Mit dem Herzen zu erkennen

von S. Levent Oezkan

Wie auch immer diese Körperlichkeit eines Menschen geartet sein mag, ist unser Leib doch letztendlich eine ganz und gar individuelle Erscheinung, in der aber dennoch ein Gemüt wohnt, eine Seele, der der Körper als Fahrzeug dient. Dieses Fahrzeug aber hilft ihm sich zu bewegen in der Welt, auf unserem Planeten Erde, seinem zeitweiligen Aufenthaltsort.

Je nachdem aber wie dieses Fahrzeug geartet ist, werden damit entsprechend die Saaten des Glücks gesät, die den Weg zieren, auf dem sich die Seele begeben wird, nach dem Tod des Körpers, bei ihrer Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. Drum sollte Ziel der Seele sein, sich von aller Materie abzuwenden, den Körper als reines Mittel zu betrachten, damit sie sich der wahren Gotterkenntnis und Gottesliebe zuwenden kann.

Wenn Du, oh Suchender auf dem Weg, deine eigene Seele kennenlernen willst, so wisse, dass dich der heilige und wunderbare Gott aus zwei Dingen geschaffen hat: ein sichtbarer Körper ist das eine. Und das andere ist etwas Inneres, das man Gemüt oder Herz nennt, dass nur die Seele wahrzunehmen vermag. Doch wenn wir hier vom Herzen sprechen, meinen wir nicht das Stück Fleisch, dass sich in der linken menschlichen Brust befindet […] Dieses Herz, dass ausdrücklich als Gemüt bezeichnet wird, ist nicht von dieser Welt. Und auch wenn es in diese Welt kam, kam es nur um sie wieder zu verlassen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dieses geistige Herz gilt Al-Ghazali als Herrscher über den menschlichen Leib. So gleicht unser physischer Leib durchaus einem Königreich, wo die äußeren und inneren Organe diesem Herrscher dienen. Wenn das Herz einem Organ befehligt seine Funktion zu erfüllen – dem Ohr zu Hören, dem Auge zu sehen, der Hand zu greifen oder Ähnliches zu tun erfolgt das ad hoc. Das sind die Aufgaben des geistigen Herzens, die es mit dem Körper auf Erden erfüllt, doch nur um sich dabei immer wieder seiner wichtigsten Aufgabe zuzuwenden: der Erkenntnis Gottes.

Wisse sodann, dass die Existenz des Gemüts offenkundig und nicht in Zweifel getaucht ist. […] Wenn ein Mensch mit weit geöffneten Augen die Welt und seinen eigenen Körper anschaut, doch dann auf einmal seine Augen schließt, wird sich seinem Blick alles entziehen, so dass er auch nicht mehr seinen eigenen Körper sieht. Gleichzeitig aber wird sich sein Gemüt seinem (inneren) Blick nicht entziehen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Das geistige Herz, das Al-Ghazali hier wieder als Gemüt bezeichnet, repräsentiert eine eigenständige Einheit im Körper. Dabei gilt zu unterscheiden zwischen dem Teilbaren und dem Unteilbaren. Der Körper setzt sich aus Bestandteilen zusammen, die mit dem Tod zerfallen. Wegen ihrer Geisthaftigkeit lässt sich die Seele jedoch nicht teilen. Sie ist eine Einheit und bleibt als solche auch nach dem Tod bestehen. Und diese Seele ist gleichzusetzen mit dem, was wir zuvor als das Herz einführten. Ihr sind die Eigenschaften der Engel inhärent.

Wisse, du Sucher der göttlichen Geheimnisse, dass die großartigen Tätigkeiten des Herzens unbegrenzt sind. Denn, um mit dem Gesagten fortzufahren, ist die Würde des Herzens zweifältig: einerseits ist es tätig mittels Wissen, andererseits wirkt es in seiner Beherrschung göttlicher Energie. Seine durch Wissen erreichte Erhabenheit ist ebenfalls zweifältig: Erstere besteht in äußerem Wissen, was jeder zu verstehen vermag, während die zweite Art (von Wissen) verborgen ist und nicht von allen verstanden werden kann, doch von höchstem Wert ist. […] und auch wenn das Herz etwas ist, dass sich nicht aufgliedern lässt, ist dennoch alles Wissen der Welt in ihm gegenwärtig. Wahrlich: im Vergleich mit ihm (dem Herzen) ist die ganze Welt wie ein Korn verglichen mit der Sonne oder mit einem Tropfen im Meer.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Al-Ghazali führt diese Vergleiche ein, um zu zeigen, dass das was allgemein als Wirklichkeit vorausgesetzt wird, sich außerhalb dessen abspielt, was er unter seinem Konzept des geistigen Herzens versteht. Der Mensch neigt eben dazu allein die gegenwärtig sichtbare, fühlbare, materielle Welt als wahre Realität anzuerkennen. Seine Bewusstheit ist häufig rein sinnesbezogenen, weshalb er die materielle Welt für die einzig wahre hält. Das aber zeugt doch von einer recht oberflächlichen und begrenzten Auffassungsgabe.

Aus seinem geistigen Herzen aber, so Al-Ghazali, lässt sich ein verborgenes Fenster öffnen, von wo aus der Mensch eine Welt zu überschauen vermag, die dem physischen Auge verschlossen bleibt. Ihr Licht zeigt sich dem Auge des Herzens, im Sinne einer spirituellen Einsicht, womit dieses mystische Auge für die Erkenntnis steht. Das Herz von dem wir hier sprechen aber steht für das Gemüt, für ein gefühltes Bewusstsein dessen, was man als Liebe bezeichnet. Erst durch kann letztendlich vollkommene Erkenntnis erlangt werden, denn was man nicht kennt, das kann man auch nicht lieben: seien es Dinge, Tiere, Menschen, Freunde oder sei eben es Allah.

Es gibt da aber noch ein weiteres Fenster (oder Auge) im Herzen, von wo aus es die Gegenstände des Geistes zu betrachten vermag. Während wir schlafen bleibt dieses geheime Fenster geöffnet und wir können da die Vorgänge und Erscheinungen wahrnehmen, die sich einem aus der unsichtbaren Welt zeigen. Auch offenbarte Visionen gehören dazu, die sich dann, aus dem vorherbestimmenden Urwissen von Al-Lahul Al-Mahfudh, der »Wohlverwahrten Tafel«, dem Auge des Herzens als Offenbarung zeigen. Auch was sich dem Schlafenden in seinen Träumen an Archetypen zeigt, kann in die geöffneten Fenster des Herzens einströmen, sofern es rein ist und bar jeder tadelswerten Neigungen. Und da sich nun dieses innere Sehen des Herzens, nicht vergleichen lässt mit dem alltäglichen Sehen der Dinge im Außen, sondern sich als Vorstellung der inneren Wirklichkeit äußert, kann einer, der in seinem alltäglichen Leben zu sehr von den Genüssen der sinnlichen Welt vereinnahmt ist, auch Nachts nur Phantome dessen sehen, was sich ihm da eigentlich zu zeigen versucht.

Mit dem Tod schließlich, wenn sich die körperliche Hülle mit all ihrer Sinnlichkeit von diesem geistigen Herzen getrennt hat, kann es in Beschaulichkeit all die verborgenen Geheimnisse jener unsichtbaren, spirituellen Welt von Al-Malakut betrachten. Wäre es aber nicht bedauernswert, ja sogar armselig, man käme erst dann in den Genuss, dieser durch und durch wohltuenden, innersten Geheimnisse?

Denke nicht, oh Sucher nach den göttlichen Geheimnissen, dass sich das Fenster des Herzens niemals öffnet, außer im Schlaf und nach dem Tod. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn ein Mensch seine Übungen durch heilige, asketische Hingabe perfektioniert und damit sein Herz reinigt, von den Befleckungen ausgelebter Neigungen, die ja eigentlich tadelswert sind, und sodann einen zurückgezogenen Ort aufsucht, um sich von äußeren Sinneseindrücken zurückgezogen in Meditation zu begeben, und dabei pausenlos ausruft »Ya Allah, Ya Allah« (deutsch: »O Gott, O Gott«), wird sein Herz zu Übereinstimmung gelangen mit dem, was man die unsichtbare Welt nennt. Da wird er sich nicht länger Gedanken hingeben an die materielle Welt, als sich in seinem Herzen an nichts anderes zu erinnern, als nur an Allah.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Durch diese Form der Meditation (Dhikr) offenbaren sich einem Übenden Eindrücke aus der unsichtbaren Welt, die wir bereits mehrfach als Al-Malakut bezeichneten. Da öffnen sich die Fenster dieses mystischen Herzens, damit, über die geheimnisvolle Überführung von Al-Dschabarut, sich dem Meditierenden das zeigt, was andere nur im Traumschlaf erfahren. Er aber sieht da die Welt in ihrer vollkommenen Wahrheit, wo er in Austausch zu treten vermag mit den aufgestiegenen Seelen der Engel und Propheten.

Die verborgenen Dinge der Erde und des Himmels enthüllen sich ihm dabei. Und wem immer sich diese Dinge zeigen, der schaut großmächtige, unbeschreibliche Wunder.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Ist das Herz also bar jeden weltlichen Verlangens, frei von weltlichen Eindrücken, als auch von Feindseligkeiten gegenüber anderer Menschen, ist das möglich, was man die »Göttliche Schau« nennt: zu sehen mit dem mystischen Auge des Herzens. Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, so Al-Ghazali, dass diese Gabe erst wachgerufen werden muss, nämlich durch tatsächliches Üben und eine gewisse Entsagung, wenn nicht gar Askese. Wer dazu nicht bereit ist, kann die zuvor geschilderten Offenbarungen nicht erleben. Es sei denn, so fügt Al-Ghazali überraschender Weise hinzu, dass einer der Gnade Gottes empfänglich wurde. Das aber soll nur sehr selten vorkommen.

Fest steht, dass diesen Weg des Herzens nur beschreiten kann, wer auch bereit ist Schwierigkeiten zu bewältigen. Das zeigen uns all die unzähligen Beispiele von Biografien solcher, die man als erleuchtete Meister bezeichnet – allen voran dieser, den der Islam »Isa ibn Maryam« nennt: Jesus Christus. Sein Leidensweg sollte ja zum wichtigsten Symbol einer der großen Weltreligionen werden.

Engelhafte und dämonische Aspekte des Herzens

Wie man geistlichen Schriften vieler Religionen entnehmen kann, fehlt den Tieren das worüber der Mensch verfügt: eine spirituelle Kraft, die er in seinem Herzen zu konzentrieren vermag. So wie nach islamischer, wie auch christlicher oder jüdischer Auffassung, die Aufgabe der Engel darin besteht, Wind und Regen zu lenken, Junge auf die Welt zu bringen, sie entsprechend ihrem Schicksal zu formen, die Saaten in der Erde aufgehen zu lassen, wie auch die Pflanzen zum Wachsen zu bringen und Früchte tragen zu lassen, so soll auch das mystische Herz im Menschen auf die materielle Welt Einfluss ausüben können – zuerst in seinem eigenen Innern, dann aber auch über sein Außen durch sein Handeln, vorausgesetzt, es ist rein und frei von negativen Einflüssen.

[…] wenn das Herz nicht trübe werden soll durch den Rost der Aufruhr, und es nicht animalische und bösartige Eigenschaften bestimmen sollen, wäre es in der Lage dazu, im Namen der in ihm gegenwärtigen engelhaften Eigenschaften, die selbe Wirkung auch auf andere Körper auszuüben.

Wenn es (das Herz) ernsthaft einen Löwen oder Tiger betrachtete, würden sie in ihrer Art erweichen und sich ihm fügen. Betrachtete es jemanden der krank ist mit Güte, so würden sich dessen Gebrechen in Gesundheit verwandeln. Betrachtete es einen Kraftprotz, ganz erhaben, so finge dieser zu schwächeln an.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dass das, was Al-Ghazali hier beschreibt, nicht allein Hirngespinste sind, meint er vernünftig belegen zu können, allein aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Er erwähnt etwa das, was über diese Augen des Herzens auch an »Zauberei« möglich ist: Wenn ein hämischer Charakter einen schwachen Menschen mit Neid betrachte und diesem übel wolle, und während er ihn so anstarrt, ihm sogar dessen Zerstörung in den Sinn käme, ließe sich dieser Einfluss bei dem Betroffenen sofort erkennen und man sähe nicht all zu lange danach den angerichteten Schaden. Solch Einfluss kann nur durch den Missbrauch der eigentlich heiligen Eigenschaften des Herzens erfolgen, was aber letztendlich nur auf den zurückfällt, der versuchte über sein Gemüt Macht auszuüben, um seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen.

Gesicht – Gewalt – Gewissen

Der Einfluss des Herzens erfolgt über drei Wege:

Ein Sehen im Außen, wozu jeder Mensch fähig ist. Auch den Propheten und Heiligen offenbaren sich die Mysterien im Außen.

Dann auch mit der Beherrschung des eigenen Körpers, etwas wozu ebenfalls jeder Mensch fähig ist. Propheten und Heilige aber haben, zum Wohle der Gemeinschaft, die Fähigkeit diese Herrschaft auch über die Körper anderer auszuüben.

Der Dritte Weg wird durch das Vernehmen besonderen Wissens gegangen, über den das Herz Macht auszuüben vermag. Jeder kann solches Wissen erlangen, indem er lernt und damit ausgebildet wird. Propheten und Heiligen aber wird dieses Wissen direkt durch Gott vermittelt.

Letztere Art der Erlangung von Wissen ist allgemein bekannt als das, was man »Erleuchtung« nennt: ein Wissen das einstrahlt aus der spirituellen Welt in den Geist des Menschen. Wenn folgender Koranvers von »uns« und »wir« spricht, ist das eine Aussageweise um die dabei wirkende, spirituelle Kraft Allahs nachdrücklich zu betonen:

Da fanden sie einen unserer Diener, dem wir unsere Barmherzigkeit zukommen ließen, und den wir Wissen von uns gelehrt hatten.

- Sure 18:65

Jene zuvor beschriebenen drei Formen, über die durch das Herz Einfluss genommen werden kann, davon stehen manchen Menschen alle drei, anderen zwei oder auch nur eine zu. Wer aber über alle drei Fähigkeiten verfügt, schreibt Al-Ghazali, der bewegt sich in den Rängen der Heiligen.

Das Herz ist dazu befähigt, äußeres Einwirken in seinem Innern aufzunehmen und darin in Form besonderer Kräfte zu speichern. Die drei eben beschriebenen Arten erfolgen jedoch in bewusster Form. Doch durch das alltägliche Leben können auch andere Kräfte auf dieses Herz-Bewusstsein Einfluss nehmen. Auf fünf Arten wirken diese auf das Herz ein, in Form der Erscheinungen der Außenwelt. Als solche Sinnes-Ströme strahlen sie in das Herz ein und können von ihm auch gespeichert werden.

Sind diese Einflüsse klar und von Licht erfüllt, so erfolgt das natürlich zum Wohle des Herzens. Die Wirkungen unserer Sinneseindrücke bringen aber auch Eintrübungen mit sich, die sich, allegorisch gesprochen, im Herzen allmählich ansammeln und darin ablagern, wie Schlamm der sich mit der Zeit in einem Wasserbehälter am Boden sammelt. Es scheint darum nur logisch, dass einer, der diese innerlichen Störfaktoren in seinem Herzen beseitigen und sich des darin angesammelten, geistigen Unrats entledigen will, solche äußeren Einflüsse aufstauen muss, damit ihm durch rechtes Denken und Fühlen gelingt diesen Schlamm negativer Gedanken und Emotionen regelrecht aufzurühren und dabei aus seinem Herzen, mit den geläuterten Wassern des Geistes auszuspülen. Ist das aber erfolgt, so können diese Wasser nachströmen, bis sich jene mystischen Herzkammern damit angefüllt haben, worauf man allen weiteren Zustrom stoppt.

Wenn wir zu Anfangs sagten, dass es fünf Kraftströme sind, die auf das Herz Einfluss ausüben, hängen diese natürlich mit den fünf äußeren Sinnen zusammen. Mit ihrer »Strömung« aber werden auch alle möglichen Arten von wertlosem Wissen, unnützen Gedankengängen und Vorurteilen »angespült«, die sich, wie gesagt, über längere Zeit in uns ansammeln, in den Tiefen der Seele (das heißt also, des Herzens) ablagern und jene zuvor erwähnten Fenster (oder »Lichttore«) im Herzen verschmutzen und sie dabei allmählich ganz verkrusten. Wenn Al-Ghazali also von einem »Aufstauen« spricht, meint er damit, sich zuerst aller negativen Sinneseindrücke zu entledigen, sie dann durch positive, wertvolle Eindrücke zu ersetzen, um letztendlich damit die beiden Fenster des Herzens gereinigt zu haben. Dann aber kann sich der Seele ein wahrlich erhellendes Wissen offenbaren, wo sich einem Menschen die Wirklichkeit des Göttlichen enthüllt.

Das Auge erfreut sich an rechten Bildern und seinem Sehen angemessener Figuren. Das Ohr erfreut sich an harmonisch stimmenden Klängen. In gleicher Weise erfreut sich das Herz, da es angewiesen ist auf eine Beschäftigung mit Dingen, die der Aufgabe seines Daseins entsprechen: nämlich alles zu erfahren in seiner Wirklichkeit und Wahrheit. Ein jeder Mensch findet darum großes Gefallen an dem was er weiß, selbst wenn die Sache (in Wirklichkeit) auch nur von geringer Relevanz ist.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Die Quintessenz aller Hochgefühle

Viele von uns suchen nach Antworten auf Lebensfragen im Außen. Mit dem hier Beschriebenen aber scheint es eine mindestens ebenso große, ja wahrscheinlich noch viel größere Welt in unserem Innern zu geben. Und wie es auch in der alltäglichen Welt bestimmte Helfer gibt, so gibt es diese auch in uns. Wie sich aus den hier beschriebenen Wirkungen aus der Welt des Göttlichen ableiten lässt, ereignet sich das Werk dieser Helfer außerhalb unseres Verständnisses von Raum und Zeit. Da sie eben keine physischen, sondern geistige Wesen sind, führen sie dem Herzen eines Gläubigen geistige Kräfte zu, die ihm zur Verwirklichung seiner Selbst auf Erden, ununterbrochen zur Verfügung stehen. Das zumindest versuchte Al-Ghazali dem Leser nahezulegen, in seinem hier vorgestellten Werk: Das Elixier der Glückseligkeit.

Am Ende des ersten Kapitels dieses Buches, fordert er den Lesen dazu auf, sich vor seinem inneren Auge auszumalen, was sinngemäß im Folgenden wiedergegeben werden soll:

Stellen Sie sich vor, dass es da mal einen Diener gab, der ihnen sein ganzes Leben treu ergeben war und auf dessen Hilfe sie keinesfalls verzichten konnten, während er aber jederzeit hätte einen anderen Meister finden können. Wäre er nur einen Tag lang nicht auf ihre Wünsche eingegangen: Wären sie darüber erbost gewesen?

Wenn da aber nun eine höchste, unbegrenzte, geistige Macht (das heißt also Gott) veranlasste, dass ein Teil von ihr, als Seele in einen menschlichen Körper einzog: War es ihr dann wirklich wichtig, genau jenen oder einen anderen Körper, als Bewohner eben jenes mystischen Herzens seiner selbst auszuerkiesen?

Und wenn nein: Wie kann es da sein, dass ein Mensch allein zum Diener seiner körperlichen Leidenschaften wurde und dabei völlig vergaß, wo das ewige, innere und tiefste Wesen seines Selbst seinen Ursprung nahm, das mit dem Ziel in diese Welt kam, sich zu verwirklichen, zum eigenen Behagen, zum Wohl der Anderen und zur Freude seines Schöpfers?


Der menschliche Körper unterscheidet sich, rein biologisch und physiologisch gesehen, grundsätzlich nicht von dem des Tieres. Ja in gewisser Hinsicht steht er manchen Tieren darin sogar nach. Was jedoch seinen Verstand anbelangt, unterscheidet sich der Mensch vom Tier, ist ihm darin überlegen – doch ebenso zur Verantwortung verpflichtet. Wer sich dann aber seines geistigen Herzens bewusst geworden ist, kann jene mit dem Gesagten beschriebene reinste Substanz als vollendeten Verstand aus seiner Geistigkeit herauslösen und die Quintessenz dessen erschaffen, woraus sich jenes geistige Herz im Wesentlichen zusammensetzt. In diesem Vermögen kann jedem Menschen gelingen, dieses Elixier der Glückseligkeit, von dem hier immer wieder die Rede war, auf geistiger Ebene auszudrücken. Wem das gelingt, dem wird der Körper zum lieben Gefährt, worin er sein Herz zu wahrer Gotterkenntnis führen wird.

Die Würde eines Dinges ist abhängig davon, was es an und für sich ist. Wenn ein Mensch sich darum nicht auf seine eigene Körperlichkeit, sein Herz und seine Seele einzufühlen vermag, doch Anspruch auf Gotterkenntnis erhebt, ähnelt er einem Mittellosen, der, obwohl er nichts für sich zu essen hat, dennoch ein Festessen für die Armen der Stadt veranstalten wollte. Kurzum: ein Mensch sollte alles daran geben Gotterkenntnis zu erlangen, da Gotterkenntnis Gottesliebe bedingt.

[…]

Da du, oh Forscher nach den göttlichen Geheimnissen, die Würde und die edle Gesinnung des (mystischen) Herzens kennengelernt hast, wisse auch, dass dir dieses kostbare Juwel in ein Tuch gehüllt anvertraut wurde, damit es nicht in Kontakt mit der Welt (des Alltags) gerate, und damit du es zur Vollendung seinem Ruhepol zuführst, ihn in den Genuss reinen Glücks kommen lässt, in den Palästen der Ewigkeit.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

 

Gralssuche und Selbstfindung

Johan von Kirschner

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Auf dem Pfad der Sufis - ewigeweisheit.de

Auf dem Pfad der Sufis

S. Levent Oezkan

Die meisten Sufis sind Muslime, die ihr Leben auf Rücksichtnahme, Selbsthingabe und Ergebenheit ausrichten: als Helfer der Schutzlosen und Unglücklichen. 

Um solch edles Streben drehte sich auch das Leben des großen Eingeweihten Mevlana Rumi, den viele Millionen Menschen weltweit als Heiligen verehren. 

Ein Sufi weiß aber, dass die Welt nicht das wahre Zuhause seiner Seele ist. Sie befindet sich auf einer Reise, auf der sich ihr Träger dem Pfad der Wahrheit nähert.
Im Dhikr - der ekstatischen Praxis der Sufis - geht es darum, sich auf dieses erhabene Ziel zuzubewegen, um für sich selbst und seine Mitmenschen, Frieden und Erfüllung zu bringen.

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