Metaphysik des Eros

von Johan von Kirschner

Doch gehen wir noch einmal in der Zeit einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, einem Gastnahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Der Gatgeber Agathon nun, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen, was er zu diesem Gastmahl ladend, mit seinen Freunden feiern wollte. Zu den Gästen zählte auch Sokrates, der, wie auch in anderen Dialogen Platons, dabei die Hauptfigur ist.

Platon lässt in seinem Text den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft, wo außerdem als Gäste anwesend sind, neben anderen, der Philosoph Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, der Komödiendichter Aristophanes und Diotima: die einzige, von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien. Sie ist eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst, sollte Sokrates auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass ein jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos, der vergöttlichte Himmel der griechischen Mythen, wurde zum Vater der Aphrodite, als sein Glied, dass ihm sein Sohn Kronos mit seiner Sichel vom Leibe schnitt, vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als wie im Mythos angedeutet. Seine Erscheinung ist auch eine Metapher: Wenn nämlich zwei den Liebesakt erleben, beginnt da, so sagt man doch, das Blut aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahl war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Zwar Gutes, doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch Eros als Gott, aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt danach sucht, den Urzustand vor der Trennung wiederherzustellen. Doch es scheint da in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk des Philosophen behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch die Wahrheit, woraus sich das Ideal der Liebe an sich kristallisiert.

Wenn hier aber von »Eros« die Rede war, so ist damit der griechische Gott der Liebe gemeint, ein wohltätiger und großer Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Wenn wir aber sagten, dass die erotische Kraft sowohl das Eine wie das Andere gebiert, sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt bringt: Nicht immer wird Eros als nur schön und würdig empfunden. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zu Sucht und Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften – die nur zum Gegenteil beitragen, wurde von ihnen zu viel gekostet. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls weder Kostverächter noch Kinder von Traurigkeit waren, und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, waren sie sich doch über die Wichtigkeit ihrer Gesundheit klar. Wer darum länger etwas von den Genüssen der Welt haben wollte, musste sie eben in vernünftigem Rahmen genießen.

Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als mäßigen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platon Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was aber mit Armut in diesem Zusammenhang gemeint ist, ist das jemand bedürftig nach Liebe ist und zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet und von ihm erwidert bekommt. Das Reichtum Eros' ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber auch ist er, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon (ein Dämon - doch nicht im heutigen Sinne, als Verkörperung eines Wesens, das wenn es uns begegnet oder uns streift, zum erschaudern bringt). Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen und aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, wenn auch nur für einen Augenblick, zu schauen was Unendlichkeit bedeutet – ein Zustand den die Seele im Tod erfahren soll, wie auch im Orgasmus, den man ja auch den »Kleinen Tod« nennt.

Die weise Prophetin Diotima

Die innige seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen Agape. Philia ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere oder aber auch für Dinge empfindet. Wogegen Eros die körperliche Liebe ist. Es ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihm lehrte und ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […]

Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […]

auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […]

sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, der Gott Eros als Inbegriff der Liebe, müsse auch vollkommen und ein Gott überirdischer Schönheit sein. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte sie seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches, Göttliche Offenbarung an den Menschen weiterzugeben.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letztern; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Als Mittler aber kann Eros ja unmöglich ein Gott sein, doch ebenso wenig zählt er zu den Sterblichen. Und diese Aufgabe erfüllt im Gebiet der erotischen Liebe. Da er aber aus der Hierarchie des Göttlichen vermittelt, kann es sich bei dieser Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch was dann?

Auf das Edelste an der erotische Anziehungskraft trifft einer nicht etwa, wenn er es ihm nicht nur nach der Schönheit des Körpers, des von ihm begehrten Menschen verlangt, sondern auch die seelische, tugendhafte Schönheit. Hiervon ausgehend deutet Sokrates die Diotima zitierend an, dass es also um die rechte philosophische Lenkung des erotischen Dranges geht, einem Zustand, den man heute als »Platonische Liebe« kennt.

Da sieht der Liebende das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, wo Schönheit nicht nur auf das zutrifft, was der Liebende im Begehren des Einzelnen empfindet, sondern in der Allgemeinheit, dass sich jedoch in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

So ist Eros also, in der Natur seines Vaters Poros, einer der leidenschaftlich kämpft für alles Schöne und Gute. Sokrates spricht über ihn so, wie es ihm die Diotima verkündete:

(Eros ist) tapfer, kühn, beharrlich, ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass, wie dargestellt, Eros in Wirklichkeit gar kein Gott, sondern einem Engel gleich ein Mittlerwesen ist, so muss das den Bürgern Athens wohl als ungeheuerliche Behauptung erschienen sein. Eros war doch als Gott ein Wesen, dass allgemein zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit herangezogen wurde. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jedes widereheliche Vergehen musste anderen gegenüber der Gott herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte also ein, dass menschliches Begehren stets in der Verantwortung liegt dessen, eines durch seine Leidenschaften getriebenen Handelnden. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Ist das erotische Begehren aber nicht eher das genaue Gegenteil von Reichtum? Ist es nicht ein sich verlieren in der Illusion, Reichtum durch erotische Befriedigung anhäufen zu können?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wen wir lieben besitzen wir nicht, sondern haben zu ihm ein Verhältnis. Ihn berühren wir. Verfügten wir aber über ihn, was in aller Welt bliebe da noch an Begehren?

Es geht, wie gesagt, um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, das was Eros uns eben als Mittler lehrt, uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben, sondern sie uns nur im Zeitlichen als gesegnet erscheinen.

Und was hierfür gilt, dass trifft auch zu für die Weisheit: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn sie lässt sich nicht festhalten. Ihre Füße berühren nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, nach ihr streben und uns ihr annähern, doch werden sie niemals unser Eigen nennen können.

Sokrates, ja eigentlich also Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den einen Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körpern zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, wird das Schöne in dieser seiner reinsten Form tatsächlich anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unendlichkeit, nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion