Die sokratische Höhle

von S. Levent Oezkan

Vor ungefähr 2.500 Jahren lebte in Athen der Philosoph Sokrates. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er auf den Marktplätzen der Stadt, wo er seinen Mitmenschen eigentümliche Fragen stellte, um sie damit in angeregte Unterhaltungen zu verwickeln. Was uns über ihn heute bekannt ist, das stammt aus der Feder seines ergebensten Schülers: Platon.

In Platons Werk über die Verwirklichung eines idealen Staats, der Politeia, lässt er seinen Lehrer Sokrates das berühmte Höhlengleichnis erzählen. Es geht darin um die Frage, was mit einem Menschen geschieht, den man aus einer Welt der Illusionen, in die Freiheit und in den Glanz einer ganz und gar realen, wirklichen Welt befreite.

Dieses Gleichnis ist eine inspirierende Geschichte, die uns ermutigen soll zu unterscheiden: zwischen einem nur eigentlichen Schein der Dinge, der wie ein Schleier die Wahrheit einer dahinter liegenden Realität verhüllt. Das Höhlengleichnis schildert dabei, inwieweit unser Menschsein bereits erleuchtet oder eben unerleuchtet geblieben ist.

Die Höhlenmenschen

Unter der Erde leben Menschen in einer Höhle, deren langer Eingang sich über die ganze Breite des Gewölbes erstreckt. Dort sitzen sie, Köpfe und Arme angekettet, seit ihrer Kindheit. Alles was ihnen in dieser Haltung bleibt, ist vor sich an die Höhlenwand zu starren.

Hinter ihnen, hoch oben jedoch leuchtet ein großes Feuer. Nur was sie davon sehen, sind allein die schattenhaften Silhouetten ihrer Körper, die das Licht des Feuers auf die gegenüberliegende Höhlenwand projiziert. Nichts als diese Schatten sehen sie, denn ihre Häupter können sie ja nicht bewegen.

Zwischen diesem Feuer und hinter diesen in der Höhle gefangenen Bewohnern, befindet sich ein gerader Weg.

längs diesem (Weg), siehe dort eine Mauer aufgeführt, wie die Schranken welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke (mit Puppen) zeigen.

- Aus Platons Politeia, 7. Buch

So sahen jene dort allerhand Statuen und Tierfiguren vor sich, die jedoch hinter ihnen vorbeigeführt, sich als Silhouetten auf der Höhlenwand vor ihnen, als Schatten zeigten. Nur das sahen sie und hielten es für die einzige Wirklichkeit. Ihre Hände waren frei und sie konnten die Formen bedeuten und auch darüber sprechen, was sie da sahen. So also gaben sie den Dingen auch Namen, um sich darüber auch unterhalten zu können.

Angenommen nun, das sie dort ein Echo hörten, dass die riesige Höhlenwand auf sie zurückwarf, worin aber Stimmen derer anklangen, die eigentlich hinter ihnen sprachen: 

Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her, meinst du, wenn einer von den (hinter ihnen) Vorübergehenden spräche, sie würden denken etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten?

- Aus Platons Politeia, 7. Buch

Wohl eher hätten sie tatsächlich geglaubt, dass die Schatten selbst auch sprächen. Aller Abglanz und alles Echo hielten sie darum wohl für das Eigentliche.

Befreiung

Was nun aber, man hätte einen dieser bedauernswerten Menschen aus ihrer Höhlengefangenschaft entfesselt und ihn gezwungen aufzustehen und sich umzudrehen? Da wohl hätte ihn das hell leuchtende, riesige Feuer geblendet und die Figuren wären ihm nur schemenhaft zu Augen gekommen.

Nun wäre sein Befreier auf ihn zugegangen und hätte ihn gefragt, ob das was er da zuvor gesehen hatte, nur schattenhafte Trugbilder waren? Das wohl hätte seine Sicht auf die Dinge nachgeschärft und sein Sehvermögen geklärt. Wie aber hätte er geantwortet? Wie hätte er die Dinge, über die er mit seinen eigentlichen Leidensgenossen sprach, nun beschreiben sollen? Wohl hätte er die Schatten als wirklicher gehalten, als die Gegenstände die sie tatsächlich verursachten.

Im Angesicht des Sonnenscheins

Wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang (aus der Höhle) schleppte, und nicht losließe bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun ans Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nichts sehen können von dem was ihm nun für das Wahre gegeben wird.

- Aus Platons Politeia, 7. Buch

Und jener Befreier, den man vielleicht auch als seinen wahren Lehrer bezeichnen könnte, der ihn da aus der Höhle gedrängt hatte, der nannte das dort draußen sogar die Realität.

Allmählich aber hätte er sich wohl an all das helle Licht an der Erdoberfläche gewöhnt, auch wenn er zuerst die Schatten am besten zu betrachten wusste. Dann vielleicht hätte er auf Wasseroberflächen Spiegelungen der Welt entdeckt, um schließlich die Dinge selbst zu betrachten. Wohl hätte er sich des Nachts über das Glimmen der Sterne und das Mondlicht am Himmel erfreut. Am Morgen aber wäre er sogar fähig gewesen selbst die Sonne anzusehen, wenn sie knapp über dem Horizont aufsteigt. Hätte er dann nicht begonnen darüber nachzudenken, was wirklich real ist?

Wohl wäre er da zu dem Schluss gekommen, dass es eben die Sonne ist, durch die die Jahreszeiten entstehen, wonach sich alles Leben in der sichtbaren Welt richtet. Bald wohl wäre ihm die Sonne als Grund allen Seins erschienen, an deren Anblick sich seine Mitmenschen hier oben in der Realität bereits gewöhnt hatten. Dann wohl hätte auch er zum ersten Mal die Sonne gesehen, und sich über ihr Wesen zwar erst gewundert, doch schließlich daran erfreut.

Rückkehr ins dunkle Gefängnis der Unterwelt

Bei dem Gedanken an seine alte Wohnstatt in der Höhle, empfand er seine Befreiung aber ganz gewiss als wahren Segen.

Seine alten Nachbarn jedoch, dort in der tiefen dunklen Höhle, wetteiferten unterdessen wohl damit weiter, wer die vorüberziehenden Schatten am schnellsten zu betrachten und sogar schon die genaue Abfolge ihres Erscheinens vorauszusagen vermochte. Wäre so etwas für jenen Entflohenen dort oben im Licht der Sonne aber überhaupt noch relevant gewesen?

(Wenn der Befreite) nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt?.

- Aus Platons Politeia, 7. Buch

Auch wäre er wohl kaum noch in der Lage, mit den Fähigkeiten seiner einstigen Gefängnisgenossen mitzuhalten, wenn sie diese Schatten an der Höhlenwand, doch so präzise zu beschreiben und ihr Auftreten voraussagen vermochten. Nicht nur wäre er ihnen unterlegen gewesen, sondern sie hätten ihn wohl sogar ausgelacht, wegen seiner Unfähigkeit die Schatten richtig zu deuten. Schließlich hatte er sich seine Sicht mit der blendenden Sonne dort oben »verdorben«.

Von denen dort unten aber wäre keiner auch nur im Traum darauf gekommen, seinen Platz in der Höhle jemals zu verlassen. Vielmehr glaubten sie, dass man jedem, der sie aus ihrer Fessel zu lösen und ans Tageslicht bringen wollte, habhaft werden müsse um ihn zu töten!

Es ist die Aufgabe des Erleuchteten nun aber nicht nur hinaufzusteigen, um oben am Licht das Gute zu sehen und dabei zu lernen, sondern außerdem auch den Willen zu entwickeln, auch wieder hinab in die Finsternis zu steigen, um mit seinen einstigen Leidensgenossen ihre Sorgen und Würdigungen zu teilen, ganz gleich ob es sich für ihn selbst lohnt oder auch nicht. Und das müsste er tun, selbst im Angesicht seines eigenen Todes. Denn wer erkannt hat und wer erleuchtet ist, wird jedem seine Hilfe anbieten und das zum Wohle Aller.

 

Höhlengleichnis - ewigeweisheit.de

Schaubild: Illustration des Höhlengleichnisses von 4edges aus Wikimedia Commons.

Vergrößern +

Kommentare

Namaste, es sind so klare und einfache und zugleich Gedanken in diesem Artikel formuliert, dass sie mir sofort zu Herzen gingen.
Die Gedanken tun mir deshalb so gut, weil sie so ausgewogen und friedvoll sind. Das ist ja nicht einfach. Denn sie beschreiben ja eine gewaltige Spannung. Denn, wie lebt und verhält mal sich in der Spannung zwischen zeitlichem uns ewigen Sein, zwischen Vergänglichem und Unvergänglichen, zwischen Himmel und Erde.
Denn man sollte ja dabei nicht das vergängliche Leben oder gar die Menschen gering schätzen oder gar abwerten. Je mehr man eine Ahnung des Einen, des Unvergänglichen hat, je mehr führt uns das zum Dienst an den Mitmenschen, die uns das Leben anvertraut. Das erdet den Himmel in uns.
Ja, Danke für diesen Text. Er ist sehr wahr und heilsam.
Mit Grüßen der Verbundenheit Michael vom Weißen See

Danke für die wunderbar erhellende Beschreibung und Erläuterung.
Mir wurde dabei klar, wie wichtig insbesondere das Spüren in diesem Prozess für mich ist. Das Spüren des Feuers hinter mir und insbesondere das Spüren der Sonne über mir und in mir. Dieses Spüren erneuert mein Urvertrauen und erlaubt mir wieder die Rückkehr.
Beste Grüße vom Dachsberg!
Roland

Hallo Roland,
schöne Worte hast Du da gefunden.
Die Sonne auch als Bild für die ewige UrEnergie, die göttliche Schwingung in uns und um uns, das Atman und Brahman, Urmatrix des Kosmos.
Daraus lebt alles und schenkt Vertrauen im vergänglichen Spiel und Fluß des Lebens.
Das zu Spüren ist Erleuchtung.
Spüren, Erfahren ist Leben und bewusstes Deuten des Erfahrenen.
Daraus ent-wickelt sich alle Formgebung der spirituellen Traditionen.
Es grüßt Dich in Verbundenheit des Einen vom Weißen See zum Dachsberg
Michael
Namaste

Also ich glaube, wir Menschen haben zuerst einmal das "Wahrgenommene" einfach so erlebt, wie es sich uns präsentierte. Im Laufe der Zeit haben sich dann "Einige" gefragt: "Ist das die Wahrheit, oder steckt da mehr dahinter?" - So kam es dann dazu, dass sich Leute wie Platon und Sokrates nach dem "Anderen" als die Schatten umsahen! Plötzlich wurden sie sich in der Höhle "der Flammen" gewahr, ja und wenn sie fähig waren die Höhle zu verlassen, entdeckten sie den "Sonnenschein und die Vielfalt der Natur". Kurz gesagt: "Die Menschheit machte sich auf die Suche nach der Wahrheit!"

Ja, alles Leben ist Wahrnehmung und Deutung. Wahrnehmen der äußeren und der inneren Wirklichkeit.
Und die erste ewige unvergängliche Wirklichkeit kann man im Inneren und Äußeren, oder durch das Innere und Äußere hindurch, ahnen und durchscheinen "sehen".
Dafür braucht es wohl "nur" Offenheit, Stille, Sehnsucht...

 

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

Auf Amazon.de ansehen ►

Hier im Shop ansehen ►