Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

von Johan von Kirschner

Sokrates - ewigeweisheit.de

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte der Philosoph dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen.

Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agora – dem Marktplatz des alten Athen. Hier wandelten, in Dialoge vertieft, der große Philosoph Sokrates, Platon oder Aristoteles – alles Namen, die bis heute noch vielen Menschen bekannt sein dürften. Und es waren diese drei Weisen, jeweils Lehrer und Schüler, über die sich fast schon eine Art Familiengeschichte der klassischen Philosophie wiedergeben ließe, aus der Zeit zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Neben Sokrates' wichtigsten Schüler Platon, schrieb auch der Schriftsteller und spätere Feldherr Xenophon, über die Weisheit seines Lehrers. Eine Geschichte erzählt, dass sich Sokrates dem damals noch jungen Xenophon in einer engen Gasse in den Weg stellte und fragte, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem ihm Xenophon antwortete, fragte Sokrates weiter:

Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?

- Aus Diogenes Laertios »Über Leben und Lehren berühmter Philosophen«

Diese Frage wusste der junge Mann nicht zu beantworten, blieb ganz verständnislos, wollte jedoch verstehen lernen und folgte seitdem Sokrates. Einst sollte er die Dialoge mit Sokrates als eine Sammlung von Weisheitsschriften verfassen, worin er seinen Lehrer beschrieb im Gespräch mit anderen.

Philosophische Geburtshilfe

Die Erscheinung des Sokrates und sein ungewöhnliches Ableben, sollte eine neue Ära der westlichen Philosophie einleiten. Wer war dieser Mensch, der da vor zweieinhalb Jahrtausenden das Denken der westlichen Welt veränderte?

Alles was in der alten Welt Griechenlands an Denkern und Weisheitsliebenden zu Gegen war, deren Wege sollten nach Sokrates im Sande der Vergangenheit versiegen. Denn mit seinem Auftreten und Fortwirken durch seinen wohl wichtigsten Schüler Platon, endete das, was der deutsch-schweizerische Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart«, als die »Mythische Bewusstseinsstruktur« bezeichnete. Der alte Glaube an ein im Himmel weilendes Göttergeschlecht, dass die Verantwortung für das Leben in der Welt trug, sollte nun durch Sokrates auf die Ebene menschlichen Seins gebracht und in den Schulen des Denkens eingeführt wurde. Was das bedeutet brachte der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf den Punkt:

Sokrates rief die Philosophie vom Himmel herab, hat sie in den Städten angesiedelt und sogar in die Häuser hinein geführt und er zwang die Menschen über das Leben, über die Sitten und über Gut und Böse nachzudenken.

Seine vielfach gewandte Art des Unterrichts und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände und die Größe seines Geistes, durch Platon zum ewigen Gedächtnis in Schriften niedergelegt, veranlasste mehrere Schulen abweichender Philosophen.

- Aus Ciceros Hymnus auf die Philosophie

Es kam durch Sokrates Wirken der Wunsch nach Antworten auf die praktischen Lebensfragen unter die Menschen. In den Weisheitslehren von Pythagoras, Thales oder Heraklit war das, was man später Philosophie nannte, noch eine recht abstrakte Geisteswissenschaft. Was die Führung des eigenen Lebens aber anbetrifft, so sollte dies erst durch Sokrates' menschliches Ansinnen bedeutsam werden.

Darum war er für den schweizerischen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) sogar eine ebenso wichtige Gestalt, wie der Buddha, wie Konfuzius oder Jesus. Sie nämlich waren andere wichtige Weisheitslehrer der Antike, die den Menschen eine authentische Lebensweisheit brachten.

Sicher spielte Sokrates in der Geschichte des antiken Geisteslebens auch sonst eine Sonderrolle, als eben der eigenartige Mensch der er war und der sich, wie Jesus nach ihm, seinem offensichtlich ungerechten Todesurteil stellte und eigentlich unschuldig hingerichtet wurde.

Sokrates wahrlich lebte Philosophie. Auch wenn er von Haus aus eigentlich das Handwerk des Steinmetzes erlernt hatte, übte er diesen Beruf nie wirklich aus. Eher lag ihm daran sich mit seinen Zeitgenossen zu unterhalten – vor Allem aber Fragen zu stellen, und dabei herauszufinden, was Menschen etwa damit meinen, wenn sie von ihren Tugenden sprechen.

Er selbst hätte sich gern immerfort über die menschlichen Dinge unterhalten, indem er untersuchte, was fromm, was gottlos; was schön, was schimpflich; was gerecht, was ungerecht sei; worin die Besonnenheit und Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehe; wie ein Staat und ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent sein müsse, und Anderes der Art, was nach seiner Überzeugung Jeden, der es weis, zu einem guten und edlen Menschen macht, demjenigen aber, welcher damit unbekannt ist, mit Recht den Ruf einer knechtischen Seele zuzieht.

- Aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates 1:16

Nur wer diese Dinge gut weiß, der konnte Sokrates nach auch gut handeln. Drum stellte er immer und immer wieder die sogenannten »Was ist«-Fragen:

Was ist Besonnenheit?

Was ist Frömmigkeit?

Was ist Tapferkeit?

Sein Anliegen bei der Suche nach Antworten sollte zur zentralen Frage und dem Hauptgeschäft der gesamten Philosophie werden. Dabei lag Sokrates niemals daran seinem Gegenüber irgendwelches Wissen aufzudrängen. Vielmehr wollte er auf jemanden zugehen, um dabei von ihm etwas zu erfahren. Sokrates also wollte statt zu lehren, lernen.
 

Wie es Sokrates' Mutter als Hebamme verstand Kinder zur Welt zu bringen, so schien ihr Sohn diese Kunst durch sein Fragen auszuüben, um dabei besonderen Antworten zur Geburt zu verhelfen, als Weisheiten, die in seinen Gesprächspartnern bereits schlummerten, doch danach drängten bewusst zu werden. So wie also eine Hebamme nicht eigene, sondern fremde Kinder zur Welt bringt, so ging es auch Sokrates in erster Linie darum, nicht selbst Wissen oder Weisheit zu gebären, sondern anderen zu helfen, bei der Geburt einer Weisheit, die in ihrem Inneren nur darauf wartet ans Licht der Welt gebracht zu werden.

Diese ganz eigene Form des Dialogs existierte vor ihm noch nicht. Sokrates sah in manchen seiner Gesprächspartner, wie ihre eigentlichen Fähigkeiten und Veranlagungen scheinbar in die äußere Wirklichkeit der Gegenwart drängten, und verhalf ihren so geplagten Seelen dabei, ihr wirklich wesentliches Naturell zu gebären.

So wie eine Hebamme zu erkennen vermag ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt, wusste auch Sokrates um das vielleicht verborgene Potential seiner Gesprächspartner – sei es positiv oder negativ. Durch seine drängenden Fragen brachte er es aus ihnen zum Vorschein. Daher wird in der Philosophie der griechische Begriff der »Mäeutik«, der Hebammenkunst verwendet. Gewiss erinnert das dem heute so oft angeratenen »Coaching«, dass sich wohl insbesondere darin versucht die richtigen, ja eigentlich richtende Fragen zu stellen.

Doch manche sahen in Sokrates weniger einen Geburtshelfer beim Hervorbringen von Erkenntnis im anderen, als einen Plagegeist. Das ihm sein Fragen dereinst teuer zu stehen kommen würde, schien er, wenn auch schon erwartet, kaum Beachtung zu schenken.

Zwar suchte sich Sokrates für seine Themen stets Kenner der Materie, zumindest aber Menschen, die sich für solche hielten. So fragte er einen Priester aus über Frömmigkeit, wollte über Gerechtigkeit von einem Mann des Staats wissen oder suchte Antworten beim einem Feldherrn über die Tapferkeit. Was aber die dabei befragten Tugenden beförderten, war gar kein Wissen, sondern eher etwas, dass man als »Nicht-Wissen« bezeichnen könnte.

Wegen der drängenden Fragen, die Sokrates wohl anscheinend auf alle Antworten seines Gegenübers folgen ließ, vereitelten jeden Einwand und veranlassten seine Gesprächspartner einräumen zu müssen, dass sie keine Antworten hatten. Und zu solchem Schluss sollten vor leider vor allem jene kommen, die unter seinen Zeitgenossen die großen Herren waren: Staatsmänner, Admiräle oder Richter. Doch auch die großen Seher, Wahrsager und Priester dieser Zeit wussten meist keine Antworten auf Sokrates' Fragen. Sie alle mussten mit ihrer Sprachlosigkeit bitter hinnehmen, dass sie vom Göttlichen eigentlich gar nichts wussten! Das aber führte immer zu einem recht unbefriedigenden Ergebnis, denn fast alle seine Dialoge führten zu einem Ende ohne Lösung – Sokrates' Hebammenkunst scheiterte also, was Sokrates aber auf ganz beeindruckende Weise einfach so hinnahm.

Keineswegs aber empfand sich Sokrates damit als einer, der es besser wusste, sondern achtete auch selbst keine Antwort oder Lösung zu haben. Nicht aber, dass er darum wäre unglücklich gewesen. Allein in seinem Gegenüber eine Antwort hervorzubringen, war für ihn schon ein Gewinn. Bleiben doch die unbeantworteten Fragen das, was uns streben lässt, das Unerfüllbare das aus uns ein neues Ansinnen hervorbringt, stets bewusst, dass er eben nichts wusste – und wenn doch, dann nur sehr wenig. Schließlich stammte von ihm der berühmte Satz:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Wobei diese Übersetzung seiner Aussage einen kleinen, jedoch nicht unbedeutenden Fehler beinhaltet, denn das griechische oîda ouk eidōs müsste korrekt übersetzt eigentlich heißen:

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Und das ja ist die Aussage eines Weisen, der nicht von sich glaubt ein Wissender zu sein und noch viel weniger das Selbe behaupten würde. Genauer hieße es vielleicht: Ich bin Mitwisser meiner Selbst, als jemandem der eigentlich nicht über begründetes Wissen verfügt. Das klingt nun vielleicht bescheidener als es letztendlich ist, sah er sich damit doch seinen Mitmenschen einen Schritt voraus.

Mit dieser weisen Einsicht aber empfand sich Sokrates eben auch nicht als Vorbote, der den Menschen von einem Besseren kündete, sondern forderte sein Gegenüber damit heraus, dass er äußerst treffliche Fragen zu stellen wusste – auch jenen die nicht einmal gefragt werden wollten.

Menon: O Sokrates, ich habe schon gehört, ehe ich noch mit dir zusammengekommen bin, dass du allemal nichts als selbst in Verwirrung bist und auch andere in Verwirrung bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch, dem Zitterrochen, zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so, dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas Ähnliches angetan, dass ich erstarre.

- Aus Platons Dialog Menon

Das Sokratische Problem

Sokrates war also keineswegs jemand, den man als gewöhnlichen Mann bezeichnen könnte. Nicht aber etwa war er nur ein kluger Spinner, der anderen auf die Nerven ging, auch wenn man das, was durch ihn zu dem Begriff der Philosophie kam, doch recht lästig sein kann, musste man seine ewigen Fragen durch Antworten erwidern.

Sokrates aber war ein echter Weiser, jemand der allein durch seinen Geist im Anderen, auf diese Weise und durch seine wunderbare Sprache, eine Wandlung zu vollziehen vermochte. Etwas, das wohl keinem anderen Philosophen nach ihm gelang. Doch nicht alle denen Sokrates seine Fragen stellte, zeigten sich dankbar. Im Gegenteil: Als sie durch Ermangelung an Antworten plötzlich feststellen mussten, dass sie, wenn von ihnen auch anders angenommen, eigentlich nichts wirklich wussten. Sokrates war sozusagen der lästige Typ, der jedem, der von überschwänglichem Selbstbewusstsein aufgeblasen durch die Straßen ging, der so jemandem verfängliche Fragen stellte, auf die er keine Antwort wusste. Da fühlte sich schon immer mal wieder jemand einfach nur bloß gestellt, da sich herausstellte, dass sein Wissen eigentlich nur Scheinwissen war. Manche waren so erbost über sein drängendes Fragen, dass sie ihn sogar körperlich attackierten.

Nun, zugegebenermaßen müssen wir uns hier auf all das stützen, was uns durch seine Schüler Xenophon und Platon überliefert wurde. Und es gibt wohl etliche philosophie-historische Abhandlungen und Arbeiten darüber, wer der historische Sokrates in Wirklichkeit war und wie sehr ihn insbesondere Platon zu seiner Kunstfigur stilisiert hatte, in der er seine eigene Philosophie zum Ausdruck bringt: man nennt das das »Sokratische Problem«, das bis heute ungeklärt bleibt.

Wahrscheinlich war es Platons Lebensaufgabe, das Werk seines Meisters auf eben seine Weise niederzuschreiben, dass es der Nachwelt auf ewig erhalten bleibe. Dabei erscheint Sokrates, in dem was Platon über ihn schrieb, fast schon als einer, den man aus christlicher Sicht, durchaus einen Heiligen, vielleicht sogar einen Propheten nennen könnte. Denn schon die Art wie er starb, worauf wir später noch eingehen wollen, deuten durchaus Parallelen an zu demjenigen, den die Christen als ihren Heiland und Sohn Gottes Jesus Christus ansehen.

Es scheint daher auch kein Zufall, dass Sokrates eine Vorbildfunktion einnehmen sollte, wie er als Unbeirrbarer zu seiner Aufgabe in voller Verantwortung stand. Seine Rolle als auch eine Art Heldenfigur, sollte ganz wesentlich das Denken des späteren Altertums im Westen beeinflussen. Man deutete dies auch auf eine ganz eigentümliche Weise in die christliche Botschaft hinein. Sogar noch bis ins 18. Jahrhundert wurden Sokrates und Jesus immer wieder miteinander verglichen.
 

Es spricht nun einiges dafür, dass es sich bei seiner Verteidigungsrede (Apologie) und den vor seiner Hinrichtung geführten Dialoge (Phaidon), die wahre Person Sokrates wiedergeben. Wäre dem nicht so, hätte Platon wohl viele gegen sich aufgebracht. Die Gerichtsverhandlung nämlich fand statt, was im Übrigen auch für die Gespräche nach seiner Verurteilung im Kreise seiner Freunde zutrifft. Vor allem aber empört wären wohl die Gegner des Sokrates darüber gewesen, hätte Platon, aus ihrer Sicht, in der Wiedergabe der Geschehnisse und Aussagen seines Meisters, den tatsächlichen Inhalt einfach nur schöngeredet.