Die Technisierung unserer Zeit

von S. Levent Oezkan

Nachdem im 2. Jahrhundert vorchristlicher Zeit, das erste mechanische Astrolabium entwickelt wurde, um damit die Gestirnbewegungen voraussagen zu können, war kaum abzusehen wozu sich daraus gewonnene Erkenntnisse dereinst entwickeln sollten.

Wie auch? Allenfalls führte man die Gedanken seiner Erfinder weiter oder knüpfte daran an. Es ist hier die Rede vom Mechanismus von Antikythera, der mit Hilfe eines ausgeklügelten Zahnrad-Systems auf besonderen Anzeigetafeln abgelesen, astrologische Konstellationen vorhersagen ließ.

Dieses originelle Instrument könnte man heute als den ersten analogen Computer bezeichnen, der den Stand von Sonne, Mond und der fünf Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Venus und Merkur) genau vorauszuberechnen vermochte, mitsamt einer Anzeige für künftige Sonnen- und Mondfinsternisse.

Diese Erfindung, die sehr wahrscheinlich auf den griechischen Mathematiker Archimedes von Syrakus (287-212 v. Chr.) zurückgeht, wurde, wie es ausieht einige Zeit nach seinem Tod, in ihrer Funktionsweise wahrscheinlich soweit optimiert, dass jemand daraus bestimmbare Messergebnisse auch anderweitig verwenden konnte, um sich den realen Abläufen anzunähern, in dem uns umgebenden Sternensystem.

Schaut man zurück auf die vergangenen 2.300 Jahre seit dieser Zeit, so sollten solche und andere Erfindungen zur Beobachtung makrokosmischer Kreisläufe, nicht nur eine bessere Einschätzung der Zyklen ferner Himmelsobjekte bieten, sondern derartige technische Behelfsmittel den Forscherdrang insoweit befeuern, als dass man sich vermehrt auch für das interessierte, was der Mensch an wichtigen Ereignissen in seiner näheren Umgebung beobachten konnte.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelte man in Italien und in den Niederlanden die ersten Teleskope und Mikroskope. Das führte zur Entwicklung weiterer, verbesserter technischer Instrumente, deren Resultate dem Menschen dereinst nicht nur näher kommen sollten, sondern heute gar in sein Inneres zu drängen scheinen.

Falsch aber wäre zu meinen, dass sich solch Entwicklung hätte verhindern lassen. Das Streben des Menschen nach Erkenntnis ist eben so alt wie die Menschheit selbst. Ganze Bibliotheken füllen Bände, die auf unzähligen Buchseiten fragen, was zu dem unersättlichen Entdeckergeist des Menschen führte. Dabei begann alles aus dem einfachen Wunsch heraus, im Einklang mit den Bewegungen der Himmelslichter zu leben, die man ja in der Antike als Verkörperungen der Götter verehrte.

Die Gestirne als Paradigma der Zeit

Besonders unser Zentralgestirn Sonne, doch auch der Mond, geben dem Menschen ein natürliches Zeitmaß, an dem er sein Handeln den irdischen Kreisläufen anzugleichen vermag – auch heute. Wer aber bereits in alter Zeit wusste, wie es sich mit den Jahrezeiten verhält, der konnte auch entsprechend planen, und dabei die Zeitpunkte für die Aussaat, Reifedauer und das Datum für den Beginn der Erntezeit genau ermitteln. Das war über Jahrtausende hinweg die Grundlage sesshaft gewordener Volksgemeinschaften, wie etwa jene des ägyptischen Nildelta.

Natürlich sollte auch der Mensch in seinem ganzen Dasein auf die solaren Zyklen eingestimmt, besondere Regungen empfinden (Frühling) oder eben andererseits den Wunsch zu innerer Einkehr (Herbst) in sich spüren. Und da solche Stimmungslagen in alter Zeit, wo die Menschen noch mehr in der Gemeinschaft gegenseitigen Austauschs lebten, entsprechend tätig einem starken Miteinander dienten, kam es irgendwann auch zur Einrichtung traditioneller Festivitäten, die man, auf diese Kreisläufe der Gestirne symbolisch abgestimmt, zusammen feierte. Das war die Geburt des Religiösen. Wobei ja seinem Ursprung nach, das Wort »Religion«, auf ein Beachten dieser kosmischen Zyklen wert legt, die ja, wie gesagt, im Leben der Menschen entsprechende Temperamente in Gang setzen - vielleicht je nach Sonnenstand in der Welt des Grobstofflichen (Klimaunterschiede der Jahreszeiten) und je nach Mondphase (Gezeitenwirkung) im Bereich des Feinstofflichen.

Also begann man gemeinsam bestimmte Jahresfeste zu feiern, die durch die Priesterschaft festgelegt wurde und sich dafür, entsprechend ihrer Zeitepoche, besonderer Messmethoden bediente. Zuerst maß man mittels bestimmter Beobachtungstechniken, die, wie eingangs erwähnt, dann automatisch funktionierende Mechaniken ergänzen sollten, bis man sich schließlich einfach nur noch darauf verließ, selbst ohne die dahinter stehende Funktionsweise näher zu verstehen.

Eine kleine Geschichte der Uhr

Damit einher ging wohl auch eine Verallgemeinerung des Natürlichen, die vermehrt zur Abstraktion makrokosmischer Prinzipien führte. Man überließ die Vorhersage zunehmend einem besonderen Räderwerk, dessen Funktionsweise man einfach vertraute.

In den Klöstern wusste man genau sich darauf auszurichten und verzichtete über Jahrhunderte hinweg anscheinend sogar auf die direkte Beobachtung des Sonnenstands. Vielmehr fanden sich die Betenden dort zu bestimmten Zeitpunkten zusammen, an die das Erklingen einer Glocke erinnerte, die durch ein selbst laufendes Uhrwerk automatisch angeschlagen wurde.

Später kamen die Ziffernblätter, auf die man blicken konnte, um sich auf dieses Ereignis (Glockenschlag) und den Ruf zum Gebet, entsprechend vorbereiten zu können. Was einst die Uhren in den Gebetskammern waren, sollten später dann in den Klöstern, die für alle sichtbare Uhren werden.

Hieraus wiederum kam es zur Anbringung von Uhren an Kirchtürmen, wo ein Glockenschlag nicht nur eine Mönchsgemeinde an die Gebetszeiten erinnerte, sondern diese auch dem Volk ertönte und am Ziffernblatt des Turmes abgelesen werden konnte.

Im Jahre 1510 fertigte hierauf der Nürnberger Uhrmacher Peter Henlein (1479-1542) bereits transportable Tischuhren hoher Qualität.

Spätestens Ende des 18. Jahrhunderts dann, fanden sich Uhren in den meisten Wohnzimmern.

In der Moderne begannen Menschen damit, wie jeder weiß, Uhren an ihre Handgelenke zu gürten, so dass sie, ganz gleich wo, immer die Zeit parat haben.

Aus dieser Selbstverständlichkeit heraus, begann dann im Menschen auch allmählich eine innere Uhr mitzulaufen, die seine Sicht auf die Welt, aus dieser entsprechend gemessenen Zeit, von einem zyklischen und sich erneuernden Denken, wohl in ein lineares Zeitempfinden verändern sollte. Der Blick auf die Uhr und die daran, vor allen Dingen gemessene Zeit, sollten ein Bewusstsein für die zyklische Weiterentwicklung des Menschen, zunehmend hinfällig zu machen.

Weckruf und Zapfenstreich

Für die aus der Zeitmessung präzisierten Zahnradtechniken, waren die Voraussetzungen geschaffen, diese schließlich auch im produzierenden Gewerbe zu verwenden, spätestens aber mit der Erfindung der Dampfmaschine und der durch James Watt (1736-1819) verbesserten Funktionsweise der selben.

Dies führte zu einer regelrechten Umwälzung im gesellschaftlichen Leben Europas und zu einem wohl auch ganz neuen Denken, da sich daraus ja plötzlich eine Autarkie ergab, die sich aus traditionelleren Gefügen zu lösen vermochte, die bis Ende des 18. Jahrhundert überwiegend europäische Monarchen gehegt hatten.

War das aber vielleicht nur eine scheinbar zeitweilige Befreiung, aus den auferlegten Zwängen durch Alleinherrschende, in eine dereinst noch viel drastischere Einschränkung der Freiheit?

Mit der Französischen Revolution und der um diese Zeitenwende sich ebenfalls ereignende Amerikanische Revolution, ging auch einher das, was man heute als die Industrielle Revolution bezeichnet. Auch wir erleben gegenwärtig eine solche Revolution im produzierenden Gewerbe: Stichwort Robotik (ein Wort das seinen Ursprung im slawischen »rabota« hat, der »Zwangsarbeiter«).

Was seit dem Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr ins Zentrum menschlichen Bewusstseins rückte, war eben die Maschine und ihre prozessartigen Abläufe. Alles Zyklische erledigten anscheinend von da an, sich hinter Stahlwänden drehende Zahnräder, deren Zeichen im Außen dem Menschen aber ein lineares Zeitempfinden suggerierten, ja viel zu oft wohl aufdrängten. So wurde auch das eigene Leben vielleicht nicht mehr als zyklische Fortentwicklung eines schrittweisen Aufstiegs empfunden, sondern als eine linear und auf symbolischer Waagerechten abmessbare, metrische und endliche Zeit.

Dabei schien immer mehr Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich auf innere Zyklen einzulassen und man empfand wohl auch den Körper als Maschine, wo, wenn auch keine Stahlwand das verdeckte, was im Inneren vor sich ging.

Interessant dabei aber ist, dass man die Handhabung des Inneren, mehr und mehr an besondere Fachleute abzugeben bereit war. Und so sollten allmählich auch medizinische Gerätschaften in den menschlichen Körper Einzug nehmen, wie eben schon seit Längerem solch Technologie wie die eines Herzschrittmachers, der natürlich, keine Frage, seinen wertvollen Zweck erfüllt!

Wie es sich jedoch mit einer daraus erwachsenen Mentalität unseres Menschseins verhält, kann noch gar keiner sagen, zumal solch physiologisch-unterstützende Technologien gerade einmal etwas mehr als 60 Jahre alt sind.

Bei alle dem aber scheint sich schon länger eine Tendenz zu entwickeln, den Menschen sogar, ohne direkte Krankheitssymptome, »optimieren« zu wollen, im Sinne einer materiellen Aufwertung seines körperlichen Daseins. Jene sogenannten »Transhumanisten« glauben, der Geist ließe sich dann auch aus dem Körper extrahieren und als eigenständiges Laufwerk, auf kristalline Silicium-Einheiten übertragen, worin eingeschlossen er den menschlichen Körper überleben soll.

Doch wie war das gleich, mit diesem, an sich schon unsterblichen Teil im Menschen, der den fleischlichen Körper annahm und als ewig ungreifbare Ursache unserer Zivilisation betrachtet werden kann?

 

 

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

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