Kinder der Göttin der Liebe

Autor und Mentor S. Levent Oezkan - ewigeweisheit.de

Autor und Mentor

Göttin Astarte - ewigeweisheit.de

El hieß der höchste Gott der Könige von Ugarit, der zwei himmlische Kinder hatte: Shahar und Shalim. Shalim aber, der Lichtgott der alten Ugariter, der in der Dämmerung als Abendstern, der untergegangenen Sonne nachfolgt, ist auch der Name für den Frieden.

Es war Shalim nämlich, dessen Licht ja den Tag beendete und damit befriedete. Seinem Namen entspricht das hebräische »Shalom«, wie ebenso das arabische »Selam«; wenn auch in anderer Lesart, trugen zwei Könige der Bibel diesen Namen: Melchisedek von Salem, König der Gerechtigkeit, und König Davids Sohn, der Fürst der Weisheit: Salomon.

Der Name Shalim (wie auch Shalom und Selam) steht auch für die freundschaftliche Einmütigkeit, was alles Wohlbehaltene, Heile und Gesunde bezeichnet. Und was ist gesund, als etwas, das sinnbildlich gesprochen, zerbrochen war und durch das fabelhafte Tun einigenden Wirkens wieder ganz wurde. Solch Einung beabsichtigt ja auch ein gläubiger Mensch in seiner Hingabe an Gott, wozu man im Arabischen sagt »Islam« (ebenfalls gebildet aus der semitischen Wurzel שלם S-L-M, aus der sich ja auch Shalom oder Selam bilden). Aber ebenso das »Shalom Aleichem« der Hebräer (beziehungsweise das »Selam Aleykum« der Araber) deutet darauf hin: »Friede sei mit Euch« – ein Gruß der sich auch im Christentum erhalten hat, womit ein Priester die Gläubigen in der heiligen Messe begrüßt.

Wenn hier nun die Rede ist von Frieden, meint das nicht das Gegenteil von Krieg, sondern dessen Abwesenheit. Friede herrscht an sich und ist nicht abhängig von einer Unterscheidung, von dem was ihn stören, was ihn zerstören könnte. Friede ist ein Zustand an sich, der die eigentliche Grundlage des Seins bildet. Shalim nämlich, der ugaritische Name für den Frieden, war ja, wie wir bereits sagten, der Gott er den Tag verabschiedet und die nächtliche Finsternis einleitet – eben das, worüber wir auch im Alten Testament in Genesis 1:2 lesen:

Finsternis lag auf der Urflut

Finster nämlich begann die Welt zu entstehen, wozu es laut alten Keilschrifttexten von Ugarit kam, durch den »Schöpfer der Schöpfung«, den »Erbauer des Erbauten«: Den eingangs erwähnten Gott El, aus dem dann »Elohim« wurde (Plural des Namens El und in der deutschen Bibelübersetzung übertragen als »Gott«), wie sich der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis 1:1-2:3) entnehmen lässt. Auch der arabische Name für Gott entstand daraus: »Allah«.

Die Gattin nun, dieses Schöpfergottes El, war Athirat. König Salomon verehrte sie einst, in der Form der westsemitischen Göttin »Astarte« (1. König 11:5). Zu dieser aber besteht eine enge mythisch-religiöse Verbindung zur griechischen Liebesgöttin Aphrodite, der »griechischen Venus«. Und es ist der Planet Venus, den man ja beobachten kann sowohl als den Abendstern (als solcher für etwa sieben Monate sichtbar) wie auch als den Morgenstern (sichtbar für etwa den selben Zeitraum von sieben Monaten).

Wenn also aus der Vereinigung des Gottes El mit der Göttin Athirat, der Lichtgott der Abenddämmerung Shalim (der Frieden) geboren wurde, so lässt sich mit diesem Namen auch die Bedeutung einer Liebesgöttin (Astarte, Aphrodite) assoziieren. Liebe aber kann sich ja auch in ihr Gegenteil verkehren. Entsprechend dann auch bildet sich die Venus als Abendstern Shalim um: Nach genannter, siebenmonatiger Dauer, verwandelt sie sich in Shahar – den Stern der Morgenröte.

Morgen und Abend: Durch Nacht und Tag getrennt

Jene Zwillingsbrüder von denen wir hier sprachen, die beiden Astralgottheiten Ugarits (jener antiken Stadt, deren Ruinen sich heute im Nordwesten Syriens befinden), kündigen in ihrem Aufleuchten am Horizont der Dämmerung an, einmal die Helligkeit des Tages, wie ebenso die Finsternis der Nacht. Da haben wir es also zu tun mit einem Bringer des Lichts (lat. Lucifer) und einem Bringer der Finsternis (lat. Tenebrifer).

Mit Shalims Erscheinen nach Sonnenuntergang als Abendstern, verband man in den heißen Regionen Arabiens und der Levante schon einst als Linderung und Milde, da die ihm nachfolgende Dunkelheit die Hitze des Tages befriedete. Shalims himmlischen Zwillingsbruder Shahar jedoch, als Morgenstern, empfand man als Symbol für die Hitze des brennenden Sonnenfeuers.

Nun sollte der Gott Shalim dereinst aber auch Namensgeber eines heiligen Ortes im heutigen Israel werden, nämlich Salem, dem Ort des Königs der Gerechtigkeit: Melchisedek von Salem. Auf ihn sollte der Prophet Abraham treffen, nachdem er den König Kedor-Laomer von Elam und seine Verbündeten in einer Schlacht besiegte. Die nämlich hatten die Menschen der Städte Sodom und Gomorrha jahrelang unterdrückt und kerkerten auch Abrahams Neffen Lot unschuldig ein. Drum kam es zu dieser Schlacht. Abraham, der damals noch Abram hieß, jedoch sollte daraus siegreich hervorgehen:

Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Höchsten Gottes. Und segnete ihn und sprach: Gesegnet seist du, Abram, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und gelobt sei der Höchste Gott, der deine Feinde in deine Hand auslieferte. Und demselben gab Abram den Zehnten von allem.

- Genesis 14:18f

Jener Ort nun, an dem Melchisedek zu Abraham kam, also Salem, wurde dereinst von einem Enkel Abrahams, dem späteren Patriarchen Jakob, Vater der zwölf Stämme Israels, als heiliger Platz wieder gefunden. Jakob war damals vor seinem Zwillingsbruder Esau geflohen, der ihn hasste und verfolgt hatte. Jakob schlief dann an diesem genannten Ort eines Nachts, wo er sein Haupt auf einen Stein legte. Da träumte er von einer Himmelsleiter, auf der er Engel auf- und niedersteigen sah. Nachdem er erwacht war aber richtete er diesen Stein dort auf und nannte diese Stelle »Beth-El«: Das Haus Gottes.

Und es sollte dies der Ort »Jerusalem« werden, dessen Namens sich bildet aus »Jeru« und »Salem«. In Jeru vermengen sich zudem zwei Bedeutungen: Sowohl das hebräische Wort Jireh, »Er sieht« (eben Jakob seinen Traum), wie auch Jaru, »Er legt sich hin« (wie sich Jakob eben dort zum Schlafen legte, in Beth-El). Ursprung des Namens Salem aber ist ja wieder Shalim, der Frieden. Und eben dieser Frieden der im Namen Jerusalems anklingt, sollte besiegelt werden, dereinst durch den König Salomon, den Friedensfürst der Weisheit. Er nämlich baute dort ein Beth-El, ein Gotteshaus: Den Salomonischen Tempel.

Morgenröte

Wenn nun aber der astrale Lichtgott Shalim für den Frieden steht: Wofür steht sein Zwillingsbruder Shahar? An verschiedenen Textstellen der jüdischen Bibel taucht der Name Shahar auf, verwendet zur Bezeichnung der Morgenröte:

Da nun die Morgenröte (Shahar) aufging, hießen die Engel den Lot (Neffen Abrahams) eilen und sprachen: Mache dich auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die vorhanden sind, dass du nicht auch umkommst in der Missetat dieser Stadt (Sodom).

- Genesis 19:15

Da kämpfte ein Mann (Engel) mit ihm (Jakob), bis die Morgenröte (Shahar) anbrach.

- Genesis 19:15

Am siebenten Tage aber, da die Morgenröte (Shahar ) aufging, machten sie sich früh auf und gingen nach derselben Weise siebenmal um die Stadt (Jericho) […] Und beim siebentenmal, da die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: Macht ein Kriegsgeschrei […]

- Josua 6:15f

So arbeiteten wir an dem Bau, während die eine Hälfte von ihnen die Lanzen hielt, vom Aufgang der Morgenröte (Shahar)

- Nehemiah 4:21

Dem Musikmeister, nach Ein Psalm Davids. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen – fern von Hilfe für mich, von den Worten, die ich stöhne?

Ein Psalm Davids, vorzusingen, von der »Hirschkuh der Morgenröte« (Shahar), die frühe gejagt wird. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule, aber meine Hilfe ist ferne.

- Psalm 22:1

Deine Pracht ist herunter in die Hölle gefahren samt dem Klange deiner Harfen. Motten werden dein Bett sein und Würmer deine Decke. Wie bist du vom Himmel gefallen, Helel (Luzifer) du Sohn der Morgenröte (Shahar).

- Jesaja 14:12

Es sieht also danach aus, als sei der Name des Gottes der Morgendämmerung Shahar, durchaus negativ konnotiert, fällt sein Name des Öfteren in den erwähnten Zitaten, doch im Kontext von Kampf, Krieg, Verzweiflung und Bosheit.

Es scheint also, als seien die ugaritischen Lichtgötter der Dämmerung Shalim und Shahar, als Nachfahren der Himmelsgöttin Athirat, zwei Aspekte nur eines heiligen Prinzips. Doch wenn Athirat nun jener alt-syrischen Liebesgötting Astarte entspricht, würden damit die genannten himmlischen Zwillinge auch Repräsentaten zweier Aspekte des Liebens bilden – die an dieser Stelle jedoch nicht genannt werden sollen.

 

 

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