Die Mystische Rose und der Morgenstern

von S. Levent Oezkan

Rosenkreuz - ewigeweisheit.de

In der Kunst des Mittelalters wurde die Rose meist mit fünf Blütenblättern abgebildet, angeordnet nach den Spitzen des Pentagramms. Während die klassische Rose in der römischen Mythologie der Liebesgöttin Venus zugeordnet war, ist sie im Christentum als »Rosa Mystica« ein Symbol für die Heilige Mutter Maria.

Im Hohelied Salomos erfährt man von einer geheimnisvollen »Saronsblume«, die, wie es scheint ebenso eine Rose ist:

Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Liebste unter den Töchtern.

- Hoheslied 2:1f

Und eben jene »Rose unter den Dornen« ist die christliche Mutter Maria. In der Ikonografie steht da die rote Rose für ihre Nächstenliebe, während die weiße Rose ihre Reinheit und Jungfräulichkeit symbolisiert.

Auch in der Alchemie war die Rose ein bedeutendes Symbol, wo sie als weiße für das Kleine Werk stand, die Umwandlung unedler Metalle in Silber, während mit der roten Rose die Alchemisten das Große Werk andeuteten, die Umwandlung unedler Metalle in Gold.

Tudorrose und Pentagramm - ewigeweisheit.de

Abbildungen der Tudor-Rose (links) und eines Pentagramms (rechts), umgeben von pythagoreischen Lettern.

Ursymbol himmlischer Weiblichkeit

In der Rose als Symbol erkannte man nicht erst Mutter Maria. Lange vor dem Christentum standen mit ihr noch ältere Göttinnen in Zusammenhang. Bei den Römern war die Rose ein Sinnbild der schönen Venus, entsprechend im Alten Griechenland eines der Liebesgöttin Aphrodite. Im griechisch-römischen Kulturkreis standen diese Göttinnen für Schönheit, die Liebe, wie auch für den Frühling. Traditionell ist der Monat Mariens der fünfte Monat Mai, der ja benannt ist nach der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Maia. Maia bringt die in der Erde verborgenen Kräfte im Frühling hervor, wie sie im Grünen der Pflanzen und der Farbenpracht ihrer Blütenwelt erscheinen.

Als Symbol für die Schnelligkeit, in der das Leben am Menschen vorüberzieht, war die Rose damit auch ein Sinnbild des Todes. Dafür gab es in Rom die »Rosalia«, ein Fest an dem man der Toten gedachte. Im Westen ist die Rose darum seit alter Zeit ein Symbol auch für das Jenseits.

Doch schauen wir noch einmal auf die Eingangs angedeutete Symbolik der Fünfheit. Sie begegnet uns in der Blütenanordnung der Rose, wie ebenso in der Fünfheit des Pentagramms. Entsprechend der griechischen Aphrodite stand für diese Fünfheit im Alten Babylon die Göttin Ischtar, deren Symbol eben das Pentagramm gewesen war.

Jedoch auch im Alten Ägypten verwendete man diese, in der Rosenblüte erscheinende Fünfheit, als Symbol für eine weibliche Gottheit: Isis, die Mutter des Lichtgottes Horus. Insbesondere das, was uns an alten Hieroglyphischen Abbildungen und Skulpturen von Isis und Horus bis heute erhalten geblieben ist, dem ähneln sehr stark Darstellung des Mutter-Sohn-Paares von Maria und dem Jesus-Kind. Es ist darum auch kein Zufall, wenn man die »Mystische Rose« als ewigen Archetyp ansieht, der eben auch in der christlichen Ikonografie damit in Zusammenhang steht.

Die Rose als Sinnbild der Umwandlung

In dem bedeutenden Werk des antiker Schriftstellers Apuleius von Madauros (123-170 n. Chr.), der »Goldenem Esel« (den man zur Weltliteratur zählt), erfahren wir von einem Mann namens Lucius. Der begibt sich an einen Ort an dem man magische Praktiken ausübt. Durch einen üblen Zauber verwandelt man ihn in einen Esel. Eines Nachts aber träumte er von der Göttin Isis. Am nächsten Tag schritt er an eine Isis-Priesterin heran und fraß aus ihrer Hand eine Rose. Darauf verwandelt er sich zurück in einen Menschen.

Auch in der »Göttlicher Komödie« des des italienischen Philosophen Dante Alighieri (1265-1321) spielt die Rosensymbolik eine wichtige Rolle:

Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite muss der letzte Kranz
Der Blätter dieser Himmelsrose dringen?

Es meint diese Himmelsrose den Sitz der Engel und Seligen, wobei das hier erwähnte Licht eben auf den Christus anspielt, der zwischen Gott und der Welt steht, als Lichtprinzip der Schöpfung und Erlösung.

Himmelsrose in Dantes Paradiso - ewigeweisheit.de

Die Himmelsrose in Dantes Paradiso, in einem Gemälde von Gustave Dore (1832-1883).

So sah ich denn, geformt als weiße Rose,
Die heilige Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoße.

Allein die andere, welche, fliegend, schaut
Und singt des Ruhm, der sie in Liebe entzündet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,

Sie senkte, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet
Der Blüten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo würziger Honigseim sein Tun verkündet,

Sich in die Blume, im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Liebe allewig weilt.

- Dante, Paradiso, Canto 31:1-12

Eine riesige Rose erscheint Dante dort als Symbol für die Göttliche Liebe, während auf deren Blütenblättern die Gläubigen thronen. Allen Seelen denen Dante im Paradiso begegnete, auch jene seiner verehrten Beatrice, bietet diese himmlische Rose ein Zuhause. Engel verströmen da ihr heiligendes Strahlen, während sie wie Bienen um die Rosenblüte kreisend, darauf das Licht von Frieden und Liebe aussenden.

Wie es also scheint, assoziierten Apuleius und später auch Dante mit ihrer Rosensymbolik besondere göttliche Qualitäten, die aber jeweils mit einer Frau in Verbindung gebracht werden (bei Dante als Beatrice, bei Apuleius die Isis-Priesterin). Und dieser Zusammenhang verweist eben auch auf den Zustand einer Vervollkommnung, wo bei Apuleius etwa die Metamorphose zurück ins Menschsein, bei Dante hin zum Göttlichen erfolgt, wobei die Rolle der Rose bei beiden im Mittelpunkt steht.

Himmlische Rose

Wenn Dante in seiner Commedia von einer Himmelsrose spricht, meinte er damit vielleicht die Stationen jener »Stella Matutina«, ein Begriff den die Römer zur Bezeichnung des Morgensternes verwendeten. Da nämlich klingt etwas an, dass auf den Planeten Venus hindeutet, der ja bekanntlich eben dieser Morgenstern ist. Das man im Christentum mit Maria den Morgenstern assoziiert, rührt von der Tatsache her, dass Maria, als Mutter ja vor ihrem Sohn lebte. Wenn dabei, wie etwa in Maleachi 3:20 Christus als »Sonne der Gerechtigkeit« bezeichnet wird, liegt der Vergleich mit der Mutter als Morgenstern nahe. Kurz vor Sonnenaufgang ist dieser Morgenstern ja am Himmel zu sehen. Was aber aus astronomischer Perspektive vom Planeten Venus, dem Morgenstern, von der Erde aus beobachtet werden kann, führt uns wieder zu der fünffältigen Rosenblütensymbolik: Innerhalb acht Jahren nämlich zeichnet die Position des morgendlichen Venusaufgangs ein fast perfektes Pentagramm.

Doch auch die Tatsache, dass das üblich verwendete Symbol für die Venus dem christlichen Rosenkranz durchaus ähnelt, mag reiner Zufall sein, doch es muss bemerkt werden, dass aus Perspektive mittelalterlicher Alchemie und Astrologie, durchaus zwischen beiden Formen ein Zusammenhang besteht.

Tudorrose und Pentagramm - ewigeweisheit.de

Venus-Symbol (links) und der christliche Rosenkranz (rechts), den fünf große Perlen unterteilen.

Fünfheit in Makrokosmos und Mikrokosmos

Wie bereits erwähnt lassen sich die Symbole der Göttin Venus und der fünfblättrigen Rose miteinander in Zusammenhang betrachten. Wenn die planetarische Venus jenes, oben bereits erwähnte himmlische Pentagramm zeichnet, ließe sich damit eben auch die von Dante erwähnte »Himmelsrose« assoziieren und ebenfalls die Heilige Mutter Maria, die ja sowohl »Mystische Rose« wie auch als »Königin des Himmels« ist.

In solchen und anderen Symbolen scheinen die Geheimnisse des Jenseits auf, aus dem die Schaffenskraft des Höchsten, des Unerreichbaren, sich in dieser Welt unseren Sinne offenbart. Dabei ist ganz gleich ob der Mensch hiermit versucht sein Denken und Fühlen mit einem Gotteskonzept zu verknüpfen oder ob sich letzteres als solches auch wirklich zu erkennen geben mag. Wieso? Es treten dabei eben eine ganze Reihe bemerkenswerter Attribute in unser Betrachtungsfeld: So findet sich in der Gestalt der fünfblättrigen Rose und der ihr zugrundeliegenden Form des Pentagramms auch das, was als »Goldener Schnitt« (auch: Goldenes Maß) bezeichnet wird (siehe Abbildung). Es ist ein mathematisch-geometrisches Verhältnis, dessen Beziehungen sich überall in die natürliche Welt hinein projizieren. Denn man findet die Proportionen des Goldene Maßes etwa bei der Betrachtung der Verhältnisse der Körperglieder eines Menschen oder auch dem Muster der sogenannten Fibonacci-Folge, aus dem sich in der Natur all die unzähligen Spiralformen ergeben.

Die Fünfheit und das Goldene Maß, die in Zusammenhang mit dem menschlichen Körper stehen, bezeichnete der Evangelist Johannes als den fleischgewordenen Logos, wie man in dem berühmten Bibelzitat ließt:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

- Johannes 1:14

Tatsächlich finden wir die genannte Fünfheit im Menschen mit seinen fünf Fingern, fünf Zehen und fünf Gliedern. Fünf Sinne hat der Mensch (Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Gefühl). Was sich aber jenseits dieser fünf Sinne befindet, dass ließe sich als verborgene Essenz, als »Sechster Sinn« formulieren, der im Herzen des Pentagramms sich als Punkt abbilden ließe, der jedoch nur bewusst wird, in der Entfaltung in eben diese Fünffältigkeit seiner Erscheinung.

Der frühen Christenheit galt die Fünf als Zahl der Wunden Christi am Kreuz. So war das Pentagramm in der Kirche immer auch ein heiliges Symbol, dass man in vielfältiger Form in der sakralen Architektur dieser Gebäude integrierte.

Der fünfzackige Stern als Schutzsymbol

Pentagramm - Goldener Schnitt - Mensch - ewigeweisheit.de

Die Schnittpunkte der Linien des Pentagramms, unterteilen diese im Verhältniss des Goldenen Maßes. Auch die Verhältnisse im menschlichen Körper entsprechen ungefähr dem Goldenen Maß, wie etwa zwischen Schädeldecke und Bauchnabel, zur Länge zwischen Bauchnabel und Fußsohle (ebenso in diesem Verhältnis befindet sich die Augenlinie, die das Gesicht zwischen Schädeldecke und Kinnspitze im Goldenen Maß unterteilt).

In der arthurischen Lyrik begegnen wir dem Pentagramm in einem Gedicht mit dem Titel »Sir Gawain und der grüne Ritter«. Wir finden darin eine Beschreibung wie sich Sir Gawain an Allerheiligen, mit einem Schild rüstet, an dessen Außenseite ein Pentagramm (Siegel König Salomos) zu sehen ist: Ein Sinnbild fünf christlich-ritterlicher Tugenden (Freigebigkeit, Loyalität, Reinheit, Höfischheit und Mitleid). Auf der Innenseite des Schildes aber ist ein Bild der Heiligen Mutter Maria aufgemalt, die ja, wie wir bereits sahen, auch auf’s engste mit der Pentagramm-Symbolik in Verbindung steht. Es ist das auch ein Hinweis auf die »Fünf Freuden Mariens«:

  1. Mariä Verkündigung
  2. Mariä Heimsuchung
  3. Das Weihnachtsmysterium
  4. Mariä Lichtmess
  5. Wiederfinden Jesu im Tempe

In Erinnerung an diese fünf christlichen Gleichnisse, schöpfte Sir Gawain auf seiner Winterreise Kraft.

Das Pentagramm war tatsächlich also immer auch ein Schutzsymbol gewesen. Auch das umgedrehte Pentagramm zählte dazu.

Das umgedrehte Pentagramm: Ein Erkennungszeichen des Bösen?

In den vergangenen Jahrhunderten jedoch veränderte sich das umgedrehte Pentagramm zu einem Symbol für das Böse. Der französische Okkultist Éliphas Lévi (1810-1865) bezeichnete es als »Zeichen der Ziege des Sabbaths«. Leider ist das bei den meisten Menschen der Gegenwart, fast schon zu einer Gewissheit mutiert.

 

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