitragen konnten.

Die Freude ist gekommen, der Sommer gibt seinen Duft von sich. Öffnet die Tore, entzündet die Lampen. Das Schiff hat angelegt. Das Schiff ist das Gebot. Lade ein dein Gut. Segle mit frischem Wind. Wir haschen nach jedem Augenblick, doch wir vergeuden jeden Tag, denn wir wissen nicht den Augenblick wo alles still wird. Wo sind nur alle Menschen? Sie haben Abschied genommen. Sie sind fort gegangen. O dieses große Wunder, dieses Staunen, das den Menschen erfasst hat. Sie rennen, sie stürmen voran, doch sie eilen umsonst. Viele von ihnen starren in die Ferne, doch vor uns, in uns, liegt ein allgegnwärtiger Tag. Die Wunder sind gekommen und ziehen vorüber. Die Zeichen erfüllen sich. Lasst die weiße Taube in ihr Leben und setz ihr nicht die Schlange vor. Das Königreich ist Liebe - die weiße Taube.

- Ausspruch des Mani

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Das Lied von der Perle

Das Lied von der Perle

Der ursprüngliche Titel dieses wunderschönen Gedichts ist uns heute leider nicht mehr bekannt. Der alternative Titel »Die Hymne der Seele« deutet bereits an was der Inhalt dieses alten Textes ist. Als »Das Lied von der Erlösung« gab es der deutsche Philologe und Theologe Erwin Preuschen (1867-1920) heraus, während es der englische Theosoph George R. S. Mead (1863-1933) »Die Hymne des Gloriengewands« nannte.

Perle, Seele, Erlösung und Gloriengewand - das sind Begriffe die auf den Kern unseres Daseins hindeuten, seine Bestandteile und den Weg der werdenden Seele bis zu ihrer Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburten. 

Zentrales Objekt dieses Gedichts ist die Perle - ein Symbol für die Gnosis - der religiösen Geheimlehre, in deren Umfeld sich im 3. Jhd. n. Chr. verschiedene Gruppierungen bildeten. Ich habe mich in dieser Fassung darum für den Titel »Das Lied von der Perle« entschieden. Denn die Perle erhebt sich wegen ihrer Schönheit aus dem Wirrwarr des profanen Erdenlebens. Dieser Titel wurde auch übernommen von Max Bonnet, der im Jahr 1903 den Originaltext in Rom entdeckte und später in denen von ihm gesammelten »Thomasakten« veröffentlichte. Das Perlenlied gehört also zum gnostischen Text-Corpus des heiligen Thomas, wie auch die ihm zugeschriebenen 114 Verse des Thomas-Evangeliums.

Der Zwilling

Thomas war einer der drei Jünger, die neben seinem Bruder Jakob (dem Gerechten) und Maria Magdalena, Jesus am nächsten standen. In den Texten der Gnosis werden Thomas und Maria Magdalena immer wieder angegeben, als wichtigste Apostel. So wie der Heilige Petrus für den Katholizismus eine zentrale Rolle spielt, so ist der heilige Apostel Thomas von Bedeutung für die Gnosis. Er gilt als der wichtigste Apostel, denn er war es, der die Lehre Jesu, in ihrer innersten Wahrheit verstanden hatte.

Thomas wurde später ein großer Lehrer, dem viele nachfolgten. Er begab sich auf eine Reise nach Indien. Noch heute leben dort die Nachfahren seiner Jünger – die sich »Thomaschristen« bezeichen – im Bundessaat Kerala, damals Malabar genannt. Die indischen Christen sehen sich auch als die ersten Christen überhaupt, noch lange bevor andere Christengemeinden in Europa entstanden (durch Paulus in Griechenland oder Petrus in Rom). Sie waren also die ersten Christen außerhalb Palästinas.

In manchen Überlieferungen wird Thomas als Jesu Zwillingsbruder bezeichnet. Daher der griechische Beiname »Didymus« der »Zwilling«. Bereits aber der Name »Thomas«, ist aramäischen Ursprungs und auch »Thomas« bedeutet »Zwilling«.

Das Gedicht

Das in alt-syrischer Sprache verfasste Manuskript, geht auf die gnostische Schule der Bardesanisten zurück, die als Gruppe von Dichtern Anfang des 3. Jhd. n. Chr. in Mesopotamien, westlich des Euphrat siedelte. Der Name dieser gnostischen Gruppierung geht auf ihren Gründer Bardaisan (154-222) zurück. Er gilt als Verfasser des Perlenlieds, dass er wahrscheinlich in Edessa niederschrieb. Er stammte aus reichem Elternhaus und wurde am Hof in Edessa, gemeinsam mit dem Kronprinzen der Abgaren aufgezogen. Er selbst, zuerst Heide, konvertierte später zum gnostischen Christentum und versuchte den Thronfolger davon zu überzeugen, das gnostische Christentum als Staatsreligion einzuführen.

Bardaisan war erfüllt von einem Verlangen, die Geheimnisse der Gnosis zu durchdriungen. Er schloss sich einer Handels-Karawane an, die ins ägyptische Alexandria reiste. Auf dieser Reise kam er in Kontakt mit einem Landesgenossen, der sich ebenso auf der Suche nach den Geheimnissen der Gnosis befand. Der warnte Bardaisan vor den Pseudo-Sekten und Charlatanen, die sich als Gnostiker ausgaben. Doch leider fiel er in Ägypten in die Hände skrupelloser Magier, die ihn vergessen ließen, weshalb er sich auf seine spirituelle Reise begab. Erst später, als er sich aus den Fängen dieser falschen Gnostiker befreien konnte, wurde er initiiert, im inneren Kreis der valentinischen Gnosis. Wenn man das Gedicht liest, scheint es, als wären Teile dieser persönlichen Geschichte Bardaisans, teils in die geheimnisvolle Poesie seines Perlenliedes eingeflossen.

Bardaisans Gedicht ist eine wirkliche Inspiration für alle »Sucher der Erkenntnis«.

Zu vielen Begriffen und Symbolen im Text gibt es am Ende dieser Seite Fußnoten mit Interpretation und Erklärungen (klicken Sie auf die Begriffe im Text, die sie direkt zur Fußnote führen; am Ende jeder Fußnote finden sie einen Link  um zum Vers zurückzukehren).

 

Einleitung

Als der heilige Apostel Thomas sich auf seiner Reise nach Indien befand, nahm man ihn gefangen und warf ihn ins Gefängnis. Dort sprach er ein Gebet. Und als er gebetet hatte, setzte er sich und sang diese Hymne:

I.

Als ich ein kleines Kind war und in meinem Königreiche, in meinem Vaterhause wohnte, und mich erfreute am Reichtum und an der Pracht meiner Ernährer, entsandten mich meine Eltern vom Morgenland, unserer Heimat, nachdem sie mich ausgerüstet hatten. Und aus dem Reichtum unseres Schatzhauses schnürten sie mir eine Last zusammen, groß und doch leicht, so dass ich sie selbst tragen konnte.

II.

Gold aus Beth-Ellaya und Silber von Gazak dem Großen, Rubine aus Indien und Achate aus Beth-Kashan. Und sie umgürteten mich mit dem Diamant, der Eisen ritzt, und sie zogen mir das glänzende Gewand aus, das sie mir in ihrer Liebe gemacht hatten, und die purpurne Toga, die nach dem Maße meiner Gestalt gewebt war.

III.

Und sie schlossen mit mir einen Pakt und schrieben ihn mir in mein Herz, das ich ihn nicht vergessen möge:

»Wenn du nach Ägypten hinabsteigst und die eine Perle bringst, die in der Mitte des Meeres ist, das der laut atmende Drachen umschließt, dann sollst du dich wiederum in dein glänzendes Gewand und in deine Toga kleiden, die darauf liegt, und sollst mit deinem Bruder, unserem Zweiten –, Erbe in unserem Reiche sein.«

IV.

Ich brach auf vom Morgenland und stieg hinab, geleitet von zwei Wächtern, denn der Weg war gefährlich und schwierig und ich war zu jung, ihn (allein) zu gehen. Ich durchschritt das Gebiet von Maischan, dem östlichen Treffpunkt der Kaufleute, und kam zum Lande Babylon und betrat die Mauern von Sarbug. Ich stieg hinab nach Ägypten und meine Gefährten (Wächter) verließen mich.

V.

Ohne Umweg ging ich zu dem Drachen, nahm Wohnung nahe seiner Stätte, bis er schlummern und schlafen würde und ich meine Perle ihm entwenden könnte. Und da ich völlig allein und den Mitbewohnern meiner Herberge ein Fremder war, erblickte ich dort einen Mann meines Stammes, einen Edelmann aus dem Morgenland, einen jungen Mann, schön und von Anmut, einen Sohn von höchstem Adel; und er kam und hing mir an.

VI.

Ich machte ihn zu meinem Freund und meinem Gefährten und ließ ihn teilhaben an meinem Handel. Ich warnte ihn vor den Ägyptern und vor den Beziehungen zu den Unreinen. Ich aber bekleidete mich mit ihren Gewändern, damit sie nicht gegen mich Verdacht schöpften, ich sei von auswärts gekommen, um die Perle zu nehmen, und damit sie nicht den Drachen gegen mich aufscheuchten.

VII.

Aus irgendeinem Grunde aber bemerkten sie, dass ich in ihrem Land ein Fremder war. Und sie näherten sich mir mit List und gaben mir zu essen ihre Speise. Ich vergaß, dass ich ein Königssohn war, und diente ihrem König als Sklave. Und alles was die Perle betraf vergaß ich, um derentwillen mich meine Eltern entsandt hatten; und durch die Schwere ihrer Speisen versank ich in tiefen Schlaf.

VIII.

All dies, was sich aber mit mir begab, ward meinen Eltern kund und sie sorgten sich meinetwegen. Und in unserem Königreiche wurde verkündet, dass ein jeder komme zum Tore (unseres Reiches): Die Könige und Häupter von Parthien und alle noblen Prinzen des Morgenlands; und meinetwegen fassten sie einen Entschluss, dass man mich nicht in Ägypten lassen solle. Und sie schrieben einen Brief an mich, und jeder Große unterzeichnete ihn mit seinem Namen:

IX.

»Von deinem Vater, dem König der Könige, und deiner Mutter, der Königin des Morgenlands, und von unserem Zweiten, deinem Bruder, dir senden wir, unserem Sohne in Ägypten, Gruß. Auf, erhebe dich von deinem Schlaf und höre die Worte unseres Briefes. Erinnere dich, dass du ein Königssohn bist. Siehe wem du als Sklave dienst! Erinnere dich an die Perle, derentwegen du nach Ägypten reistest!«

X.

»Erinnere dich deines glänzenden Gewandes und gedenke deiner prächtigen Toga, die du tragen sollst und mit der du geschmückt sein sollst, dass im Buche der Tapferen dein Name gelesen werde! Und mit deinem Bruder, unserem Erben, zusammen sollst du Thronfolger in unserem Reich sein!«

Der Brief war ein Sendung, die der König mit seiner Rechten versiegelt hatte, ihn zu verschonen vor den Bösen, den Kindern von Babylon und den tyrannischen Dämonen von Sarbug.

XI.

Er flog wie ein Adler, dem König aller Vögel. Er flog und ließ sich neben mir nieder, wurde ganz und gar zum Wort. Bei seiner Stimme, dem Geräusch seines Rauschens, erwachte ich und erhob mich aus meinem Schlaf; ich nahm ihn auf und küsste ihn und löste sein Siegel und las. Ganz so wie in meinem Herzen aufgezeichnet, waren geschrieben die Worte meines Briefes.

XII.

Ich entsann mich, dass ich ein Königssohn sei und ich entdeckte meine noble Abstammung. Ich erinnerte mich an die Perle, um derentwillen ich nach Ägypten gesandt worden war, und ich begann ihn zu beschwören, den grauenhaft schnaubenden Drachen. Ich versenkte ihn in Schlummer und Schlaf, da ich den Namen meines Vaters über ihm aussprach und den Namen unseres Zweiten und den meiner Mutter, der Königin des Morgenlands.

XIII.

Und ich entriss ihm die Perle und wandte mich um, zurückzukehren in meines Vaters Haus. Und ihr schmutziges und unsauberes Gewand zog ich aus und ließ es in ihren Landen. Und ich nahm den Weg auf zum Licht unseres Landes, zum Morgenland. Und meinen Brief, meinen Erwecker, fand ich vor mir auf dem Wege; wie er mich durch seine Stimme geweckt hatte, so führte er mich nun mit seinem Licht.

XIV.

Auf seidenem Stoff mit roter Farbe geschrieben, mit seinem Aussehen vor mir strahlend, mit der Stimme seiner Führung gab er mir Mut und spornte mich an mit seiner Liebe. Ich zog weiter und durchquerte Sarbug. Ich ließ Babylon zu meiner Linken und gelangte zum großen Maischan, zum Hafen der Kaufleute, der sich am Ufer des Meeres befindet.

XV.

Und das glänzende Gewand, das ich abgelegt hatte, und meine Toga, die es umhüllte, hatten meine Eltern von den Höhen Hyrkaniens durch ihre Schatzmeister hierher gesandt, die wegen ihrer Treue damit betraut wurden. Und da ich mich nicht seiner Art und Weise entsann – denn ich hatte doch mein Vaterhaus in meiner Kindheit verlassen, so wurde plötzlich das glänzende Gewand, als ich es mir gegenüber sah, mir gleich wie mein eigen Spiegelbild.

XVI.

Ich sah es als ein Ganzes und ich sah mich ganz in ihm mir gegenüber, denn wir waren zwei in Verschiedenheit und doch wiederum eins in einer Gleichheit. Und auch die Schatzmeister, die es mir gebracht hatten, sah ich in gleicher Weise: Sie waren zwei und waren doch gleich an Gestalt, denn ein Siegel des Königs befand sich auf ihnen, dessen, der mir mein Vertrauen und meinen Reichtum durch sie zurückgab.

XVII.

Mein glänzendes Gewand war geziert mit herrlichen Farben, mit Gold und mit Beryllen, mit Rubinen und Achaten und mit verschiedenfarbigen Sardonen. Es war in seiner Erhabenheit angefertigt worden, mit Diamantsteinen waren alle seine Nähte befestigt, und das Bild des Königs der Könige war in voller Größe überall aufgemalt. Und Saphiren gleich waren seine Farben bunt gewirkt.

XVIII.

Ich sah, dass in seinem ganzen Umfang die Bewegungen der Erkenntnis sichtbar wurden. Und ich sah weiter, dass es sich zum Sprechen bereitete. Ich hörte den Klang seiner Musik, die es bei seinem Herabkommen flüsterte:

»Siehe, ich gehöre zum flinkesten Diener, den sie für ihn vor meinem Vater großgezogen haben. Ich habe in mir gespürt, dass meine Gestalt mit seinen Werken wuchs.«

XIX.

Und mit seinen königlichen Bewegungen, ergoss es sich vollkommen über mir und auf der Hand seiner Überbringer, damit ich es empfinge. Und auch mich trieb meine Liebe an, ihm entgegenzueilen und es zu empfangen; und ich streckte mich hin, um es zu empfangen. Mit der Pracht seiner Farben schmückte ich mich und hüllte mich ganz in meine glänzend farbige Toga.

XX.

Ich kleidete mich in sie und stieg auf, zum Tor des Grußes und der Demut. Ich beugte mein Haupt und verehrte die Herrlichkeit meines Vaters, der es mir gesandt hatte, dessen Gebote ich befolgt hatte, so wie auch er erfüllte, was er verheißen hatte; und am Tore seiner Satrapen mischte ich mich unter seine Edelmänner, denn er hatte mich mit Wohlgefallen aufgenommen und ich war mit ihm in seinem Königreich.

XXI.

Ihm singen all seine Diener, mit süß klingenden Stimmen Lobpreisungen. Und er verkündete, dass ich zum Tore des Königs der Könige gehen solle und mit der Opfergabe meiner Perle mit ihm zusammen vor unserem König erscheinen solle.

Die Hymne des Judas Thomas des Apostels, die er in seiner Kerkerzelle sprach, endet hier.

 

Interpretation

Der Heilige Thomas sprach zu seinen Jüngern in kurzen Erzählungen und Parabeln, ähnlich wie das vor ihm Jesus tat. Zu den wichtigsten dieser Lehrparabeln, gilt dieser Hymnus. Das »Lied von der Perle« soll uns an unsere eigene Göttlichkeit erinnern und uns von den Verblendungen befreien, der unsere Menschenseelen ausgesetzt sind. Es gilt aber die Perle zu finden und aus den Fängen des Demiurgen, des Weltenbaumeisters, zu befreien. Im »Lied von der Perle« wird der Demiurg als »Drache« (Satan) bezeichnet. Die Perle, von der hier die Rede ist, über sie schrieb auch der Evangelist Matthäus:

[...] eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

- Matthäus 7:6

Die gnostische Interpretation dieses Verses, versteht unter den »Säuen« die Dämonen des Demiurgen. Vor ihnen soll man das höhere Selbst, den göttlich Funken, den jeder in sich trägt, bewahren. Es ist dieser »Licht-Funke« das Christus-Bewusstsein im Menschen. Somit ist die Perle ein Symbol für das im Menschen verborgene Geheimnis, dass in seinem Körper »begraben« liegt. Im Land der Ägypter sah Bardaisan die materielle Welt, den menschlichen Körper.

Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

- Matthäus 13:45-46

In diesem Gleichnis steht die Perle für den Höchstwert dessen, was der Finder besitzen wird. Wenn er klug genug ist, es zu erwerben, bekommt er einen Platz im kommenen "Königreich". Dieses Gleichnis ist quasi ein Echo auf das Lied der Perle.

Symbole im Text


Kleines Kind: der göttliche Funke im Menschen. Es ist auch ein Hinweis auf die Stufe der Initiation, wo der (untere) Mensch seine spirituelle Natur in sich erkennt und aus sich hervor bringt.

König: Gott.

Königin: der Heilige Geist.

Prinz: die Seele, welche im Paradies lebte und ausgeschickt wurde in die Welt (Ägypten). Der Prinz vergisst die Perle, welche über die Seele kommt, wenn sie in den Körper (Gewänder der Ägypter) eingekerkert ist.

Bruder des Prinzen: die »Zwillingsseele« des Menschen. Die »duale Sohnschaft«, die im Symbol des Prinzenbruders ausgedrückt ist, war ein weit verbreitetes Symbol bei den Gnostikern. Der Prinz und sein Bruder stehen für die beiden »Söhne«: einer der verbleibt und einer der weitergeht - d. h. der, der fortbesteht, ist der Christus. In Vers III lesen wir »deinem Bruder, unserem Zweiten«: dieser »Zweite« ist der Menschensohn, der überirdische Mensch. Und der Herabgestiegene, der Prinz, gewinnt die »Perle vom Bewusstsein des Höheren Selbst«, wird schließlich erhöht und auf die Stufe mit dem Menschensohn gebracht, so ist der Prinz gleichzeitig auch der Christus - Christus und der Menschesohn sind eins, so wie die inkarnierte Seele eins ist mit dem Höheren Selbst.

Zwei Wächter: wie der Bruder des Prinzen, gehören die beiden Wächter zum Symbol der Zwillinge. In antiken Legenden war der Zwilling ein Symbol für die Initiation. Als eine Art Zwilling kann man auch die beiden Diebe ansehen, die neben Christus am Kreuz hingen. Auch in der »Verklärung des Herrn«, wo auf Berg Tabor Jesus in gleißendem Licht erscheint (Lukas 9:28-36), sehen ihn drei Jünger begleit von zwei »Wächtern« - Moses und Elija. Im Kontext der Hermetik, sind es die beiden Schlangen, die sich im den Caduceus winden. Andererseits stehen die beiden Wächter auch für das Vater-Mutter-Androgyn der Seele, das zur Welt kommen will und mit der weltlichen Geburt in das Diesseits, mit dem ersten Atemzug, qausi die erste Initiation ins weltliche Menschsein erfährt. Es sind also die Kräfte, die zur Wiedergeburt zwingen.

Kaufleute: die Grenzen der materiellen Welt.

König der Ägypter: der Teufel.

Drachen (oder Schlange): der Demiurg, das heftige Verlangen. Er ist der Typhon, der Verschlinger, der Widersacher, der Herr der Leidenschaften. Auch ist der Drachen ein Symbol für die elementare, tierische Essenz der Materie.

Satrap: ein Stadthalter im alten Persien.


Vaterhaus: das Zuhause des Höheren Selbst.

Ägypten: der Kosmos in dem der Fleischkörper des Menschen »gefangen« ist. Es ist die materielle, irdische Welt, die vom Demiurgen erschaffen wurde, eine Welt die verführerisch den Menschen in Abhängigkeiten gefangen hält, darum auch »Unterwelt«. In dieser Welt schläft der Prinz, ist sich also unbewusst seiner wahren, himmlischen Herkunft.

Maischan: die äußerste Grenze zwischen der himmlischen Welt (Überwelt), dem Äther, und der irdischen Welt. Es ist dies in etwa zu vergleichen mit der Nachtreise des Propheten Mohammed, in der er sich zur äußersten Grenze des siebten Himmels begab (Sure 53:14-15) am Rande des Paradieses.

Babylon und Sarbug: die Gefahren auf dem Weg. Es sind die falschen Religionen und falschen Versprechungen, die den Menschen davon abhalten sich dem wahrhaft Göttlichen anzunähern.

Königreich: das Reich das im Morgenland liegt, im Osten, so wie das Paradies (Genesis 2:8), wo der Prinz in Reichtum und Wonne lebte.

Morgenland: die himmlische Lichtwelt, das Elysium im Osten. Es ist damit das Pleroma (Glanz- und Lichtmeer der Gnostiker) gemeint, wie auch die sogenannte Ogdoade - die Achtheit - eine Bezeichnung für die sieben Himmel (ptolemäische Planetensphären) und die "Achte Sphäre" (Fixsternhimmel) - somit also die geistigen Königreiche der Welt.

Meer: der »Ozean« der Genesis, das Meer der groben wie der feinen Materie. Das Meer ist das Manifestierte, in dem der Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt stattfindet.

In den Landen zurücklassen: der Prinz ließ seinen Körper während der Initiation in Verzückung zurück.

Hyrkanien: der Götterberg (Moriah, Meru), die »Überwelt«, das Pleroma (Glanz- und Lichtmeer der Gnostiker). Hyrkanien ist aber auch eine tatsächliche Gebirgslanfschaft im Süden des Kaspischen Meeres (heutiger Iran / Turkmenistan).


Reichtum: die Instinkte und Sinne des spirituellen Geistes.

Perle: das himmlische Königreich im Sinne der Gnosis, repräsentiert durch das höhere Selbst und den Gnostizismus an sich.

Glänzendes Gewand: der Lichtkörper, das Lichtgewand der Seele - eine kosmische Struktur (Gewebe) des Lichts und des Lebens. In diesem strahlenden Lichtgewand zeigte sich Jesus seinen Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus (»Taborlicht«, Lukas 9:28-36).

Purpurne Toga: das heilige Wissen des Menschen, seine innere Festigkeit. Purpur ist die Farbe der Könige, denn Bardaisan singt von der königlichen Seele.

Gewänder der Ägypter: der menschliche Körper. Die Gewänder der Ägypter müssen scharf abgegrenzt werden vom himmlischen Kleid, dem "Glänzenden Gewand". Die Aussage in Genesis 3:21, dass Gott Adam und Eva in "Kleider von Haut" machte", kann als diese Leiblichkeit interpretiert werden. Das Logion 56 des Thomas-Evangeliums dazu: "Wer auch immer kam um die Welt zu erkennen, fand nichts als eine Leiche. Und wer auch immer eine Leiche fand, der ist der Welt überlegen." 

Speisen der Ägypter: die weltlichen Freuden.

Brief: die Weisheit, verkörpert durch die Heilige Sophia.

Worte des Briefes: der Christus-Logos, der durch die Heilige Sophia zu dem Prinzen spricht und ihm hilft sich an seine wahre Herkunft zu erinnern.

Herz: die innerste Substanz der menschlichen Natur, in der das spirituelle Blut, die Lebenssubstanz des Menschen fließt. Der Pakt (Verpflichtung) der geschlossen wurde, wurde nicht in den Geist, sondern ins Herz geschrieben, wo er nicht vergessen werden kann - kurz: nicht Wissen, sondern mystische Erfahrung der Einweihung.

Namen: die Kräfte.

Adler: der höchste Einweihungsgrad, der z. B. in den Mithras-Mysterien dem »Grad des Vaters« entspricht.

Niederlassen des Vogels: das Niedersteigen des Heiligen Geistes bzw. des geistigen Bewusstseins.

Linke: der Prinz geht zur Rechten, wie alle die in den Mysterien eingeweiht werden.

Spüren: das Werk des Kausalkörpers, der Kausalhülle, die das höhere Ich bildet.

Spiegelbild: der himmlische Doppelgänger der Seele, der Schutzengel als himmlisches Ebenbild (Abbild) des Menschen. Dieser Schutzengel existierte schon vor dem Menschen, war sogar vor der Grundlegung der Welt entstanden (Genesis 1:26).

Das Thomas-Evangelium

Das Thomas-Evangelium

Dies sind die geheimen Sprüche die Jesus der Lebendige sprach und die Didymos Judas Thomas niederschrieb.

1. Und er sprach: "Wer auch immer die Auslegung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken."

2. Jesus sprach: "Der der sucht, soll weitersuchen bis er findet. Sobald er findet, wird er aufgewühlt sein. Und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird herrschen über das All."

3. Jesus sprach: "Wenn jene die euch führen sagen 'Siehe, das Königreich ist im Himmel', dann werden euch die Vögel vorausgehen. Wenn sie euch sagen, 'es ist im Meer', so werden euch die Fische vorausgehen. Doch eher ist das Königreich in euch, und es ist außerhalb von euch.
Wenn ihr kommt euch zu erkennen, dann werdet ihr erkannt werden, und so wird euch gewahr, dass ihr die Kinder des lebendigen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, so seid ihr in Armut und ihr selbst seid diese Armut."

4. Jesus sprach: "Ein betagter Mensch wird nicht zögern ein Kleinkind von sieben Tagen nach dem Ort des Lebens zu fragen, und er wird leben. Denn viele die die ersten waren, werden die letzten sein, und sie werden sein ein All-Einiger."

5. Jesus sprach: "Erkenne was vor deinem Angesicht ist und das was verborgen ist, dass wird sich dir enthüllen. Denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht zum Vorschein kommen wird."

6. Seine Jünger fragten ihn und sagten zu ihm: "Willst du das wir fasten? Wie sollen wir beten? Sollen wir Almosen geben? Und von welcher Speise sollen wir uns fern halten?"
Jesus sprach: "Erzählt keine Lügen und tut nicht was ihr hasst, denn alles ist offenbar im Angesicht des Himmels. Denn es ist nichts Verborgenes, dass nicht offenbar werden wird und nichts Verhülltes wird bleiben, ohne enthüllt zu werden."

7. Jesus sprach: "Ein Seliger ist der Löwe, den der Mensch isst, und der Löwe wird Mensch sein. Und verflucht ist der Mensch, den der Löwe frisst und der Löwe wird Mensch sein."

8. Und er sprach, "Das Königreich gleicht einem weisen Fischer, der sein Netz im Meer auswirft und vom Grund des Meeres viele kleine Fische heraufzieht. Darunter fand der Fischer einen großen, schönen Fisch. Er warf alle kleinen Fische zurück ins Meer und behielt sorglos den großen Fisch. Wer Ohren hat zu hören, der höre."

9. Jesus sprach: "Siehe, der Sämann ging hinaus, nahm eine Hand voll (Samen) und warf. Manche fielen auf den Weg, die Vögel kamen und sammelten sie auf. Andere fielen auf den Felsen, so dass sie in der Erde keine Wurzeln schlugen und keine Ähren hervorbrachten. Und andere fielen in die Dornen, so dass die Saat erstickten und Würmer sie fraßen. Und andere fielen auf gute Erde und brachten gute Frucht hervor: sie brachte sechzig Maß und hundertundzwanzig Maß."

10. Jesus sprach: "Ich habe Feuer auf die Welt (gesetzliche Staatsordnung) geworfen, und siehe, ich bewache es bis es brennt."

11. Jesus sprach: "Dieser Himmel wird vergehen, und der darüber wird vergehen. Die Toten sind nicht lebendig, und die Lebendigen werden nicht sterben. In den Tagen als ihr von dem aßt was tot ist, machtet ihr daraus was lebendig ist. Wenn ihr kommen solltet, im Licht zu weilen, was ist's das ihr tun werdet? Am Tage da ihr eins ward, wurdet ihr zwei. Doch wenn ihr zwei werdet, was werdet ihr tun?"

12. Die Jünger sprachen zu Jesus, "Wir wissen, das wir dich nicht bei uns halten können. Wer ist es, der groß über uns werden soll?"
Jesus sprach zu ihnen, "Wo auch immer ihr seid, gehet zu Jakobus dem Gerechten, dessentwegen Himmel und Erde entstanden sind."

13. Jesus sprach zu seinen Jüngern: "Vergleicht mich und sagt mir wem ich gleiche."
Simon Petrus sprach zu ihm: "Du gleichst einem gerechten Engel."
Matthäus sprach zu ihm: "Du gleichst einem weisen Philosophen."
Thomas sprach zu ihm: "Meister, mein Mund ist vollkommen unfähig zu sagen wem du gleichst."
Jesus sprach: "Ich bin nicht euer Meister. Denn ihr trankt, wurdet trunken von der sprudelnden Quelle, die ich vermessen habe."
Und er nahm ihn (Thomas) und zog sich zurück und sagte ihm drei Dinge. Als Thomas zu seinen Gefährten zurückkehrte, fragten sie ihn: "Was hat dir Jesus gesagt?"
Thomas sprach zu ihnen: "Wenn ich euch eines der Worte sage, die er zu mir sprach, werdet ihr Steine nehmen und nach mir werfen und ein Feuer wird aus den Steinen kommen und werden euch verbrennen."

14. Jesus sprach zu ihnen, "Wenn ihr fastet, werdet ihr euch versündigen; und wenn ihr betet, werdet ihr verurteilt werden; und wenn ihr Almosen gebt, werdet ihr eurem Lebensgeist schaden. Wenn ihr in irgend ein Land geht und in den Gebieten wandelt, wenn man euch aufnimmt, so esst was man euch vorsetzt und heilt die Kranken unter ihnen.
Denn was in eueren Mund geht, wird euch nicht schaden. Eher das was aus euerem Munde herauskommt, ist was euch schaden wird."

15. Jesus sprach: "Wenn ihr einen seht, der nicht in einer Frau gezeugt wurde (und nicht von ihr geboren wurde), werft euch auf euer Antlitz und verehrt ihn. Jener ist euer Vater."

16. Jesus sprach: "Vielleicht denken die Menschen, ich sei gekommen um Frieden auf die Welt zu bringen. Sie wissen nicht das ich kam Zwietracht über die Erde zu bringen, Feuer, Schwert und Krieg. Denn es werden fünf in einem Hause sein: drei werden gegen zwei, und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater sein. Und sie werden dastehen, werden alleine sein."

17. Jesus sprach: "Ich werde euch geben was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und was keine Hand berührt und was niemals im Herz des Menschen aufstieg."

18. Die Jünger sprachen zu Jesus, "Erzähl uns auf welche Weise wird sich unser Ende ereignen."
Jesus sprach: "Habt ihr enthüllt den Anfang, so dass ihr suchen werdet nach dem Ende? Denn an der Stelle wo der Anfang ist, dorthin wird das Ende kommen. Selig ist jener der am Anfang stehen wird;
er wird das Ende kennen und den Tod nicht schmecken."

19. Jesus sprach: "Selig der, der wurde bevor er wurde. Wenn ihr meine Jünger werdet und meinen Worten lauscht, werden euch diese Steine Diener sein. Denn fünf Bäume stehen für euch im Paradies, die Sommers wie Winters unbeschadet bleiben und deren Blätter nicht abfallen. Wer auch immer sie erkennt, wird den Tod nicht schmecken."

20. Die Jünger sprachen zu Jesus: "Sag uns wem das Himmelreich gleicht."
Er sprach zu ihnen: "Es ist wie ein Senfkorn, das kleinste aller Samen. Wenn es aber auf gepflügten Ackerboden fällt, wächst daraus eine großer Zweig, der zum Schutz der Vögel des Himmels wird."

21. Maria sprach zu Jesus: "Wem gleichen deine Jünger?"
Er sprach, "Sie gleichen kleinen Kindern die sich auf einem Feld niedergelassen haben, das ihnen nicht gehört. Wenn die Eigentümer des Feldes kommen werden sie sagen, 'Gebt uns unser Feld zurück'. Sie entkleiden sich vor ihnen, es ihnen zu überlassen und ihnen ihr Feld zurück zu geben. Darum sage ich: Wenn der Herr des Hauses weiß, dass ein Dieb kommen wird, wird er es bewachen, bevor er kommt und wird ihn nicht in das Haus seines Königreiches lassen, damit er seine Güter wegnimmt. Ihr aber, seid auf der Hut angesichts der Welt. Gürtet euch mit großer Stärke, damit die Räuber keinen Weg finden zu euch zu kommen, denn was ihr im Außen erwartet das wird (sicherlich) auch eintreten. Möge unter euch ein ein weiser Mensch sein. Wenn das Getreide reif ist, kommt er mit der Sichel in seiner Hand und mäht es. Wer auch immer Ohren hat zu hören, der höre."

22. Jesus sah Kleine, die gesäugt wurden.
Er sprach zu seinen Jüngern: "Diese Kleinen die gesäugt werden, sind wie jene die ins Königreich eingehen."
Sie sprachen zu ihm, "Werden wir als Kleine ins Königreich eingehen?"
Jesus sprach zu ihnen, "Wenn ihr aus zweien eins macht, und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht, und das Obere wie das Untere, und wenn ihr aus Männlichem und Weiblichem ein und das selbe macht, so dass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist; und wenn ihr Augen anstelle eines Auges macht, und eine Hand anstelle einer Hand, und einen Fuß anstelle eines Fußes, und ein Ebenbild anstelle eines Ebenbildes, so werdet ihr (in das Königreich) eingehen."

23. Jesus sprach: "Ich will euch erwählen, einen aus tausend, und zwei aus zehntausend, und sie werden als ein Einziger dastehen."

24. Seine Jünger sprachen zu ihm: "Zeige uns den Ort (Punkt) an dem du bist, denn es ist für uns notwendig danach zu suchen."
Er sprach zu ihnen: "Wer auch immer Ohren hat, lass ihn hören. Da ist Licht im Innern des Lichtmenschen, und er wird zum Licht der ganzen Welt. Wenn er nicht scheint, so ist er Finsternis."

25. Jesus sprach: "Liebe deinen Bruder wie deine Seele (Psyche), hüte ihn wie die Pupille deines Auges."

26. Jesus sprach: "Ihr seht den Splitter im Auge eures Bruders, doch den Balken in eurem eigenen Auge seht ihr nicht. Wenn ihr den Balken aus eurem eigenen Auge zieht, dann werdet ihr sehen können, um den Splitter aus dem Auge eures Bruders zu ziehen."

27. Jesus sprach: "Wenn ihr euch nicht der Welt enthaltet, werdet ihr das Königreich nicht finden. Wenn ihr den Sabbat nicht haltet wie einen Sabbat, so werdet ihr den Vater nicht sehen."

28. Jesus sprach: "Ich stand an dem Ort in der Mitte der Welt, und
erschien ihnen im Fleisch. Sie alle fand ich trunken; niemand unter ihnen durstete. Und meine Seele war traurig über die Menschenkinder, denn sie sind blind in ihren Herzen und sehen nicht; denn leer kamen sie in die Welt und leer werden sie sie verlassen."

29. Jesus sprach: "Wenn das Fleisch durch den Geist entstand,
ist es ein Wunder. Wenn aber der Geist durch den Körper entstand, ist es ein Wunder der Wunder. Doch erstaunt bin ich, wie dieser große Reichtum, Wohnung in dieser Armut nahm."

30. Jesus sprach: "Wo drei Götter sind, sind sie in Gott. Wo zwei oder einer ist, mit ihm lebe ich."

31. Jesus sprach: "Kein Prophet wird in seinem eigenen Dorf akzeptiert; Kein Arzt heilt jene, die ihn kennen."

32. Jesus sprach: "Eine Stadt die auf einem hohen Berg gebaut und befestigt ist, wird nicht fallen, noch kann sie verborgen werden."

33. Jesus sprach: "Was ihr in euerm Ohr hört, verkündet es den anderen Ohren von euern Dächern. Denn keiner entzündet eine Lampe und stellt sie unter einen Scheffel, noch stellt er sie an einen verborgenen Ort, eher aber setzt er sie auf einen Leuchter, damit jeder der eintritt und hinausgeht das Licht schauen darf."

34. Jesus sprach: "Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in eine Grube."

35. Jesus sprach: "Niemandem ist möglich in das Haus eines Starken einzudringen und es gewaltsam einzunehmen, es sei denn er fessele ihn; dann wird er sein Haus plündern."

36. Jesus sprach: "Sorgt euch nicht von morgens bis abends und vom Abend bis zum Morgen darüber, was ihr tragen werdet."

37. Seine Jünger sprachen: "Wann wirst du dich uns enthüllen und wann werden wir dich sehen?"
Jesus sprach: "Wenn ihr euch ohne Scham entkleidet und eure Kleider nehmt und unter eure Füße legt, wie die kleinen Kinder und auf sie tretet, dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen (sehen) und ihr werdet euch nicht fürchten."

38. Jesus sprach: "Oftmals wünschtet ihr diese Worte zu hören, die ich zu euch spreche, und ihr habt niemand anderen, sie von ihm zu hören. Es werden Tage kommen da werdet ihr nach mir suchen und werdet mich nicht finden."

39. Jesus sprach: "Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Erkenntnis (Gnosis) genommen und haben sie versteckt. Sie selbst sind nicht eingetreten, noch haben sie es denen gestattet die eintreten wollen. Ihr jedoch seid weise wie die Schlangen und unschuldig wie die (weißen) Tauben."

40. Jesus sprach: "Ein Weinstock wurde außerhalb des Vaters gepflanzt, da er aber nicht befestigt ist, wird er an der Wurzel ausgerissen werden und verderben."

41. Jesus sprach: "Wer in seinen Händen hält, dem wird gegeben, und wer nichts hat, dem wird sogar sein Weniges genommen."

42. Jesus sprach: "Werdet in dem ihr dahinscheidet."

43. Sein Jünger sprachen zu ihm: "Wer seid ihr, dass ihr diese Dinge zu uns sagt?"
Jesus sprach: "Ihr versteht nicht wer ich bin daran was ich zu euch sage, ihr aber seid geworden wie die Judäer, die den Baum entweder lieben und seine Früchte hassen oder die Früchte lieben und den Baum hassen."

44. Jesus sprach: "Wer auch immer wider den Vater lästert, dem wird vergeben. Wer auch immer wider den Sohn lästert, dem wird vergeben. Wer jedoch wider den Heiligen Geist lästert, dem wird weder auf Erden noch im Himmel vergeben werden."

45. Jesus sprach: "Trauben werden nicht aus Dornensträuchern geerntet, noch Feigen aus Disteln, da sie keine Frucht geben. Ein edler Mensch bringt Gutes aus seinem Schatz hervor; Ein böser Mensch bringt Böses aus dem Schatz seines Herzens hervor, und spricht Übles, da er aus der Überfülle seines Herzens üble Dinge hervorbringt."

46. Jesus sprach: "Von Adam bis Johannes dem Täufer gibt es unter den von Frauen Geborenen, keinen höheren als Johannes den Täufer, das seine Augen (vor ihm) nicht niedergeschlagen werden sollen. Doch ich habe gesagt: Wer auch immer von euch wird werden ein Kleiner, der wird das Königreich erkennen und wird größer werden als Johannes."

47. Jesus sprach: "Es ist einem Menschen nicht möglich, dass er zwei Pferde besteigt oder das er zwei Bogen spannt. Und es ist unmöglich für einen Diener zwei Herren zu dienen; sonst wird er den einen verehren und den anderen geringschätzen. Niemand trinkt alten Wein und will sofort neuen Wein trinken. Und neuer Wein wird nicht in alte Weinschläuche gefüllt, da diese sonst platzten; noch wird alter Wein in neue Weinschläuche gefüllt, damit sie ihn nicht verderben. Man näht nicht alte Flicken auf ein neues Gewand, da sonst ein Riss entstünde."

48. Jesus sprach: "Wenn zwei miteinander Frieden schließen, in diesem einen Haus, werden sie sagen zu dem Berg: 'bewege dich fort' und er wird sich fort bewegen."

49. Jesus sprach: "Selig sind die Einsamen und Erwählten, denn ihr werdet finden das Königreich. Denn von dort kamt ihr, und dort hin werdet ihr zurückkehren."

50. Jesus sprach: "Wenn sie zu euch sagen, 'Wo kamt ihr her?',
sagt ihnen, 'Wir kamen aus dem Licht, dem Ort wo das Licht von selbst entstand, (sich selbst) begründete und sich in ihrem Bilde offenbarte.' Wenn sie zu euch sagen, 'Ihr seid es?', sagt, 'Wir sind seine Kinder und wir sind die Erwählten des lebendigen Vaters.' Wenn sie euch fragen, 'Was ist das Zeichen eures Vaters in euch?', sagt ihnen, 'Es ist Bewegung und Ruhe.'"

51. Seine Jünger sprachen zu ihm: "Wann wird sich die Ruhe der Toten ereignen, und wann wird die neue Welt kommen?"
Er sprach zu ihnen: "Was ihr erwartet, ist bereits gekommen, doch ihr erkennt es nicht."

52. Seine Jünger sprachen zu ihm: "Vierundzwanzig Propheten sprachen in Israel, und alle sprachen in dir."
Er sprach zu ihnen: "Ihr habt ausgelassen den Lebendigen, der vor euch ist und habt (nur) von den Toten gesprochen."

53. Sie sprachen zu ihm: "Ist die Beschneidung von Nutzen oder nicht?"
Er sprach zu ihnen: "Wenn es von Nutzen wäre, hätte der Vater sie in ihrer Mutter bereits beschnitten gezeugt. Eher hatte die wahre Beschneidung des Geistes vollen Nutzen gehabt."

54. Jesus sprach: "Selig sind die Armen, denn euer ist das Himmelreich."

55. Jesus sprach: "Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, kann nicht mein Jünger werden. Und wer nicht seine Brüder und Schwestern hasst und nicht das Kreuz nimmt wie ich, wird meiner nicht wert sein."

56. Jesus sprach: "Wer auch immer kam um die Welt zu erkennen, fand nichts als (nur) eine Leiche. Und wer auch immer eine Leiche fand, der ist der Welt überlegen."

57. Jesus sprach: "Das Königreich des Vaters gleicht einem Menschen der (gute) Saat hatte. Sein Feind kam des Nachts und säte Unkraut unter die gute Saat. Der Mensch erlaubte den Arbeitern nicht, das Unkraut auszureißen; er sprach zu ihnen: 'Ich fürchte ihr wollt das Unkraut jäten und reißt auch das Getreide heraus.' Denn am Tag der Ernte wird das Unkraut deutlich sichtbar werden, und es wird ausgerissen und verbrannt werden."

58. Jesus sprach: "Selig ist wer gelitten hat. Er hat das Leben gefunden."

59. Jesus sprach: "Achtet auf den Lebendigen, solange ihr lebt, damit ihr nicht sterbt und euch bemüht, ihn zu sehen, und unfähig werdet sehen zu können."

60. (Er sah) einen Samariter der ein Lamm auf seinem Weg nach Judäa trug. Er sprach zu seinen Jüngern: "Dieser ist um das Lamm"
Sie sprachen zu ihm: "So dass er es schlachte und esse."
Er sprach zu ihnen: "Solange es lebt, wird er es nicht essen, sondern nur, wenn er es geschlachtet hat und es eine Leiche geworden ist."
Sie sprachen zu ihm: "Er kann nicht anders tun."
Er sprach zu ihnen: "Auch ihr sucht nach einem Ort, wo ihr Ruhe findet, damit ihr keine Leiche und nicht gegessen werdet."

61. Jesus sprach: "Zwei werden sich auf einem Bett ausruhen: der eine wird sterben und der andere wird leben."
Salome sprach zu ihm: "Wer bist du Mensch, obwohl vom Einen, kamst du auf mein Bett und aßest von meinem Tisch?"
Jesus sprach zu ihr: "Ich bin er, der vom Ganzen (Ungeteilten) herkommt. Mir wurde von den Dingen meines Vaters gegeben."
(Salome sprach:) "Ich bin deine Jüngerin."
(Jesus sprach zu ihr:) "Darum sage ich, wenn er (ganz) sein wird, wird er vom Licht erfüllt sein, wenn er aber geteilt ist, wird er von Finsternis erfüllt sein."

62. Jesus sprach: "Ich spreche von meinen Geheimnissen, zu denen die der Geheimnisse Wert sind. Lasse nicht deine Linke wissen, was deine Rechte tut."

63. Jesus sprach: "Da war ein reicher Mann, der viel Geld hatte. Er sprach: 'Ich sollte mein Geld verwenden, um sähen, ernten, pflanzen, und meine Speicher mit Erzeugnissen füllen, damit mir an nichts fehlt. So dachte er, doch in jener Nacht starb er. Wer Ohren hat, möge hören."

64. Jesus sprach: "Ein Mann empfing Gäste. Und als er das Mahl angerichtet hatte, sandte er nach seinem Diener Gäste einzuladen. Er ging zum ersten und sagte zu ihm: 'Mein Herr lädt dich ein.' Er sprach: 'Ich habe Forderungen gegenüber einiger Händler (einzuholen). Sie kommen heute Abend zu mir. Ich werde gehen und ihnen Anweisungen erteilen. Ich entschuldige mich für das Mahl.' Er ging zu einem anderen und sprach: 'Mein Herr lädt dich ein.' Er sprach zu ihm: 'Ich habe gerade ein Haus gekauft und werde den Tag über gebraucht. Ich werde keine Zeit haben.' Er ging zu einem anderen und sagte: 'Mein Herr lädt dich ein.' Er sprach zu ihm: 'Mein Freund wird heiraten und ich werde das Mahl zubereiten. Ich kann nicht kommen. Ich entschuldige mich für das Mahl.' Er ging zu einem anderen und sprach: 'Mein Herr lädt dich ein.' Er sprach zu ihm: 'Ich habe einen Gutshof gekauft, und bin auf dem Weg die Pacht einzuholen. Ich werde nicht kommen können. Ich bitte um Entschuldigung.' Der Diener ging zurück und sprach zu seinem Herrn: 'Die du zum Mahl geladen hast, baten um Entschuldigung.' Der Herr sprach zu seinem Diener, 'Geh hinaus auf die Straßen und bringe wen du findest, damit sie speisen dürfen.' Geschäftsleute und Händler werden die Orte meines Vaters nicht betreten."

65. Er sprach: "Da war ein guter Mann, der besaß einen Weinberg. Er verpachtete ihn an Winzer, damit sie ihn beackern mögen und er die Frucht von ihnen erhielte. Er schickte seinen Diener, damit die Pächter ihm die Erzeugnisse des Weinberges gäben. Sie vergriffen sich an seinem Diener und schlugen ihn - hätten ihn fast erschlagen. Der Diener kehrte zu seinem Herrn zurück und sagte es ihm. Sein Herr sprach: 'Vielleicht hat er sie nicht erkannt.' Er sandte einen anderen Diener. Die Pächter schlugen auch ihn. Dann sandte der Eigentümer seinen Sohn und sagte: 'Vielleicht werden sie meinen Sohn respektieren.' Da aber die Pächter erkannten, dass es der Erbe des Weinberges war, ergriffen sie ihn und schlugen ihn tot. Wer Ohren hat, möge hören."

66. Jesus sprach: "Zeig mir die Steine, die die Bauleute verworfen haben: Das ist der Eckstein."

67. Jesus sprach: "Jene die alles erkennen, jedoch sich selbst gegenüber verfehlen, verfehlen vollkommen."

68. Jesus sprach: "Selig seid ihr wenn ihr gehasst und verfolgt werdet. Wo auch immer sie euch verfolgt haben, werden sie den Ort nicht finden."

69. Jesus sprach: "Selig sind jene, die in ihren Herzen verfolgt wurden. Sie sind es, die den Vater wahrhaftig erkannt haben.
Selig sind die Hungrigen, denn der Magen der verlangt wird gefüllt."

70. Jesus sprach: "Wenn ihr das hervorbringt, was in euch ist, wird euch retten was ihr habt. Wenn ihr nicht das hervorbringt, was in euch ist, wird euch das was ihr nicht hervorbringt töten."

71. Jesus sprach: "Ich werde dieses Haus niederreißen, und keiner wird fähig sein es wieder aufzubauen."

72. Ein Mann sprach zu ihm: "Sage meinen Brüdern, dass sie die Güter meines Vaters mit mir teilen sollen."
Er sprach zu ihm: "Oh Mann, wer machte mich zu einem Teiler?"
Er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach: "Ich bin kein Teiler - bin ich einer?"

73. Jesus sprach: "Die Ernte ist groß, doch der Arbeiter sind wenige.
Darum bittet den Herrn, das er Arbeiter für die Ernte sende."

74. Er sprach: "Oh Herr, viele sind um die Trinkmulde, doch nichts ist in der Zisterne."

75. Jesus sprach: "Viele stehen an der Tür, doch es sind die Einsamen, die ins Brautgemach eintreten werden."

76. Jesus sprach: "Das Königreich des Vaters gleicht einem Händler der Waren hatte und der eine Perle entdeckte.
Dieser Händler war klug. Er verkaufte die Ware und kaufte sich allein die Perle. Auch ihr solltet nach dem unfehlbaren und beständigen Schatz suchen, woran keine Motte kommt zu nagen und kein Wurm um zu zerstören."

77. Jesus sprach: "Ich bin das Licht dass über allen ist. Ich bin das All. Aus mir ist das All hervorgegangen, und bis an mich dehnt es sich aus. Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebt den Stein auf und ihr werdet mich dort finden."

78. Jesus sprach: "Warum seid ihr in die Wüste hinaus gegangen? Um ein Schilf im Winde schwanken zu sehen? Und einen Menschen zu sehen, der in weiche Gewänder gekleidet ist, wie eure Könige und ehrenwerten Männer? Unter ihnen sind die feinen Gewänder und sie sind unfähig die Wahrheit zu erkennen."

79. Eine Frau aus der Menge sprach zu ihm: "Gesegnet sei der Schoß der dich zur Welt brachte und die Brüste die dich säugten."
Er sprach zu ihr: "Selig sind jene, die das Wort des Vaters vernahmen und es wahrhaftig bewahrten. Denn es werden Tage kommen an denen ihr sagen werdet: Gesegnet sei der Schoß der nicht empfangen hat und die Brüste die keine Milch gaben."

80. Jesus sprach: "Er der die Welt erkannt hat, hat den ganzen Körper gefunden. Er aber der den ganzen Körper gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig."

81. Jesus sprach: "Wer reich geworden ist, soll König sein und wer die Macht besitzt, soll sie aufgeben."

82. Jesus sprach: "Er der mir nahe steht, ist dem Feuer nahe, und wer mir fern ist, ist fern des Königreichs."

83. Jesus sprach: "Die Abbilder sind den Menschen sichtbar, doch das Licht in ihnen bleibt im Abbild des Lichtes des Vaters verborgen. Er wird offenbar werden, doch dieses Abbild wird durch sein Licht verborgen bleiben."

84. Jesus sprach: "Wenn ihr eure Ähnlichkeit erblickt, jubelt ihr. Wenn ihr aber eure Abbilder seht, die vor euch entstanden, und die weder sterben noch sich offenbaren, wieviel müsst ihr dann ertragen!"

85. Jesus sprach: "Adam wurde geschaffen aus einer großen Macht und großem Reichtum, doch er wurde eurer nicht würdig. Denn wäre er würdig gewesen, hätte er den Tod nicht geschmeckt."

86. Jesus sprach: "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, doch der Menschensohn hat keinen Ort, sein Haupt niederzulegen und auszuruhen."

87. Jesus sprach: "Bemitleidenswert ist der Leib, der von einem Leibe abhängig ist, und bemitleidenswert ist die Seele die abhängig ist von diesen beiden."

88. Jesus sprach: "Die Engel und die Propheten werden zu euch kommen und euch geben was (bereits) euch gehört. Und auch ihr gebt ihnen Dinge die ihr habt, und sagt unter euch: Wann werden sie kommen und das ihre empfangen?"

89. Jesus sprach: "Warum wascht ihr die Außenseite des Bechers? Versteht ihr nicht, dass der, der das Innere gemacht hat, der Selbe ist, der das Äußere gemacht hat?"

90. Jesus sprach: "Kommt zu mir, denn leicht ist mein Joch und meine Herrschaft ist mild, und ihr werdet für euch selbst Ruhe finden."

91. Sie sprachen zu ihm: "Sag uns wer du bist, damit wir an dich glauben können."
Er sprach zu ihnen: "Ihr lest das Antlitz des Himmels und der Erde, doch habt ihr nicht den erkannt, der vor euch ist, und ihr wisst nicht zu prüfen diesen Augenblick."

92. Jesus sprach: "Sucht, und ihr werdet finden. Doch worüber ihr mich einst fragtet und was ich euch nicht sagte, will ich euch jetzt sagen, ihr aber fragt nicht danach."

93. Jesus sprach: "Gebt nicht was Hunden heilig ist, damit sie es nicht auf den Misthaufen werfen. Werft nicht die Perlen vor die Schweine, damit sie sie nicht [...]."

94. Jesus sprach: "Wer sucht der wird finden, wer anklopft, dem wird aufgetan."

95. Jesus sprach: "Wenn ihr Geld habt, verleiht es nicht mit Zinsen, sondern gebt (es) jemandem, von dem ihr es nicht zurück bekommt."

96. Jesus sprach: "Das Königreich des Vaters gleicht einer Frau. Sie nahm etwas Sauerteig, (verbarg) es im Teig, und machte daraus große Laibe. Wer Ohren hat, möge hören."

97. Jesus sprach: "Das Königreich des (Vaters) gleicht einer Frau, die einen Krug voller Mehl trug. Während sie auf fernem Wege ging, brach der Henkel des Kruges und das Mehl verstreute sich hinter ihr auf dem Weg. Sie bemerkte es nicht; sie bemerkte den Unfall nicht. Als sie ihr Haus erreichte, stellte sie den Krug ab und fand ihn leer."

98. Jesus sprach: "Das Königreich des Vaters ist wie ein Mann der einen Mächtigen töten wollte. In seinem eigenen Haus zog er das Schwert, schlug es in die Wand, um herauszufinden, ob seine Hand stark genug wäre. Dann erschlug er den Mächtigen."

99. Die Jünger sprachen zu ihm: "Eure Brüder und eure Mutter stehen draußen."
Er sprach zu ihnen: "Jene hier, die den Willen meines Vaters tun, sind meine Brüder und meine Mutter. Sie sind es die ins Königreich meines Vaters eingehen werden."

100. Sie zeigten Jesus eine Goldmünze und sprachen zu ihm: "Die Männer Cäsars verlangen Steuern von uns."
Er sprach zu ihnen: "Gebt Cäsar, was Cäsar gehört, gebt Gott was Gott gehört, und gebt mir was mein ist."

101. Jesus sprach: "Wer seinen Vater nicht hasst und seine Mutter, so wie ich es tue, kann nicht mein Jünger werden. Und wer immer seinen Vater (nicht) liebt und seine Mutter, so wie ich es tue, kann nicht mein Jünger werden. Denn meine Mutter [...], aber (meine) wahre (Mutter) gab mir das Leben."

102. Jesus sprach: "Wehe den Pharisäern, die sind wie ein Hund der in der Krippe des Ochsen schläft. Denn weder frisst er, noch lässt er die Ochsen fressen."

103. Jesus sprach: "Glücklich ist der Mensch, der weiß wo die Räuber einsteigen werden, damit er aufstehe, so dass er seinen Besitz einsammle und sich bewaffnet bevor sie einfallen."

104. Sie sprachen zu Jesus: "Komm, lass uns heute beten und lass uns heute fasten."
Jesus sprach: "Was ist die Sünde die ich begangen habe oder worin bin ich besiegt worden? Wenn aber der Bräutigam das Brautgemach verlässt, dann lasst sie fasten und beten."

105. Jesus sprach: "Er der Vater und Mutter kennt, wird Sohn der Hure genannt werden."

106. Jesus sprach: "Wenn ihr zwei zu einem macht, werdet ihr Menschensöhne werden, und wenn ihr sagt: 'Berg, bewege dich fort,' wird er sich hinweg bewegen."

107. Jesus sprach: "Das Königreich gleicht einem Schäfer der hundert Schafe besaß. Eines davon, das größte, verirrte sich. Er ließ die neunundneunzig Schafe und suchte nach dem einen, bis er es fand. Nachdem er soviel Ärger damit hatte, sprach er zu dem Schaf: 'Ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.'"

108. Jesus sprach: "Wer trinkt von meinem Mund, wird werden wie ich. Ich selbst werde werden wie er, und die Dinge im Verborgenen werden ihm enthüllt werden."

109. Jesus sprach: "Das Königreich ist wie ein Mensch der auf seinem Acker einen (verborgenen) Schatz hatte, von dem er nichts wusste. Und (nachdem) er verstarb, überließ er ihn seinem Sohn. Der Sohn wusste nicht (von dem Schatz). Er erbte den Acker und verkaufte (ihn). Und der ihn kaufte, pflügte den Acker und fand den Schatz. Er begann Geld gegen Zinsen zu verleihen, wem er auch wollte."

110. Jesus sprach: "Wer immer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll die Welt aufgeben."

111. Jesus sprach: "Der Himmel und die Erde werden in eurer Gegenwart aufgerollt werden. Und einer der vom Lebendigen Einen lebt, wird den Tod nicht schmecken. Sagt nicht Jesus: Wer immer sich selbst findet, dessen ist die Welt nicht würdig?"

112. Jesus sprach: "Wehe dem Fleisch, das von der Seele abhängt; wehe der Seele die vom Fleisch abhängt."

113. Seine Jünger sprachen zu ihm: "Wann wird das Königreich kommen?"
Jesus sprach: "Es wird nicht kommen, wenn es erwartet. Niemand wird sagen, hier ist es, oder dort ist es. Eher ist das Königreich des Vaters auf der Erde ausgebreitet, und die Menschen sehen es nicht."

114. Simon Petrus sprach zu ihm: "Maria (Magdalena) soll von uns gehen, denn Frauen sind des Lebens nicht wert."
Jesus sprach: "Ich selbst werde sie führen, um sie männlich zu machen, so dass auch sie ein lebendiger Geist (Pneuma) wird, der euch Männern gleicht. Denn jede Frau die sich selbst männlich macht, wird in das Königreich des Himmels eingehen."

Der Manichäismus - eine gnostische Weltreligion

Im Manichäismus, der im 3. Jahrhundert n. Chr. aus dem Boden der spätantiken Gnosis herauswuchs, begegnen wir einem umfassenden und in sich geschlossenen Religionssystem, das – von den Kirchenvätern heftig bekämpft – lange Zeit den gefährlichsten Rivalen des offiziellen, kirchlich verfassten Christentums darstellte.

Selbst ein so bedeutsamer Theologe wie Augustinus (354–430) hatte elf Jahre lang den Lehren des Manichäismus angehangen, bevor er zum offiziellen, das heißt zum Kirchen-Christentum übertrat. Begründet von dem Propheten Mani (215–277), stellt der Manichäismus eigentlich eine Mischung dar zwischen christlicher Gnosis und neupersischer Theosophie. Herausgewachsen aus einem Kulturraum, der sich zwischen Mesopotamien, Persien und Nordwestindien aufspannt, strebte der Manichäismus danach, das Christentum, den Zarathustrismus und den Buddhismus zu einer Synthese zu vereinen. Mit Fug und Recht kann man ihn als eine "gnostische Weltreligion" bezeichnen.

Im Mittelpunkt seines Systems steht zwar durchaus Christus, aber Zarathustra und Buddha werden als seine "Brüder" bezeichnet, und Mani selbst gilt als Verkörperung des Heiligen Geistes, des von Christus einst verheißenen "Parakleten". Die Seelen der Menschen betrachtet der Manichäismus als göttliche Lichtpartikel, die durch eigene Schuld in die Welt der Materie, eine ihnen an sich fremde und feindliche Welt, herabgefallen waren; dort verbleiben sie als Gefangene der Materie, und ihre Erlösung liegt allein in der Rückkehr in die göttliche Ursprungs- und Lichtwelt. Dem Propheten Mani als Träger des Heiligen Geistes fällt mit dem Anbruch des "Dritten Zeitalters", der Endzeit, der Auftrag zu, die gefallenen Lichtpartikel, also die auf Erden verkörperten Seelen der Menschen, zum Paradies zurückzuführen; dies geschieht durch konsequente Askese und Verneinung der Materie. Die folgende Zusammenfassung der Lehren des Mani stammt aus der Quellensammlung manichäischer Originaltexte, die im Jahre 1930 in Medinet Madi, Oberägypten, aufgefunden wurde:

"Drei Zeiten, lehrte Mani, bestimmen die Geschichte der Erde. In der dritten und letzten Zeit aber, die jetzt herrscht, werden die himmlischen Lichtteile aus der Welt in ihre Heimat zurückkehren. Der lebendige Geist läutert die Lichtpartikel aus Mensch und Natur und macht daraus die beiden Lichtschiffe, Sonne und Mond, andere aber erhebt er zu Gestirnen am Firmament. In der ersten Hälfte des Monats steigen die Lichtpartikel in einer Säule der Herrlichkeit zum Monde hinauf, bis dieser zum Vollmonde erfüllt ist. Danach werden die Lichtteile zur Sonne emporgetragen und von dort zum Lichtparadiese, sichtbar an dem zur Mondsichel verjüngenden Mond, dem sichtbaren Zeichen des leeren Schiffes. Die Seele aber steigt zusammen mit dem Bilde ihres Meisters und den drei Engeln, die bei ihm sind, auf, sobald sie den Körper des Menschen verlassen hat. Dann tritt sie vor den Richter der Wahrheit und empfängt den Siegespreis, das Lichtkleid und die Kronen, Kranz und Diadem, des Lichtes."Das Hochziel der manichäischen Gnostiker besteht also darin, das ewige Lichtkleid der Unsterblichkeit zu erlangen und in die geistig-göttliche Sonnensphäre einzugehen. Hier offenbart sich deutlich das Erbe der altpersischen Zarathustra-Religion, die Mani zunächst zugrunde legte, dann aber als religiöser Reformer zu überwinden trachtete. Wie schon der Zarathustrismus trägt die Lehre des Mani weitgehend den Charakter einer esoterischen Lichtreligion, die den Gedanken des "inneren Lichtes" im Sinne eines dem Menschen einwohnenden Göttlichen in den Mittelpunkt stellt.

In den "großen Himmelslichtern" Sonne und Mond sahen die Manichäer allerdings keine wirklichen Astralgötter, ja eigentlich überhaupt keine Götter im üblichen Sinne, sondern nur Stellvertreter und Repräsentanten der höchsten überkosmischen Gottheit. In diesem Sinne schreibt ein unbekannter griechischer Autor um das Jahr 300 n. Chr. über die Manichäer, sie "verehren am meisten den Helios und die Selene, doch nicht als Götter, sondern als Weg, durch den sie zu Gott gelangen". Denn die Sonnen- und Mondensphäre sieht der Manichäismus ja nur als Durchgangsstationen, die die Seele auf ihrer Reise zum transzendenten Lichtparadies – ihrer eigentlichen Urheimat – zu durchlaufen habe. Aber während Zarathustra noch auf ein kommendes Gottesreich auf Erden hoffte, predigte Mani – infiziert vom Geist der Gnosis – bedingungslose Weltflucht und Ablehnung der Materie. Den Schülern des Mani war "Materie" durchaus nichts Durchgeistigtes, und schon gar nichts Durchgöttlichtes, sondern im Gegenteil Bestandteil einer "gefallenen Natur", gleichsam ein "Werk des Teufels". Diese Sicht führte sie zu einer konsequenten Weltablehnung, die sie asketisch und wirklichkeitsfremd werden ließ. So konnte der an sich hochfliegende Geistesimpuls des Manichäismus im realen Leben nicht Fuß fassen; ja das Scheitern "neumanichäischer" Sekten wie die Katharer in Südfrankreich war im Grunde schon vorprogrammiert durch eine falsche und einseitige, nämlich dualistische Sichtweise.

Der Manichäismus gleicht einem Baum, dem nach jeder Seite hin viele Äste entsprossen – religiöse Bewegungen, Sekten, gnostische Kirchen, die mit ihrer Lehre vom "Inneren Licht" das Morgen- und das Abendland gleichermaßen erschüttern. Mani selbst, auch ein begnadeter Dichter und Schriftsteller, hatte schon zu seinen Lebzeiten eine rege Missionstätigkeit entfaltet, sodass seine Lehre bald ins frühe Christentum eindrang; in Babylonien, Syrien, Kleinasien, Ägypten und Nordafrika traten ganze Christengemeinden geschlossen zu ihm über. Schließlich reichte das Einflussgebiet der von Mani begründeten Religion von der Grafschaft Toulouse im Westen – der Hochburg des Katharertums in Südfrankreich – bis nach Turfan, Chinesisch-Turkestan, im Osten.

Im wilden Bergland am oberen Euphrat, in Armenien und Syrien, bildete sich um das Jahr 500 n. Chr. ein weiterer Ast aus dem Baum des Manichäismus: die Bewegung der Paulikianer: ein Volk von Kriegern, die den ganzen Osten Kleinasiens eroberten – anfangs von Byzanz heftig bekämpft, dann aber unter dem Einfluss der bilderstürmerisch gesonnenen Kaiser der Isaurier-Dynastie, seit Leon III. (717–741), offiziell geduldet, ja sogar gefördert. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts, also zur Zeit Karls des Großen, begünstigt durch den Kaiser Nikephoros (803–811), konnten sie im ganzen oströmischen Reich ungehindert ihre Ideen verbreiten – vor allem auf dem Balkan, wo man sie schon vorher ansiedelte. Damit war der Funke der Gnosis von Asien nach Europa übergesprungen; die Paulikianer, nunmehr in Thrakien heimisch geworden, bildeten den Saatboden, dem nur kurze Zeit später die rein manichäische Bewegung der Bogomilen entspringen konnte.

Nachdruck aus dem Buch 'Die Weisheit des Westens. Mysterien, Magie und Einweihung in Europa', Hamburg 2016, S. 300-303.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Der Titel kann hier bestellt werden: https://tredition.de

Die Gnosis: Gotteserkenntnis durch übersinnliches Erfahren

Gnosis ist das altgriechische Wort für die Erkenntnis, ist die innere Lehre über einen durch des Menchen Intuition gewonnenen Einblick in das Wesen der Transzendenz. Obwohl diese Gnosis auf religiösen Erfahrungen beruht, kann man dennoch nicht von einer Religion sprechen. Eher geht es um etwas das sich selbst nicht als Theologie oder Philosophie bezeichnet, sondern dem Menschen mittels Mythen zu Erkenntnis führen soll.

Mit "Mythen" sind allerdings keine Geschichten gemeint die nicht der Wahrheit entsprechen. Vielmehr handelt es sich bei einem gnostischen Mythos um etwas Wahres, dass sich allerdings auf einer anderen, nicht-philosophischen Ebene, jenseits allen theologischen Dogmas ereignete.

Alle religiösen Traditionen in Ost und West gehen aus von einer eigentlich unvollkommenen Welt. Die Traditionen unterscheiden sich lediglich in der Art, diese Unvollkommenheit zu erklären. Gnostiker zeichnen davon hingegen ein ganz anderes Bild. Für sie nämlich haben die Makel in der Welt ihren Ursprung eben in genau der Art, wie die Welt erschaffen wurde: mit Makeln. Nicht also war sie ursprünglich unbefleckt und rein, sondern erhielt mit ihrer Erschaffung gleichsam lichte und finstere Anteile.

Mit den Buddhisten haben die Gnostiker gemein, dass dasie s Leben auf der Erde mit Leiden verbinden. Um die irdischen Leiber zu nähren, müssen all ihre Formen einander verzehren. Pflanzen saugen aus dem Erdboden ihre Närhstoffe, der Mensch und das Tier "töten" Pflanzen, andere Menschen und Tiere essen andere Tiere. So kommt es das die Wesen Leid und Tod erfahren und das höheres Leben Angst davor verspürt. Hinzu kommen Naturkatastrophen, die das Leben der Menschen auf der Erde mit Leid überschütten.
Der Mensch ist sich dem Allem als solches natürlich bewusst. Sicher aber sieht er sich manchmal darin als einen Fremden, als jemanden der in einer Welt voller Absurditäten lebt.

In vielen Religionen wird der Mensch für das viele Unheil auf der Welt verantwortlich gemacht. Wegen der Sünde des Menschen und seiner Vertreibung aus dem Paradies, so die judeo-christliche wie auch muslimische Auffassung, wurde die Welt zu dem was sie ist.

Die Gnostiker sehen das anders.

Für sie ist nicht der Mensch für diese "Unvollständigkeit" und Makel der Welt verantwortlich, sondern ihr Erschaffer - der aber nicht gleichzusetzen ist mit dem, was in der Regel mit dem Wort "Gott" bezeichnet wird. Vielmehr ist in der Gnosis die Rede von einem "Erschaffer", einem Baumeister dieser Welt, der aus dem Bereich des Göttlichen hervorging. Auch glauben die Gnostiker nicht daran, dass alles Leid auf der Welt alleine aus den Resultaten der Handlungen lebender Menschen stammt. Sie lassen die Frage nach dem "Warum" dafür aber nicht offen, sondern Antworten auf die Frage zu geben, wie sich diese Imperfektion der Welt erklären ließe. Menschen die sich selbst als Atheisten bezeichnen argumentieren nämlich oft so, dass sie einen "guten Gott" darum in Frage stellen, da von ihm ja so viel Böses ausgeht. Was aber wäre, wenn beides, Gutes und Böses, Lichtes und Finsteres schon immer gemeinsam in dieser erschaffenen Welt existierten?

Die Gnosis spricht über unsere Welt eben als ein Produkt des Zusammenwirkens zweier Mächte:

  • einer ursprünglichen, lichtvollen und guten Gottheit, deren Werk durch
  • einen falschen und finsteren Schöpfergott korrumpiert wurde.

Es ist also ein subtileres Bild von dem was in den meisten Religionen als Gott bezeichnet wird. Das bedeutet aber nicht dass die Gnosis andere Glaubensrichtungen ablehnt oder gar in Frage stellt. Das Gegenteil ist der Fall, denn die gnostische Bewegung hatte stets versucht die Erkenntnisse aus den mono-, poly- und pantheistischen Traditionen, sogar miteinander in Einklang zu bringen.

Aus Sicht der Gnosis ist jenseits des geschaffenen Universums ein wahrer, allumfassender und transzendenter Gott. Er erschuf nichts und wurde auch nicht erschaffen, doch aus ihm emanierte eine universale Substanz, aus der aber alle unsichtbaren und sichtbaren Welten entstanden. Darum könnte man sagen, dass alles Gott ist, denn alles besteht aus dieser von Gott ausgehenden universalen, kosmischen Substanz.
Da aus dieser Substanz aber auch alle korrumpierten, makelhaften Dinge in der Welt entstanden sind, wäre es nur allzu sinnvoll, diese auch als Teil dieses jenseitigen Gottes, seiner emanierten Essenz anzuerkennen und auch wertzuschätzen als zwei Aspekte der selben Einheit.

Sophia und der Demiurg

Zentrale Stellung in der Gnosis hat der Name Sophia - das griechische Wort für die Weisheit. Als personifizierte Weisheit emmanierte Sophia auf ihrer Reisen durch die Ewigkeit aus sich ein Bewusstsein. Doch es war von Makeln behaftet. Daraus aber, so die Gnosis, entstand der Schöpfer des materiellen und psychischen Kosmos. Es ist das, was er in seinem eigenen Abbild erschuf. Dieses Wesen wusste nichts von seiner Mutter Sophia, kannte seinen Urpsrung nicht. Hingegen hielt es sich für den letztendlichen und absoluten Gott. Weil er sich aber der bereits existierenden göttlichen Substanz in seiner Unwissenheit bedient hatte, um daraus die Welt zu erschaffen, bestand er nur aus der Hälfte der göttlichen Wahrheit. Er ist der Baumeister dieser Welt, der "Demiurg". Was er erschuf ist aber nur zu einer Hälfte authentisch und dem ursprünglichen, transzendenten Gott ähnlich, doch wird von ihm wegen seiner Unwissenheit nicht als solcher erkannt.

Als höchste Kreation des Demiurgen gilt der Menschen, ein Wesen voller Widersprüche und damit des Demiurgen Repräsentant der Dualität in der Welt, die sich aus lichtvoller Wahrheit und finsterer Unwahrheit zusammensetzt. Er besteht aus einem sterblichem Körper mit einem ebenso vergänglichen Seelenanteil, trägt aber auch eine geistige Komponente in sich, die er als den göttlichen Lichtfunken in sich erkennen kann - das was sein wahres Selbst ist. Dieser Funke ist Teil der oben erwähnten urgöttlichen Substanz reinen Lichts. Der größte Teil der Menschheit hat davon aber niemals erfahren und wird auch niemals davon erfahren - da, so die Gnostiker, jener "unbewusste Gott", der Demiurg sie daran hindert.

Der höchste Bereich des Menschen ist also der Geist, der aus dem Seelenfunken, der göttlichen Monade hervorstrahlt. Darum wird die gnostische Weltsicht auf ewig in den Geistern der Menschen erhalten bleiben. Selbst wenn immer wieder religiöse Fanatiker versuchen sie auszurotten, wird sich das wahre Licht in ihrem Wesen behaupten können. Schließlich ist ihr Geist doch Teil dieser göttlichen, wahren und lichtvollen Ursubstanz.

Die Klarheit und Offenheit der gnostischen Lehre kann, trotz der misslichen Lage in der sich die Menschheit befindet, Lösungen anbieten die zu einem besseren Verständnis des Selbst und des Grundes der Inkarnation beitragen.

Was ist die Ewige Weisheit?

Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich, und lässt sich gern sehen von denen, die sie lieb haben, und lässt sich finden von denen, die sie suchen. Ja, sie begegnet und gibt sich selbst zu erkennen denen, die sie gerne haben. Wer sie gern bald hätte, bedarf nicht viel Mühe; er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten.

- Weisheit Salomos 6:13-15

In ihren exoterischen Formen unterscheiden sich die Religionen, traditionellen Riten und Weisheitslehren unserer Welt. Doch im Kern besitzen alle geistigen Wege und Schulrichtungen einen gemeinsamen, geheimen Ursprung, der so alt ist wie die Menschheit selbst.

Dafür steht der Begriff der Ewigen Weisheit. Es ist eine zeitlose, universale Philosophie über das Wesen all der vielen Weisheitstraditionen der Menschen unseres Planeten. Sophia Perennis ist der griechische Name für diese Schulrichtung der Philosophie und Religionswissenschaften, und allen damit verbundenen Traditionen in ihren geistigen und praktischen Ausrichtungen.

Nicht aber beharrt die Sophia Perennis etwa darauf über Wissen absoluter Wahrheit zu verfügen. Eher will sie dazu anregen nach echten Parallelen in den verschiedenen Traditionen in West und Ost zu forschen und dabei zu zeigen, dass im Wesentlichen alle Traditionen einen gemeinsamen Kern haben.

In der Tradition der Sophia Perennis existiert auch eine esoterische Doktrin, verkörpert im Bild der Agia Sophia - der personifizierten, heiligen Weisheit. Sie kündet vom Wesen der göttlichen Vernunft und ihrer Schöpfung, in ihren universalen Manifestationen, als Urgeist, Welt und Seele.

Himmel (Mikrokosmos), Mensch (Mesokosmos) und Erde (Makrokosmos) sind drei, jeweils in sich vollkommene Welten. Darin vermittelt die Agia Sophia als Weisheitsprinzip, das Wesen eines höheren Geistes, der jedoch erhaben ist über alle Traditionslinien in Philosophie und Religion.